Adolfas Ramanauskas ... Aufstand 1941
Deutsche Übersetzung
Litauen feiert im Jahre 2018 stolz seine 100-jährige Unabhängigkeit, die es 1918 am Ende des 1. Weltkrieges erklärte.
Das litauische Parlament hat trotz hitziger Diskussion — in Litauen und internationalen Medien — entschieden, das Jahr 2018 mit der Ehrung eines litauischen Idols zu feiern.
Adolfas Ramanauskas (Kampfname "Vanagas" = Habicht), war ein litauischer Partisanenführer bei den Waldbrüdern. Waldbrüder waren Litauer, die sich 1944 in die Wälder zurückgezogen hatten, um gegen die sowjetische Besatzung zu kämpfen.
Übersetzt aus dem Englischen von Christine Bombeck (vielen Dank!)
Holocaust in Ukmerge Vilnius Gaon Museum 2012
Das Buch beschreibt die Vernichtung der Ukmerger Juden anhand von Archivaufzeichnungen der „Litauischen Spezialarchive“. Es werden auch Aussagen von Litauern veröffentlicht, die sie bei Verhören durch die sowjetischen Besatzer gemacht haben. Die Sowjets sind dafür bekannt, es mit der Wahrheit nicht immer genau zu nehmen. Allerdings gibt es aufgrund der Besatzung bis 1990 keine anderen Aufzeichnungen. Und auch nach 1990 (litauische Unabhängigkeit) gab es keine Bestrebungen die eigene litauische Beteiligung am Holocaust aufzuklären.

Adolfas Ramanauskas ... Aufstand 1941
Evaldas Balciunas
Englischer Text
Litauen feiert im Jahre 2018 stolz seine 100-jährige Unabhängigkeit, die es 1918 am Ende des 1. Weltkrieges erklärte.
Dieser Artikel auf Englisch von Evaldas Balčiūnas erschien zuerst auf der Webseite "Defending History" von Dovid Katz in Vilnius. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Das litauische Parlament hat trotz hitziger Diskussion — in Litauen und internationalen Medien — entschieden, das Jahr 2018 mit der Ehrung eines litauischen Idols zu feiern.
Adolfas Ramanauskas Kampfname "Vanagas" (Habicht), war ein litauischer Partisanenführer bei den Waldbrüdern. Waldbrüder waren Litauer, die sich 1944 in die Wälder zurückgezogen hatten um gegen die sowjetische Besatzung zu kämpfen.
Die geheimen Notizen von K. Sakowicz
Tagebuch der Morde in Ponary/ Paneriai
Voldemaristen
Aufzeichnungen unterschiedlicher Quellen
1. Trial of major war criminals before "The International Military Tribunal" Nürnberg Dokumente und Beweise NT_Vol. XXXI
S.386
I
Die unter dem Namen ,, Woldemeras- Anhanger" auftretenden litauischen Aktivisten haben sich in den letzten l 1/2 Jahren mehrfach durch Vermittlung von Memeler Vertrauensmannern des
A.A. [Ausw. Amt] und der Stapoleitstelle Tilsit an deutsche Stellen rnit der Eitte gewandt, sie ::-:: rnit Geld und Waffen zu unterstutzen. ::-:: Hierbei wurden auch grössere auf die Ergreifung der Macht abzielende Putsche als unmittelbar bevorstehend bezeichnet, ohne dass jedoch nachher etwas erfolgt ware.
Eingehende Nachforschungen haben ergeben, dass die sogen. ,, Woldemaras- Anhänger" sich aus Personen zusammensetzen, die aus den verschiedensten Gründen rnit der Regierung des litauischen Staatsprasidenten Smetona unzufrieden sind. Eine gewisse Einheitlichkeit besteht :: lediglich :: in der Ablehnung der polen- freundlichen Neigungen der intellektuellen Kreise sowie der christlich-demokratischen Partei, die zurzeit massgeblich in der Litauischen Regierung vertreten ist. ::-:: Das Vorhandensein einer zielbewussten Fuhrung ::-:: der Gruppe hat sich bis jetzt jedoch ::-:: nicht feststellen lassen. ::-:: Mit ::-:: Woldemaras, ::-:: der in Frankreich lebt, religiöse Schriften verfasst und von der Litauischen Regierung eine kleine Pension rnit der Auflage bezieht. nicht nach Litauen zuruckzukehren und sich politisch ruhig zu verhalten, bestehen ::-:: keine nennenswerten Verbindungen. ::-:: Es muss deshalb als äusserst fraglich bezeichnet werden, ob diese Aktivistengruppe, bei der der ::-:: Name Woldemaras kaum mehr als ein Aushängeschild ::-:: ist, in absehbarer Zeit politische Stosskraft haben wird. Die Stellung des Armeefuhrers Rastikis zu erschüttern, dessen Einfluss in der politischen Leitung Litauens immer mehr zunimmt, liegt nicht im deutschen Interesse. Dagegen ist es nicht unzweckmässig, wenn die polenfreundlichen Bestrebungen auf aktiven Widerspruch stossen.
Die ,, Woldemaras- Gruppe" ist aus diesen Grunden im Einvernehmen rnit dem A.A. bisher durch kleinere Geldzuwendungen
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(Betrage von einigen hundert Mark) gelegentlich unterstutzt worden, damit ihre Tatigkeit und ihre Entwickllung beobachtet werden konnte. Eine Unterstützung durch Lieferung von Waffen, Flugzeugen und Kraftwagen, die verschiedentlich erbeten wurde, ist unterblieben. Es wird zweckmässig sein, auch weiterhin in derselben Weise zu verfahren. Eine Unterstützung in grösserem Umfange wird erst dann Aussicht auf Erfolg bieten, wenn die ,, Woldemaras-Gruppe'' gezeigt hat, dass sie in der Lage ist, aus sich selbst heraus die Voraussetzungen fur ein wirkungsvolles Eingreifen in die litauische Politik zu schaffen.
Zu den Pogromplänen der ,, Woldemaras- Anhanger" ist zu sagen, dass die Litauische Regierung seit langem rnit Erfolg auf eine Verdrängung des Judentums aus der litauischen Wirtschaft
hinarbeitet, was in den letzten Jahren zu einer stetig steigenden Auswanderung der Juden gefiihrt hat. Aus dem öffentlichen Leben Litauens sind die Juden seit jeher ausgeschaltet gewesen. Die Veranstaltung von Pogromen könnte leicht zu einer Störung dieser für uns erfreulichen planmässigen Entwicklung führen.
Berlin, den 19. Juli 1939.
Doertenbach
Heydrich an Ribbentrop S.387
Der Reichsfiihrer SS Der Chef des Sicherheitshauptamtes 29.Juni1939 I1 1123 AZ: g.Rs. I39 Pos./Kr.
Geheime Reichssache
An den Herrn ReichsauBenminister
SS-Gruppenfuhrer v.Ribbentrop,
Berlin W 8
WilhelmstraBe 63
Lieber Parteigenosse von Ribbentrop!
Anliegend übersende ich Ihnen einen weiteren Bericht uber die Woldemaras-Anhanger. Wie schon in dem vorigen Bericht erwähnt, drangen die ::-:: Woldemaras-Anhanger nach wie vor auf Hilfe seitens des Reiches. ::-:: Ich bitte deshalb, die von den Woldemaras-Anhängern auch jetzt wieder aufgeworfene,
auf Seite 4 Absatz 2 des anliegenden Berichtes niedergelegte Frage einer finanziellen Unterstützung zu prüfen und eine endgültige Entscheidung zu treffen.
....-.... Meines Erachtens konnte der Bitte der Woldemaras-Anhänger auf finanzielle Unterstützung stattgegeben werden, von Waffenlieferungen ist hingegen auf alle Fälle abzusehen. ::-::
Heil Hitler! Ihr Heydrich
Auszug. zu RM 33 g.Rs.
Mitte Mai ist die Grundung einer geheimen litauischen national- sozialistischen Partei beschlossen worden. An ihrer Spitze stehen die vertrauenswurdigsten Woldemaras-Leute. Die Leitung der
Arbeit innerhalb des Offizierskorps liegt angeblich in den Händen alter Woldemaras-Anhänger, die außerdem auch einen Mitarbeiter im persönlichen Stab des Staatspräsidenten Smetona haben sollen. Um die antisemitische Stimmung in Litauen auszunutzen, gedenkt man Judenprogrome zu inscenieren. Fur diese illegale Arbeit wird ein Betrag von 100.000 Lit benötigt (etwa 41.000 Mark). Außerdem fragt ein führender Woldemaras-Anhänger an , ob das Reich auBerdem auch Waffen liefern würden. Es ist geantwortet worden, daß die Möglichkeit der Bereitstellung des Geldes eventuell besteht, aber bestimmt keine Waffen geliefert würden.
Der Kampf gegen das Judentum wurde zur Steigerung der jüdischen Kapitalflucht fuhren, sodaß Litauen mehr denn je auf den deutschen Markt angewiesen sein wurde.
Partisanen
Hier werden alle Beiträge eingestellt, die mit den litauischen Partisanen der Jahre 1941 bis 1958 zu tun haben. Es gibt keine chronologische Reihenfolge. Die Beiträge sind eher zufällig. Neueste und zeitaktuelle Beiträge stehen immer oben.
Hinweise, Berichtigungen und Beteiligung sind immer gerne gesehen.
Leyb Koniuchowsky
Aussage von Sheyne Beder Überlebende der Judenmorde in Birzai 1941
Diese Zeugenaussage steht nicht in Koniuchowsky Buch "The Lithuanian Slaughter Of Its Jews", in der 121 Aussagen Zeugenaussagen jüdischer Überlebender des Holocaust enthalten sind, sondern nur auf der Seite von Yad Vashem. Dort liegt sie handschriftlich und gedruckt auf hebräisch. Die englische Übersetzung steht auf der Webseite des Südafrikaners Grant Gochin. Verwendung mit seiner freundlichen Genehmigung. Sheyne Beder war eine Cousine von ihm.

Die erste Seite der Zeugenaussage von Sheyne Beder. Original URL steht ganz unten.
THE SLAUGHTER OF JEWS IN THE LITHUANIAN TOWN OF BIRZHAI Zeugenaussagen 1946-48
The testimony of Sheyne Beder, born in Birzhai on June 3, 1923.
Her father's name was Beri Beder. She graduated from the Lithuanian gymnasium in Birzhai. Until the war she lived in Birzhai. Sheyne's parents had a food store in Birzhai. They lived at No. 21 Vytauto Street in Birzhai.
The town of Birzhai is located seventy kiometers from Panevezhys and 120 kilometers from Shauliai. A highway links Birzhai and Panevezhys. The town lies between the two rivers Aglona and Apashtzia, near lake Shirvenas.
Until the war 4,000 Jews lived in Birzhai. When the war broke out Jews from the nearby towns of Pasvalis, Radvilishkis, Taurage and Kupishkis gathered at Birzhai. In addition, Jews from the countryside and from other towns also gathered at Birzhai. Thus there were about 6,000 Jews in Birzhai during the first days of the war.
Until the war about 30% of the Jews were occupied in artisanry. There were also a large number of merchants. Most of the young people studied in the local Lithuanian gymnasium, and some went to the Hebrew gymnasiums in Panevezhys and Shauliai, and also in Kaunas University. A number also studied in foreign universities.
The town had three large synagogues and one large chapel. There were two elementary schools, one Yiddish and one Hebrew, a community bank directed by Lifshitz, and a joint stock bank. The director of the second bank was Elye Kaplan. Birzhai had a large Yiddish-Hebrew library.
For several years before the war the surrounding Lithuanian population expressed considerable hostility and anti-Semitism. The Verslas movement had great influence in town and in the surrounding area.
The war Breaks Out; Robbery. Arrest and murder of Innocent Jews
As soon as the war began on June 22, 1941, some of the town's Jews tried to flee. Armed Lithuanian bands in the villages, roads and forests used every means to prevent the Jews from escaping to the Soviet Union. Many Jews were shot by the partisan bands while trying to escape. Two people who died in this fashion were Mrs. Asne Fridman and her husband Leyb Fridman. They were both shot by Lithuanian murderers not far from the town of Rokishkis. A very small number managed to escape to the Soviet Union. A large number remained spread out on various roads, in towns and villages closer to the Latvian border. The activities of the Lithuanian murderers grew more intense from hour to hour. More than a thousand Red soldiers lost their lives on account of the partisans, or were taken prisoner by the Germans. The German army caught up with the Jews, and forced to return to their homes in the town of Birzhai. The German army entered Birzhai on Wednesday, June 25,1941. As soon as the Germans entered town, they began working with the Lithuanians, looking for "rich Jews." They would threaten the Jews with their weapons and take everything they wanted. Gradually all of the Jews who had fled the town returned. As they returned to town they were detained by the armed Lithuanians, who robbed the more valuable possessions of the Jews. The returning Jews found their houses robbed. Hundreds of armed Lithuanins from town and from the countryside roamed the streets of the town.
The entire civilian authority in town immediately fell into the hands of the Lithuanian bandits, who were free to do to the Jews whatever they found necessary. The bandits began passing anti-Semitic laws. The able-bodied Jewish men and women had to go to work every day. At work they were guarded by Lithuanians. While the Jewish men and women were working, they were beaten with sticks and whips, and they were sadistically tormented and harassed. The Jews were tormented both morally and physically.

Ein Foto aus der Akte von Yad Vashem
Sheyne's brother Mote-Yosel Beder and Tevye Tabakin worked together with other Jews on a construction project outside the Lithuanian gymnasium in Birzhai. The Lithuanians forced the two Jews to carry bricks up to the fourth floor. But the murderers forced them to carry so many bricks that it was humanly impossible to carry out the order. The two were murderously beaten, and had to go to bed as soon as they came home. The next day the two Lithuanian murderers who had beaten Mote-Yosl returned to take him to work. Mote-Yosl was weak and felt too sick to do the heavy work. His mother begged the murderers to let him stay in bed one more day. The murderers beat his mother, dragged him out of bed, and took him to work.
Six girls worked for the Germans. They were guarded by Lithuanian partisans. The girls had to clean out several toilets in a house. Sheyne's cousins Sore Zelkovitz, aged 18 and Miriam Zelkovitz, aged 16, asked a German officer for rags to clean the toilets. The officers forced them to clean out the filth with their hands, and then he forced them to take off their underwear and use it to wipe the toilets. The girls didn't want to carry out the command. Two Lithuanian bandits who were guarding them at work beat the six girls and forced them to carry out the officer's order. After the girls wiped the toilets with their underwear, the Lithuanian degenerates forced them to put the filthy clothes back on.
Miriam Zelkovitz was a pretty young girl, and had already graduated gymnasium at the age of sixteen. She had long, beautiful black hair.
The Lithuanian murderers forced her to dip her head into the toilet bowl, and one of them flushed it. The murderers doubled over with laughter at their clever method of washing Miriam's beautiful hair.
Miriam and her sister Sore came home weeping in the evening, and complained to their mother. Miriam was a proud and stubborn young woman. She asked her mother to allow her to refuse to work for the murderers any longer. The next morning the two girls did not go to work. Their mother Hene hid the two girls in their beds and covered them with pillows. Two Lithuanian murderers who stood guard at work and who had "washed" Miriam's hair in the toilet, came to the house to look for the girls. Their mother Hene explained that a German had come in the morning to take the two girls to work. The Lithuanian bandits didn't believe Hene, and they beat her. Hene's young daughter Khasele was there. Khase was afraid the murderers would kill her mother, and pleaded with her mother to tell them where the sisters were. The murderers guessed that little Khasele knew where her two sisters were. They pushed her, and Khasele fell down. As she fell she struck her hed. Her entire brow was split open, and blood poured from Khasele's head, khasele was taken to the hospital, where she was kept illegally until the Jews of Birzhai were annihilated. The next day Miriam and Sore went to work. They were afraid their mother Hene would be shot on account of them. Their innocent father had already been arrested.
At work the next day the two Lithuanian murderers took revenge on the girls. The six girls were all young and pretty. The murderers began demanding that the girls sleep with them. Their demands grew more insistent from day to day. Eventually their demands turned into blows. They murderously beat and tormented the girls. At that time groups of Jewish men were arrested in town or taken away and shot. The bandits threatened to shoot the girls if they did not agree to sleep with them. The girls eventually gave in, and all six were exploited by the Lithuanian sadists. The murderers then boasted to everyone in town about their success.
One day several Lithuanian bandits forced young women with manicured hands out of their houses and set them to work pulling weeds out from between the paving stones.
During the fifth week of the war, armed Lithuanian murderers came to Beder's house at night and announced that they had come to search for weapons in Beder's possession. They looked everywhere, but of course they did not find any weapons. They robbed everything they wanted, and arrested Mote-Yosl Beder and his father Beri Beder (Sheyne Beder's brother and father). The same evening they arrested the Beder's neighbor Itzik Mas. The three Jews were taken away by the Lithuanian murderers, and no one knew where to. Many Jewish men had already been imprisoned by then. The next day Sheyne Beder went to the prison to find out about her brother and father. A German there checked the list of all the arrestees, but did not find Sheyne's father and brother on the lists. As she left the prison Sheyne encountered the Lithuanian murderer Gumbrevitzius. He assured Sheyne that her father and brother had been taken to a concentration camp near Radvilishkis. Sheyne went to a Lithuanian woman named Baltziunis. Her husband had been arrested the same night for belonging to the Communist party. Mrs. Baltziunis told Sheyne that her father Beri and brother Mote-Yosl, together with Itzik Mas, had been shot at the edge of Lake Shirvenas, between the Jewish cemetery and the Ostrava compound.
The first Jewish martyr in Birzhai was the Jewish Dr. Avrom Levin. This was during the third week of the war. Once, in the middle of the night, armed Lithuanians came to the doctor's house and announced to Levin that he was expected at the headquarters of the Lithuanian murderers. The doctor and his wife asked to postpone the appointment for the following morning. The murderers beat the doctor in his house, and dragged him out onto the street. They shot him not far from his house. This happened between Vytauto Street and the market place. The doctor's wife Sore Levin (born Dorfson) heard shooting, but didn't imagine that her husband had been shot. The next morning she learned what had happened. She took her best white sheets and went to the place where her husband lay murdered. All of her husband's blood, every bit of earth that had soaked up blood, went into the sheets. The Lithuanian murderers eventually permitted Dr. Levin to be buried at the Jewish cemetery in Birzhai.
One day, shortly after Dr. Levin was shot the Lithuanian murderers carried out the popular rabbi of Birzhai, Rabbi Bernshteyn.
He was taken to the Shirvenas Lake. There the rabbi was forced to duck underwater several times. Then the murders explained to the rabbi that he, Bernshteyn, was guilty of all the sins that Jews had committed against the world, and that he was responsible for the sins of all the Jews of Birzhai. They set his beard on fire, burned his body with irons and finally shot him.
Moyshe-Shiye Hendler was a popular iron merchant, more than sixty years old. One day Lithuanian bandits caught him hiding in the woods. He was herded through all the streets of town wearing only his underwear. Hendler was barefoot. The Lithuanian bandits chased him around, and the entire Lithuanian civilian population followed after, enjoying the scene. Hendler's feet were bloody, and his whole body was bruised and cut from the blows he had received. Then the Lithuanian murderers shot the tortured Hendler. Moyshe-shiye Hendler was herded through the streets by a Lithuanian from town named Bertulils along with other murderers from town.
After Moyshe-Shiye Hendler was shot, the murderers shot Ben- Tsiyon Hendler (Moyshe-Shiye's son) and Moyshe Lurya, Moyshe-Shiye's son-in-law. Moyshe Lurya was a construction engineer, who had been forced to work with Ben-Tsiyon Hendler pulling weeds at the town priest's house every day. The murderers took Lurya and Ben-Tsiyon from work and shot both of them.
Sheyne Marries a Lithuanian Engineer. In Order to Save Her Mother and Grandmother
The situation of the Jews in Birzhai worsened from day to day. No Jew's life was safe any longer. Sheyne Beder thought long and hard about the fate of her mother, small brother and grandmother. Sheyne went to Kaunas to look for help.
Sheyne Beder remembered a Lithuanian engineer whom she knew well, named Antanas Ratziukaitis. Sheyne had worked with the engineer at the building commission in Kaunas for two months. Sheyne had worked for him as a typist. The Lithuanian engineer always invited Sheyne to go for walks. He invited her to the cinema and to the theater. Sheyne had always avoided going anywhere with him, because she was a proud Jewish girl and didn't want to be too friendly with a non-Jewish engineer. A few weeks before the war the engineer had scolded Sheyne for refusing to be more friendly with him. Once he had insisted to Sheyne that it would not be long before Sheyne might need his help. At that time Sheyne had not guessed what he meant. At that time rich Jews were being taken from Lithuania to Russia. Sheyne thought that the Lithuanian engineer was thinking of that, and refused to accept help in such cases. Sheyne's parents actually were rich, but she didn't want the Lithuanian to have a chance to do Sheyne any favors.
But when death was threatening the Jews of Birzhai, Sheyne looked for ways to save her mother, brother and grandmother. At that tragic moment, when the lives of the Jews were in the hands of the Lithuanian murderers, Sheyne remembered the engineer Antanas Ratziukaitis, and went to see him in Kaunas.
The engineer Ratziukaitis warmly received Sheyne at his home. He immediately proposed marriage to her. The engineer was 44 years old at the time. Sheyne was only eighteen. He didn't stop asking her to marry him and convert to Christianity. Sheyne didn't want to betray her faith, not because she was religious but because Sheyne considered the Jewish religion to be a sign of membership in the Jewish people. Precisely at that time Jewish pride was more important to Sheyne than during the peaceful times. Sheyne would under no circumstances agree to abandon her persecuted people, and refused to convert.
The engineer tempted Sheyne with the chance to save her family. Sheyne agreed to become his wife, but refused to convert. Sheyne became the engineer's wife. Sheyne went to live in the engineer's house, and began to plan ways to save her mother, brother and grandmother.
Once when Sheyne was in a cafe with the Lithuanian engineer, Sheyne met two drivers from Birzhai named Shlepetis and Lapenas. The two men from Birzhai told Sheyne that her brother Mote-Yosl and her father were no longer living. Sheyne could no longer stay safe in Kaunas, and with great difficulty she returned to her mother and grandmother in Birzhai.
When she returned to Birzhai, Sheyne no longer found her mother and grandmother at the house. A Lithuanian peasant had moved into Sheyne's house. The peasant had also inherited everything belonging to Sheyne's wealthy parents.
Sheyne learned that all of the Jews of Birzhai were no longer living in their houses. All of the Jewish women, children and men had been herded into the synagogue by the Lithuanian murderers. At the gate of the synagogue stood an armed Lithuanian who had worked for Sheyne's father for many years. Sheyne saw a number of Lithuanians from town with weapons in their hands, guarding the Jews in the synagogue.
Civilian townspeople also stood near the synagogue, happily looking at the interned Jews. The Lithuanian murderer Stragis (the son of a shoemaker) greeted Sheyne with these words: "I've been looking for you for a long time. It's a shame you weren't here earlier. You're polished fingernails would have cleaned out all the garbage cans in town." Sheyne burst into the synagogue.
Sheyne saw all of the women and children she knew on the floor of the synagogue, weeping, exhausted and starving. They all reproached her for entering the synagogue when they were all waiting for death.
Sonia's mother Khane-Leye and grandmother Sheyne-Rive Sovosetz began tearing their hair, realizing that Sheyne had come there to die instead of saving her young life.
Every now and then the Lithuanian murderers would enter the synagogue demanding money, gold and silver from the Jews. The Jews were depressed and hopeless, and many of them willingly gave up everything they owned. They hoped to win mercy from the drunken murdeers, who would drink and then beat the Jews with boards and rifle butts.
The torture of the Jews in the synagogue lasted for exactly twenty- four hours. At night the Jews could not sleep. They all knew that their last moments of life were slipping away. Thousands of eyes looked sorrowfully at the Holy Ark, which remained mute. All night long mothers kissed their small children and wept... They wept constantly as they took their leave of their little children, who quietly slept in the arms of their mothers. Every now and then the door would open and drunken Lithuanian murderers would come in. They kept threatening to shoot the Jews on the spot if they didn't hand over their money, gold and silver.
A Lithuanian named Setnikas, who had graduated from the Lithuanian gymnasium, gave a speech to the unfortunate Jews in the synagogue. He demanded that all the Jews surrender their money, gold and valuables.
He threatened to shoot on the spot anyone who didn't carry out his command. All of the Jews surrendered everything they still possessed.
But other murderers came later and demanded money, gold and the like from the Jews.
The Jews of Birzhai were kept in the synagogue for one full day. They spent one night at the synagogue. In the morning the Jews were told that they were being taken to work near the Latvian border. The Jews did not believe what they were told, but there was nothing they could do about it.
Some of them brought along part of the things they had brought with them into the synagogue.
The Lithuanian murderers took everyone out of the synagogue and lined the Jews up in rows of five. As the Jews were herded out of the synagogue, the Lithuanian murderers beat them, robbed them and tormented them.
All the Jews were driven out that day to the Ostravos forest. The pits were among the shrubs. The murderers separated out groups of Jewish men, women and children and forced them to strip entirely naked, removing e.ven their underwear. The murderers herded the naked Jewish men, women and children to the pit. At the edge of the pit the Jews were forced to kneel.
Soon the fire of various kinds of weapons could be heard, followed immediately by the screams and moans of the wounded.
At the beginning the murderers took the Jews in groups of sixteen, and then they increased the size of the groups to twenty-five at a time. The women threw themselves at the feet of the Lithuanian murderers, begging them not to shoot their children. The women asked nothing for themselves but a quick death. The murderers did not shoot the children. Instead they threw them into the pit alive. The larger children were killed with rifle butts or boards.
Sheyne Beder saw a pregnant woman named Tzirke Milner being shot.
At that moment the woman gave birth. Mixed in with the terrible screams of the wounded Jews in the pit could be heard the cries of a newborn child.
How Did Sheyne Survive?
Sheyne, her mother and her grandmother were totally naked and walked toward the pits. Sheyne's brother Khatzkele kissed the murderer's boots, pleading not to be shot. The murderer struck him in the head with his rifle butt. Sheyne saw a piece of her brother's skull falling to the ground. Khaskele lay dead. Sheyne's mother wept bitterly and wildly, and began pushing at Sheyne, to get her to run away. At that moment Sheyne thought of a plan.
Not far from the Jewish cemetery lived an acquaintance of hers named Hela Savitzky, with whom Sheyne had hidden gold and other valuables. The murderers appointed a Lithuanian to go with Sheyne and pick up the "treasure." Sheyne walked away naked and put on any clothes she could find on the pile. But the man who went with her was quite drunk. The murderer stopped to straighten out his pants and boots. Sheyne kept going, and then began to run. Sheyne returned to Birzhai and entered a church, the day after all the Jews were shot. Sheyne stayed in the church one day and one night. Sheyne experienced terrible pain in the church. She had various hallucinations in the church at night. From the church Sheyne fled to PaBirzhai. There the Lithuanian police recognized her and arrested her. The chief of the Lithuanian police in that town was the famous murderer Kateiva. Pabirzhai is eight kilometers from Birzhai. From there Sheyne was taken to Pasvalis in a truck.
On the way they stopped to get a drink. The driver shot the Lithuanian murderer who was guarding Sheyne, and brought Sheyne to Telshiai. In Telshiai Sheyne found Engineer Ratziukaitis, with whom she stayed for over two months.
In Telshiai Sheyne lived as the wife of Engineer Ratziukaitis. Another Lithuanian engineer named Bjoshovas from Kaunas, who was working at the Statyba Mashtis near the railroad station in Telshiai at the time, recognized that Sheyne was Jewish and betrayed her to the Lithuanian Gestapo. Sheyne escaped to hide with a neighboring peasant woman. Sheyne was there for several days. One night Sheyne spoke in Yiddish in her sleep. Evidently the peasant woman betrayed Sheyne to the German Gestapo. Sheyne was arrested at the peasant woman's house and taken straight to the pit to be shot. A short time earlier the women of Telshiai had been shot at Geruliai. Sheyne was taken to a barn, where there were about thirty women from Telshiai who had not yet been shot. The Lithuanian murderer from Telshiai Platakis knew that Sheyne was Engineer Ratziukaitis's wife, and he let her escape from Geruliai. Sheyne escaped from Geruliai to Trishkiai and hid in a warehouse. She stayed in the warehouse for a few days. It was after the Jewish holidays by then. The weather was quite cold.
The woman who owned the warehouse found Sheyne and took her into the house. It turned out that the peasant was the father of the infamous Jew murderer in Trishkiai. Two Lithuanian murderers took Sheyne away to shoot her. Fortunately they met a German sergeant on the way. Sheyne showed the documents she had obtained in Telshiai to the German. The German took the Lithuanians' weapons and took everyone to the police in Trishkiai. The German left the two murderers at the Trishkiai police station, and took Sheyne to the highway. The sergeant put Sheyne into an automobile and she arrived in Shiauliai.
The Lithuanian Engineer Ratziukaitis found out what had happened, and moved all of his furniture and other possessions to Shiauliai.
Sheyne met the Lithuanian engineer again, and stayed with him in Shiauliai for fourteen months.
The Lithuanian engineer often left Shiauliai, without leaving food for Sheyne. Sheyne suffered a great deal of hunger. She tried not to go out into the street too much, to avoid being seen by the Lithuanian population.
Once while standing in line at a store, Sheyne was spotted by a Lithuanian who worked for the German Gestapo. The Lithuanian had found out about Sheyne from other Lithuanians. At the Gestapo headguarters Sheyne was beaten. They wanted her to tell them who had shot the Lithuanian partisan who was guarding Sheyne on the way from Pabirzhai to Telshiai. Sheyne lied, saying that the Lithuanian patisan had taken her to Pasvalis in the automobile and left her there. Sheyne lied further, saying that she and other Jewish women had escaped from the pits at Pasvalis. The German Gestapo sent Sheyne into the Shiauliai ghetto.
Sheyne's Hard and Desperate Struggle to Live; The Tragic Balance
While in the Shiauliai ghetto Sheyne went to see Engineer Ratziukaitis several times. However, he received Sheyne coldly, and would not even allow her into his house. Once he allowed her into his room and asked her to sleep with him and then return to the ghetto.
Thus the educated Lithuanian finally showed his true face. Up until that moment Sheyne had a certain respect for the Lithuanian who had helped her more than once. Sheyne had thought all along that the Lithuanian engineer was truly in love with her. Finally Sheyne had a chance to see just how calculating the engineer had been.
A flood of hate and fury was aroused in Sheyne's heart. She felt she had been insulted, mocked and exploited in an open and underhanded way. At that moment Sheyne felt like a fool. Tears flowed from her eyes. Her heart pounded with anger at the "good Lithuanian." But again the engineer suggested that she take her clothes off and sleep with him... Sheyne roundly cursed him, adding that if she survived, she would take her revenge on all the Lithuanian murderers, including him. Sheyne then returned to join her fellow Jews in the Shiauliai ghetto.
* * *
Not all of the Jews, particularly the leaders, understood the pain and suffering the young woman had gone through. The Jews in the Shiauliai ghetto considered her attempt to save her life by marrying the Lithuanian engineer as evidence of loose morals. Sheyne was sent to do the hardest tasks. Nor was she supported by anyone. Sheyne Beder, then just twenty years old, felt like a bruised and bloodied mass of sorrow, pain and moral defeat. She was evacuated together with the last Jews in the Shiauliai ghetto to Germany, where she lived through several camps. Finally Sheyne Beder wound up in the Dachau concentration camp. When the Jews were taken from that camp to the Tyrol, Sheyne Beder escaped together with a Jewish girl from Telshiai. The name of the woman from Telshiai is Rokhel Rozenblum.
The Jews of Birzhai were shot in some bushes near Astravas forest, four kilometers from Birzhai.
On that date (which Sheyne Beder no longer remembers) all the Jews from Birzhai were shot, men, women and children. In addition to the Jews of Birzhai, Jews brought from the villages and from some of the surrounding towns were shot that day as well. In Sheyne Beder's opinion, some 6,000 Jewish men, women and children were shot that day by students in the eighth class in the Lithuanian gynmnasium in Linkuva, along with local Lithuanians. Sheyne Beder remembers well the following names of the Lithuanian murderers from the town of Birzhai who shot Jews: students from the eighth class of the Lithuanian gymnasium, two
brothers named Kairys; Attorney Zovje; Agronomist Jakshtas; Bubinas; Variakojis; Staliunas; Baltziunas; Mikeliunas; Gudeika; Shaulius; Setnikas; Gumbrevitzius; Bartkevitzius; Zheromskis; Statkus; Bertulis; Papuoshalas; and Springis.
THE END
Everything written on twelve pages at the Landsberg cultural commission was related personally by me, Sheyne Beder, to L. Koniuchowsky. All of the dates and locations are accurate, and I attest thereto with my signature on each and every page.
Sheyne Beder (signature)
The report was written by
L. Koniuchowsky (signature)
Epsenhausen, December 25, 1946
The signature of Sheyne Beder is attested to by the Jewish committee in Epsenhausen (illegible signature)
Translated by Dr. Jonathan Boyarin
New York
May 25, 1993
Hervorhebungen durch den Administrator.
Orginal URL dieses Dokuments: Grant Gochin
Die hebräischen Originaldokumente sind downloadbar bei Yad Vashem Sonia_Beder
Eine Liste der litauischen Beteiligten an den Massenmorden in Birzai stammt von Josef Rosin

Quelle Josef Rosin
Wer es bis hier geschafft hat, seltsamerweise überschneiden sich die Täternamen nicht wirklich. Außer Kayris.
Holocaust in Litauen
Die Mordstätten von Paneriai (Ponary) bei Vilnius Christina Eckert
LAF und der litauische Holocaust
Die LAF- Lietuvos Aktyvistu Frontas (Litauische Aktivisten Front) war eine litauische Partisanengruppe die 1940 bis 1941 in Litauen aktiv war.
Sie nannten sich "Partisanen - Befreier Litauens". Durch ihre weißen Armbinden wurden sie von der Bevölkerung auch "Weißarmbändler" genannt.
Das einheimische Personal für die deutschen Einsatzkommandos bestand meist aus "Partisanen"
Gegründet am 17. November 1940 in Berlin durch Kazys Škirpa (ehemaliger litauischer Militärattache in Deutschland) und anderen litauischen Emigranten, war ihr Ziel die Befreiung Litauens von der russischen Besatzung und die Wiederherstellung der Unabhängigkeit. Mitbegründer und rechte Hand von Kazys Škirpa war Bronys Raila.
Raila schrieb auf Wunsch von Škirpa die Propagandabroschüre "Wofür die Aktivisten kämpfen". In ihr propagiert Raila heftigen Antisemitismus. Die Litauische Aktivisten Front schafft das neue Litauen indem es das Land sofort und gründlich von Juden, Parasiten und Monstern reinigt. Juden seien aktiv an der Zerstörung des litauischen Staates beteiligt gewesen. Die kommunistische Ideologie liege in der Natur der Juden. "Wir werden Litauen für Jahrhunderte vom jüdischen Joch befreien." Die in alten Zeiten von Vytautas den Juden gegebene Recht auf Obdach wird völlig und dauerhaft aufgehoben. Es wird vorgeschlagen, dass die Juden sofort das Land Litauen verlassen. Das bewegliche Eigentum der Juden soll an den Staat Litauen fallen.

Links ein Flugblatt der LAF vom 10. April 1941 (aufgenommen im Lost Shtetl Museum Šeduva, Original im Litauischen Spezialarchiv)
Es wurde von den Sowjets beim LAF Melder Mykolas Naujokaitis gefunden.
Weg mit den Juden
In der Zeit von Gediminas kam es zu einer Überflutung Litauens mit Juden. Während der polnischen Lehnsherrschaft wurden die Litauer zu
Leibeigenen und Sklaven, während die Juden zu Händlern und Kaufleuten wurden.
Als Litauen vom zaristischen Russland besetzt wurde, blühten die Juden weiter, während die Litauer keine Freiheit hatten und sogar ihre Presse verloren.
In den Wirren des Großen Krieges rissen die eisernen Fesseln Russlands, aber die schlimmsten Parasiten unseres Volkes – die Juden – blieben uns erhalten.
Als die Bolschewiken und Juden Litauen besetzten, wurden sie von allen Juden mit roten Tüchern empfangen: Die Juden freuten sich, uns die kommunistische jüdische Sklaverei aufzuzwingen.
Litauer, heute werden deine Verwandten und Freunde von dieser Bande Degenerierter getötet. Ganz Litauen schwimmt im Blut seiner besten Söhne.
Nicht für ein solches Litauen haben Mindaugas, Kęstutis und Vytautas ihre Köpfe hingegeben. Nicht dafür haben die litauischen Freiwilligen in den Kämpfen um die Unabhängigkeit ihr Leben gelassen. Versklavte Litauer! Auf in den Kampf für Freiheit.
In Ewigkeit sollen wir die Familien vernichten, die uns betrogen, unterjocht und ermordet haben. Litauer, die ihr noch am Leben seid, befreit unser Vaterland von der jüdischen Knechtschaft.
Lasst uns Litauen wieder auferstehen lassen.
Die extremste Fraktion der LAF waren die Anhänger des charismatischen, germanophilen Smetona Gegners Augustinas Voldemaras. Eine Woche vor Ausbruch des Krieges gründeten 32 Voldemaras Anhänger (die meisten junge Offiziere) die "Litauische Nationalsozialistische Eiserne Wolf Front". Diese Wölfe verkündeten, dass die junge litauische Generation die neuen rassistischen Ideale des Faschismus und Nationalsozialismus ehren werden. Wie Saulius Suziedelis schreibt, hatten diese selbsternannten Nazis nur einen begrenzten politischen Einfluss, aber sie spielten ihre Rolle als Fußvolk beim kommenden Holocaust. (Suziedelis "Lithuanian Collaboration")
Ein weiteres wichtiges Dokument über das LAF Programm sind die "Anweisungen zur Befreiung Litauens" (Lietuvai islaisvinti nurodymai) vom 24. März 1941. Das Ziel war – bei einem Krieg Deutschlands mit der Sowjetunion – die Kontrolle über die litauische Regierung zu übernehmen, mit oder ohne Zustimmung Berlins. Das würde Litauens Unabhängigkeit wiederherstellen, basierend auf einer neuen Basis: Einheit, Nationalismus und moralischer Stärke. Dazu war Antikommunismus und Anti-Jüdische Aktionen nötig.
"It is very important on this occasion to shake off the Jews. For this reason it is necessary to create within the country such a stifling atmosphere against the jews that not a single Jew would dare to even allow himself the thought that he would have even minimal rights or, in general, any possibility to earn a living in the new Lithuania. The goal is to force all the Jews to flee Lithuania together with the Red Russians. The more of them who leave Lithuania at this time, the easier it will be to finally get rid of the Jews later." (Suziedelis Lithuanian Collaboration)
Die moralische Stärke würde auf dem Christentum beruhen.
Ebenfalls im März rief das Propagandabüro der LAF in Berlin das litauische Volk auf, sich bei Kriegsbeginn gegen die Sowjets zu erheben und alle örtlichen Kommunisten und andere Verräter an Litauen zu verhaften, damit niemand seiner gerechten Strafe entkommen könne. Verrätern würde nur vergeben, wenn sie mindestens einen Juden liquidierten. "Laisvoji Lietuva" Suziedelis
Bald bildeten sich lokale LAF Gruppen in den litauischen Städten.
Durch den Aufenthalt im "Reich" nahm die Škirpa Gruppe immer mehr von der nationalsozialistischen Ideologie auf. Saulius Suziedelis hält es aber auch für möglich, dass sich die LAF in Berlin eher den litauischen Verhältnissen angepasst hat (Hass auf Kommunisten und Juden).
Am 22. April 1941 stellte die LAF in Kaunas eine Kabinettsliste für eine "Provisorische Regierung ("PG") für den Fall eines russischen Abzugs auf.
Viele Aktivisten und vorgesehene Mitglieder der PG wurden noch von den sowjetischen Besatzern verhaftet, getötet oder deportiert.
Die LAF diente den Deutschen als willige Helfer für Spionage und Sabotage.
Ein wichtiger Autor des LAF Programms war der Philosoph Antanas Maecina.
Seine Hauptthesen für das LAF Programm zur Befreiung Litauens waren:
- die litauische Rasse rein zu halten
- die litauischen Frauen sollten ihre Pflicht erfüllen und dem Staat so viele gesunde Babys wie möglich zu schenken
- Litauer sollten die grossen Städte Litauens ethnisch dominieren (in der Realität gab es in den größeren Städten grosse jüdische Gemeinden. Das Gebiet um Vilnius war polnisch, Vilnius halb polnisch, halb jüdisch. Der Anteil von Litauern lag bei 2-3 %). Dies beschreibt unter anderem Tomas Venclova in seinen Publikationen
- Loyalität und Respekt vor der litauischen Nation und Einheit des Landes (wahrscheinlich wegen der Vilnius Problematik) müssten gestärkt werden
Die Ideologie der LAF war durch den Nationalsozialismus dominiert. Somit wurde sie ein wichtiger Helfer in der Vernichtungspolitik der Nazis. (Juden wurden der Kollaboration mit den sowjetischen Besatzern beschuldigt. Auch wenn Juden überproportional in den sowjetischen Sicherheitsorganen in Litauen arbeiteten, ist die Wahrheit differenzierter. Ich finde, man kann das neben den Statistiken der Historiker auch gut an Dalia Grinkeviciutes Buch "Aber der Himmel-grandios" sehen. Sie beschreibt ihre eigene Deportation in der ersten Sibirienverschickung 1941. Nicht nur Litauer, auch Letten, Esten und Finnen wurden nach Sibirien deportiert und kamen in unwirtlichen Gegenden ohne jegliche Infrastruktur an. Grinkeviciute beschreibt, dass auch Juden in den Zügen waren. Die Historiker sprechen von einer überproportional hohen Anzahl).
Natürlich war ein Aufruhr der Litauer gegen die Besatzer legitim und notwendig. Trotz der von Deutschland koordinierten LAF (ihr wurde im November 1940 der Angriffstemin mitgeteilt) war es vorwiegend ein spontaner Aufstand gegen die verhassten Bolschewisten. Das Hinterland wurde dadurch unsicher und die russische Kontrolle über Litauen brach wie ein Kartenhaus zusammen.
Die Litauer haben sich zwischen Pest und Cholera für das vermeintlich kleinere Übel – die Deutschen – entschieden. Für die litauischen Juden war der deutscher Einmarsch das sichere Todesurteil. Vielleicht sollte man das damalige jüdische Engagement auch unter diesem Gesichtspunkt sehen.
Die LAF behauptet, dass 100.000 Litauer am antisowjetischen Aufstand beteiligt waren. Sie sieht das als Beweis für die breite Unterstützung in der Bevölkerung. Die israelische Autorin Sarah Shner-Neshamit akzeptiert diese übertriebenen Zahlen, kommt aber zu einem ganz anderen Ergebnis, nämlich der massiven Kollaboration der litauischen Bevölkerung mit den Nazis. (S. Suziedelis: Kollaboration in Nordosteuropa/ S. Shner-Neshamit: Lithuanian-Jewish Relation During WW2).
Oder wie Knut Stang in "Kollaboration und Massenmord" schreibt: "... insgesamt die Bejahung der NS-Herrschaft auch noch zu diesem Zeitpunkt [1943] wohl in keinem der von Deutschland besetzten Länder so groß wie in Litauen".
220.000 litauische Juden mussten dann unter dem Motto sterben: "Ihr habt uns deportiert, jetzt erschießen wir euch"! Heute nennt man das in Litauen die Theorie vom doppelten Genozid, also dem doppelten Völkermord. Die Juden (Bolschewisten, was für die Nazis das Gleiche war) hätten die Litauer nach Sibirien deportiert und getötet. Ja, Blödsinn. Aber es gibt in Vilnius ein offizielles Genozid und Widerstands-Zentrum, das die Deportationen und den Widerstand, und ein bisschen auch den Holocaust erforschen sollte.
Mit dem deutschen Angriff vom 22. Juni 1941 sah die LAF ihre Chance auf Verwirklichung ihrer Ziele und verkündete am 23. Juni die Unabhängigkeit Litauens. Die Provisorische Regierung wollte die Amtsgeschäfte übernehmen, hatte aber mit Problemen zu kämpfen. Ein Minister konnte nicht kommen, 4 waren noch am 21. Juni von den Russen verhaftet worden und der angedachte Präsident Kasys Škirpa stand in Berlin unter Hausarrest.

Weißarmbändler beim Massaker an der Lietukis Garage in Kaunas am 26.Juni 1941
Mit dem antisowjetischen Aufstand am 22. Juni 1941 kam es landesweit zu brutalen Überfällen auf Juden durch LAF Mitglieder und Sympathisanten, mit Tausenden von Toten. Das berühmteste ist das Lietukis Massaker an der Lietukis Garage in Kaunas. Dort wurden Juden vor Publikum die Bäuche mit Wasser aus Wasserschläuchen gefüllt und mit Eisenstangen erschlagen. Wehrmachtsoldaten schauten zu.
Zu dem Lietukis Massaker gibt es folgenden Eintrag in Protokollen der Provisorischen Regierung (PG) vom 27. Juni 1941:
"Minister Zemkalnis reported on the extremely cruel torture of the Jews in the Lietukis garage in Kaunas. Decided: Notwithstanding all the measures which must be taken against the Jews because of their Communist activity and harm to the German Army, partisans and individuals should avoid public executions of Jews. It has been learned that these actions have been committed by people who have no connections with the [Lithuanian] Activist's Staff, nor the Lithuanian Provisional Government".
Lietuvos Laikinoji vyriausybe (zitiert aus S. Suziedelis "Lithuanian Collaboration"
Obwohl die PG vom Ausmass der Gewalt gegen die litauischen Juden geschockt war, gab es nur nur ein Mitglied, den Historiker , Zenonas Ivinskisder eine öffentliche Distanzierung von den Exzessen forderte.
Bevor die deutschen Einsatzkommandos ihre Arbeit aufnehmen konnten (Juden umzubringen), hatten die "Partisanen" schon 4.000 jüdische Litauer ermordet. (Jäger Report).
Dazu schreibt Walter Stahlecker, Führer der Einsatzgruppe A:
"...In Litauen haben sich bei Beginn des Ostfeldzuges aktivistische nationale Kräfte zu sogeannten Partisaneneinheiten zusammengefunden, um in den Kampf gegen den Bolschewismus aktiv einzugreifen. ...In Kauen [A.K.:Kaunas] hatten sich vier größere Partisanengruppen gebildet, mit denen das Vorauskommando sofort Fühlung aufnahm. Eine einheitliche Führung dieser Gruppen war nicht vorhanden. ... Während ein militärischer Einsatz der Partisanen aus politischen Gründen [A.K.:Wunsch nach eigenem Staat] nicht in Betracht kam, wurde in kurzer Zeit aus den zuverlässigen Elementen der undisziplinierten Partisanengruppen ein einsatzfähiger Hilfstrupp in Stärke von zunächst 300 Mann gebildet, dessen Führung dem litauischen Journalisten Klimaitis übertragen wurde. Diese Gruppe ist in weiterem Verlauf der Befriedungsarbeiten nicht nur in Kauen selbst, sondern in zahlreichen Orten Litauens eingesetzt worden und hat die ihr zugewiesenen Aufgaben, insbesondere Vorbereitung und Mitwirkung bei der Durchführung größerer Liquidierungsaktionen, unter ständiger Aufsicht der EK [Einsatzkommandos] ohne wesentliche Anstände gelöst."
Sarah Ginaite schreibt:" Zweifellos waren nicht alle baltaraisciai Judenmörder, aber an diesen Tagen zwischen Juni und August 1941 trugen alle Judenmörder weiße Armbinden, sie waren baltarasciai." Holocaust in Litauen, S.44
Dazu schreibt Raul Hilberg in "Die Vernichtung der europäischen Juden" auf S. 326:
"Zum Thema Pogrome sind die drei folgenden Beobachtungen hinzuzufügen. Erstens fanden wirklich spontane Pogrome nicht statt; sämtliche Gewaltausbrüche waren von den Einsatzkommandos entweder organisiert oder angestiftet worden. Zweitens ereigneten sich alle Pogrome innerhalb kürzester Frist nach Ankunft der Tötungskommandos; sie gewannen keinerlei Eigendynamik; eine Neuauflage war nicht möglich, sobald sich die Situation einmal beruhigt hatte. Drittens ereigneten sich die meisten der bezeugten Pogrome in den Puffergebieten [A.K.: Ansiedlungsrayon], wo eine unterschwellige Feindseligkeit gegen die Juden offensichtlich am größten war und wo das Gespenst einer sowjetischen Rückkehr die geringste Furcht auslöste, da die kommunistische Regierung dort erst vor kaum zwei Jahren die Macht übernommen hatte. "
Und im sogenannten Jäger Report heisst es:
"Auf meine Anordnung und meinen Befehl durch die litauischen Partisanen durchgeführten Exekutionen...
Nach Aufstellung eines Rollkommandos unter Führung von SS-OStuf. Hamann und 8-10 bewährten Männern des EK.3 wurden nachfolgende Aktionen in Zusammenarbeit mit lit. Partisanen durchgeführt: ..."
Es folgen Städte, Daten und Todeszahlen. 137.346 (inklusive der bei Pogromen getöteten Juden).
Quelle: "Schöne Zeiten Judenmord aus Sicht der Täter und Gaffer S. 52).
Die Nationalsozialisten versuchten weitere Aktionen der Litauer gegen die Juden zu initiieren. So gab Heydrich am 29. Juni 1941 die Instruktion heraus, dass die Einsatzkommandos, möglichst ohne selbst in Erscheinung zu treten, "Selbstreinigungsaktionen" antikommunistischer und antijüdischer Kräfte in den besetzten Gebieten auslösen sollten. (W.Wette "K.Jäger" S. 50)
Welche Zustände die deutschen Besatzer (selber nicht zimperlich) in litauischen Partisanengefängnissen vorfanden, zeigt der so genannte Jägerbericht auf S.8:
"Eine der wichtigsten Aufgaben sah das EK3 (Einsatzkommando 3) neben den Judenaktionen, in der Überprüfung der meist überfüllten Gefängnisse in den einzelnen Orten und Städte. Durchschnittlich saßen in jeder Kreisstadt an 600 Personen lit. Volkszugehörigkeit im Gefängnis ein, obwohl ein eigentlicher Haftgrund nicht vorlag. Sie wurden von Partisanen aufgrund einfacher Denunzierungen usw. festgenommen. Viele persönliche Rechnungen waren dabei beglichen worden. Kein Mensch hat sich um sie gekümmert. Man muss in den Gefängnissen gewesen sein und sich mal einen Augenblick in den überfüllten Zellen aufgehalten haben, die in hygienischer Beziehung oft jeder Beschreibung spotten. In Jonava - und das ist ein Beispiel für viele- saßen in einem düsteren Kellerraum von 3 m Länge, 3 m Breite und 1,65 m Höhe, 5 Wochen lang 16 Männer ein, die alle entlassen werden konnten, weil gegen sie nichts vorzubringen war...".
Natürlich hatten die Deutschen kein Interesse an einer Unabhängigkeit Litauens und enthoben die (LAF) Provisorische Regierung schon am 28. Juli 1941 ihres Amtes.
Obwohl die Nationalsozialisten den Litauern offensichtlich keinerlei Unabhängigkeit zubilligten, hatten sie doch keine Probleme um Personal in ihren Verwaltungen und bei den Erschießungstrupps, den Sonderkommandos, zu finden.
Von den 220.000 (94 % der jüdischen Litauern, somit der höchste Prozentsatz aller von Deutschland besetzten Länder) in Litauen ermordeten Juden, starben die meisten innerhalb der ersten Monate der Besatzung.
Während anfänglich bei den Judenmorden noch Unterschiede zwischen Männern und Frauen/Kindern gemacht wurden, so fiel dieses Tabu im Hochsommer 1941. (J. Tauber) (Jäger Bericht).
Innerhalb von wenigen Monaten wurden 130.000 Juden ermordet. Wir reden hier vom Sommer bis Herbst 1941. Die Wannseekonferenz fand am 20.Januar 1942 statt.
"... Als wir uns eines Tages auf dem Heimweg vom Fünften Fort ins Getto befanden, hatten wir eine überraschende Begegnung. Bei der zweiten Rampe, wo wir die Waffen verladen hatten, standen Passagierzüge. Darin saßen Litauer in Uniformen der deutschen Polizei mit dem litauischen Wappen am linken Ärmel und am Helm. Wir hatten keine andere Wahl, als an ihnen vorbeizugehen.
Die Litauer kamen aus den Wagen, als sie uns erblickten, spuckten auf uns und sagten zueinander: "Wieso schickt man uns so weit weg, obwohl wir hier noch längst nicht alle Juden liquidiert haben?"
Dies waren die neuen Polizeibataillone, die 'Befreier Litauens', die 'Partisanen' oder 'Weißbänder', wie man sie heute nannte (Die Zusammenarbeit der Nationalisten mit den Hitler-Leuten, 1970, p. 100). Sie waren an der Ausrottung
der jüdischen Gemeinschaft Litauens wesentlich beteiligt. Nun wurden sie in andere besetzte Gebiete geschickt: Minsk, Lublin, Rzeszow ... Die Deutschen schienen nicht auf die Erfahrungen dieser Massenmörder verzichten zu können...
(Massenmorde in Litauen, 1965, p. 323)."
Alex Faitelson "Im jüdischen Widerstand" Seite 108
Nach dem Krieg versteckten sich viele Partisanen in den Wäldern, teils aus Angst vor Bestrafung durch die sowjetischen Besatzer, teils aus ehrlichem Freiheitswillen für ihr Land. Andere flüchteten mit der abziehenden Wehrmacht nach Deutschland und konnten später in andere Länder emigrieren.
"Die Flugblätter der Aktivistenfront waren von starkem Antisemitismus geprägt. Es wurde behauptet, dass sich die jüdische Bevölkerung in der Zeit der sowjetischen Besatzung kompromittiert habe. Andererseits hatte der Antisemitismus auch früher zum ideologischen Rüstzeug der nationalistischen Tautininkai-Partei und der Anhänger von Voldemaras wie auch vieler anderer osteuropäischer Extremistengruppen gehört.
In einem vom litauischen Informationsbüro verbreiteten Flugblatt der LAF, das auf den 19.3.1941 datiert war, wurde u.a. gefordert: "Alle Kräfte müssen sich auf den Augenblick konzentrieren, in dem der Krieg ausbricht. Die örtlichen Kommunisten und sonstigen Verräter müssen sofort gefangen genommen werden, damit sie nicht der Bestrafung für ihr Verbrechen entgehen. (Verrätern wird nur verziehen, wenn sie bewiesenermaßen wenigstens einen Juden umgebracht haben.)""
Seppo Myllyniemi "Die baltische Krise 1938-1941" S.149
In Ruta Vanagaites Buch Musiskiai steht ein Zitat aus einem LAF Rundfunkaufruf in Kaunas (S.37):
Let's liberate Lithuania forever from the yoke of Jewry.
Lithuanian brothers and sisters, soon the hour we have been awaiting will come when the Lithuanian nation will get back its national freedom and restore the independence of the state of Lithuania.
Today we all rise to battle against one common two-faced enemy. That enemy is Red Army, Russian Bolshevism ...
We are all convinced that the greatest and most hidden supporter of this enemy is the Jew. The Jew belongs to no nation, to no community. He has neither a homeland nor a country. He is eternally and exclusively a Jew... Russian Communism and its eternal servant, the Jew, are one and the same enemy. The ejection of Russian Communist occupation and the slavery of Jewry is the same thing and the most holy matter...
Vytautas the Great granted Jews the right of refuge in Lithuania, believing they would not transgress the obligations of being polite guests. This, however, was only seen an initial opportunity for the bloodsucking tick of Israel to insinuate itself into the body of the Lithuanian people. Soon after the Jews began to spread ever more widely as hustlers and confidence men, usurers, percentage-gougers and builders of taverns...
The most evil Chekists, informants against Lithuanians and torturers of arrested Lithuanians were and are Jews... Put plainly, Jews are always and everywhere the most pig-headed torturers, exploiters and insatiable bloodsucking parasites of Lithuanian workers, farmers and urbanites.
The Lithuanian Activist Front in the name of the entire Lithuanian nation most solemnly declares:
1. The ancient right of refuge provided to the Jews during the time of Vytautas the Great is completely and finally rescinded;
2. Every Jew of Lithuania without exception is hereby officially given notice to quit the land of Lithuania immediately and without hesitation for any reason;
3. All of the Jews who have distinguished themselves exceptionally through betrayal of the Lithuanian state or acts of persecution, torture or abuse of Lithuanian compatriots will be brought to account separately and punished accordingly. It is the duty of all good Lithuanians to take measures to arrest these sorts of Jews and, in grave cases, to mete out punishment; [and]
4. All real estate once or now controlled by Lithuanian Jews will pass into the hands of the Lithuanian nation.
...In the newly reconstituted Lithuania no Jew will have civil rights or the means for making a living. In this manner the mistakes of the past and the evil deeds of the Jews will be corrected. In this manner strong foundations will be laid for the happy future and work of our Aryan nation.
—Lithuanian Activist Front, June 22, 1941 S.38 (Aus dem litauischen Spezialarchiv LSA)
Noch heute zieht sich eine Linie durch die litauische Gesellschaft. Die einen honorieren die ehrbaren Absichten der Provisorischen Regierung und der LAF. Ihren Kampf für die Unabhängigkeit. Andere lehnen eine Ehrung ab, weil die LAF und die anderen Aufständigen maßgeblich am deutschen Holocaust beteiligt waren und die PG den Handlanger für die deutschen Besatzer spielte. Die von der Provisorischen Regierung herausgegebene "Regelung des Status der Juden" war zwar nicht so scharf, wie die kurz danach von Gebiets-Kommissar Kramer verabschiedete. Sie waren aber offen antisemitisch und richteten sich gegen litauische Bürger.
Auch wenn die antisowjetischen Partisanen den Juden Furcht und Schrecken einflößten, waren sie nicht alle Mörder. Aber die traurige Rolle, die die Weiß-Armbindler (baltaraišciai) bei den Gräueltaten gegen Juden und vermeintliche Kommunisten spielten, hat verständlicherweise den Aufstand gegen die fremde Besatzung überschattet (Suziedelis "Lithuanian Collaboration"
In dem Büchlein "Gelezinas Vilkas" von 1965 stehen Auszüge aus Zenonas Blynas Tagebuchaufzeichnungen. Blynas war Generalsekretär der LNP (Litauische Nationalistische Partei), der litauischen Partei, die am ehesten als litauisches Äquivalent der NSDAP nahekommt.
Schon länger betreibt die LNP ein Verbot aller litauischen Parteien, also auch der LAF, die ihr zu liberal ist.
Am 21.8.1941 schreibt Zenonas Blynas in sein Tagebuch:
"Gestern (oder vorgestern) kam Kubiliunas' Befehl an die Bezirksgouverneure über die Schließung des LAF heraus. Über die Übertragung von Eigentum an die Bezirksgouverneure. Über die einzige politische Organisation - die LNP."
Die LAF war also verboten, die LNP jetzt die einzige Organisation, die Litauen gegen die Deutschen vertritt.
Quelle: Eine Auseinandersetzung mit diesem Thema lohnt sich:
When will the truth finally set us free
Lithuanian Historian rehabilitates PG
The PG and the jews: what do we know
Alex Faitelson "Im jüdischen Widerstand"
Und das Standardwerk: "Holocaust in Litauen"
Und das Oberstandardwerk (übertrifft alles): Christopher Dieckmann " Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944" 1652 Seiten
Herrscher und Präsidenten Litauens
In seiner wechselhaften Geschichte, hatte Litauen viele Herrscher und Präsidenten. Allerdings nur einen König, Mindaugas. Eine Übersicht über diese ist spannend, veranschaulicht sie uns doch die Entwicklung Litauens.
Viele (aber nicht alle) litauischen Herrscher waren Helden für nachvolgende Generationen, besonders in der sowjetischen Besatzungszeit und während der Unabhängigkeit 1990. Algirdas, Zygimantas, Kestutis, Mindaugas,
Casimir, Vytautas (Kosename Vytuk), aber auch Antanas und Kazys sind gebräuchliche Namen.
Eher unbeliebt scheinen die Namen der Herrscher aus der polnisch dominierten Zeit, sowie der sowjetischen Besatzung zu sein.
Da Litauen und Polen sehr lange eng verbündet waren, findet man in der Wawel Kathedrale in Krakau sehr viele litauische Spuren. Mehr dazu ganz unten.

Władysław II. Jagiełło, litauischer Großfürst und König von Polen. Wawel Kathedrale, Krakau
Jagiello leitete das enge Bündnis mit Polen ein und ist in Litauen bei Konservativen umstritten.
Zweig Mindaugas 1236-1268
1236-1263 Mindaugas
Eigentlich Großfürst , wurde er 1253 König von Litauen. Nachdem er von seinem Neffen Treniota ermordet wurde, startete ein Kampf um die Macht in Litauen. Er einigte erfolgreich die verschiedenen litauischen Stämme zu einem Staat.

1263-1265 Treniota

1265-1268 Vaisvilkas Sohn von Mindaugas. Gab den Thron freiwillig ab für seinen Stiefbruder Svarnas
1268-1269 Zweig Monomakhovichi
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1268-1269 Svarnas
1269-1285 Zweig Mindaugas
1270-1282 Traidenis
1282-1285 Daumantas
1285-1440 Zweig Gediminas
1285-1291 Butigeidis Gründer der Gediminen Dynastie
1291-1295 Butvydas Bruder des Butgeidis. Vater von Vytenis und Gediminas.
1295-1316 Vytenis Sohn des Butvydas

1316-1341 Gediminas
Sohn des Butvydas. Unter ihm wurde Litauen wirklich mächtig. Durch Erbe und Krieg übernahm er Land von den Tataren und von Russland . Man sagt ihm nach, intelligent, religiös tolerant und ein gutherziger Großfürst gewesen zu sein. Fremde hieß er in seinem Reich willkommen. Seine Tochter Aldona wurde erste lit. Königin von Polen. Er blieb Heide und baute den grossen Tempel in Vilnius. Bei einem Einsatz gegen die Kreuzritter starb er durch einen Armbrustbolzen.
1341-1345 Jaunutis Sohn des Gediminas. Abgesetzt von seinen Brüdern Algirdas und Kestutis.

1345-1377 Algirdas
Sohn des Gediminas. Er teilte sich die Macht mit seinem Bruder Kestutis. Algirdas war im Osten aktiv während Kestutis den Westen verwaltete.
Ab 1349 flüchteten deutsche Juden vor den dort verübten Pogromen nach Litauen und wurden hier willkommen geheissen.
Bei einer Expedition gegen die Kreuzritter starb er.

1377-1381 Jogaila
Sohn des Algirdas. Wurde durch Heirat mit der poln. Königin Jadwiga zum König von Polen gekrönt und begründete so die Personalunion zwischen Litauen und Polen, die heute in Litauen sehr umstritten ist, da die polnische kulturelle Dominanz die litauische Kultur dezimierte. Nach seiner Krönung kam ein Heer von poln. Mönchen und Priestern nach Litauen und der heidnische Tempel in Vilnius wurde durch eine Kirche ersetzt. Somit fiel das letzte heidnische Land Europas! Und die Litauer wurden politisch bedeutungslos (A.M. Benedictsen). Was aber aus Litauen ohne die polnische Unterstützung geworden wäre?
1381-1382 Kestutis
Sohn des Gediminas, herrschte zusammen mit Algirdas. Sein Gebiet in Litauen war der Westen mit seiner Hauptstadt Trakai. Er setzte Jogaila 1381 ab und übernahm ganz Litauen. Jogaila nahm Kestutis ein Jahr später gefangen und ließ ihn wahrscheinlich ermorden. Kestutis Frau Birute wurde nach Palanga verbannt.

1382-1392 Jogaila
König von Polen. Statthalter in Litauen war Skirgaila.

1392-1430 Vytautas der Große
Sohn des Kestutis. Während er erst den Kampf von seinem Vater Kestutis gegen Jogaila unterstützte, wechselte er die Seiten und wurde 1392 Großfürst von Litauen. Er sollte zum König von Litauen gekrönt werden, aber die Krone wurde von den Polen aufgehalten und eingeschmolzen. Bevor eine zweite Krone ankommen konnte, verstarb er.
Vytautas ist für viele Litauer ein großer Held. Er versammelte die gesamte westslawische Welt und zerschmetterte endgültig die Macht der Ordensritter mit einem Sieg bei Grunwald 1410.
Er wollte Litauisch zur Staatssprache machen, scheiterte aber. (A.M.B.)
1388 und 1389 gab er den litauischen Juden formale Rechte.

1430-1432 Svitrigaila Sohn des Algirdas, Bruder von Jogaila. Wurde abgesetzt von Anhängern des Zygimantas, Sohn des Kestutis.
1432-1440 Sigismund Kestutaitis Sohn des Kestutis, Bruder von Vytautas. Wurde von Anhängern des Svitrigailas getötet.
1440-1569 Zweig der Jagiellonen
Obwohl die Litauisch-Polnische Personalunion, also das Teilen eines gemeinsamen Königs, schon 1385 vereinbart wurde, kam es zu einem kontinuierlichen gemeinsamen Herrscher erst mit Casimir IV Jagiellon 1440
1440-1492 Casimir IV. Jagiellon Andreas Sohn des Jogaila. Gewählter und gekrönter König von Polen 1447, nach dem Tod von König Wladyslaw III. (Wladyslaw III war auch ein Sohn Jogailas und der ruthenischen Prinzessin Sophie Holzanska).
1492-1506 Alexander I. Sohn des CasimirIV. Gwählter und gekrönter König von Polen in 1501 nach dem Tod von Johann I. Albrecht
1506-1548 Sigismund I. der Alte Sohn des Casimir IV. und Elisabeth von Habsburg. Während seiner Herrschaft erreichte Polen seine größte Machtfülle. 1518 heiratete er Bona Sforza. Die war eine italienische Prinzessin, Herzogin von Bari. Sie beanspruchte auch das Königtum Jerusalem.
1548-1569 Sigismund II. Augustus Sohn des Sigismund I. der Alte. War eigentlich schon der Herrscher seit 1529. Deshalb der Name Sigismund I. der Alte.
1569-1572 Sigismund II. August
Ab 1530 König von Polen. Er blieb kinderlos womit die Linie der Jagiellonen erlosch. In Polen wurde dann die Wahlmonarchie (bis dahin gab es die Erbmonarchie) eingeführt und ein französischer Prinz wurde als Heinrich I. König von Polen.
Sigismund war drei mal verheiratet. Elisabeth, Barbara Radziwill und Katharina hiessen seine Ehefrauen, die alle auffallend jung starben. Barbara Radzwiwill war angeblich eine der schönsten Frauen ihrer Zeit, auch die schöne Barbora genannt. Sie ist beerdigt in der Katakomben vom Vilniuser Dom. Sehr interessant zu besichtigen!
Diverse Zweige
Abschaffung der Erbmonarchie zugunsten einer Wahlmonarchie.
Mit dem Wahlkönigtum kam es zu einer Verschmelzung Litauens mit Polen, der Rzeczpospolita.
An der Wahl zum König konnte jeder teilnehmen und es wurde zu einem Ereignis des europäischen Hochadels. Da der polnische Adel viel zu sagen hatte, wurde er durch Schmierung günstig gestimmt...was zu einem "Stellvertreterkrieg" der europäischen Erbfeinde in Polen führte. Da der Adel die Beschlüsse des Reichstags blockieren konnte (eine Gegenstimme reichte...ups, ist das nicht in der EU auch so?), wurde Polen unregierbar, handlungsunfähig und führte so zu seinem Niedergang.
Kritiker warfen dem so auf ihre eigenen Vorteile beharrenden Adligen ihre fehlende Toleranz gegenüber Andersdenkenden und ständischen Egoismus vor, sowie für den Niedergang des Doppelstaates Litauen-Polen mitverantwortlich zu sein.

1573-1575 Henry Valois
Alexandre-Édouard, Herzog von Anjou, auch Henri von Valois genannt, sollte mit Sigismund Schwester verheiratet werden, hielt es nicht lange in Polen-Litauen aus und verliess den Thron schon nach einem Jahr. Die Polen waren wohl nicht sehr traurig, da Henry die meiste Zeit im Bett oder beim Tanz verbrachte.

1575-1586/1596 Anna I. Jagiellonica Tochter von Sigismund I. dem Alten.
1576-1586 Stephan Batory Fürst von Siebenbürgen, König von Polen und Großfürst von Litauen. Als Anna I. Jagiellonica Herrscher von Litauen und Poen wurde, stellte man fest, dass sie unverheiratet war. Kurzerhand suchte man Batory als Ehemann für die 53 jährige aus. Wie die Landkarte sich verändert sieht man an Batorys Daten: geboren im damaligen Ungarn, heute Rumänien, gestorben in Grodno, dem damaligen litauisch-polnischen Königreich, heute Weißrussland.

1588-1632 Sigismund III. Vasa
War auch König von Schweden. Sein königlicher Titel war: „Sigismund III., durch Gottes Gnaden König von Polen, Großfürst von Litauen, Rus, Preußen, Masowien, Samogitien, Livland, ebenso Erbkönig der Schweden, Goten und Vandalen.“ Viel zu tun also.
Sein Herz ist in den Katakomben der Kathedrale von Volnius beerdigt.
1632-1648 Wladislaw IV Wasa
Wladislaw war König von Polen, Erbkönig von Schweden und gewählter Zar Russlands. Das kann man als engagiert bezeichnen. Persönlich lief es schlechter. Seine drei Kinder starben sehr jung, seine Frau auch.
Seine königliche Titulatur lautete: "Władysław IV., durch Gnaden Gottes König von Polen, Großfürst von Litauen, Rus, Preußen, Masowien, Samogitien, Livland, Smolensk, Sewerien, Czernihów, ebenso Erbkönig der Schweden, Goten und Vandalen, erwählter Großfürst von Moskau"

1648-1668 Johann II. Kasimir Wasa König von Polen und Großfürst von Litauen. Titularkönig von Schweden. Stammt auch aus der schwedischen Wasa Dynastie. Seine königliche Titulatur hiess: „Johann Kasimir, von Gottes Gnaden König von Polen, Großherzog von Litauen, Rus, Preußen, Masowien, Samogitien, Livland, Smolensk, Sewerien, Czernihów, ebenso erblicher König der Schweden, Goten und Vandalen.“

1669-1673 Michael Korybut Wiśniowiecki Michael Korybut Wiśniowiecki. Seine königliche Titulatur (man beachte das etc.) „Michael I, durch Gottes Gnaden König von Polen, Großfürst von Litauen, Rus, Preußen, Masowien, Samogitien, Livland, Smolensk, Kiew, Wolhynien, Podolien, Podlachien, Sewerien, Czernihów etc.“
1674-1696 Johann III. Sobieski Polnischer Adel
Polnischer Adliger, der als Retter Wiens bei der 2. türkischen Belagerung gilt.
Polen hatte militärische Erfolge, wie hier in der Türkenabwehr vor Wien. Diese Schlacht erschöpfte seine Truppen sehr und Polen wurde zu einem leichten Speil für seine Nachbarn. Insgesamt kostete das polnische militärische Engagement in den Kriegen mit Schweden, Kosaken, Moskowitern, Siebenbürgen und Brandenburgern etwa 25% Bevölkerungsreduzierung.

1697-1706 August II. der Starke
Auch Friedrich August I. von Sachsen, ab 1697 in Personalunion König von Polen und Litauen. In der polnischen Wahlmonarchie durften sich aus Ausländer um die Krone bewerben. Für August war der polnische Königstitel überaus wertvoll, da er seinen Stand bei Verhandlungen verbesserte. Er verwickelte Polen in den Nordischen Krieg, der Einfluss Russlands in Polen nahm zu. Theoretisch reichte das Königreich Poen-Litauen bis zum Schwarzen Meer. Die Umständer seiner Wahl liessen Unstimmigkeiten aufkommen, die nach einer Niederlage gegen die Schweden zu seiner Absetzung führte. Er wurde allerdings drei Jahre später erneut gewählt.

1706-1709 Stanisław Bogusław Leszczyński
Polnischer Adel
Die Wahl zum polnischen König gegen starke Mitbewerber wie François-Louis de Bourbon, Jerzy Dominik Lubomirski und des litauischen Fürsten Radziwiłł gewann er durch die Unterstützung Karls XII., dem König von Schweden, der während seiner Herrschaft die Nordischen Kriege "betreute".

1709-1733 August II. der Starke
Das Engagement Augusts in Polen kostete die Sachsen viel Geld, da er den Adel und Klerus schmierte, um deren Stimmen zu bekommen.

1733-1736 Stanisław Bogusław Leszczyński Polnischer Thronfolgekrieg. Stanislaw wurde von einer Koalition aus Österreich, Russland, Kursachsens und teile des Adels gestürzt.

1733-1763 August III. Wettin König von Polen und Großfürst von Litauen, Sohn August des Starken. Er führte Sachsen in den Siebenjährigen Krieg. Seine Wahl zum polnischen König (mit den üblichen Bestechungen) löste den Polnischen Thronfolgekrieg aus. Erst der Abzug von Leszczyńskis Unterstützern aus Warschau (er war der Wahlkandidat von Schweden und Frankreich) und das Auftauchen von russischen Truppen an der Weichsel, beendete die Wahl. Nach seinem Tod endete die Personalunion Sachsen/Polen.
1764-1795 Stanislaw August II. Poniatowski Wurde durch massive Unterstützung von Zarin Katharina der Großen König von Polen. Er war der letzte der polnischen Wahlkönige! Starb im russischen Exil.
1795-1914 Besetzung Litauens durch Russland (Dritte polnische Teilung)
1914-1918 Besetzung Litauens durch deutsche Truppen im I. Weltkrieg

Juli-November 1918 Mindaugas II. Wilhelm Karl
Willi hatte Ambitionen zum König und versuchte es in Monaco, Elsass-Lothringen, Albanien, Polen und Württemberg. Nachdem sich die Niederlage Deutschlands im I. Weltkrieg abzeichnete, versuchte Deutschland sich Litauen als Vasallen, durch einen ihnen genehmen König abhängig zu machen.
Wilhelm Karl von Urach wurde von der Taryba, dem litauischen Landesrat, zum König von Litauen gewählt – als solcher sollte er den Namen Mindaugas II. tragen. Er nahm die Krone jedoch nicht an, da die deutschen Behörden die Wahl nicht anerkannten. Bis November 1918 widerrief auch die Taryba die Wahl. Litauen wurde Republik (zumindest kurz).
Arnold Zweig hat über die: "Einsetzung eines Königs" ein Buch geschrieben!

April 1919-Juni 1920 Antanas Smetona Gewählt durch den litauischen Staatsrat.
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Juni 1920-Juni 1926 Aleksandras Stulginskis Komissarisch im Amt. Wurde nach Sibiren verschleppt und von Snieckus bei der Wiederkehr nach Litauen verhöhnt.

Juni-Dez. 1926 Kazys Grinius Durch einen Militärputsch gestürzt.

18.-19. Dez. 1926 Jonas Staugaitis Nur formal als Vorsitzender des Seimas ein Tag im Amt.
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19. Dez. 1926 Aleksandras Stulginskis Formal, als Chef des Seimas, für einige Stunden.

Dez. 1926-Juni 1940 Antanas Smetona Durch einen Militärputsch an die Macht gekommen. Nach dem sowjetischen Ultimatum 1940 reiste er über Deutschland und die Schweiz in die USA. Er unterschrieb keinerlei sowjetische Dokumente und blieb auch nicht, wie Kazys Skirpa, in Nazi-Deutschland. Er hatte die Hoffnung in den USA eine litauische Exilregierung zu bilden. 1944 starb er bei einem tragischen Unglück.

15.-17.Juni 1940 Antanas Merkys Nachfolger von Smetona, der aber nicht anerkannt wurde, da Smetona weder zurück getreten war oder starb.

Juni-August 1940 Justas Paleckis Durch litauische Kommunisten und den Sowjets aufgestellter Präsident. Natürlich nicht international anerkannt.
1941-1944 Deutsche Besetzung
Februar 1949-Nov. 1954 Jonas Zemaitis Wurde 2009 offiziell als vierter Präsident Litauens ernannt. War Partisanenführer der litauischen Partisanen. Seine Ernennung war rein symbolisch.

Nov. 1954 -Nov. 1957 Adolfas Ramanauskas 2018 wurde Ramanauskas nachträglich zum Staatsoberhaupt ernannt. Ramanauskas war auch Partisanenführer. Er wurde von den Sowjets gefangen und grausam gefoltert. Seine Rolle beim litauischen Aufstand 1941 ist umstritten.
1944-1990 Sowjetische Besatzung

Juli 1940-Juni1941 Antanas Snieckus
Snieckus war schon früh für den Kommunismus aktiv. Mehrfach von den Litauern verhaftet, führte er als Parteisekretär die Befehle Stalins in Litauen aus und schuf eine Atmosphäre des Terrors. Er organisierte die ersten Deportationen von 1940 nach Sibirien mit, bei der auch sein eigener Bruder verschleppt wurde und im Gulag starb.
Als Aleksandras Stulginskis nach dem Tod Stalins aus Sibirien wieder in die Heimat durfte, wurde er von Snieckus verhöhnt.
Snieckus war Vorsitzender der LKP (Litauische Kommunistische Partei)
1974- †1987 Petras Griškevičius Griškevičius war Abgeordneter des Obersten Sowjets der Litauischen SSR (seit 1965), Abgeordneter des Obersten Sowjets der Sowjetunion (seit 1974) und Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (seit 1976). Er wurde als Breschnewianer, Konservativer und "mittelmäßiger Apparatschik" bezeichnet, der die Perestroika und insbesondere die Glasnost ablehnte. Er unterstützte die Unterdrückung der litauischen Geschichte und des kulturellen Erbes und ersetzte sie durch sowjetische Propaganda.

Dez. 1987-Okt. 1988 Ringaudas Bronislovas Songaila Erster Parteiführer, der vorzeitig seines Amtes enthoben wird. Die anderen blieben bis zu ihrem (nicht vorzeitigem) Tod.

Okt. 1988-März 1990 Algirdas Brazauskas
1990 Litauen Unabhängigkeit

März 1990-Nov. 1992 Vytautas Landsbergis Anführer der litauischen Unabhängigkeitsbewegung Sajudis. Kommissarischer Präsident.

Nov. 1992- Febr. 1998 Algirdas Brazauskas Erster Präsident, der schon im sowjetischen Litauen aktiv war.

1997-1998 Valdas Adamkus Schon 2007, sieben Jahre bevor Russland die Krim annektierte, warnte Adamkus davor, dass dies in nicht ferner Zukunft geschehen würde.

2002-2003 Rolandas Paksas Von seinem Amt enthoben wegen Bevorteilung eines russischen Unterstützers, der Verbindungen zur russischen Mafia hatte.

April 2004-Juli 2004 Arturas Paulauskas Übernahm als Chef des Seimas übergangsweise das Amt des Präsidenten.

Juli 2004-Juli 2009 Valdas Adamkus
Gehörte zur Kriegsgeneration. Er wurde 1940 Mitglied im aktiven Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer. Scheinbar nicht gegen die Deutschen. 1944 flüchtete seine Familie vor der nahenden Roten Armee nach Deutschland, machte dort Abitur und ging dann in die USA. Dort arbeitete er, der 5 Sprachen beherrschte, für den Nachrichtendienst.
Adamkus Pate war Augustinas Voldemaras. Daher auch sein Vorname. Voldemaras gehörte zu den rechtsextremen Politikern Litauens und lehnte den liberalen Kurs von Smetona ab: "Von den Tautininkai (gemeinsame Partei Voldemaras und Smetonas) spalteten sich die Rechtsextremen um Voldemaras ab. Sie gründeten die 'Gelezinis Vilkas' (Eiserner Wolf), in dem sich vor allem Luftwaffen- und Heeresoffiziere in der Illegalität organisierten."
In "Understanding the Holocaust" fragt Ruta Vanagaite provokativ, was denn Adamkus Vater, der Chef der Bahnpolizei 1941 in Kaunas war, von den Judentransporten aus Deutschland gewusst haben konnte. Provokant, aber durchaus berechtigt. (Adamkus antwortete übrigens auf die Frage eines Journalisten, dass bei ihm zu Hause nicht über solche Themen gesprochen wurde).

Juli 2009-Juli 2019 Dalia Grybauskaite Sie war die erste litauische Präsidentin, und das zweite wiedergewählte Staatsoberhaupt.
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Juli 2019- Gitanas Nauseda
Er war Doktorand in der Uni Mannheim und spricht mehrere Sprachen.
Durch die "gemeinsame Sache" mit Polen "Rzeczpospolita", also einem gemeinsamen Staat, wurde Litauen sehr stark polonisiert. Viele berühmte Herrscher in dieser Rzeczpospolita hatten Bindungen zu Vilnius und zu Krakau.
So wollte der polnische Staatschef, selber aus der Gegend von Vilnius stammend, in Vilnius sein Herz beerdigt haben. Ein Jahr nach deinem Tod wurde es auf dem Rasos Friedhof bestattet. Damals gehörte Vilnius noch zu Polen und es gab fast keine Litauer in der Satdt. Der Litauer Jogaila dagegen , liegt komplett in der Wawals Kathedrale.

Die Wawelburg in Krakau

Särge in der Wawel Kathedrale
Hier liegen Sigismund II. Augustus, Anna Jagiellon, Barbara Zapolya, Anna von Österreich, August II. der Starke, Anna Maria Wasa, Aleksander Karol Wasa,
Stanislaus I. Leszczyński, Litauischer Großfürst und König von Polen

Jagiellos Sarg

Sein Sarkophag steht mitten in der Kirche

Adam Mickiewicz, polnisch-litauischer Dichter

Reliquen von Jogailas Frau, Königin Hedwig von Anjou

Schrein von Hedwig von Anjou, Königin von Polen und Ehefrau Jagiellos.

Grab von Kasimir IV Andreas Jagiellon. Litauischer Großfürst und König von Polen

Andrzej Tadeusz Bonawentura Kościuszko, polnischer Freiheitskämpfer. Kämpfte bei den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen und in Litauen gegen die russischen Besatzer

Stefan Batory, Stifter der Universität Vilnius. Großfürst von Litauen und König von Polen.

Grab von Polens Armeeführer und Staatsmann Jozef Pilsudski.
Der ehemalige Wehrmachtsoldat Wilhelm Gunsilius machte folgende Zeugenaussage bei einer Vernehmung bei der Polizei Blaubeuren am 11.11.1958:
Juozas Lukša – Partisanen
Baltische Bibliothek im BaltArt Verlag, übersetzt aus dem Litauischen von Markus Roduner, erschienen am 1. August 2010.
Anhand des Buches von Juozas Luksa, der im Pariser Exil sein romantisierendes Buch über die litauischen Partisanen (Waldbrüder) schrieb, möchten wir hier die Diskrepanz zwischen eigener litauischer Wahnehmung und vermeintlicher Wahrheit über den litauischen Widerstand untersuchen.
Astravas Gedenkstätte 1941
Am 26. Juli 1941 ordneten die städtischen Behörden an, dass alle Juden in das Ghetto umziehen mussten, wofür sie mehrere kleine Straßen in der Nähe der Synagoge bestimmt hatten.
Dort befindet sich heute noch das jüdische Altenheim sowie zwei Synagogen und das jüdische Waschhaus.
Alle Litauer, die in diesem Gebiet lebten, wurden ebenfalls zum Auszug gezwungen und tauschten ihre Häuser mit den zugezogenen Juden. Stacheldraht umgab das Gebiet und bewaffnete litauische Polizisten bewachten es. Der Mangel an Ressourcen führte zu einer großen Hungersnot im Ghetto.
Das Ghetto von Birzai bestand nur etwa zwei Wochen. Am 4. August 1941 wurde eine Gruppe von etwa 500 jüdischen Männern mit Spaten aus dem Ghetto geschickt, während die Frauen, Kinder und älteren Menschen in der Synagoge eingesperrt und von litauischen Hilfspolizisten (mit weißen Armbinden, Baltaraisciai ) bewacht wurden.
Die Männer gruben einen Graben von mehr als 30 Metern Länge und 2 Metern Breite, wofür sie drei Tage benötigten. Am 8. August umstellten die deutschen Truppen des Einsatzkommandos 3, unterstützt von litauischen Hilfspolizisten, das Ghetto. Den Juden wurde mitgeteilt, dass man sie nach Palästina schicken würde, und sie wurden aufgefordert, sich zu versammeln. Die Männer wurden zuerst zu den Gräben geführt und auf dem Weg dorthin geschlagen und beschimpft.
Dr. Levin, ein ortsansässiger Arzt, weigerte sich, mitzugehen, und wurde auf der Stelle erschossen. Die Menschen wurden zu den Gräben im Astravas-Wald, etwa 3 Kilometer außerhalb der Stadt, gebracht.
Etwa eine Stunde später wurden die Frauen und Kinder zu denselben Gräben abtransportiert, wobei sie sich von ihren Bekannten verabschiedeten. Zu diesem Zeitpunkt waren in der Ferne bereits Schüsse zu hören. Die Juden aus dem Krankenhaus wurden auf Lastwagen zur Tötungsstelle gebracht. Im Graben mussten sich die Juden entkleiden und wurden dann in 10er-Gruppen übereinander gestapelt in den Gräbern erschossen. Einigen der Juden wurden die Goldzähne aus dem Mund gerissen. Während der Aktion [sic] tranken die Mörder viel.
Insgesamt wurden etwa 2.400 Juden (720 Männer, 780 Frauen und 900 Kinder) ermordet. Einige Tage später wurden etwa 90 Litauer wegen angeblicher Kollaboration mit den Sowjets in demselben Massengrab erschossen. Nach der Aktion [sic] plünderten die Litauer das Eigentum des leeren Ghettos und übergaben nur die wertvollsten Gegenstände an die Deutschen. Im September 1941 meldete die Einsatzgruppe A, dass der Kreis Birsen "judenrein" sei.
Von einem jüdischen Mädchen, Helena Nosowa, ist bekannt, dass sie der Mordaktion entkommen konnte und mit Hilfe einheimischer Litauer bis zur Ankunft der Roten Armee überlebte. Nach dem Krieg errichteten jüdische Überlebende und Rückkehrer nach Birzai ein Mahnmal am Ort der Massentötungen".
Im Holocaust Atlas des Vilnius State Gaon Museum heisst es zu den Erschiessungen der Birzaier Juden am 8. August 1941:
'Im Jahr 1941, 8. August wurden die Juden von Biržai massakriert. Am Vorabend des Massakers wurden im Astrava-Wald (3 km von Biržai entfernt) zwei große Gräben von Gefangenen und Juden aus dem örtlichen Gefängnis gegraben.
Am Tag des Massakers kamen ein Vertreter der Šiauliaier Gestapo, ein ehemaliger Anwalt von Pasvalys, Petras Požėla und mehrere deutsche Sicherheits- und SD-Beamte nach Biržai.
Die Juden sollten sich in der Synagoge versammeln. Juden wurden jeglichen kostbaren Schmucks beraubt. Sie wurden dann in Gruppen im Astrava-Wald (100-200 Menschen) gefahren und erschossen.
Die Morde dauerten ab 23 Uhr bis 19 Uhr abends. An diesem Tag wurden alle Juden von Biržai erschossen. Insgesamt wurden nach Angaben der Sonderkommission rund 2.400 Juden
(darunter 900 Kinder unter 14 Jahren, 780 Frauen und 720 Männer) getötet. Zu den Morden gehörten deutsche Gestapo, eine Gruppe Weißarmbändler aus Linkuva (ca. 30 Personen) und Weißarmbändler und Polizisten aus Biržai (ca. 50 Personen). " [Rechsanwalt Požėla wurde später angezeigt, da er von den Ermordeten 300.000 Rubel und zwei Koffer mit Silber und Gold an sich genommen und nicht registriert hatte. (C. Dieckmann Besatzungspolitik)]
Laut Milda Jakulytė-Vasil, Historikerin beim lostshtetl Projekt in Litauen, waren es weniger als zehn Deutsche, normalerweise aber 2-3, die aus den SD Standorten aufs Land reisten und die Erschiessungen koordinierten (die genaue Zahl in Birzai ist nicht mehr feststellbar). Den Rest erledigten lokale Polizeieinheiten und Freiwillige vor Ort.

Gedenkstein auf dem Massengrab
Links der Gedenkstein, hinter den Bäumen die Tafel mit den Namen der Ermordeten
Dank an die Helfer
Gedenktafelmmit den Namen von Ermordeten
Gita Hait
Franziska Davies und Katja Makhotina schreiben in "Offene Wunden Osteuropas" S.181:
Waldbrüder - Kampf um Litauen
Nach der neuerlichen Besetzung Litauens durch die "Rote Armee", zogen sich viele Männer in die dichten litauischen Wälder zurück. In der Hoffnung mit alliierter Hilfe die russische Besatzung schnell zu beenden, kam es zur Gründung kämpfender Verbände, zuerst aus den Reihen der "LAF". Diese Gruppen werden im Volksmund "Waldbrüder" genannt. Anfangs waren noch versprengte deutsche Soldaten dabei. Von Ruth Leiserowitz.
Weiterlesen: Waldbrüder- der bewaffnete Widerstand im Nachkriegslitauen
Die Historikerin Ekaterina Makhotina von der Universität Bonn schreibt in einem Artikel über das Massaker an Dorfbewohner im litauischen Pirciupiai:
Kollaboration
... "das auch hunderte Litauer am Holocaust beteiligt waren".
Ist die Kollaboration, oder anders ausgedrückt, die Zusammenarbeit von Litauern mit Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion gleich verwerflich? Was waren die Gründe für die jeweilige Zuneigung zu den Diktaturen - Idealismus, Freiheitswille, Hass, Gier, Angst? Kann man beide Seiten verstehen? Kann man heute Verständnis haben für die Zusammenarbeit und Hilfe vieler Litauer mit den Nazi Besatzern? Oder ...

Birzaier Juden begrüßen das Abkommen mit Stalin (Sela Museum Birzai Propaganda ist nicht auszuschließen)
... für die Unterstützung für Stalin und den Kommunismus, dessen Verbrechen alleine in der Ukraine 1932 7-10 Millionen Menschen den Hungertod brachte? Ab 1940 wurden viele Litauer (wie überall im Baltikum, aber auch in allen anderen Teilen der Sowjetunion) in unwirtliche Gegenden Sibiriens deportiert. Überproportional viele Juden waren damals in den sowjetischen Sicherheitsorganen tätig. Aber es wurden auch überproportional viele litauischen Juden deportiert.
Der Autor dieser Zeilen wurde so sozialisiert, dass für ihn jegliche Zusammenarbeit mit den Nazis verwerflich war (und ist). Natürlich war nicht jeder Anhänger Hitlers ein Verbrecher.
Aber Nazis, SS und SA Leute, die schon von Anfang an Rassenhass und Herrenmenschentum lebten. Die — von der Richtigkeit überzeugt — die Invasion im Westen und Osten befürworteten, die bewußt Verbrechen begingen und diese Verbrechen als rassisch gerechtfertigt ansahen. Eben, weil die deutsche Rasse in ihren Augen höherwertiger war, als die slawische und jüdische.
Dagegen war für mich die Sowjetunion eine grausame Diktatur, mit ebenso vielen Toten wie unter Hitlers Regime (anfänglich sogar viel mehr, was Hitler 1941 aber schnell aufholte), die aber Nazi Deutschland besiegte und somit die Welt vor dem schlimmsten Irren, den man sich denken konnte, bewahrte (Hitler).
Ins Wanken kam dieses Weltbild im März 2018 bei einem Treffen von Litauern und Deutschen bei Bonn. Dort sprach der litauische Botschafter in Deutschland Darius Jonas Semaška ein kurzes Grußwort.
Anschließend fragte er in die Runde (2018 war das Jahr, in dem der litauische Partisan Adolfas Ramanauskas trotz litauischer und internationaler Proteste geehrt werden sollte), ob wir denn alle stolz auf die litauischen Partisanen seien.
Da ich gerade erst von einer Untersuchung gelesen hatte, die belegte, dass fast alle litauischen Partisanenführer in irgendeiner Form mit den Nazis kooperiert hatten, sagte ich das so in der Runde. "Stolz nur auf die, die nicht an Verbrechen der Nazis beteiligt waren". Womit nicht das austragen von Briefen gemeint ist. Und nicht nur eine direkte Beteiligung an der deutschen Judenvernichtung (die deutschen Sonderkommandos haben viele Einheimische — Partisanen oder Weißarmbändler genannt — als Helfer bei den Erschießungen eingesetzt) sondern militärische oder verwaltungstechnische Kooperation.
Jonas Noreika zum Beispiel, ein in Litauen hochgeachteter Partisan, geehrt mit öffentlichen Denkmälern und einer nach ihm benannten Schule, wurde nach Beginn der deutschen Besatzung 1941 Chef der litauischen Distriktverwaltung in Šiauliai. Er war dort u.a. für die Arisierung jüdischen Eigentums verantwortlich. Er setzte die Befehle der Deutschen in seinem Verwaltungsbereich um. Zum Beispiel den Bau von Gettos.
Sofort kam aus der versammelten Gruppe der Vorwurf, dann müsse man aber auch die Kooperation mit den Bolschewisten für ebenso verwerflich halten. Mal davon abgesehen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat (denn niemand (vernünftiges außerhalb Russlands) will heute für Stalinisten ein Denkmal errichten) und dieses Aufwiegen von Nazi- mit Sowjetischer Schuld ziemlich nervt, machte mich der Einwand sprachlos und ließ mich später darüber nachdenken, ob an dieser Gleichsetzung nicht vielleicht doch was dran ist.
Was wollte Botschafter Semaška eigentlich damit ausdrücken, als er auf meine Kritik an der Kollaboration mit den Nazis, mit ebensolcher Kritik über die Unterstützer von Stalins Sowjetunion antwortet? Warum sagt er nicht einfach ja, stimmt, Erschiessungen für die Nazis zu machen war unmoralisch, für die Nazi-Besatzer das Land und die Ghettos zu verwalten war auch unmoralisch (manchmal konnte man sich eben nicht entziehen). Der Antisemitismus mancher Partisanen und der LAF war ein Fehler und man bedaure das.
Nein, für solche Litauer möchte man keine Denkmäler
Stattdessen kommt dieses Totschlagargument, die Anderen waren ja genauso schlimm.
Ich kenne Botschafter Semaška nicht näher und will ihm nichts unterstellen. Auf einer Gedenkveranstaltung in der Litauischen Botschaft in Berlin am 12. Juni 2019 sagte er laut Webseite der Botschaft in einer Rede, "das auch hunderte Litauer am Holocaust beteiligt waren".
Dazu ein Zitat von Ruta Vanagaite, die sich mit dem Thema Nazikollaboration in Litauen beschäftigt, von der Webseite des MDR:
Viele Litauer haben bei der Ermordung der Juden eifrig mitgeholfen. "20.000 Menschen waren als Wachleute und als Mitglieder von Erschießungskommandos daran beteiligt. 36.000 Menschen wirkten in der Verwaltung mit".
Kann man Geschichte wirklich so unterschiedlich sehen?
Versuch einer vergleichenden Betrachtung von Anhängern der Bolschewisten und der Nationalsozialisten und ihre Motive (bezogen auf Litauen)
In Litauen benutzt man die Aufrechnung "du hast mir das angetan, dafür hast du anschließend die Quittung bekommen", den sogenannten 'Doppelten Holocaust', als Rechtfertigung für die Beteiligung von Litauern am Holocaust. Tatsächlich gehen Historiker heute davon aus, das die meisten Juden in Litauen von ethnischen Litauern, die die Drecksarbeit für die Deutschen übernommen hatten, erschossen wurden. In den Verwaltungen gab es wenig Deutsche, denn die Arbeit (siehe oben Noreika) wurde gewissenhaft von Litauern erledigt. Erst als die Litauer das Nahen der Ostfront bemerkten, ihre Hoffnung auf einen unabhängigen Staat vollends gescheitert war und sie sich nicht von den Deutschen an der Front außerhalb Litauens verheizen lassen wollten, begann ihre Kooperation nachzulassen.
Oder wie Raul Hilberg (in Vernichtung der europ. Juden) schrieb:
"Allmählich begriffen die einheimischen nichtjüdischen Zeugen des Vernichtungsprozesses die wahre Natur der deutschen Rassenleiter. Die unterste Sprosse war bereits beseitigt worden, und schon auf der nächsten Sprosse sassen sie selbst."
Wenn am Anfang der deutschen Besatzung die Registrierung von litauischen Juden durch die litauische Verwaltung noch reibungslos ablief, kam es 1944 zum Widerstand. Versuche der Deutschen, litauische SS-Verbände aufzustellen und die Litauische Heimatarmee (LTDF) auch außerhalb der Heimat einzusetzen, führte zum Widerstand der Litauer. Hochrangige Litauer wurden daraufhin zur Strafe ins KZ Stutthof verschleppt, Soldaten der LDTF erschossen. Unter den Verschleppten war der bisher willig kooperierende Jonas Noreika. Damit galt er als Widerständler gegen die Nazis.
Denkmal für die erschossenen LTDF Soldaten in Paneriai
I. Die Nationalsozialistische Ideologie
Wir wissen alle nicht, auf welcher Seite wir damals gestanden hätten. Solche festlegenden Aussagen sind Quatsch. Vorwürfe an die Menschen, die damals dabei waren und Hitler zugejubelt haben, sollte man sich überlegen, da man seine eigene Position nicht kennt. Etwas anderes ist es, wenn man als gläubiger Nazi theoretisch und/oder praktisch an Hitlers Mordpolitik teilnahm.
Zu Hitlers Plänen steht bei Timothy Snyder in "Bloodlands":
"Der Holocaust überschattete deutsche Pläne, die zu noch größerem Blutvergießen geführt hätten. Hitler wollte nicht nur die Juden auslöschen; er wollte auch Polen und die Sowjetunion als Staaten vernichten, ihre Führungsschichten liquidieren und viele Millionen Slawen (Russen, Ukrainer, Weißrussen, Polen) umbringen. Wäre der Krieg gegen die UdSSR wie geplant gelaufen, so wären 30 Millionen Zivilisten im ersten Winter verhungert und danach viele weitere Millionen vertrieben, ermordet, assimiliert oder versklavt worden. Obwohl diese Pläne nie verwirklicht wurden, waren sie der gedankliche Rahmen für die deutsche Besatzungspolitik im Osten. Während des Krieges ermordeten die Deutschen ebenso viele Nichtjuden wie Juden, vor allem durch Verhungernlassen sowjetischer Kriegsgefangener (über drei Millionen) und der Einwohner belagerter Städte (über eine Millionen) oder durch die Erschießung von Zivilisten bei "Vergeltungsmaßnahmen" (fast eine Million, vor allem Weißrussen und Polen)."
Hitlers Hauptziel war die Vernichtung der europäischen Juden. Und nach den Juden waren die slawischen "Untermenschen" dran.
Auch wenn Hitler seine radikaleren Absichten verbarg: "Die katastrophalen Visionen waren von Anfang an im Nationalsozialismus angelegt." (T. Snyder)
Schon im Parteiprogramm der NSDAP von 1920 standen die Hauptpunkte, die Hitler mit seinem Krieg gegen die Sowjetunion durchsetzen wollte:
Das 25-Punkte-Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei
[vom 24. Februar 1920]
1. Wir fordern den Zusammenschluß aller Deutschen auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zu einem Groß-Deutschland.
3. Wir fordern Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses.
4. Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.
5. Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast in Deutschland leben können und muß unter Fremden-Gesetzgebung stehen.
6. Das Recht, über Führung und Gesetze des Staates zu bestimmen, darf nur dem Staatsbürger zustehen. Daher fordern wir, daß jedes öffentliche Amt, gleichgültig welcher Art, gleich ob im Reich, Land oder Gemeinde nur durch Staatsbürger bekleidet werden darf.
Wir bekämpfen die korrumpierende Parlamentswirtschaft einer Stellenbesetzung nur nach Parteigesichtspunkten ohne Rücksichtnahme auf Charakter und Fähigkeiten.
7. Wir fordern, daß sich der Staat verpflichtet, in erster Linie für die Erwerbs- und Lebensmöglichkeit der Bürger zu sorgen. Wenn es nicht möglich ist, die Gesamtbevölkerung des Staates zu ernähren, so sind die Angehörigen fremden Nationen (Nicht-Staatsbürger) aus dem Reiche auszuweisen.
8. Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern. Wir fordern, daß alle Nicht-Deutschen, die seit 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des Reiches gezwungen werden.
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Daher fordern wir:
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Brechung der Zinsknechtschaft!
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18. Wir fordern den rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemein-Interesse schädigen. Gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber usw. sind mit dem Tode zu bestrafen, ohne Rücksichtnahme auf Konfession und Rasse.
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23. Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen die bewußte politische Lüge und ihre Verbreitung durch die Presse. Um die Schaffung einer deutschen Presse zu ermöglichen, fordern wir, daß
a) sämtliche Schriftleiter und Mitarbeiter von Zeitungen, die in deutscher Sprache erscheinen, Volksgenossen sein müssen.
b) Nichtdeutsche Zeitungen zu ihrem Erscheinen der ausdrücklichen Genehmigung des Staates bedürfen. Sie dürfen nicht in deutscher Sprache gedruckt werden.
c) Jede finanzielle Beteiligung an deutschen Zeitungen oder deren Beeinflussung durch Nicht-Deutsche gesetzliche verboten wird und fordern als Strafe für Uebertretungen die Schließung einer solchen Zeitung sowie die sofortige Ausweisung der daran beteiligten Nicht-Deutschen aus dem Reich.
d) Zeitungen, die gegen das Gemeinwohl verstoßen, sind zu verbieten. Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen eine Kunst- und Literaturrichtung, die einen zersetzenden Einfluß auf unser Volksleben ausübt und die Schließung von Veranstaltungen, die gegen vorstehende Forderungen verstoßen.
24. Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen.
Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und ist überzeugt, daß eine dauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage:
Gemeinnutz vor Eigennutz
25. Zur Durchführung alles dessen fordern wir die Schaffung einer starken Zentralgewalt des Reiches. Unbedingte Autorität des politischen Zentralparlaments über das gesamte Reich und seine Organisationen im allgemeinen.
Soweit das Programm der NSDAP. Ziemlich aktuell. Und interessant, vom Moralgefühl der germanischen Rasse zu lesen.
Expliziter wird hier Daniel Goldhagen:
1. Der eliminatorische Antisemitismus war Dreh- und Angelpunkt seiner [Hitlers] Weitsicht, die er nicht nur in Mein Kampf immer wieder vertreten hat. Er war der Aspekt eines politischen Denkens und Handelns, den er am konsequentesten und leidenschaftlichsten verfolgt hat.
2. Nach der Machtübernahme hielten sich Hitler und sein Regime an seine früheren Verlautbarungen. Sie setzten den eliminatorischen Antisemitismus in beispiellos radikale Maßnahmen um und führten sie mit unermüdlichem Eifer durch.
3. Vor Kriegsausbruch verkündete Hitler seine Prophezeiung, ja sein Versprechen, das er im Laufe des Krieges mehrfach wiederholen sollte: Der Krieg würde ihm die Gelegenheit verschaffen, die europäischen Juden zu vernichten.
4. Als der Augenblick gekommen und die Gelegenheit günstig war, verwirklichte Hitler seine Intention und ließ etwa sechs Millionenjuden ermorden.
Noch einmal: Der Genozid ging also nicht aus Hitlers Stimmungen, nicht aus örtlichen Initiativen oder aus unpersönlichen Strukturen hervor; er entsprang vielmehr Hitlers Ideal, den vermeintlichen jüdischen Einfluss zu beseitigen, ein Ideal, das in Deutschland weit verbreitet war. Selten hat ein Staatschef seine apokalyptischen Absichten so offen, so beständig und so emphatisch verkündet und sein Versprechen so buchstabengetreu erfüllt. Es ist bemerkenswert und beinahe unerklärlich, dass Hitlers Prophezeiung heute oft metaphorisch oder als leeres Gerede gedeutet wird. Hitler selbst betrachtete seine »Prophezeiung« vom 30. Januar 1939 als feste Absichtserklärung und hat dies wiederholt betont, als wollte er sicher gehen, dass niemand ihn missverstand. Statt sich über Hitlers Worte hinwegzusetzen, spricht alles dafür, Hitlers Verständnis seiner Intentionen und die Übereinstimmung zwischen den klar geäußerten Vernichtungsabsichten und der »vollbrachten« Tat ernst zu nehmen.
Vor Ausbruch des Krieges hatte Hitler zwei Gruppen benannt, die er im Kriegsfall vernichten würde: die Juden und die Erbkranken. Bereits 1935 teilte er dem Reichsärzteführer mit, daß er im Falle eines Krieges die »Euthanasiefragen aufgreifen und durchführen werde«. Dieser Gleichklang zwischen erklärter Absicht und späterem Handeln belegt - in beiden Fällen - nicht nur Hitlers Vernichtungswillen, sondern auch seine Geduld, den geeigneten Augenblick abzupassen, um ihn in die Tat umzusetzen. Wie ließe sich ein Vorsatz überzeugender beweisen?
Daniel Goldhagen "Hitlers willige Vollstrecker" S.199 3.
II. Die Kommunistische Ideologie
Die Anhänger Lenins hatten auch eine Vision. "Diese Vision, das angestrebte Endziel ihrer Revolution, war der Kommunismus. Es war die klassenlose Gesellschaft, geschaffen nach einer Transformationszeit der „Diktatur des Proletariats“, der Klasse der Arbeiter und mindestens in Russland der Bauern. Eine Gesellschaft der absoluten Gleichheit und, um mit Marx zu sprechen, das Ende der „Vorgeschichte“ der Menschheit. Von Russland aus, hofften Lenin und die Bolschewiki, würde das Signal zur Weltrevolution ausgehen." Der Tagesspiegel 7.11.2017
Und wieder ein Zitat von Timothy Snyder in "Bloodlands":
"Unter den Revolutionären ... herrschte der Traum, das Blutvergießen könne weitere radikale Veränderungen rechtfertigen, die dem Krieg eine Bedeutung geben und seinen Schaden wettmachen würden. Die wichtigste politische Vision war die kommunistische Utopie. Bei Kriegsende war es 70 Jahre her, dass Karl Marx und Friedrich Engels ihre berühmtesten Zeilen geschrieben hatten: "Proletarier aller Länder vereinigt euch!" 1.
Der Marxismus hatte Generationen von revolutionären durch eine Vision politischer und moralischer Umwälzung inspiriert: ein Ende des Kapitalismus und der Konflikte, die der Privatbesitz mit sich zu bringen schien, und ihre Ersetzung durch einen Sozialismus, der die arbeitenden Massen befreien und die gesamte Menschheit seelisch erneuern würde."
Intellektuelle weltweit folgten der Linie Stalins. Sie glaubten an eine "Vision einer vernunftgetragenen, gebildeten und wissenschaftlichen Gesellschaft, die auf der besten Ausnützung aller Kräfte und der stetigen Verbesserung ... der menschlichen Natur beruht, so wie sie objektiven, vorurteilslosen Geistern vorschwebte.". 2.
Viele westliche Intellektuelle pendelten in die Sowjetunion. George Bernhard Shaw sah das "Land der Hoffnung" (obwohl die Schauprozesse schon begonnen hatten), der spätere französische Literaturnobelpreisträger Andre Gide meinte "Ich möchte meine Liebe zu Russland in die Welt hinausschreien, ich möchte, daß mein Ruf gehört wird und Bedeutung hat."
Heinrich Mann schrieb: "Zu wissen, daß es einen solchen Staat gibt, macht mich glücklich." Die grauenhaften Moskauer Prozesse sahen manche noch als die "Intellektualität der Revolution" an. Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Romain Roland, Frederic und Irene Joliot-Curie, Jean Paul Sartre, Paul Langevin, Sean O'Casey, Stephen Spender, Theodor Dreiser, Upton Sinclair, John Dos Passos, Lois Fischer, J. Robert Oppenheim, Bert Brecht, Cecil Day Lewis waren nie Mitglied der Kommunistischen Partei. Aber sie sympathisierten, trotz Terrors, mit der Sowjetunion. 2.
Jean-Paul Sartre leugnete die Existenz der sowjetischen Gulags und meinte nach einer Reise in die UdSSR tatsächlich, dass dort Redefreiheit herrschte. 4.
Und der französische Philosoph Michael Focault brachte die westliche intellektuelle Nachsicht mit Stalin auf den Punkt: "Das Proletariat führt nicht Krieg gegen die herrschende Klasse, weil es diesen Krieg als gerecht ansieht. Das Proletariat führt den Krieg gegen die herrschende Klasse, da es zum ersten Mal im Laufe der Geschichte die Macht ergreifen will. Hat das Proletariat einmal die Macht ergriffen, so ist es durchaus möglich, daß es über die Klassen, über die es triumphiert hat, eine gewaltsame, diktatorische und sogar blutige Macht ausübt. Ich wüsste nicht, was dagegen einzuwenden wäre." 4.
Stephan Hermlin distanziert sich sogar in den 1980er Jahren nicht von seinen Gedichten, die er aus Bewunderung an Stalin in den 1950er Jahren schrieb.
Viele dieser linken Intellektuellen, früher und heute, sehen irgendwo im Kommunismus eine philosophische Kultur, ein faszinierendes theoretisches System, eine Überwindung der menschlichen (kapitalistischen) Fesseln. Ein Ideal. 4. Kollateralschäden nimmt man dafür in Kauf.
"Das sowjetische Programm wurde im Namen universaler Prinzipien durchgeführt; der nationalsozialistische Plan war eine gewaltige Eroberung zum Nutzen einer Herrenrasse." Snyder S. 40
Die Konsequenzen für die Menschen in beiden Systemen waren gleich.
Vor diesem Hintergrund zurück nach Litauen. Das Land war nach der 3. Polnischen Teilung 1791 von Russland besetzt und bekam seine Freiheit erst 1918 wieder. Während die litauische Landbevölkerung weiter litauisch sprach, die Vilniuser Polen polnisch, lernten die litauischen Juden russisch.
Die Gründe, warum überproportional viele Juden für die Sowjets bei ihrem Einmarsch 1940 arbeiteten, sind vielfältig. Sie konnten russisch, durften in der litauischen Republik nicht in öffentlichen Ämter tätig sein, viele Juden werden die Gefahr durch die Deutschen wahr genommen haben und, wie wir bei den westlichen Intellektuellen gesehen haben, verlockt der Sozialismus mit der Theorie auf eine bessere Welt. Späne wurden beim Hobeln akzeptiert.
Lange Rede, kurzer Sinn: Auch wenn der Horror für die Menschen durch Stalin (betroffen war die gesamte Sowjetunion) und Hitler (betroffen waren die deutschen Juden, Behinderte, Andersdenkende und besonders die Juden und Slawen der besetzten Gebiete) ähnlich waren, erscheint mir angesichts des Holocaust die Kollaboration mit den Nazis als besonders verwerflich.
Der Hinweis von Botschafter Semaška, die Kommunisten waren genauso schlimm wie die Nazis, hinterlässt deshalb einen üblen Beigeschmack.
Susanne Hennig-Wellsow, Thüringer Landeschefin der Linken, beglückwünscht den FDP Politiker Kemmerich für die Kooperation mit der Höcke AfD
Gibt es einen Unterschied zwischen der litauischen Kollaboration mit Stalin und Hitler? Wie unterscheidet sich moralisch das Engagement der Menschen für die Nazis und für Stalins (Nachfolge-) Organisationen?
Schreiben Sie mir Ihre Meinung!
1. "Bloodlands" Timothy Snyder
2. "Anatomie des Mitläufers" R. Lucas
3. "Hitlers willige Vollstrecker" D. Goldhagen
4. "Stalin und seine intellektuellen Bewunderer" Rainer Zitelmann
Silvia Foti schreibt über ihren Großvater, den in Litauen als Helden gefeierten Jonas Noreika:
Juden in Litauen
Auf https://alles-ueber-litauen.de steht viel über die litauisch-jüdische Geschichte.
Manchen Leser könnten Bemerkungen irritieren, wie die Unterscheidung "Litauer und Jude" (oder Litwak, was auch nur Jude aus Litauen heißt), die Dominanz der jüdischen Bevölkerung in den Städten bis 1941 und die Anmerkungen zur Bevölkerungszusammensetzung von Wilna (Vilnius – 1900 etwa 2 % Litauer, restliche Bevölkerung Polen und Juden). Sind nicht alle Bewohner Litauens Litauer, egal welcher Religion sie angehören? Theoretisch ja ... praktisch wünschen sich die Juden explizit diese Unterscheidung. Zudem macht es die wechselhafte Geschichte Litauens schwierig, eine eindeutige Zuordnung der jüdischen Bevölkerung zur Nation "Litauen" zu erkennen.
"Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Jude Teil der litauischen Landschaft", sagte Emanuelis Zingeris, Literaturwissenschaftler und Direktor des Jüdischen Museums in Wilna, "wohin man auch kam, man fand eine Kuh, einen Bauern, ein Pferd, einen Juden und ein Fahrrad." (Butenschön S.56)
Hier möchten wir "kurz" und möglichst einfach die Geschichte der litauischen Juden schildern. Von ihren Anfängen, als sie von Vytautas und Gediminas in deren litauisches Reich eingeladen wurden, bis zum Holocaust 1941, bei dem leider ziemlich viele Litauer den deutschen Besatzern halfen und über 90 % der litauischen Juden umgebracht wurden. Übrigens einer der höchsten Quoten in den von Deutschland besetzten Ländern.
Mittelalter
1323 gründet Großfürst Gediminas die litauische Hauptstadt Vilnius (auch Wilna). Angeblich bekamen die litauischen Juden schon damals Privilegien.
1386 heiratet der litauische Großfürst Jagiello die polnische Thronerbin Jadwiga und wird somit polnischer König. Litauen wird nun von seinem Cousin Vytautas regiert. Vytautas sicherte den Juden die gleichen Rechte wie den Christen zu und wirbt um ihre Ansiedelung auf litauischem Boden. Die damaligen litauischen Herrscher waren religiös tolerant (Jagiello tritt erst 1386 aus machtpolitischen Gründen zum Christentum über) und weitsichtig genug, den Nutzen der jüdischen Zuwanderer (und natürlich anderer westeuropäische Handwerker) zu erkennen.
Vytautas siedelt sogar Juden von der Krim in Trakai (der damaligen Hauptstadt) an, die Karäer. Die 100 Männer sollen für seinen Schutz sorgen. Die mit Frauen und Kindern etwa 480 Karäer lebten allerdings getrennt von den etwa 6.000 damaligen Juden Litauens.
18. Jahrhundert
Wilna Gaon
Vielleicht der Höhepunkt des Judentums in Litauen war das Wirken von Elijah ben Solomon Zalman, bekannt als Gaon (der Weise!) von Wilna!
Gaon von Vilnius ®Wikipedia
Er wurde in Sialiec (damals Litauen-Polen) geboren. Heute gehört die Stadt zu Weißrussland (an der polnischen Grenze – zwischen Litauen und der Ukraine). Gestorben ist er in Vilnius, damals gehörte die Stadt zum Zarenreich. So verwirrend ist die litauische Geschichte. Er gilt als bedeutender jüdischer Gelehrter und seine Kommentare zu Thora und Talmud sind heute Standardwerke jüdischer Gelehrsamkeit. Mit vier Jahren konnte er angeblich die Tanach (hebräische Bibel) auswendig. Mit sieben wurde er vom Kedainier Rabbi Moses Margalit unterrichtet. Mit acht Jahren studierte er Astronomie in seiner Freizeit. Ab zehn Jahren setzte er seine Studien alleine fort ... er hatte seine Lehrer im Wissen alle überholt. Mit elf kannte er den Talmud auswendig.
Elijah Ben Salomon Salman verfügte über eine überdurchschnittliche Gelehrsamkeit. Er sprach mindestens zehn Sprachen und war gewandt in Mathematik und Naturwissenschaft. Für ihn waren die Naturwissenschaften die Grundvoraussetzung zum Verständnis der Thora und er ermutigte seine Schüler Naturwissenschaften zu studieren. Er übersetzte sogar Geometriebücher ins Jiddisch- und Hebräische.
Elijah war zweimal verheiratet und hatte mit seiner ersten Frau acht Kinder. Enkel sind 43 namentlich bekannt. Urenkel 143. Laut Wikipedia vervielfachten sich die Nachkommen in jeder Generation um das Vierfache. Alle seine überlebenden Söhne wurden Rabbis, seine Töchter heirateten Rabbis.
Solomon Zalman lehnte das in seiner Zeit aufkommenden Chassidentum ab (er gehörte somit zu den "Misagdim": Gegnern) und bestand auf einer wortgetreuen Auslegung der Thora. Die Chassiden dagegen lebten ein mehr mystisches Judentum. Der Gaon verbot daraufhin Ehen mit Chassiden und es kam zu Exkommunikationen.
Der Gaon von Vilnius war einer der einflussreichsten Rabbis. Sein Wirken machte Vilnius berühmt.
Der deutsche Schriftsteller und Arzt Bruno Alfred Döblin berichtet über einen Besuch in Wilna 1924:
"Wer war der Gaon? Meine jüdischen Führer wissen alles gut... Der Gaon hat Mathematik und Astronomie getrieben, wurde dann durch anderes wichtig. Eine jüdische "Irrlehre" kam in der Ukraine auf. Ein einzelner Mann trug sie vor, ein schwacher Kenner von Talmud und Thora. Der fing an, auf dem flachen russischen Lande, in den Dörfern und Städtchen, den armen jüdischen Massen allerlei zu erzählen. Der schwache Talmudist war Rabbi Israel Baalschem-tob. Er bewegte sich nicht in den Beßmedresch, den Lernstuben, sondern draußen im Freien, lernte, so erzählte man, die Stimmen der Vögel und Reden der Bäume. 'Ach' , sagt er, 'die Welt ist voller Strahlen und wunderbarer Geheimnisse. Und die kleine Hand liegt vor den Augen und verhindert, daß die großen Lichter erblickt werden.' Dann: 'Was ist die Thora anderes als Leiterin zum Dienst Gottes und Vermittlerin zur Vereinigung mit Gott. Die Rabbiner aber verfolgen nicht dieses Ziel, sondern prahlen mit ihrer Gelehrsamkeit. Jeder kann groß und rechtschaffen sein ohne Kenntnis des Talmuds.' Die ungebildeten Leute liefen ihm zu ... Sogar Rabbiner folgten ihm ... Fromme, Chassidim, nannten sich diese Leute.' [AK: Die Gegenbewegung zu den Chassidim waren dann die Misagdim]
Der Gaon war eine Zeit ins Exil gegangen, um sich von seinen Sünden zu reinigen, wanderte durch Polen, Deutschland, bettelte, rang, seine Pflicht gegen Gott zu erfüllen. In Wilno saß er, kasteite sich, studierte Talmud, Kabbala. Nicht einmal seine Angehörigen wollte er sehen. Er war ein Fanatiker des Wissens, ein strenger Kritiker ... Päpstliche Autorität war in dem Gaon. Als es zu wild wurde, belegte er die Chassidim und ihre Führer mit einem Bann. Eine Berührung mit ihnen lehnte er ab, reiste aus Wilno fort, als man ihn drängte, den neuerer zu hören ... Mit siebenundsiebzig Jahren fluchte er ihnen zum letztenmal. Inzwischen hatte sich die neue Lehre, die kaum neu, kaum eine Lehre war, ausgebreitet ... Bücherverbrennungen - von Chassidischen Schriften-, Verfolgungen nahmen zu. Der große Gaon konnte die Bewegung nicht aufhalten, die sogar in seiner Residenz sich einnistete."
Butenschön S60.
Litauen ist in Westeuropa nicht wirklich bekannt. Aber sogar in Israel Reiseführern (hier "Israel und Palästina" vom Reise Know How Verlag 2018) kann man von Litauens jüdischer Vergangenheit lesen:
"Es handelt sich um die litauischen Juden, auf Jiddisch Litvish oder auch Litvak oder von den Chassidim, Mitnagdim, Gegner, genannt. Sie stammen ursprünglich aus dem Bereich des Großherzogtums Litauen, das im späten Mittelalter bis ans Schwarze Meer reichte. Die Gegnerschaft zu den Chassidim geht auf den Gaon von Wilna, Elia ben Shlomo Salman (1720-1797) zurück, der die mystische Suche der Nähe zu Gott im Chassidismus als pantheistisch einstufte und demgegenüber eine höchst gelehrsame, wortgetreue Tora-Auslegung hochhielt. Gaon, wörtlich Herrlichkeit, war vor dem vom 1. bis 11. Jh nC der Titel der führenden Talmudgelehrten im Zweistromland. Die Litvak wirken durch moderne schwarze Anzüge und weißes Hemd insgesamt eleganter und einheitlicher als die Chassiden und tragen über der Kippa meist einen breitkrempigen Borsalino; die Schläfenlocken werden oft dezent getragen, z.B. hinter die Ohren gelegt. Die Frauen können sehr modisch mit überraschend kurzen Röcken gekleidet sein. Sie tragen meist Perücken ohne Kopftuch."
Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich Litauens Hauptstadt Vilnius (1573 entstand die erste Synagoge in Vilnius) zum berühmten "Jerusalem des Ostens". Während die ethnischen Litauer meist in Dörfern wohnten, lebten die Juden überwiegend in den Städten.
Anfang des 20. Jahrhunderts lebte in keiner der wenigen litauischen Städte eine ethnisch litauische Mehrheit. Obwohl Juden 1920 nur 7 % der Bevölkerung ausmachte betrieben sie 75 % des Handels (die Polen weitere 21%). Götz Aly S. 231
Dementsprechend waren die Besitztümer verteilt. Meist besaßen die Juden die steinernen Häuser der Städte und die Polen waren die Großgrundbesitzer. Trotzdem war auch die Not vieler litauischer Juden groß.
"Alle anderen Stände, alle anderen Klassen der Bevölkerung leben unter besseren Verhältnissen als die Juden". (Siehe Juden in Russland)
Litauens Eigenstaatlichkeit
Litauen war in seiner Geschichte nur relativ kurze Zeit eigenstaatlich. Nachdem 1386 Großfürst Jagiello König von Polen wird, kommt es zu einer Union von Litauen und Polen. Die viel dominantere polnische Kultur (alleine der Unterschied in der Zahl der Einwohner und die Größe der Länder) gewann in Litauen immer mehr an Einfluss. Litauisch wurde nur noch in den Dörfern gesprochen, in den Städten sprachen die Menschen Ruthenisch, Polnisch und immer mehr Jiddisch.
Mit der 3. Polnischen Teilung 1795 besetzte das zaristische Russland ganz Litauen.
Juden in Russland
Mit den polnischen Teilungen kamen plötzlich Hunderttausende Juden zum russischen Staat.
Vorher gab es fast keine jüdische Bevölkerung. Im Großfürstentum Moskau, dem Kerngebiet des künftigen Russlands, waren Juden nicht geduldet. Man hatte vor ihnen Angst, wie vor allen Fremden, und verdächtigte sie der Tätigkeit für fremde Mächte.
Im 18. Jahrhundert war Kaiserin Elisabeth I. feindlich gegenüber den Juden eingestellt. 1742 befahl sie die wenigen im Russischen Reich lebenden Juden des Landes zu verweisen. Als der Senat versuchte, ihren Ausschaffungsbefehl zu widerrufen und darauf hinwies, dass der Handel in Russland und der Staat dadurch in Mitleidenschaft gezogen würden, entgegnete die Kaiserin: „Ich will keinen Nutzen von den Feinden Christi.“
Die russischen "Neubürger" verpflichtete man in einem sogenannten "Ansiedlungsrayon" zu siedeln, das in etwa dem Gebiet des ehemaligen litauisch-polnischen Staates entsprach. Dieses reichte grob von Palanga an der litauischen Ostseeküste bis zum Schwarzen Meer. Die Verpflichtung im Ansiedlungsrayon zu leben wurde ab 1835 mehrfach gelockert, 1882 von Alexander III. aber wieder strenger angewandt.
Eine Kommission unter Leitung des deutschbaltischen Grafen Konstantin von der Pahlen berichtet Zar Alexander III. 1885:
"Fast neun Zehntel der gesamten jüdischen Bevölkerung sind eine Masse, deren Dasein durch nichts gesichert ist, die tagein, tagaus im Elend unter schlechtesten Bedingungen lebt. Alle anderen Stände, alle anderen Klassen der Bevölkerung leben unter besseren Verhältnissen als die Juden." Aly S. 78
Alexander III. war seinen jüdischen Untertanen wohl nicht sehr zugetan, denn seine "böswillige Lösung für die jüdische Frage war die Konversion [Konvertierung] eines Drittels der Juden, die Auswanderung eines weiteren Drittels und den Hungertod für das verbleibende Drittel". Sutten S. 7
Die Juden konnten die neue Zeit der Moderne im Ansiedlungsrayon aber besser nutzen als die Mehrheit der Bevölkerung. Fleiß und Wissensdurst trieben sie an die Universitäten, wo sie bald überall überproportional vertreten waren. 1886 begann Russland den Zugang seiner Juden zu den Universitäten zu beschränken. Der jüdische Anteil an Studenten (es seinen nur die größten genannt) betrug in Charkow 28 und in Odessa fast 30%.
Es kam zu immer mehr Restriktionen. So durften Juden nur noch eine Anwaltspraxis eröffnen, wenn das Justizministerium zustimmte. 15 Jahre wurden fast keine Bewilligungen erteilt, weil "... die Hälfte der Nachwuchsjuristen im Gerichtsbezirk St. Petersburg Juden waren...."
Jsaak Rülf, eine Rabbiner aus Memel, berichtete folgendes von einer Zugfahrt von Vilnius nach Minsk:
Er "... unterhielt sich mit einem Kaufmann über die Pogrome, die sich im Vorjahr ereignet hatten, und fragte nach den Gründen. "Das ganze Unglück des Juden besteht darin," so sein Gegenüber, "dass er unendlich besser, geweckter, brauchbarer, strebsamer und moralischer ist als der Russe." (Aly S. 98)
1914 waren in den nordwestlichen russischen Gebieten nur 8% der Angestellten Russen. Die anderen waren Juden (35%), Polen und Deutsche.
Anfang des 20. Jahrhunderts lebten somit mehr als 90 % der mehr als fünf Millionen "russischen" Juden im Rayongebiet. Beim Widerstand gegen das zaristische System waren Juden in Führungspositionen überproportional beteiligt. Eine Überwindung des alten Systems mit seiner Unterdrückung von Juden und nicht-orthodoxen Christen schien verlockend. Eine bemerkenswert große Zahl der Führung der Bolschewiken waren Juden.
Während es überall im Russischen Reich zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung kam (der Historiker Orlando Figes geht von 1200 Pogromen mit 150.000 Toten zwischen 1919 und 1920 aus) versuchte Lenin den Antisemitismus in Russland einzudämmen:
"The Tsarist police, in alliance with the landowners and the capitalists, organised pogroms against the Jews. The landowners and capitalists tried to divert the hatred of workers and peasants who were tortured by want against the Jews...Only the most ignorant and downtrodden people can believe the lies and slander that are spread about the Jews...It is not the Jews who are the enemies of the working people. ... Among the Jews are working people, and they form the majority. They are our brothers, who, like us, are oppressed by capital; they are our comrades in the struggle for socialism. Among the Jews there are kulaks, exploiters and capitalists, just as there are among the Russians, and among people of all nations...
Rich Jews, like rich Russians, and the rich in all countries, are in alliance to oppress, crush, rob and disunite workers...Shame on accursed Tsarism, which tortured and persecuted the Jews. Shame on those who foment hatred towards the Jews, who foment hatred towards other nations." W. Lenin auf Schallplatte 1919
Lenin kennzeichnete den Antisemitismus als ekelhaften Überrest aus den alten Zeiten der Leibeigenschaft und stockfinsterer Unwissenheit. Seiner Partei gehörten 5 % Juden an, allerdings 30 % dem Zentralkomitee.
Jüdische Elemente seien eine Reserve vernünftiger, des Lesens und Schreibens kundiger Arbeitskräfte, mit derer Hilfe es gelungen sei, die Revolution in schwieriger Zeit zu retten. Aly S.212
Und der jüdische Historiker Zvi Gitelmann meint dazu: "Never before in Russian history – and never subsequently has a government made such an effort to uproot and stamp out antisemitism."
(Gitelman: Antisemitism in the Contemporary World)
Es gab sogar eine jüdische autonome Zone im russischen Fernen Osten (in Birobidzhan, als russische Alternative zu Palästina) die aber nie mehr als 30 % jüdische Einwohner hatte. Ab den 1930er Jahren führte der zunehmende Zwang zur Russifizierung zu einem Aus für die jüdische Sektion (Yevsekstia) in der Bolschewistischen Partei. In Weißrussland wurden alle jüdischen Schulen geschlossen.

Juden auf dem Markt
Hier sieht man, dass die jüdische Bevölkerung in den Gebieten von Litauen, Polen und Weißrussland noch mehr nationalstaatliche Wirren durchleben mussten, wie z.B. die ethnischen Litauer, die in den Dörfern zumindest weiter ihre litauische Sprache und Geschichte hatten. Wahrscheinlich lernten die Juden in den Städten schneller russisch. Immerhin gehörten sie von Beginn der Polnischen Teilungen bis zur litauischen Unabhängigkeit 1918 zu Russland. Wer nachlesen möchte, wie das Leben der Juden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russisch-Litauen war, dem sei die Lektüre von Grigori Kanowitsch "Ein Zicklein für zwei Groschen" empfohlen.
Machen fast 140 Jahre Leben in Russland jemanden zum russischen Staatsbürger? Interessante und komplizierte Frage. Für Juden und Litauer gab es da sicher unterschiedliche Nuancen.
Am Ende der 1930er Jahre sah die Lage folgendermaßen aus:
Durch den Hitler-Stalin Pakt schob sich das deutsche Machtgebiet bis an die russische Grenze. Für die osteuropäischen Juden war das eine Katastrophe, nämlich der sichere Tod!
Litauen ab 1918
Um 1900 kam es zu einem wiedererstarken der litauischen Identität. Menschen, die gar kein Litauisch konnten, besannen sich ihrer Wurzeln, lernten Litauisch und setzten sich für einen unabhängigen Staat ein (Ciurlionis zum Beispiel).
"Eingeklemmt zwischen Russen, Polen, Deutschen und Letten lebten die allermeisten der Litauisch-sprechenden, wenig gebildeten und armen Einwohner in den Dörfern." Aly S. 229
Die Juden störten dieses Projekt Litauen. So nannte der Arzt Jonas Sliupas 1884 (ihm ist heute eine nationale Gedenkstätte in Palanga gewidmet): " Juden sind Blutegel; Schlafende saugen sie aus und lassen sie ausgelutscht zurück".
Besonders die katholische Kirche agitierte gegen die jüdischen Mitbürger. "Wer Gott liebt, der wird uns vor den Juden retten" und "Die Juden würden Litauen bald verlassen, würden wir Litauer uns mehr im Handel engagieren, selbst einzelne und gemeinschaftliche Geschäfte gründen und alles nur bei den Unsrigen kaufen." Und der christdemokratische Politiker Antanas Stugaitis meinte: "Wer den nationalen und sozialen Fortschritt der litauischen Massen wolle, der müsse die wichtigste Blockade beim Namen nennen und mit dem Finger auf die Juden zeigen." (Aly S.230)
Im Februar 1918 erklärte Litauen, noch unter deutscher Besatzung, seine Unabhängigkeit. Es gelang diese gegen die Rote Armee und gegen die Polen durchzusetzen. Das litauische Sprachgebiet beschränkte sich auf Kaunas und die Dörfer. Vilnius gehörte durch den Schachzug von Josef Pilsudski wieder zu Polen. In der Stadt lebten Juden und Polen und es gab nur knapp 3 % Litauer. In keiner der wenigen litauischen Städte waren Litauer in der Mehrheit. Aly S. 231
Der Handel lag zu 75% in jüdischer Hand, knapp 46% der Immobilien in den Städten gehörten Juden (zu 7% Litauern). Durch die Agrarreform von 1922 wurde den Großgrundbesitzern (Deutschen, Polen und Russen) Land genommen und an Landlose verteilt. Die Juden betraf das nicht. Sie litten auf andere Weise. Staatliche Stellen wurden nicht an Juden vergeben. In Kaunas, wo Juden ein Drittel der Bevölkerung ausmachte, gab es gerade mal elf jüdische Angestellte. Mit der 1940 erfolgten erneuten Besetzung Litauens durch die Sowjetunion, durften Juden wieder in staatlichen Organen arbeiten und fielen durch ihre vorherige Abstinenz auf.
Die nun (wie gesagt, Litauen ist ja erst 1918 unabhängig geworden, nach langer polnischer Dominanz und anschließend 140 Jahren russischer Besetzung) zu Litauen gehörenden Juden, sprachen sehr gut Polnisch, Russisch und Deutsch. Das in den Städten unübliche Litauisch aber nicht. Aly S. 232
Age Meyer Benedictsen, ein dänischer Ethnograf, berichtet über seine Reise nach Litauen in den frühen 1890er Jahren in seinem 1924 erschienenen Buch "Lithuania...Awakening of a Nation" [1890 gehörte Litauen natürlich noch zu Russland] (Zitat aus Lamonis Briedis Buch "Vilnius...City of Strangers"):
Die Juden waren seit der frühesten Zeit, über die wir zuverlässige Aufzeichnungen haben, in Litauen, aber sie waren weder willens noch fähig, sich mit den Einheimischen des Landes zu assimilieren. Ihre große Zahl, ihre Vorurteile, ihr religiöser Fanatismus und ihre uralte Sondergesetzgebung haben dazu beigetragen, ihre Position als ein völlig fremdes Element im Land zu festigen. Die vielen Jahrhunderte haben sie eher von der einheimischen Rasse entfremdet, als sie mit dieser zu vereinen, sie sprechen untereinander nicht die Landessprache, sondern benutzen ihren eigenen hebräisch-deutschen Dialekt, sie kleiden sich nicht wie das übrige Volk; obwohl man ihnen verboten hat, ihre alte eigentümliche Kleidung zu benutzen, schaffen sie es durch ihre Kleidung, anders auszusehen als andere Menschen. Sie haben weder Freunde noch Feinde oder gemeinsame Interessen mit dem Volk. Die Politik der Juden war in der Hauptsache opportunistisch, und sie war es aus Notwendigkeit; sie waren nie gewillt, sich wirkliche Freunde zu machen, aus Angst, sich dadurch Feinde zu machen [AK: !]. Sie haben sorgfältig gewittert, von welcher Seite sie vorläufig den größten Schutz zu erwarten haben, und sie haben nie gewagt, sich darauf zu verlassen, in Sicherheit zu leben; sie haben wahrscheinlich nicht so das Interesse daran gehabt, dort zu leben, das sie gehabt hätten, wenn sie das Gefühl gehabt hätten, in einem eigenen Land zu leben. Litauen ist der Ort gewesen, an dem die Juden den einfachsten und aufrichtigsten Glauben an den Messias gehabt haben. Nirgendwo waren sie mehr bereit, den Erlöser zu empfangen, als in dieser abgelegenen Ecke, wo die Umgebung ihnen erlaubte, alle Erinnerungen, ihre Traditionen und Bräuche in ihrer ganzen mystischen Unklarheit zu bewahren. Bis zum heutigen Tag sagen die litauischen Juden mit derselben Zuversicht wie vor Jahrhunderten: 'Er kommt gewiss und Er kommt bald.'
Man sollte den litauischen Juden im Lichte dieses festen Glaubens, oder jedenfalls der erblichen Neigungen, die in diesem Glauben gründen, betrachten, um ihn zu verstehen zu versuchen, denn nur dann kann man ihm seine ganze Lebensweise verzeihen; man kann sogar etwas Großes in diesem Volke erkennen, das einem sonst unfreiwilig ungünstig beeindruckt.
Die litauischen Juden fühlen sich als Fremde, halb heimatlos inmitten eines Volkes, das sie meidet, ihr ganzes Dasein ist ein einziges ständiges Bestreben, auf dem einfachsten Wege eine Gleichgewichtslage zu halten, das nötige Brot zu finden, auf ihre eigene zwielichten Weise möglichst viel Macht zu erlangen, und es kümmert die jüdische Auffassung wenig, ob diese Macht zum Guten oder zum Bösen des Landes ist, in dem sie leben. So demütig und erbärmlich der Jude oft erscheint, der Stolz der Rasse wohnt noch in ihm. Was kümmert ihn die Grobheit und Verachtung der Ungläubigen, er verschenkt nur, wenn er dazu gezwungen ist, sein geistiger Stolz leidet nicht darunter.... Schmutzig, gemein und gierig von einem oberflächlichen Standpunkt aus betrachtet, besitzt der Jude noch das Gold der Seele, das zur rechten Zeit glänzen kann, und wenn man sich ihm ohne jedes dumme Vorurteil nähert, kann man das Gute in ihm sehen, dann werden die besten menschlichen Eigenschaften, Sympathie und Hilfsbereitschaft sichtbar.
Dieser zweiseitige Zustand ist die Ursache für jene falsche Stellung, unter der die Juden in Litauen seufzen, und es gibt viele unter ihnen, die das Ziel aus den Augen verloren haben, weil sie sich mit den Mitteln beschäftigen, wie sie es erreichen können.
Besser kann man auch die Situation (Beziehungen der ethnischen Litauer und litauischen Juden) vor dem II. Weltkrieg nicht beschreiben.
Einen Eindruck über das litauische Judentum der Zwischenkriegszeit vermittelt der schon oben erwähnte Alfred Döblin in seinen Aufzeichnungen über einen Besuch in Wilna 1924:
"Ich kann mich nicht enthalten zu denken, wie ich hinausgehe: Welch imposantes Volk, das jüdische. Ich habe es nicht gekannt, glaubte, das, was ich in Deutschland sah, die betriebsamen Leute wären die Juden, die Händler, die in Familiensinn schmoren und langsam verfetten, die linken Intellektuellen, die zahllosen unsicheren unglücklichen feinen Menschen.Ich sehe jetzt: Das sind abgerissene Exemplare, degenerierende, weit weg vom Kern des Volkes, das hier lebt und sich erhält. Und was ist das für einen Kern, der solche Menschen produziert wie den hinflutenden reichen Bal-Schem, die finstere Flamme des Gaon von Wilno. Was ging in diesen scheinbar kulturarmen Ostlandschaften vor. Wie fließt alles um das Geistige. Welche ungeheure Wirklichkeit misst man dem Geistigen, Religiösen zu?"
Alfred Döblin Reise in Polen (1924)
Und in einer Zusammenfassung 1934 schrieb er:
"Als ich vor einem Jahrzehnt die alte, geschlossene Judenheit in Polen aufsuchte und zum ersten Mal, staunend, ergriffen, tief bewegt und noch ohne Ahnung von dem, was kommen sollte, jüdisches Volk und Leben sah, öffneten sich mir die Augen: Ostjuden können Juden sein, Westjuden können nicht Juden sein". A. Döblin Ende und Wende der Emanzipation (1934)
Es gab in den 1930 Jahren einige Pogrome in Kaunas und Vilnius, die aber von der Smetona Regierung bekämpft, bzw. (Vilnius gehörte ja zu Polen), verurteilt wurden. Ein Eindruck, wie noch 1931 auf Übergriffe gegen Juden reagiert wurde, bekommt man mit diesem Artikel aus der litauischen Zeitung "Lietuvos aidas" von 1931 (aus S. Suziedelis "Crisis, War and the Holocaust in Lithuania):
"It may seem to some that the Jewish nation has some unsympathetic characteristics (and what nation does not have them?). It may even be supposed that Poland's Jews have more such features than their conationals in other countries. But in no way and under no conditions can pogroms be justified. A pogrom is an inhuman, disorderly use of brutal force against other people, citizens of the same state of a different nationality. A pogrom is essentially an immoral and indecent method of struggle, the use of which contradicts the most elemental principles of human solidarity.... Independent Lithuania cannot forget that all inhabitants of the occupied Vilnius district, without regard to religious, national, or other differences, are her children."
Der Anteil der jüdischen Studenten im Vergleich mit den Litauern war viel höher. Litauer begannen Einschränkungen für Juden zu fordern und mehr "einheimische Intelligenz" zu unterstützen. Der Staat begann seine jüdischen Einwohner zu diskriminieren. Juden wurden 1934 aus der Holzwirtschaft, dem Transportgewerbe, dem Handel mit Tabak, Flachs, Streichhölzern, Kohle und Zucker ausgeschlossen. Öffentliche Aufträge gingen an "christliche" Unternehmen. Litauen sollte wieder den Litauern gehören.

Litauen den Litauern
Besonders unrühmlich empfinde ich die Arbeit des Nationalen Schützenverbandes, der sogenannten "Šiaulisten", die sich stark an der antisemitischen Agitation beteiligten und auch während des späteren litauischen Holocaust eine unrühmliche Rolle spielen sollten. (Mitglieder der Šiaulisten saßen auch in Telsiai im Gefängnis (Rainiai Massaker)).
So attackierten Redner der Šiaulisten das "destruktive jüdische Gebaren", wollten "die Juden aus der Wirtschaft [zu] eliminieren, um so die Positionen der Litauer zu unterstützen".
Der wirtschaftliche und geistige Aufstieg der Litauer sollte auf Kosten der Juden stattfinden. Aly S. 233
Während die Regierung Smetona noch eine relativ liberale Judenpolitik betrieb (Smetona und Außenminister Urbsys sollen auch die Sowjetische Dominanz als das kleinere Übel angesehen und den Deutschen einen Sieg gegen den mächtigen Anglo-Amerikanischen Gegner nicht zugetraut haben [Suziedelis Lithuanian Collaboration zit. Liudas Truska "Smetona"], stachelte die von Augustinas Voldemaras gegründete Organisation "Eiserner Wolf" (Gelezinis Vilkas) zum Judenhass auf.
Christoph Dieckmann beschreibt die Gelezinis Vilkas als "radikale faschistische Gruppe", die 1927 als geheimer paramilitärischer Verband nach dem Vorbild der italienischen Faschisten gegründet wurde. Voldemaras benutzte sie, um die Regierung Smetona zu bekämpfen.
"Der Verband hatte kein politisches Programm, sondern verstand sich als aktive politische Wache des litauischen Volkes, der alle »antivölkischen« und »antistaatlichen« Aktivitäten bekämpfen wollte, um eine neue Ordnung nach italienischem Vorbild zu schaffen. Seine Hauptgegner sah er in Polen und Juden. Er behauptete, seine Ziele seien "die Ehre des Volkes und das Wohlergehen des Staates". In Kaunas hatte der Gelizinas Vilkas 1930 etwa 1.000 bewaffnete Mitglieder.
Nach dem litauisch-sowjetischen Beistandspakt von Oktober 1939 kam es in Kaunas zu wilden pro-sowjetischen Demonstrationen, bei denen überdurchschnittlich viele Juden teilnahmen. (Suziedelis)

Litauische Juden begrüßen den Beistandspakt mit der Sowjetunion (Foto Sela Museum Birzai) und 1940 die sowjetischen Truppen mit Blumen. Ein Jahr später begrüßen die Litauer die Wehrmacht mit Blumen.
Laut Frieda Frome lebten Litauer, Juden, Russen und Deutsche unter Smetona friedlich und mit gegenseitiger Toleranz zusammen. Das änderte sich nach dem litauisch-sowjetischen Beistandsabkommen von 1939 mit der Einrichtung von sowjetischen Basen.
"As the Communists became more active after the establishmet of Soviet bases in October 1939, she recalls, "little by little my thoughts were channeled into the Russian stream of ideology ... so strongly that my parents were horrified at the opinions I expressed." (Suziedelis)
Saulius Suziedelis meint, die zunehmende antisemitische Haltung der LAF Führung in Berlin könnte durchaus aus Litauen und der dortigen Stimmung selbst gekommen sein und hätte kaum einen Anstoß von außen gebraucht. Das Programm der LAF, die "Richtlinien zur Befreiung Litauens" nehmen die Geschehnisse im Sommer 1941 ziemlich präzise vorweg (auch wenn sich wahrscheinlich von den Litauern kaum jemand die tatsächlich folgende Brutalität so vorgestellt hatte) .
In den "Lietuvai islaisvinti nurodymai" (Richtlinien zur Befreiung Litauens) vom 24. März 1941 steht über den weiteren Umgang mit den litauischen Juden:
"It is very important on this occasion to shake off the Jews. For this reason it is necessary to create within the country such a stifling atmosphere against the jews that not a single Jew would dare to even allow himself the thought that he would have even minimal rights or, in general, any possibility to earn a living in the new Lithuania. The goal is to force all the Jews to flee Lithuania together with the Red Russians. The more of them who leave Lithuania at this time, the easier it will be to finally get rid of the Jews later. The hospitality granted to the Jews during the time of Vytautas the Great is hereby revoked for all time on account of their repeated betrayal of the Lithuanian nation to its oppressors." (Suziedelis Lithuanian Collaboration)
Noch am 14-17. Juni 1941 kam es zu Deportationen von 20.000 Menschen (Litauer, Polen, Juden) nach Sibirien. Welches Leid diese Menschen erlebten, kann man bei der Lektüre von Dalia Grinkeviciute's Buch "Aber der Himmel...grandios" erahnen.
Unter den 20.000 Deportierten befanden sich weniger als 2.000 Juden, (Suzieldelis "Lithuanian Collaboration") damit aber immer noch überproportional viele im Vergleich zur ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.
87 % der in der Vorkriegs-UdSSR lebenden Juden waren urbanisiert. Im Ansiedlungsrayon sogar 90 %! (Raul Hilberg S. 305)
Anteil der Juden in den von Deutschen besetzten Orten im Osten:
Stadt und Jahr Jüdische Bevölkerung
der Volkszählung (Anteil an der Gesamtbevölkerung in Klammern)
Odessa (1926) 153200(36,4)
Kiew (1926) 140200 (27,3)
Lemberg (1931) 99600(31,9)
Dnjepropetrowsk (1926) 83900 (36,5)
Charkow (1926) 81100(19,4)
Chisinau (1925) 80000 (60,2)
Wilna (1931) 55000 (28,2)
Minsk (1926) 53700 (40,8)
Cernauti (1919) 43700 (47,7)
Riga (1930) 43500 ( 8,9)
Rostow (1926) 40000(13,2)
Bialystok (1931) 39200 (43,0)
Gomel (1926) 37700(43,6)
Witebsk (1926) 37100 (37,6)
Kirowograd (1920) 31800 (41,2)
Nikolajew (1923) 31000 (28,5)
Krementschug (1923) 29400 (53,5)
Zitomir (1923) 28800 (42,2)
Berditschew (1923) 28400(65,1)
Cherson (1920) 27600 (37,0)
Kaunas (1934) 27200 (26,1)
Uman (1920) 25300 (57,2)
Stanislaw (1931) 24800 (51,0)
Rowno (1931) 22700 (56,0)
Poltawa (1920) 21800 (28,4)
Bobruisk (1923) 21600 (39,7)
Brest Litowsk (1931) 21400 (44,2)
Grodno (1931) 21200(43,0)
Pinsk (1931) 20300 (63,6)
Winniza (1923) 20200 (39,2)
Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion begann einer der Wunschträume Hitlers in Erfüllung zu gehen. Das Ende des Judentums. Litauische Organisationen wie die LAF (Litauische Aktivistische Front) wurden über den Angriffstermin informiert und sollten der Wehrmacht beim Einmarsch in Litauen helfen. Es kam zu einem antisowjetischen Aufstand, bei der sich litauische Freiwillige in ganz Litauen organisierten, Güter und Infrastruktur vor den abziehenden Sowjets schützten – (Adolfas Ramanauskas soll so einer Schutzeinheit angehört haben) oder, wie Skeptiker meinen, den Sowjets in den Rücken zu schießen.
Es kam aber auch überall in Litauen zu Übergriffen gegen vermeintliche Bolschewisten, die aber fast immer Juden waren. Die Sowjets waren auf der Flucht. Die Nationalsozialistische Gleichsetzung von Jude=Bolschewist wurde besonders von der LAF verinnerlicht. Beispielhaft ist die Jagd auf Juden (=Bolschewisten) in Kaunas an der Lietukis Garage, bei der Juden vor vielen Zuschauern (auch Frauen und deutschen Soldaten) erschlagen wurden.
Dazu einige Zeilen aus einem Feldpostbrief des Soldaten Heinrich Sandt an seine Frau:
"Während ich meine Schritte diesem Platz zu lenkte, hörte ich schon von weitem ein Geschrei und Gestöhne, ein Lachen und Johlen, ein Fluchen und Kreischen. Da sah ich, wie Eisenstangen, Gewehrkolben, lange Holzknüppel u. andere Gegenstände mit Macht nach unten sausten, so als man mit Wut und Ingrimm auf irgend etwas nieder schlug. Und richtig. Die Juden waren hier zusammen getrieben und wurden einfach niedergeschlagen. Es war ein Bild, das in seiner Schauderhaftigkeit und Grausamkeit nicht übertroffen werden konnte.

Originalbild des Briefes vom Soldaten Sandt (jetzt YadVashem)
Daher will ich Dir keine Einzelheiten hierüber schreiben. Des Abends feierte die ... [AK: unleserlich] Volksseele ein Volksfest auf den Leichen der erschlagenen Juden. Ein Akkordeon spielte und johlend und schreiend tanzte der Mob auf den Leichen umher. Die Frauen waren die Schlimmsten. Sogar hochschwangere Frauen ergötzten sich leidenschaftlich an diesem Totentanz. Jetzt hat die Feldgendarmerie eingegriffen. Die Juden wurden hinfort humaner behandelt, d.h. sie wurden nach wie vor in Waffen zu Hunderten zusammengetrieben und dann erschossen; vorher aber müssen sie ihr Grab geschaufelt haben. So grausam kann eben nur der Slawe [sic!] sein."
Vielleicht war das Lietukis Massaker von den Deutschen angezettelt. Genau weiß man das nicht. Es kam ihnen aber entgegen und sie haben es nicht verhindert.
Die litauischen Partisanen, die sich von den Deutschen eine Befreiung vom sowjetischen Joch und einen eigenen Staat erhofft hatten, wurden entwaffnet und als Hilfskräfte in der Partisanenbekämpfung eingesetzt. Da ja jeder Jude ein Bolschewist war, galt es alle Juden auszuschalten. Man begann (die Wannseekonferenz lag noch in weiter Ferne!) zuerst die jüdischen Männer zu ermorden, bald folgten Frauen und Kinder.
Somit begann der Holocaust...auf litauischem Boden.
Götz Aly beschreibt eine der vielen überall in Litauen erfolgten Ermordungsaktionen beispielhaft mit einem Einsatz des "Rollkommando Joachim Hamann in Rokiskis wie folgt:
"Den Kern des Rollkommandos bildeten neben einigen fallweise hinzugezogenen Deutschen litauische Hilfspolizisten, die zuvor zum Teil antisowjetischen Partisaneneinheiten angehört hatten. Über die unter deutschem Kommando ausgeführte Massenerschießung heißt es im abschließenden Bericht: "In Rokiskis waren 3208 Menschen 4,5 Kilometer zu transportieren, bevor sie liquidiert werden konnten. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, mussten von 80 zur Verfügung stehenden litauischen Partisanen (Hilfspolizisten) über 60 zum Transport beziehungsweise zur Absperrung eingeteilt werden. Der verbleibende Rest, der immer wieder abgelöst wurde, hatte zusammen mit meinen Männern die Arbeit zu verrichten." Mit Arbeit war die Erschießung der Juden gemeint.
Hamanns Kommando verübte an 45 Tagen 62 Erschießungsaktionen und ermordete dabei 52.922 Menschen, fast alles Juden.
Insgesamt beteiligten sich laut dem Historiker Alfredas Ruksenas 6.000 Litauer direkt an den Judenerschießungen.
Vom staatlichen litauischen Vilnius Gaon Museum (dem jüdischen Museum von Vilnius, siehe Litauen Geschichte) gibt es eine interaktive Karte von allen Massakerorten in Litauen. Beispielhaft sei hier die Erschießung der Juden von Birzai genannt:
“On August 8, 1941, the Jews of Biržai were killed en masse. On the eve of the massacre, prisoners from Biržai prison and Jews dug 2 large pits in Astravas grove (3 kilometers from Biržai). On the day of the massacre a former lawyer from Pasvalys, then a representative of the Gestapo of Šiauliai, Petras Požėla arrived in Biržai with a number of German security police and SD officers. The Jews were told to gather in the synagogue. All precious jewelry was taken from them. Then white armbanders took people in groups of 100–200 to the Astravas grove where they were shot. The massacre lasted from 11 A.M. to 7 P.M. On that day all Biržai Jews were shot. According to data from a Soviet Special Commission, in all about 2.400 Jews were killed (900 children under 14, 780 women and 720 men). The massacre was carried out by Gestapo officers, Linkuva white armbanders (about 30 people) and Biržai white armbanders and policemen (about 50 people).”
Oder bei Christoph Dieckmann S. 813:
"Am 8. August 1941 ermordeten unter der Leitung des Rechtsanwalts und späteren Gebietsrats Pozela litauische Polizisten aus Siauliai, 30 Aufständische aus Linkuva, 50 Polizisten und Aufständische aus Birzai 900 jüdische Kinder, 780 Jüdinnen und 720 Juden im Wald Astravas, 3,5 km nördlich des Städtchens. Die 2.500 Opfer waren am 26. Juli 1941 in ein Ghetto in der Stadt gesperrt worden.
Das Kriegsende erlebten nur drei Juden aus dem Amtsbezirk Pasvalys.
Insgesamt starben im Kreis Birzai über 5.600 Juden, über 200 Litauer und 27 Russen."
Private Bereicherung nach den Erschiessungen war bei manchem Litauer verpönt. So wurde der oben genannte Rechtsanwalt Požela von Staatsanwalt Krygeris angezeigt, weil Požela 300.000 Rubel und zwei Koffer mit Gold und Silber nicht registriert hatte. (Dieckmann S. 864)
Interessant im englischen Text die Aussage, dass der Gestapo Repräsentant von Siauliai (ein Litauer) mit ein paar Deutschen in Birzai ankommt. Dreissig Weissarmbändler (die Aufständigen gegen die Sowjets am Tag des deutschen Einmarsches in Litauen trugen weiße Armbinden als Erkennungszeichen) aus Linkuva und Weißarmbändler aus Birzai halfen den Deutschen.
Laut Auskunft eines der Projektteilnehmer des Holocaustkartenprojektes waren höchstens zehn Deutsche dabei. Gewöhnlich waren es nur drei. Also drei bis zehn Deutsche und achtzig Litauer. Wer waren die litauischen Teilnehmer an diesen Erschiessungen? Was machten sie, als die Deutschen Litauen verlassen mussten? Dazu Dieckmann:
Was "... in den Kreisen Birzai mit den sehr frühen Morden und Zarasai, wo es augenscheinlich keine Ghettoisierung gab, geschah, erscheint nur noch in Ansätzen rekonstruierbar. Ebenfalls reichen die wenigen verfügbaren Quellen und Erinnerungen nicht aus um die Perspektive der verfolgten Juden mehr als nur anzudeuten. Es gab in dieser Region – wie fast überall in der litauischen Provinz – schlicht keine Zeit, um Tagebuch zu führen oder andere Dokumente zu hinterlassen. Ganz ohne Zweifel war die Situation der Juden hier ausweglos, und nur wenige konnten fliehen. Noch weniger konnten in diesem Umfeld überleben."
[Noch einmal in aller Deutlichkeit: es geht nicht um die Leugnung der deutschen Schuld. Der litauische Holocaust ist vollständig von den Deutschen zu verantworten. Ohne den Einmarsch der Wehrmacht würden die litauischen Juden noch leben. Es geht mir lediglich darum der litauischen Tendenz zu begegnen, jegliche Beteiligung zu leugnen und sich nur als Opfer zu sehen (der berühmte doppelte Genozid).]
Sela Museum Birzai
Die alte Ausstellung im Sela Heimatmuseum in Birzai. Hier waren noch bekannte Mörder an den litauischen Juden auf Bildern zu sehen. Geachtete Birzaier Bürger. Mittlerweile sind die Bilder zu meinem Leidwesen abgehängt.
Auf der rechten Seite im abgebildeten Ausstellungsraum hingen die Bilder der nach Sibirien deportierten Litauer. Auch heute werden die Juden noch manchmal für die von der Sowjetunion durchgeführten schrecklichen Deportationen nach Sibirien verantwortlich gemacht. (Dalia Grinkeviciute beschreibt den Schrecken sehr eindrucksvoll.)
877 Litauer tragen den Titel "Gerechter unter den Völkern" im Vergleich zu 569 Deutschen! Allerdings war es für die Retter manchmal besser, falls sie die deutsche Besatzung überlebten, ihren Nachbarn nichts darüber zu verraten, dass sie Juden geholfen hatten. Aly S. 334
Von den 240.000 litauischen Juden haben die deutsche Besatzung nur diejenigen überlebt, die entweder vorher von den Sowjets deportiert wurden (wie Grinkeviciute schreibt und die Historiker immer wieder betonen, sind auch überproportional viele Juden 1941 nach Sibirien deportiert worden) – oder die sich in Litauen versteckten bzw. als Partisanen kämpften. So überlebten etwa 20.000 Menschen.
Viele der Überlebenden haben nach dem Tod Stalins die Lockerung der Auswanderungspolitik genutzt und sind in die USA und Israel ausgereist.
Am Schluss zwei Gedanken:
-Wie würde Litauen heute aussehen, wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte? Hätten Juden (Marianna Butenschön beschreibt sie als städtisch-jüdisches Element) und Litauer es gemeinsam geschafft, Litauen zu einem entwickelten modernen Industriestaat zu machen?
-Was würden die Litauer heute darüber denken, wenn es in "ihrem" Land eine große "klar abgrenzbare, anders sprechende, sich anders verhaltende, andersgläubige Menschengruppe" [Aly S. 364) geben würde?
Interessante und heikle Fragen.
Mit dem Einmarsch der Deutschen hatte das Judentum in Litauen praktisch aufgehört zu existieren.
Juden heute
Heute gibt es wieder positive Ansätze die jüdische Gemeinschaft in Litauen zu beleben. Die große Choral Synagoge lädt zum Gottesdienst und zum Besuch ein. Es gibt viele Bestrebungen das gemeinsame schwere Erbe aufzuarbeiten. Private Organisationen wie DefendingHistory kämpfen gegen das Vergessen, der aus Oxford stammende Professer Dovid Katz bietet seit 1998 jiddisch Kurse an und 2001 wurde das Vilnius Yiddish Institute gegründet.
Und es gibt sogar eine Ryanair Verbindung zwischen Vilnius und Tel Aviv.
Wird fortgesetzt.
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Quellen:
Götz Aly: Europa gegen die Juden 1880-1945
Wikipedia "Juden in Russland" "Gaon von Wilna"
Christop Dieckmann: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944 Band 1-2
Saulius Suziedelis "Lithuanian Collaboration during the Second World War" in "Kollaboration in Nordosteuropa"
Raul Hilberg "Die Vernichtung der europäischen Juden 1-3"
Karen Sutton "The Massacre of the Jews of Lithuania"
Marianna Butenschön "Litauen"
Zitate aus dem Buch Musiskiai (Our People) von Ruta Vanagaite und Efraim Zuroff
Karäer in Trakai
Wenn man die Burg in Trakai besucht, berichtet jeder Reiseführer von der Gemeinschaft der Karäer die hier in Trakai ihr litauisches Zentrum haben und von deren Kultur die Häuser rund um die Trakaier Burg zeugen.
Die Karäer (die Tora Leser) sind eine alte jüdische Sekte aus der Gegend des heutigen Irak, die nur die Tora (also den ersten Teil des Alten Testaments) als heiliges Buch anerkennen und jede weitere religiöse Quelle wie Talmud oder rabbinische Tradition ablehnen.
Karäisch ist die einzige Turksprache der Welt, die mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird.
Im Jahre 1397 brachte Großfürst Vytautas die Karäer als Palastwache von der Krim mit nach Trakai. Litauen beherrschte damals große Teile Osteuropas bis zum Schwarzen Meer. Auf die Krim sind die Karäer wahrscheinlich aus dem Irak oder Konstantinopel gekommen und nahmen dort eine Turksprache an.

Kenesa, Synagoge der Karäer in Trakai. Eine zweite steht in Vilnius.
Im Jahre 2007 sollen noch 257 Karäer (darunter 16 Kinder) in Litauer gelebt haben. Angesichts der Bevölkerungsflucht wird diese Zahl wahrscheinlich heute schon viel kleiner sein. Alleine in Trakai, des karäischen kulturellen Zentrums Osteuropas sollen 60 Karäer wohnen. Auch aus den anderen großen Karäischen Gemeinden wie Ägypten, Russland, Irak und Syrien sind fast alle Mitglieder in die USA oder Israel (wo sie als nichtreligiöse Juden angesehen werden) ausgewandert.
Die Nationalsozialisten befassten sich zum ersten Mal mit den Karäern, als sie die Durchführungsverordnungen der Nürnberger Gesetze veröffentlichten.
Anfang 1939 entschied die Reichsstelle für Sippenforschung in Berlin, dass die Karäer nicht als Teil der jüdischen Religionsgemeinschaft zu betrachten seien, sondern vielmehr jedes Mitglied einzeln nach seinem Stammbaum betrachtet werden sollte.
Im Frankreichfeldzug waren die Deutschen mit den Karäern konfrontiert, akzeptierten aber deren Behauptung, keine Juden zu sein. Im Russlandfeldzug stießen die Einsatztruppen auf die Karäer auf der Krim und in Litauen. Sie baten um Stellungsnahme aus Berlin. Doch schon bevor diese vorlag, hatten die Einsatztruppen an vielen Orten im Osten Karäer ermordet. Himmler entschied, dass die Karäer als sowjetfeindliches Turkvolk nicht ermordet werden sollten, weil sie türkisch-mongolischer und nicht genuin jüdischer Herkunft seien.
Im Sommer 1942 schickten deutsche Stellen Anfragen an jüdische Gelehrte in den Ghettos von Warschau, Vilnius und Lemberg, ob die Karäer Juden seien. Wider eigener Überzeugung, also um den Karäern das Schicksal der europäischen Juden zu ersparen, erklärten die Gelehrten sie für nicht jüdisch.
Im Mai 1943 kam das Ministerium für die besetzten Ostgebiete zu der Überzeugung, dass die Karäer türkisch-tatarisch-mongolischer Herkunft und somit keine Juden waren. Rassenkundliche Untersuchungen an Karäern untermauerten diese Einschätzung.
Für die Karäer in Litauen waren diese Einschätzungen der nationalsozialistischen Rassenkundler großes Glück, denn nur so konnten sie den Rassenwahn der Jahre 1941 bis 1945 überleben.
Dies ist also der Grund warum wir bei einem Besuch in Trakai die schönen Karäer- (auch Karaimen) Häuser anschauen können und warum es auch nach dem Wüten der Sonderkommandos in den Kriegsjahren jüdische litauische Karäer gibt.
Wer denkt beim Anblick der schönen Wasserburg darüber nach?
Eine Beschreibung der litauischen Karäer gibt es von Alfred Döblin, der 1924 Polen, darunter das damalige Wilno, besuchte. Seine Erlebnisse beschrieb er in seinem Buch "Reise in Polen"- Hier ein Auszug zu den Karaiten:
"Es gibt eine Karäer-Gemeinde hier; in Troki [Trakai] soll eine große sein, dann in Halicz in Galizien und bei Lodz. Sie sagen nicht Karäer, sondern Karaiten. Ist eine Abspaltung des Judentums. Erst haben die Juden, landlos, staatlos, tempellos, in Palästina und Babylonien den Talmud ausgebildet; die Arbeit war im vierten Jahrhundert nach Christus beendet. Dann erfolgte, was ein Historiker beschreibt: «Das Talmudstudium sank zu einer trockenen Gedächtnissache herab und ermangelte der geistigen Befruchtungsfähigkeit.»
Der Sohn eines jüdischen Fürsten im ehemaligen Babylonien leitete eine talmudfeindliche Bewegung ein, drängte zurück auf die Bibel: ein Luther im Judentum. Er verschärfte Bestimmungen, die er glaubte aus der Bibel zu lesen, hob andere auf. Die alte und neue jüdische Gruppe verketzerten sich gegenseitig. Das Karäertum lebt noch heute, in heftigster Feindschaft zum talmudgebundenen Judentum. An der Peripherie Wilnos haben sie sich einen neuen Tempel gebaut; ich will ihn sehen.
Auf dem Wege erzählt mir ein Begleiter: Die Karaiten besaßen früher in Wilno große Macht. Der Haupttempel war in ihrer Hand. Einmal kam es zu einem schweren Konflikt. Ein großer polnischer König, Kasimir, wolllte den Juden Privilegien verleihen, und es entstand die Frage, wer die echten Juden seien und in wessen Hand er die Macht legen sollte, in karaitische oder «rabbanitische». Es handelte sich um alle Gewalten, Kultus, Schule, Selbstverwaltung.
Der König lud Vertreter der Gruppen vor sich. Ein Rabbanit und ein Karait erschienen vor Kasimir. Der Karait, wie er in den Saal trat, zog die schmutzigen Schuhe aus. Auch der Rabbanit neben ihm zog sie aus. Dann nahm er sie aber unter den Arm und stellte sich vor den König auf am Thron. Der große Kasimir wunderte sich: «Was tust du da, Rabbi? Du trägst deine Schuhe unter dem Arme Warum läßt du sie nicht draußen stehen wie die anderen?»
Der Rabbanit: «Ich weiß, wir klagen nicht um Schuhe, Herr König. Aber ich habe nicht gewagt, sie draußen zu lassen. Ich hab’s nicht gewagt. Ich möchte dir antworten aus unserer Heiligen Schrift. Da steht: Als Moses die Schafe Jathros, seines Schwähers, des Priesters in Midia, weidete, kam er an den Berg Gottes des Allmächtigen, Horeb. Der Engel des Herrn erschien in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und Moses ging näher heran. Aber Gott rief ihm zu: Mose, Mose, der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land. Zieh dir die Schuhe aus von den Füßen. Moses, unser Führer, sein Andenken sei gesegnet, hat getan, wie der Herr befahl. Ich erzähle dir aus der Heiligen Schrift. Als er aber aus dem Dornbusch zurückkam, Herr König, und seine Schuhe suchte, fand er sie nicht. Es war einer hinter ihm gewesen, ein Karait - und hatte sie gestohlen.»
Der Karait, wie gestochen, fuhr auf den Rabbi los: «Was sagst du? Was wagst du dem großen König Kasimir zu erzählen. Was unterstehst du dich, mit Lügen vor den großen König zu treten. Lügen, ja Lügen, Herr König! Ein Karait soll Mose die Schuhe gestohlen haben! Ein Karait! Schlägst dich ja selbst, Rabbi. Mose stand allein am Dornbusch! Ganz allein. Gab es denn Karaiten, als Mose am Horeb stand?»
Der Rebbe lachte, verneigte sich vor dem König, verneigte sich vor dem Karaiten, drückte seine Schuhe zärtlich an sich: «Hör ihn an, Herr König. Hör, was er selbst sagt, nicht ich, und urteile. Er sagt: Es gab keine Karaiten, als Mose, unser Führer, sein Andenken bei Gott, am Horeb stand. Er sagt es selbst. Es waren nur die Leute Jathros, des Priesters in Midia, bei ihm. Er kennt unsere Schrift gut. Und da tritt er auf, er, der Karait, und will gegen mich sprechen. Er will die Rechte von dir empfangen. Weil er vornehmer, echter ist. Wer ist vornehmer? Ist ein Kind vornehmer als der Vater? Wo ist ein Kind vornehmer, echter als sein Vater. Ein Kind, sage ich; sage ich ein Kind? Wer weiß, wer kann feststellen, was für ein Kind es ist, ein echtes oder bewahre mich ein unechtes, ein untergeschobenes, von dem der Vater nichts wissen will.» Der große Kasimir hob die Hände. Er lachte mit dem Rabbi und den Hofleuten. Der Karait fauchte. Aber der Rebbe hat die Judenrechte empfangen.
Weit durch die Mickiewiczastraße fährt man zu ihrem Tempel, an einem weiten Marktplatz, einem neuen Gerichtsgebäude vor bei. Dann kommt der Fluß. Dünner Fadenregen trübt seinen Spiegel. Jenseits der Brücke im welligen und waldigen Gelände steht frei eine große weit ausladende Kirche von fremdländischem Typus, eine russische mit Goldkuppeln.
Und nicht fern ganz im Grünen der kleine Tempel der Karaiten. Byzantinische Kuppeln, ein völlig neues Gebäude. Zur Seite trete ich ein, bin in einem sehr hellen nüchternen Kirchenraum: wirklich, protestantische, puristische Kühle und Nüchternheit. Eine Reihe von Tischbänken rechts und links. Daran stehen etwa 50-60 Menschen, Männer und Frauen durcheinander, die Gesichter nach vom. Die Männer haben die Hüte auf, eine Anzahl trägt über den Schultern einen weißen schmalen und kurzen Gebetsschal, den Rest des Gebetsmantels. Sie blicken nach vom, wo oben in der Wand goldene hebräische Lettern die zehn Gebote vortragen. Eine Altarerhebung ist da; ein blaugedeckter einfacher Tisch steht in der Mitte vom, über den man einen rotgestickten Läufer gelegt hat. Ein sehr dickes rotgebundenes Buch liegt auf dem Tisch; es wird die Bibel sein. Ganz im Hintergrund schließt die Wand ein goldgewirkter Vorhang ab. Und vom singt einer, liturgiert. Ein großgewachsener Mann; ich sehe ihn von hinten. Er steht unterhalb des Altars in einem schwarzblauen Talar, darüber ein weißes Hemd nach Art der katholischen Chorhemden. Jetzt dreht er sich um; rechts auf der Vorderbank lösen ihn im Gesang zwei gewöhnlich gekleidete Männer ab. Die Gemeinde fällt manchmal ein mit einem singenden Amen. Keine Orgel, kein Chor. Die Bücher, in denen die Männer und Frauen lesen, haben hebräische Quadratschrift; in den Fächern der meisten Bänke liegen noch andere Bücher. Ganz ruhig stehen alle, niemand bewegt den Oberkörper, einige halten die Hände zusammengelegt vor der Brust. Nun tritt ein Mann aus seiner Bank hervor, fällt vor dem Altartisch auf die Knie, beugt sich ganz auf den Boden, steht auf und hebt das dicke rotgebundene Buch vom Tisch auf. Er trägt es unter dem Gesang der Gemeinde tiefer in den Hintergrund, schiebt es in einen Schrank. Dann ist der Gottesdienst zu Ende. Langsam packen sie ihre Bücher zusammen, stecken die Gebetsschärpen in kleine Sack- und Ledertaschen. Wie sie jetzt an mir vorüber durch den Gang wandern, kann ich sie betrachten. Viele haben Mützen auf, sehen wie Handwerker, Arbeiter, Kleinhändler aus. Sie sprechen untereinander russisch, manche polnisch. Niemals höre ich Jiddisch. Sie sind der Herkunft nach verschieden. ; die anderen sind Russen oder Polen, haben slawische Backenknochen, breite kurze Nasen, allerhand Mongoloides. Langsam wandert, wie sich der Tempel leert, der Prediger oder Vorsänger zwischen ihnen im Mittelgang. Eine flache runde Mütze hat er auf, dunkel wie sein Mantel, aber mit einem umlaufenden weißen Streifen. Weißbärtig ist er; ein typisch slawisches Gesicht.
Beim Herauswandern entsteht eine heftige Debatte. Auf dem Hof hinter dem Tempel steht eine geräumige Laubhütte, aus Brettern und auf gewöhnliche Art grün gedeckt. Eine Anzahl der Fremden will mit den Karaiten über den Hof in die Laubhütte gehen. Das lassen die aber nicht zu. Ein Karait, ein einfacher Mann, fährt einen auf russisch an, er habe hier überhaupt nichts zu suchen; man legt sich nicht in ein fremdes Bett. Andere Karaiten, besonders eine Frau, mischen sich ein. Die Fremden müssen sich zurückziehen. Von der Tür sehe ich noch, wie die ganze Gemeinde sich über den grünen Hof bewegt und langsam mit dem Priester in der großen gemeinsamen Laubhütte verschwindet.
Meine Begleiter sind erregt, verblüfft über den Haß, der ihnen da entgegenströmte. Im Weggehen erzählen sie, die Karaiten hier sprechen fast nur russisch, aber unter sich reden sie ein «Tötörisch», tatarisch. Wie sie zu der Sprache kommen, wissen sie nicht."
Quellen: Gabriele Anderl "...wesentlich mehr Fälle als angenommen"
"Verbrechen der Wehrmacht" Christoph Dieckmann u.a.
Der Einsatz <geeigneter Landeseinwohner> am Beispiel Litauens
Das Wilna-Problem in der polnischen Außenpolitik
"Unerschütterlicher Grundsatz war, daß keine litauische Regierung, die auf Wilna verzichtete, länger als einen Tag an der Macht bleiben würde. "
Für die meisten Menschen, hier sind die Litauer (selbst die Bürger von Vilnius) nicht ausgenommen, ist der umstrittene Status von Vilnius (oder Wilna) unbekannt. Doch wurde um Vilnius noch vor 90 Jahren gekämpft. Beharrten Polen und Litauer darauf, dass Vilnius zu ihrem Staatsgebiet gehört. Für die heute lebenden Litauer ist Vilnius als litauische Hauptstadt genauso selbstverständlich wie Klaipeda schon immer zu Litauen gehörte.
Die Geschichte ist im Falle Vilnius aber verzwickt. Hatten sich die Staaten Litauen und Polen doch seit 1386 durch eine Personalunion so eng aneinander gebunden, dass die stärkere polnische Kultur das kleinere Litauen überflutete. Die litauische Hauptstadt Vilnius wurde eine internationale Stadt (wie Tomas Venclova treffend beschreibt, und dadurch von litauischen Nationalisten angefeindet wird). So kam es, dass 1916 in Vilnius nur noch 2,1 % Litauer wohnten. Aber 54 % Polen und 41 % Juden. Vilnius war eine multikulturelle Stadt, es wurde Jerusalem des Ostens genannt. Dieser Charme ist auch heute noch zu spüren, wenn man durch die Altstadt spaziert.
Viele berühmte Polen stammen aus dem Vilniuser Gebiet. Auch der ehemalige polnische Präsident Josef Pilsudski ist in Vilnius geboren, sein Herz in Vilnius begraben. Pilsudski war die treibende Kraft nach den Wirren des I. Weltkrieges Vilnius wieder in das polnische Staatsgebiet zu integrieren. Russland, Litauen und Polen waren an der Stadt interessiert. Ein tiefes Verständnis für die Geschichte von Vilnius (aber auch Litauens und Polens) vermittelt dieser interessante Artikel von Piotr Lossowski. (So war der zwielichte Kazys Skirpa während der schwierigen Nachkriegsjahre Gesandter in Warschau).
Professor Lossowski, geb. 1925, ist ein polnischer Historiker, Mitarbeiter der Polnischen Lehrakademie und der privaten Hochschule Collegium Civitas in Warschau. Lossowski spricht litauisch und hat sich auf die litauisch-polnische Zwischenkriegszeit, die polnische Außenpolitik der II. Polnischen Republik und die Baltische Geschichte spezialisiert.
Wir veröffentlichen diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung von Prof. Lossowski. Hervorhebungen durch Andreas Kuck.
Das Wilna-Problem in der polnischen Außenpolitik
1918-1939
von Piotr Lossowski
Die Bedeutung des Wilna-Problems in der Außenpolitik der zweiten polnischen Republik trat deutlich vor dem Hintergrund des polnisch-litauischen Konflikts hervor. In dieser Frage hatte die polnische Diplomatie Ganzheit und Integrität des Staates gegen Territorialansprüche eines Nachbarn zu verteidigen. Da die Standpunkte beider Seiten, Polens und Litauens, sich wechselseitig ausschlossen, zog sich die Auseinandersetzung über Jahre hin und nahm an Schärfe zu. Sie bildete einen gefährlichen Brandherd im östlichen Mitteleuropa, weckte die Aufmerksamkeit der Politiker, Diplomaten und Publizisten und zog später das Interesse der Forscher auf sich. Gewiß erschöpfte sich die Gesamtheit jener Schwierigkeiten, die mit dem polnisch-litauischen Konflikt zusammenhingen, nicht in der Wilna-Frage. Sie war aber unlösbar in den Zusammenhang eingebunden und stellte eines seiner Hauptprobleme dar.
Die polnische Haltung gegenüber Litauen wurde bereits in einer Äußerung Jozef Pilsudskis vom 18. Dezember 1918 deutlich. An eine Delegation von Litauern gewendet, sagte er, dass er nichts dagegen habe, wenn ein unabhängiger litauischer Staat entstehe. Er forderte allerdings, daß die Litauer ihre Ansprüche auf das ethnographische Litauen beschränkten, weil zum historischen Litauen unzweifelhaft polnische Gebiete gehörten. Mit anderen Worten: Er gab zu verstehen, dass nur ein föderativ mit Polen verbundenes Litauen auf den Besitz Wilnas zählen könne. Andernfalls werde es sich auf rein ethnographische Territorien beschränken müssen.
Pilsudskis Haltung war insoweit begründet, als sogar die in den Jahren 1916/17 von den Deutschen durchgeführte Volkszählung für die Stadt Wilna 54% Polen, 41% Juden und nur 2,1% Litauer nachwies. Das betraf auch die nächste Umgebung der Stadt. Der Volkszählung nach gab es im Wilnaer Kreis mit 63.000 Einwohnern 56.000 Polen und 2.700 Litauer.
Die unterschiedliche Haltung Polens und Litauens zeigte sich in vollem Umfang schon bei der Pariser Friedenskonferenz. Am 28. Februar 1919 überreichte der polnische Vertreter Roman Dmowski dem Forum eine Note, die die Eingliederung des gesamten litauischen Staates in den polnischen Staat forderte. In einem Schreiben an die Friedenskonferenz vom 3. März erklärte Dmowski: „Das Gebiet mit litauischer Sprache sollte als ein gesondertes Land in die Grenzen des polnischen Staates eingegliedert werden.“
So weit ging Pilsudskį nicht. Konsequent hielt er sich an seine im Dezember 1918 festgelegte Haltung. Vor dem Beginn der Offensive gegen Wilna, im April 1919, schickte er eine Delegation nach Kaunas, die der litauischen Regierung die Erneuerung der Union und eine Wiederherstellung des ehemaligen Großfürstentums Litauen offiziell anbot. Der Vorschlag wurde abgelehnt. Trotzdem ließ Pilsudskį nach der Befreiung Wilnas aus der Hand der Bolschewiki einen Aufruf „An die Bevölkerung des ehemaligen Großfürstentums Litauen“ verbreiten, in dem er zusagte, dass die Bewohner über ihre Zukunft selbst entscheiden sollten. Ihre in demokratischen Wahlen berufenen Vertreter würden über die Lösung innerer, nationaler und religiöser Angelegenheiten entscheiden. Nach der Eroberung Wilnas stoppte er den Vormarsch des polnischen Heeres nach Westen, so dass das ethnographische Litauen nicht besetzt wurde. Zwischen dem polnischen und litauischen Heer wurde eine Demarkationslinie festgelegt.
Als Roman Dmowski, der Führer der polnischen Nationaldemokraten, von der Einnahme ganz Litauens sprach, bestanden auch von Seiten Litauens sehr weit reichende territoriale Ansprüche. Am 24. März 1919 trat in Paris Augustinas Voldemaras mit einer Note an den Vorsitzenden der Friedenskonferenz heran, die Ansprüche auf die Rückforderung verschiedener Gebiete enthielt. Die Note umfasste folgende Gouvernements: Wilna, Kowno, Grodno und Suwalki sowie einen Teil Kurlands und Ostpreußens. Insgesamt forderte Litauen ein Gebiet von etwa 125.000 km2, mit einer Bevölkerungszahl von 6 Millionen. Auf diesem Territorium waren kaum ein Drittel der Bewohner Litauer.
Aufgrund der großen Unstimmigkeiten ist es nicht verwunderlich, dass die mehrmals aufgenommenen Verhandlungen erfolglos blieben. Am Ende beschränkte sich die litauische Haltung auf die entschlossene Forderung, Wilna einzugliedern, bei der gleichzeitigen Weigerung, wieder Beziehungen zu Polen aufzunehmen. Abgesehen von der extremen Haltung Dmowskis reduzierte sich die Position der polnischen Regierung auf eine Anerkennung des eingetretenen Status quo durch die Litauer. Die Abtretung Wilnas wurde von dem Einverständnis für eine Föderation abhängig gemacht. Die polnische Seite war insoweit in einer besseren Situation, als die Stadt selbst in ihrer Hand war.
Aber schon im nächsten Jahr änderte sich die Situation vollständig. Infolge der Offensive der sowjetischen Armee im Juli 1920 wurden die polnischen Truppen zum Rückzug gezwungen. Litauen schloss jetzt einen Friedensvertrag mit Russland, in dem vereinbart wurde, daß die sowjetische Seite Litauen nicht nur Wilna abgab, sondern auch Braclaw, Lida und Grodno, also Gebiete, in denen fast keine litauische Bevölkerung lebte. Der scheinbaren Großzügigkeit der sowjetischen Regierung lagen zwei Motive zugrunde: Russland wollte Litauen auf seiner Seite in den Krieg einbeziehen und war überzeugt, im Falle eines Sieges Litauen sowieso in die Hand zu bekommen. Letztlich verletzte Litauen seine neutrale Haltung im laufenden Krieg, was sich am deutlichsten im aktiven Eingreifen litauischer Truppen gegen die sich aus der Wilnaer Region zurückziehende polnische Armee zeigte. Die sowjetischen Machthaber gaben den Litauern Wilna jedoch nicht sofort zurück. Die Übergabe der Stadt erfolgte erst am 26. August 1920 — zu einer Zeit, als die geschlagene sowjetische Armee sich schon von Warschau zurückzog.
Die polnische Regierung erkannte den litauisch-sowjetischen Vertrag nicht an, musste sich jedoch im belgischen Spa, da sie von den Westmächten Hilfe im Krieg gegen die Bolschewisten suchte, den Alliierten gegenüber zur Bereitschaft verpflichten, „die Entscheidung des Höchsten Rates über die litauischen Grenzen zu akzeptieren“. Diese Verpflichtung wirkte sich auf das weitere Verhalten der Regierung in der Wilna-Frage aus. Als nach der gewonnenen Schlacht an der Memel die polnische Armee das Operationsfeld der litauisch-weißrussischen Gebiete betrat, stellte sich für Marschall Pilsudskį die Frage nach dem Wie der Rückgewinnung Wilnas — nur nach dem Wie, denn der Sachverhalt an sich ließ keinen Zweifel. Jozef Pilsudskį war von der Notwendigkeit einer Rückeroberung Wilnas überzeugt, da die Stadt seinerzeit durch die Kriegsgeschehnisse unter Zwang verlassen werden musste und darüber hinaus Litauen die Zusage seiner Neutralität im polnisch-sowjetischen Krieg nicht eingehalten hatte.
Eine Schwierigkeit bildeten jedoch die in Spa eingegangenen Verpflichtungen. In dieser Situation beschloss Pilsudskį, sich einer Täuschung zu bedienen und gegenüber den Westmächten eine angebliche Meuterei jener Teile der polnischen Armee, deren Soldaten aus litauischen Gebieten stammten, vorzuschieben. Eine solche Aktion wurde unter der Leitung des Generals Lucjan Zeligowski vorbereitet und führte am 9. Oktober 1920 zur Besetzung Wilnas. Auf dem besetzten Territorium gründete General Zeligowski einen Quasi-Staat mit dem Namen Mittellitauen. Politisch versuchte sich Polen der Verantwortung für die Wilna-Aktion Zeligowskis zu entziehen, gab aber gleichzeitig zu verstehen, dass der General durch die polnische Regierung gedeckt sei. Mit dem darin liegenden Widerspruch kam man kaum zurecht.
In Pilsudskis Konzept war Mittellitauen als Trumpfkarte für die Verhandlungen mit Litauen gedacht. In Polen hoffte man, die Litauer würden für das Angebot, Wilna zurückzugeben, der Föderation bzw. einer anderen Verständigungs- oder Kompromissform zustimmen. Man begegnete aber, ähnlich wie früher, einer unnachgiebigen Haltung. Es kam lediglich am 29. November zu einem Waffenstillstand. Die späteren Gespräche, die zuerst nur zwischen den beiden Staaten, dann unter Vermittlung des Völkerbundes geführt wurden, endeten ebenfalls erfolglos. Unter diesen Umständen reifte auf polnischer Seite der Entschluss, die Frage der Zukunft Wilnas einseitig und ohne Rücksicht auf Litauen zu lösen. Es wurde beschlossen, Wahlen zum Wilnaer Sejm, der über die Zukunft der Region entscheiden sollte, in Mittellitauen durchzuführen. Die polnische Seite bemühte sich, die Wahlen möglichst frei und ohne Druck abzuhalten. General Zeligowski verließ aus diesem Grund mit seinem Heer das der Abstimmung unterliegende Gebiet. Mit der Durchführung der Wahlen beauftragte Polen eine Gruppe bewährter Personen mit dem Generalkommissar Zygmunt Zabierzowski an der Spitze. Alle Nationalitätengruppen bekamen die Möglichkeit, ihre Kandidaten vorzuschlagen. Manche litauischen Funktionäre jedoch riefen zu einem Wahlboykott auf. Sie bemühten sich, auch andere nationale Minderheiten zur Verweigerung der Stimmabgabe zu veranlassen. Da die Teilnahme an den Wahlen freiwillig war, befolgte ein Teil der Minderheiten den litauischen Aufruf.
Die litauischsprachige Bevölkerung nahm nur in geringem Umfang an den Wahlen teil (8,2% aller Wahlberechtigten). Nicht groß war ebenfalls die Beteiligung der Juden (15,3%). Dagegen gingen 41% der Weißrussen sowie 66% der Karaimer und Tataren zu den Urnen. Die Wahlbeteiligung der polnischen Bevölkerung, die die Mehrheit bildete, war desgleichen sehr stark. Im Endergebnis zeigte sich, daß 64,4% aller Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht hatten. Die Wahlbeteiligung war damit insgesamt sehr groß. Der neu gebildete Wilnaer Sejm sprach sich am 20. Februar 1922 für die Eingliederung Wilnas und des umliegenden Gebietes nach Polen aus. Dieser Entscheidung stimmte der polnische gesetzgebende Sejm in Warschau am 24. März des Jahres zu. Die litauische Regierung dagegen verlieh ihrem Protest energisch Ausdruck, indem sie die Wahlen und die Entscheidungen des Wilnaer Sejm nicht anerkannte.
Daher bemühte sich die polnische Seite in der Wilna-Frage um internationale Sanktionen, um den Status quo sowie die geschaffenen und vollendeten Tatsachen beibehalten zu können. Litauen gegenüber bemühte man sich um Verständigung und Herstellung regulärer diplomatischer Beziehungen, jedoch unter der Bedingung, dass es den derzeitigen Zustand anerkennen sollte. In einem Schreiben an den Ratsvorsitzenden des Völkerbundes, Paul Hymans, stellte der polnische Außenminister Konstanty Skirmunt am 23. Januar 1922 fest: „Conformemant aux désires du Conseil le Gouvernement Polonais ne manquera pas de renouveler au Gouvernement Lithuanien la proposition d’établir immédiatement entre les deux Gouvernements des relations diplomatiques et consulaires, qui ne peuvent que contribué désormais de la façon la plus effective à consolider les rapports pacifiques de bon voisinage si justement recommandés aux deux Gouvernements par le Conseil.“
Ähnliche politische Schritte wurden auch direkt an Litauen gerichtet. Dabei hielt man sich an folgende Regel: „Unsererseits nehmen wir, zumindest vorläufig, die Frage Wilnas aus dem Bereich der polnisch-litauischen Beziehungen heraus und streben nach einer Verständigung mit Litauen auf der Grundlage der gemeinsamen Interessen zweier benachbarter Staaten. Zur Zeit bestehen keine Chancen für eine solche Verständigung. Da wir jedoch immer energischer unsere Bereitschaft dazu hervorheben, schaffen wir eine für uns bequemere Situation, um in der Frage Wilnas zu gewinnen.“
In der oben dargestellten Haltung zeigten sich im Vergleich zu der vorherigen Zeit neue Faktoren. Die Hoffnung auf Gründung einer Föderation mit Litauen wurde immer weiter hinausgeschoben, in den Vordergrund trat jetzt die Frage nach einer Regelung der gegenseitigen staatlichen Beziehungen, dies aber auf der Grundlage des nun geschaffenen Status quo. Sehr deutlich wurde das in einem 1922 vom polnischen Außenministerium verfassten Memorandum unter dem Titel „Das Programm der polnischen Politik gegenüber dem gegenwärtigen litauischen Staat". In der Ausarbeitung mit Weisungscharakter war unter anderem zu lesen: „Man soll jede Anstrengung unternehmen, um zu Litauen diplomatische Beziehungen herzustellen. Die ,de jure' Anerkennung Litauens ist der Preis, der gezahlt werden muß, um konsularische Beziehungen herstellen zu können.“ Weiter wurde festgestellt: „Es könnten zur Zeit folgende reale Vorschläge an die litauische Hauptstadt Kaunas gerichtet werden:
- De jure Anerkennung Litauens als Gegenleistung zur Herstellung der diplomatischen Beziehungen (mindestens Konsulate),
- gegenseitige Förderung des privaten Handels zwischen Polen und Litauen.“
Zum Konflikt um Wilna heißt es eindeutig: „Das Thema Wilna ist nicht nur aus den Verhandlungen mit Litauen herauszuhalten, sondern es soll auch weder daran erinnert noch durch Repressalien gegen Litauer in diesem Gebiet Salz in die Wunden gestreut werden.“ Dieser Haltung lag das Bestreben nach einer möglichst schnellen rechtmäßigen Anerkennung des politischen Status quo zugrunde. Das anzustrebende Ziel fasste Stanislaw Baczynski 1938 in internen Ausarbeitungen des Außenministeriums folgendermaßen zusammen: „Litauen hatte im politischen Spiel dem Völkerbund gegenüber alles zu gewinnen, Polen konnte nur verlieren, da es das ganze zurück gewonnene Land unter seiner Macht beließ. Der einzige Gewinn und damit das Ziel der polnischen Politik war unter diesen Bedingungen eine Veränderung der Lage aus einer Situation du fait in eine du droit.“ Diesem Punkt waren die gesamten Bemühungen der polnischen Seite untergeordnet.“
Wegen des entschlossenen Widerstandes der litauischen Seite war die Aufgabe nicht leicht zu bewältigen. Dennoch wurde an beruhigenden Erklärungen Litauen gegenüber nicht gespart. Minister Skirmunt erklärte am 22. Mai 1922 in der Sitzung des Sejm: „Als Antwort auf unbegründete Drohungen des Delegierten Litauens sage ich, dass Polen — gemäß der vor dem Rat des Völkerbundes eingenommenen Verpflichtung — Litauen nicht überfallen wird. Wir sind immer bereit, mit der litauischen Regierung direkte Verhandlungen aufzunehmen, um die Beziehungen im Sinne einer guten Nachbarschaft zu regeln.“
Der Nachfolger Skirmunts, Gabriel Narutowicz, nahm eine ähnliche Haltung ein. Er legte vor allen Dingen Wert darauf, daß die polnische Regierung angesichts der Entscheidung des Wilnaer Sejm der Meinung sei, die Frage der Zugehörigkeit Wilnas zu Polen bereits endgültig geklärt zu haben. „Die Frage Wilnas“, sagte er in einem Presseinterview am 25. Juli 1922, „sollte nicht Gegenstand von Tagungen auf internationaler Ebene sein. Das Schicksal der Region Wilna ist durch den Volkswillen definitiv besiegelt.“
Die Haltung der litauischen Seite war ähnlich entschlossen und unversöhnlich. Polnische Vorschläge, Verbindung zueinander aufzunehmen, und das Lockmittel einer rechtsverbindlichen Anerkennung Litauens machten in Kaunas keinen Eindruck. Unerschütterlicher Grundsatz war, daß keine litauische Regierung, die auf Wilna verzichtete, länger als einen Tag an der Macht bleiben würde.
Die Politik der litauischen Machthaber stand im Gegensatz zum Verhalten der polnischen Seite. Je lauter in Warschau erklärt wurde, die Wilna- Frage sei kein internationales Problem, desto stärker bemühte man sich in Kaunas, bei jeder Gelegenheit öffentlich an das Thema zu erinnern und hervorzuheben, dass die Frage weiterhin offen und ungeklärt sei.
Wenn man tiefer in die Problematik eindringt, erweist es sich, daß für die litauischen Politiker die Situation eines andauernden Konflikts mit Polen sogar gewisse Vorteile bot. Dies wird in vielen Quellen bestätigt, unter anderem in den Worten von Aleksandras Merkelis, dem Sekretär des Präsidenten Smetona, der nach Jahren schrieb: „Aus der Tatsache, daß Litauen mit Polen keine Beziehungen unterhielt, hatte es mehr Nutzen als Schaden. Bevor eine Generation mit einem starken Nationalbewusstsein aufwuchs, wurde die polnische Überflutung gestoppt. Diplomatische Beziehungen hätten der Wirtschaft Litauens wenig genutzt. An das Fehlen bilateraler Beziehungen mit Polen hatte man sich schon so gewöhnt, daß es eigentlich selbstverständlich und natürlich zu sein schien und anders nicht vorstellbar war.“
Weil es unmöglich war, sich mit der litauischen Seite zu verständigen, blieb der polnischen Regierung nur übrig, unter Vermittlung dritter Staaten zu handeln. Das war nötig, um die Einwilligung und Sanktionierung der Westmächte für die Eingliederung Wilnas in polnisches Staatsgebiet zu erhalten. Dabei handelte es sich um eine wichtige außenpolitische Aufgabe, um die sich die polnischen Diplomaten besonders seit Ende 1922 bemühten. Zu Beginn des Jahres 1923 beschloss Warschau, die willkürliche litauische Besetzung von Memel auszunutzen, um die Zustimmung zur endgültigen Einvernahme Wilnas zu erreichen. Unmittelbar nach dem litauischen Überfall wurde vor der Konferenz der Botschafter ein Protest gegen die Verletzung der Rechte Polens auf Nutzung eines freien Hafens in Memel überreicht und die juristisch verbindliche Anerkennung der polnisch-litauischen Grenze gefordert.
In London gab man zu verstehen, daß Großbritannien bereit sei, für die Anerkennung der östlichen Grenzen des polnischen Staates zu sorgen. Eine große Rolle spielte ebenfalls die Initiative der italienischen Regierung, die am 30. Januar 1923 vorschlug, daß die Botschafter-Konferenz die Memel-Frage nach der der polnischen Ostgrenzen untersuchen und diese endgültig klären solle. Der polnischen Diplomatie gelang es unterdessen (3. Februar) jedoch, die Einwilligung des Völkerbundes zu erhalten, den zwischen Polen und Litauen noch bestehenden neutralen Streifen zu teilen. Ein solcher Schritt wäre gleichbedeutend mit einer Anerkennung der Grenzen zwischen beiden Ländern gewesen.
Die polnische Regierung beschloß, andere Länder weiterhin unter Druck zu setzen, um die Angelegenheit endgültig zu klären. Der Sejm betonte am 12. Februar 1923 in einem Beschluß, die Anerkennung der polnischen Ostgrenzen sei eine politische Notwendigkeit und zugleich Bedingung für den Frieden insgesamt. Die polnische Regierung ihrerseits wandte sich am 15. Februar an die Botschafterkonferenz und verlangte offiziell, den Artikel 87 des Versailler Vertrags anzuwenden, in dem stand: „Polnische Grenzen, die in diesem Vertrag nicht festgelegt wurden, werden später durch die verbündeten und vereinigten Hauptmächte festgelegt.“
Die polnischen Bemühungen endeten erfolgreich. Am 14. März 1923 fiel die Entscheidung der Botschafterkonferenz, und am 15. März erfolgte die Ratifizierung des Zusatzprotokolls zum Versailler Vertrag. Darin wurde die Grenze Polens zu Rußland und Litauen bestätigt. Das war ein großer Erfolg der polnischen Diplomatie; der polnisch-litauische Konflikt um Wilna verlor damit an internationalem Interesse. Zugleich entstand eine neue Situation im Bereich der polnisch-litauischen Beziehungen.
Die litauische Regierung war sich der Lage bewußt. Dennoch versuchte sie zu protestieren und die Diskussion über die Wilna-Frage auf die Ebene des Völkerbundes zu bringen. Das Sekretariat des Völkerbundes stellte in einer Erklärung vom 27. März aber eindeutig fest, daß der Entschluß der Botschafterkonferenz „dem System der am 8. Oktober 1920 begonnenen provisorischen Abgrenzungen ein Ende bereitet“. Von diesem Zeitpunkt ab seien Verhandlungen seitens des Völkerbundes nicht mehr erforderlich. Angesichts des weiteren Drucks erklärte am 21. April der Vertreter des Völkerbundes, Paul Hymans, dem litauischen Delegierten, daß der Bund seine Aufgabe, den Frieden zu bewahren, erfüllt habe. Seine Intervention habe einen Krieg zwischen Polen und Litauen verhindert. Jetzt werde die politische Grenze gemäß dem von der litauischen Regierung anerkannten Versailler Vertrag gezogen.
Während die litauische Diplomatie auch weiterhin nicht resignierte und gegen den Beschluss vom 15. März 1923 vorzugehen suchte, bereitete die Botschafterkonferenz weiteren Diskussionen ein Ende. In einer Note an die Regierung Litauens vom 3. Dezember 1923 hielt die Konferenz fest, dass die Frage der polnisch-litauischen Grenze „abgeschlossen“ sei, und gab ihrer Hoffnung Ausdruck, daß Litauen „im eigenen Interesse“ friedliche Beziehungen zu Polen herstelle.
Obwohl die litauische Regierung auf dem internationalen Parkett erfolglos geblieben war, setzte sie mit Entschlossenheit ihre Politik fort. Hartnäckig wiederholte sie, daß es nach der Besetzung Memels die nächste Aufgabe sei, die Wegnahme Wilnas rückgängig zu machen. Ähnliche Worte wurden vor allem im internen Gebrauch verwendet. Man betonte immer wieder, dass eine litauische Regierung, die eine „Verständigung mit Polen suche“, ohne Wilna zurückzufordern, die Macht nicht lange innehaben könne. Zur Betonung des unbeugsamen Willens, um Wilna zu kämpfen, und zur gleichzeitigen Mobilisierung der Gesellschaft wurde im April 1925 ein Verein zur Befreiung Wilnas gegründet. Der Verein wuchs schnell und zählte bereits Ende 1931 288 Ortsgruppen mit zusammen 15.000 Mitgliedern. Im Statut stand, dass „das Ziel des Vereins die Befreiung des besetzten Ostlitauens“ sei.
In Polen beobachtete man aufmerksam das Vorgehen Litauens. Man versuchte, die Argumente der litauischen Propaganda in Bezug auf Wilna zu entkräften und zu widerlegen. So wurde z.B. in einem in den europäischen Hauptstädten verbreiteten Memorandum im November 1924 formuliert: „Vilno ne constitue point un élément pouvant décider de l’existence de l’Etat lithuanien indépendant; bien au contraire, l’opinion lithuanienne atteste à l’unanimité que du moment, où Vilno aurait été réuni à la Lithuanie, la situation économique actuelle si désastreuse de l’Etat s’en trouverait aggravée (...)“
Immer wieder gab es seitens der litauischen Diplomatie Versuche, die Wilna-Frage in das Forum des Völkerbundes einzubringen. Als 1924 die litauische Delegation auf die Tagesordnung der 5. Sitzung der Vollversammlung des Völkerbundes die Wilna-Frage setzen wollte, versuchte die polnische Diplomatie alles, um dies nicht zuzulassen. Sie wurde dabei von der französischen und japanischen Delegation unterstützt.
Andererseits unternahm man viel, um Litauen zu einer Regelung der Beziehungen zu Polen zu bewegen, wobei man jede erdenkliche Gelegenheit nutzte. 1924 bot sich die Ratifikation der Memel-Konvention durch Litauen an. Einer der Punkte der Konvention enthielt die Verpflichtung Litauens, den freien Verkehr auf der Memel zu sichern. Die polnische Seite nahm diesen Passus als Ausgangspunkt, und es kam mit Unterstützung der westlichen Mächte im August 1925 in Den Haag zu offiziellen polnisch-litauischen Gesprächen.
Die Einstellungen und Ziele beider Seiten waren von Anfang an völlig gegensätzlich. Die polnische Delegation strebte eine vollständige Regelung der Beziehung an, die litauische Delegation dagegen bekam von ihrer Regierung die Anweisung, sich nur mit technischen Problemen des Transits und der Flußfahrt auf der Memel zu befassen. Im Endeffekt wurde nicht einmal eine konsularische Betreuung der Flößer vereinbart. Die Gespräche in Den Haag endeten erfolglos. Allein der Hartnäckigkeit der polnischen Delegation war es zu verdanken, daß nach einigen Wochen die Verhandlungen in Lugano wieder aufgenommen wurden. Da die litauische Delegation die Anweisung hatte, sich „in weiteren Verhandlungen nicht zu engagieren“, endeten auch die Gespräche in Lugano ohne Erfolg. Eine große Rolle spielte dabei der organisierte Druck der litauischen öffentlichen Meinung, der sogar eine Regierungskrise herbeiführte.
Weder in Den Haag noch in Lugano ließ die polnische Seite zu, daß die Wilna-Frage angesprochen wurde. Trotzdem existierte das Problem und tauchte bei jeder Gelegenheit auf. Beispielsweise legte Anfang des Jahres 1926, als sich die polnische Diplomatie um einen nicht ständigen Sitz im Rat des Völkerbundes bemühte, Mečislovas Reinys, der Außenminister Litauens, dem Rat des Völkerbundes eine Note vor (12. März), in der er gegen die Erteilung des Sitzes an Polen protestierte und gleichzeitig daran erinnerte, daß die Wilna-Frage für Litauen „offen“ bliebe.
Die neu gewählte Mitte-Links-Regierung Litauens brach aus der Solidargemeinschaft der Ostsee-Anliegerstaaten aus und schloss am 28. August 1926 einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion ab. Der litauischen Diplomatie gelang es dadurch, die indirekte Unterstützung der sowjetischen Seite in der Wilna-Frage zu gewinnen, denn alle Beschlüsse des litauisch-sowjetischen Friedensvertrags von 1920 sollten in Kraft bleiben. Weiterhin erklärte die sowjetische Regierung in einem Zusatzprotokoll, daß „die faktische Verletzung der litauischen Grenze gegen den Willen des litauischen Volkes das im Vertrag vom 12. Juli 1920 festgelegte Verhältnis zur territorialen Souveränität nicht erschüttert“.
In Warschau betrachtete man das als einen die Rigaer Beschlüsse verletzenden Akt der Sowjetunion gegen Polen. Der stellvertretende Außenminister Roman Knoll protestierte scharf gegenüber dem sowjetischen Botschafter, indem er betonte, dass „in Polen keine Wilna-Frage bestehe und Wilna samt Grodno polnisch sei".
Am 17. Dezember 1926 erfolgte in Litauen ein politischer Umschwung. Die diktatorische Macht ging in die Hände der nationalen Partei unter Antanas Smetona und Augustinas Voldemaras über. Ministerpräsident Voldemaras erklärte schon bald, dass „ohne Rückgabe Wilnas keine Rede von einer Versöhnung Polens und Litauens sein“ könne. „Wilna ist für Litauen nicht nur eine politische, sondern auch eine Ehrenfrage. Ein Übereinkommen zwischen Polen und Litauen kann ausschließlich Wilna betreffen.“ Das konnte nur eine Verhärtung der bisherigen Haltung bedeuten.
In Litauen nahm die Verfolgung der polnischen Minderheit drastisch zu; Ministerpräsident Voldemaras betonte bei jeder Gelegenheit, Litauen befinde sich im Krieg mit Polen. Ende 1927 waren so die polnisch-litauischen Beziehungen in eine tiefe Krise geraten. Marschall Pilsudskį sagte am 29. November 1927 vor der Presse: „Der Kriegszustand, den Litauen uns gegenüber aufrecht erhält, ist zur Zeit einmalig in der Welt; er ist in dieser Region der Erde anormal und krankhaft. Unsere Grenzen zu Litauen sind aus diesem Grund keinen anderen Grenzen in dieser Welt ähnlich. Sie sind Gegenstand andauernder Furcht und Unruhe, da hier keine Arbeit ungestört gemacht werden kann."
Da er die Lage nicht länger hinnehmen konnte, beschloß Pilsudskį, die Angelegenheit auf die Spitze zu treiben. Er begab sich nach Genf, um dort in der Sitzung des Völkerbundrates am 10. Dezember 1927 „eine eindeutige Erklärung von Voldemaras zu erhalten, dass zwischen Litauen und Polen Frieden herrscht“. Nach einer kurzen Diskussion, in der Voldemaras eine eindeutige Antwort vermied, erzwang Pilsudskį — im wahrsten Sinne des Wortes — von ihm eine Erklärung, dass „zwischen Litauen und Polen kein Kriegszustand herrscht“. In dieser Situation griff auch der Völkerbundrat ein. Er empfahl den Regierungen Polens und Litauens, „möglichst schnell direkte Verhandlungen aufzunehmen, um das zwischen den beiden benachbarten Ländern herrschende gute Einvernehmen, von dem auch der Frieden abhinge, zu festigen“.
Am 11. Dezember fand ein Gespräch des polnischen Außenministers August Zaleski mit Voldemaras statt, in dem der Auftakt zu direkten Verhandlungen auf den Januar 1928 festgelegt wurde. Die Aufnahme von Gesprächen und die Festlegung der Themen brachte bereits viele Schwierigkeiten mit sich. Die litauische Seite stellte vor der Aufnahme Bedingungen, um Zeit zu gewinnen. Am 9. Februar 1928 trieb Zaleski Voldemaras insofern in die Enge, als er anfragte, ob Litauen sich dem Beschluss des Völkerbundes unterordne und direkte Verhandlungen aufnehmen wolle, die zu friedlichen Beziehungen zwischen Polen und Litauen führen würden. Voldemaras betrachtete eine solche Fragestellung als „Ultimatum“. Dennoch schlug er in seiner Antwort vor, am 30. März Verhandlungen in Königsberg zu beginnen. Zaleski war damit einverstanden.
In Wirklichkeit jedoch war Voldemaras an der Führung und vor allem an einem Erfolg der Verhandlungen nicht interessiert. Die Regelung der Beziehungen mit Polen ohne Rückgewinnung Wilnas war für die litauische Regierung undenkbar. Schon nach dem zweiten Verhandlungstag in Königsberg gewann die polnische Seite den Eindruck, dass „Voldemaras nur einen Vorwand sucht, um die Gespräche abzubrechen“. Die polnische Delegation ihrerseits führte die Verhandlungen sehr vorsichtig und suchte auch den kleinsten Fehler zu vermeiden. Über den Verlauf wurden der Völkerbund und die Regierungen der Westmächte genauestens informiert. Für die litauischen Delegierten bedeutete das einen besonderen Druck. Voldemaras musste Rücksichten nehmen und konnte die Gespräche deswegen nicht einfach abbrechen. Die polnisch-litauische Konferenz in Königsberg vom 30. März bis 5. April 1928 endete mit einer formalen Vereinbarung über die Einrichtung dreier gemischter Kommissionen. Die Resultate ihrer Tätigkeit sollten im Herbst 1928 der Plenarsitzung des Völkerbundes vorgelegt werden.
Die Taktik der litauischen Seite bei der Arbeit in der Kommission war, alle — sogar technische — Fragen mit Wilna in Zusammenhang zu bringen. Die polnischen Delegierten widersprachen dem entschieden und meinten, daß Themen der Grenzänderung nicht Gegenstand der Diskussion sein könnten. Das Ergebnis der Tätigkeit der Kommission fiel sehr bescheiden aus. Die spätere Wiederaufnahme von Verhandlungen stieß auf erhebliche Schwierigkeiten. Der Ausdauer der polnischen Delegation ist es zu verdanken, dass am 3. November 1928 die Verhandlungen fortgesetzt wurden. Das fünf Tage andauernde Treffen brachte nur wenig Fortschritte. Der einzige konkrete Gewinn bestand in der Ratifikation eines Vertrages über den kleinen Grenzverkehr. Das tägliche Leben erzwang diese Vereinbarung, weil die Unzufriedenheit mit der bisherigen Situation sowohl auf der polnischen als auch auf der litauischen Seite deutlich spürbar war.
Im allgemeinen brachten die Gespräche 1928 in den wichtigsten Punkten kein Weiterkommen, was hauptsächlich auf die Unnachgiebigkeit der litauischen Seite zurückzuführen ist, die keine, nicht einmal eine teilweise Regelung der Beziehungen mit Polen ohne die Rückgabe Wilnas eingehen wollte. In der Abschlusssitzung der Konferenz wies Zaleski unter anderem darauf hin und sagte mit Sorge über den ungelösten polnisch-litauischen Konflikt: „Le conflit polono-lithuanien constitue non seulement une menace constante pour le développement normal des deux Etats, mais il porte une préjudice sérieux aux intérêts économiques des Etats tiers. Il crée en cette partie de l’Europe une atmosphère malsaine d’inquiétude et de malaise“.
Die litauische Regierung machte kein Geheimnis daraus, dass sie in der bestehenden Situation weiterhin an einer Regelung der Beziehungen mit Polen nicht interessiert sei. Sie stellte zum Beispiel in einem Aide-memoire vom 23. Januar 1929 deutlich fest: „(...) ausschließlich und einzig die gewaltsame Wegnahme Wilnas durch General Zeligowski (ist) der Grund, daß es keine diplomatischen und anderen Beziehungen zwischen Litauen und Polen gibt. Solange keine Wiedergutmachung des Litauen angetanen Schadens erfolgt, solange wird Litauen mit der Aufnahme der Beziehungen zu Polen warten.“
Die Hartnäckigkeit und die Unnachgiebigkeit der litauischen Seite zogen das Interesse ausländischer Beobachter auf sich. Sie waren der Meinung, daß die Wilna-Frage nur ein Vorwand sei; in Wirklichkeit profitiere Litauen von der Auseinandersetzung mit Polen. Adolf von Grabowsky schrieb zum Beispiel im November 1928 in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“: „Wilna ist, richtig betrachtet, für Litauen nur der Anlass, um den entschiedenen Gegensatz zum großen polnischen Nachbarn deutlich zu machen und bei diesem Konflikt ein eigenes litauisches Nationalgefühl und damit erst den litauischen Staat gründlich herauszuformen. (...) Solange der Staatsbildungsprozess noch nicht abgeschlossen sei, glaubt man der Wilna-Frage als stärkstem nationalen Reizmittel nicht entbehren zu können.“ In seinem Konflikt mit Polen rechnete Litauen mit der Unterstützung Deutschlands und Russlands. In Kaunas ging man davon aus — das galt fast wie ein unerschütterlicher Grundsatz —, dass Warschau auf unabsehbare Zeit mit Berlin und Moskau in Konflikt stehe. Auf dieser Grundlage entwickelte man seine Pläne und gründete seine Hoffnungen. Mittlerweile — Anfang der 30er Jahre — zeichnete sich jedoch eine radikale Änderung der Situation ab, die die ganze Konstruktion ins Wanken brachte. Den ersten Schwachpunkt stellte 1932 die Verschlechterung der litauisch-deutschen Beziehungen vor dem Hintergrund der Unstimmigkeiten in Memel dar. Gleichzeitig besserten sich die polnisch-sowjetischen Beziehungen. Das zeigte der am 25. Juli 1932 geschlossene polnisch-sowjetische Nichtangriffspakt.
Zum wichtigsten Ereignis jedoch, welches das ganze Fundament der bisherigen Politik Litauens erschütterte, wurde am 26. Januar 1934 die Unterzeichnung der polnisch-deutschen Erklärung über Gewaltverzicht. Die Reaktion auf diesen Vertrag war in Litauen sehr heftig. Die Presse beschäftigte sich ausführlich mit dem Problem. Das größte Aufsehen erregte damals das Vorgehen von Voldemaras. Der ehemalige, inzwischen entmachtete Ministerpräsident trat zu einem offenen Angriff gegen die Regierung an. In der Zeitschrift „Tautos Balsas“ veröffentlichte er einen Artikel unter dem Titel „Auf den Wegen der Bestimmung“ (die Zeitungsausgabe wurde übrigens sofort beschlagnahmt). In dem Beitrag verglich Voldemaras den Vertrag vom 26. Januar mit einem Blitzschlag und betonte, daß dadurch Litauen auf Polens Gnade angewiesen sei. „Was die Sicherheit des Staates betrifft“, schrieb Voldemaras, „gerät Litauen in eine so schwierige Lage, wie es sie in seiner ganzen Existenz noch nicht kennen gelernt hat“. Daneben griff er auch die aktuelle Politik scharf an.
Andere Funktionäre gingen noch weiter. Es wurden wieder Stimmen laut, die die Notwendigkeit einer Überprüfung des Verhältnisses zu Polen und zur Wilna-Frage betonten. Am 2. Mai 1934 organisierte man unter anderem an der Universität Kaunas eine große Diskussion. Vincas Čepinskis, der als erster das Wort ergriff, wies auf die Notwendigkeit der Gründung eines Bundes der Ostsee-Anliegerstaaten und der Schaffung einer Verständigungsmöglichkeit mit Polen hin. Er äußerte die Meinung, daß eine sofortige Rückgabe Wilnas an Litauen zu einer Wirtschaftskrise führen könne. „Das Schicksal selbst“, sagte er, „schützt Litauen vor der Rückgewinnung Wilnas. Litauen sollte mit Polen die wirtschaftlichen Fragen regeln und für die Rückführung Wilnas andere Wege als bisher gehen“. Andere Redner wiesen ebenfalls auf die Notwendigkeit einer Verständigung mit Polen hin und ließen die Wilna-Frage offen. Derartige Aussagen stießen zwar auf die Kritik der regierungstreuen Presse und nationalistischer Kreise, trotzdem setzte sich das Bewusstsein durch, nach neuen Lösungswegen zu suchen. In dieser Situation kam es zu einer Intensivierung vertraulicher polnisch-litauischer Kontakte sowie zu einer Reise der Gesandten Pilsudskis, des ehemaligen Ministerpräsidenten Aleksander Prystor und des Diplomaten Anatol Mühlstein, nach Litauen.
Während eines Treffens mit dem litauischen Außenminister Stasys Lozoraitis am 22. Juni 1934 sprach Prystor von der Notwendigkeit, einen Durchbruch in den beiderseitigen Beziehungen zu erreichen. Er versicherte, daß die Polen uneingeschränkt für eine Verständigung mit Litauen seien. Mühlstein schlug im Gespräch mit Lozoraitis am 24. Juli 1934 vor, zwischen Polen und Litauen normale Beziehungen herzustellen. Mühlstein betonte seine Überzeugung, dass Litauen in der neuen Situation nichts verliere, da es ausdrücklich erklären könne, dass sich seine Haltung prinzipiell nicht geändert habe. Lozoraitis fragte Mühlstein daraufhin, auf welche Art und Weise dies zur Rückgewinnung Wilnas durch Litauen beitragen würde. Mühlstein antwortete, dass die Herstellung guter Beziehungen um den Preis eines Verzichtes auf Wilna für die polnische Regierung nicht annehmbar sei.
Diese grundlegende Differenz blieb bestehen. Die neue internationale Konstellation sowie die damit verbundene Fehlkalkulation in der Außenpolitik Litauens erwiesen sich als zu schwache Faktoren, um zu einer generellen Änderung der Einstellung der litauischen Regierung in der Wilna-Frage und im Verhältnis zu Polen beizutragen. Andererseits war die polnische Position ebenfalls unnachgiebig. Für Polen kam eine Regelung der Beziehungen ausschließlich auf der Grundlage des Status quo in Frage.
Nach den in den Jahren 1934 und 1935 geführten Gesprächen und gegenseitigen Sondierungen erfolgte eine deutliche Verhärtung der beiderseitigen Haltung. Der jahrelang andauernde Konflikt belastete die polnische Regierung immer mehr. Minister Jozef Beck wurde zum entschlossenen Gegner jeglicher Teil- und Halblösungen oder einer Verständigung auf dem Wege kleiner Schritte. Er vertrat die Ansicht, dass vor allem Vereinbarungen über die Herstellung normaler diplomatischer Beziehungen eine grundlegende Bedingung darstellten. Folglich suchte er nach verschiedensten Mitteln, um Litauen durch Druck zu Zugeständnissen zu zwingen. Doch die Litauer waren harte, unnachgiebige Gegner. Trotz der Zweifel eines Teils der öffentlichen Meinung hatte die litauische Regierung die Mehrheit des Volkes auf ihrer Seite. Sie benutzte geschickt die Wilna-Parole.
Die polnisch-litauischen Beziehungen nahmen in den Jahren 1936 und 1937 angesichts dieser Situation erneut an Schärfe zu. An der Grenze mehrten sich die Zwischenfälle. Bei einem derartigen Zusammenstoß wurde ein Soldat des polnischen Grenzdienstes in der Nacht vom 11. März 1938 von litauischen Grenzsoldaten erschossen. In Warschau beschloss man, den Fall für einen harten Protest gegen die litauische Seite auszunutzen, und reagierte auf den Vorfall mit einem scharf formulierten Kommunique. Die polnische Seite zögerte jedoch mit einer endgültigen Entscheidung bis zur Rückkehr Becks aus dem Ausland. Nach seiner Ankunft am 16. März wurde auf dem Zamek ein Treffen unter der Leitung des Präsidenten der Republik einberufen. Anfänglich waren die Meinungen der Anwesenden geteilt. Präsident Ignacy Moscicki und Vizepremier Eugeniusz Kwiatkowski lehnten entschiedene Schritte gegenüber Litauen ab. Andere waren dagegen für weitreichende Forderungen, u.a. den offiziellen Verzicht Litauens auf Wilna. Minister Beck plädierte für eine entschlossene Haltung, beschränkte aber die Forderungen auf die Wiederherstellung der zwischenstaatlichen Beziehungen. Seine Meinung setzte sich durch.
Auf dieser Grundlage wurde eine ultimative Note verfasst, die u.a. folgende Aussage enthielt: „Die polnische Regierung teilt mit, dass sie für die einzige der Situation angemessene Lösung die sofortige Herstellung der normalen diplomatischen Beziehungen hält, ohne jegliche conditions préalables.“ Der Termin für die Antwort war sehr knapp bemessen — er betrug nur 48 Stunden. Die litauische Regierung gab, nachdem sie keine Hilfe erhielt, dem Druck nach und nahm das Ultimatum an. Weder während der Zeit, in der das Ultimatum lief, noch direkt danach wurde in den polnisch-litauischen Verhandlungen die Wilna-Frage angesprochen. Die polnische Position setzte sich durch. Zwischen beiden Staaten wurden auf der Grundlage des Status quo diplomatische Beziehungen aufgenommen. Das bedeutete aber nicht, dass die Wilna-Frage gänzlich aus der Sicht beider Partner verschwand.
Der litauische Außenminister Juozas Urbsys äußerte sich nach Jahren folgendermaßen zu den Ereignissen: „Das Ultimatum Polens verlangte in drohender Form nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen, ohne Wilna zu erwähnen. Also, Litauen nahm das Ultimatum an, ohne auf Wilna zu verzichten. Heutzutage wird diese Entscheidung als positiv empfunden. Wäre es vernünftig gewesen, das Land der Gefahr eines Krieges wegen der Nichtherstellung von diplomatischen Beziehungen auszusetzen ? Die Antwort ergibt sich aus der Frage selbst. Sich externen Forderungen zu beugen, verletzt, wie jeder weiß, den Stolz eines Volkes; jedoch, wenn man sich zwischen zwei Übeln entscheiden muss, ist es selbstverständlich, dass man das kleinere wählen soll.“
Nach der Märzkrise verbesserten sich die polnisch-litauischen Beziehungen zunächst allmählich, dann immer schneller. Die Wilna-Frage belastete sie dennoch weiterhin. Im Frühjahr 1938 wurde eine neue litauische Verfassung angenommen. Sie enthielt auch einen Passus, dass Wilna die Hauptstadt Litauens sei. Die polnische Seite reagierte: Man beauftragte den neuen polnischen Gesandten in Kaunas Franciszek Charwat, für die Zeit der Verfassungsfeierlichkeiten nach Polangen zu fahren, und teilte der litauischen Regierung mit, dass Polen eine Regelung der gesamten Fragen mit Litauen anstrebe. Durch die Beibehaltung des Wilnaer Artikels in der neuen Verfassung wurde eine Ausweitung der Gespräche auf politisches Gebiet unmöglich.
Trotz dieses Hindernisses lässt sich in den gegenseitigen Beziehungen besonders seit Herbst 1938 eine deutliche Verbesserung erkennen. Die größere Initiative kam von litauischer Seite. Die polnische Diplomatie gab zu verstehen, dass sie bereit sei, auf das Annäherungsangebot einzugehen, erwartete aber eine Geste des guten Willens. Der Vizeminister Jan Szembek notierte am 9. November 1938 in seinem Tagebuch, daß Beck „die litauische Initiative, die gegenseitigen Beziehungen zu erweitern, annehme. Eine Vorbedingung sei jedoch die Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas, danach könne man sich mit dem litauischen Museum in Wilna befassen, Handelsvereinbarungen aufnehmen und gegenseitig Konsulate einrichten.“
Als Massstab für die litauischen Absichten galt schon bald die Erfüllung der polnischen Wünsche; am 25. November 1938 wurde der Verein für die Befreiung Wilnas aufgelöst. Das war eine deutliche Geste in die polnische Richtung. Eine andere Maßnahme war der Wechsel auf dem Posten des litauischen Gesandten in Warschau. Die Stelle von Kazys Škirpa nahm Jurgis Šaulys ein, der wegen seiner propolnischen Orientierung seit Jahren bekannt war. Dem litauischen Vorgehen lag die Hoffnung auf polnische Unterstützung in der Memelfrage zugrunde, da ein immer größer werdender Druck der deutschen Seite spürbar wurde.
Wie den Dokumenten zu entnehmen ist, fühlte sich Litauen in gewissem Grade enttäuscht über das Fehlen einer entsprechenden polnischen Reaktion auf einen derart entscheidenden Schritt wie der Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas. Oberst Leon Mitkiewicz, der polnische Militärattache, berichtete am 19. Dezember 1938, dass der Leiter der zweiten Abteilung des litauischen Generalstabs, Oberst Kostas Dulksnys, sich bei ihm beklagt habe, dass „auf so einen bedeutenden und risikoreichen Schritt Litauens, wie die Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas, keine ähnliche Geste von der polnischen Seite folge. Dabei ging es ihm um die Litauische Wissenschaftliche Gesellschaft in Wilna, die noch nicht den Litauern zurückgegeben wurde. Er sagte noch, daß die Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas der litauischen Regierung große innenpolitische Schwierigkeiten bereite und die Unzufriedenheit der Bevölkerung hervorgerufen habe. Versöhnliche Gesten von Seiten Polens seien unbedingt notwendig, um die öffentliche Meinung zu beruhigen und den guten Willen Polens zu dokumentieren."
Die litauischen Anregungen wurden 1939 erfüllt, als die Litauische Wissenschaftliche Gesellschaft in Wilna unter dem Namen „Litauische Gesellschaft der Freunde der Wissenschaft“ wiedergegründet wurde.
Man unternahm auch viel zur Verbesserung der allgemeinen Situation der litauischen Minderheit in Polen.
Angesichts des sich verschärfenden Konflikts mit dem Dritten Reich war der polnischen Regierung sehr an einer Entspannung der Beziehungen zu Litauen gelegen. Es ging ihr vor allem um die litauische Neutralität. Wegen dieser Neutralität gab Litauen bei Ausbruch des Krieges dem Druck Deutschlands und der Anregung, Wilna manu militari zu besetzen, nicht nach.
Als Folge der Aggression der UdSSR gegen Polen und der Besetzung Wilnas durch die sowjetische Armee am 19. September 1939 änderte sich die Situation jedoch radikal. Der Ribbentrop-Molotow-Pakt, insbesondere der „Grenz- und Freundschaftsvertrag" vom 28. September 1939 brachte Litauen in den sowjetischen Interessenbereich. Stalin nutzte die Situation, rief die Vertreter der litauischen Regierung nach Moskau und verlangte von ihnen das Einverständnis für die Errichtung sowjetischer Stützpunkte auf dem Territorium Litauens.
In diesen Tagen des politischen Wandels notierte der ehemalige Rektor der Universität Kaunas, Riomeris, in seinem Tagebuch unter dem 8. Oktober 1939: „Solange Polen stand, war Litauen ohne Wilna sicherer und freier als heute, wenn es unter der sowjetischen Besatzung Wilna bekäme, nachdem Polen gefallen ist.“
Einen Tag später, am 10. Oktober, erzwang die sowjetische Regierung von Litauen einen Vertrag, der ihr ermöglichte, ihre Armee auf dem litauischen Territorium zu stationieren. Gleichzeitig übergab die Sowjetunion Litauen Wilna mit einem Teil des umliegenden Gebietes. Unter diesen Bedingungen kam Litauen in den Besitz der ersehnten Stadt.
Dieser Akt wurde von der polnischen Seite nicht anerkannt. Nach einer Vereinbarung mit der polnischen Exilregierung überreichte der polnische Gesandte Charwat am 13. Oktober 1939 dem litauischen Außenministerium eine Protestnote mit folgendem Inhalt: „Im Namen meiner Regierung protestiere ich hiermit öffentlich und kategorisch gegen diesen mit dem internationalen Recht und den Menschenrechten nicht konformen Akt. Polen wird nie diesen ungerechten Schritt anerkennen und wird mit allen Mitteln um die Wiederherstellung seiner Rechte und seines Territoriums kämpfen.“ Als ein Zeichen des Protests verließ Franciszek Charwat bald darauf samt seinem Personal die Botschaft in Kaunas. Dies war in den Jahren 1918 bis 1939 die letzte polnische Handlung zur Wilna-Frage.
Quellennachweise
Vermutlich ist die innere Einstellung, ob die litauischen Juden zu Litauen gehörten oder nicht, die wichtigste Unterscheidung, wie heute Litauer ihre Geschichte in den Jahren 1940 bis 1945 sehen.
Warum diese Quellennachweise? Weil der Autor dieser Webseite immer vergisst, woher er seine Informationen über den Holocaust in Litauen und die Zusammenarbeit der Litauer mit den Deutschen hat.
Wichtig ist immer die wahren Schuldigen nicht zu vergessen, uns Deutsche! Dies ist eine Webseite über Litauen. Wir beschäftigen uns mit einem sehr kleinen Teil der Welt aber einem wichtigen Geschehen der Weltgeschichte.
Deshalb ist folgender Satz aus dem Buch "The Lithuanian Slaughter of its Jews" sehr wichtig:
"On the other side, there were Lithuanians who were honest, and who risked their own lives and the lives of their family members to help Jews. ... Moreover, it is important to recognize that contemporary Lithuanians are not guilty of the crimes of earlier generations."
Auf alles-ueber-litauen.de wird mehrfach behauptet, dass viele der Morde an litauischen Juden von ethnischen Litauern selber begangen worden sind. Nicht um die Schuld des Holocaust von Deutschland abzuschieben. Deutschland ist der Initiator und die treibende Kraft für die Judenvernichtung in den deutschen Einflußgebieten 1941-1945 gewesen. Ohne Hitlers Deutschland hätte es keine Judenvernichtung in dem erlebten Ausmass gegeben.
Ich sehe nichts schlimmes darin, die tatsächlichen Verhältnisse, hier die in Litauen, zu schildern wie sie waren. Gerne korrigiere ich meine Aussagen, wenn etwas falsch geschrieben wurde. Dann bitte über das Kontaktformular melden.
Evaldas Balciunas stellte folgendes Dokument aus den litauischen Archiven vor. Es geht um die Ermordung der Juden in Sakiai (zwischen Kaunas und Jurbarkas) durch litauische Partisanen. Es sollte unnötig sein auf die Verantwortung der Deutschen hinzuweisen.

Republik Litauen
V.R.V.
BÜRO DES LEITERS DES
des Kreises Šakiai
Geheim-Persönlich
Šakiai, 16. September 1941
An Herrn
Direktor der Polizeidirektion
Anlässlich dieser Korrespondenz teile ich Ihnen, Herr Direktor, mit, dass es ab heute keine Juden mehr in meinem Kreis gibt. Sie wurden von den örtlichen Partisanen und der Hilfspolizei ausgesondert: - 13/IX.41. 890 Personen in Šakiai; 16/IX.41. - 650 Personen in Kudirkos Naumiestis.
Vor der endgültigen Aussortierung führten von ihm beauftragte Beamte auf Anordnung des Herrn Gebietskommissars [wahrscheinlich ist hier Josef Arnold Lentzen (SA-Brigadeführer), Gebietskommissar von Kaunas-Land gemeint] mit Unterstützung der örtlichen Polizei bei allen Juden in Šakiai und Kudirkos Naumiestis Haus- und Personendurchsuchungen durch und nahmen das gefundene Geld und andere Wertgegenstände mit. Die verbleibenden Immobilien und beweglichen Gegenstände wurden unter die Obhut und Bewachung der örtlichen Gemeinden gestellt, bis Herr Kommissar etwas anderes anordnet.
Wenn dies angeordnet wird, werde ich die Listen der aussortierten Juden später vorlegen.
Herr Gebietskomissar ist hierüber informiert worden.
Anhang: 7 Seiten
Vincas Karalius
Leiter des Kreises Šakiai
Balys Vilčinskas
Polizeipräsident
Der letzte Sonntag im August. Ein Film über den Holocaust in Moletai. Wie Irena Veisaite sagte, die Litauer haben viele ihrer Talente in der Erde begraben. Mit vielen Zeitzeugen. Traurig und spannend.
Juedischer Friedhof Birzai
In Birzai gibt es den wohl größten jüdischen Friedhof Litauens. Lange Zeit war es sehr still um ihn, die meisten Einwohner Birzais haben ihn nicht beachtet. In den letzten Jahren sind die Bemühungen gestiegen, das geschichtliche Erbe zu pflegen.
Für mich war der Friedhof der Anlass, über die Geschichte in Litauen nachzudenken. Ein riesiger jüdischer Friedhof, aber keine Juden mehr. Daraufhin entstand diese Website.
Dank des Birzaier Journalisten Dalius Mikelionis wurde eine breitere Öffentlichkeit auf den Friedhof aufmerksam.
Mitglieder der evangelisch reformierten Kirche aus Detmold waren drei mal in Birzai und haben den Friedhof vom jahrelangen Wildwuchs gesäubert. Endlich kamen die meisten Grabsteine wieder zum Vorschein und man konnte die riesigen Dimensionen des Friedhofes erkennen. Nun kümmert sich auch die Stadtverwaltung um die Pflege des Friedhofs.
Der Artikel ist zuerst in der Zeitung Birzieciu Zodis erschienen. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Übersetzung aus dem Litauischen: Raimundas Binkis, Birzai
Auf der Suche nach dem „Code der Juden“
Direkt neben dem Sirvena See, wo sich die Latvygalos Strasse befindet, gibt es den alten (Birzaier) Friedhof der Juden. Es ist kaum etwas darüber bekannt. Aber der Friedhof ist einer der grössten in Litauen. Mehr dazu, wenn man die geheimnisvollen Schriften an den Grabsteinen zu entziffern versucht, kann man interessante Dinge über Birzai und die Juden, die hier mal lebten, lernen.
Juden – der untrennbare Teil der Geschichte von Birzai
Wie der Geschichtswissenschaftler Deimantas Karvelis behauptet, war Birzai einmal, wegen der Toleranz der vorigen Besitzer der Stadt – dem Adeligen Radziwillen, eines der jüdischen Zentren in Litauen.
Im Jahr 1594, 5 Jahre nach der Gründung der Stadt Birzai, lesen wir in einem Brief von Fürst Kristupas Radziwill Perkunas an den Ältesten von Birzai und an alle späteren Verwalter von Birzai: „(...) alle Juden, die jetzt in Birzai leben und danach leben werden, dürfen nicht anders als alle hiesigen Menschen behandelt werden.“
Aber: „Man muss die Juden, die in Birzai leben, kontrollieren, so dass sie nicht die Christen schänden würden. Gerade das Stadtgericht muss es tun. Wenn ein reicher Kaufmann ankommt, der ein Haus am Marktplatz haben möchte, dann, mit Bestätigung vom Stadtrat, muss ein Jude seinen Platz verkaufen und anderswo hinziehen."
Im Jahr 1636 stellte Kristupas Radziwill fest, dass „In der Stadt, leben zwei Arten von Juden: Rabbiner und Karaiten. Es sollte für sie getrennte Gebiete oder Straßen bestimmt werden.”
Im Jahr 1610 gab es in Birzai 25 jüdische Häuser in drei Straßen in der Nähe des Marktplatzes. Die Häuser standen gerade im Zentrum der Stadt, neben den Häusern von Bürgermeister und Vogt. Andere Häuser wurden unter den reichsten Bürger von Birzai besetzt - zum Beispiel, in der Nähe des Hauses des Goldschmiedes von Kristupas Radziwill. Übrigens, eine der ersten Erwähnungen der berühmten Birzaier Brauereigeschichte ist auch mit den Juden verbunden. Kaum 20 Jahre nachdem Birzai die Magdeburger Stadtrechte bekam, findet man in Dokumenten, dass sich 9 Juden in Birzai mit Bier-, Met- und Wodkaherstellung beschäftigten.
Um 1650, gab es 27 jüdische Rabbiner- und 15 jüdische Karaitenhäuser.
Im 17. Jahrhundert waren schon eine Menge Juden in der Stadt - sie lebten verstreut in verschiedenen Stadtteilen. Kristupas II übernahm die Initiative, die Birzaier Juden an einem Platz zu versammeln, und er erlaubte ihnen eine Synagoge zu bauen. Das jüdische Gemeindehaus stand zwischen zwei benachbarten Straßen, die zum Marktplatz führten. Im Jahr 1650 lebten ein Teil der Juden und Karaiten in getrennten Vierteln der Stadt.
Als Birzai im 18. Jahrhundert Schritt für Schritt größer wurde, besassen von den insgesamt 528 Häusern der Stadt die Christen nur 128 Häuser. Die restlichen 400 Häuser gehörten den Juden.
In der Zeit vom Grafen Tiskevicius, am Ende des 19. Jahrhundert, waren von den gesamten 2.630 Bewohnern in Birzai 1.860 Juden und nur 740 Christen (Polen, Russen und Litauer). (AK: Juden achten sehr auf diese Unterscheidung, also durchaus politisch korrekt).
In der Zwischenkriegszeit gab es in Birzai die jüdische Volksbank, drei jüdische Sportvereine, die Zionistengemeinde „Mizrochi“, eine Synagoge mit zwei Rabbinern und auch Schulen. Bei insgesamt 228 vorhandenen Läden, gehörten 160 den Juden und nur 68 den Christen.
Aber diese gesamte Geschichte der Juden in Birzai, die so untrennbar war von der Geschichte Birzais selber, wurde innerhalb weniger Tage am Sommerende 1941 vernichtet, als im Gelände Pakamponys (neben Astravas, am Rande von Birzai) 2.500 Juden aus Birzai und Umgebungen erschossen wurden.

Eines der ältesten Grabsteine
Begrabene Geschichte, wovon wir kaum etwas wissen
Neben dem Sirvena See gibt es einen großen Friedhof, wo innerhalb von mehr als 400 Jahren Juden und Karaiten begraben wurden. Ich schrieb davon mal für (die Zeitung) „Birzieciu Zodis“, wenn Überschwemmungen im Frühling im Sirvena See das Ufer abspülten, die Grabmäler in den See stürzten und die Knochen der Begrabenen an die Oberfläche kamen. Am ärgerlichsten ist es, dass das Wasser den ältesten und am weitesten von der Stadt gelegenen Teil des Friedhofs vernichtete, wo die frühesten Begräbnisse stattgefunden haben. Vielleicht, aus der Zeit von Radziwill. Vielleicht nicht nur (Beerdigungen) von Juden aber auch diejenige von Karaiten, d.h. von Tataren, die nicht den Islam aber den Judaismus als Religion angenommen haben.
So, das Ufer wurde in Ordnung gebracht, betoniert, und die bleibende Gräber werden nicht mehr weggespült.
Aber in dem alten jüdischen Friedhof ist ein Teil der Birzaier Geschichte begraben worden, wovon wir so wenig wissen. Es ist nun mal mal so, dass der jüdische Friedhof, der sich in einem abgelegenen Ort hinter dem ehemaligen Schlachthof befindet, nicht gerade im Aufmerksamkeitszentrum der Bewohner von Birzai ist. Viele von ihnen haben vielleicht noch nicht davon gehört. Aber der Friedhof ist einer der größten der verbliebenen jüdischen Friedhöfe in Litauen. Vor mehreren Jahren waren die zwei Wissenschaftlerinnen Irit Abramski und Natasha Sigal vom israelischen „Yad Vashem“ Institut sehr erstaunt dass es in Birzai einen solchen grossen und alten Friedhof gibt. Die Wissenschaftlerinnen, auf die langen Reihen von Denkmälern blickend, lasen mehrere Aufschriften an den Grabmälern.

Der Birzaier Friedhof - einer der größten noch erhaltenen in Litauen
Friedhöfe ... über die nichts bekannt ist
Ich war schon zuvor an der jüdischen Geschichte in Birzai interessiert, so nahm ich den Besuch von den beiden Wissenschaftlerinnen als Anstoß, um herauszufinden, was für Menschen auf dem alten jüdischen Friedhof in Birzai begraben worden sind. Ich begann mit den wichtigsten staatlichen Dokumenten für geschützte Objekte – mit dem Register der Kulturellen Werte.
Es waren nicht viele Informationen über den jüdischen Friedhof zu finden: „Der alte jüdischer Friedhof. Latvygalos Str. Das denkmalgeschützte isolierte Objekt. Fläche 33000. Wertvolle Eigenschaften, Teile und Komponenten: der südliche Teil des Friedhofs von einem Maschendrahtzaun umgeben. Es stehen viele steinerne Grabsteine. Es gibt eine Infotafel aus Brettern, wo auf Jüdisch und Litauisch steht: "Alter Friedhof. Sei es heilig die Erinnerung von den Toten." Am Eingang zum Friedhof befindet sich ein Denkmal für die Erinnerung derjenigen die in der zweiten Hälfte vom Jahr 1941 erschossen wurden. Es gibt auf dem Friedhof wachsende Bäume, Sträucher, hohes Gras.“
Das ist aber alles. Wir wissen auch selber, dass der Friedhof von hohem Gras und Sträucher versteckt wird. Die Infotafel ist seit je von Metalldieben gestohlen. Als ein wertvolles Teil des Friedhofs wird der Zaun genannt, es gibt aber keine wichtigen Information in diesen besprochenen Dokumenten: wie viele Gräber sind hier, ( geschrieben: "viele"), aus welcher Zeit, welche Art von Menschen auf dem Friedhof begraben worden sind. Solche Infos sind nirgendwo zu finden weil der Friedhof nicht interessant für die Fachleute war.
Aber ich wurde neugierig. Also mehr als ein Jahr lang, wenn ich ab und zu einen halben Tag frei hatte, zog ich auf den alten jüdischen Friedhof. Der Teil näher an der Stadt ist ganz ordentlich – von der Selbstverwaltung (AK: Rathaus) gesandte Männer schneiden die Büsche, mähen die Rasen, so entdecken sich neue Grabsteine in einer Reihe angeordnet. An den Grabsteine sind gut erhaltene jüdische geheimnisvolle Inschriften, manchmal sichtbar sind auch Davidsterne, in Stein gemeisselt. Allerdings sind diese Grabsteine die neuesten, von gerade vor dem (jüngsten) Krieg begrabenen Juden. Weiter, Richtung des Sees, sollten sich die älteren Gräber finden.
Die meisten der Grabsteine sind verschlungen, mit Erde teilweise bedeckt. Die Begräbnisse sind durch kleine Steine bezeichnet. Inschriften daran sind korrodiert und so schwer durchzulesen. Noch ein paar Jahre - und sie werden verschwinden. Besonders tragisch ist die Situation in der Mitte des Friedhofs. Er ist an einem tiefer liegenden Platz, der ständig mit Wasser gefüllt ist. Diese Territorium ist verborgen durch einen unpassierbaren „Dschungel“. (AK: siehe Anmerkung am Anfang).

Davidsterne auf den Grabsteinen
Mehr als ein halbes Tausend Grabsteine
Bei meinen ersten Besuchen auf dem jüdischen Friedhof habe ich versucht, mindestens die Grabsteine zu zählen. Die grössten und immer noch aufrecht stehenden Grabsteinen waren nicht so schwer zu zählen. Viel schwieriger war es, auch die Gräber zu finden, die nur durch kleine, grasbewachsene Steine gekennzeichnet sind. Ich erfuhr, dass es am besten ist, die Gräber im Frühjahr zu zählen, wenn das Gras und die Baumblätter noch nicht wachsen, oder auch spät im Herbst, wenn die Grabsteine nicht durch Schnee verdeckt sind. Ich vermute, dass sich auf dem alten jüdischen Friedhof von Birzai ungefähr 500-600 Grabsteine befinden, aber diese Daten sind sehr ungenau. Ich habe noch nicht gehört, dass es irgendwo sonst in Litauen so viele jüdische Bestattungen in einem Ort gibt. Viele jüdische Friedhöfe sind beschädigt, es stehen Häuser daran, auch Fabriken, oder sind sie gepflügt worden...
Als ich die Bestattungen zählte, erschienen mir besonders interessant mehrere Grabsteine am See, ich glaube, im ältesten Teil des Friedhofs. Man kann an den ein Meter hohen Grabsteinen die orientalischen Ornamente sehen (auf jüdischen Grabsteinen gibt es keine solche), die Inschriften sind in einem anderen Stil gemacht worden. Ich denke, dass diese sich deutlich von den traditionell jüdischen Grabsteinen unterscheidene Grabsteine können Begräbnisse von Karaiten bedeuten. Die Karaiten betrugen in der Zeit von Radziwillen einen bedeutenden Teil der Bewohner von Birzai: die alte Aufzeichnungen behaupten, dass im Jahre 1650 in Birzai 27 Häuser von jüdischen Rabbiner und 15 - jener von jüdischen Karaiten standen.
Der zweite Schritt war zu versuchen, die Gräber zu fotografieren, insbesondere die restlichen Grabsteine. Ich habe versucht, Grabinschriften aufzunehmen, aber es war nicht einfach. Es gelang mir, einen Teil der Inschriften so aufzunehmen, dass sie gut lesbar sind.
Inschriftensprache – schwer lesbar
Aber wie herauszufinden, was auf den Gräbern geschrieben ist? Ich bin hier auf ein ernstes Problem gestoßen. Ich kontaktierte für eine Hilfe das Jüdische Museum, das Museum der Synagoge der Stadt Kedainiai, die jüdischen Gemeinden, sogar auch das Litauische Zentrum der Ermittlung von Genozid. Keiner dort war in der Lage, die alten jüdischen Aufzeichnungen zu lesen. Es stellte sich heraus dass die Juden in Litauen zwei jüdische Sprachen verwandten: Hebräisch (mit Elementen von Aramäisch) und Jiddisch. In einer häuslichen Umgebung, sie sprachen Jiddisch, das ihre Herkunft in Deutschland hatte. Aber Juden hatten auch eine "heilige" Sprache - Hebräisch. Es wurde verwendet, um die Thora, den Talmud zu lesen, auch wurden die Inschriften auf Grabsteinen gerade in dieser Sprache eingraviert. Es stellte sich heraus, dass nach dem Holocaust, und nachdem viele der überlebenden Juden aus Litauen nach Israel emigrierten, es schwer war jemanden zu finden, der die alten Inschriften in Hebräisch entziffern könnte...
Plötzlich bekam ich eine Hilfe von einer Stelle, wovon ich sie überhaupt nicht erwartet hatte. Die Koordinatorin der Bildungsprogramme der Internationalen Kommission für den Bewertung der Straftaten von nationalsozialistischen und sowjetischen Regimes in Litauen Ingrida Vilkienė, die immer interessiert an meiner Idee war, hat mir im vergangenen Sommer die Emailadresse eines im Ausland lebenden Litauers gesendet. Herr Alexander Avramenko lebt derzeit in den Niederlanden, in Amsterdam, wo sich eine der ältesten und größten jüdischen Gemeinden in Europa befindet. (Weil die Stadt ein grosses Zentrum für Diamanten, Finanzen und des Handels ist). A. Avramenko interessierte sich auch für die alten jüdischen Friedhöfe in Litauen, er hat sogar eine Website gemacht, wo er die Aufnahmen der jüdischen Friedhöfe hochlädt und auch einige Grabsteininschriften entschlüsselt. Ich schickte ihm ein paar hundert Fotos mit Grabinschriften vom Birzaier jüdischen Friedhof.
Zunächst auf Emailniveau - und dann auch durch Skype - hatten wir beide eine spasshafte, mindestens für mich sehr nützliche Kommunikation. Ich fand heraus, dass ich wenig wusste von der Geschichte,Tradition und Kultur der neben uns lebenden Nation, die so gross war. Z.B. als ich die Aufnahmen machte, kam mir überhaupt nicht die Idee, das Juden von rechts nach links schreiben, so fokussierte ich meinen Fotoapparat nicht am Anfang eines Satzes, aber am Ende.
Herr Avramenko meinte dass die Sprache der Grabinschriften sehr spezifisch ist, so dass auch die Menschen, die Hebräisch kennen, nur selten verstehen, was dort geschrieben ist. Es gibt eine Menge von Abkürzungen, Symbole. Die jüdische Sprache ist sehr lakonisch. A. Avramenko hat geschrieben, dass einige Buchstaben sehr ähnlich sind, so dass der Übersetzer Yossi immer möglichst genaue Bilder möchte, weil es so einfach ist Fehler zu machen, insbesondere wenn ein Jahr in Buchstaben geschrieben wird. Man kann auch mit den Jahreszahlen Fehler machen - alles hier ist ziemlich kompliziert. A. Avramenko bekam Hilfe von seinem Freund, der lange in Israel gelebt hat und fliessend Hebräisch spricht, aber sogar der konnte sehr wenig darin helfen...

Geschichte kommt an die Oberfläche - Knochen
Jüdische Friedhöfe und Beerdigung
Während dieser Entschlüsselungen und Übersetzungen war ich weiterhin an jüdischen Bräuchen interessiert. Ich fand heraus dass es die jüdische Tradition verbietet, die Überreste auszugraben und anderswo zu beerdigen. Das Berühren des Verstorbenen ist unannehmbar und wird als Respektlosigkeit bewertet. Die Juden glauben, dass sogar irgendwelcher Profit aus den Pflanzen, die auf dem Grab des Verstorbenen wachsen, einer solcher Entweihung entspricht. Z.B. ist es nur dann erlaubt, einen auf einem Grab wachsenden Baum zu schneiden, wenn er eine Bedrohung für den Grabsteinen ist. Aber es ist verboten, das Holz aus dem Baum für sich zu nutzen. Es ist auch verboten, an einem Friedhof geschnittenes Gras als Futter für Tiere zu benutzen und auch dort wachsende Heilpflanzen zu verwenden. Als Ergebnis hatte ein jüdischer Friedhof manchmal den Anschein von Vernachlässigung. Viele jüdische Friedhöfe wurden eingezäunt. Dieses diente als eine Maßnahme gegen Verwüstung, Tiere und Unbefugte, aber auch, was noch wichtiger ist, um ein rituell schmutziges Territorium zu kennzeichnen und abzutrennen. In einem Friedhof ist jede Handlung, die Respektlosigkeit gegenüber den Verstorbenen zeigen könnte, verboten. Auch verboten ist an diesem Platz jede tagtägliche Handlung: Essen, Trinken, Schlafen, lautes Reden, Beweidung, auch durch den Friedhof zu gehen um eine Abkürzung zu machen.
Jüdische Friedhöfe sind seit je getrennt gewesen. Die Toten wurden an denselben Tag begraben. Im Zimmer des Verstorbenen brennt immer zu seinem Gedächtnis eine Kerze - ein Symbol des Geistes. Alle Spiegel, Gemälde, TV Bildschirme werden in der Wohnung bedeckt. Unmittelbare Familienmitglieder trauern 7 Tage, indem sie auf dem Boden oder auf niedrigen Bänken sitzen und das Haus nicht verlassen. Juden verwenden keinen Schmuck oder Kosmetik wenn sie trauern, auch nehmen nicht an Unterhaltungen teil. Die Trauer wird nicht durch schwarze Farbe aber durch einen Schnitt in der Bekleidung eines Juden gekennzeichnet. (AK.: Kriah)
Es ist nicht akzeptabel im Judaismus, die Toten zu schmücken: der Verstorbene wird ohne Sarg (nur im Tuch), oder in einem einfachen Sarg begraben. Der Körper wurde im Tuch eingewickelt und zum Friedhof gebracht, dort in die Grube eingelassen, seine Augen mit Scherben bedeckt. Es wurde in einer flachen Grube begraben, Grabsteine wurden nur aus Stein gemacht. Nach der Beerdigung kehrten die Juden vom Friedhof keinesfalls auf dem gleichen Weg zuirück , weil sie glaubten, dass wenn man denselben Weg nimmt, dir der Tod von hinten zu deinem Haus folgen kann. Beerdigungen liefen ohne Blumen und Kränze ab, genauso wie bei zukünftigen Besuchen an den Gräbern (manchmal ließ man am Grab ein Steinchen). Dreißig Tage nach dem Tod gab es eine Gedenkfeier am Grab. Danach war erlaubt, ein Grabmal zu bauen.
Ich habe viel über die jüdische Bekleidung gelernt, auch darüber, warum Männer flache Mützen tragen, oder warum sie unrasierte Haare an den Schläfen haben. Noch interessanter war, tiefer in ihre Essgewohnheiten zu schauen - koschere Anforderungen, traditionelle Küche (es erschien dass viele litauische Gerichte scheinbar aus der jüdischen Küche gekommen sind...).
Der entschlüsselte "jüdische Code"
Aber lassen wir uns zu unseren (oder vielmehr - jüdischen) Grabsteinen zurückkehren. Nach ein paar Monaten harter Arbeit mit dem Entschlüsseln alter Inschriften in Hebräisch, begann ich, die jüdische Übersetzungen von manchen Grabsteinen in meinen Computer einzugeben. Leider gelang es nur 82 Inschriften zu entziffern. Eine traditionelle Inschrift auf dem Grabstein sieht so aus: "Hier ruht der ehrwürdige Gerchon Moshe, Sohn von Yehuda Ha Levy. Starb im Monat von Yud Zion 17. Tag, Tuf Rash Zadek Hai im Jahr 5685“. Oder: "Hier ruht die junge Frau Rachel, die Tochter von Leiba Zelig. Starb Kuf Alef 26. Tag, Tuf Raish Nun Bet im Jahr 5652".
Dank den Übersetzern, dass sie neben den uns nichts bedeutenden hebräischen Datumsangaben auch die lateinische Variante hinzufügen haben. Sie zeigen, dass die meisten Begräbnisse aus der Periode von 1870-1930 Jahren sind. Auf dem Birzaier jüdischen Friedhof wurden auch Juden von (nebenliegenden Städtchen) Papilys begraben. Auf den Grabstein einer Frau wurde festgestellt, ob sie verheiratet ist, oder wenn sie jung starb. Auf Grabsteinen der Männer wurden solche Aufschriften wie "ehrwürdig", "Student", "Lehrer" oder sogar "Rabbi" eingetragen.
Juden selber haben darauf hingewiesen dass es einen Grabstein im Birzaier Friedhof von einem berühmten Mitbegründer des "Yashiva Knesset Israel“ Rabbi Natan, Sohn von Shmuel gibt. Ich schaute ins Internet und erfuhr,das diese am Ende des 19. Jahrhunderts in Kaunas begründete religiöse Schule eine der einflussreichsten und der größten in Europa war. Sie hatte dann sogar 500 Schüler. In diese Yeshiva Schule kamen auch polnische und deutsche Studenten. Nach dem ersten Weltkrieg zog sie nach Jerusalem um. Die Studenten aus dieser Yeshiva und ihre Ausbildung hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des gegenwertigen Staates Israel.
Es war auch interessant, eine Übersetzung vom am Anfang dieses Artikels genannten Grabinschriften der Karaiten zu bekommen. Die Vermutung bestätigte sich, dass die ältesten Grabsteine gerade jene sind, die sich am Ufer des Sees befinden. Leider ist die Inschrift schwer lesbar, zumindest zeigt sie aber, dass es dort im Jahre 1828 (nur 15 Jahre nach den napoleonischen Kriegen!) ein geehrter Rabbi begraben ist. Leider konnte man weder seinen Namen noch den Vornamen lesen.

Grabmal von Rabbi Natan, dem Begründer von "Yashiva Knesset Israel"
Nur der Anfang einer grossen Arbeit...
Wir werden wieder auf den alten jüdischen Friedhof von Birzai gehen. Und nicht nur einmal. Wir möchten mehr von den Gräbern aufnehmen, noch mehr Inschriften einklären. Vielleicht können wir mehr berühmte Leute aus der Vergangenheit entdecken. Unsere Leute, von Birzai. Wenn wir die Listen mit Namen und Lebensjahren der Juden auf dem Birzaier Friedhof hätten, wären wir dann in der Lage, noch ein "Abenteuer" hinzuzufügen – Archive und Museen zu durchsuchen, um herauszufinden wo diese Menschen lebten, was sie getan haben. Weil es ist genug ein Telefonbuch aus dem Jahr 1932 zu nehmen oder einen schönen Artikel von Bronius Janusevicius Buch „Praeities miestas“ („die Stadt der Vergangenheit“) zu lesen, um festzustellen, dass die Juden einen grossen Teil der Bewohner Birzais darstellten. Ja, mit ihrer eigenen Kultur, ihren eigenen Traditionen. Es ist schon Zeit, diese Seite der Geschichte zu öffnen.
Dalius Mikelionis
Fotos von D. Mikelionis.
"Biržiečių Zodis“ (“das Birzaier Wort”, örtliche Zeitung von Birzai)
www.selonija.lt
Wer mehr über die Geschichte Litauens wissen möchte, besonders über den Holocaust, der wird hier unter litauischer Geschichte fündig!
Informationen über Birzai gibt es bei birzai.de oder auf alles-ueber-litauen.de
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