Der Krieg und die Juden in Litauen

 

 

Dieser ausgezeichnete Artikel von Andreas F. Kellatat beleuchtet die Situation der litauischen Juden in den beiden Weltkriegen. War das deutsch-jüdische Verhältnis während des ersten Weltkrieges noch durchaus positiv, schlug die Stimmung nach 1918 völlig um und führte zum litauischen Holocaust des Jahres 1941. Vielleicht hat die relativ humane Behandlung der Juden in Ober Ost des I. Weltkrieges sogar zu der hohen Todesrate von 1941 beigetragen. Wer sich noch an die deutsche Besatzung von 1915-1918 erinnerte, konnte sich nicht vorstellen, was Deutschland mit den litauischen Juden machen würde. Über Auswanderung wurde oft (zu) spät gesprochen und außerdem:

"Wir wollten-wie so viele-einfach nicht glauben, daß die Deutschen in Litauen einfallen könnten".

 

Dr. Kelletat arbeitet an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Germanistik.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Annaberger Annalen. Erstabdruck in den Annaberger Annalen 19/2011.

 

  

 

 Der Krieg und die Juden in Litauen

 Deutsche Schriftsteller in Kowno/Kaunas 1915-1918 und 1941-1944.

 Eine Bestandsaufnahme  

Andreas F. Kelletat

 

 

Das 20. Jahrhundert wird vielleicht als das „kurze“ Jahrhundert in die Geschichte eingehen. Denn seine Zäsuren erhält es zum einen durch die Jahre 1989/91, als die Ost-West-Spaltung überwunden wurde und die Völker östlich der Elbe Freiheit und Selbstbestimmungsrecht gewannen – was von vielen ihrer Repräsentanten auch als Auftakt einer „Rückkehr nach Europa“ beschrieben wird –, zum anderen durch das Jahr 1914, als mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs das lange 19. Jahrhundert endete. Dieser Krieg wird im kollektiven Gedächtnis der Deutschen (falls es so etwas gibt) vor allem als Krieg zwischen Deutschland und Frankreich in Erinnerung gehalten und für diesen wieder mag das Massensterben in der Schlacht von Verdun im Jahre 1916 am deutlichsten präsent sein. Dass der Erste Weltkrieg auch im Osten geführt wurde, dass zwei oder drei Millionen deutsche Soldaten dort kämpften bzw. als Besatzungsmacht stationiert waren, ist weniger geläufig. Große Gebiete in den heutigen Staaten Polen, Litauen, Lettland, Estland, Weißrussland, Ungarn, Rumänien und in der Ukraine wechselten zwischen russischer und deutsch-österreichisch/ ungarischer militärischer Herrschaft. Die Folgen des sich wiederholt verschiebenden Frontverlaufs waren für die Zivilbevölkerung verheerend. Besonders betroffen waren die Juden – und in dem östlichen Kampfgebiet lebte damals die deutliche Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung. Als die russischen Armeen nach großen Anfangserfolgen in Ostpreußen und Galizien erste Niederlagen einstecken mussten, konnte sich die russische Führung dies nur durch Verrat erklären. „Und die Verräter waren schnell gefunden: die Juden“ (Schuster Wenn der Zar 126). Die lebten zum einen in großer Zahl im Kampfgebiet und sie sprachen zum anderen Jiddisch und konnten so mit dem deutschen Feind kommunizieren – Grund genug, sie sehr hart anzufassen. Systematisch wurden Rabbiner und angesehene Gemeindemitglieder als Geiseln genommen und deportiert, die russische Armeeführung ließ auch komplette jüdische Gemeinschaften binnen 24 oder 48 Stunden aus frontnahen Ortschaften ausweisen, so dass 1914/15 ca. 600.000 jüdische Flüchtlinge im Kriegsgebiet umherirrten (ebd.). „Die Russen haben Kowno ausgeleert,“ heißt es in Arnold Zweigs Weltkriegsroman Einsetzung eines Königs von 1937, „als sie die Stadt räumten, nahmen sie an vierzigtausend Einwohner mit, ausnahmslos Juden; in die leergelassenen Häuser aber zogen andere Juden ein; die Dörfer und Städtchen rund um die Festung ergossen sich in sie.“ (59) 1915 gelang es den deutschen und österreichischen Truppen, die Front weit nach Osten vorzuschieben. Das unter ihre militärische Herrschaft geratene Gebiet wurde in drei Besatzungszonen eingeteilt – den Südosten bekam Österreich („Generalgouvernement Lublin“), die Region um Warschau übernahmen die Deutschen und ebenfalls unter deutsche Militärverwaltung gelangte der Nordosten, also Teile der heutigen Staaten Weißrussland, Litauen und Lettland. 1917 wurden dann auch noch Riga und Estland erobert, Regionen, in denen bisher – unter Oberherrschaft der Zaren – der baltendeutsche Adel das Sagen hatte. Ihre von der Memel bis zur Düna reichende, ca. 112.000 qkm umfassende und von knapp drei Millionen Menschen bewohnte Besatzungszone nannten die Deutschen Ober Ost.

Herbert Eulenberg

Herbert Eulenberg

 

Von einem jüdischen Ober Ost-Heimatvertriebenen aus Kowno/Kaunas berichtet auch der nicht-jüdische Schriftsteller Herbert Eulenberg (1876-1949) in seinem Text Jüdischer Maurer, der zu einer gleichnamigen Steinzeichnung des 1923 nach Palästina ausgewanderten Berliner Malers und Radierers Hermann Struck (1876-1944) entstand. Bild und Text erschienen 1916 in dem seiner „Exzellenz dem Herrn Ersten Quartiermeister General der Infanterie Ludendorff“ gewidmeten Prachtband Skizzen aus Litauen, Weißrussland und Kurland, „hergestellt in der Druckerei des Oberbefehlshabers Ost“ (vgl. Rusel 176- 83):

Jüdischer Maurer

„Ich bin Schmerl, der Muler. Ich kann malen, mauern und tünchen. Was

soll ich Euch sonst noch von meinem Leben erzählen? Meine Frau ist

mir gestorben im Krieg. Meine drei Söhne sind bei der russischen Armee.

Ob gefallen, ob gefangen, ich weiß es nicht […] Die Russen sind

gekommen und haben uns gesagt: „In vierundzwanzig Stunden müßt Ihr

aus Kowno sein. Wer morgen Nachmittag nach vier Uhr noch angetroffen

wird, wird totgeschossen.“

„Hab ich drei leibliche Söhne bei Eurer Armee stehen“, hab’ ich gesagt.

„Kannst Du darum nicht für die verdammten Deutschen Spionagedienste

tun?“ hat es geheißen.

„So wahr ich meine Kinder liebe, hab’ ich nie einen Deutschen gesehen“,

hab’ ich beschworen.

„Ihr verfluchten Juden seid alle selber halbe Deutsche“, hat man mich

angeschrien.

„Meine Frau ist schwanger im achten Monat“, hab’ ich wieder gesagt.

„Sie kann sterben mitsamt dem Kind auf der Flucht.“

„Schon recht! So sind zwei Juden weniger auf der Welt!“ haben sie

mich ausgelacht. Also sind wir abgezogen in vierundzwanzig Stunden:

Greise, Kranke, Schwangere, Kinder, Tolle, Säuglinge. Alles durcheinander,

wie ein Rudel Hunde, die man einfängt und verjagt. Eso viel

Jammer ist noch nicht dagewesen auf der Welt. Was uns unsere Lehrer

erzählt haben von der Austreibung unseres Volkes aus Spanien in früheren

Jahrhunderten, ist ein Kinderspiel gewesen gegen die Schrecken und

die Verzweiflung, die wir durchgemacht haben. Und wenn ich tausend

Jahre alt würde, das könnt’ ich den Russen nie vergessen, was sie uns

angetan haben!“

Und Schmerl, der Muler, weint, und seine Tränen tropfen in die Lehmspeise,

und er streicht und schmiert mit seinen Tränen die Wände zu neuen Häusern.

(Struck / Eulenberg o.S.)

 

Eulenbergs, die Sympathien seiner deutschen Leser für die im Osten bedrängten Juden weckender Text war keine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Kriegspublizistik. Vergleichbare Töne finden sich z.B. in einem dem Thema „Ostjuden“ gewidmeten „Kriegsheft“ der einflussreichen Süddeutschen Monatshefte vom Februar 1916. Starke Sympathien für das kaiserliche Deutschland gab es weltweit in den jüdischen Gemeinschaften. In das Kapitel über den Ersten Weltkrieg seiner 1960 erschienenen Monographie Die Juden in Deutschland hat H.G. Adler zwei Strophen eines Gedichts aufgenommen. Die lauten so:

 

Ich bin ganz fremd zum Teuton,

Es ist der Jid in mir, wo redt –

Doch wünsch ich Segen Deitschlands Fohn,

Wos flattert über Rußlands Stedt. ...

Mein Lied der deitschischen Nation,

Hoch for dem Kaiser und sein Land,

Hoch for sein Mut und seine Fohn!

Und hoch for sein gesegnet Hand! (Adler 136)

 

 

Die Verse mit dem Segenswunsch für Kaiser Wilhelm II. stammen von Morris Rosenfeld, dem 1862 in Boksze bei Suwalki geborenen und 1882 via England in die USA ausgewanderten und 1923 in New York verstorbenen jiddischen Dichter. Sie lassen ahnen, wie weit die Parteinahme für Deutschland unter den Juden ging, auch in den bis 1917 neutralen Vereinigten Staaten, wo jiddische Zeitungen nach dem Kriegseintritt Amerikas vorzensurpflichtig wurden – wegen ihrer notorisch deutschfreundlichen Haltung (Adler 135). Und hatten die Juden der „new immigration“ nicht Grund zu der Erwartung, dass sich unter „Deitschlands Fohn“ die Lage ihrer in Osteuropa zurückgebliebenen Verwandten und Glaubensgenossen bessern werde? Die in Eulenbergs Jüdischem Maurer anklingende Euphorie der ersten Begegnung zwischen „Ostjuden“ und kaiserlich-deutscher Armee beschreibt Sammy Gronemanns Ober Ost-Erinnerungsbuch Hawdoloh und Zapfenstreich von 1924 freilich in leicht sarkastischem Ton:

 

In den ersten Kriegszeiten […] herrschte eitel Jubel und Begeisterung

ob der Entdeckung der Ostjuden als Wahrer deutscher Art und Sprache.

Es entstanden begeisterte Lobgesänge auf ihre Treue und eine Reihe

deutscher Literaten, beileibe nicht nur Juden, bewiesen in tiefgründigen

Abhandlungen, daß die Ostjuden eigentlich echte und rechte Deutsche

seien, Träger deutscher Kultur, die in unerhörter Zähigkeit und Anhänglichkeit

ihr germanisches Volkstum durch die Jahrhunderte slawischer

Unterdrückung gewahrt hätten. Im kaiserlichen Hauptquartier wurde

eine in Prachtband gefaßte, wundervoll ausgestattete Denkschrift über

diese Materie huldvollst entgegengenommen. – Kaiser Wilhelm wollte

im ersten Impuls die sofortige Entlassung aller ostjüdischen Kriegsgefangenen

verfügen, ein Entschluß, der noch glücklich verhindert wurde

– er hätte Tausenden russisch-jüdischer Soldaten das Leben gekostet –,

die Namen Silberfarb und Mandelstamm, einst das Objekt ironischer

Bemerkungen des Reichskanzlers Bülow, galten jetzt als Symbole jüdisch-

deutscher Mannentreue und das Wort „Ostjude“ war wohlgefällig

in den Augen deutschnationaler Patrioten. Es wurde eine richtiggehende

politische Aktion veranstaltet; der Feldmarschall Hindenburg und Exzellenz

Ludendorff ließen Proklamationen, sogar durch Flugzeuge, in

jiddischer Sprache an die Juden in Litauen und Polen verbreiten, in denen

die Befreiung der armen russischen Juden vom zaristischen Joch

durch die freiheits- und judenfreundlichen Heere angekündigt und die

enge Zusammengehörigkeit und geistige Verwandtschaft von Deutschen

und Juden dargelegt wurde. Kurz – es sah fast so aus, als ob Kaiser Wilhelm

seinen Heerbann eigens zur Rettung seiner vielgeliebten Ostjuden

aufgerufen hätte. (Gronemann, Hawdoloh 32 f.)

 

 

Die durch Berichte über das judenfreundliche Vorgehen der deutschen Armee befestigte deutschfreundliche Haltung der amerikanischen Juden wurde getragen von jenen über zwei Millionen jüdischen Auswanderern, die zwischen 1881 und 1914 aus Osteuropa in die USA gelangten. Man kann diese Auswanderung osteuropäischer Juden als Teil jenes transatlantischen Massenexodus sehen, der aus dem sich von einer Agrar- zur Industriegesellschaft wandelnden Europa in den Jahrzehnten 1850 bis 1920 an die 60 Millionen Europäer in die USA führte (die Bevölkerung Irlands schrumpfte damals von 8 auf 4,5 Millionen), aber auch nach Südamerika (11 Millionen), nach Australien, Neuseeland und nach Südafrika. Verlauf und Ursachen dieser gigantischen Ost-West-Migration hat Klaus Bade in seiner Gesamtdarstellung Europa in Bewegung (2000) benannt: der rapide Geburtenanstieg in Europa, dessen Bevölkerung im 19. Jahrhundert trotz der Auswanderung nach Übersee von ca. 180 auf knapp 490 Millionen wuchs, die Ernährungsprobleme, der soziale Wandel, die verkehrstechnischen Revolutionen (Dampfschiff und Eisenbahn), der „Menschenhunger“ der Neuen Welt mit ihrer dem Ansturm der Europäer nicht gewachsenen autochthonen Bevölkerung.

 

Die jüdische Auswanderung aus Russland setzte allerdings vergleichsweise spät ein, um 1880. Und ihre Ursache war zwar gewiss auch der soziale und wirtschaftliche Druck, der auf den jüdischen Gemeinschaften lastete, ihr Auslöser allerdings waren die judenfeindliche Politik der russischen Regierung nach der Ermordung Alexanders II. im März 1881, Auslöser waren die Pogrome und das Zusammenpferchen im seit 1804 bestehenden sog. Ansiedlungsrayon. 500.000 Juden wurden 1882 gezwungen ihre Heimatorte zu verlassen und aus ländlichen Siedlungsgebieten in Städte und Schtetl zu ziehen, 250.000 trieb man von der Westgrenze Russlands ins Innere des Rayons, 700.000 wurden aus östlichen Regionen in den Rayon zurück gezwängt, darunter die 20.000 Moskauer Juden (vgl. Dubnow und Hildermeier).

 

Arnold Zweig

Schon in den 80er Jahren herrschte in Jüdisch-Russland jene „reibungsvolle Enge“, die (auf den Leser je nach Disposition abstoßende oder sein Mitleiden provozierende Weise) Arnold Zweig 1919 in Das ostjüdische Antlitz

 

…an den Fischkästen großer Speisehäuser veranschaulicht […], wo zwischen

engen Glaswänden so viele Fische eingepfercht sind, daß sie nur

gerade noch vom Wasser […] umspült sind, sonst aber, Fisch an Fisch

gepreßt, gegen die durchsichtige unnachgiebige Schranke gedrückt, mit

dem Maule an der Oberfläche des Kastens hängen oder am sandigen

Grunde festhalten – nicht anders drängt sich der Jude in den kleinen und

größeren Städten des Ostens zusammen […] (Zweig, Antlitz 19)

 

 Die russische (aber auch rumänische) Politik der Nicht-Gewährung bürgerlicher Rechte für die jüdischen Bewohner kontrastierte dabei scharf mit der Situation in den westlichen Regionen Europas und in den USA, wo die formalrechtliche Gleichstellung der Juden schon 1776 (Religions- und Gewissensfreiheit in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung) erfolgt war bzw. 1789 in Frankreich, 1831 in Belgien, 1858 Großbritannien, 1866 Österreich, 1867 Ungarn, 1870 Italien, 1871 Deutsches Reich, 1873 Schweden, 1874 Schweiz, 1891 Norwegen, 1910 Portugal. Die Jahreszahlen markieren jeweils den Abschluss des rechtlichen Gleichstellungs- bzw. Emanzipationsprozesses, wobei es viele Vor- und Zwischenstufen gab, etwa im 18. Jahrhundert die sog. Toleranzpatente, die den Juden gewisse Rechte einräumten, ihnen andere aber weiterhin versagten, z.B. den Zugang zum Beamtentum und zur Offizierslaufbahn, das aktive und passive Wahlrecht usw.    Die Emanzipation der Juden in West- und Teilen Mitteleuropas war allerdings mit einem schon für die Aufklärung charakteristischen Vorbehalt versehen: Den Juden als Nation sei nichts zu geben, dem einzelnen Juden als Individuum hingegen alles. Der Preis für die Emanzipation war die Assimilation bzw. Akkulturation, oft bis zum Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft, bis zur Taufe, dem „Entréebillet zur europäischen Kultur“, wie Heine seine Taufe von 1825 genannt hat. Die Lorelei habe er „aber sicher nach der Taufe gemacht“, lässt Spötter Sammy Gronemann in seinem in Ober Ost-Tagen entstandenen Roman Tohuwabohu (1920) Frau Pastor Marie Bode im deutsch-protestantischen Pfarrhaus von Borytschew plappern, jene wiedergeborene Daja aus Lessings Nathan, die freilich weniger an Engel glaubt denn daran, „daß die Juden in ihr Osterbrot Christenblut hineintun“ (Gronemann, Tohuwabohu 154 f.). Viel wurde im Jahrhundert der Emanzipation darüber gesprochen, was die Juden für ihre Gleichstellung alles aufzugeben hätten (ihr sonderbares Juden-Deutsch, ihre auffällige Kleidung, ihre traditionelle Rechtsprechung, ihre befremdenden Gottesdienstformen usw.), nur sehr selten wurde von christlicher Seite überlegt, ob man selbst im Verhältnis zu den Juden vielleicht auch etwas aufgeben müsste (z.B. den Gottesmordvorwurf oder das Hostienschänden- und Ritualmordgeglaube), und fast nie wurde gefragt, was die Juden denn als Juden der europäischen Kultur vielleicht zu geben hätten (vgl. Scholem 40). Indirekt findet sich diese Grundhaltung gegenüber den Juden des besetzten Gebiets auch in jener knapp 500 Seiten umfassenden amtlichen Darstellung Das Land Ober Ost, in der die Pressabteilung Ober Ost im Herbst 1917 die „deutsche Arbeit in den Verwaltungsgebieten Kurland, Litauen und Bialystok-Grodno“ dokumentierte und in der sie Interessantes über litauische Volkspoesie und litauische Ornamentik und „weißruthenisches Volksrecht“ mitzuteilen hat, in der das Jiddische dann aber mit einem deutsch-jiddischen Mischmasch-Text (Eine „Gebitte“) präsentiert wird, der im deutschen Leser allenfalls ein schmunzelndes westliches Überlegenheitsgefühl zu wecken vermag (Das Land Ober Ost 70 f.). Auch in den Kapiteln Land und Leute sowie Wilna – Ein Kultur- und Städtebild dominiert ein Ostjuden-Bild, das kaum freundliche Züge enthält, dafür ausführlich von Schmutz und Enge und Lärm und „Überbleibseln finstersten Mittelalters“ spricht (ebd. 18 f., 45-50). Eher am Rande erwähnt wird das „schon reich entwickelte jiddische Schrifttum [, das] auch den Ärmsten der Armen wenigstens einen Blick in ihnen unbekannte Welten erschließt“ (ebd. 19). Am gründlichsten wird in der Ober Ost-Anthologie über die jüdischen Kultusgemeinden informiert, im Kapitel Glaubenszwang und Gewissensfreiheit, das mit der beruhigenden Feststellung schließt:

 

Nach Besetzung des Landes durch die Deutschen hat natürlich jede Verfolgung

aufgehört; religiöser Friede herrscht in dem schwer heimgesuchten

Lande, dessen Verwaltung jede Konfession schützt und alles tut,

um die kirchlichen Bedürfnisse jedes Landeseinwohners zu befriedigen.

(ebd. 368)

 

 

Wenn also im Ersten Weltkrieg der amerikanisch-jiddische Dichter Rosenfeld dem deutschen Kaiser und dem deutschen Heer den Sieg wünschte, so lässt sich dieser Wunsch mit der Erwartung erklären, dass der Sieg der Kulturnation Deutschland über das brutal-barbarische Russland eine Verbesserung der Lage der Juden bringen werde – so die Überzeugung der nach Amerika ausgewanderten osteuropäischen Juden. „Ich bin ganz fremd zum Teuton“, schrieb Rosenfeld, so dass ein anderes Motiv für seine prodeutsche Haltung hier nicht in Betracht kommt, das Gershom Scholem in seinem Vortrag Deutsche und Juden 1966 als das „sehnsüchtige Schielen nach dem deutschen Geschichtsbereich“ charakterisiert, fast möchte ich sagen: denunziert hat. „Aus den Objekten aufgeklärter Duldung“, heißt es bei Scholem, „wurden nicht selten lautstarke Propheten, die im Namen der Deutschen selber zu sprechen sich anschickten“ (26).

Thomas Mann

Thomas Mann

 

Thomas Mann hat das Problematisch-Gefährliche, ja Mörderische dieser mentalitätsgeschichtlichen Konstellation im Sommer 1946 im Fitelberg-Monolog seines Doktor Faustus aufbewahrt:

 

 

Nun, ich bin Jude, müssen Sie wissen, – Fitelberg, das ist ein eklatant

jüdischer Name. Ich habe das Alte Testament im Leibe, und das ist eine

nicht weniger ernsthafte Sache als das Deutschtum […] man ist als Jude

im Grunde skeptisch gesinnt gegen die Welt, zugunsten des Deutschtums,

auf die Gefahr hin natürlich, Fußtritte einzuhandeln für seine Neigung.

Deutsch, daß [sic!] heißt ja vor allem: volkstümlich – und wer

glaubte einem Juden Volkstümlichkeit? Nicht nur, daß man sie ihm

nicht glaubt, man gibt ihm ein paar über den Schädel, wenn er die Zudringlichkeit

hat, sich darin zu versuchen. Wir Juden haben alles zu

fürchten vom deutschen Charakter […] Volkstümlichkeit wäre für uns

eine den Pogrom herausfordernde Frechheit. Wir sind international –

aber wir sind pro-deutsch, sind es wie niemand sonst in der Welt, schon

weil wir gar nicht umhinkönnen, die Verwandtschaft der Rolle des

Deutschtums und des Judentums auf Erden wahrzunehmen. Une analogie

frappante! Gleicherweise sind sie verhaßt, verachtet, gefürchtet, beneidet,

gleichermaßen befremden sie und sind befremdet. Man spricht

vom Zeitalter des Nationalismus. Aber in Wirklichkeit gibt es nur zwei

Nationalismen, den deutschen und den jüdischen, und der aller anderen

ist Kinderspiel dagegen […] Die Deutschen sollten es den Juden überlassen,

pro-deutsch zu sein. Sie werden sich mit ihrem Nationalismus,

ihrem Hochmut, ihrer Unvergleichlichkeitspuschel, ihrem Haß auf Einreihung

und Gleichstellung, ihrer Weigerung, sich bei der Welt einführen

zu lassen und sich gesellschaftlich anzuschließen, – sie werden sich

damit ins Unglück bringen, in ein wahrhaft jüdisches Unglück […] Die

Deutschen sollten dem Juden erlauben, den médiateur zu machen zwischen

ihnen und der Gesellschaft, den Manager, den Impresario, den

Unternehmer des Deutschtums – er ist durchaus der rechte Mann dafür,

man sollte ihn nicht an die Luft setzen, er ist international, und er ist

pro-deutsch ... (Mann 544-47)

 

 

„Unternehmer des Deutschtums“ – waren das nicht auch jene wackeren preußenfreundlichen jüdischen Gelehrten (vgl. Morgenstern) wie Joseph Carlebach oder Leo Deutschländer, die in Kowno, Bialystok und anderen Orten von Ober Ost ein Zusammengehen von deutscher und jüdischer Kultur anstrebten? Wie man solche „Symbiose“ sich als Bildungsprogramm, als „jüdisches Erziehungswerk“, vorzustellen hat, zeigt Leo Deutschländers „jüdisches Lesebuch“ Westöstliche Dichterklänge, dessen Vorwort auf „Hauptquartier Ost, März 1918“ datiert ist. Für den „deutschen (Mittelstufen-) Unterricht in den jüdischen Schulen Polens und Litauens“ hat Deutschländer seine Anthologie konzipiert, für ein „bildungsdürstendes Geschlecht, das sehnend über die Tore des Gettos hinweg nach fremden Geisteshallen geschaut“ (Deutschländer, IV; vgl. Gronemann Erinnerungen an meine Jahre in Berlin 263-267).

 

Gershom Scholem analysierte in seiner Rede von 1966 auch, woher das „Schielen“ nach der deutschen Kultur rührte. Zum einen war es eben diese deutsche Kultur, der die Juden in Deutschland, Österreich-Ungarn und in Osteuropa als erster begegneten, als sie ihr Ghetto nach 1750 verließen. Und sie brachen zum anderen in die deutsche Kultur auf, als diese ihre erstaunlichste Entfaltung erlebte – mit Gestalten wie Lessing, Herder, Goethe oder Schiller. Die Verehrung der Juden für diese Großen war immens, besonders für Schiller, der zugleich im 19. Jahrhundert der wirkliche Nationaldichter der Deutschen war. „Die Begegnung mit Friedrich Schiller war für viele Juden realer als die mit den empirischen Deutschen“ (Scholem 30). In ihrer Intensität und ihrem Umfang hat der Übertritt der Juden ins Deutsche „keine Parallele in den Begegnungen der Juden mit anderen europäischen Völkern“ (ebd. 29). Aber den Deutschen war dieser Ansturm der aus dem Ghetto ins Deutsche (und nach Deutschland) strebenden Juden auch unheimlich. Der von den Deutschen gewährten politischen Emanzipation „stand keine gleiche Bereitschaft zur rückhaltlosen Aufnahme in die kulturell aktive Schicht gegenüber“ (ebd. 39), so dass es von Anfang an ein „falscher Start“ war, der die Beziehungen der beiden Gruppen, der Juden und der Deutschen, prägte.

 

Scholems zionistischer Interpretation des deutsch-jüdischen Verhältnisses ist schwer zu widersprechen. Hatte also Victor Klemperer unrecht, der – schon eingepfercht ins Dresdner „Judenhaus“ – im Sommer 1941 nach der Lektüre von Sammy Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich seinen eigenen Aufenthalt in Kaunas 1916 erinnert und seine eigene Identität überdenkt? Gronemanns Verherrlichung der Ostjuden und seine Polemik gegen den „haltlosen und verräterischen Assimilationsjuden Deutschlands“, sein Ruf zum Aufbruch nach Zion, „das auch das eigentliche Vaterland der deutschen Juden sei,“ waren Klemperer ein Gräuel (Klemperer 481). Mit dem „ostjüdischen Volk“, den schreienden Zeitungsverkäufern, Droschkenkutschern, Friseuren und spielenden Kindern in den Straßen von Kowno oder den „’Lernenden’ in einer Wilnaer Talmudschule“ habe er als Deutscher nicht mehr „Gemeinschaft“ als mit den Kutschern, Zeitungsjungen, Kindern oder Fischern in Neapel (ebd.). Juden in Russland bzw. in Osteuropa und Juden in Deutschland lebten für Klemperer durch ihre völlig unterschiedliche kulturelle Prägung in geschiedenen Welten, auch wenn Klemperer in Kaunas durch die Erzählungen eines Angehörigen des Presseamtes, im Zivilberuf Berliner Börsenmakler, bewusst wurde, welche „Verflochtenheit“ zwischen den Juden „diesseits und jenseits der Grenze“ Deutschlands bestand (ebd. 484). Diese „Verflochtenheit“ hat Gronemann in seinem 1920 erschienenen Roman Tohuwabohu zur beißenden Satire auf das Berliner assimilierte Judentum der Kaiserzeit benutzt.

Viktor Klemperer

Victor Klemperer

 

„Ließ sich die Trennung behaupten, die mir so wesentlich war?“, erinnerte sich Klemperer 1941 an die ihn in Kaunas bewegende Frage aus dem Ersten Weltkrieg (vgl. Faber 145- 166):

 

Aber ich fand meine Sicherheit wieder. Für mich bestand die Kluft. Ich

war in Deutschland geboren, ich hatte nichts anderes eingeatmet als

deutsche Luft, als deutsche Geistigkeit; ich konnte nichts anderes sein

als Deutscher. Ich notierte in meinen Tagebuchbriefen: „’Wäre ich in

Paris geboren, ich wäre Christin geworden’, sagte die Mohammedanerin

Zaire. Die kulturelle Atmosphäre entscheidet, nicht das Blut. – Nein,

auch das ist mir zu materialistisch, zu unfrei gedacht. Es stimmt vielleicht

für die meisten Menschen, für alle nicht. Wenn mein Ich es will,

kann mich die Umgebung so wenig halten wie das Blut. Gibt es einen

besseren Deutschen als Franzos’ Pojaz, den die Sehnsucht aus Halbasien

nach Deutschland führt? Der Geist entscheidet von sich aus ...“ (Klemperer 484 f.)

 

 

Hat Klemperer hier – so lässt sich zynisch fragen – die Rechnung ohne den Wirt gemacht? Oder ohne das „Wirtsvolk“, um den bösen an Schmarotzer, Parasiten und Krankes gemahnenden Terminus aufzugreifen, mit dem Scholem seine Hörer erschreckt (Scholem 32). Denn ohne Anerkennung durch die Autochthonen kann ich nicht Teil des anderen Kollektivs werden, oder – wie Theodor Herzl 1896 formulierte: „Wer der Fremde im Lande ist, das kann die Mehrheit entscheiden“ (Judenstaat 16). Natürlich hatte Klemperer recht – aus heutiger Sicht: Wer wollte es einer 35-jährigen verwehren, die in die USA ausgewandert ist und sich dort 15 Jahre später als Amerikanerin fühlt, wie die Amerikaner denkt und argumentiert und ihr schon halbvergessenes Deutsch nur noch mit amerikanischem Akzent spricht, sich als Amerikanerin zu bezeichnen? Und wünschen wir uns nicht von dem türkischen Nachbarsbuben, dass er Fan des FC Bayern wird, deutsche Manieren annimmt und sich von seinen Klassenkameraden möglichst rasch nur noch durch Haar- und Augenfarbe unterscheidet, aber nicht mehr durch eine andere Mentalität? Würden wir der neugebackenen Amerikanerin deutschen Selbsthass vorwerfen, dem Schulbuben türkischen Selbsthass? Von gelungener Integration oder Akkulturation sprächen wir (vgl. Hansen 160). Und wächst nicht sogar die Einsicht, dass sich Identitäten im Verlauf eines Lebens verändern können, dass sie sich auch aus unterschiedlichen Ingredienzien zusammensetzen, dass sie „hybrid“ sein können, dass ein Kollektiv vielleicht gar nicht das Recht hat, einen Einzelnen voll und ganz für sich zu beanspruchen, zu vereinnahmen? Das 19. und das 20. Jahrhundert haben darüber zumeist anders gedacht.

 

Vielleicht sollten wir – auch in unserer Beschäftigung mit Ober Ost – beim Thema Identität jenen mehr Aufmerksamkeit schenken, die ich – in Ermangelung eines glücklicheren Terminus – als „Überläufer“ aus der „großen“ bzw. dominanten in die „kleine“ bzw. unterlegene Gruppe bezeichnen möchte. Denn auch das ist ja eine Reaktion, die die Begegnung mit (angeblich) Schwächeren in mir auslösen kann: den Wunsch, zu ihnen, zu den Opfern, zu gehören. Das scheint z.B. auf Victor Jungfer zuzutreffen, Offizier in der Presseabteilung von Ober Ost, der 1919 den „Kulturroman“ Das Gesicht der Etappe veröffentlichte, dessen Held sich angesichts der brutalen und heuchlerischen deutschen Okkupationspolitik (Jungfer 233-263: Schilderung eines KZ-artigen Gefangenenlagers!) Schritt für Schritt in einen Litauer zu verwandeln versucht ... (vgl. Liulevičius 239 ff.). Oder man denke an Alfred Brusts (auch er war bei der Presseabteilung von Ober Ost) mir immer noch rätselvollen Roman Die verlorene Erde von 1926, in dem ein Graf aus altem Pruzzengeschlecht zum Judentum übertritt und bei einem Pogrom in Wilna ums Leben kommt. Welche Ober Ost-Erfahrungen könnten Brust zu dieser Romankonstruktion veranlasst haben? Oder ist für den pruzzisch-jüdischen Grafen jener Walentyn Graf Potocki Vorbild, der sich in Amsterdam „zum Judaismus bekehrte und trotz Folter dem neuen Glauben nicht abschwor“ und der 1749 als Häretiker in Wilna auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde? (Miłosz 47 f.) Ein drittes und letztes Beispiel für die Figur des „Überläufers“ auf die Seite der (scheinbar) Unterlegenen bietet mir Bertin, der Schipper aus Zweigs Roman Junge Frau von 1914, den der Krieg u.a. nach Üsküb auf dem Balkan verschlägt.

 

 

Hier verschwinden, sich umkleiden […] und als würdevoller spaniolischer

Jude mit Lammfellmütze und gekreuzten Beinen in einem kleinen

Laden sitzen und Tabak verkaufen, türkischen Honig oder Goldschmiedewerk! (229 f.)

 

 

Es bleibt in Zweigs Roman bei diesem orientalistischen Tagtraumbild, aber dies Bild zeigt Bertins Sehnsucht (und die des Autors wohl auch) nach einer anderen, vormodernen, orientalisch-mediterranen, ungebrochen jüdischen Identität (vgl. Hermand 81, Claussen 319).

 

* * *

 

 

Avraham Barkais 2002 erschienene Studie über den 1893 gegründeten „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, die vielleicht zu einer Rehabilitierung des jahrzehntelang als „Centralverein jüdischer Staatsbürger deutschen Glaubens“, als rückgratloser Assimilantenclub, geschmähten C.V. in der jüdisch-zionistischen Historiographie beitragen wird, hat ebenso wie Ulrich Siegs weithin gerühmte Marburger Habilitationsschrift Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg (2001) auf breiter Materialbasis die Kriegserfahrungen deutscher Juden ab dem „Burgfrieden“ und „Augusterlebnis“ von 1914 – den „Flitterwochen des Krieges“ (Gronemann Erinnerung an meine Jahre in Berlin 159) –, über die „Judenzählung“ im Oktober 1916 bis zum Kriegsende und zur Revolution rekonstruiert, wobei in beiden Untersuchungen auch das Thema „Ostjudentum“ breiten Raum einnimmt, ähnlich wie schon 1997 im dritten Band der von Michael M. Meyer herausgegebenen Deutschjüdischen Geschichte in der Neuzeit. Veijas Gabriel Liulevičius’ 2002 auch auf Deutsch erschienene, durch eine litauische Perspektive geprägte Studie War Land on the Eastern Front. Culture, National Identity, and German Occupation in World War I (2000) fragt u.a. nach dem „Ostfronterlebnis“ der deutschen Soldaten, nicht nur der jüdischen, und untersucht, wie die „Kolonisierung“ von Ober Ost funktionierte und wie die betroffenen ethnischen Gruppen auf die deutsche Militärherrschaft und deren „Kulturarbeit“ reagierten. Wir wissen allerdings auch nach Liulevičius’ gewichtiger Untersuchung immer noch viel zu wenig über das Bild der Weltkriegs-Deutschen in litauischen, lettischen, polnischen, russischen oder jiddischen zeitgenössischen Quellen. Trotz dieser in den letzten Jahren entstandenen breiten Forschungsbasis, zu der auch mehrere Beiträge zur Potsdamer Arnold-Zweig-Konferenz von 1999 (Bernhard/Schlör 2004) oder die Dissertationen von Eva Raffel über das „östliche Judentum im Werk von Joseph Roth und Arnold Zweig“ (2002) sowie von Frank Schuster über die „Lebenswelten“ osteuropäischer Juden während des Ersten Weltkrieges (2004) zu zählen sind, will es mir nicht gelingen, die im Ersten Weltkrieg, in den 20er und 30er Jahren oder auch später entstandenen Essays, Tagebücher, Erinnerungen, Romane von Alfred Brust, Richard Dehmel, Herbert Eulenberg, Paul Fechter, Hans Frentz, Sammy Gronemann, Viktor Jungfer, Victor Klemperer, Hermann Struck oder Arnold Zweig umstandslos in den wissenschaftlich solide ausgeleuchteten politik-, ideen-, mentalitäts und sozialgeschichtlichen Kontext einzuordnen. Davon halten mich – wenn diese Selbstbefragung gestattet ist – neben anderen Hemmungen vor allem all die Echos ab, die aus jenem Abgrund tönen, der uns von den deutsch-jüdischlitauischen Begegnungen im Ersten Weltkrieg trennt. Daraus resultiert ein methodisches Problem. Die vom Ersten Weltkrieg und Ober Ost handelnden Texte werden von uns Späteren vielleicht zu beharrlich auf Signale des kommenden Unheils abgehorcht, des „Weltuntergangs“ (vgl. Taterka). Das zeigt: Keiner dieser Texte kann mehr so gelesen werden, als habe es Auschwitz und die Shoah nicht gegeben.

 

* * *

 

 

Sammy Gronemann behauptet in der Warnung! überschriebenen Einleitung zu Hawdoloh und Zapfenstreich, dem zweifellos aufschlussreichsten Text über die „ostjüdische Etappe“, dass er niemanden „belehren“ werde und auch „kein pädagogisches Talent“ in sich „verspüre“. Aber gerade Gronemann – und Victor Klemperer hat das 1941 sehr genau und voll Abneigung wahrgenommen – exemplifiziert sehr zielstrebig eine ganz bestimmte Lehre am Beispiel   von Ober Ost, die Lehre Theodor Herzls nämlich, wonach die „Judenfrage“ weder eine soziale sei, noch eine religiöse, sondern eine nationale: „Wir sind ein Volk, ein Volk“, hatte Herzl in seiner „Staatsschrift“ Der Judenstaat 1896 proklamiert (Herzl 16). Wie weit sich der jüdische Nationalismus zwanzig Jahre später in Kaunas durchgesetzt hatte, lässt Gronemann u.a. in seiner Beschreibung des von Joseph Carlebach geleiteten Kownoer Gymnasiums erkennen, einer „durch und durch hebraistisch-nationaljüdischen Institution“ (Gronemann, Hawdoloh 210), einer Schule, an der auch „Intellektuelle“ von Ober Ost Vorträge hielten, u.a. Sammy Gronemann selbst, Arnold Zweig und Hermann Struck, dessen in Ober Ost entstandene jüdische Porträts nicht wenigen Betrachtern als ebenso authentische Bilder authentischen Ostjudentums erscheinen wie Roman Vishniacs Fotographien aus den Jahren 1935 bis 1939. 1916 nahm Gronemann am Chanukkafest des Gymnasiums teil:

 

 

Die Kinder hatten durch allerhand Darbietungen in Hebräisch, Jiddisch

und Deutsch ihre Fähigkeiten gezeigt und das offizielle Programm war

erledigt. Das Publikum, das den Saal bis auf den letzten Platz füllte –

auch die Behörden, der Stadthauptmann, der Schulrat, der Feldrabbiner

waren anwesend – klatschte freudig Beifall und die Mitwirkenden verbeugten

sich auf dem Podium. Da wurde auf der Bühne plötzlich die

Hatikwah angestimmt. Alle erhoben sich – zuletzt auch der Rabbiner –

fielen in den Gesang ein oder hörten ihn doch respektvoll an. Nachher

gabs einen Mordskrach: Carlebach hielt den Schülern […] eine Standpauke,

dahingehend, daß seine Schule nicht zionistisch und nicht national-

jüdisch sei. Er verbiete das Singen der Hatikwah in den Räumen der

Schule. (Gronemann, Hawdoloh 212 f.)

 

 

Ein Jahr später, zu Chanukka 1917, war Gronemann erneut in der Aula des Gymnasiums, aber dieses mal war es der Agudist Joseph Carlebach selbst, der die Versammelten zum Schluss aufforderte,

 

 

„sich von Ihren Plätzen zu erheben und unsere Hymne, die nationale

Hymne des jüdischen Volkes, die Hatikwah, anzuhören!“

Das war ein Umschwung und ein Erfolg, in gleicher Weise ehrenvoll für

Schüler und Lehrer. Carlebach hat mir oft gesagt, wieviel er in jener

Zeit in Kowno gelernt und wie er sich davon überzeugt hat, daß die nationale

Begeisterung und der nationale Wille der jüdischen Jugend anzuerkennen

sind und daß daran vorüberzugehen blöd und verbrecherisch

sei. (Ebd. 213; vgl. Carlebach)

 

 

Von 1915 bis 1920 war Carlebach am Kownoer Gymnasium, das sich zu einer „schülerorientierten Hochburg“ entwickelte und mit seiner Synthese aus traditionellen religiösen Elementen, säkularem Wissen und modernen Lehrmethoden als Vorbild für die jüdischen Gymnasien in Memel, Riga und Wilna diente. Ab 1921 leitete der große Pädagoge Carlebach die Talmud-Tora-Schule in Hamburg; er wurde 1926 Oberrabbiner der Altonaer, 1936 der Hamburger Gemeinde. Am 6. Dezember 1941 wurde er ins KZ Jungfernhof bei Riga deportiert, wo er „im Geheimen für Schulunterricht und Erwachsenenbildung (sorgte), für Gottesdienst, für leuchtende Chanukkakerzen und für würdige Worte für jeden Einzelnen der so vielen Toten“ (Gillis-Carlebach 11). Am 26. März 1942 wurde er in einem Wald bei Riga mit seiner Frau und seinen dreizehn, vierzehn und fünfzehn Jahre alten Töchtern Sara, Noemi und Ruth ermordet.

 

 

Darf man, muss man fragen, ob die Hatikwah-Sänger im Kaunas der Jahre 1916/17 und die ihr die Stichworte und die Begeisterung gebende jüdische Nationalbewegung die Bedrohung der Juden Europas richtiger eingeschätzt hatten als Joseph Carlebach, der letzte orthodoxe Rabbiner Deutschlands? Was soll solches Fragen? Steckt dahinter nicht doch ein Versuch des nachgeborenen deutschen Lesers dieser Zeugnisse, zur eigenen Entlastung den jüdischen Opfern selbst noch Mitverantwortung an ihrer Vernichtung aufzubürden? „Lauft, Leute“, heißt es in Johannes Bobrowskis Erzählung Rainfarn von 1964 über die aus Tilsit über die Luisenbrücke ins noch litauische Memelgebiet flüchtenden Familien, die „erst wieder stehn bleiben (können) und atmen, wo Deutschland zuende ist“ (Bobrowski IV 116) – sie hätten ja alle fortlaufen können ... Aber wohin denn? (vgl. Kieffer) Zev Birger, Direktor der Internationalen Buchmesse Jerusalem, 1926 in Kaunas geboren, auch er Schüler des jüdischen Gymnasiums und sehr zionistisch und ohne jede Assimilationstendenzen aufgewachsen, erzählt in seiner Autobiographie Mein Weg von Kaunas nach Jerusalem (1997), dass in seiner Familie erst 1939 über Auswanderung gesprochen wurde. „Aber da war es eigentlich schon zu spät […] Wir wollten – wie so viele – einfach nicht glauben, daß die Deutschen in Litauen einfallen könnten“ (Birger 23).

 

 

Und als die Deutschen dann doch kamen, im Juni 1941, werden manche Juden in Kaunas sich erinnert haben an die Jahre 1915 bis 1918, als es so schlimm doch gar nicht war, mit diesen deutschen Besatzern und den eigens für jüdische Belange verantwortlichen deutschen Soldaten, und die litauischen Juden werden auch deshalb gezögert haben, ins russisch/sowjetische Hinterland zu flüchten. Ob dieses verhängnisvolle Zögern nicht auch als eine fatale „Spätfolge“ des ostjüdischen Engagements von Hermann Struck und des Dezernats für jüdische Angelegenheiten bei der Militärverwaltung von Ober Ost bewertet werden müsse, fragt 1982 der – auch sonst gegenüber Struck und seinen Aktivitäten sehr kritische – Historiker Stražas von der Universität Haifa. Wie ein Echo aus den Tagen der „ostjüdischen Etappe“ zumindest klingt, was am 10. Juli 1941 das Jüdische Komitee von Kaunas an die deutsche Sicherheitspolizei schreibt, um die angeordnete Ghettoisierung aller jüdischen Einwohner im Stadtteil Vilijampole/Slobodka abzuwenden: Wir hoffen und sind überzeugt, dass Sie die Vertreter eines so kultivierten und starken Volkes mit uns Unglücklichen schon vorher von der Sowjetmacht entrechteten und beraubten Menschen Erbarmen haben werden und uns eine menschenwürdige Lebensmöglichkeit garantieren. (Benz u.a. 181) Das taten die Deutschen nicht.

Karl Jäger

Karl Jäger

Was sie stattdessen im Sommer und Herbst 1941 in Kaunas und ganz Litauen taten und durch ihnen unterstellte litauische Kollaborateure („Partisanen“) tun ließen, hat der SS-Standartenführer Karl Jäger in seiner in „Kauen, am 1. Dezember 1941“ verfertigten, neun Blätter umfassenden „Gesamtaufstellung der im Bereich des EK. 3 bis zum 1. Dez. 1941 durchgeführten Exekutionen“ akribisch bilanziert:

 

4.7.41 Kauen – Fort VII 416 Juden, 47 Jüdinnen  [Gesamt] 463

6.7.41 Kauen – Fort VII Juden [Gesamt] 2.514

7.7.41 Mariampole Juden  [Gesamt] 32

8.7.41 Mariampole 14 Juden und 5 komm. Funktionäre  [Gesamt] 19

8.7.41 Girkalinei komm. Funktionäre 6

9.7.41 Wendziogala 32 Juden, 2 Jüdinnen, 1 Litauerin, 2 lit. Komm.,

1 russ. Kommunist [Gesamt] 38

9.7.41 Kauen – Fort VII 21 Juden, 3 Jüdinnen  [Gesamt] 24

1.9.41 Mariampole 1763 Juden, 1812 Jüdinnen, 1404 Judenkinder, 109  Geisteskranke, 1 deutsche Staatsangehörige, die mit einem Juden verheiratet war, 1 Russin  [Gesamt] 5.090

[…]

4.10.41 Kauen-F.IX- 315 Juden, 712 Jüdinnen, 818 J-Kind. (Strafaktion, weil im Ghetto auf einen deutsch. Polizisten geschossen wurde) [Gesamt] 1.845

29.10.41 Kauen-F.IX- 2007 Juden, 2920 Jüdinnen, 4273 Judenkinder (Säuberung des Ghettos von überflüssigen Juden) [Gesamt] 9.200

[…]

25.11.41 Kauen-F.IX- 1159 Juden, 1600 Jüdinn., 175 J.-Kind. (Umsiedler aus Berlin, München u. Frankfurt a.M.) [Gesamt] 2.934

[…]

(Jäger 52 f.)

 

 

Blatt um Blatt füllte Karl Jäger mit den Schreckenstaten seines „Einsatzkommandos 3“. Und jeweils wurde der „Übertrag“ bilanziert: 3.834, 16.152, 66.159, bis die „Summa 137.346“ erreicht war und Jäger auf Blatt 7 formulieren konnte:

 

 

Ich kann heute feststellen, dass das Ziel, das Judenproblem für Litauen

zu lösen, vom EK. 3 erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden

mehr, außer den Arbeitsjuden incl. ihrer Familien.

Das sind

in Schaulen ca. 4.500

in Kauen ca. 15.000

in Wilna ca. 15.000

Diese Arbeitsjuden incl. ihrer Familien wollte ich ebenfalls umlegen,

was mir jedoch scharfe Kampfansagen der Zivilverwaltung (dem

Reichskommissar) und der Wehrmacht eintrug und das Verbot auslöste:

Diese Juden und ihre Familien dürfen nicht erschossen werden! […]

Die Durchführung solcher Aktionen ist in erster Linie eine Organisationsfrage.

Der Entschluss, jeden Kreis systematisch judenfrei zu machen,

erforderte eine gründliche Vorbereitung jeder einzelnen Aktion und Erkundung

der herrschenden Verhältnisse in dem betreffenden Kreis. Die

Juden mussten an einem Ort oder an mehreren Orten gesammelt werden.

Anhand der Anzahl musste der Platz für die erforderlichen Gruben ausgesucht

und ausgehoben werden. Der Anmarschweg von der Sammelstelle

zu den Gruben betrug durchschnittlich 4 bis 5 km. Die Juden wurden

in Abteilungen zu 500, in Abständen von mindestens 2 km, an den

Exekutionsplatz transportiert. Welche Arbeit dabei zu leisten war, zeigt

ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel:

In Rokiskis waren 3208 Menschen 4 ½ km zu transportieren, bevor sie

liquidiert werden konnten. Um diese Arbeit in 24 Stunden bewältigen zu

können, mussten von 80 zur Verfügung stehenden litauischen Partisanen

über 60 zum Transport, bzw. zur Absperrung eingeteilt werden. Der

verbleibende Rest, der immer wieder abgelöst wurde, hat zusammen mit

meinen Männern die Arbeit verrichtet. Kraftfahrzeuge stehen zum

Transport nur selten zur Verfügung. Fluchtversuche, die hin und wieder

vorkamen, wurden ausschließlich durch meine Männer unter eigener

Lebensgefahr verhindert. (Jäger 59 f.)

 

Karl Jäger lebte nach dem Krieg viele Jahre unbehelligt in seiner Heimatstadt Waldkirch bzw. in Heidelberg. Erst im April 1959 wurde er verhaftet. In seinen Vernehmungen durch die Ludwigsburger Holocaust-Experten leugnete er jede Mittäterschaft an der Auslöschung der litauischen Juden. Seinem Gerichtsverfahren entzog sich der inzwischen 73-jährige durch Selbstmord in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1959 (Wette 87).

 

 

* * *

 

 

In der Literatur zu Ober Ost wird immer wieder auf aus assimiliert deutschjüdischen Familien stammende Soldaten hingewiesen, die durch ihren Aufenthalt in Kowno, Wilna, Grodno oder Bialystok ihre jüdische Identität neu entdeckt hätten. Für den 1875 in Pommern geborenen Sammy Gronemann gilt das nur mit Einschränkungen, denn mit jüdischen Gemeinschaften des östlichen Europa war er schon seit seiner Kindheit und Jugend vertraut. Als Primaner war er „einmal einen Tag in Kowno […], um den berühmten Kownoer Raw Rabbi Jizchak Elchanan Spektor meine Ehrfurcht zu erweisen“ (Gronemann Erinnerungen an meine Jahre in Berlin 208 f.) und in Hawdoloh und Zapfenstreich beschreibt er einen Kindheitsbesuch bei seiner Großmutter und Urgroßmutter 1883 in Jurbarkas nahe Schmalleningken an der Grenze zwischen Preußisch-Litauen und dem Russischen Reich. In der Synagoge von Jurbarkas/ Jurburg/Georgenburg erlebte er als Kind einen Festgottesdienst zu Ehren des Zaren Alexander III. sowie dessen Gemahlin Maria Feodorowna:

 

Der alte Kantor schlug seine schönsten Triller, als er die Gesetzesrolle

im Arm zwischen dem Stadtkommandanten und dem Polizeichef stehend

das Gebet für das Kaiserpaar sprach. Aber die Triller wollten gar

kein Ende nehmen, als er am Namen der Kaiserin angelangt war, – minutenlang

ging sein immer jammervoller werdendes Tremolieren, sein

Ai–ai–ai–ai–ai, seine Augen rollten hin und her und mit den Armen

schlug er wie hilfeflehend um sich; man wurde ängstlich, als er gar nicht

zum Schluß kam, aber es dauerte recht lange, bis man bemerkte, daß er

den Namen der Kaiserin vergessen hatte, und ihm ihn soufflierte. Mit

unendlicher Verzückung und diesmal sicher echter Freude schmetterte

er dann sein „Maria Feodorowna“ heraus. (Gronemann, Hawdoloh 40;

vgl. Erinnerungen 37)

 

 

Zwischen Jurbarkas und Schmalleningken, beide am rechten Ufer der Memel gelegen, verlief 1883 die Grenze zwischen dem Deutschen und dem Russischen Reich. 1919 wurde Schmalleningken mit dem Memelgebiet nach 500jähriger Zugehörigkeit zu Preußen von den Alliierten von Deutschland abgetrennt und von französischen Truppen besetzt, 1923 wurde es von Litauen annektiert, im März 1939 wurde die Region von Hitler „heim ins Reich“ geholt. Mittsommer 1941 kam der Krieg über die beiden kleinen Orte (vgl. Tauber). „Es ist schrecklich in einem Grenzort, wenn du beide Sprachen kennst,“ sagt fünf Jahrzehnte später die ostpreußisch-litauische Bäuerin Lena Grigoleit im Gespräch mit der Historikerin Ulla Lachauer über diese Schreckenszeit in ihrer kleinlitauischen Heimat (Lachauer 42). Und über die Juden, die Sammy Gronemann als Kind 1883 bei der Zarenfürbitte in der Synagoge von Jurbarkas erlebt hatte, erzählt sie 1992:

 

Nie im Leben werde ich das Geschrei vergessen in diesen ersten Tagen

des Krieges. Ein Geschrei, ach Vater im Himmel, du konntest verrückt

werden! Von jenseits der Grenze schrieen die Juden, sie schrieen,

schrieen, von Jurbarkas und von all den kleinen Dörfern dorten. Sie haben

sie zusammengetrieben. Sie mußten selber ihre Gruben graben, und

dann wurden sie lebendig reingeschmissen. Auch unsere Schmalleningker

Juden, die auf der anderen Seite Quartier bezogen hatten. Die Clara

Berlowicz, von der wir das Haus gekauft hatten, war dabei. Ihre

Schwester, die Frau Simon, die immer so lustig war wegen nichts. Sie

hatten einen Tuchladen schräg gegenüber von uns und so ein liebes

Töchterlein, Ewa. Der Simon ist ein deutscher Krieger gewesen, hat viel

gespendet für das Deutsche Reich. Das hat alles nichts gezählt. Von

Schmalleningken mußten etliche Beamte vom Zoll und von der Polizei

mitschießen. Die wurden gezwungen, einfach abkommandiert und fertig.

Einer, der zurückkam, hat alles erzählt unter Tränen. „Ich kann aus

dem Verstand gehen. Ich bin schon ganz dumm davon.“ Er hatte die

kleine Ewa gesehen, wie sie vor die Grube geschleppt wurde. „Lauf

weg, Mädchen, lauf, ich werde dich nicht sehen.“ – „Nein“, sagte sie,

„wo meine Mutter ist, bleib ich auch.“ Sie haben sich umfaßt und fielen

zusammen ins Grab. (Lachauer 44 f.)

 

* * *

 

 Sammy Gronemann

Sammy Gronemann

Mit dem „eigentlichen Ostjudentum“, wie Gronemann in seinen Erinnerungen formuliert, kam er vor den Ober Ost-Jahren nicht nur durch die Kindheitsreise nach Jurbarkas in Kontakt. 1905 etwa besuchte er die Heimatstadt seiner Frau, das wolhynische Shitomir, und erlebte dort zum Pessach-Fest jene „Stimmung vor einem Pogrom“, wie er sie dann in seinem 1920 erschienenen, auch heute noch sehr lesenswerten Roman Tohuwabohu wiedergab (Erinnerungen 283). Um die selbe Zeit, um 1905, organisierte er in Hannover mit seiner zionistischen Sportgruppe Hilfeleistungen für „einige zehntausend Auswanderer“ nach Amerika (Erinnerungen 294 ff.), die in plombierten Viehwaggons aus der Ukraine nach Rotterdam geschafft wurden. Durch die Hilfsaktionen am Bahnhof von Hannover wuchs das „Solidaritätsgefühl“ der tatenhungrigen jungen Zionisten, „sie lernten aus eigener Anschauung das Elend der Massen im Osten kennen und kamen der Mentalität unserer Brüder im Osten allmählich näher“ (Erinnerungen 297). Wie gesagt: an die 2,5 Millionen Juden emigrierten zwischen 1881 und 1914 aus Osteuropa, über zwei Millionen allein in die USA, 150.000 in den (heute übrigens durch und durch muslimischen) Londoner Stadtteil Whitechapel, wo Gronemanns Roman Tohuwabohu einsetzt mit dem unvergesslichen Satz: „Berl Weinstein hatte sich wieder einmal taufen lassen, und diesmal mit besonderem Erfolg.“

 

Ob es beim Oberbefehlshaber Ost in Kaunas im Frühjahr 1916 tatsächlich Überlegungen gab, diese Massenauswanderung in die USA „organisiert wieder aufzunehmen“ (Zweig, Junge Frau 274), um eine – trotz der „Ludendorff-Küchen“ (Gronemann, Hawdoloh 144) – drohende Hungerkatastrophe unter den Juden in Litauen abzuwenden, weiß ich nicht. Arnold Zweig schildert es so in seinem 1931 erschienenen Weltkriegs-Roman Junge Frau von 1914: Der jüdische Bankier Hugo Wahl, der – ohne es selbst zu bemerken – Generalmajor Schieffenzahn (alias Ludendorff; vgl. Frentz 1972, 211-215) 1915 schon aus der „Pulverkrise“ herausgeholfen und damit die Fortführung des Krieges im Westen ermöglicht hatte (Zweig, Junge Frau 23-31), wird im Frühjahr 1916 überraschend von Berlin ins Hauptquartier nach Kaunas gerufen. Diese Reise löst eine schwere Identitätskrise bei Hugo Wahl aus. Sieht er sich zunächst in seinen Hoffnungen auf Aufnahme in die führende Schicht des Deutschen Reiches, als Mitarbeiter der „Kaste der Offiziere“ (ebd. 256), bestärkt, so muss er im Gesprächsverlauf erkennen, dass er und seine beiden prominenten jüdischen Begleiter nur dazu benutzt werden sollen, der Militärverwaltung bei ihren leichtfertigen Aussiedlungsplänen für die Juden „einen Teil der Verantwortung und das ganze Odium“ abzunehmen (ebd. 276). Geplant war, die Juden aus Ober Ost mehr oder minder freiwillig nach Amerika zu schaffen, auf Auswandererschiffen, ungeachtet der völkerrechtlichen Verpflichtung, „die Bevölkerung des besetzten Gebietes zu ernähren“ (ebd. 277), ungeachtet der deutschen, englischen und russischen Minensperren in der Bucht von Libau und anderswo, ungeachtet der zu erwartenden internationalen Proteste. Nachdem der Sprecher der jüdischen Delegation auf all diese bisher nicht bedachten Aspekte der bei Ober Ost erwogenen Auswanderung hingewiesen und alternative Möglichkeiten zur Überwindung der akuten Versorgungskrise aufgezeigt hat, beendet Schieffenzahn die Sitzung. Nach seiner Rückkehr von Kaunas nach Berlin schildert Hugo Wahl seinem Vater Markus den Schluss der Besprechung zwischen den Repräsentanten der deutsch-jüdischen Oberschicht und der deutschen Heeresleitung:  

 

 

Ich jubelte innerlich, als er [Schieffenzahn] zusammenfaßte: auch er

könne sich den vorgetragenen Bedenken nicht verschließen, man müsse

den Plan fallenlassen […] Aufstand, Scharren, alles reckte sich, sprach

plötzlich laut, und wir – waren Luft. Das war das Zerschmetternde.

Diese Leute hatten von uns Deckung ihrer Verrücktheiten erwartet. Statt

dessen brachten wir ihnen vernünftige Einwände und besseren Ausweg.

Und zum Dank dafür befanden wir uns für sie nicht mehr im Raume.

Die Ordonnanzen räumten die Stühle weg, sammelten die Blätter ein,

die Herren Offiziere blickten aus den Fenstern, ein Kreis bildete sich um

Generalmajor Schieffenzahn, man gab einander Feuer. Es wurde vergnügt

in der oberen Ecke des Saales; wir wirkten wie vergessene Kleiderständer

[…] Wir waren ja nur Zivil, nicht wahr? Null und nichts.

Nicht für möglich hätte ich das gehalten, nicht für möglich. Eine

freundliche Redensart, eine Einladung, den Abend gesellig zu verbringen,

ein paar vernünftige Gespräche bei einem Glas Wein... war das zu

viel verlangt? Offenbar.

 

 

[…] Fast fünfzig Jahre lang habe ich unser Preußen bewundert, den Soldatenrock

für das beste Kleid der Welt gehalten, die Leute abgelehnt,

die von Militarismus sprachen, dich auch, Vater. Es ist nicht zu spät,

umzulernen. Verstand ist die beste Vaterlandsliebe, und Militarismus

kein gutes Prinzip. Es wird Deutschland zugrunde richten, wenn man

ihn nicht zwingt, die Pfähle zurückzustecken. (Ebd. 278 f.)

Nicht der sehr flüchtige Blick auf die Ostjuden von Kaunas („Durch die engen

Gassen drängten Juden in schwarzem Kaftan, Frauen in Umschlagtüchern,

spielende Kinder“, ebd. 272) führt zu Hugo Wahls Umdenken, sondern die

gesellschaftliche Zurückstoßung durch Schieffenzahn und seine Offiziere.

Hugo Wahl, der seine Familie im feinen Potsdam schon bis an den Zaun derer

von Ducherows hinaufassimiliert hat (ebd. 53), so dass seine an dem „Mangel

an menschlichen Beziehungen zu Gesellschaft und Nachbarn“ leidende Frau

(ebd. 42) sich endlich eine Verbindung mit der höchsten preußischen Kaste

„zuträumen“ konnte (ebd. 181), der mit dem Krieg und Kaiser Wilhelms Versicherung

vom August 1914, dass er jetzt keine Parteien und Konfessionsunterschiede

mehr kenne sondern nur noch Deutsche, die Gewissheit verband,

dass die deutschen Juden „endlich als gleichberechtigte Staatsbürger angenommen

werden“ (ebd. 28), muss in Kaunas erkennen, dass er als Jude trotz

strammster deutschnationaler Haltung stigmatisiert bleibt. Jetzt erst ist er bereit,

in die nicht standesgemäße Hochzeit seiner Tochter mit dem schriftstellernden

jüdischen Armierer Bertin einzuwilligen, dem – Folge der demütigenden

„Judenzählung in den Schreibstuben“ (ebd. 327) – für seinen Hochzeitsurlaub statt der im Heer üblichen 14 nicht einmal vier Tage zugestanden werden.

„Ober-Ost hatte [Hugo Wahl] einen Stoß in die Eingeweide versetzt; dies hier

warf ihn um. Seine Tochter – und bloß noch dreieinhalb Tage“ (ebd. 320).

 

 

* * *

 

 

„Nur einigen Tausend“ Juden sei während des Krieges die Auswanderung aus Ober Ost in die USA möglich gewesen, berichtet Sammy Gronemann im Kapitel Staatsgefährliche Andachtsbücher (Hawdoloh 37). Wobei neben allerlei anderen Schikanen vom Auswanderungsamt der deutschen „Okkupationsbehörde“

 

 

vor der Abreise nach Amerika sorglich die mitgenommenen Gebetbücher

kontrolliert und überall aus ihnen die gefährlichen Texte [die „Zarenfürbitte“;afk]

entfernt wurden. Wer weiß, ob nicht Chaim Schloime

aus Bialystok oder Sore Riwka aus Mariampol drüben in New York eines

Tages dieses Gebet aufschlagen und verrichten würden. Die Folgen

waren gar nicht abzusehen. (Ebd. 41)

 

 

 

Der „Entzarungsschein“, der für die Militärs in Ober Ost angeblich „ebenso wichtig war, wie der berühmte Entlausungsschein“ (ebd.; vgl. Zweig, Junge Frau 278), ist dem Satiriker Gronemann eins seiner zahllosen Beispiele für jenen (jetzt von Liulevicius akribisch dokumentierten) „Zusammenstoß verschiedenartiger Kulturen“ in Ober Ost (Gronemann, Hawdoloh 239), für den „Krieg im Krieg“ (ebd. 50), an dem auch der Kownoer „Intellektuellenklub“ (ebd. 46) beteiligt war,

 

 

nämlich den Krieg zwischen Zivilisation und Kultur – zwischen der Zivilisation

des Westens, wie sie im Gefolge des siegreichen deutschen

Heeres einmarschierte, und der Kultur des Ostens, wie sie von den Völkern

dort, den Litauern, Weißrussen, später Weißruthenen genannt, den

Polen und vor allen Dingen den Juden vertreten wurde. (Ebd. 50)

 

 

Hatte im französisch-deutschen Diskurs die deutsche Seite (etwa Thomas Mann in seinen Gedanken im Kriege von 1914) den Gegensatz zwischen oberflächlicher französischer Zivilisation und mehr in die Tiefe gehender deutscher Kultur herausgestellt, so drehte Gronemann den Spieß nun geschickt um. Den Deutschen mit ihrer grotesken Überbetonung der bürokratisch-militärischen Organisation – ihre Verästelungen werden auch von Zweig in Einsetzung eines Königs mit deutlich ironischem Unterton beschrieben – wird das aus deutschnationalistischer Sicht negative Etikett „Zivilisation“ angeheftet, während für die „Ostvölker“ und vor allem für die Ostjuden der positiver besetzte Begriff „Kultur“ reserviert wird, mit dem die schöpferischen Kräfte einer lebendigen Gemeinschaft konnotiert werden sollen (vgl. Beßlich).

 

Richard Dehmel

Richard Dehmel

Der Versuch, durch eine preußisch organisierte Militärbürokratie „deutsche Kultur“ in den Osten zu tragen, ist auch Thema in Richard Dehmels Kriegstagebuch Zwischen Volk und Menschheit (1919). Aber Dehmel, der sich 1914 als schon 51jähriger freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, konnte dem „haarsträubenden Unfug“ der Militärverwaltung in Kaunas bei weitem nicht jene humoristisch-satirischen Seiten abgewinnen, die Gronemanns Hawdoloh (und auch seine in den 40er Jahren in Tel Aviv aufgezeichneten Erinnerungen an Ober Ost) fast durchgehend prägen. Die „Kanzleiseelen“, nicht nur des „Buchprüfungsamtes“ sondern der ganzen Administration, „bilden sich tatsächlich ein, sie könnten dem Volk mit Aktenbündeln den Mund verstopfen“ und dadurch den polnischen und litauischen „Unabhängigkeitswillen“ schwächen (Dehmel 459). „So vertreibt man den russischen Teufel mit dem preußischen Beelzebub und macht überall böses Blut, ohne durchzudringen mit der Fuchtel“ (ebd. 460). Die deutsche Verwaltung in Kaunas hatte nach Dehmels Einschätzung alle Sympathien der Bevölkerung und sogar jeden Respekt eingebüßt: „Und das deutsche Heer hat da gründlich mitgeholfen, nach allem was unsre Offiziere abends im Kasino erzählen. Unsre Kolonnen haben hier genau so gehaust wie die Kosaken in Ostpreußen, besonders auf dem flachen Land“ (ebd. 460). An der „Untertanenverstands-Dressur“ (ebd. 466) wollte Dehmel nicht mitwirken. Knapp zwei Monate hielt es der Schriftsteller im Herbst 1916 in Kaunas aus, dann beantragte er seine Versetzung „mit der ausdrücklichen Begründung, daß sich meine kulturpolitischen Ansichten mit den mir obliegenden Amtsgeschäften nicht vertragen“ (ebd. 467). Dem Gesuch wurde statt gegeben. Die zwei Monate reichten Dehmel freilich aus, um zu kräftigen Beurteilungen von Land und Leuten zu gelangen: Vom „Russentum“ sei wenig zu bemerken, „weder in den Schaufenstern noch auf dem Krammarkt; einheimischen Eigenwert haben nur die sehr geschmackvollen litauischen Webereien und Töpfereien […] Das wirkliche Rußland fängt erst in Wilna an, der Stadt der hundert Kirchen und tausend Bordelle“ (ebd. 450). Der Kutscher sei „meistens ein Jude, außerdem auch im übeln Sinn russisch, d.h. schmutzig und schmierig zum Grausen, wie überhaupt das ganze untere Volk.“ Volkstrachten seien wenig zu sehen, höchstens mal ein „alter Jude im Kaftan (die jüngeren sind schon alle verwestlicht)“. Weiter beklagt Dehmel, dass er

 

 

die Rassen hier kaum unterscheiden (könne), es sieht alles nach Mischpoche

aus; die Juden wie Russen, die Russen wie Polacken, die Polacken

wie Letten und umgekehrt. Bloß die Litauer scheinen für reineren

Schlag zu sorgen; man trifft da manchmal rührende Mädchengesichter

wie an schwäbischen Dorfmadonnen, oder einen kühnen hellblonden

Burschen wie eine friesische Siegfriedsgestalt. (Ebd. 451)

 

 

Von Litauern und litauischer Kultur ist bei Gronemann nur einmal die Rede, als er eine Dehmel-Anekdote erzählt, in der es um dessen Bewunderung für litauische Volkskunst geht (Hawdoloh 52). Man kann diese ganz auf das „Ostjüdische“ ausgerichtete Perspektive Gronemanns aus dessen engagiert zionistischer Haltung erklären, vielleicht hat sich Gronemann daher gar nicht um Kontakte zu Litauern bemüht und sich nur im jüdisch-jiddischen Milieu von Kaunas bewegt. Das korrespondierte mit Zev Birgers Schilderung der litauisch-jüdischen „Sozialkontakte“ während seiner Kindheit und Jugend im Kaunas der 20er und 30er Jahre. Zu Hause bei Birgers wurden die Gespräche zu 90% auf Jiddisch geführt, der „Alltagssprache“ der damals ca. 40.000 Juden in Kaunas (Birger 21), mit seinem Bruder sprach Birger auch oft Hebräisch, „da dies die Unterrichtssprache in der Schule war“ und schließlich konnte er auch sehr gut Litauisch. Aber „Sozialkontakte zu Nichtjuden bestanden nur selten“ (ebd. 26), eigentlich nur durch Ferienaufenthalte bei litauischen Bauern. „Assimilationstendenzen“, gar eine „Identifikation mit der einheimischen Gesellschaft“ habe es nicht gegeben (ebd. 26), auch weil es sich bei den Litauern „insgesamt um eine antisemitische Gesellschaft handelte“ (ebd. 27), trotz der liberalen Haltung der litauischen Regierung gegenüber der jüdischen Minderheit (ebd. 28) und dem Auftreten litauischer Intellektueller, „die nicht von den weitverbreiteten Vorurteilen angesteckt worden waren.“ (Ebd. 27 f.; wesentlich differenzierter: Holzman 79 f.)

 

 

Zev Birger, 1926 in Kaunas geboren, gehört zu den wenigen, die die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung überlebt haben. Da er fast akzentfrei Litauisch sprach, riskierte er es mehrfach, das im Juli 1941 eingerichtete Ghetto zu verlassen und für seine Familie Essen zu besorgen.

 

Dadurch hatte ich Gelegenheit, die Reaktion der Litauer zu beobachten,

wenn sie zusahen, wie die Kolonnen jüdischer Arbeiter durch die Straßen

zu den Kommandos zogen. Wie konnten sie Dinge, die so offensichtlich

waren, einfach ignorieren? Dabei fühlte ich, wie sehr sie die

Juden haßten. Nicht nur ihr Verhalten nach dem Einmarsch der Deutschen

entsetzte mich, sondern auch die Tatsache, daß die litauischen

Einheiten und die Ukrainer für die SS die Drecksarbeit machten. Mit

diesen Leuten wollte ich nie mehr etwas zu tun haben. Durch das unmenschliche,

ja fast tierische Verhalten der Litauer war ich damals so

tief und nachhaltig schockiert, daß ich kurz nach dem Krieg feststellen

mußte, daß ich die litauische Sprache nicht mehr beherrschte. Ich brachte

keine Sätze mehr in dieser Sprache hervor, die ich doch einmal

so gut wie meine Muttersprache gesprochen hatte […] Der Schrecken

über das Verhalten der Bevölkerung außerhalb des Ghettos hat damals

so tiefe Spuren bei mir hinterlassen, daß ich nie wieder den Versuch

unternahm, dieser Sprache nochmals mächtig zu werden. (Birger 66)

 

 

* * *

 

 In Kaunas lebten bei Kriegsbeginn 1941 circa 40.000 Juden, das war ein Viertel der Einwohner der damaligen Hauptstadt Litauens. Bei Pogromen in der Stadt wurden im Juni und Juli an die 10.000 Juden ermordet. Die Davongekommenen mussten in wenigen Wochen, bis 15. August 1941, in zwei Ghettos ziehen, die im ärmlichen Stadtteil Vilijampole/Slobodka errichtet wurden. Von den etwa 30.000 Juden im Ghetto wurden bis Oktober 1941 weitere 10.000 ermordet. Im Herbst 1943 wurde das Ghetto in ein Konzentrationslager umgewandelt, das bis Juli 1944 bestand. Nur einige wenige Juden überlebten in Kaunas die deutsche Herrschaft (vgl. Dieckmann sowie die Berichte der Überlebenden Trudi Birger, Solly Ganor, Zwi Katz, Raya Kruk, Fruma Kučinskienè, Renata Yesner).

 

Was wusste man in Deutschland von der Lage der Juden in Kaunas 1941? Was konnte man wissen? Ostland kehrt nach Europa zurück hat der Journalist Emil Frotscher als Titel über seine „Notizen von einer Reise des Reichskommissars Hinrich Lohse durch Litauen und Weißruthenien“ gesetzt, die im Herbst 1941 erschienen sind. Aus Ober Ost war Ostland geworden. Kowno/Kaunas hieß nun Kauen. Seinen Reisebericht schließt Frotscher mit einem Kapitel über das Ghetto von Kauen:

 

Am 15. August [1941] war die Ausschaltung des Judentums aus dem

übrigen Stadtgebiet vollendet. Die eigenen Gesetze und Sitten, unter denen

das Judentum hier lebt, interessieren uns nicht. Uns genügt, dass sie

ihre politische und wirtschaftliche Rolle im Ostland endgültig ausgespielt

haben.

 

Zu beiden Seiten einer Hauptverkehrsader der Stadt zieht sich das Ghetto hin. Eine fremde Welt offenbart sich in ihrer wurzellosen Unkultur. Der Passant, der einen flüchtigen Blick über die Zäune wirft, hastet vorbei – die Welt Ahasvers, die zur Ruhe gezwungen wurde, versinkt als düsterer Schemen einer bösen Vergangenheit, die ihre Vollendung in dem Jahre des Unheils fand, als der Bolschewismus, jene blutige Inkarnation einer jüdischen Dogmatik, wie eine verheerende Sturmflut durch das Ostland zog. (Frotscher 32)   Gegen diese „jüdisch-bolschewistische Sturmflut“ – so Emil Frotscher – kämpfte nun Gauleiter Hinrich Lohse aus Schleswig-Holstein mit seinen von dort mitgebrachten nationalsozialistischen Parteimannen:

 

Jetzt wird der Damm aufgerichtet. Land wird erneut gewonnen und der

tückischen Sturmflut […] Meter für Meter europäischen Kulturbodens

abgetrotzt. Deichhauptleute, Bauern und Arbeiter sind am Werk: Ostland

kehrt nach Europa zurück. (Ebd. 32)

 

Und in Deutschland, in Ostpreußen etwa, träumte der eine oder andere schon von einer neuen Existenz in den eroberten Gebieten im Osten. Für das Frühjahr 1942 berichtet Manfred Peter Hein in seinem autobiographischen Prosabuch Fluchtfährte (1999):

 

 

Wenn ich Forstmeister werde in Litauen – die ganze Familie geht ins

Baltikum gleich nach dem Sieg. Der Vater hat sich als Schulaufsichtsbeamter

zur Verfügung gestellt für die Aufbauarbeit im Osten. Ich bin

ausgewählt, für die Ordensburg vorgeschlagen zur Prüfung. Püppe und

Bübi [die jüngeren Geschwister; afk] sind ganz und gar dabei, zünftig

mit jungendem Hund und jungender Katze, jungendem Pferd und

jungender Kuh auf unserem Ostlandwehrhof ... (Hein 51).

 

Den Ostland-Mythen der Deutschen wäre einmal gesondert nachzufragen, von Walter Flex’ rauschhafter Prosa und Lyrik in Der Wanderer zwischen beiden Welten von 1917 (die Auflage stand schon vor Beginn der Nazizeit bei über 500.000 Exemplaren), über Victor Jungfers Litauen-Roman Das Gesicht der Etappe von 1919, Alfred Brusts Roman Die verlorene Erde von 1926 und Agnes Miegels Ostland-Gedichte der 20er und 30er Jahre, Edwin Erich Dwingers 1919 in Litauen und Lettland spielenden Freikorps-Roman Die letzten Reiter von 1935 und Hans Baumanns Gedichte à la In den Ostwind hebt die Fahnen bis zu den – nun aber die deutschen Verbrechen an den Völkern in Ostmitteleuropa ins Zentrum rückenden – Werken von Johannes Bobrowski, etwa seinem großen Wilna-Gedicht aus dem Oktober 1955. „Wilna, du reifer Holunder! / Mit grünen Augen / ist deine Wolfzeit versunken“, so setzt es ein und es mündet in die mächtig gefugte Schlussstrophe (Bobrowski I, 21 f.):

 

 

Stadt der Könige, immer

singen die Ebenen alle,

alle die weißen, vom Blut

bitter der Söhne,

dir mit des Weißbarts hallender

Stimme, wie Eisgang, mit schmerzlichem

Festgetön deiner Juden,

rotem Sausen der Kiefern zu.

  

Holzman

Marie und Max Holzman etwa 1940 (R. Kaiser/Bilderrechte: M.Holzman)

Unter den Mitgliedern des „Intellektuellen-Klubs“ von Ober Ost ist Max Holzman gewiss derjenige, dem die litauisch-deutschen Kulturbeziehungen am meisten verdanken. Ende zwanzig war der aus der preußischen Provinz Posen stammende Max Holzman, als er im November 1916 als deutscher Soldat nach Kaunas kam. Aus Familienpapieren zitiert in einem Aufsatz von 1998 seine heute in Gießen lebende Tochter, die Übersetzerin Margarete Holzman:

 

 

Hier formte er sich um. Er fand Anschluß an bedeutende junge Männer,

wie den Orientalisten Scheder, Schropsdorf, den Litauer Oselies. Der

literarische Klub Oberost, der in einer Offiziersunterkunft tagte, gewährte

ihm Anschluß. In Kowno sah er eine andere Welt. Zum ersten

Mal begegnete er dem Judentum, das in einer geschlossenen geistigen

und seelischen Welt untereinander lebte und nicht hinaus in eine freiere

wollte. Er sah es idealisiert, zu sehr im Gegensatz zu der Soldateska, die

ihn umgab. Er wurde zu jüdischen Festen geladen […] Ihm imponierte

die große Hilfsbereitschaft und Gastlichkeit dieser Familien, die geistige

Versenkung, in der in der „Betschule“ gelernt und disputiert wurde.

Dort sah er den Geist als Sieger über die Nöte der Zeit. Er wohnte

freundlich in einem Häuschen am „Grünen Berg“, wo seine

Flugabwehbatterie in Stellung war […] Weit sah er über das Land, den

breiten, von Eichwald umrandeten Memelstrom. (Margarete Holzman 89 f.)

 

 

Max Holzman kehrte nach dem Ersten Weltkrieg 1922 nach Kaunas zurück, der prosperierenden neuen Hauptstadt des neuen Staates Litauen, und gründete dort eine Buchhandlung und einen Verlag. Als Verleger spezialisierte er sich auf deutsche, englische und französische Fremdsprachenlehrwerke für die junge litauische Universität, ließ litauische Literatur ins Deutsche übersetzen, u.a. von Horst Engert, Germanistik-Professor an der Vytautas-Universität, gewann Raymond Schmittlein (den späteren Mitkämpfer de Gaulles und Gründer der Dolmetscherhochschule in Germersheim; vgl. Manns 24-61) als Autor einer Monographie über Napoleon und Litauen, engagierte den Graphiker Jonynas (dem das Saarland und Rheinland-Pfalz ihre ersten nach dem Zweiten Weltkrieg gedruckten Briefmarken verdanken), verlegte die sehr aufwändig gestaltete erste deutschsprachige Monographie über den litauischen Malerkomponisten Čiurlionis von Nikolaj Worobjow und die sehr zu Unrecht vergessenen höchst vergnüglichen Erinnerungen Graf Alfred Keyserling erzählt.... Die deutsch-englisch-französische Buchhandlung auf der Laisvės Alėja, der Freiheitsallee (in den Ober Ost-Tagen Kaiser-Wilhelm-Allee geheißen), wurde zu einem Treffpunkt der polyglotten Intellektuellen in Kaunas, nach 1933 auch   zu einem Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus Deutschland, etwa für Rudolf Kaufmann (vgl. Kaiser Königskinder 85 ff.) oder für den Komponisten Edwin Geist, dessen Büchlein Antikes und Modernes im litauischen Volkslied im Juni 1940 von Holzman verlegt wurde (vgl. Kaiser Unerhörte Rettung). Arnold Zweigs Litauen-Roman Einsetzung eines Königs, erschienen 1937 bei Querido in Amsterdam, fand man in Holzmans Sortiment wie auch andere Werke der deutschen Exilschriftsteller. Als herausragende Mittlergestalt wird Max Holzman in einer litauisch-deutschen Kulturgeschichte verzeichnet sein, wenn diese irgendwann geschrieben sein wird. Max Holzman und seine Frau, die bedeutende Malerin und Pädagogin Helene Czapski-Holzman (vgl. Maria Schmid), haben für das deutsch-litauische Gespräch erheblich mehr und weit haltbareres Material zur Verfügung gestellt als der ganze gigantische Ober Ost-Kulturapparat mit seinen 41 Zeitungen und Zeitschriften (vgl. Bertkau) und all den übrigen Prachtpublikationen. 1940, nach der Machtübernahme durch die Sowjetunion, verloren die Holzmans ihre Buchhandlung und ihren Verlag, sie wurden enteignet. Am 25. Juni 1941, unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Kaunas, wurde Max Holzman verhaftet und am 17. Juli im IX. Fort ermordet, wenige Monate später auch seine 1922 geborene Tochter Marie, die unter den deutschen Besatzungssoldaten für einen radikalen Pazifismus geworben hatte und denunziert worden war. Helene Holzman und ihre jüngere, 1924 geborene Tochter Margarete überlebten und halfen anderen zu überleben, zusammen mit anderen tapferen litauischen und russischen Frauen. Ihnen gelang es, Kinder aus dem Ghetto zu retten, unter ihnen Fruma Kučinskienè und Juliane Zarchi, lange Jahre Dozentin für Germanistik an der 1989 wiederbegründeten Vytautas- Magnus-Universität in Kaunas.

 

Helene Holzman hat in ihren 1944/45 in Kaunas niedergeschriebenen, 55 Jahre später von Reinhard Kaiser und Margarete Holzman herausgegebenen Aufzeichnungen die schlimmsten Jahre in der Geschichte von Kaunas, die Jahre 1941 bis 1944, in bewegenden Bildern und beherrschter Sprache gültig festgehalten. „Deitschlands Fohn“ flatterte wie ein Vierteljahrhundert zuvor erneut über der hügelreichen Stadt am Zusammenfluss von Memel und Neris. Das Entsetzen der Juden über jene Deutschen, die 1941 über Kaunas kamen, hat Helene Holzman beschrieben, auch ihr eigenes Entsetzen: „Diese Menschen reden unsere Muttersprache, und dennoch ist es ganz hoffnungslos, sich mit ihnen zu verständigen. Man kann sie nur meiden, fliehen, davonlaufen“ (Holzman 42). Und an anderer Stelle: „Das sind Deutsche, unsere eigenen Leute, wir selbst“ (ebd. 127). Und wieder an anderer Stelle:  

 

Einmal hatten drei deutsche Soldaten die Aufsicht […] und wir fragten

schüchtern, ob sie uns erlauben würden, ein paar Worte mit einem der

jüdischen Mädchen zu sprechen. „Aber freilich, bitteschön“ – und riefen

Lea und setzten sich dazu und schütteten uns in aller Eile ihr Herz aus:

wie verhaßt ihnen der Krieg und das ganze Regime sei, wie sie sich des

unsinnigen Antisemitismus schämten und ihrerseits alles täten, um

durch persönliche Freundlichkeit und Hilfe auszugleichen, was der

Dienst von ihnen verlange. „In unserer Kompanie sind wir uns alle einig“,

sagten sie. „Das wissen unsere Vorgesetzten. Von uns wird man

auch nicht verlangen, daß wir Juden totschießen.“ (Ebd. 266)

 

 

Schon in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn wurden in Kaunas bei von der deutschen „Einsatzgruppe“ angezettelten Pogromen Tausende Juden ermordet (vgl. Bartusevičius u.a. 2003). Am 27. Juni 1941 kam es am Vytautas-Prospekt auf dem Hof einer Autogarage zu einem Massaker, bei dem von angeblich eben aus sowjetischer Haft befreiten Litauern (Hermann 150) ungefähr 50 Juden bestialisch getötet wurden – Wassili Grossmann und Ilja Ehrenburg haben den Vorgang 1945 für ihr Schwarzbuch über den Genozid an den sowjetischen Juden dokumentiert:

 

Einige von ihnen wurden mit Eisenstangen und Spaten totgeprügelt, andere

wurden ermordet, indem man ihnen einen an die Wasserleitung

angeschlossenen Schlauch in den Mund steckte. Einer der Banditen kletterte

auf den Leichenberg und spielte dort Akkordeon, während seine

Helfer zu tanzen begannen. (Grossmann / Ehrenburg 582)

 

 

Im Spätsommer 1944 hält Helene Holzman ihre Erinnerung an das Massaker auf dem Garagenhof fest:

 

 

Eine riesige Menschenmenge hatte sich versammelt, um dem entsetzlichen

Schauspiel zuzusehen und die blinde Wut der Mörder mit ermunternden

Zurufen zu schüren. Es gab auch Stimmen, die ihrer Empörung

über diese Bestialität Luft machten. „Eine Schande für Litauen!“ wagten

Mutige zu sagen, wurden aber sofort zum Schweigen gebracht. (Holzman 25)

 

Einer der deutschen Wehrmachtssoldaten, die zu Mittsommer, zu Johanni 1941 nach Litauen abkommandiert werden, war Johannes Bobrowski, damals 24 Jahre alt. Er kannte Kaunas schon von Ferienbesuchen in den frühen 30er Jahren.

Bei dem Blutbad auf dem Garagenhof am Vytautas-Prospekt am 27. Juni 1941 waren auch mehrere deutsche Uniformierte anwesend und machten Fotos (Holzman 25; Klee 31-44). Einer dieser deutschen Zuschauer in Uniform soll Johannes Bobrowski gewesen sein (Hermann 150). 17 Jahre später, im Juni 1958, entstand sein Gedicht Kaunas 1941, veröffentlicht 1961 in seinem ersten Gedichtband Sarmatische Zeit:

 

Kaunas 1941

 

Stadt,

über dem Strom ein Gezweig,

kupferfarben, wie Festgerät. Aus der Tiefe die Ufer

rufen. Das hüftkranke Mädchen

trat vor die Dämmerung damals,

sein Rock aus dunkelstem Rot.

 

Und ich erkenne die Stufen,

den Hang, dieses Haus. Da ist kein

Feuer. Unter dem Dach

lebt die Jüdin, lebt in der Juden Verstummen,

flüsternd, ein weißes Wasser

der Töchter Gesicht. Am Tor

lärmen die Mörder vorüber. Weich

gehn wir, im Moderduft, in der Wölfe Spur.

 

Abends sahn wir hinaus

auf ein steinernes Tal. Der Habicht schwebte

um die breite Kuppel.

Sahen die Stadt, alt, Häusergewirr hinunter

bis an den Strom.

 

Wirst du über den Hügel

gehn? Die grauen Züge

– Greise und manchmal die Knaben –

sterben dort. Sie gehn

über den Hang, vor den jachernden Wölfen her.

 

Sah ich dich nicht mehr an,

Bruder? An blutiger Wand

schlug uns Schlaf. So sind wir

weitergegangen, um alles

blind. Im Eichwald draußen

mit der Zigeuner Blick die Dörfer, hinauf um die Firste

des Sommers Schnee.

 

Tief im Regengesträuch

werd ich treten den Uferstein,

lauschen im Dunst der Ebenen. Da waren die Schwalben

stromhinauf und die Nacht

grün, die Waldtaube rief:

Mein Dunkel ist schon gekommen.

 

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Yesner, Renata: Jeder Tag war Yom Kippur. Eine Kindheit im Ghetto und KZ. Frankfurt/M. 1995.

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Zweig, Arnold: Das ostjüdische Antlitz von A.Z. zu 52 Zeichnungen von Hermann Struck [1920/22]. Wiesbaden 1988.

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