Der ehemalige Wehrmachtsoldat Wilhelm Gunsilius machte folgende Zeugenaussage bei einer Vernehmung bei der Polizei Blaubeuren am 11.11.1958:
Juozas Lukša – Partisanen
Baltische Bibliothek im BaltArt Verlag, übersetzt aus dem Litauischen von Markus Roduner, erschienen am 1. August 2010.
Anhand des Buches von Juozas Luksa, der im Pariser Exil sein romantisierendes Buch über die litauischen Partisanen (Waldbrüder) schrieb, möchten wir hier die Diskrepanz zwischen eigener litauischer Wahnehmung und vermeintlicher Wahrheit über den litauischen Widerstand untersuchen.
Astravas Gedenkstätte 1941
Am 26. Juli 1941 ordneten die städtischen Behörden an, dass alle Juden in das Ghetto umziehen mussten, wofür sie mehrere kleine Straßen in der Nähe der Synagoge bestimmt hatten.
Dort befindet sich heute noch das jüdische Altenheim sowie zwei Synagogen und das jüdische Waschhaus.
Alle Litauer, die in diesem Gebiet lebten, wurden ebenfalls zum Auszug gezwungen und tauschten ihre Häuser mit den zugezogenen Juden. Stacheldraht umgab das Gebiet und bewaffnete litauische Polizisten bewachten es. Der Mangel an Ressourcen führte zu einer großen Hungersnot im Ghetto.
Das Ghetto von Birzai bestand nur etwa zwei Wochen. Am 4. August 1941 wurde eine Gruppe von etwa 500 jüdischen Männern mit Spaten aus dem Ghetto geschickt, während die Frauen, Kinder und älteren Menschen in der Synagoge eingesperrt und von litauischen Hilfspolizisten (mit weißen Armbinden, Baltaraisciai ) bewacht wurden.
Die Männer gruben einen Graben von mehr als 30 Metern Länge und 2 Metern Breite, wofür sie drei Tage benötigten. Am 8. August umstellten die deutschen Truppen des Einsatzkommandos 3, unterstützt von litauischen Hilfspolizisten, das Ghetto. Den Juden wurde mitgeteilt, dass man sie nach Palästina schicken würde, und sie wurden aufgefordert, sich zu versammeln. Die Männer wurden zuerst zu den Gräben geführt und auf dem Weg dorthin geschlagen und beschimpft.
Dr. Levin, ein ortsansässiger Arzt, weigerte sich, mitzugehen, und wurde auf der Stelle erschossen. Die Menschen wurden zu den Gräben im Astravas-Wald, etwa 3 Kilometer außerhalb der Stadt, gebracht.
Etwa eine Stunde später wurden die Frauen und Kinder zu denselben Gräben abtransportiert, wobei sie sich von ihren Bekannten verabschiedeten. Zu diesem Zeitpunkt waren in der Ferne bereits Schüsse zu hören. Die Juden aus dem Krankenhaus wurden auf Lastwagen zur Tötungsstelle gebracht. Im Graben mussten sich die Juden entkleiden und wurden dann in 10er-Gruppen übereinander gestapelt in den Gräbern erschossen. Einigen der Juden wurden die Goldzähne aus dem Mund gerissen. Während der Aktion [sic] tranken die Mörder viel.
Insgesamt wurden etwa 2.400 Juden (720 Männer, 780 Frauen und 900 Kinder) ermordet. Einige Tage später wurden etwa 90 Litauer wegen angeblicher Kollaboration mit den Sowjets in demselben Massengrab erschossen. Nach der Aktion [sic] plünderten die Litauer das Eigentum des leeren Ghettos und übergaben nur die wertvollsten Gegenstände an die Deutschen. Im September 1941 meldete die Einsatzgruppe A, dass der Kreis Birsen "judenrein" sei.
Von einem jüdischen Mädchen, Helena Nosowa, ist bekannt, dass sie der Mordaktion entkommen konnte und mit Hilfe einheimischer Litauer bis zur Ankunft der Roten Armee überlebte. Nach dem Krieg errichteten jüdische Überlebende und Rückkehrer nach Birzai ein Mahnmal am Ort der Massentötungen".
Im Holocaust Atlas des Vilnius State Gaon Museum heisst es zu den Erschiessungen der Birzaier Juden am 8. August 1941:
'Im Jahr 1941, 8. August wurden die Juden von Biržai massakriert. Am Vorabend des Massakers wurden im Astrava-Wald (3 km von Biržai entfernt) zwei große Gräben von Gefangenen und Juden aus dem örtlichen Gefängnis gegraben.
Am Tag des Massakers kamen ein Vertreter der Šiauliaier Gestapo, ein ehemaliger Anwalt von Pasvalys, Petras Požėla und mehrere deutsche Sicherheits- und SD-Beamte nach Biržai.
Die Juden sollten sich in der Synagoge versammeln. Juden wurden jeglichen kostbaren Schmucks beraubt. Sie wurden dann in Gruppen im Astrava-Wald (100-200 Menschen) gefahren und erschossen.
Die Morde dauerten ab 23 Uhr bis 19 Uhr abends. An diesem Tag wurden alle Juden von Biržai erschossen. Insgesamt wurden nach Angaben der Sonderkommission rund 2.400 Juden
(darunter 900 Kinder unter 14 Jahren, 780 Frauen und 720 Männer) getötet. Zu den Morden gehörten deutsche Gestapo, eine Gruppe Weißarmbändler aus Linkuva (ca. 30 Personen) und Weißarmbändler und Polizisten aus Biržai (ca. 50 Personen). " [Rechsanwalt Požėla wurde später angezeigt, da er von den Ermordeten 300.000 Rubel und zwei Koffer mit Silber und Gold an sich genommen und nicht registriert hatte. (C. Dieckmann Besatzungspolitik)]
Laut Milda Jakulytė-Vasil, Historikerin beim lostshtetl Projekt in Litauen, waren es weniger als zehn Deutsche, normalerweise aber 2-3, die aus den SD Standorten aufs Land reisten und die Erschiessungen koordinierten (die genaue Zahl in Birzai ist nicht mehr feststellbar). Den Rest erledigten lokale Polizeieinheiten und Freiwillige vor Ort.

Gedenkstein auf dem Massengrab
Links der Gedenkstein, hinter den Bäumen die Tafel mit den Namen der Ermordeten
Dank an die Helfer
Gedenktafelmmit den Namen von Ermordeten
Gita Hait
Franziska Davies und Katja Makhotina schreiben in "Offene Wunden Osteuropas" S.181:
Waldbrüder - Kampf um Litauen
Nach der neuerlichen Besetzung Litauens durch die "Rote Armee", zogen sich viele Männer in die dichten litauischen Wälder zurück. In der Hoffnung mit alliierter Hilfe die russische Besatzung schnell zu beenden, kam es zur Gründung kämpfender Verbände, zuerst aus den Reihen der "LAF". Diese Gruppen werden im Volksmund "Waldbrüder" genannt. Anfangs waren noch versprengte deutsche Soldaten dabei. Von Ruth Leiserowitz.
Weiterlesen: Waldbrüder- der bewaffnete Widerstand im Nachkriegslitauen
Die Historikerin Ekaterina Makhotina von der Universität Bonn schreibt in einem Artikel über das Massaker an Dorfbewohner im litauischen Pirciupiai:
Kollaboration
... "das auch hunderte Litauer am Holocaust beteiligt waren".
Ist die Kollaboration, oder anders ausgedrückt, die Zusammenarbeit von Litauern mit Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion gleich verwerflich? Was waren die Gründe für die jeweilige Zuneigung zu den Diktaturen - Idealismus, Freiheitswille, Hass, Gier, Angst? Kann man beide Seiten verstehen? Kann man heute Verständnis haben für die Zusammenarbeit und Hilfe vieler Litauer mit den Nazi Besatzern? Oder ...

Birzaier Juden begrüßen das Abkommen mit Stalin (Sela Museum Birzai Propaganda ist nicht auszuschließen)
... für die Unterstützung für Stalin und den Kommunismus, dessen Verbrechen alleine in der Ukraine 1932 7-10 Millionen Menschen den Hungertod brachte? Ab 1940 wurden viele Litauer (wie überall im Baltikum, aber auch in allen anderen Teilen der Sowjetunion) in unwirtliche Gegenden Sibiriens deportiert. Überproportional viele Juden waren damals in den sowjetischen Sicherheitsorganen tätig. Aber es wurden auch überproportional viele litauischen Juden deportiert.
Der Autor dieser Zeilen wurde so sozialisiert, dass für ihn jegliche Zusammenarbeit mit den Nazis verwerflich war (und ist). Natürlich war nicht jeder Anhänger Hitlers ein Verbrecher.
Aber Nazis, SS und SA Leute, die schon von Anfang an Rassenhass und Herrenmenschentum lebten. Die — von der Richtigkeit überzeugt — die Invasion im Westen und Osten befürworteten, die bewußt Verbrechen begingen und diese Verbrechen als rassisch gerechtfertigt ansahen. Eben, weil die deutsche Rasse in ihren Augen höherwertiger war, als die slawische und jüdische.
Dagegen war für mich die Sowjetunion eine grausame Diktatur, mit ebenso vielen Toten wie unter Hitlers Regime (anfänglich sogar viel mehr, was Hitler 1941 aber schnell aufholte), die aber Nazi Deutschland besiegte und somit die Welt vor dem schlimmsten Irren, den man sich denken konnte, bewahrte (Hitler).
Ins Wanken kam dieses Weltbild im März 2018 bei einem Treffen von Litauern und Deutschen bei Bonn. Dort sprach der litauische Botschafter in Deutschland Darius Jonas Semaška ein kurzes Grußwort.
Anschließend fragte er in die Runde (2018 war das Jahr, in dem der litauische Partisan Adolfas Ramanauskas trotz litauischer und internationaler Proteste geehrt werden sollte), ob wir denn alle stolz auf die litauischen Partisanen seien.
Da ich gerade erst von einer Untersuchung gelesen hatte, die belegte, dass fast alle litauischen Partisanenführer in irgendeiner Form mit den Nazis kooperiert hatten, sagte ich das so in der Runde. "Stolz nur auf die, die nicht an Verbrechen der Nazis beteiligt waren". Womit nicht das austragen von Briefen gemeint ist. Und nicht nur eine direkte Beteiligung an der deutschen Judenvernichtung (die deutschen Sonderkommandos haben viele Einheimische — Partisanen oder Weißarmbändler genannt — als Helfer bei den Erschießungen eingesetzt) sondern militärische oder verwaltungstechnische Kooperation.
Jonas Noreika zum Beispiel, ein in Litauen hochgeachteter Partisan, geehrt mit öffentlichen Denkmälern und einer nach ihm benannten Schule, wurde nach Beginn der deutschen Besatzung 1941 Chef der litauischen Distriktverwaltung in Šiauliai. Er war dort u.a. für die Arisierung jüdischen Eigentums verantwortlich. Er setzte die Befehle der Deutschen in seinem Verwaltungsbereich um. Zum Beispiel den Bau von Gettos.
Sofort kam aus der versammelten Gruppe der Vorwurf, dann müsse man aber auch die Kooperation mit den Bolschewisten für ebenso verwerflich halten. Mal davon abgesehen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat (denn niemand (vernünftiges außerhalb Russlands) will heute für Stalinisten ein Denkmal errichten) und dieses Aufwiegen von Nazi- mit Sowjetischer Schuld ziemlich nervt, machte mich der Einwand sprachlos und ließ mich später darüber nachdenken, ob an dieser Gleichsetzung nicht vielleicht doch was dran ist.
Was wollte Botschafter Semaška eigentlich damit ausdrücken, als er auf meine Kritik an der Kollaboration mit den Nazis, mit ebensolcher Kritik über die Unterstützer von Stalins Sowjetunion antwortet? Warum sagt er nicht einfach ja, stimmt, Erschiessungen für die Nazis zu machen war unmoralisch, für die Nazi-Besatzer das Land und die Ghettos zu verwalten war auch unmoralisch (manchmal konnte man sich eben nicht entziehen). Der Antisemitismus mancher Partisanen und der LAF war ein Fehler und man bedaure das.
Nein, für solche Litauer möchte man keine Denkmäler
Stattdessen kommt dieses Totschlagargument, die Anderen waren ja genauso schlimm.
Ich kenne Botschafter Semaška nicht näher und will ihm nichts unterstellen. Auf einer Gedenkveranstaltung in der Litauischen Botschaft in Berlin am 12. Juni 2019 sagte er laut Webseite der Botschaft in einer Rede, "das auch hunderte Litauer am Holocaust beteiligt waren".
Dazu ein Zitat von Ruta Vanagaite, die sich mit dem Thema Nazikollaboration in Litauen beschäftigt, von der Webseite des MDR:
Viele Litauer haben bei der Ermordung der Juden eifrig mitgeholfen. "20.000 Menschen waren als Wachleute und als Mitglieder von Erschießungskommandos daran beteiligt. 36.000 Menschen wirkten in der Verwaltung mit".
Kann man Geschichte wirklich so unterschiedlich sehen?
Versuch einer vergleichenden Betrachtung von Anhängern der Bolschewisten und der Nationalsozialisten und ihre Motive (bezogen auf Litauen)
In Litauen benutzt man die Aufrechnung "du hast mir das angetan, dafür hast du anschließend die Quittung bekommen", den sogenannten 'Doppelten Holocaust', als Rechtfertigung für die Beteiligung von Litauern am Holocaust. Tatsächlich gehen Historiker heute davon aus, das die meisten Juden in Litauen von ethnischen Litauern, die die Drecksarbeit für die Deutschen übernommen hatten, erschossen wurden. In den Verwaltungen gab es wenig Deutsche, denn die Arbeit (siehe oben Noreika) wurde gewissenhaft von Litauern erledigt. Erst als die Litauer das Nahen der Ostfront bemerkten, ihre Hoffnung auf einen unabhängigen Staat vollends gescheitert war und sie sich nicht von den Deutschen an der Front außerhalb Litauens verheizen lassen wollten, begann ihre Kooperation nachzulassen.
Oder wie Raul Hilberg (in Vernichtung der europ. Juden) schrieb:
"Allmählich begriffen die einheimischen nichtjüdischen Zeugen des Vernichtungsprozesses die wahre Natur der deutschen Rassenleiter. Die unterste Sprosse war bereits beseitigt worden, und schon auf der nächsten Sprosse sassen sie selbst."
Wenn am Anfang der deutschen Besatzung die Registrierung von litauischen Juden durch die litauische Verwaltung noch reibungslos ablief, kam es 1944 zum Widerstand. Versuche der Deutschen, litauische SS-Verbände aufzustellen und die Litauische Heimatarmee (LTDF) auch außerhalb der Heimat einzusetzen, führte zum Widerstand der Litauer. Hochrangige Litauer wurden daraufhin zur Strafe ins KZ Stutthof verschleppt, Soldaten der LDTF erschossen. Unter den Verschleppten war der bisher willig kooperierende Jonas Noreika. Damit galt er als Widerständler gegen die Nazis.
Denkmal für die erschossenen LTDF Soldaten in Paneriai
I. Die Nationalsozialistische Ideologie
Wir wissen alle nicht, auf welcher Seite wir damals gestanden hätten. Solche festlegenden Aussagen sind Quatsch. Vorwürfe an die Menschen, die damals dabei waren und Hitler zugejubelt haben, sollte man sich überlegen, da man seine eigene Position nicht kennt. Etwas anderes ist es, wenn man als gläubiger Nazi theoretisch und/oder praktisch an Hitlers Mordpolitik teilnahm.
Zu Hitlers Plänen steht bei Timothy Snyder in "Bloodlands":
"Der Holocaust überschattete deutsche Pläne, die zu noch größerem Blutvergießen geführt hätten. Hitler wollte nicht nur die Juden auslöschen; er wollte auch Polen und die Sowjetunion als Staaten vernichten, ihre Führungsschichten liquidieren und viele Millionen Slawen (Russen, Ukrainer, Weißrussen, Polen) umbringen. Wäre der Krieg gegen die UdSSR wie geplant gelaufen, so wären 30 Millionen Zivilisten im ersten Winter verhungert und danach viele weitere Millionen vertrieben, ermordet, assimiliert oder versklavt worden. Obwohl diese Pläne nie verwirklicht wurden, waren sie der gedankliche Rahmen für die deutsche Besatzungspolitik im Osten. Während des Krieges ermordeten die Deutschen ebenso viele Nichtjuden wie Juden, vor allem durch Verhungernlassen sowjetischer Kriegsgefangener (über drei Millionen) und der Einwohner belagerter Städte (über eine Millionen) oder durch die Erschießung von Zivilisten bei "Vergeltungsmaßnahmen" (fast eine Million, vor allem Weißrussen und Polen)."
Hitlers Hauptziel war die Vernichtung der europäischen Juden. Und nach den Juden waren die slawischen "Untermenschen" dran.
Auch wenn Hitler seine radikaleren Absichten verbarg: "Die katastrophalen Visionen waren von Anfang an im Nationalsozialismus angelegt." (T. Snyder)
Schon im Parteiprogramm der NSDAP von 1920 standen die Hauptpunkte, die Hitler mit seinem Krieg gegen die Sowjetunion durchsetzen wollte:
Das 25-Punkte-Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei
[vom 24. Februar 1920]
1. Wir fordern den Zusammenschluß aller Deutschen auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zu einem Groß-Deutschland.
3. Wir fordern Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses.
4. Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.
5. Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast in Deutschland leben können und muß unter Fremden-Gesetzgebung stehen.
6. Das Recht, über Führung und Gesetze des Staates zu bestimmen, darf nur dem Staatsbürger zustehen. Daher fordern wir, daß jedes öffentliche Amt, gleichgültig welcher Art, gleich ob im Reich, Land oder Gemeinde nur durch Staatsbürger bekleidet werden darf.
Wir bekämpfen die korrumpierende Parlamentswirtschaft einer Stellenbesetzung nur nach Parteigesichtspunkten ohne Rücksichtnahme auf Charakter und Fähigkeiten.
7. Wir fordern, daß sich der Staat verpflichtet, in erster Linie für die Erwerbs- und Lebensmöglichkeit der Bürger zu sorgen. Wenn es nicht möglich ist, die Gesamtbevölkerung des Staates zu ernähren, so sind die Angehörigen fremden Nationen (Nicht-Staatsbürger) aus dem Reiche auszuweisen.
8. Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern. Wir fordern, daß alle Nicht-Deutschen, die seit 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des Reiches gezwungen werden.
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Daher fordern wir:
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Brechung der Zinsknechtschaft!
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18. Wir fordern den rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemein-Interesse schädigen. Gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber usw. sind mit dem Tode zu bestrafen, ohne Rücksichtnahme auf Konfession und Rasse.
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23. Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen die bewußte politische Lüge und ihre Verbreitung durch die Presse. Um die Schaffung einer deutschen Presse zu ermöglichen, fordern wir, daß
a) sämtliche Schriftleiter und Mitarbeiter von Zeitungen, die in deutscher Sprache erscheinen, Volksgenossen sein müssen.
b) Nichtdeutsche Zeitungen zu ihrem Erscheinen der ausdrücklichen Genehmigung des Staates bedürfen. Sie dürfen nicht in deutscher Sprache gedruckt werden.
c) Jede finanzielle Beteiligung an deutschen Zeitungen oder deren Beeinflussung durch Nicht-Deutsche gesetzliche verboten wird und fordern als Strafe für Uebertretungen die Schließung einer solchen Zeitung sowie die sofortige Ausweisung der daran beteiligten Nicht-Deutschen aus dem Reich.
d) Zeitungen, die gegen das Gemeinwohl verstoßen, sind zu verbieten. Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen eine Kunst- und Literaturrichtung, die einen zersetzenden Einfluß auf unser Volksleben ausübt und die Schließung von Veranstaltungen, die gegen vorstehende Forderungen verstoßen.
24. Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen.
Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und ist überzeugt, daß eine dauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage:
Gemeinnutz vor Eigennutz
25. Zur Durchführung alles dessen fordern wir die Schaffung einer starken Zentralgewalt des Reiches. Unbedingte Autorität des politischen Zentralparlaments über das gesamte Reich und seine Organisationen im allgemeinen.
Soweit das Programm der NSDAP. Ziemlich aktuell. Und interessant, vom Moralgefühl der germanischen Rasse zu lesen.
Expliziter wird hier Daniel Goldhagen:
1. Der eliminatorische Antisemitismus war Dreh- und Angelpunkt seiner [Hitlers] Weitsicht, die er nicht nur in Mein Kampf immer wieder vertreten hat. Er war der Aspekt eines politischen Denkens und Handelns, den er am konsequentesten und leidenschaftlichsten verfolgt hat.
2. Nach der Machtübernahme hielten sich Hitler und sein Regime an seine früheren Verlautbarungen. Sie setzten den eliminatorischen Antisemitismus in beispiellos radikale Maßnahmen um und führten sie mit unermüdlichem Eifer durch.
3. Vor Kriegsausbruch verkündete Hitler seine Prophezeiung, ja sein Versprechen, das er im Laufe des Krieges mehrfach wiederholen sollte: Der Krieg würde ihm die Gelegenheit verschaffen, die europäischen Juden zu vernichten.
4. Als der Augenblick gekommen und die Gelegenheit günstig war, verwirklichte Hitler seine Intention und ließ etwa sechs Millionenjuden ermorden.
Noch einmal: Der Genozid ging also nicht aus Hitlers Stimmungen, nicht aus örtlichen Initiativen oder aus unpersönlichen Strukturen hervor; er entsprang vielmehr Hitlers Ideal, den vermeintlichen jüdischen Einfluss zu beseitigen, ein Ideal, das in Deutschland weit verbreitet war. Selten hat ein Staatschef seine apokalyptischen Absichten so offen, so beständig und so emphatisch verkündet und sein Versprechen so buchstabengetreu erfüllt. Es ist bemerkenswert und beinahe unerklärlich, dass Hitlers Prophezeiung heute oft metaphorisch oder als leeres Gerede gedeutet wird. Hitler selbst betrachtete seine »Prophezeiung« vom 30. Januar 1939 als feste Absichtserklärung und hat dies wiederholt betont, als wollte er sicher gehen, dass niemand ihn missverstand. Statt sich über Hitlers Worte hinwegzusetzen, spricht alles dafür, Hitlers Verständnis seiner Intentionen und die Übereinstimmung zwischen den klar geäußerten Vernichtungsabsichten und der »vollbrachten« Tat ernst zu nehmen.
Vor Ausbruch des Krieges hatte Hitler zwei Gruppen benannt, die er im Kriegsfall vernichten würde: die Juden und die Erbkranken. Bereits 1935 teilte er dem Reichsärzteführer mit, daß er im Falle eines Krieges die »Euthanasiefragen aufgreifen und durchführen werde«. Dieser Gleichklang zwischen erklärter Absicht und späterem Handeln belegt - in beiden Fällen - nicht nur Hitlers Vernichtungswillen, sondern auch seine Geduld, den geeigneten Augenblick abzupassen, um ihn in die Tat umzusetzen. Wie ließe sich ein Vorsatz überzeugender beweisen?
Daniel Goldhagen "Hitlers willige Vollstrecker" S.199 3.
II. Die Kommunistische Ideologie
Die Anhänger Lenins hatten auch eine Vision. "Diese Vision, das angestrebte Endziel ihrer Revolution, war der Kommunismus. Es war die klassenlose Gesellschaft, geschaffen nach einer Transformationszeit der „Diktatur des Proletariats“, der Klasse der Arbeiter und mindestens in Russland der Bauern. Eine Gesellschaft der absoluten Gleichheit und, um mit Marx zu sprechen, das Ende der „Vorgeschichte“ der Menschheit. Von Russland aus, hofften Lenin und die Bolschewiki, würde das Signal zur Weltrevolution ausgehen." Der Tagesspiegel 7.11.2017
Und wieder ein Zitat von Timothy Snyder in "Bloodlands":
"Unter den Revolutionären ... herrschte der Traum, das Blutvergießen könne weitere radikale Veränderungen rechtfertigen, die dem Krieg eine Bedeutung geben und seinen Schaden wettmachen würden. Die wichtigste politische Vision war die kommunistische Utopie. Bei Kriegsende war es 70 Jahre her, dass Karl Marx und Friedrich Engels ihre berühmtesten Zeilen geschrieben hatten: "Proletarier aller Länder vereinigt euch!" 1.
Der Marxismus hatte Generationen von revolutionären durch eine Vision politischer und moralischer Umwälzung inspiriert: ein Ende des Kapitalismus und der Konflikte, die der Privatbesitz mit sich zu bringen schien, und ihre Ersetzung durch einen Sozialismus, der die arbeitenden Massen befreien und die gesamte Menschheit seelisch erneuern würde."
Intellektuelle weltweit folgten der Linie Stalins. Sie glaubten an eine "Vision einer vernunftgetragenen, gebildeten und wissenschaftlichen Gesellschaft, die auf der besten Ausnützung aller Kräfte und der stetigen Verbesserung ... der menschlichen Natur beruht, so wie sie objektiven, vorurteilslosen Geistern vorschwebte.". 2.
Viele westliche Intellektuelle pendelten in die Sowjetunion. George Bernhard Shaw sah das "Land der Hoffnung" (obwohl die Schauprozesse schon begonnen hatten), der spätere französische Literaturnobelpreisträger Andre Gide meinte "Ich möchte meine Liebe zu Russland in die Welt hinausschreien, ich möchte, daß mein Ruf gehört wird und Bedeutung hat."
Heinrich Mann schrieb: "Zu wissen, daß es einen solchen Staat gibt, macht mich glücklich." Die grauenhaften Moskauer Prozesse sahen manche noch als die "Intellektualität der Revolution" an. Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Romain Roland, Frederic und Irene Joliot-Curie, Jean Paul Sartre, Paul Langevin, Sean O'Casey, Stephen Spender, Theodor Dreiser, Upton Sinclair, John Dos Passos, Lois Fischer, J. Robert Oppenheim, Bert Brecht, Cecil Day Lewis waren nie Mitglied der Kommunistischen Partei. Aber sie sympathisierten, trotz Terrors, mit der Sowjetunion. 2.
Jean-Paul Sartre leugnete die Existenz der sowjetischen Gulags und meinte nach einer Reise in die UdSSR tatsächlich, dass dort Redefreiheit herrschte. 4.
Und der französische Philosoph Michael Focault brachte die westliche intellektuelle Nachsicht mit Stalin auf den Punkt: "Das Proletariat führt nicht Krieg gegen die herrschende Klasse, weil es diesen Krieg als gerecht ansieht. Das Proletariat führt den Krieg gegen die herrschende Klasse, da es zum ersten Mal im Laufe der Geschichte die Macht ergreifen will. Hat das Proletariat einmal die Macht ergriffen, so ist es durchaus möglich, daß es über die Klassen, über die es triumphiert hat, eine gewaltsame, diktatorische und sogar blutige Macht ausübt. Ich wüsste nicht, was dagegen einzuwenden wäre." 4.
Stephan Hermlin distanziert sich sogar in den 1980er Jahren nicht von seinen Gedichten, die er aus Bewunderung an Stalin in den 1950er Jahren schrieb.
Viele dieser linken Intellektuellen, früher und heute, sehen irgendwo im Kommunismus eine philosophische Kultur, ein faszinierendes theoretisches System, eine Überwindung der menschlichen (kapitalistischen) Fesseln. Ein Ideal. 4. Kollateralschäden nimmt man dafür in Kauf.
"Das sowjetische Programm wurde im Namen universaler Prinzipien durchgeführt; der nationalsozialistische Plan war eine gewaltige Eroberung zum Nutzen einer Herrenrasse." Snyder S. 40
Die Konsequenzen für die Menschen in beiden Systemen waren gleich.
Vor diesem Hintergrund zurück nach Litauen. Das Land war nach der 3. Polnischen Teilung 1791 von Russland besetzt und bekam seine Freiheit erst 1918 wieder. Während die litauische Landbevölkerung weiter litauisch sprach, die Vilniuser Polen polnisch, lernten die litauischen Juden russisch.
Die Gründe, warum überproportional viele Juden für die Sowjets bei ihrem Einmarsch 1940 arbeiteten, sind vielfältig. Sie konnten russisch, durften in der litauischen Republik nicht in öffentlichen Ämter tätig sein, viele Juden werden die Gefahr durch die Deutschen wahr genommen haben und, wie wir bei den westlichen Intellektuellen gesehen haben, verlockt der Sozialismus mit der Theorie auf eine bessere Welt. Späne wurden beim Hobeln akzeptiert.
Lange Rede, kurzer Sinn: Auch wenn der Horror für die Menschen durch Stalin (betroffen war die gesamte Sowjetunion) und Hitler (betroffen waren die deutschen Juden, Behinderte, Andersdenkende und besonders die Juden und Slawen der besetzten Gebiete) ähnlich waren, erscheint mir angesichts des Holocaust die Kollaboration mit den Nazis als besonders verwerflich.
Der Hinweis von Botschafter Semaška, die Kommunisten waren genauso schlimm wie die Nazis, hinterlässt deshalb einen üblen Beigeschmack.
Susanne Hennig-Wellsow, Thüringer Landeschefin der Linken, beglückwünscht den FDP Politiker Kemmerich für die Kooperation mit der Höcke AfD
Gibt es einen Unterschied zwischen der litauischen Kollaboration mit Stalin und Hitler? Wie unterscheidet sich moralisch das Engagement der Menschen für die Nazis und für Stalins (Nachfolge-) Organisationen?
Schreiben Sie mir Ihre Meinung!
1. "Bloodlands" Timothy Snyder
2. "Anatomie des Mitläufers" R. Lucas
3. "Hitlers willige Vollstrecker" D. Goldhagen
4. "Stalin und seine intellektuellen Bewunderer" Rainer Zitelmann
Silvia Foti schreibt über ihren Großvater, den in Litauen als Helden gefeierten Jonas Noreika:
Juden in Litauen
Auf https://alles-ueber-litauen.de steht viel über die litauisch-jüdische Geschichte.
Manchen Leser könnten Bemerkungen irritieren, wie die Unterscheidung "Litauer und Jude" (oder Litwak, was auch nur Jude aus Litauen heißt), die Dominanz der jüdischen Bevölkerung in den Städten bis 1941 und die Anmerkungen zur Bevölkerungszusammensetzung von Wilna (Vilnius – 1900 etwa 2 % Litauer, restliche Bevölkerung Polen und Juden). Sind nicht alle Bewohner Litauens Litauer, egal welcher Religion sie angehören? Theoretisch ja ... praktisch wünschen sich die Juden explizit diese Unterscheidung. Zudem macht es die wechselhafte Geschichte Litauens schwierig, eine eindeutige Zuordnung der jüdischen Bevölkerung zur Nation "Litauen" zu erkennen.
"Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Jude Teil der litauischen Landschaft", sagte Emanuelis Zingeris, Literaturwissenschaftler und Direktor des Jüdischen Museums in Wilna, "wohin man auch kam, man fand eine Kuh, einen Bauern, ein Pferd, einen Juden und ein Fahrrad." (Butenschön S.56)
Hier möchten wir "kurz" und möglichst einfach die Geschichte der litauischen Juden schildern. Von ihren Anfängen, als sie von Vytautas und Gediminas in deren litauisches Reich eingeladen wurden, bis zum Holocaust 1941, bei dem leider ziemlich viele Litauer den deutschen Besatzern halfen und über 90 % der litauischen Juden umgebracht wurden. Übrigens einer der höchsten Quoten in den von Deutschland besetzten Ländern.
Mittelalter
1323 gründet Großfürst Gediminas die litauische Hauptstadt Vilnius (auch Wilna). Angeblich bekamen die litauischen Juden schon damals Privilegien.
1386 heiratet der litauische Großfürst Jagiello die polnische Thronerbin Jadwiga und wird somit polnischer König. Litauen wird nun von seinem Cousin Vytautas regiert. Vytautas sicherte den Juden die gleichen Rechte wie den Christen zu und wirbt um ihre Ansiedelung auf litauischem Boden. Die damaligen litauischen Herrscher waren religiös tolerant (Jagiello tritt erst 1386 aus machtpolitischen Gründen zum Christentum über) und weitsichtig genug, den Nutzen der jüdischen Zuwanderer (und natürlich anderer westeuropäische Handwerker) zu erkennen.
Vytautas siedelt sogar Juden von der Krim in Trakai (der damaligen Hauptstadt) an, die Karäer. Die 100 Männer sollen für seinen Schutz sorgen. Die mit Frauen und Kindern etwa 480 Karäer lebten allerdings getrennt von den etwa 6.000 damaligen Juden Litauens.
18. Jahrhundert
Wilna Gaon
Vielleicht der Höhepunkt des Judentums in Litauen war das Wirken von Elijah ben Solomon Zalman, bekannt als Gaon (der Weise!) von Wilna!
Gaon von Vilnius ®Wikipedia
Er wurde in Sialiec (damals Litauen-Polen) geboren. Heute gehört die Stadt zu Weißrussland (an der polnischen Grenze – zwischen Litauen und der Ukraine). Gestorben ist er in Vilnius, damals gehörte die Stadt zum Zarenreich. So verwirrend ist die litauische Geschichte. Er gilt als bedeutender jüdischer Gelehrter und seine Kommentare zu Thora und Talmud sind heute Standardwerke jüdischer Gelehrsamkeit. Mit vier Jahren konnte er angeblich die Tanach (hebräische Bibel) auswendig. Mit sieben wurde er vom Kedainier Rabbi Moses Margalit unterrichtet. Mit acht Jahren studierte er Astronomie in seiner Freizeit. Ab zehn Jahren setzte er seine Studien alleine fort ... er hatte seine Lehrer im Wissen alle überholt. Mit elf kannte er den Talmud auswendig.
Elijah Ben Salomon Salman verfügte über eine überdurchschnittliche Gelehrsamkeit. Er sprach mindestens zehn Sprachen und war gewandt in Mathematik und Naturwissenschaft. Für ihn waren die Naturwissenschaften die Grundvoraussetzung zum Verständnis der Thora und er ermutigte seine Schüler Naturwissenschaften zu studieren. Er übersetzte sogar Geometriebücher ins Jiddisch- und Hebräische.
Elijah war zweimal verheiratet und hatte mit seiner ersten Frau acht Kinder. Enkel sind 43 namentlich bekannt. Urenkel 143. Laut Wikipedia vervielfachten sich die Nachkommen in jeder Generation um das Vierfache. Alle seine überlebenden Söhne wurden Rabbis, seine Töchter heirateten Rabbis.
Solomon Zalman lehnte das in seiner Zeit aufkommenden Chassidentum ab (er gehörte somit zu den "Misagdim": Gegnern) und bestand auf einer wortgetreuen Auslegung der Thora. Die Chassiden dagegen lebten ein mehr mystisches Judentum. Der Gaon verbot daraufhin Ehen mit Chassiden und es kam zu Exkommunikationen.
Der Gaon von Vilnius war einer der einflussreichsten Rabbis. Sein Wirken machte Vilnius berühmt.
Der deutsche Schriftsteller und Arzt Bruno Alfred Döblin berichtet über einen Besuch in Wilna 1924:
"Wer war der Gaon? Meine jüdischen Führer wissen alles gut... Der Gaon hat Mathematik und Astronomie getrieben, wurde dann durch anderes wichtig. Eine jüdische "Irrlehre" kam in der Ukraine auf. Ein einzelner Mann trug sie vor, ein schwacher Kenner von Talmud und Thora. Der fing an, auf dem flachen russischen Lande, in den Dörfern und Städtchen, den armen jüdischen Massen allerlei zu erzählen. Der schwache Talmudist war Rabbi Israel Baalschem-tob. Er bewegte sich nicht in den Beßmedresch, den Lernstuben, sondern draußen im Freien, lernte, so erzählte man, die Stimmen der Vögel und Reden der Bäume. 'Ach' , sagt er, 'die Welt ist voller Strahlen und wunderbarer Geheimnisse. Und die kleine Hand liegt vor den Augen und verhindert, daß die großen Lichter erblickt werden.' Dann: 'Was ist die Thora anderes als Leiterin zum Dienst Gottes und Vermittlerin zur Vereinigung mit Gott. Die Rabbiner aber verfolgen nicht dieses Ziel, sondern prahlen mit ihrer Gelehrsamkeit. Jeder kann groß und rechtschaffen sein ohne Kenntnis des Talmuds.' Die ungebildeten Leute liefen ihm zu ... Sogar Rabbiner folgten ihm ... Fromme, Chassidim, nannten sich diese Leute.' [AK: Die Gegenbewegung zu den Chassidim waren dann die Misagdim]
Der Gaon war eine Zeit ins Exil gegangen, um sich von seinen Sünden zu reinigen, wanderte durch Polen, Deutschland, bettelte, rang, seine Pflicht gegen Gott zu erfüllen. In Wilno saß er, kasteite sich, studierte Talmud, Kabbala. Nicht einmal seine Angehörigen wollte er sehen. Er war ein Fanatiker des Wissens, ein strenger Kritiker ... Päpstliche Autorität war in dem Gaon. Als es zu wild wurde, belegte er die Chassidim und ihre Führer mit einem Bann. Eine Berührung mit ihnen lehnte er ab, reiste aus Wilno fort, als man ihn drängte, den neuerer zu hören ... Mit siebenundsiebzig Jahren fluchte er ihnen zum letztenmal. Inzwischen hatte sich die neue Lehre, die kaum neu, kaum eine Lehre war, ausgebreitet ... Bücherverbrennungen - von Chassidischen Schriften-, Verfolgungen nahmen zu. Der große Gaon konnte die Bewegung nicht aufhalten, die sogar in seiner Residenz sich einnistete."
Butenschön S60.
Litauen ist in Westeuropa nicht wirklich bekannt. Aber sogar in Israel Reiseführern (hier "Israel und Palästina" vom Reise Know How Verlag 2018) kann man von Litauens jüdischer Vergangenheit lesen:
"Es handelt sich um die litauischen Juden, auf Jiddisch Litvish oder auch Litvak oder von den Chassidim, Mitnagdim, Gegner, genannt. Sie stammen ursprünglich aus dem Bereich des Großherzogtums Litauen, das im späten Mittelalter bis ans Schwarze Meer reichte. Die Gegnerschaft zu den Chassidim geht auf den Gaon von Wilna, Elia ben Shlomo Salman (1720-1797) zurück, der die mystische Suche der Nähe zu Gott im Chassidismus als pantheistisch einstufte und demgegenüber eine höchst gelehrsame, wortgetreue Tora-Auslegung hochhielt. Gaon, wörtlich Herrlichkeit, war vor dem vom 1. bis 11. Jh nC der Titel der führenden Talmudgelehrten im Zweistromland. Die Litvak wirken durch moderne schwarze Anzüge und weißes Hemd insgesamt eleganter und einheitlicher als die Chassiden und tragen über der Kippa meist einen breitkrempigen Borsalino; die Schläfenlocken werden oft dezent getragen, z.B. hinter die Ohren gelegt. Die Frauen können sehr modisch mit überraschend kurzen Röcken gekleidet sein. Sie tragen meist Perücken ohne Kopftuch."
Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich Litauens Hauptstadt Vilnius (1573 entstand die erste Synagoge in Vilnius) zum berühmten "Jerusalem des Ostens". Während die ethnischen Litauer meist in Dörfern wohnten, lebten die Juden überwiegend in den Städten.
Anfang des 20. Jahrhunderts lebte in keiner der wenigen litauischen Städte eine ethnisch litauische Mehrheit. Obwohl Juden 1920 nur 7 % der Bevölkerung ausmachte betrieben sie 75 % des Handels (die Polen weitere 21%). Götz Aly S. 231
Dementsprechend waren die Besitztümer verteilt. Meist besaßen die Juden die steinernen Häuser der Städte und die Polen waren die Großgrundbesitzer. Trotzdem war auch die Not vieler litauischer Juden groß.
"Alle anderen Stände, alle anderen Klassen der Bevölkerung leben unter besseren Verhältnissen als die Juden". (Siehe Juden in Russland)
Litauens Eigenstaatlichkeit
Litauen war in seiner Geschichte nur relativ kurze Zeit eigenstaatlich. Nachdem 1386 Großfürst Jagiello König von Polen wird, kommt es zu einer Union von Litauen und Polen. Die viel dominantere polnische Kultur (alleine der Unterschied in der Zahl der Einwohner und die Größe der Länder) gewann in Litauen immer mehr an Einfluss. Litauisch wurde nur noch in den Dörfern gesprochen, in den Städten sprachen die Menschen Ruthenisch, Polnisch und immer mehr Jiddisch.
Mit der 3. Polnischen Teilung 1795 besetzte das zaristische Russland ganz Litauen.
Juden in Russland
Mit den polnischen Teilungen kamen plötzlich Hunderttausende Juden zum russischen Staat.
Vorher gab es fast keine jüdische Bevölkerung. Im Großfürstentum Moskau, dem Kerngebiet des künftigen Russlands, waren Juden nicht geduldet. Man hatte vor ihnen Angst, wie vor allen Fremden, und verdächtigte sie der Tätigkeit für fremde Mächte.
Im 18. Jahrhundert war Kaiserin Elisabeth I. feindlich gegenüber den Juden eingestellt. 1742 befahl sie die wenigen im Russischen Reich lebenden Juden des Landes zu verweisen. Als der Senat versuchte, ihren Ausschaffungsbefehl zu widerrufen und darauf hinwies, dass der Handel in Russland und der Staat dadurch in Mitleidenschaft gezogen würden, entgegnete die Kaiserin: „Ich will keinen Nutzen von den Feinden Christi.“
Die russischen "Neubürger" verpflichtete man in einem sogenannten "Ansiedlungsrayon" zu siedeln, das in etwa dem Gebiet des ehemaligen litauisch-polnischen Staates entsprach. Dieses reichte grob von Palanga an der litauischen Ostseeküste bis zum Schwarzen Meer. Die Verpflichtung im Ansiedlungsrayon zu leben wurde ab 1835 mehrfach gelockert, 1882 von Alexander III. aber wieder strenger angewandt.
Eine Kommission unter Leitung des deutschbaltischen Grafen Konstantin von der Pahlen berichtet Zar Alexander III. 1885:
"Fast neun Zehntel der gesamten jüdischen Bevölkerung sind eine Masse, deren Dasein durch nichts gesichert ist, die tagein, tagaus im Elend unter schlechtesten Bedingungen lebt. Alle anderen Stände, alle anderen Klassen der Bevölkerung leben unter besseren Verhältnissen als die Juden." Aly S. 78
Alexander III. war seinen jüdischen Untertanen wohl nicht sehr zugetan, denn seine "böswillige Lösung für die jüdische Frage war die Konversion [Konvertierung] eines Drittels der Juden, die Auswanderung eines weiteren Drittels und den Hungertod für das verbleibende Drittel". Sutten S. 7
Die Juden konnten die neue Zeit der Moderne im Ansiedlungsrayon aber besser nutzen als die Mehrheit der Bevölkerung. Fleiß und Wissensdurst trieben sie an die Universitäten, wo sie bald überall überproportional vertreten waren. 1886 begann Russland den Zugang seiner Juden zu den Universitäten zu beschränken. Der jüdische Anteil an Studenten (es seinen nur die größten genannt) betrug in Charkow 28 und in Odessa fast 30%.
Es kam zu immer mehr Restriktionen. So durften Juden nur noch eine Anwaltspraxis eröffnen, wenn das Justizministerium zustimmte. 15 Jahre wurden fast keine Bewilligungen erteilt, weil "... die Hälfte der Nachwuchsjuristen im Gerichtsbezirk St. Petersburg Juden waren...."
Jsaak Rülf, eine Rabbiner aus Memel, berichtete folgendes von einer Zugfahrt von Vilnius nach Minsk:
Er "... unterhielt sich mit einem Kaufmann über die Pogrome, die sich im Vorjahr ereignet hatten, und fragte nach den Gründen. "Das ganze Unglück des Juden besteht darin," so sein Gegenüber, "dass er unendlich besser, geweckter, brauchbarer, strebsamer und moralischer ist als der Russe." (Aly S. 98)
1914 waren in den nordwestlichen russischen Gebieten nur 8% der Angestellten Russen. Die anderen waren Juden (35%), Polen und Deutsche.
Anfang des 20. Jahrhunderts lebten somit mehr als 90 % der mehr als fünf Millionen "russischen" Juden im Rayongebiet. Beim Widerstand gegen das zaristische System waren Juden in Führungspositionen überproportional beteiligt. Eine Überwindung des alten Systems mit seiner Unterdrückung von Juden und nicht-orthodoxen Christen schien verlockend. Eine bemerkenswert große Zahl der Führung der Bolschewiken waren Juden.
Während es überall im Russischen Reich zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung kam (der Historiker Orlando Figes geht von 1200 Pogromen mit 150.000 Toten zwischen 1919 und 1920 aus) versuchte Lenin den Antisemitismus in Russland einzudämmen:
"The Tsarist police, in alliance with the landowners and the capitalists, organised pogroms against the Jews. The landowners and capitalists tried to divert the hatred of workers and peasants who were tortured by want against the Jews...Only the most ignorant and downtrodden people can believe the lies and slander that are spread about the Jews...It is not the Jews who are the enemies of the working people. ... Among the Jews are working people, and they form the majority. They are our brothers, who, like us, are oppressed by capital; they are our comrades in the struggle for socialism. Among the Jews there are kulaks, exploiters and capitalists, just as there are among the Russians, and among people of all nations...
Rich Jews, like rich Russians, and the rich in all countries, are in alliance to oppress, crush, rob and disunite workers...Shame on accursed Tsarism, which tortured and persecuted the Jews. Shame on those who foment hatred towards the Jews, who foment hatred towards other nations." W. Lenin auf Schallplatte 1919
Lenin kennzeichnete den Antisemitismus als ekelhaften Überrest aus den alten Zeiten der Leibeigenschaft und stockfinsterer Unwissenheit. Seiner Partei gehörten 5 % Juden an, allerdings 30 % dem Zentralkomitee.
Jüdische Elemente seien eine Reserve vernünftiger, des Lesens und Schreibens kundiger Arbeitskräfte, mit derer Hilfe es gelungen sei, die Revolution in schwieriger Zeit zu retten. Aly S.212
Und der jüdische Historiker Zvi Gitelmann meint dazu: "Never before in Russian history – and never subsequently has a government made such an effort to uproot and stamp out antisemitism."
(Gitelman: Antisemitism in the Contemporary World)
Es gab sogar eine jüdische autonome Zone im russischen Fernen Osten (in Birobidzhan, als russische Alternative zu Palästina) die aber nie mehr als 30 % jüdische Einwohner hatte. Ab den 1930er Jahren führte der zunehmende Zwang zur Russifizierung zu einem Aus für die jüdische Sektion (Yevsekstia) in der Bolschewistischen Partei. In Weißrussland wurden alle jüdischen Schulen geschlossen.

Juden auf dem Markt
Hier sieht man, dass die jüdische Bevölkerung in den Gebieten von Litauen, Polen und Weißrussland noch mehr nationalstaatliche Wirren durchleben mussten, wie z.B. die ethnischen Litauer, die in den Dörfern zumindest weiter ihre litauische Sprache und Geschichte hatten. Wahrscheinlich lernten die Juden in den Städten schneller russisch. Immerhin gehörten sie von Beginn der Polnischen Teilungen bis zur litauischen Unabhängigkeit 1918 zu Russland. Wer nachlesen möchte, wie das Leben der Juden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russisch-Litauen war, dem sei die Lektüre von Grigori Kanowitsch "Ein Zicklein für zwei Groschen" empfohlen.
Machen fast 140 Jahre Leben in Russland jemanden zum russischen Staatsbürger? Interessante und komplizierte Frage. Für Juden und Litauer gab es da sicher unterschiedliche Nuancen.
Am Ende der 1930er Jahre sah die Lage folgendermaßen aus:
Durch den Hitler-Stalin Pakt schob sich das deutsche Machtgebiet bis an die russische Grenze. Für die osteuropäischen Juden war das eine Katastrophe, nämlich der sichere Tod!
Litauen ab 1918
Um 1900 kam es zu einem wiedererstarken der litauischen Identität. Menschen, die gar kein Litauisch konnten, besannen sich ihrer Wurzeln, lernten Litauisch und setzten sich für einen unabhängigen Staat ein (Ciurlionis zum Beispiel).
"Eingeklemmt zwischen Russen, Polen, Deutschen und Letten lebten die allermeisten der Litauisch-sprechenden, wenig gebildeten und armen Einwohner in den Dörfern." Aly S. 229
Die Juden störten dieses Projekt Litauen. So nannte der Arzt Jonas Sliupas 1884 (ihm ist heute eine nationale Gedenkstätte in Palanga gewidmet): " Juden sind Blutegel; Schlafende saugen sie aus und lassen sie ausgelutscht zurück".
Besonders die katholische Kirche agitierte gegen die jüdischen Mitbürger. "Wer Gott liebt, der wird uns vor den Juden retten" und "Die Juden würden Litauen bald verlassen, würden wir Litauer uns mehr im Handel engagieren, selbst einzelne und gemeinschaftliche Geschäfte gründen und alles nur bei den Unsrigen kaufen." Und der christdemokratische Politiker Antanas Stugaitis meinte: "Wer den nationalen und sozialen Fortschritt der litauischen Massen wolle, der müsse die wichtigste Blockade beim Namen nennen und mit dem Finger auf die Juden zeigen." (Aly S.230)
Im Februar 1918 erklärte Litauen, noch unter deutscher Besatzung, seine Unabhängigkeit. Es gelang diese gegen die Rote Armee und gegen die Polen durchzusetzen. Das litauische Sprachgebiet beschränkte sich auf Kaunas und die Dörfer. Vilnius gehörte durch den Schachzug von Josef Pilsudski wieder zu Polen. In der Stadt lebten Juden und Polen und es gab nur knapp 3 % Litauer. In keiner der wenigen litauischen Städte waren Litauer in der Mehrheit. Aly S. 231
Der Handel lag zu 75% in jüdischer Hand, knapp 46% der Immobilien in den Städten gehörten Juden (zu 7% Litauern). Durch die Agrarreform von 1922 wurde den Großgrundbesitzern (Deutschen, Polen und Russen) Land genommen und an Landlose verteilt. Die Juden betraf das nicht. Sie litten auf andere Weise. Staatliche Stellen wurden nicht an Juden vergeben. In Kaunas, wo Juden ein Drittel der Bevölkerung ausmachte, gab es gerade mal elf jüdische Angestellte. Mit der 1940 erfolgten erneuten Besetzung Litauens durch die Sowjetunion, durften Juden wieder in staatlichen Organen arbeiten und fielen durch ihre vorherige Abstinenz auf.
Die nun (wie gesagt, Litauen ist ja erst 1918 unabhängig geworden, nach langer polnischer Dominanz und anschließend 140 Jahren russischer Besetzung) zu Litauen gehörenden Juden, sprachen sehr gut Polnisch, Russisch und Deutsch. Das in den Städten unübliche Litauisch aber nicht. Aly S. 232
Age Meyer Benedictsen, ein dänischer Ethnograf, berichtet über seine Reise nach Litauen in den frühen 1890er Jahren in seinem 1924 erschienenen Buch "Lithuania...Awakening of a Nation" [1890 gehörte Litauen natürlich noch zu Russland] (Zitat aus Lamonis Briedis Buch "Vilnius...City of Strangers"):
Die Juden waren seit der frühesten Zeit, über die wir zuverlässige Aufzeichnungen haben, in Litauen, aber sie waren weder willens noch fähig, sich mit den Einheimischen des Landes zu assimilieren. Ihre große Zahl, ihre Vorurteile, ihr religiöser Fanatismus und ihre uralte Sondergesetzgebung haben dazu beigetragen, ihre Position als ein völlig fremdes Element im Land zu festigen. Die vielen Jahrhunderte haben sie eher von der einheimischen Rasse entfremdet, als sie mit dieser zu vereinen, sie sprechen untereinander nicht die Landessprache, sondern benutzen ihren eigenen hebräisch-deutschen Dialekt, sie kleiden sich nicht wie das übrige Volk; obwohl man ihnen verboten hat, ihre alte eigentümliche Kleidung zu benutzen, schaffen sie es durch ihre Kleidung, anders auszusehen als andere Menschen. Sie haben weder Freunde noch Feinde oder gemeinsame Interessen mit dem Volk. Die Politik der Juden war in der Hauptsache opportunistisch, und sie war es aus Notwendigkeit; sie waren nie gewillt, sich wirkliche Freunde zu machen, aus Angst, sich dadurch Feinde zu machen [AK: !]. Sie haben sorgfältig gewittert, von welcher Seite sie vorläufig den größten Schutz zu erwarten haben, und sie haben nie gewagt, sich darauf zu verlassen, in Sicherheit zu leben; sie haben wahrscheinlich nicht so das Interesse daran gehabt, dort zu leben, das sie gehabt hätten, wenn sie das Gefühl gehabt hätten, in einem eigenen Land zu leben. Litauen ist der Ort gewesen, an dem die Juden den einfachsten und aufrichtigsten Glauben an den Messias gehabt haben. Nirgendwo waren sie mehr bereit, den Erlöser zu empfangen, als in dieser abgelegenen Ecke, wo die Umgebung ihnen erlaubte, alle Erinnerungen, ihre Traditionen und Bräuche in ihrer ganzen mystischen Unklarheit zu bewahren. Bis zum heutigen Tag sagen die litauischen Juden mit derselben Zuversicht wie vor Jahrhunderten: 'Er kommt gewiss und Er kommt bald.'
Man sollte den litauischen Juden im Lichte dieses festen Glaubens, oder jedenfalls der erblichen Neigungen, die in diesem Glauben gründen, betrachten, um ihn zu verstehen zu versuchen, denn nur dann kann man ihm seine ganze Lebensweise verzeihen; man kann sogar etwas Großes in diesem Volke erkennen, das einem sonst unfreiwilig ungünstig beeindruckt.
Die litauischen Juden fühlen sich als Fremde, halb heimatlos inmitten eines Volkes, das sie meidet, ihr ganzes Dasein ist ein einziges ständiges Bestreben, auf dem einfachsten Wege eine Gleichgewichtslage zu halten, das nötige Brot zu finden, auf ihre eigene zwielichten Weise möglichst viel Macht zu erlangen, und es kümmert die jüdische Auffassung wenig, ob diese Macht zum Guten oder zum Bösen des Landes ist, in dem sie leben. So demütig und erbärmlich der Jude oft erscheint, der Stolz der Rasse wohnt noch in ihm. Was kümmert ihn die Grobheit und Verachtung der Ungläubigen, er verschenkt nur, wenn er dazu gezwungen ist, sein geistiger Stolz leidet nicht darunter.... Schmutzig, gemein und gierig von einem oberflächlichen Standpunkt aus betrachtet, besitzt der Jude noch das Gold der Seele, das zur rechten Zeit glänzen kann, und wenn man sich ihm ohne jedes dumme Vorurteil nähert, kann man das Gute in ihm sehen, dann werden die besten menschlichen Eigenschaften, Sympathie und Hilfsbereitschaft sichtbar.
Dieser zweiseitige Zustand ist die Ursache für jene falsche Stellung, unter der die Juden in Litauen seufzen, und es gibt viele unter ihnen, die das Ziel aus den Augen verloren haben, weil sie sich mit den Mitteln beschäftigen, wie sie es erreichen können.
Besser kann man auch die Situation (Beziehungen der ethnischen Litauer und litauischen Juden) vor dem II. Weltkrieg nicht beschreiben.
Einen Eindruck über das litauische Judentum der Zwischenkriegszeit vermittelt der schon oben erwähnte Alfred Döblin in seinen Aufzeichnungen über einen Besuch in Wilna 1924:
"Ich kann mich nicht enthalten zu denken, wie ich hinausgehe: Welch imposantes Volk, das jüdische. Ich habe es nicht gekannt, glaubte, das, was ich in Deutschland sah, die betriebsamen Leute wären die Juden, die Händler, die in Familiensinn schmoren und langsam verfetten, die linken Intellektuellen, die zahllosen unsicheren unglücklichen feinen Menschen.Ich sehe jetzt: Das sind abgerissene Exemplare, degenerierende, weit weg vom Kern des Volkes, das hier lebt und sich erhält. Und was ist das für einen Kern, der solche Menschen produziert wie den hinflutenden reichen Bal-Schem, die finstere Flamme des Gaon von Wilno. Was ging in diesen scheinbar kulturarmen Ostlandschaften vor. Wie fließt alles um das Geistige. Welche ungeheure Wirklichkeit misst man dem Geistigen, Religiösen zu?"
Alfred Döblin Reise in Polen (1924)
Und in einer Zusammenfassung 1934 schrieb er:
"Als ich vor einem Jahrzehnt die alte, geschlossene Judenheit in Polen aufsuchte und zum ersten Mal, staunend, ergriffen, tief bewegt und noch ohne Ahnung von dem, was kommen sollte, jüdisches Volk und Leben sah, öffneten sich mir die Augen: Ostjuden können Juden sein, Westjuden können nicht Juden sein". A. Döblin Ende und Wende der Emanzipation (1934)
Es gab in den 1930 Jahren einige Pogrome in Kaunas und Vilnius, die aber von der Smetona Regierung bekämpft, bzw. (Vilnius gehörte ja zu Polen), verurteilt wurden. Ein Eindruck, wie noch 1931 auf Übergriffe gegen Juden reagiert wurde, bekommt man mit diesem Artikel aus der litauischen Zeitung "Lietuvos aidas" von 1931 (aus S. Suziedelis "Crisis, War and the Holocaust in Lithuania):
"It may seem to some that the Jewish nation has some unsympathetic characteristics (and what nation does not have them?). It may even be supposed that Poland's Jews have more such features than their conationals in other countries. But in no way and under no conditions can pogroms be justified. A pogrom is an inhuman, disorderly use of brutal force against other people, citizens of the same state of a different nationality. A pogrom is essentially an immoral and indecent method of struggle, the use of which contradicts the most elemental principles of human solidarity.... Independent Lithuania cannot forget that all inhabitants of the occupied Vilnius district, without regard to religious, national, or other differences, are her children."
Der Anteil der jüdischen Studenten im Vergleich mit den Litauern war viel höher. Litauer begannen Einschränkungen für Juden zu fordern und mehr "einheimische Intelligenz" zu unterstützen. Der Staat begann seine jüdischen Einwohner zu diskriminieren. Juden wurden 1934 aus der Holzwirtschaft, dem Transportgewerbe, dem Handel mit Tabak, Flachs, Streichhölzern, Kohle und Zucker ausgeschlossen. Öffentliche Aufträge gingen an "christliche" Unternehmen. Litauen sollte wieder den Litauern gehören.

Litauen den Litauern
Besonders unrühmlich empfinde ich die Arbeit des Nationalen Schützenverbandes, der sogenannten "Šiaulisten", die sich stark an der antisemitischen Agitation beteiligten und auch während des späteren litauischen Holocaust eine unrühmliche Rolle spielen sollten. (Mitglieder der Šiaulisten saßen auch in Telsiai im Gefängnis (Rainiai Massaker)).
So attackierten Redner der Šiaulisten das "destruktive jüdische Gebaren", wollten "die Juden aus der Wirtschaft [zu] eliminieren, um so die Positionen der Litauer zu unterstützen".
Der wirtschaftliche und geistige Aufstieg der Litauer sollte auf Kosten der Juden stattfinden. Aly S. 233
Während die Regierung Smetona noch eine relativ liberale Judenpolitik betrieb (Smetona und Außenminister Urbsys sollen auch die Sowjetische Dominanz als das kleinere Übel angesehen und den Deutschen einen Sieg gegen den mächtigen Anglo-Amerikanischen Gegner nicht zugetraut haben [Suziedelis Lithuanian Collaboration zit. Liudas Truska "Smetona"], stachelte die von Augustinas Voldemaras gegründete Organisation "Eiserner Wolf" (Gelezinis Vilkas) zum Judenhass auf.
Christoph Dieckmann beschreibt die Gelezinis Vilkas als "radikale faschistische Gruppe", die 1927 als geheimer paramilitärischer Verband nach dem Vorbild der italienischen Faschisten gegründet wurde. Voldemaras benutzte sie, um die Regierung Smetona zu bekämpfen.
"Der Verband hatte kein politisches Programm, sondern verstand sich als aktive politische Wache des litauischen Volkes, der alle »antivölkischen« und »antistaatlichen« Aktivitäten bekämpfen wollte, um eine neue Ordnung nach italienischem Vorbild zu schaffen. Seine Hauptgegner sah er in Polen und Juden. Er behauptete, seine Ziele seien "die Ehre des Volkes und das Wohlergehen des Staates". In Kaunas hatte der Gelizinas Vilkas 1930 etwa 1.000 bewaffnete Mitglieder.
Nach dem litauisch-sowjetischen Beistandspakt von Oktober 1939 kam es in Kaunas zu wilden pro-sowjetischen Demonstrationen, bei denen überdurchschnittlich viele Juden teilnahmen. (Suziedelis)

Litauische Juden begrüßen den Beistandspakt mit der Sowjetunion (Foto Sela Museum Birzai) und 1940 die sowjetischen Truppen mit Blumen. Ein Jahr später begrüßen die Litauer die Wehrmacht mit Blumen.
Laut Frieda Frome lebten Litauer, Juden, Russen und Deutsche unter Smetona friedlich und mit gegenseitiger Toleranz zusammen. Das änderte sich nach dem litauisch-sowjetischen Beistandsabkommen von 1939 mit der Einrichtung von sowjetischen Basen.
"As the Communists became more active after the establishmet of Soviet bases in October 1939, she recalls, "little by little my thoughts were channeled into the Russian stream of ideology ... so strongly that my parents were horrified at the opinions I expressed." (Suziedelis)
Saulius Suziedelis meint, die zunehmende antisemitische Haltung der LAF Führung in Berlin könnte durchaus aus Litauen und der dortigen Stimmung selbst gekommen sein und hätte kaum einen Anstoß von außen gebraucht. Das Programm der LAF, die "Richtlinien zur Befreiung Litauens" nehmen die Geschehnisse im Sommer 1941 ziemlich präzise vorweg (auch wenn sich wahrscheinlich von den Litauern kaum jemand die tatsächlich folgende Brutalität so vorgestellt hatte) .
In den "Lietuvai islaisvinti nurodymai" (Richtlinien zur Befreiung Litauens) vom 24. März 1941 steht über den weiteren Umgang mit den litauischen Juden:
"It is very important on this occasion to shake off the Jews. For this reason it is necessary to create within the country such a stifling atmosphere against the jews that not a single Jew would dare to even allow himself the thought that he would have even minimal rights or, in general, any possibility to earn a living in the new Lithuania. The goal is to force all the Jews to flee Lithuania together with the Red Russians. The more of them who leave Lithuania at this time, the easier it will be to finally get rid of the Jews later. The hospitality granted to the Jews during the time of Vytautas the Great is hereby revoked for all time on account of their repeated betrayal of the Lithuanian nation to its oppressors." (Suziedelis Lithuanian Collaboration)
Noch am 14-17. Juni 1941 kam es zu Deportationen von 20.000 Menschen (Litauer, Polen, Juden) nach Sibirien. Welches Leid diese Menschen erlebten, kann man bei der Lektüre von Dalia Grinkeviciute's Buch "Aber der Himmel...grandios" erahnen.
Unter den 20.000 Deportierten befanden sich weniger als 2.000 Juden, (Suzieldelis "Lithuanian Collaboration") damit aber immer noch überproportional viele im Vergleich zur ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.
87 % der in der Vorkriegs-UdSSR lebenden Juden waren urbanisiert. Im Ansiedlungsrayon sogar 90 %! (Raul Hilberg S. 305)
Anteil der Juden in den von Deutschen besetzten Orten im Osten:
Stadt und Jahr Jüdische Bevölkerung
der Volkszählung (Anteil an der Gesamtbevölkerung in Klammern)
Odessa (1926) 153200(36,4)
Kiew (1926) 140200 (27,3)
Lemberg (1931) 99600(31,9)
Dnjepropetrowsk (1926) 83900 (36,5)
Charkow (1926) 81100(19,4)
Chisinau (1925) 80000 (60,2)
Wilna (1931) 55000 (28,2)
Minsk (1926) 53700 (40,8)
Cernauti (1919) 43700 (47,7)
Riga (1930) 43500 ( 8,9)
Rostow (1926) 40000(13,2)
Bialystok (1931) 39200 (43,0)
Gomel (1926) 37700(43,6)
Witebsk (1926) 37100 (37,6)
Kirowograd (1920) 31800 (41,2)
Nikolajew (1923) 31000 (28,5)
Krementschug (1923) 29400 (53,5)
Zitomir (1923) 28800 (42,2)
Berditschew (1923) 28400(65,1)
Cherson (1920) 27600 (37,0)
Kaunas (1934) 27200 (26,1)
Uman (1920) 25300 (57,2)
Stanislaw (1931) 24800 (51,0)
Rowno (1931) 22700 (56,0)
Poltawa (1920) 21800 (28,4)
Bobruisk (1923) 21600 (39,7)
Brest Litowsk (1931) 21400 (44,2)
Grodno (1931) 21200(43,0)
Pinsk (1931) 20300 (63,6)
Winniza (1923) 20200 (39,2)
Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion begann einer der Wunschträume Hitlers in Erfüllung zu gehen. Das Ende des Judentums. Litauische Organisationen wie die LAF (Litauische Aktivistische Front) wurden über den Angriffstermin informiert und sollten der Wehrmacht beim Einmarsch in Litauen helfen. Es kam zu einem antisowjetischen Aufstand, bei der sich litauische Freiwillige in ganz Litauen organisierten, Güter und Infrastruktur vor den abziehenden Sowjets schützten – (Adolfas Ramanauskas soll so einer Schutzeinheit angehört haben) oder, wie Skeptiker meinen, den Sowjets in den Rücken zu schießen.
Es kam aber auch überall in Litauen zu Übergriffen gegen vermeintliche Bolschewisten, die aber fast immer Juden waren. Die Sowjets waren auf der Flucht. Die Nationalsozialistische Gleichsetzung von Jude=Bolschewist wurde besonders von der LAF verinnerlicht. Beispielhaft ist die Jagd auf Juden (=Bolschewisten) in Kaunas an der Lietukis Garage, bei der Juden vor vielen Zuschauern (auch Frauen und deutschen Soldaten) erschlagen wurden.
Dazu einige Zeilen aus einem Feldpostbrief des Soldaten Heinrich Sandt an seine Frau:
"Während ich meine Schritte diesem Platz zu lenkte, hörte ich schon von weitem ein Geschrei und Gestöhne, ein Lachen und Johlen, ein Fluchen und Kreischen. Da sah ich, wie Eisenstangen, Gewehrkolben, lange Holzknüppel u. andere Gegenstände mit Macht nach unten sausten, so als man mit Wut und Ingrimm auf irgend etwas nieder schlug. Und richtig. Die Juden waren hier zusammen getrieben und wurden einfach niedergeschlagen. Es war ein Bild, das in seiner Schauderhaftigkeit und Grausamkeit nicht übertroffen werden konnte.

Originalbild des Briefes vom Soldaten Sandt (jetzt YadVashem)
Daher will ich Dir keine Einzelheiten hierüber schreiben. Des Abends feierte die ... [AK: unleserlich] Volksseele ein Volksfest auf den Leichen der erschlagenen Juden. Ein Akkordeon spielte und johlend und schreiend tanzte der Mob auf den Leichen umher. Die Frauen waren die Schlimmsten. Sogar hochschwangere Frauen ergötzten sich leidenschaftlich an diesem Totentanz. Jetzt hat die Feldgendarmerie eingegriffen. Die Juden wurden hinfort humaner behandelt, d.h. sie wurden nach wie vor in Waffen zu Hunderten zusammengetrieben und dann erschossen; vorher aber müssen sie ihr Grab geschaufelt haben. So grausam kann eben nur der Slawe [sic!] sein."
Vielleicht war das Lietukis Massaker von den Deutschen angezettelt. Genau weiß man das nicht. Es kam ihnen aber entgegen und sie haben es nicht verhindert.
Die litauischen Partisanen, die sich von den Deutschen eine Befreiung vom sowjetischen Joch und einen eigenen Staat erhofft hatten, wurden entwaffnet und als Hilfskräfte in der Partisanenbekämpfung eingesetzt. Da ja jeder Jude ein Bolschewist war, galt es alle Juden auszuschalten. Man begann (die Wannseekonferenz lag noch in weiter Ferne!) zuerst die jüdischen Männer zu ermorden, bald folgten Frauen und Kinder.
Somit begann der Holocaust...auf litauischem Boden.
Götz Aly beschreibt eine der vielen überall in Litauen erfolgten Ermordungsaktionen beispielhaft mit einem Einsatz des "Rollkommando Joachim Hamann in Rokiskis wie folgt:
"Den Kern des Rollkommandos bildeten neben einigen fallweise hinzugezogenen Deutschen litauische Hilfspolizisten, die zuvor zum Teil antisowjetischen Partisaneneinheiten angehört hatten. Über die unter deutschem Kommando ausgeführte Massenerschießung heißt es im abschließenden Bericht: "In Rokiskis waren 3208 Menschen 4,5 Kilometer zu transportieren, bevor sie liquidiert werden konnten. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, mussten von 80 zur Verfügung stehenden litauischen Partisanen (Hilfspolizisten) über 60 zum Transport beziehungsweise zur Absperrung eingeteilt werden. Der verbleibende Rest, der immer wieder abgelöst wurde, hatte zusammen mit meinen Männern die Arbeit zu verrichten." Mit Arbeit war die Erschießung der Juden gemeint.
Hamanns Kommando verübte an 45 Tagen 62 Erschießungsaktionen und ermordete dabei 52.922 Menschen, fast alles Juden.
Insgesamt beteiligten sich laut dem Historiker Alfredas Ruksenas 6.000 Litauer direkt an den Judenerschießungen.
Vom staatlichen litauischen Vilnius Gaon Museum (dem jüdischen Museum von Vilnius, siehe Litauen Geschichte) gibt es eine interaktive Karte von allen Massakerorten in Litauen. Beispielhaft sei hier die Erschießung der Juden von Birzai genannt:
“On August 8, 1941, the Jews of Biržai were killed en masse. On the eve of the massacre, prisoners from Biržai prison and Jews dug 2 large pits in Astravas grove (3 kilometers from Biržai). On the day of the massacre a former lawyer from Pasvalys, then a representative of the Gestapo of Šiauliai, Petras Požėla arrived in Biržai with a number of German security police and SD officers. The Jews were told to gather in the synagogue. All precious jewelry was taken from them. Then white armbanders took people in groups of 100–200 to the Astravas grove where they were shot. The massacre lasted from 11 A.M. to 7 P.M. On that day all Biržai Jews were shot. According to data from a Soviet Special Commission, in all about 2.400 Jews were killed (900 children under 14, 780 women and 720 men). The massacre was carried out by Gestapo officers, Linkuva white armbanders (about 30 people) and Biržai white armbanders and policemen (about 50 people).”
Oder bei Christoph Dieckmann S. 813:
"Am 8. August 1941 ermordeten unter der Leitung des Rechtsanwalts und späteren Gebietsrats Pozela litauische Polizisten aus Siauliai, 30 Aufständische aus Linkuva, 50 Polizisten und Aufständische aus Birzai 900 jüdische Kinder, 780 Jüdinnen und 720 Juden im Wald Astravas, 3,5 km nördlich des Städtchens. Die 2.500 Opfer waren am 26. Juli 1941 in ein Ghetto in der Stadt gesperrt worden.
Das Kriegsende erlebten nur drei Juden aus dem Amtsbezirk Pasvalys.
Insgesamt starben im Kreis Birzai über 5.600 Juden, über 200 Litauer und 27 Russen."
Private Bereicherung nach den Erschiessungen war bei manchem Litauer verpönt. So wurde der oben genannte Rechtsanwalt Požela von Staatsanwalt Krygeris angezeigt, weil Požela 300.000 Rubel und zwei Koffer mit Gold und Silber nicht registriert hatte. (Dieckmann S. 864)
Interessant im englischen Text die Aussage, dass der Gestapo Repräsentant von Siauliai (ein Litauer) mit ein paar Deutschen in Birzai ankommt. Dreissig Weissarmbändler (die Aufständigen gegen die Sowjets am Tag des deutschen Einmarsches in Litauen trugen weiße Armbinden als Erkennungszeichen) aus Linkuva und Weißarmbändler aus Birzai halfen den Deutschen.
Laut Auskunft eines der Projektteilnehmer des Holocaustkartenprojektes waren höchstens zehn Deutsche dabei. Gewöhnlich waren es nur drei. Also drei bis zehn Deutsche und achtzig Litauer. Wer waren die litauischen Teilnehmer an diesen Erschiessungen? Was machten sie, als die Deutschen Litauen verlassen mussten? Dazu Dieckmann:
Was "... in den Kreisen Birzai mit den sehr frühen Morden und Zarasai, wo es augenscheinlich keine Ghettoisierung gab, geschah, erscheint nur noch in Ansätzen rekonstruierbar. Ebenfalls reichen die wenigen verfügbaren Quellen und Erinnerungen nicht aus um die Perspektive der verfolgten Juden mehr als nur anzudeuten. Es gab in dieser Region – wie fast überall in der litauischen Provinz – schlicht keine Zeit, um Tagebuch zu führen oder andere Dokumente zu hinterlassen. Ganz ohne Zweifel war die Situation der Juden hier ausweglos, und nur wenige konnten fliehen. Noch weniger konnten in diesem Umfeld überleben."
[Noch einmal in aller Deutlichkeit: es geht nicht um die Leugnung der deutschen Schuld. Der litauische Holocaust ist vollständig von den Deutschen zu verantworten. Ohne den Einmarsch der Wehrmacht würden die litauischen Juden noch leben. Es geht mir lediglich darum der litauischen Tendenz zu begegnen, jegliche Beteiligung zu leugnen und sich nur als Opfer zu sehen (der berühmte doppelte Genozid).]
Sela Museum Birzai
Die alte Ausstellung im Sela Heimatmuseum in Birzai. Hier waren noch bekannte Mörder an den litauischen Juden auf Bildern zu sehen. Geachtete Birzaier Bürger. Mittlerweile sind die Bilder zu meinem Leidwesen abgehängt.
Auf der rechten Seite im abgebildeten Ausstellungsraum hingen die Bilder der nach Sibirien deportierten Litauer. Auch heute werden die Juden noch manchmal für die von der Sowjetunion durchgeführten schrecklichen Deportationen nach Sibirien verantwortlich gemacht. (Dalia Grinkeviciute beschreibt den Schrecken sehr eindrucksvoll.)
877 Litauer tragen den Titel "Gerechter unter den Völkern" im Vergleich zu 569 Deutschen! Allerdings war es für die Retter manchmal besser, falls sie die deutsche Besatzung überlebten, ihren Nachbarn nichts darüber zu verraten, dass sie Juden geholfen hatten. Aly S. 334
Von den 240.000 litauischen Juden haben die deutsche Besatzung nur diejenigen überlebt, die entweder vorher von den Sowjets deportiert wurden (wie Grinkeviciute schreibt und die Historiker immer wieder betonen, sind auch überproportional viele Juden 1941 nach Sibirien deportiert worden) – oder die sich in Litauen versteckten bzw. als Partisanen kämpften. So überlebten etwa 20.000 Menschen.
Viele der Überlebenden haben nach dem Tod Stalins die Lockerung der Auswanderungspolitik genutzt und sind in die USA und Israel ausgereist.
Am Schluss zwei Gedanken:
-Wie würde Litauen heute aussehen, wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte? Hätten Juden (Marianna Butenschön beschreibt sie als städtisch-jüdisches Element) und Litauer es gemeinsam geschafft, Litauen zu einem entwickelten modernen Industriestaat zu machen?
-Was würden die Litauer heute darüber denken, wenn es in "ihrem" Land eine große "klar abgrenzbare, anders sprechende, sich anders verhaltende, andersgläubige Menschengruppe" [Aly S. 364) geben würde?
Interessante und heikle Fragen.
Mit dem Einmarsch der Deutschen hatte das Judentum in Litauen praktisch aufgehört zu existieren.
Juden heute
Heute gibt es wieder positive Ansätze die jüdische Gemeinschaft in Litauen zu beleben. Die große Choral Synagoge lädt zum Gottesdienst und zum Besuch ein. Es gibt viele Bestrebungen das gemeinsame schwere Erbe aufzuarbeiten. Private Organisationen wie DefendingHistory kämpfen gegen das Vergessen, der aus Oxford stammende Professer Dovid Katz bietet seit 1998 jiddisch Kurse an und 2001 wurde das Vilnius Yiddish Institute gegründet.
Und es gibt sogar eine Ryanair Verbindung zwischen Vilnius und Tel Aviv.
Wird fortgesetzt.
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Quellen:
Götz Aly: Europa gegen die Juden 1880-1945
Wikipedia "Juden in Russland" "Gaon von Wilna"
Christop Dieckmann: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944 Band 1-2
Saulius Suziedelis "Lithuanian Collaboration during the Second World War" in "Kollaboration in Nordosteuropa"
Raul Hilberg "Die Vernichtung der europäischen Juden 1-3"
Karen Sutton "The Massacre of the Jews of Lithuania"
Marianna Butenschön "Litauen"
Zitate aus dem Buch Musiskiai (Our People) von Ruta Vanagaite und Efraim Zuroff
Karäer in Trakai
Wenn man die Burg in Trakai besucht, berichtet jeder Reiseführer von der Gemeinschaft der Karäer die hier in Trakai ihr litauisches Zentrum haben und von deren Kultur die Häuser rund um die Trakaier Burg zeugen.
Die Karäer (die Tora Leser) sind eine alte jüdische Sekte aus der Gegend des heutigen Irak, die nur die Tora (also den ersten Teil des Alten Testaments) als heiliges Buch anerkennen und jede weitere religiöse Quelle wie Talmud oder rabbinische Tradition ablehnen.
Karäisch ist die einzige Turksprache der Welt, die mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird.
Im Jahre 1397 brachte Großfürst Vytautas die Karäer als Palastwache von der Krim mit nach Trakai. Litauen beherrschte damals große Teile Osteuropas bis zum Schwarzen Meer. Auf die Krim sind die Karäer wahrscheinlich aus dem Irak oder Konstantinopel gekommen und nahmen dort eine Turksprache an.

Kenesa, Synagoge der Karäer in Trakai. Eine zweite steht in Vilnius.
Im Jahre 2007 sollen noch 257 Karäer (darunter 16 Kinder) in Litauer gelebt haben. Angesichts der Bevölkerungsflucht wird diese Zahl wahrscheinlich heute schon viel kleiner sein. Alleine in Trakai, des karäischen kulturellen Zentrums Osteuropas sollen 60 Karäer wohnen. Auch aus den anderen großen Karäischen Gemeinden wie Ägypten, Russland, Irak und Syrien sind fast alle Mitglieder in die USA oder Israel (wo sie als nichtreligiöse Juden angesehen werden) ausgewandert.
Die Nationalsozialisten befassten sich zum ersten Mal mit den Karäern, als sie die Durchführungsverordnungen der Nürnberger Gesetze veröffentlichten.
Anfang 1939 entschied die Reichsstelle für Sippenforschung in Berlin, dass die Karäer nicht als Teil der jüdischen Religionsgemeinschaft zu betrachten seien, sondern vielmehr jedes Mitglied einzeln nach seinem Stammbaum betrachtet werden sollte.
Im Frankreichfeldzug waren die Deutschen mit den Karäern konfrontiert, akzeptierten aber deren Behauptung, keine Juden zu sein. Im Russlandfeldzug stießen die Einsatztruppen auf die Karäer auf der Krim und in Litauen. Sie baten um Stellungsnahme aus Berlin. Doch schon bevor diese vorlag, hatten die Einsatztruppen an vielen Orten im Osten Karäer ermordet. Himmler entschied, dass die Karäer als sowjetfeindliches Turkvolk nicht ermordet werden sollten, weil sie türkisch-mongolischer und nicht genuin jüdischer Herkunft seien.
Im Sommer 1942 schickten deutsche Stellen Anfragen an jüdische Gelehrte in den Ghettos von Warschau, Vilnius und Lemberg, ob die Karäer Juden seien. Wider eigener Überzeugung, also um den Karäern das Schicksal der europäischen Juden zu ersparen, erklärten die Gelehrten sie für nicht jüdisch.
Im Mai 1943 kam das Ministerium für die besetzten Ostgebiete zu der Überzeugung, dass die Karäer türkisch-tatarisch-mongolischer Herkunft und somit keine Juden waren. Rassenkundliche Untersuchungen an Karäern untermauerten diese Einschätzung.
Für die Karäer in Litauen waren diese Einschätzungen der nationalsozialistischen Rassenkundler großes Glück, denn nur so konnten sie den Rassenwahn der Jahre 1941 bis 1945 überleben.
Dies ist also der Grund warum wir bei einem Besuch in Trakai die schönen Karäer- (auch Karaimen) Häuser anschauen können und warum es auch nach dem Wüten der Sonderkommandos in den Kriegsjahren jüdische litauische Karäer gibt.
Wer denkt beim Anblick der schönen Wasserburg darüber nach?
Eine Beschreibung der litauischen Karäer gibt es von Alfred Döblin, der 1924 Polen, darunter das damalige Wilno, besuchte. Seine Erlebnisse beschrieb er in seinem Buch "Reise in Polen"- Hier ein Auszug zu den Karaiten:
"Es gibt eine Karäer-Gemeinde hier; in Troki [Trakai] soll eine große sein, dann in Halicz in Galizien und bei Lodz. Sie sagen nicht Karäer, sondern Karaiten. Ist eine Abspaltung des Judentums. Erst haben die Juden, landlos, staatlos, tempellos, in Palästina und Babylonien den Talmud ausgebildet; die Arbeit war im vierten Jahrhundert nach Christus beendet. Dann erfolgte, was ein Historiker beschreibt: «Das Talmudstudium sank zu einer trockenen Gedächtnissache herab und ermangelte der geistigen Befruchtungsfähigkeit.»
Der Sohn eines jüdischen Fürsten im ehemaligen Babylonien leitete eine talmudfeindliche Bewegung ein, drängte zurück auf die Bibel: ein Luther im Judentum. Er verschärfte Bestimmungen, die er glaubte aus der Bibel zu lesen, hob andere auf. Die alte und neue jüdische Gruppe verketzerten sich gegenseitig. Das Karäertum lebt noch heute, in heftigster Feindschaft zum talmudgebundenen Judentum. An der Peripherie Wilnos haben sie sich einen neuen Tempel gebaut; ich will ihn sehen.
Auf dem Wege erzählt mir ein Begleiter: Die Karaiten besaßen früher in Wilno große Macht. Der Haupttempel war in ihrer Hand. Einmal kam es zu einem schweren Konflikt. Ein großer polnischer König, Kasimir, wolllte den Juden Privilegien verleihen, und es entstand die Frage, wer die echten Juden seien und in wessen Hand er die Macht legen sollte, in karaitische oder «rabbanitische». Es handelte sich um alle Gewalten, Kultus, Schule, Selbstverwaltung.
Der König lud Vertreter der Gruppen vor sich. Ein Rabbanit und ein Karait erschienen vor Kasimir. Der Karait, wie er in den Saal trat, zog die schmutzigen Schuhe aus. Auch der Rabbanit neben ihm zog sie aus. Dann nahm er sie aber unter den Arm und stellte sich vor den König auf am Thron. Der große Kasimir wunderte sich: «Was tust du da, Rabbi? Du trägst deine Schuhe unter dem Arme Warum läßt du sie nicht draußen stehen wie die anderen?»
Der Rabbanit: «Ich weiß, wir klagen nicht um Schuhe, Herr König. Aber ich habe nicht gewagt, sie draußen zu lassen. Ich hab’s nicht gewagt. Ich möchte dir antworten aus unserer Heiligen Schrift. Da steht: Als Moses die Schafe Jathros, seines Schwähers, des Priesters in Midia, weidete, kam er an den Berg Gottes des Allmächtigen, Horeb. Der Engel des Herrn erschien in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und Moses ging näher heran. Aber Gott rief ihm zu: Mose, Mose, der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land. Zieh dir die Schuhe aus von den Füßen. Moses, unser Führer, sein Andenken sei gesegnet, hat getan, wie der Herr befahl. Ich erzähle dir aus der Heiligen Schrift. Als er aber aus dem Dornbusch zurückkam, Herr König, und seine Schuhe suchte, fand er sie nicht. Es war einer hinter ihm gewesen, ein Karait - und hatte sie gestohlen.»
Der Karait, wie gestochen, fuhr auf den Rabbi los: «Was sagst du? Was wagst du dem großen König Kasimir zu erzählen. Was unterstehst du dich, mit Lügen vor den großen König zu treten. Lügen, ja Lügen, Herr König! Ein Karait soll Mose die Schuhe gestohlen haben! Ein Karait! Schlägst dich ja selbst, Rabbi. Mose stand allein am Dornbusch! Ganz allein. Gab es denn Karaiten, als Mose am Horeb stand?»
Der Rebbe lachte, verneigte sich vor dem König, verneigte sich vor dem Karaiten, drückte seine Schuhe zärtlich an sich: «Hör ihn an, Herr König. Hör, was er selbst sagt, nicht ich, und urteile. Er sagt: Es gab keine Karaiten, als Mose, unser Führer, sein Andenken bei Gott, am Horeb stand. Er sagt es selbst. Es waren nur die Leute Jathros, des Priesters in Midia, bei ihm. Er kennt unsere Schrift gut. Und da tritt er auf, er, der Karait, und will gegen mich sprechen. Er will die Rechte von dir empfangen. Weil er vornehmer, echter ist. Wer ist vornehmer? Ist ein Kind vornehmer als der Vater? Wo ist ein Kind vornehmer, echter als sein Vater. Ein Kind, sage ich; sage ich ein Kind? Wer weiß, wer kann feststellen, was für ein Kind es ist, ein echtes oder bewahre mich ein unechtes, ein untergeschobenes, von dem der Vater nichts wissen will.» Der große Kasimir hob die Hände. Er lachte mit dem Rabbi und den Hofleuten. Der Karait fauchte. Aber der Rebbe hat die Judenrechte empfangen.
Weit durch die Mickiewiczastraße fährt man zu ihrem Tempel, an einem weiten Marktplatz, einem neuen Gerichtsgebäude vor bei. Dann kommt der Fluß. Dünner Fadenregen trübt seinen Spiegel. Jenseits der Brücke im welligen und waldigen Gelände steht frei eine große weit ausladende Kirche von fremdländischem Typus, eine russische mit Goldkuppeln.
Und nicht fern ganz im Grünen der kleine Tempel der Karaiten. Byzantinische Kuppeln, ein völlig neues Gebäude. Zur Seite trete ich ein, bin in einem sehr hellen nüchternen Kirchenraum: wirklich, protestantische, puristische Kühle und Nüchternheit. Eine Reihe von Tischbänken rechts und links. Daran stehen etwa 50-60 Menschen, Männer und Frauen durcheinander, die Gesichter nach vom. Die Männer haben die Hüte auf, eine Anzahl trägt über den Schultern einen weißen schmalen und kurzen Gebetsschal, den Rest des Gebetsmantels. Sie blicken nach vom, wo oben in der Wand goldene hebräische Lettern die zehn Gebote vortragen. Eine Altarerhebung ist da; ein blaugedeckter einfacher Tisch steht in der Mitte vom, über den man einen rotgestickten Läufer gelegt hat. Ein sehr dickes rotgebundenes Buch liegt auf dem Tisch; es wird die Bibel sein. Ganz im Hintergrund schließt die Wand ein goldgewirkter Vorhang ab. Und vom singt einer, liturgiert. Ein großgewachsener Mann; ich sehe ihn von hinten. Er steht unterhalb des Altars in einem schwarzblauen Talar, darüber ein weißes Hemd nach Art der katholischen Chorhemden. Jetzt dreht er sich um; rechts auf der Vorderbank lösen ihn im Gesang zwei gewöhnlich gekleidete Männer ab. Die Gemeinde fällt manchmal ein mit einem singenden Amen. Keine Orgel, kein Chor. Die Bücher, in denen die Männer und Frauen lesen, haben hebräische Quadratschrift; in den Fächern der meisten Bänke liegen noch andere Bücher. Ganz ruhig stehen alle, niemand bewegt den Oberkörper, einige halten die Hände zusammengelegt vor der Brust. Nun tritt ein Mann aus seiner Bank hervor, fällt vor dem Altartisch auf die Knie, beugt sich ganz auf den Boden, steht auf und hebt das dicke rotgebundene Buch vom Tisch auf. Er trägt es unter dem Gesang der Gemeinde tiefer in den Hintergrund, schiebt es in einen Schrank. Dann ist der Gottesdienst zu Ende. Langsam packen sie ihre Bücher zusammen, stecken die Gebetsschärpen in kleine Sack- und Ledertaschen. Wie sie jetzt an mir vorüber durch den Gang wandern, kann ich sie betrachten. Viele haben Mützen auf, sehen wie Handwerker, Arbeiter, Kleinhändler aus. Sie sprechen untereinander russisch, manche polnisch. Niemals höre ich Jiddisch. Sie sind der Herkunft nach verschieden. ; die anderen sind Russen oder Polen, haben slawische Backenknochen, breite kurze Nasen, allerhand Mongoloides. Langsam wandert, wie sich der Tempel leert, der Prediger oder Vorsänger zwischen ihnen im Mittelgang. Eine flache runde Mütze hat er auf, dunkel wie sein Mantel, aber mit einem umlaufenden weißen Streifen. Weißbärtig ist er; ein typisch slawisches Gesicht.
Beim Herauswandern entsteht eine heftige Debatte. Auf dem Hof hinter dem Tempel steht eine geräumige Laubhütte, aus Brettern und auf gewöhnliche Art grün gedeckt. Eine Anzahl der Fremden will mit den Karaiten über den Hof in die Laubhütte gehen. Das lassen die aber nicht zu. Ein Karait, ein einfacher Mann, fährt einen auf russisch an, er habe hier überhaupt nichts zu suchen; man legt sich nicht in ein fremdes Bett. Andere Karaiten, besonders eine Frau, mischen sich ein. Die Fremden müssen sich zurückziehen. Von der Tür sehe ich noch, wie die ganze Gemeinde sich über den grünen Hof bewegt und langsam mit dem Priester in der großen gemeinsamen Laubhütte verschwindet.
Meine Begleiter sind erregt, verblüfft über den Haß, der ihnen da entgegenströmte. Im Weggehen erzählen sie, die Karaiten hier sprechen fast nur russisch, aber unter sich reden sie ein «Tötörisch», tatarisch. Wie sie zu der Sprache kommen, wissen sie nicht."
Quellen: Gabriele Anderl "...wesentlich mehr Fälle als angenommen"
"Verbrechen der Wehrmacht" Christoph Dieckmann u.a.
Der Einsatz <geeigneter Landeseinwohner> am Beispiel Litauens
Das Wilna-Problem in der polnischen Außenpolitik
"Unerschütterlicher Grundsatz war, daß keine litauische Regierung, die auf Wilna verzichtete, länger als einen Tag an der Macht bleiben würde. "
Für die meisten Menschen, hier sind die Litauer (selbst die Bürger von Vilnius) nicht ausgenommen, ist der umstrittene Status von Vilnius (oder Wilna) unbekannt. Doch wurde um Vilnius noch vor 90 Jahren gekämpft. Beharrten Polen und Litauer darauf, dass Vilnius zu ihrem Staatsgebiet gehört. Für die heute lebenden Litauer ist Vilnius als litauische Hauptstadt genauso selbstverständlich wie Klaipeda schon immer zu Litauen gehörte.
Die Geschichte ist im Falle Vilnius aber verzwickt. Hatten sich die Staaten Litauen und Polen doch seit 1386 durch eine Personalunion so eng aneinander gebunden, dass die stärkere polnische Kultur das kleinere Litauen überflutete. Die litauische Hauptstadt Vilnius wurde eine internationale Stadt (wie Tomas Venclova treffend beschreibt, und dadurch von litauischen Nationalisten angefeindet wird). So kam es, dass 1916 in Vilnius nur noch 2,1 % Litauer wohnten. Aber 54 % Polen und 41 % Juden. Vilnius war eine multikulturelle Stadt, es wurde Jerusalem des Ostens genannt. Dieser Charme ist auch heute noch zu spüren, wenn man durch die Altstadt spaziert.
Viele berühmte Polen stammen aus dem Vilniuser Gebiet. Auch der ehemalige polnische Präsident Josef Pilsudski ist in Vilnius geboren, sein Herz in Vilnius begraben. Pilsudski war die treibende Kraft nach den Wirren des I. Weltkrieges Vilnius wieder in das polnische Staatsgebiet zu integrieren. Russland, Litauen und Polen waren an der Stadt interessiert. Ein tiefes Verständnis für die Geschichte von Vilnius (aber auch Litauens und Polens) vermittelt dieser interessante Artikel von Piotr Lossowski. (So war der zwielichte Kazys Skirpa während der schwierigen Nachkriegsjahre Gesandter in Warschau).
Professor Lossowski, geb. 1925, ist ein polnischer Historiker, Mitarbeiter der Polnischen Lehrakademie und der privaten Hochschule Collegium Civitas in Warschau. Lossowski spricht litauisch und hat sich auf die litauisch-polnische Zwischenkriegszeit, die polnische Außenpolitik der II. Polnischen Republik und die Baltische Geschichte spezialisiert.
Wir veröffentlichen diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung von Prof. Lossowski. Hervorhebungen durch Andreas Kuck.
Das Wilna-Problem in der polnischen Außenpolitik
1918-1939
von Piotr Lossowski
Die Bedeutung des Wilna-Problems in der Außenpolitik der zweiten polnischen Republik trat deutlich vor dem Hintergrund des polnisch-litauischen Konflikts hervor. In dieser Frage hatte die polnische Diplomatie Ganzheit und Integrität des Staates gegen Territorialansprüche eines Nachbarn zu verteidigen. Da die Standpunkte beider Seiten, Polens und Litauens, sich wechselseitig ausschlossen, zog sich die Auseinandersetzung über Jahre hin und nahm an Schärfe zu. Sie bildete einen gefährlichen Brandherd im östlichen Mitteleuropa, weckte die Aufmerksamkeit der Politiker, Diplomaten und Publizisten und zog später das Interesse der Forscher auf sich. Gewiß erschöpfte sich die Gesamtheit jener Schwierigkeiten, die mit dem polnisch-litauischen Konflikt zusammenhingen, nicht in der Wilna-Frage. Sie war aber unlösbar in den Zusammenhang eingebunden und stellte eines seiner Hauptprobleme dar.
Die polnische Haltung gegenüber Litauen wurde bereits in einer Äußerung Jozef Pilsudskis vom 18. Dezember 1918 deutlich. An eine Delegation von Litauern gewendet, sagte er, dass er nichts dagegen habe, wenn ein unabhängiger litauischer Staat entstehe. Er forderte allerdings, daß die Litauer ihre Ansprüche auf das ethnographische Litauen beschränkten, weil zum historischen Litauen unzweifelhaft polnische Gebiete gehörten. Mit anderen Worten: Er gab zu verstehen, dass nur ein föderativ mit Polen verbundenes Litauen auf den Besitz Wilnas zählen könne. Andernfalls werde es sich auf rein ethnographische Territorien beschränken müssen.
Pilsudskis Haltung war insoweit begründet, als sogar die in den Jahren 1916/17 von den Deutschen durchgeführte Volkszählung für die Stadt Wilna 54% Polen, 41% Juden und nur 2,1% Litauer nachwies. Das betraf auch die nächste Umgebung der Stadt. Der Volkszählung nach gab es im Wilnaer Kreis mit 63.000 Einwohnern 56.000 Polen und 2.700 Litauer.
Die unterschiedliche Haltung Polens und Litauens zeigte sich in vollem Umfang schon bei der Pariser Friedenskonferenz. Am 28. Februar 1919 überreichte der polnische Vertreter Roman Dmowski dem Forum eine Note, die die Eingliederung des gesamten litauischen Staates in den polnischen Staat forderte. In einem Schreiben an die Friedenskonferenz vom 3. März erklärte Dmowski: „Das Gebiet mit litauischer Sprache sollte als ein gesondertes Land in die Grenzen des polnischen Staates eingegliedert werden.“
So weit ging Pilsudskį nicht. Konsequent hielt er sich an seine im Dezember 1918 festgelegte Haltung. Vor dem Beginn der Offensive gegen Wilna, im April 1919, schickte er eine Delegation nach Kaunas, die der litauischen Regierung die Erneuerung der Union und eine Wiederherstellung des ehemaligen Großfürstentums Litauen offiziell anbot. Der Vorschlag wurde abgelehnt. Trotzdem ließ Pilsudskį nach der Befreiung Wilnas aus der Hand der Bolschewiki einen Aufruf „An die Bevölkerung des ehemaligen Großfürstentums Litauen“ verbreiten, in dem er zusagte, dass die Bewohner über ihre Zukunft selbst entscheiden sollten. Ihre in demokratischen Wahlen berufenen Vertreter würden über die Lösung innerer, nationaler und religiöser Angelegenheiten entscheiden. Nach der Eroberung Wilnas stoppte er den Vormarsch des polnischen Heeres nach Westen, so dass das ethnographische Litauen nicht besetzt wurde. Zwischen dem polnischen und litauischen Heer wurde eine Demarkationslinie festgelegt.
Als Roman Dmowski, der Führer der polnischen Nationaldemokraten, von der Einnahme ganz Litauens sprach, bestanden auch von Seiten Litauens sehr weit reichende territoriale Ansprüche. Am 24. März 1919 trat in Paris Augustinas Voldemaras mit einer Note an den Vorsitzenden der Friedenskonferenz heran, die Ansprüche auf die Rückforderung verschiedener Gebiete enthielt. Die Note umfasste folgende Gouvernements: Wilna, Kowno, Grodno und Suwalki sowie einen Teil Kurlands und Ostpreußens. Insgesamt forderte Litauen ein Gebiet von etwa 125.000 km2, mit einer Bevölkerungszahl von 6 Millionen. Auf diesem Territorium waren kaum ein Drittel der Bewohner Litauer.
Aufgrund der großen Unstimmigkeiten ist es nicht verwunderlich, dass die mehrmals aufgenommenen Verhandlungen erfolglos blieben. Am Ende beschränkte sich die litauische Haltung auf die entschlossene Forderung, Wilna einzugliedern, bei der gleichzeitigen Weigerung, wieder Beziehungen zu Polen aufzunehmen. Abgesehen von der extremen Haltung Dmowskis reduzierte sich die Position der polnischen Regierung auf eine Anerkennung des eingetretenen Status quo durch die Litauer. Die Abtretung Wilnas wurde von dem Einverständnis für eine Föderation abhängig gemacht. Die polnische Seite war insoweit in einer besseren Situation, als die Stadt selbst in ihrer Hand war.
Aber schon im nächsten Jahr änderte sich die Situation vollständig. Infolge der Offensive der sowjetischen Armee im Juli 1920 wurden die polnischen Truppen zum Rückzug gezwungen. Litauen schloss jetzt einen Friedensvertrag mit Russland, in dem vereinbart wurde, daß die sowjetische Seite Litauen nicht nur Wilna abgab, sondern auch Braclaw, Lida und Grodno, also Gebiete, in denen fast keine litauische Bevölkerung lebte. Der scheinbaren Großzügigkeit der sowjetischen Regierung lagen zwei Motive zugrunde: Russland wollte Litauen auf seiner Seite in den Krieg einbeziehen und war überzeugt, im Falle eines Sieges Litauen sowieso in die Hand zu bekommen. Letztlich verletzte Litauen seine neutrale Haltung im laufenden Krieg, was sich am deutlichsten im aktiven Eingreifen litauischer Truppen gegen die sich aus der Wilnaer Region zurückziehende polnische Armee zeigte. Die sowjetischen Machthaber gaben den Litauern Wilna jedoch nicht sofort zurück. Die Übergabe der Stadt erfolgte erst am 26. August 1920 — zu einer Zeit, als die geschlagene sowjetische Armee sich schon von Warschau zurückzog.
Die polnische Regierung erkannte den litauisch-sowjetischen Vertrag nicht an, musste sich jedoch im belgischen Spa, da sie von den Westmächten Hilfe im Krieg gegen die Bolschewisten suchte, den Alliierten gegenüber zur Bereitschaft verpflichten, „die Entscheidung des Höchsten Rates über die litauischen Grenzen zu akzeptieren“. Diese Verpflichtung wirkte sich auf das weitere Verhalten der Regierung in der Wilna-Frage aus. Als nach der gewonnenen Schlacht an der Memel die polnische Armee das Operationsfeld der litauisch-weißrussischen Gebiete betrat, stellte sich für Marschall Pilsudskį die Frage nach dem Wie der Rückgewinnung Wilnas — nur nach dem Wie, denn der Sachverhalt an sich ließ keinen Zweifel. Jozef Pilsudskį war von der Notwendigkeit einer Rückeroberung Wilnas überzeugt, da die Stadt seinerzeit durch die Kriegsgeschehnisse unter Zwang verlassen werden musste und darüber hinaus Litauen die Zusage seiner Neutralität im polnisch-sowjetischen Krieg nicht eingehalten hatte.
Eine Schwierigkeit bildeten jedoch die in Spa eingegangenen Verpflichtungen. In dieser Situation beschloss Pilsudskį, sich einer Täuschung zu bedienen und gegenüber den Westmächten eine angebliche Meuterei jener Teile der polnischen Armee, deren Soldaten aus litauischen Gebieten stammten, vorzuschieben. Eine solche Aktion wurde unter der Leitung des Generals Lucjan Zeligowski vorbereitet und führte am 9. Oktober 1920 zur Besetzung Wilnas. Auf dem besetzten Territorium gründete General Zeligowski einen Quasi-Staat mit dem Namen Mittellitauen. Politisch versuchte sich Polen der Verantwortung für die Wilna-Aktion Zeligowskis zu entziehen, gab aber gleichzeitig zu verstehen, dass der General durch die polnische Regierung gedeckt sei. Mit dem darin liegenden Widerspruch kam man kaum zurecht.
In Pilsudskis Konzept war Mittellitauen als Trumpfkarte für die Verhandlungen mit Litauen gedacht. In Polen hoffte man, die Litauer würden für das Angebot, Wilna zurückzugeben, der Föderation bzw. einer anderen Verständigungs- oder Kompromissform zustimmen. Man begegnete aber, ähnlich wie früher, einer unnachgiebigen Haltung. Es kam lediglich am 29. November zu einem Waffenstillstand. Die späteren Gespräche, die zuerst nur zwischen den beiden Staaten, dann unter Vermittlung des Völkerbundes geführt wurden, endeten ebenfalls erfolglos. Unter diesen Umständen reifte auf polnischer Seite der Entschluss, die Frage der Zukunft Wilnas einseitig und ohne Rücksicht auf Litauen zu lösen. Es wurde beschlossen, Wahlen zum Wilnaer Sejm, der über die Zukunft der Region entscheiden sollte, in Mittellitauen durchzuführen. Die polnische Seite bemühte sich, die Wahlen möglichst frei und ohne Druck abzuhalten. General Zeligowski verließ aus diesem Grund mit seinem Heer das der Abstimmung unterliegende Gebiet. Mit der Durchführung der Wahlen beauftragte Polen eine Gruppe bewährter Personen mit dem Generalkommissar Zygmunt Zabierzowski an der Spitze. Alle Nationalitätengruppen bekamen die Möglichkeit, ihre Kandidaten vorzuschlagen. Manche litauischen Funktionäre jedoch riefen zu einem Wahlboykott auf. Sie bemühten sich, auch andere nationale Minderheiten zur Verweigerung der Stimmabgabe zu veranlassen. Da die Teilnahme an den Wahlen freiwillig war, befolgte ein Teil der Minderheiten den litauischen Aufruf.
Die litauischsprachige Bevölkerung nahm nur in geringem Umfang an den Wahlen teil (8,2% aller Wahlberechtigten). Nicht groß war ebenfalls die Beteiligung der Juden (15,3%). Dagegen gingen 41% der Weißrussen sowie 66% der Karaimer und Tataren zu den Urnen. Die Wahlbeteiligung der polnischen Bevölkerung, die die Mehrheit bildete, war desgleichen sehr stark. Im Endergebnis zeigte sich, daß 64,4% aller Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht hatten. Die Wahlbeteiligung war damit insgesamt sehr groß. Der neu gebildete Wilnaer Sejm sprach sich am 20. Februar 1922 für die Eingliederung Wilnas und des umliegenden Gebietes nach Polen aus. Dieser Entscheidung stimmte der polnische gesetzgebende Sejm in Warschau am 24. März des Jahres zu. Die litauische Regierung dagegen verlieh ihrem Protest energisch Ausdruck, indem sie die Wahlen und die Entscheidungen des Wilnaer Sejm nicht anerkannte.
Daher bemühte sich die polnische Seite in der Wilna-Frage um internationale Sanktionen, um den Status quo sowie die geschaffenen und vollendeten Tatsachen beibehalten zu können. Litauen gegenüber bemühte man sich um Verständigung und Herstellung regulärer diplomatischer Beziehungen, jedoch unter der Bedingung, dass es den derzeitigen Zustand anerkennen sollte. In einem Schreiben an den Ratsvorsitzenden des Völkerbundes, Paul Hymans, stellte der polnische Außenminister Konstanty Skirmunt am 23. Januar 1922 fest: „Conformemant aux désires du Conseil le Gouvernement Polonais ne manquera pas de renouveler au Gouvernement Lithuanien la proposition d’établir immédiatement entre les deux Gouvernements des relations diplomatiques et consulaires, qui ne peuvent que contribué désormais de la façon la plus effective à consolider les rapports pacifiques de bon voisinage si justement recommandés aux deux Gouvernements par le Conseil.“
Ähnliche politische Schritte wurden auch direkt an Litauen gerichtet. Dabei hielt man sich an folgende Regel: „Unsererseits nehmen wir, zumindest vorläufig, die Frage Wilnas aus dem Bereich der polnisch-litauischen Beziehungen heraus und streben nach einer Verständigung mit Litauen auf der Grundlage der gemeinsamen Interessen zweier benachbarter Staaten. Zur Zeit bestehen keine Chancen für eine solche Verständigung. Da wir jedoch immer energischer unsere Bereitschaft dazu hervorheben, schaffen wir eine für uns bequemere Situation, um in der Frage Wilnas zu gewinnen.“
In der oben dargestellten Haltung zeigten sich im Vergleich zu der vorherigen Zeit neue Faktoren. Die Hoffnung auf Gründung einer Föderation mit Litauen wurde immer weiter hinausgeschoben, in den Vordergrund trat jetzt die Frage nach einer Regelung der gegenseitigen staatlichen Beziehungen, dies aber auf der Grundlage des nun geschaffenen Status quo. Sehr deutlich wurde das in einem 1922 vom polnischen Außenministerium verfassten Memorandum unter dem Titel „Das Programm der polnischen Politik gegenüber dem gegenwärtigen litauischen Staat". In der Ausarbeitung mit Weisungscharakter war unter anderem zu lesen: „Man soll jede Anstrengung unternehmen, um zu Litauen diplomatische Beziehungen herzustellen. Die ,de jure' Anerkennung Litauens ist der Preis, der gezahlt werden muß, um konsularische Beziehungen herstellen zu können.“ Weiter wurde festgestellt: „Es könnten zur Zeit folgende reale Vorschläge an die litauische Hauptstadt Kaunas gerichtet werden:
- De jure Anerkennung Litauens als Gegenleistung zur Herstellung der diplomatischen Beziehungen (mindestens Konsulate),
- gegenseitige Förderung des privaten Handels zwischen Polen und Litauen.“
Zum Konflikt um Wilna heißt es eindeutig: „Das Thema Wilna ist nicht nur aus den Verhandlungen mit Litauen herauszuhalten, sondern es soll auch weder daran erinnert noch durch Repressalien gegen Litauer in diesem Gebiet Salz in die Wunden gestreut werden.“ Dieser Haltung lag das Bestreben nach einer möglichst schnellen rechtmäßigen Anerkennung des politischen Status quo zugrunde. Das anzustrebende Ziel fasste Stanislaw Baczynski 1938 in internen Ausarbeitungen des Außenministeriums folgendermaßen zusammen: „Litauen hatte im politischen Spiel dem Völkerbund gegenüber alles zu gewinnen, Polen konnte nur verlieren, da es das ganze zurück gewonnene Land unter seiner Macht beließ. Der einzige Gewinn und damit das Ziel der polnischen Politik war unter diesen Bedingungen eine Veränderung der Lage aus einer Situation du fait in eine du droit.“ Diesem Punkt waren die gesamten Bemühungen der polnischen Seite untergeordnet.“
Wegen des entschlossenen Widerstandes der litauischen Seite war die Aufgabe nicht leicht zu bewältigen. Dennoch wurde an beruhigenden Erklärungen Litauen gegenüber nicht gespart. Minister Skirmunt erklärte am 22. Mai 1922 in der Sitzung des Sejm: „Als Antwort auf unbegründete Drohungen des Delegierten Litauens sage ich, dass Polen — gemäß der vor dem Rat des Völkerbundes eingenommenen Verpflichtung — Litauen nicht überfallen wird. Wir sind immer bereit, mit der litauischen Regierung direkte Verhandlungen aufzunehmen, um die Beziehungen im Sinne einer guten Nachbarschaft zu regeln.“
Der Nachfolger Skirmunts, Gabriel Narutowicz, nahm eine ähnliche Haltung ein. Er legte vor allen Dingen Wert darauf, daß die polnische Regierung angesichts der Entscheidung des Wilnaer Sejm der Meinung sei, die Frage der Zugehörigkeit Wilnas zu Polen bereits endgültig geklärt zu haben. „Die Frage Wilnas“, sagte er in einem Presseinterview am 25. Juli 1922, „sollte nicht Gegenstand von Tagungen auf internationaler Ebene sein. Das Schicksal der Region Wilna ist durch den Volkswillen definitiv besiegelt.“
Die Haltung der litauischen Seite war ähnlich entschlossen und unversöhnlich. Polnische Vorschläge, Verbindung zueinander aufzunehmen, und das Lockmittel einer rechtsverbindlichen Anerkennung Litauens machten in Kaunas keinen Eindruck. Unerschütterlicher Grundsatz war, daß keine litauische Regierung, die auf Wilna verzichtete, länger als einen Tag an der Macht bleiben würde.
Die Politik der litauischen Machthaber stand im Gegensatz zum Verhalten der polnischen Seite. Je lauter in Warschau erklärt wurde, die Wilna- Frage sei kein internationales Problem, desto stärker bemühte man sich in Kaunas, bei jeder Gelegenheit öffentlich an das Thema zu erinnern und hervorzuheben, dass die Frage weiterhin offen und ungeklärt sei.
Wenn man tiefer in die Problematik eindringt, erweist es sich, daß für die litauischen Politiker die Situation eines andauernden Konflikts mit Polen sogar gewisse Vorteile bot. Dies wird in vielen Quellen bestätigt, unter anderem in den Worten von Aleksandras Merkelis, dem Sekretär des Präsidenten Smetona, der nach Jahren schrieb: „Aus der Tatsache, daß Litauen mit Polen keine Beziehungen unterhielt, hatte es mehr Nutzen als Schaden. Bevor eine Generation mit einem starken Nationalbewusstsein aufwuchs, wurde die polnische Überflutung gestoppt. Diplomatische Beziehungen hätten der Wirtschaft Litauens wenig genutzt. An das Fehlen bilateraler Beziehungen mit Polen hatte man sich schon so gewöhnt, daß es eigentlich selbstverständlich und natürlich zu sein schien und anders nicht vorstellbar war.“
Weil es unmöglich war, sich mit der litauischen Seite zu verständigen, blieb der polnischen Regierung nur übrig, unter Vermittlung dritter Staaten zu handeln. Das war nötig, um die Einwilligung und Sanktionierung der Westmächte für die Eingliederung Wilnas in polnisches Staatsgebiet zu erhalten. Dabei handelte es sich um eine wichtige außenpolitische Aufgabe, um die sich die polnischen Diplomaten besonders seit Ende 1922 bemühten. Zu Beginn des Jahres 1923 beschloss Warschau, die willkürliche litauische Besetzung von Memel auszunutzen, um die Zustimmung zur endgültigen Einvernahme Wilnas zu erreichen. Unmittelbar nach dem litauischen Überfall wurde vor der Konferenz der Botschafter ein Protest gegen die Verletzung der Rechte Polens auf Nutzung eines freien Hafens in Memel überreicht und die juristisch verbindliche Anerkennung der polnisch-litauischen Grenze gefordert.
In London gab man zu verstehen, daß Großbritannien bereit sei, für die Anerkennung der östlichen Grenzen des polnischen Staates zu sorgen. Eine große Rolle spielte ebenfalls die Initiative der italienischen Regierung, die am 30. Januar 1923 vorschlug, daß die Botschafter-Konferenz die Memel-Frage nach der der polnischen Ostgrenzen untersuchen und diese endgültig klären solle. Der polnischen Diplomatie gelang es unterdessen (3. Februar) jedoch, die Einwilligung des Völkerbundes zu erhalten, den zwischen Polen und Litauen noch bestehenden neutralen Streifen zu teilen. Ein solcher Schritt wäre gleichbedeutend mit einer Anerkennung der Grenzen zwischen beiden Ländern gewesen.
Die polnische Regierung beschloß, andere Länder weiterhin unter Druck zu setzen, um die Angelegenheit endgültig zu klären. Der Sejm betonte am 12. Februar 1923 in einem Beschluß, die Anerkennung der polnischen Ostgrenzen sei eine politische Notwendigkeit und zugleich Bedingung für den Frieden insgesamt. Die polnische Regierung ihrerseits wandte sich am 15. Februar an die Botschafterkonferenz und verlangte offiziell, den Artikel 87 des Versailler Vertrags anzuwenden, in dem stand: „Polnische Grenzen, die in diesem Vertrag nicht festgelegt wurden, werden später durch die verbündeten und vereinigten Hauptmächte festgelegt.“
Die polnischen Bemühungen endeten erfolgreich. Am 14. März 1923 fiel die Entscheidung der Botschafterkonferenz, und am 15. März erfolgte die Ratifizierung des Zusatzprotokolls zum Versailler Vertrag. Darin wurde die Grenze Polens zu Rußland und Litauen bestätigt. Das war ein großer Erfolg der polnischen Diplomatie; der polnisch-litauische Konflikt um Wilna verlor damit an internationalem Interesse. Zugleich entstand eine neue Situation im Bereich der polnisch-litauischen Beziehungen.
Die litauische Regierung war sich der Lage bewußt. Dennoch versuchte sie zu protestieren und die Diskussion über die Wilna-Frage auf die Ebene des Völkerbundes zu bringen. Das Sekretariat des Völkerbundes stellte in einer Erklärung vom 27. März aber eindeutig fest, daß der Entschluß der Botschafterkonferenz „dem System der am 8. Oktober 1920 begonnenen provisorischen Abgrenzungen ein Ende bereitet“. Von diesem Zeitpunkt ab seien Verhandlungen seitens des Völkerbundes nicht mehr erforderlich. Angesichts des weiteren Drucks erklärte am 21. April der Vertreter des Völkerbundes, Paul Hymans, dem litauischen Delegierten, daß der Bund seine Aufgabe, den Frieden zu bewahren, erfüllt habe. Seine Intervention habe einen Krieg zwischen Polen und Litauen verhindert. Jetzt werde die politische Grenze gemäß dem von der litauischen Regierung anerkannten Versailler Vertrag gezogen.
Während die litauische Diplomatie auch weiterhin nicht resignierte und gegen den Beschluss vom 15. März 1923 vorzugehen suchte, bereitete die Botschafterkonferenz weiteren Diskussionen ein Ende. In einer Note an die Regierung Litauens vom 3. Dezember 1923 hielt die Konferenz fest, dass die Frage der polnisch-litauischen Grenze „abgeschlossen“ sei, und gab ihrer Hoffnung Ausdruck, daß Litauen „im eigenen Interesse“ friedliche Beziehungen zu Polen herstelle.
Obwohl die litauische Regierung auf dem internationalen Parkett erfolglos geblieben war, setzte sie mit Entschlossenheit ihre Politik fort. Hartnäckig wiederholte sie, daß es nach der Besetzung Memels die nächste Aufgabe sei, die Wegnahme Wilnas rückgängig zu machen. Ähnliche Worte wurden vor allem im internen Gebrauch verwendet. Man betonte immer wieder, dass eine litauische Regierung, die eine „Verständigung mit Polen suche“, ohne Wilna zurückzufordern, die Macht nicht lange innehaben könne. Zur Betonung des unbeugsamen Willens, um Wilna zu kämpfen, und zur gleichzeitigen Mobilisierung der Gesellschaft wurde im April 1925 ein Verein zur Befreiung Wilnas gegründet. Der Verein wuchs schnell und zählte bereits Ende 1931 288 Ortsgruppen mit zusammen 15.000 Mitgliedern. Im Statut stand, dass „das Ziel des Vereins die Befreiung des besetzten Ostlitauens“ sei.
In Polen beobachtete man aufmerksam das Vorgehen Litauens. Man versuchte, die Argumente der litauischen Propaganda in Bezug auf Wilna zu entkräften und zu widerlegen. So wurde z.B. in einem in den europäischen Hauptstädten verbreiteten Memorandum im November 1924 formuliert: „Vilno ne constitue point un élément pouvant décider de l’existence de l’Etat lithuanien indépendant; bien au contraire, l’opinion lithuanienne atteste à l’unanimité que du moment, où Vilno aurait été réuni à la Lithuanie, la situation économique actuelle si désastreuse de l’Etat s’en trouverait aggravée (...)“
Immer wieder gab es seitens der litauischen Diplomatie Versuche, die Wilna-Frage in das Forum des Völkerbundes einzubringen. Als 1924 die litauische Delegation auf die Tagesordnung der 5. Sitzung der Vollversammlung des Völkerbundes die Wilna-Frage setzen wollte, versuchte die polnische Diplomatie alles, um dies nicht zuzulassen. Sie wurde dabei von der französischen und japanischen Delegation unterstützt.
Andererseits unternahm man viel, um Litauen zu einer Regelung der Beziehungen zu Polen zu bewegen, wobei man jede erdenkliche Gelegenheit nutzte. 1924 bot sich die Ratifikation der Memel-Konvention durch Litauen an. Einer der Punkte der Konvention enthielt die Verpflichtung Litauens, den freien Verkehr auf der Memel zu sichern. Die polnische Seite nahm diesen Passus als Ausgangspunkt, und es kam mit Unterstützung der westlichen Mächte im August 1925 in Den Haag zu offiziellen polnisch-litauischen Gesprächen.
Die Einstellungen und Ziele beider Seiten waren von Anfang an völlig gegensätzlich. Die polnische Delegation strebte eine vollständige Regelung der Beziehung an, die litauische Delegation dagegen bekam von ihrer Regierung die Anweisung, sich nur mit technischen Problemen des Transits und der Flußfahrt auf der Memel zu befassen. Im Endeffekt wurde nicht einmal eine konsularische Betreuung der Flößer vereinbart. Die Gespräche in Den Haag endeten erfolglos. Allein der Hartnäckigkeit der polnischen Delegation war es zu verdanken, daß nach einigen Wochen die Verhandlungen in Lugano wieder aufgenommen wurden. Da die litauische Delegation die Anweisung hatte, sich „in weiteren Verhandlungen nicht zu engagieren“, endeten auch die Gespräche in Lugano ohne Erfolg. Eine große Rolle spielte dabei der organisierte Druck der litauischen öffentlichen Meinung, der sogar eine Regierungskrise herbeiführte.
Weder in Den Haag noch in Lugano ließ die polnische Seite zu, daß die Wilna-Frage angesprochen wurde. Trotzdem existierte das Problem und tauchte bei jeder Gelegenheit auf. Beispielsweise legte Anfang des Jahres 1926, als sich die polnische Diplomatie um einen nicht ständigen Sitz im Rat des Völkerbundes bemühte, Mečislovas Reinys, der Außenminister Litauens, dem Rat des Völkerbundes eine Note vor (12. März), in der er gegen die Erteilung des Sitzes an Polen protestierte und gleichzeitig daran erinnerte, daß die Wilna-Frage für Litauen „offen“ bliebe.
Die neu gewählte Mitte-Links-Regierung Litauens brach aus der Solidargemeinschaft der Ostsee-Anliegerstaaten aus und schloss am 28. August 1926 einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion ab. Der litauischen Diplomatie gelang es dadurch, die indirekte Unterstützung der sowjetischen Seite in der Wilna-Frage zu gewinnen, denn alle Beschlüsse des litauisch-sowjetischen Friedensvertrags von 1920 sollten in Kraft bleiben. Weiterhin erklärte die sowjetische Regierung in einem Zusatzprotokoll, daß „die faktische Verletzung der litauischen Grenze gegen den Willen des litauischen Volkes das im Vertrag vom 12. Juli 1920 festgelegte Verhältnis zur territorialen Souveränität nicht erschüttert“.
In Warschau betrachtete man das als einen die Rigaer Beschlüsse verletzenden Akt der Sowjetunion gegen Polen. Der stellvertretende Außenminister Roman Knoll protestierte scharf gegenüber dem sowjetischen Botschafter, indem er betonte, dass „in Polen keine Wilna-Frage bestehe und Wilna samt Grodno polnisch sei".
Am 17. Dezember 1926 erfolgte in Litauen ein politischer Umschwung. Die diktatorische Macht ging in die Hände der nationalen Partei unter Antanas Smetona und Augustinas Voldemaras über. Ministerpräsident Voldemaras erklärte schon bald, dass „ohne Rückgabe Wilnas keine Rede von einer Versöhnung Polens und Litauens sein“ könne. „Wilna ist für Litauen nicht nur eine politische, sondern auch eine Ehrenfrage. Ein Übereinkommen zwischen Polen und Litauen kann ausschließlich Wilna betreffen.“ Das konnte nur eine Verhärtung der bisherigen Haltung bedeuten.
In Litauen nahm die Verfolgung der polnischen Minderheit drastisch zu; Ministerpräsident Voldemaras betonte bei jeder Gelegenheit, Litauen befinde sich im Krieg mit Polen. Ende 1927 waren so die polnisch-litauischen Beziehungen in eine tiefe Krise geraten. Marschall Pilsudskį sagte am 29. November 1927 vor der Presse: „Der Kriegszustand, den Litauen uns gegenüber aufrecht erhält, ist zur Zeit einmalig in der Welt; er ist in dieser Region der Erde anormal und krankhaft. Unsere Grenzen zu Litauen sind aus diesem Grund keinen anderen Grenzen in dieser Welt ähnlich. Sie sind Gegenstand andauernder Furcht und Unruhe, da hier keine Arbeit ungestört gemacht werden kann."
Da er die Lage nicht länger hinnehmen konnte, beschloß Pilsudskį, die Angelegenheit auf die Spitze zu treiben. Er begab sich nach Genf, um dort in der Sitzung des Völkerbundrates am 10. Dezember 1927 „eine eindeutige Erklärung von Voldemaras zu erhalten, dass zwischen Litauen und Polen Frieden herrscht“. Nach einer kurzen Diskussion, in der Voldemaras eine eindeutige Antwort vermied, erzwang Pilsudskį — im wahrsten Sinne des Wortes — von ihm eine Erklärung, dass „zwischen Litauen und Polen kein Kriegszustand herrscht“. In dieser Situation griff auch der Völkerbundrat ein. Er empfahl den Regierungen Polens und Litauens, „möglichst schnell direkte Verhandlungen aufzunehmen, um das zwischen den beiden benachbarten Ländern herrschende gute Einvernehmen, von dem auch der Frieden abhinge, zu festigen“.
Am 11. Dezember fand ein Gespräch des polnischen Außenministers August Zaleski mit Voldemaras statt, in dem der Auftakt zu direkten Verhandlungen auf den Januar 1928 festgelegt wurde. Die Aufnahme von Gesprächen und die Festlegung der Themen brachte bereits viele Schwierigkeiten mit sich. Die litauische Seite stellte vor der Aufnahme Bedingungen, um Zeit zu gewinnen. Am 9. Februar 1928 trieb Zaleski Voldemaras insofern in die Enge, als er anfragte, ob Litauen sich dem Beschluss des Völkerbundes unterordne und direkte Verhandlungen aufnehmen wolle, die zu friedlichen Beziehungen zwischen Polen und Litauen führen würden. Voldemaras betrachtete eine solche Fragestellung als „Ultimatum“. Dennoch schlug er in seiner Antwort vor, am 30. März Verhandlungen in Königsberg zu beginnen. Zaleski war damit einverstanden.
In Wirklichkeit jedoch war Voldemaras an der Führung und vor allem an einem Erfolg der Verhandlungen nicht interessiert. Die Regelung der Beziehungen mit Polen ohne Rückgewinnung Wilnas war für die litauische Regierung undenkbar. Schon nach dem zweiten Verhandlungstag in Königsberg gewann die polnische Seite den Eindruck, dass „Voldemaras nur einen Vorwand sucht, um die Gespräche abzubrechen“. Die polnische Delegation ihrerseits führte die Verhandlungen sehr vorsichtig und suchte auch den kleinsten Fehler zu vermeiden. Über den Verlauf wurden der Völkerbund und die Regierungen der Westmächte genauestens informiert. Für die litauischen Delegierten bedeutete das einen besonderen Druck. Voldemaras musste Rücksichten nehmen und konnte die Gespräche deswegen nicht einfach abbrechen. Die polnisch-litauische Konferenz in Königsberg vom 30. März bis 5. April 1928 endete mit einer formalen Vereinbarung über die Einrichtung dreier gemischter Kommissionen. Die Resultate ihrer Tätigkeit sollten im Herbst 1928 der Plenarsitzung des Völkerbundes vorgelegt werden.
Die Taktik der litauischen Seite bei der Arbeit in der Kommission war, alle — sogar technische — Fragen mit Wilna in Zusammenhang zu bringen. Die polnischen Delegierten widersprachen dem entschieden und meinten, daß Themen der Grenzänderung nicht Gegenstand der Diskussion sein könnten. Das Ergebnis der Tätigkeit der Kommission fiel sehr bescheiden aus. Die spätere Wiederaufnahme von Verhandlungen stieß auf erhebliche Schwierigkeiten. Der Ausdauer der polnischen Delegation ist es zu verdanken, dass am 3. November 1928 die Verhandlungen fortgesetzt wurden. Das fünf Tage andauernde Treffen brachte nur wenig Fortschritte. Der einzige konkrete Gewinn bestand in der Ratifikation eines Vertrages über den kleinen Grenzverkehr. Das tägliche Leben erzwang diese Vereinbarung, weil die Unzufriedenheit mit der bisherigen Situation sowohl auf der polnischen als auch auf der litauischen Seite deutlich spürbar war.
Im allgemeinen brachten die Gespräche 1928 in den wichtigsten Punkten kein Weiterkommen, was hauptsächlich auf die Unnachgiebigkeit der litauischen Seite zurückzuführen ist, die keine, nicht einmal eine teilweise Regelung der Beziehungen mit Polen ohne die Rückgabe Wilnas eingehen wollte. In der Abschlusssitzung der Konferenz wies Zaleski unter anderem darauf hin und sagte mit Sorge über den ungelösten polnisch-litauischen Konflikt: „Le conflit polono-lithuanien constitue non seulement une menace constante pour le développement normal des deux Etats, mais il porte une préjudice sérieux aux intérêts économiques des Etats tiers. Il crée en cette partie de l’Europe une atmosphère malsaine d’inquiétude et de malaise“.
Die litauische Regierung machte kein Geheimnis daraus, dass sie in der bestehenden Situation weiterhin an einer Regelung der Beziehungen mit Polen nicht interessiert sei. Sie stellte zum Beispiel in einem Aide-memoire vom 23. Januar 1929 deutlich fest: „(...) ausschließlich und einzig die gewaltsame Wegnahme Wilnas durch General Zeligowski (ist) der Grund, daß es keine diplomatischen und anderen Beziehungen zwischen Litauen und Polen gibt. Solange keine Wiedergutmachung des Litauen angetanen Schadens erfolgt, solange wird Litauen mit der Aufnahme der Beziehungen zu Polen warten.“
Die Hartnäckigkeit und die Unnachgiebigkeit der litauischen Seite zogen das Interesse ausländischer Beobachter auf sich. Sie waren der Meinung, daß die Wilna-Frage nur ein Vorwand sei; in Wirklichkeit profitiere Litauen von der Auseinandersetzung mit Polen. Adolf von Grabowsky schrieb zum Beispiel im November 1928 in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“: „Wilna ist, richtig betrachtet, für Litauen nur der Anlass, um den entschiedenen Gegensatz zum großen polnischen Nachbarn deutlich zu machen und bei diesem Konflikt ein eigenes litauisches Nationalgefühl und damit erst den litauischen Staat gründlich herauszuformen. (...) Solange der Staatsbildungsprozess noch nicht abgeschlossen sei, glaubt man der Wilna-Frage als stärkstem nationalen Reizmittel nicht entbehren zu können.“ In seinem Konflikt mit Polen rechnete Litauen mit der Unterstützung Deutschlands und Russlands. In Kaunas ging man davon aus — das galt fast wie ein unerschütterlicher Grundsatz —, dass Warschau auf unabsehbare Zeit mit Berlin und Moskau in Konflikt stehe. Auf dieser Grundlage entwickelte man seine Pläne und gründete seine Hoffnungen. Mittlerweile — Anfang der 30er Jahre — zeichnete sich jedoch eine radikale Änderung der Situation ab, die die ganze Konstruktion ins Wanken brachte. Den ersten Schwachpunkt stellte 1932 die Verschlechterung der litauisch-deutschen Beziehungen vor dem Hintergrund der Unstimmigkeiten in Memel dar. Gleichzeitig besserten sich die polnisch-sowjetischen Beziehungen. Das zeigte der am 25. Juli 1932 geschlossene polnisch-sowjetische Nichtangriffspakt.
Zum wichtigsten Ereignis jedoch, welches das ganze Fundament der bisherigen Politik Litauens erschütterte, wurde am 26. Januar 1934 die Unterzeichnung der polnisch-deutschen Erklärung über Gewaltverzicht. Die Reaktion auf diesen Vertrag war in Litauen sehr heftig. Die Presse beschäftigte sich ausführlich mit dem Problem. Das größte Aufsehen erregte damals das Vorgehen von Voldemaras. Der ehemalige, inzwischen entmachtete Ministerpräsident trat zu einem offenen Angriff gegen die Regierung an. In der Zeitschrift „Tautos Balsas“ veröffentlichte er einen Artikel unter dem Titel „Auf den Wegen der Bestimmung“ (die Zeitungsausgabe wurde übrigens sofort beschlagnahmt). In dem Beitrag verglich Voldemaras den Vertrag vom 26. Januar mit einem Blitzschlag und betonte, daß dadurch Litauen auf Polens Gnade angewiesen sei. „Was die Sicherheit des Staates betrifft“, schrieb Voldemaras, „gerät Litauen in eine so schwierige Lage, wie es sie in seiner ganzen Existenz noch nicht kennen gelernt hat“. Daneben griff er auch die aktuelle Politik scharf an.
Andere Funktionäre gingen noch weiter. Es wurden wieder Stimmen laut, die die Notwendigkeit einer Überprüfung des Verhältnisses zu Polen und zur Wilna-Frage betonten. Am 2. Mai 1934 organisierte man unter anderem an der Universität Kaunas eine große Diskussion. Vincas Čepinskis, der als erster das Wort ergriff, wies auf die Notwendigkeit der Gründung eines Bundes der Ostsee-Anliegerstaaten und der Schaffung einer Verständigungsmöglichkeit mit Polen hin. Er äußerte die Meinung, daß eine sofortige Rückgabe Wilnas an Litauen zu einer Wirtschaftskrise führen könne. „Das Schicksal selbst“, sagte er, „schützt Litauen vor der Rückgewinnung Wilnas. Litauen sollte mit Polen die wirtschaftlichen Fragen regeln und für die Rückführung Wilnas andere Wege als bisher gehen“. Andere Redner wiesen ebenfalls auf die Notwendigkeit einer Verständigung mit Polen hin und ließen die Wilna-Frage offen. Derartige Aussagen stießen zwar auf die Kritik der regierungstreuen Presse und nationalistischer Kreise, trotzdem setzte sich das Bewusstsein durch, nach neuen Lösungswegen zu suchen. In dieser Situation kam es zu einer Intensivierung vertraulicher polnisch-litauischer Kontakte sowie zu einer Reise der Gesandten Pilsudskis, des ehemaligen Ministerpräsidenten Aleksander Prystor und des Diplomaten Anatol Mühlstein, nach Litauen.
Während eines Treffens mit dem litauischen Außenminister Stasys Lozoraitis am 22. Juni 1934 sprach Prystor von der Notwendigkeit, einen Durchbruch in den beiderseitigen Beziehungen zu erreichen. Er versicherte, daß die Polen uneingeschränkt für eine Verständigung mit Litauen seien. Mühlstein schlug im Gespräch mit Lozoraitis am 24. Juli 1934 vor, zwischen Polen und Litauen normale Beziehungen herzustellen. Mühlstein betonte seine Überzeugung, dass Litauen in der neuen Situation nichts verliere, da es ausdrücklich erklären könne, dass sich seine Haltung prinzipiell nicht geändert habe. Lozoraitis fragte Mühlstein daraufhin, auf welche Art und Weise dies zur Rückgewinnung Wilnas durch Litauen beitragen würde. Mühlstein antwortete, dass die Herstellung guter Beziehungen um den Preis eines Verzichtes auf Wilna für die polnische Regierung nicht annehmbar sei.
Diese grundlegende Differenz blieb bestehen. Die neue internationale Konstellation sowie die damit verbundene Fehlkalkulation in der Außenpolitik Litauens erwiesen sich als zu schwache Faktoren, um zu einer generellen Änderung der Einstellung der litauischen Regierung in der Wilna-Frage und im Verhältnis zu Polen beizutragen. Andererseits war die polnische Position ebenfalls unnachgiebig. Für Polen kam eine Regelung der Beziehungen ausschließlich auf der Grundlage des Status quo in Frage.
Nach den in den Jahren 1934 und 1935 geführten Gesprächen und gegenseitigen Sondierungen erfolgte eine deutliche Verhärtung der beiderseitigen Haltung. Der jahrelang andauernde Konflikt belastete die polnische Regierung immer mehr. Minister Jozef Beck wurde zum entschlossenen Gegner jeglicher Teil- und Halblösungen oder einer Verständigung auf dem Wege kleiner Schritte. Er vertrat die Ansicht, dass vor allem Vereinbarungen über die Herstellung normaler diplomatischer Beziehungen eine grundlegende Bedingung darstellten. Folglich suchte er nach verschiedensten Mitteln, um Litauen durch Druck zu Zugeständnissen zu zwingen. Doch die Litauer waren harte, unnachgiebige Gegner. Trotz der Zweifel eines Teils der öffentlichen Meinung hatte die litauische Regierung die Mehrheit des Volkes auf ihrer Seite. Sie benutzte geschickt die Wilna-Parole.
Die polnisch-litauischen Beziehungen nahmen in den Jahren 1936 und 1937 angesichts dieser Situation erneut an Schärfe zu. An der Grenze mehrten sich die Zwischenfälle. Bei einem derartigen Zusammenstoß wurde ein Soldat des polnischen Grenzdienstes in der Nacht vom 11. März 1938 von litauischen Grenzsoldaten erschossen. In Warschau beschloss man, den Fall für einen harten Protest gegen die litauische Seite auszunutzen, und reagierte auf den Vorfall mit einem scharf formulierten Kommunique. Die polnische Seite zögerte jedoch mit einer endgültigen Entscheidung bis zur Rückkehr Becks aus dem Ausland. Nach seiner Ankunft am 16. März wurde auf dem Zamek ein Treffen unter der Leitung des Präsidenten der Republik einberufen. Anfänglich waren die Meinungen der Anwesenden geteilt. Präsident Ignacy Moscicki und Vizepremier Eugeniusz Kwiatkowski lehnten entschiedene Schritte gegenüber Litauen ab. Andere waren dagegen für weitreichende Forderungen, u.a. den offiziellen Verzicht Litauens auf Wilna. Minister Beck plädierte für eine entschlossene Haltung, beschränkte aber die Forderungen auf die Wiederherstellung der zwischenstaatlichen Beziehungen. Seine Meinung setzte sich durch.
Auf dieser Grundlage wurde eine ultimative Note verfasst, die u.a. folgende Aussage enthielt: „Die polnische Regierung teilt mit, dass sie für die einzige der Situation angemessene Lösung die sofortige Herstellung der normalen diplomatischen Beziehungen hält, ohne jegliche conditions préalables.“ Der Termin für die Antwort war sehr knapp bemessen — er betrug nur 48 Stunden. Die litauische Regierung gab, nachdem sie keine Hilfe erhielt, dem Druck nach und nahm das Ultimatum an. Weder während der Zeit, in der das Ultimatum lief, noch direkt danach wurde in den polnisch-litauischen Verhandlungen die Wilna-Frage angesprochen. Die polnische Position setzte sich durch. Zwischen beiden Staaten wurden auf der Grundlage des Status quo diplomatische Beziehungen aufgenommen. Das bedeutete aber nicht, dass die Wilna-Frage gänzlich aus der Sicht beider Partner verschwand.
Der litauische Außenminister Juozas Urbsys äußerte sich nach Jahren folgendermaßen zu den Ereignissen: „Das Ultimatum Polens verlangte in drohender Form nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen, ohne Wilna zu erwähnen. Also, Litauen nahm das Ultimatum an, ohne auf Wilna zu verzichten. Heutzutage wird diese Entscheidung als positiv empfunden. Wäre es vernünftig gewesen, das Land der Gefahr eines Krieges wegen der Nichtherstellung von diplomatischen Beziehungen auszusetzen ? Die Antwort ergibt sich aus der Frage selbst. Sich externen Forderungen zu beugen, verletzt, wie jeder weiß, den Stolz eines Volkes; jedoch, wenn man sich zwischen zwei Übeln entscheiden muss, ist es selbstverständlich, dass man das kleinere wählen soll.“
Nach der Märzkrise verbesserten sich die polnisch-litauischen Beziehungen zunächst allmählich, dann immer schneller. Die Wilna-Frage belastete sie dennoch weiterhin. Im Frühjahr 1938 wurde eine neue litauische Verfassung angenommen. Sie enthielt auch einen Passus, dass Wilna die Hauptstadt Litauens sei. Die polnische Seite reagierte: Man beauftragte den neuen polnischen Gesandten in Kaunas Franciszek Charwat, für die Zeit der Verfassungsfeierlichkeiten nach Polangen zu fahren, und teilte der litauischen Regierung mit, dass Polen eine Regelung der gesamten Fragen mit Litauen anstrebe. Durch die Beibehaltung des Wilnaer Artikels in der neuen Verfassung wurde eine Ausweitung der Gespräche auf politisches Gebiet unmöglich.
Trotz dieses Hindernisses lässt sich in den gegenseitigen Beziehungen besonders seit Herbst 1938 eine deutliche Verbesserung erkennen. Die größere Initiative kam von litauischer Seite. Die polnische Diplomatie gab zu verstehen, dass sie bereit sei, auf das Annäherungsangebot einzugehen, erwartete aber eine Geste des guten Willens. Der Vizeminister Jan Szembek notierte am 9. November 1938 in seinem Tagebuch, daß Beck „die litauische Initiative, die gegenseitigen Beziehungen zu erweitern, annehme. Eine Vorbedingung sei jedoch die Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas, danach könne man sich mit dem litauischen Museum in Wilna befassen, Handelsvereinbarungen aufnehmen und gegenseitig Konsulate einrichten.“
Als Massstab für die litauischen Absichten galt schon bald die Erfüllung der polnischen Wünsche; am 25. November 1938 wurde der Verein für die Befreiung Wilnas aufgelöst. Das war eine deutliche Geste in die polnische Richtung. Eine andere Maßnahme war der Wechsel auf dem Posten des litauischen Gesandten in Warschau. Die Stelle von Kazys Škirpa nahm Jurgis Šaulys ein, der wegen seiner propolnischen Orientierung seit Jahren bekannt war. Dem litauischen Vorgehen lag die Hoffnung auf polnische Unterstützung in der Memelfrage zugrunde, da ein immer größer werdender Druck der deutschen Seite spürbar wurde.
Wie den Dokumenten zu entnehmen ist, fühlte sich Litauen in gewissem Grade enttäuscht über das Fehlen einer entsprechenden polnischen Reaktion auf einen derart entscheidenden Schritt wie der Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas. Oberst Leon Mitkiewicz, der polnische Militärattache, berichtete am 19. Dezember 1938, dass der Leiter der zweiten Abteilung des litauischen Generalstabs, Oberst Kostas Dulksnys, sich bei ihm beklagt habe, dass „auf so einen bedeutenden und risikoreichen Schritt Litauens, wie die Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas, keine ähnliche Geste von der polnischen Seite folge. Dabei ging es ihm um die Litauische Wissenschaftliche Gesellschaft in Wilna, die noch nicht den Litauern zurückgegeben wurde. Er sagte noch, daß die Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas der litauischen Regierung große innenpolitische Schwierigkeiten bereite und die Unzufriedenheit der Bevölkerung hervorgerufen habe. Versöhnliche Gesten von Seiten Polens seien unbedingt notwendig, um die öffentliche Meinung zu beruhigen und den guten Willen Polens zu dokumentieren."
Die litauischen Anregungen wurden 1939 erfüllt, als die Litauische Wissenschaftliche Gesellschaft in Wilna unter dem Namen „Litauische Gesellschaft der Freunde der Wissenschaft“ wiedergegründet wurde.
Man unternahm auch viel zur Verbesserung der allgemeinen Situation der litauischen Minderheit in Polen.
Angesichts des sich verschärfenden Konflikts mit dem Dritten Reich war der polnischen Regierung sehr an einer Entspannung der Beziehungen zu Litauen gelegen. Es ging ihr vor allem um die litauische Neutralität. Wegen dieser Neutralität gab Litauen bei Ausbruch des Krieges dem Druck Deutschlands und der Anregung, Wilna manu militari zu besetzen, nicht nach.
Als Folge der Aggression der UdSSR gegen Polen und der Besetzung Wilnas durch die sowjetische Armee am 19. September 1939 änderte sich die Situation jedoch radikal. Der Ribbentrop-Molotow-Pakt, insbesondere der „Grenz- und Freundschaftsvertrag" vom 28. September 1939 brachte Litauen in den sowjetischen Interessenbereich. Stalin nutzte die Situation, rief die Vertreter der litauischen Regierung nach Moskau und verlangte von ihnen das Einverständnis für die Errichtung sowjetischer Stützpunkte auf dem Territorium Litauens.
In diesen Tagen des politischen Wandels notierte der ehemalige Rektor der Universität Kaunas, Riomeris, in seinem Tagebuch unter dem 8. Oktober 1939: „Solange Polen stand, war Litauen ohne Wilna sicherer und freier als heute, wenn es unter der sowjetischen Besatzung Wilna bekäme, nachdem Polen gefallen ist.“
Einen Tag später, am 10. Oktober, erzwang die sowjetische Regierung von Litauen einen Vertrag, der ihr ermöglichte, ihre Armee auf dem litauischen Territorium zu stationieren. Gleichzeitig übergab die Sowjetunion Litauen Wilna mit einem Teil des umliegenden Gebietes. Unter diesen Bedingungen kam Litauen in den Besitz der ersehnten Stadt.
Dieser Akt wurde von der polnischen Seite nicht anerkannt. Nach einer Vereinbarung mit der polnischen Exilregierung überreichte der polnische Gesandte Charwat am 13. Oktober 1939 dem litauischen Außenministerium eine Protestnote mit folgendem Inhalt: „Im Namen meiner Regierung protestiere ich hiermit öffentlich und kategorisch gegen diesen mit dem internationalen Recht und den Menschenrechten nicht konformen Akt. Polen wird nie diesen ungerechten Schritt anerkennen und wird mit allen Mitteln um die Wiederherstellung seiner Rechte und seines Territoriums kämpfen.“ Als ein Zeichen des Protests verließ Franciszek Charwat bald darauf samt seinem Personal die Botschaft in Kaunas. Dies war in den Jahren 1918 bis 1939 die letzte polnische Handlung zur Wilna-Frage.
Quellennachweise
Vermutlich ist die innere Einstellung, ob die litauischen Juden zu Litauen gehörten oder nicht, die wichtigste Unterscheidung, wie heute Litauer ihre Geschichte in den Jahren 1940 bis 1945 sehen.
Warum diese Quellennachweise? Weil der Autor dieser Webseite immer vergisst, woher er seine Informationen über den Holocaust in Litauen und die Zusammenarbeit der Litauer mit den Deutschen hat.
Wichtig ist immer die wahren Schuldigen nicht zu vergessen, uns Deutsche! Dies ist eine Webseite über Litauen. Wir beschäftigen uns mit einem sehr kleinen Teil der Welt aber einem wichtigen Geschehen der Weltgeschichte.
Deshalb ist folgender Satz aus dem Buch "The Lithuanian Slaughter of its Jews" sehr wichtig:
"On the other side, there were Lithuanians who were honest, and who risked their own lives and the lives of their family members to help Jews. ... Moreover, it is important to recognize that contemporary Lithuanians are not guilty of the crimes of earlier generations."
Auf alles-ueber-litauen.de wird mehrfach behauptet, dass viele der Morde an litauischen Juden von ethnischen Litauern selber begangen worden sind. Nicht um die Schuld des Holocaust von Deutschland abzuschieben. Deutschland ist der Initiator und die treibende Kraft für die Judenvernichtung in den deutschen Einflußgebieten 1941-1945 gewesen. Ohne Hitlers Deutschland hätte es keine Judenvernichtung in dem erlebten Ausmass gegeben.
Ich sehe nichts schlimmes darin, die tatsächlichen Verhältnisse, hier die in Litauen, zu schildern wie sie waren. Gerne korrigiere ich meine Aussagen, wenn etwas falsch geschrieben wurde. Dann bitte über das Kontaktformular melden.
Evaldas Balciunas stellte folgendes Dokument aus den litauischen Archiven vor. Es geht um die Ermordung der Juden in Sakiai (zwischen Kaunas und Jurbarkas) durch litauische Partisanen. Es sollte unnötig sein auf die Verantwortung der Deutschen hinzuweisen.

Republik Litauen
V.R.V.
BÜRO DES LEITERS DES
des Kreises Šakiai
Geheim-Persönlich
Šakiai, 16. September 1941
An Herrn
Direktor der Polizeidirektion
Anlässlich dieser Korrespondenz teile ich Ihnen, Herr Direktor, mit, dass es ab heute keine Juden mehr in meinem Kreis gibt. Sie wurden von den örtlichen Partisanen und der Hilfspolizei ausgesondert: - 13/IX.41. 890 Personen in Šakiai; 16/IX.41. - 650 Personen in Kudirkos Naumiestis.
Vor der endgültigen Aussortierung führten von ihm beauftragte Beamte auf Anordnung des Herrn Gebietskommissars [wahrscheinlich ist hier Josef Arnold Lentzen (SA-Brigadeführer), Gebietskommissar von Kaunas-Land gemeint] mit Unterstützung der örtlichen Polizei bei allen Juden in Šakiai und Kudirkos Naumiestis Haus- und Personendurchsuchungen durch und nahmen das gefundene Geld und andere Wertgegenstände mit. Die verbleibenden Immobilien und beweglichen Gegenstände wurden unter die Obhut und Bewachung der örtlichen Gemeinden gestellt, bis Herr Kommissar etwas anderes anordnet.
Wenn dies angeordnet wird, werde ich die Listen der aussortierten Juden später vorlegen.
Herr Gebietskomissar ist hierüber informiert worden.
Anhang: 7 Seiten
Vincas Karalius
Leiter des Kreises Šakiai
Balys Vilčinskas
Polizeipräsident
Der letzte Sonntag im August. Ein Film über den Holocaust in Moletai. Wie Irena Veisaite sagte, die Litauer haben viele ihrer Talente in der Erde begraben. Mit vielen Zeitzeugen. Traurig und spannend.
Juedischer Friedhof Birzai
In Birzai gibt es den wohl größten jüdischen Friedhof Litauens. Lange Zeit war es sehr still um ihn, die meisten Einwohner Birzais haben ihn nicht beachtet. In den letzten Jahren sind die Bemühungen gestiegen, das geschichtliche Erbe zu pflegen.
Für mich war der Friedhof der Anlass, über die Geschichte in Litauen nachzudenken. Ein riesiger jüdischer Friedhof, aber keine Juden mehr. Daraufhin entstand diese Website.
Dank des Birzaier Journalisten Dalius Mikelionis wurde eine breitere Öffentlichkeit auf den Friedhof aufmerksam.
Mitglieder der evangelisch reformierten Kirche aus Detmold waren drei mal in Birzai und haben den Friedhof vom jahrelangen Wildwuchs gesäubert. Endlich kamen die meisten Grabsteine wieder zum Vorschein und man konnte die riesigen Dimensionen des Friedhofes erkennen. Nun kümmert sich auch die Stadtverwaltung um die Pflege des Friedhofs.
Der Artikel ist zuerst in der Zeitung Birzieciu Zodis erschienen. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Übersetzung aus dem Litauischen: Raimundas Binkis, Birzai
Auf der Suche nach dem „Code der Juden“
Direkt neben dem Sirvena See, wo sich die Latvygalos Strasse befindet, gibt es den alten (Birzaier) Friedhof der Juden. Es ist kaum etwas darüber bekannt. Aber der Friedhof ist einer der grössten in Litauen. Mehr dazu, wenn man die geheimnisvollen Schriften an den Grabsteinen zu entziffern versucht, kann man interessante Dinge über Birzai und die Juden, die hier mal lebten, lernen.
Juden – der untrennbare Teil der Geschichte von Birzai
Wie der Geschichtswissenschaftler Deimantas Karvelis behauptet, war Birzai einmal, wegen der Toleranz der vorigen Besitzer der Stadt – dem Adeligen Radziwillen, eines der jüdischen Zentren in Litauen.
Im Jahr 1594, 5 Jahre nach der Gründung der Stadt Birzai, lesen wir in einem Brief von Fürst Kristupas Radziwill Perkunas an den Ältesten von Birzai und an alle späteren Verwalter von Birzai: „(...) alle Juden, die jetzt in Birzai leben und danach leben werden, dürfen nicht anders als alle hiesigen Menschen behandelt werden.“
Aber: „Man muss die Juden, die in Birzai leben, kontrollieren, so dass sie nicht die Christen schänden würden. Gerade das Stadtgericht muss es tun. Wenn ein reicher Kaufmann ankommt, der ein Haus am Marktplatz haben möchte, dann, mit Bestätigung vom Stadtrat, muss ein Jude seinen Platz verkaufen und anderswo hinziehen."
Im Jahr 1636 stellte Kristupas Radziwill fest, dass „In der Stadt, leben zwei Arten von Juden: Rabbiner und Karaiten. Es sollte für sie getrennte Gebiete oder Straßen bestimmt werden.”
Im Jahr 1610 gab es in Birzai 25 jüdische Häuser in drei Straßen in der Nähe des Marktplatzes. Die Häuser standen gerade im Zentrum der Stadt, neben den Häusern von Bürgermeister und Vogt. Andere Häuser wurden unter den reichsten Bürger von Birzai besetzt - zum Beispiel, in der Nähe des Hauses des Goldschmiedes von Kristupas Radziwill. Übrigens, eine der ersten Erwähnungen der berühmten Birzaier Brauereigeschichte ist auch mit den Juden verbunden. Kaum 20 Jahre nachdem Birzai die Magdeburger Stadtrechte bekam, findet man in Dokumenten, dass sich 9 Juden in Birzai mit Bier-, Met- und Wodkaherstellung beschäftigten.
Um 1650, gab es 27 jüdische Rabbiner- und 15 jüdische Karaitenhäuser.
Im 17. Jahrhundert waren schon eine Menge Juden in der Stadt - sie lebten verstreut in verschiedenen Stadtteilen. Kristupas II übernahm die Initiative, die Birzaier Juden an einem Platz zu versammeln, und er erlaubte ihnen eine Synagoge zu bauen. Das jüdische Gemeindehaus stand zwischen zwei benachbarten Straßen, die zum Marktplatz führten. Im Jahr 1650 lebten ein Teil der Juden und Karaiten in getrennten Vierteln der Stadt.
Als Birzai im 18. Jahrhundert Schritt für Schritt größer wurde, besassen von den insgesamt 528 Häusern der Stadt die Christen nur 128 Häuser. Die restlichen 400 Häuser gehörten den Juden.
In der Zeit vom Grafen Tiskevicius, am Ende des 19. Jahrhundert, waren von den gesamten 2.630 Bewohnern in Birzai 1.860 Juden und nur 740 Christen (Polen, Russen und Litauer). (AK: Juden achten sehr auf diese Unterscheidung, also durchaus politisch korrekt).
In der Zwischenkriegszeit gab es in Birzai die jüdische Volksbank, drei jüdische Sportvereine, die Zionistengemeinde „Mizrochi“, eine Synagoge mit zwei Rabbinern und auch Schulen. Bei insgesamt 228 vorhandenen Läden, gehörten 160 den Juden und nur 68 den Christen.
Aber diese gesamte Geschichte der Juden in Birzai, die so untrennbar war von der Geschichte Birzais selber, wurde innerhalb weniger Tage am Sommerende 1941 vernichtet, als im Gelände Pakamponys (neben Astravas, am Rande von Birzai) 2.500 Juden aus Birzai und Umgebungen erschossen wurden.

Eines der ältesten Grabsteine
Begrabene Geschichte, wovon wir kaum etwas wissen
Neben dem Sirvena See gibt es einen großen Friedhof, wo innerhalb von mehr als 400 Jahren Juden und Karaiten begraben wurden. Ich schrieb davon mal für (die Zeitung) „Birzieciu Zodis“, wenn Überschwemmungen im Frühling im Sirvena See das Ufer abspülten, die Grabmäler in den See stürzten und die Knochen der Begrabenen an die Oberfläche kamen. Am ärgerlichsten ist es, dass das Wasser den ältesten und am weitesten von der Stadt gelegenen Teil des Friedhofs vernichtete, wo die frühesten Begräbnisse stattgefunden haben. Vielleicht, aus der Zeit von Radziwill. Vielleicht nicht nur (Beerdigungen) von Juden aber auch diejenige von Karaiten, d.h. von Tataren, die nicht den Islam aber den Judaismus als Religion angenommen haben.
So, das Ufer wurde in Ordnung gebracht, betoniert, und die bleibende Gräber werden nicht mehr weggespült.
Aber in dem alten jüdischen Friedhof ist ein Teil der Birzaier Geschichte begraben worden, wovon wir so wenig wissen. Es ist nun mal mal so, dass der jüdische Friedhof, der sich in einem abgelegenen Ort hinter dem ehemaligen Schlachthof befindet, nicht gerade im Aufmerksamkeitszentrum der Bewohner von Birzai ist. Viele von ihnen haben vielleicht noch nicht davon gehört. Aber der Friedhof ist einer der größten der verbliebenen jüdischen Friedhöfe in Litauen. Vor mehreren Jahren waren die zwei Wissenschaftlerinnen Irit Abramski und Natasha Sigal vom israelischen „Yad Vashem“ Institut sehr erstaunt dass es in Birzai einen solchen grossen und alten Friedhof gibt. Die Wissenschaftlerinnen, auf die langen Reihen von Denkmälern blickend, lasen mehrere Aufschriften an den Grabmälern.

Der Birzaier Friedhof - einer der größten noch erhaltenen in Litauen
Friedhöfe ... über die nichts bekannt ist
Ich war schon zuvor an der jüdischen Geschichte in Birzai interessiert, so nahm ich den Besuch von den beiden Wissenschaftlerinnen als Anstoß, um herauszufinden, was für Menschen auf dem alten jüdischen Friedhof in Birzai begraben worden sind. Ich begann mit den wichtigsten staatlichen Dokumenten für geschützte Objekte – mit dem Register der Kulturellen Werte.
Es waren nicht viele Informationen über den jüdischen Friedhof zu finden: „Der alte jüdischer Friedhof. Latvygalos Str. Das denkmalgeschützte isolierte Objekt. Fläche 33000. Wertvolle Eigenschaften, Teile und Komponenten: der südliche Teil des Friedhofs von einem Maschendrahtzaun umgeben. Es stehen viele steinerne Grabsteine. Es gibt eine Infotafel aus Brettern, wo auf Jüdisch und Litauisch steht: "Alter Friedhof. Sei es heilig die Erinnerung von den Toten." Am Eingang zum Friedhof befindet sich ein Denkmal für die Erinnerung derjenigen die in der zweiten Hälfte vom Jahr 1941 erschossen wurden. Es gibt auf dem Friedhof wachsende Bäume, Sträucher, hohes Gras.“
Das ist aber alles. Wir wissen auch selber, dass der Friedhof von hohem Gras und Sträucher versteckt wird. Die Infotafel ist seit je von Metalldieben gestohlen. Als ein wertvolles Teil des Friedhofs wird der Zaun genannt, es gibt aber keine wichtigen Information in diesen besprochenen Dokumenten: wie viele Gräber sind hier, ( geschrieben: "viele"), aus welcher Zeit, welche Art von Menschen auf dem Friedhof begraben worden sind. Solche Infos sind nirgendwo zu finden weil der Friedhof nicht interessant für die Fachleute war.
Aber ich wurde neugierig. Also mehr als ein Jahr lang, wenn ich ab und zu einen halben Tag frei hatte, zog ich auf den alten jüdischen Friedhof. Der Teil näher an der Stadt ist ganz ordentlich – von der Selbstverwaltung (AK: Rathaus) gesandte Männer schneiden die Büsche, mähen die Rasen, so entdecken sich neue Grabsteine in einer Reihe angeordnet. An den Grabsteine sind gut erhaltene jüdische geheimnisvolle Inschriften, manchmal sichtbar sind auch Davidsterne, in Stein gemeisselt. Allerdings sind diese Grabsteine die neuesten, von gerade vor dem (jüngsten) Krieg begrabenen Juden. Weiter, Richtung des Sees, sollten sich die älteren Gräber finden.
Die meisten der Grabsteine sind verschlungen, mit Erde teilweise bedeckt. Die Begräbnisse sind durch kleine Steine bezeichnet. Inschriften daran sind korrodiert und so schwer durchzulesen. Noch ein paar Jahre - und sie werden verschwinden. Besonders tragisch ist die Situation in der Mitte des Friedhofs. Er ist an einem tiefer liegenden Platz, der ständig mit Wasser gefüllt ist. Diese Territorium ist verborgen durch einen unpassierbaren „Dschungel“. (AK: siehe Anmerkung am Anfang).

Davidsterne auf den Grabsteinen
Mehr als ein halbes Tausend Grabsteine
Bei meinen ersten Besuchen auf dem jüdischen Friedhof habe ich versucht, mindestens die Grabsteine zu zählen. Die grössten und immer noch aufrecht stehenden Grabsteinen waren nicht so schwer zu zählen. Viel schwieriger war es, auch die Gräber zu finden, die nur durch kleine, grasbewachsene Steine gekennzeichnet sind. Ich erfuhr, dass es am besten ist, die Gräber im Frühjahr zu zählen, wenn das Gras und die Baumblätter noch nicht wachsen, oder auch spät im Herbst, wenn die Grabsteine nicht durch Schnee verdeckt sind. Ich vermute, dass sich auf dem alten jüdischen Friedhof von Birzai ungefähr 500-600 Grabsteine befinden, aber diese Daten sind sehr ungenau. Ich habe noch nicht gehört, dass es irgendwo sonst in Litauen so viele jüdische Bestattungen in einem Ort gibt. Viele jüdische Friedhöfe sind beschädigt, es stehen Häuser daran, auch Fabriken, oder sind sie gepflügt worden...
Als ich die Bestattungen zählte, erschienen mir besonders interessant mehrere Grabsteine am See, ich glaube, im ältesten Teil des Friedhofs. Man kann an den ein Meter hohen Grabsteinen die orientalischen Ornamente sehen (auf jüdischen Grabsteinen gibt es keine solche), die Inschriften sind in einem anderen Stil gemacht worden. Ich denke, dass diese sich deutlich von den traditionell jüdischen Grabsteinen unterscheidene Grabsteine können Begräbnisse von Karaiten bedeuten. Die Karaiten betrugen in der Zeit von Radziwillen einen bedeutenden Teil der Bewohner von Birzai: die alte Aufzeichnungen behaupten, dass im Jahre 1650 in Birzai 27 Häuser von jüdischen Rabbiner und 15 - jener von jüdischen Karaiten standen.
Der zweite Schritt war zu versuchen, die Gräber zu fotografieren, insbesondere die restlichen Grabsteine. Ich habe versucht, Grabinschriften aufzunehmen, aber es war nicht einfach. Es gelang mir, einen Teil der Inschriften so aufzunehmen, dass sie gut lesbar sind.
Inschriftensprache – schwer lesbar
Aber wie herauszufinden, was auf den Gräbern geschrieben ist? Ich bin hier auf ein ernstes Problem gestoßen. Ich kontaktierte für eine Hilfe das Jüdische Museum, das Museum der Synagoge der Stadt Kedainiai, die jüdischen Gemeinden, sogar auch das Litauische Zentrum der Ermittlung von Genozid. Keiner dort war in der Lage, die alten jüdischen Aufzeichnungen zu lesen. Es stellte sich heraus dass die Juden in Litauen zwei jüdische Sprachen verwandten: Hebräisch (mit Elementen von Aramäisch) und Jiddisch. In einer häuslichen Umgebung, sie sprachen Jiddisch, das ihre Herkunft in Deutschland hatte. Aber Juden hatten auch eine "heilige" Sprache - Hebräisch. Es wurde verwendet, um die Thora, den Talmud zu lesen, auch wurden die Inschriften auf Grabsteinen gerade in dieser Sprache eingraviert. Es stellte sich heraus, dass nach dem Holocaust, und nachdem viele der überlebenden Juden aus Litauen nach Israel emigrierten, es schwer war jemanden zu finden, der die alten Inschriften in Hebräisch entziffern könnte...
Plötzlich bekam ich eine Hilfe von einer Stelle, wovon ich sie überhaupt nicht erwartet hatte. Die Koordinatorin der Bildungsprogramme der Internationalen Kommission für den Bewertung der Straftaten von nationalsozialistischen und sowjetischen Regimes in Litauen Ingrida Vilkienė, die immer interessiert an meiner Idee war, hat mir im vergangenen Sommer die Emailadresse eines im Ausland lebenden Litauers gesendet. Herr Alexander Avramenko lebt derzeit in den Niederlanden, in Amsterdam, wo sich eine der ältesten und größten jüdischen Gemeinden in Europa befindet. (Weil die Stadt ein grosses Zentrum für Diamanten, Finanzen und des Handels ist). A. Avramenko interessierte sich auch für die alten jüdischen Friedhöfe in Litauen, er hat sogar eine Website gemacht, wo er die Aufnahmen der jüdischen Friedhöfe hochlädt und auch einige Grabsteininschriften entschlüsselt. Ich schickte ihm ein paar hundert Fotos mit Grabinschriften vom Birzaier jüdischen Friedhof.
Zunächst auf Emailniveau - und dann auch durch Skype - hatten wir beide eine spasshafte, mindestens für mich sehr nützliche Kommunikation. Ich fand heraus, dass ich wenig wusste von der Geschichte,Tradition und Kultur der neben uns lebenden Nation, die so gross war. Z.B. als ich die Aufnahmen machte, kam mir überhaupt nicht die Idee, das Juden von rechts nach links schreiben, so fokussierte ich meinen Fotoapparat nicht am Anfang eines Satzes, aber am Ende.
Herr Avramenko meinte dass die Sprache der Grabinschriften sehr spezifisch ist, so dass auch die Menschen, die Hebräisch kennen, nur selten verstehen, was dort geschrieben ist. Es gibt eine Menge von Abkürzungen, Symbole. Die jüdische Sprache ist sehr lakonisch. A. Avramenko hat geschrieben, dass einige Buchstaben sehr ähnlich sind, so dass der Übersetzer Yossi immer möglichst genaue Bilder möchte, weil es so einfach ist Fehler zu machen, insbesondere wenn ein Jahr in Buchstaben geschrieben wird. Man kann auch mit den Jahreszahlen Fehler machen - alles hier ist ziemlich kompliziert. A. Avramenko bekam Hilfe von seinem Freund, der lange in Israel gelebt hat und fliessend Hebräisch spricht, aber sogar der konnte sehr wenig darin helfen...

Geschichte kommt an die Oberfläche - Knochen
Jüdische Friedhöfe und Beerdigung
Während dieser Entschlüsselungen und Übersetzungen war ich weiterhin an jüdischen Bräuchen interessiert. Ich fand heraus dass es die jüdische Tradition verbietet, die Überreste auszugraben und anderswo zu beerdigen. Das Berühren des Verstorbenen ist unannehmbar und wird als Respektlosigkeit bewertet. Die Juden glauben, dass sogar irgendwelcher Profit aus den Pflanzen, die auf dem Grab des Verstorbenen wachsen, einer solcher Entweihung entspricht. Z.B. ist es nur dann erlaubt, einen auf einem Grab wachsenden Baum zu schneiden, wenn er eine Bedrohung für den Grabsteinen ist. Aber es ist verboten, das Holz aus dem Baum für sich zu nutzen. Es ist auch verboten, an einem Friedhof geschnittenes Gras als Futter für Tiere zu benutzen und auch dort wachsende Heilpflanzen zu verwenden. Als Ergebnis hatte ein jüdischer Friedhof manchmal den Anschein von Vernachlässigung. Viele jüdische Friedhöfe wurden eingezäunt. Dieses diente als eine Maßnahme gegen Verwüstung, Tiere und Unbefugte, aber auch, was noch wichtiger ist, um ein rituell schmutziges Territorium zu kennzeichnen und abzutrennen. In einem Friedhof ist jede Handlung, die Respektlosigkeit gegenüber den Verstorbenen zeigen könnte, verboten. Auch verboten ist an diesem Platz jede tagtägliche Handlung: Essen, Trinken, Schlafen, lautes Reden, Beweidung, auch durch den Friedhof zu gehen um eine Abkürzung zu machen.
Jüdische Friedhöfe sind seit je getrennt gewesen. Die Toten wurden an denselben Tag begraben. Im Zimmer des Verstorbenen brennt immer zu seinem Gedächtnis eine Kerze - ein Symbol des Geistes. Alle Spiegel, Gemälde, TV Bildschirme werden in der Wohnung bedeckt. Unmittelbare Familienmitglieder trauern 7 Tage, indem sie auf dem Boden oder auf niedrigen Bänken sitzen und das Haus nicht verlassen. Juden verwenden keinen Schmuck oder Kosmetik wenn sie trauern, auch nehmen nicht an Unterhaltungen teil. Die Trauer wird nicht durch schwarze Farbe aber durch einen Schnitt in der Bekleidung eines Juden gekennzeichnet. (AK.: Kriah)
Es ist nicht akzeptabel im Judaismus, die Toten zu schmücken: der Verstorbene wird ohne Sarg (nur im Tuch), oder in einem einfachen Sarg begraben. Der Körper wurde im Tuch eingewickelt und zum Friedhof gebracht, dort in die Grube eingelassen, seine Augen mit Scherben bedeckt. Es wurde in einer flachen Grube begraben, Grabsteine wurden nur aus Stein gemacht. Nach der Beerdigung kehrten die Juden vom Friedhof keinesfalls auf dem gleichen Weg zuirück , weil sie glaubten, dass wenn man denselben Weg nimmt, dir der Tod von hinten zu deinem Haus folgen kann. Beerdigungen liefen ohne Blumen und Kränze ab, genauso wie bei zukünftigen Besuchen an den Gräbern (manchmal ließ man am Grab ein Steinchen). Dreißig Tage nach dem Tod gab es eine Gedenkfeier am Grab. Danach war erlaubt, ein Grabmal zu bauen.
Ich habe viel über die jüdische Bekleidung gelernt, auch darüber, warum Männer flache Mützen tragen, oder warum sie unrasierte Haare an den Schläfen haben. Noch interessanter war, tiefer in ihre Essgewohnheiten zu schauen - koschere Anforderungen, traditionelle Küche (es erschien dass viele litauische Gerichte scheinbar aus der jüdischen Küche gekommen sind...).
Der entschlüsselte "jüdische Code"
Aber lassen wir uns zu unseren (oder vielmehr - jüdischen) Grabsteinen zurückkehren. Nach ein paar Monaten harter Arbeit mit dem Entschlüsseln alter Inschriften in Hebräisch, begann ich, die jüdische Übersetzungen von manchen Grabsteinen in meinen Computer einzugeben. Leider gelang es nur 82 Inschriften zu entziffern. Eine traditionelle Inschrift auf dem Grabstein sieht so aus: "Hier ruht der ehrwürdige Gerchon Moshe, Sohn von Yehuda Ha Levy. Starb im Monat von Yud Zion 17. Tag, Tuf Rash Zadek Hai im Jahr 5685“. Oder: "Hier ruht die junge Frau Rachel, die Tochter von Leiba Zelig. Starb Kuf Alef 26. Tag, Tuf Raish Nun Bet im Jahr 5652".
Dank den Übersetzern, dass sie neben den uns nichts bedeutenden hebräischen Datumsangaben auch die lateinische Variante hinzufügen haben. Sie zeigen, dass die meisten Begräbnisse aus der Periode von 1870-1930 Jahren sind. Auf dem Birzaier jüdischen Friedhof wurden auch Juden von (nebenliegenden Städtchen) Papilys begraben. Auf den Grabstein einer Frau wurde festgestellt, ob sie verheiratet ist, oder wenn sie jung starb. Auf Grabsteinen der Männer wurden solche Aufschriften wie "ehrwürdig", "Student", "Lehrer" oder sogar "Rabbi" eingetragen.
Juden selber haben darauf hingewiesen dass es einen Grabstein im Birzaier Friedhof von einem berühmten Mitbegründer des "Yashiva Knesset Israel“ Rabbi Natan, Sohn von Shmuel gibt. Ich schaute ins Internet und erfuhr,das diese am Ende des 19. Jahrhunderts in Kaunas begründete religiöse Schule eine der einflussreichsten und der größten in Europa war. Sie hatte dann sogar 500 Schüler. In diese Yeshiva Schule kamen auch polnische und deutsche Studenten. Nach dem ersten Weltkrieg zog sie nach Jerusalem um. Die Studenten aus dieser Yeshiva und ihre Ausbildung hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des gegenwertigen Staates Israel.
Es war auch interessant, eine Übersetzung vom am Anfang dieses Artikels genannten Grabinschriften der Karaiten zu bekommen. Die Vermutung bestätigte sich, dass die ältesten Grabsteine gerade jene sind, die sich am Ufer des Sees befinden. Leider ist die Inschrift schwer lesbar, zumindest zeigt sie aber, dass es dort im Jahre 1828 (nur 15 Jahre nach den napoleonischen Kriegen!) ein geehrter Rabbi begraben ist. Leider konnte man weder seinen Namen noch den Vornamen lesen.

Grabmal von Rabbi Natan, dem Begründer von "Yashiva Knesset Israel"
Nur der Anfang einer grossen Arbeit...
Wir werden wieder auf den alten jüdischen Friedhof von Birzai gehen. Und nicht nur einmal. Wir möchten mehr von den Gräbern aufnehmen, noch mehr Inschriften einklären. Vielleicht können wir mehr berühmte Leute aus der Vergangenheit entdecken. Unsere Leute, von Birzai. Wenn wir die Listen mit Namen und Lebensjahren der Juden auf dem Birzaier Friedhof hätten, wären wir dann in der Lage, noch ein "Abenteuer" hinzuzufügen – Archive und Museen zu durchsuchen, um herauszufinden wo diese Menschen lebten, was sie getan haben. Weil es ist genug ein Telefonbuch aus dem Jahr 1932 zu nehmen oder einen schönen Artikel von Bronius Janusevicius Buch „Praeities miestas“ („die Stadt der Vergangenheit“) zu lesen, um festzustellen, dass die Juden einen grossen Teil der Bewohner Birzais darstellten. Ja, mit ihrer eigenen Kultur, ihren eigenen Traditionen. Es ist schon Zeit, diese Seite der Geschichte zu öffnen.
Dalius Mikelionis
Fotos von D. Mikelionis.
"Biržiečių Zodis“ (“das Birzaier Wort”, örtliche Zeitung von Birzai)
www.selonija.lt
Wer mehr über die Geschichte Litauens wissen möchte, besonders über den Holocaust, der wird hier unter litauischer Geschichte fündig!
Informationen über Birzai gibt es bei birzai.de oder auf alles-ueber-litauen.de
Holocaust Atlas
Der Krieg und die Juden in Litauen
Dieser ausgezeichnete Artikel von Andreas F. Kellatat beleuchtet die Situation der litauischen Juden in den beiden Weltkriegen. War das deutsch-jüdische Verhältnis während des ersten Weltkrieges noch durchaus positiv, schlug die Stimmung nach 1918 völlig um und führte zum litauischen Holocaust des Jahres 1941. Vielleicht hat die relativ humane Behandlung der Juden in Ober Ost des I. Weltkrieges sogar zu der hohen Todesrate von 1941 beigetragen. Wer sich noch an die deutsche Besatzung von 1915-1918 erinnerte, konnte sich nicht vorstellen, was Deutschland mit den litauischen Juden machen würde. Über Auswanderung wurde oft (zu) spät gesprochen und außerdem:
"Wir wollten-wie so viele-einfach nicht glauben, daß die Deutschen in Litauen einfallen könnten".
Dr. Kelletat arbeitet an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Germanistik.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Annaberger Annalen. Erstabdruck in den Annaberger Annalen 19/2011.
Der Krieg und die Juden in Litauen
Deutsche Schriftsteller in Kowno/Kaunas 1915-1918 und 1941-1944.
Eine Bestandsaufnahme
Andreas F. Kelletat
Das 20. Jahrhundert wird vielleicht als das „kurze“ Jahrhundert in die Geschichte eingehen. Denn seine Zäsuren erhält es zum einen durch die Jahre 1989/91, als die Ost-West-Spaltung überwunden wurde und die Völker östlich der Elbe Freiheit und Selbstbestimmungsrecht gewannen – was von vielen ihrer Repräsentanten auch als Auftakt einer „Rückkehr nach Europa“ beschrieben wird –, zum anderen durch das Jahr 1914, als mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs das lange 19. Jahrhundert endete. Dieser Krieg wird im kollektiven Gedächtnis der Deutschen (falls es so etwas gibt) vor allem als Krieg zwischen Deutschland und Frankreich in Erinnerung gehalten und für diesen wieder mag das Massensterben in der Schlacht von Verdun im Jahre 1916 am deutlichsten präsent sein. Dass der Erste Weltkrieg auch im Osten geführt wurde, dass zwei oder drei Millionen deutsche Soldaten dort kämpften bzw. als Besatzungsmacht stationiert waren, ist weniger geläufig. Große Gebiete in den heutigen Staaten Polen, Litauen, Lettland, Estland, Weißrussland, Ungarn, Rumänien und in der Ukraine wechselten zwischen russischer und deutsch-österreichisch/ ungarischer militärischer Herrschaft. Die Folgen des sich wiederholt verschiebenden Frontverlaufs waren für die Zivilbevölkerung verheerend. Besonders betroffen waren die Juden – und in dem östlichen Kampfgebiet lebte damals die deutliche Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung. Als die russischen Armeen nach großen Anfangserfolgen in Ostpreußen und Galizien erste Niederlagen einstecken mussten, konnte sich die russische Führung dies nur durch Verrat erklären. „Und die Verräter waren schnell gefunden: die Juden“ (Schuster Wenn der Zar 126). Die lebten zum einen in großer Zahl im Kampfgebiet und sie sprachen zum anderen Jiddisch und konnten so mit dem deutschen Feind kommunizieren – Grund genug, sie sehr hart anzufassen. Systematisch wurden Rabbiner und angesehene Gemeindemitglieder als Geiseln genommen und deportiert, die russische Armeeführung ließ auch komplette jüdische Gemeinschaften binnen 24 oder 48 Stunden aus frontnahen Ortschaften ausweisen, so dass 1914/15 ca. 600.000 jüdische Flüchtlinge im Kriegsgebiet umherirrten (ebd.). „Die Russen haben Kowno ausgeleert,“ heißt es in Arnold Zweigs Weltkriegsroman Einsetzung eines Königs von 1937, „als sie die Stadt räumten, nahmen sie an vierzigtausend Einwohner mit, ausnahmslos Juden; in die leergelassenen Häuser aber zogen andere Juden ein; die Dörfer und Städtchen rund um die Festung ergossen sich in sie.“ (59) 1915 gelang es den deutschen und österreichischen Truppen, die Front weit nach Osten vorzuschieben. Das unter ihre militärische Herrschaft geratene Gebiet wurde in drei Besatzungszonen eingeteilt – den Südosten bekam Österreich („Generalgouvernement Lublin“), die Region um Warschau übernahmen die Deutschen und ebenfalls unter deutsche Militärverwaltung gelangte der Nordosten, also Teile der heutigen Staaten Weißrussland, Litauen und Lettland. 1917 wurden dann auch noch Riga und Estland erobert, Regionen, in denen bisher – unter Oberherrschaft der Zaren – der baltendeutsche Adel das Sagen hatte. Ihre von der Memel bis zur Düna reichende, ca. 112.000 qkm umfassende und von knapp drei Millionen Menschen bewohnte Besatzungszone nannten die Deutschen Ober Ost.

Herbert Eulenberg
Von einem jüdischen Ober Ost-Heimatvertriebenen aus Kowno/Kaunas berichtet auch der nicht-jüdische Schriftsteller Herbert Eulenberg (1876-1949) in seinem Text Jüdischer Maurer, der zu einer gleichnamigen Steinzeichnung des 1923 nach Palästina ausgewanderten Berliner Malers und Radierers Hermann Struck (1876-1944) entstand. Bild und Text erschienen 1916 in dem seiner „Exzellenz dem Herrn Ersten Quartiermeister General der Infanterie Ludendorff“ gewidmeten Prachtband Skizzen aus Litauen, Weißrussland und Kurland, „hergestellt in der Druckerei des Oberbefehlshabers Ost“ (vgl. Rusel 176- 83):
Jüdischer Maurer
„Ich bin Schmerl, der Muler. Ich kann malen, mauern und tünchen. Was
soll ich Euch sonst noch von meinem Leben erzählen? Meine Frau ist
mir gestorben im Krieg. Meine drei Söhne sind bei der russischen Armee.
Ob gefallen, ob gefangen, ich weiß es nicht […] Die Russen sind
gekommen und haben uns gesagt: „In vierundzwanzig Stunden müßt Ihr
aus Kowno sein. Wer morgen Nachmittag nach vier Uhr noch angetroffen
wird, wird totgeschossen.“
„Hab ich drei leibliche Söhne bei Eurer Armee stehen“, hab’ ich gesagt.
„Kannst Du darum nicht für die verdammten Deutschen Spionagedienste
tun?“ hat es geheißen.
„So wahr ich meine Kinder liebe, hab’ ich nie einen Deutschen gesehen“,
hab’ ich beschworen.
„Ihr verfluchten Juden seid alle selber halbe Deutsche“, hat man mich
angeschrien.
„Meine Frau ist schwanger im achten Monat“, hab’ ich wieder gesagt.
„Sie kann sterben mitsamt dem Kind auf der Flucht.“
„Schon recht! So sind zwei Juden weniger auf der Welt!“ haben sie
mich ausgelacht. Also sind wir abgezogen in vierundzwanzig Stunden:
Greise, Kranke, Schwangere, Kinder, Tolle, Säuglinge. Alles durcheinander,
wie ein Rudel Hunde, die man einfängt und verjagt. Eso viel
Jammer ist noch nicht dagewesen auf der Welt. Was uns unsere Lehrer
erzählt haben von der Austreibung unseres Volkes aus Spanien in früheren
Jahrhunderten, ist ein Kinderspiel gewesen gegen die Schrecken und
die Verzweiflung, die wir durchgemacht haben. Und wenn ich tausend
Jahre alt würde, das könnt’ ich den Russen nie vergessen, was sie uns
angetan haben!“
Und Schmerl, der Muler, weint, und seine Tränen tropfen in die Lehmspeise,
und er streicht und schmiert mit seinen Tränen die Wände zu neuen Häusern.
(Struck / Eulenberg o.S.)
Eulenbergs, die Sympathien seiner deutschen Leser für die im Osten bedrängten Juden weckender Text war keine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Kriegspublizistik. Vergleichbare Töne finden sich z.B. in einem dem Thema „Ostjuden“ gewidmeten „Kriegsheft“ der einflussreichen Süddeutschen Monatshefte vom Februar 1916. Starke Sympathien für das kaiserliche Deutschland gab es weltweit in den jüdischen Gemeinschaften. In das Kapitel über den Ersten Weltkrieg seiner 1960 erschienenen Monographie Die Juden in Deutschland hat H.G. Adler zwei Strophen eines Gedichts aufgenommen. Die lauten so:
Ich bin ganz fremd zum Teuton,
Es ist der Jid in mir, wo redt –
Doch wünsch ich Segen Deitschlands Fohn,
Wos flattert über Rußlands Stedt. ...
Mein Lied der deitschischen Nation,
Hoch for dem Kaiser und sein Land,
Hoch for sein Mut und seine Fohn!
Und hoch for sein gesegnet Hand! (Adler 136)
Die Verse mit dem Segenswunsch für Kaiser Wilhelm II. stammen von Morris Rosenfeld, dem 1862 in Boksze bei Suwalki geborenen und 1882 via England in die USA ausgewanderten und 1923 in New York verstorbenen jiddischen Dichter. Sie lassen ahnen, wie weit die Parteinahme für Deutschland unter den Juden ging, auch in den bis 1917 neutralen Vereinigten Staaten, wo jiddische Zeitungen nach dem Kriegseintritt Amerikas vorzensurpflichtig wurden – wegen ihrer notorisch deutschfreundlichen Haltung (Adler 135). Und hatten die Juden der „new immigration“ nicht Grund zu der Erwartung, dass sich unter „Deitschlands Fohn“ die Lage ihrer in Osteuropa zurückgebliebenen Verwandten und Glaubensgenossen bessern werde? Die in Eulenbergs Jüdischem Maurer anklingende Euphorie der ersten Begegnung zwischen „Ostjuden“ und kaiserlich-deutscher Armee beschreibt Sammy Gronemanns Ober Ost-Erinnerungsbuch Hawdoloh und Zapfenstreich von 1924 freilich in leicht sarkastischem Ton:
In den ersten Kriegszeiten […] herrschte eitel Jubel und Begeisterung
ob der Entdeckung der Ostjuden als Wahrer deutscher Art und Sprache.
Es entstanden begeisterte Lobgesänge auf ihre Treue und eine Reihe
deutscher Literaten, beileibe nicht nur Juden, bewiesen in tiefgründigen
Abhandlungen, daß die Ostjuden eigentlich echte und rechte Deutsche
seien, Träger deutscher Kultur, die in unerhörter Zähigkeit und Anhänglichkeit
ihr germanisches Volkstum durch die Jahrhunderte slawischer
Unterdrückung gewahrt hätten. Im kaiserlichen Hauptquartier wurde
eine in Prachtband gefaßte, wundervoll ausgestattete Denkschrift über
diese Materie huldvollst entgegengenommen. – Kaiser Wilhelm wollte
im ersten Impuls die sofortige Entlassung aller ostjüdischen Kriegsgefangenen
verfügen, ein Entschluß, der noch glücklich verhindert wurde
– er hätte Tausenden russisch-jüdischer Soldaten das Leben gekostet –,
die Namen Silberfarb und Mandelstamm, einst das Objekt ironischer
Bemerkungen des Reichskanzlers Bülow, galten jetzt als Symbole jüdisch-
deutscher Mannentreue und das Wort „Ostjude“ war wohlgefällig
in den Augen deutschnationaler Patrioten. Es wurde eine richtiggehende
politische Aktion veranstaltet; der Feldmarschall Hindenburg und Exzellenz
Ludendorff ließen Proklamationen, sogar durch Flugzeuge, in
jiddischer Sprache an die Juden in Litauen und Polen verbreiten, in denen
die Befreiung der armen russischen Juden vom zaristischen Joch
durch die freiheits- und judenfreundlichen Heere angekündigt und die
enge Zusammengehörigkeit und geistige Verwandtschaft von Deutschen
und Juden dargelegt wurde. Kurz – es sah fast so aus, als ob Kaiser Wilhelm
seinen Heerbann eigens zur Rettung seiner vielgeliebten Ostjuden
aufgerufen hätte. (Gronemann, Hawdoloh 32 f.)
Die durch Berichte über das judenfreundliche Vorgehen der deutschen Armee befestigte deutschfreundliche Haltung der amerikanischen Juden wurde getragen von jenen über zwei Millionen jüdischen Auswanderern, die zwischen 1881 und 1914 aus Osteuropa in die USA gelangten. Man kann diese Auswanderung osteuropäischer Juden als Teil jenes transatlantischen Massenexodus sehen, der aus dem sich von einer Agrar- zur Industriegesellschaft wandelnden Europa in den Jahrzehnten 1850 bis 1920 an die 60 Millionen Europäer in die USA führte (die Bevölkerung Irlands schrumpfte damals von 8 auf 4,5 Millionen), aber auch nach Südamerika (11 Millionen), nach Australien, Neuseeland und nach Südafrika. Verlauf und Ursachen dieser gigantischen Ost-West-Migration hat Klaus Bade in seiner Gesamtdarstellung Europa in Bewegung (2000) benannt: der rapide Geburtenanstieg in Europa, dessen Bevölkerung im 19. Jahrhundert trotz der Auswanderung nach Übersee von ca. 180 auf knapp 490 Millionen wuchs, die Ernährungsprobleme, der soziale Wandel, die verkehrstechnischen Revolutionen (Dampfschiff und Eisenbahn), der „Menschenhunger“ der Neuen Welt mit ihrer dem Ansturm der Europäer nicht gewachsenen autochthonen Bevölkerung.
Die jüdische Auswanderung aus Russland setzte allerdings vergleichsweise spät ein, um 1880. Und ihre Ursache war zwar gewiss auch der soziale und wirtschaftliche Druck, der auf den jüdischen Gemeinschaften lastete, ihr Auslöser allerdings waren die judenfeindliche Politik der russischen Regierung nach der Ermordung Alexanders II. im März 1881, Auslöser waren die Pogrome und das Zusammenpferchen im seit 1804 bestehenden sog. Ansiedlungsrayon. 500.000 Juden wurden 1882 gezwungen ihre Heimatorte zu verlassen und aus ländlichen Siedlungsgebieten in Städte und Schtetl zu ziehen, 250.000 trieb man von der Westgrenze Russlands ins Innere des Rayons, 700.000 wurden aus östlichen Regionen in den Rayon zurück gezwängt, darunter die 20.000 Moskauer Juden (vgl. Dubnow und Hildermeier).

Arnold Zweig
Schon in den 80er Jahren herrschte in Jüdisch-Russland jene „reibungsvolle Enge“, die (auf den Leser je nach Disposition abstoßende oder sein Mitleiden provozierende Weise) Arnold Zweig 1919 in Das ostjüdische Antlitz
…an den Fischkästen großer Speisehäuser veranschaulicht […], wo zwischen
engen Glaswänden so viele Fische eingepfercht sind, daß sie nur
gerade noch vom Wasser […] umspült sind, sonst aber, Fisch an Fisch
gepreßt, gegen die durchsichtige unnachgiebige Schranke gedrückt, mit
dem Maule an der Oberfläche des Kastens hängen oder am sandigen
Grunde festhalten – nicht anders drängt sich der Jude in den kleinen und
größeren Städten des Ostens zusammen […] (Zweig, Antlitz 19)
Die russische (aber auch rumänische) Politik der Nicht-Gewährung bürgerlicher Rechte für die jüdischen Bewohner kontrastierte dabei scharf mit der Situation in den westlichen Regionen Europas und in den USA, wo die formalrechtliche Gleichstellung der Juden schon 1776 (Religions- und Gewissensfreiheit in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung) erfolgt war bzw. 1789 in Frankreich, 1831 in Belgien, 1858 Großbritannien, 1866 Österreich, 1867 Ungarn, 1870 Italien, 1871 Deutsches Reich, 1873 Schweden, 1874 Schweiz, 1891 Norwegen, 1910 Portugal. Die Jahreszahlen markieren jeweils den Abschluss des rechtlichen Gleichstellungs- bzw. Emanzipationsprozesses, wobei es viele Vor- und Zwischenstufen gab, etwa im 18. Jahrhundert die sog. Toleranzpatente, die den Juden gewisse Rechte einräumten, ihnen andere aber weiterhin versagten, z.B. den Zugang zum Beamtentum und zur Offizierslaufbahn, das aktive und passive Wahlrecht usw. Die Emanzipation der Juden in West- und Teilen Mitteleuropas war allerdings mit einem schon für die Aufklärung charakteristischen Vorbehalt versehen: Den Juden als Nation sei nichts zu geben, dem einzelnen Juden als Individuum hingegen alles. Der Preis für die Emanzipation war die Assimilation bzw. Akkulturation, oft bis zum Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft, bis zur Taufe, dem „Entréebillet zur europäischen Kultur“, wie Heine seine Taufe von 1825 genannt hat. Die Lorelei habe er „aber sicher nach der Taufe gemacht“, lässt Spötter Sammy Gronemann in seinem in Ober Ost-Tagen entstandenen Roman Tohuwabohu (1920) Frau Pastor Marie Bode im deutsch-protestantischen Pfarrhaus von Borytschew plappern, jene wiedergeborene Daja aus Lessings Nathan, die freilich weniger an Engel glaubt denn daran, „daß die Juden in ihr Osterbrot Christenblut hineintun“ (Gronemann, Tohuwabohu 154 f.). Viel wurde im Jahrhundert der Emanzipation darüber gesprochen, was die Juden für ihre Gleichstellung alles aufzugeben hätten (ihr sonderbares Juden-Deutsch, ihre auffällige Kleidung, ihre traditionelle Rechtsprechung, ihre befremdenden Gottesdienstformen usw.), nur sehr selten wurde von christlicher Seite überlegt, ob man selbst im Verhältnis zu den Juden vielleicht auch etwas aufgeben müsste (z.B. den Gottesmordvorwurf oder das Hostienschänden- und Ritualmordgeglaube), und fast nie wurde gefragt, was die Juden denn als Juden der europäischen Kultur vielleicht zu geben hätten (vgl. Scholem 40). Indirekt findet sich diese Grundhaltung gegenüber den Juden des besetzten Gebiets auch in jener knapp 500 Seiten umfassenden amtlichen Darstellung Das Land Ober Ost, in der die Pressabteilung Ober Ost im Herbst 1917 die „deutsche Arbeit in den Verwaltungsgebieten Kurland, Litauen und Bialystok-Grodno“ dokumentierte und in der sie Interessantes über litauische Volkspoesie und litauische Ornamentik und „weißruthenisches Volksrecht“ mitzuteilen hat, in der das Jiddische dann aber mit einem deutsch-jiddischen Mischmasch-Text (Eine „Gebitte“) präsentiert wird, der im deutschen Leser allenfalls ein schmunzelndes westliches Überlegenheitsgefühl zu wecken vermag (Das Land Ober Ost 70 f.). Auch in den Kapiteln Land und Leute sowie Wilna – Ein Kultur- und Städtebild dominiert ein Ostjuden-Bild, das kaum freundliche Züge enthält, dafür ausführlich von Schmutz und Enge und Lärm und „Überbleibseln finstersten Mittelalters“ spricht (ebd. 18 f., 45-50). Eher am Rande erwähnt wird das „schon reich entwickelte jiddische Schrifttum [, das] auch den Ärmsten der Armen wenigstens einen Blick in ihnen unbekannte Welten erschließt“ (ebd. 19). Am gründlichsten wird in der Ober Ost-Anthologie über die jüdischen Kultusgemeinden informiert, im Kapitel Glaubenszwang und Gewissensfreiheit, das mit der beruhigenden Feststellung schließt:
Nach Besetzung des Landes durch die Deutschen hat natürlich jede Verfolgung
aufgehört; religiöser Friede herrscht in dem schwer heimgesuchten
Lande, dessen Verwaltung jede Konfession schützt und alles tut,
um die kirchlichen Bedürfnisse jedes Landeseinwohners zu befriedigen.
(ebd. 368)
Wenn also im Ersten Weltkrieg der amerikanisch-jiddische Dichter Rosenfeld dem deutschen Kaiser und dem deutschen Heer den Sieg wünschte, so lässt sich dieser Wunsch mit der Erwartung erklären, dass der Sieg der Kulturnation Deutschland über das brutal-barbarische Russland eine Verbesserung der Lage der Juden bringen werde – so die Überzeugung der nach Amerika ausgewanderten osteuropäischen Juden. „Ich bin ganz fremd zum Teuton“, schrieb Rosenfeld, so dass ein anderes Motiv für seine prodeutsche Haltung hier nicht in Betracht kommt, das Gershom Scholem in seinem Vortrag Deutsche und Juden 1966 als das „sehnsüchtige Schielen nach dem deutschen Geschichtsbereich“ charakterisiert, fast möchte ich sagen: denunziert hat. „Aus den Objekten aufgeklärter Duldung“, heißt es bei Scholem, „wurden nicht selten lautstarke Propheten, die im Namen der Deutschen selber zu sprechen sich anschickten“ (26).

Thomas Mann
Thomas Mann hat das Problematisch-Gefährliche, ja Mörderische dieser mentalitätsgeschichtlichen Konstellation im Sommer 1946 im Fitelberg-Monolog seines Doktor Faustus aufbewahrt:
Nun, ich bin Jude, müssen Sie wissen, – Fitelberg, das ist ein eklatant
jüdischer Name. Ich habe das Alte Testament im Leibe, und das ist eine
nicht weniger ernsthafte Sache als das Deutschtum […] man ist als Jude
im Grunde skeptisch gesinnt gegen die Welt, zugunsten des Deutschtums,
auf die Gefahr hin natürlich, Fußtritte einzuhandeln für seine Neigung.
Deutsch, daß [sic!] heißt ja vor allem: volkstümlich – und wer
glaubte einem Juden Volkstümlichkeit? Nicht nur, daß man sie ihm
nicht glaubt, man gibt ihm ein paar über den Schädel, wenn er die Zudringlichkeit
hat, sich darin zu versuchen. Wir Juden haben alles zu
fürchten vom deutschen Charakter […] Volkstümlichkeit wäre für uns
eine den Pogrom herausfordernde Frechheit. Wir sind international –
aber wir sind pro-deutsch, sind es wie niemand sonst in der Welt, schon
weil wir gar nicht umhinkönnen, die Verwandtschaft der Rolle des
Deutschtums und des Judentums auf Erden wahrzunehmen. Une analogie
frappante! Gleicherweise sind sie verhaßt, verachtet, gefürchtet, beneidet,
gleichermaßen befremden sie und sind befremdet. Man spricht
vom Zeitalter des Nationalismus. Aber in Wirklichkeit gibt es nur zwei
Nationalismen, den deutschen und den jüdischen, und der aller anderen
ist Kinderspiel dagegen […] Die Deutschen sollten es den Juden überlassen,
pro-deutsch zu sein. Sie werden sich mit ihrem Nationalismus,
ihrem Hochmut, ihrer Unvergleichlichkeitspuschel, ihrem Haß auf Einreihung
und Gleichstellung, ihrer Weigerung, sich bei der Welt einführen
zu lassen und sich gesellschaftlich anzuschließen, – sie werden sich
damit ins Unglück bringen, in ein wahrhaft jüdisches Unglück […] Die
Deutschen sollten dem Juden erlauben, den médiateur zu machen zwischen
ihnen und der Gesellschaft, den Manager, den Impresario, den
Unternehmer des Deutschtums – er ist durchaus der rechte Mann dafür,
man sollte ihn nicht an die Luft setzen, er ist international, und er ist
pro-deutsch ... (Mann 544-47)
„Unternehmer des Deutschtums“ – waren das nicht auch jene wackeren preußenfreundlichen jüdischen Gelehrten (vgl. Morgenstern) wie Joseph Carlebach oder Leo Deutschländer, die in Kowno, Bialystok und anderen Orten von Ober Ost ein Zusammengehen von deutscher und jüdischer Kultur anstrebten? Wie man solche „Symbiose“ sich als Bildungsprogramm, als „jüdisches Erziehungswerk“, vorzustellen hat, zeigt Leo Deutschländers „jüdisches Lesebuch“ Westöstliche Dichterklänge, dessen Vorwort auf „Hauptquartier Ost, März 1918“ datiert ist. Für den „deutschen (Mittelstufen-) Unterricht in den jüdischen Schulen Polens und Litauens“ hat Deutschländer seine Anthologie konzipiert, für ein „bildungsdürstendes Geschlecht, das sehnend über die Tore des Gettos hinweg nach fremden Geisteshallen geschaut“ (Deutschländer, IV; vgl. Gronemann Erinnerungen an meine Jahre in Berlin 263-267).
Gershom Scholem analysierte in seiner Rede von 1966 auch, woher das „Schielen“ nach der deutschen Kultur rührte. Zum einen war es eben diese deutsche Kultur, der die Juden in Deutschland, Österreich-Ungarn und in Osteuropa als erster begegneten, als sie ihr Ghetto nach 1750 verließen. Und sie brachen zum anderen in die deutsche Kultur auf, als diese ihre erstaunlichste Entfaltung erlebte – mit Gestalten wie Lessing, Herder, Goethe oder Schiller. Die Verehrung der Juden für diese Großen war immens, besonders für Schiller, der zugleich im 19. Jahrhundert der wirkliche Nationaldichter der Deutschen war. „Die Begegnung mit Friedrich Schiller war für viele Juden realer als die mit den empirischen Deutschen“ (Scholem 30). In ihrer Intensität und ihrem Umfang hat der Übertritt der Juden ins Deutsche „keine Parallele in den Begegnungen der Juden mit anderen europäischen Völkern“ (ebd. 29). Aber den Deutschen war dieser Ansturm der aus dem Ghetto ins Deutsche (und nach Deutschland) strebenden Juden auch unheimlich. Der von den Deutschen gewährten politischen Emanzipation „stand keine gleiche Bereitschaft zur rückhaltlosen Aufnahme in die kulturell aktive Schicht gegenüber“ (ebd. 39), so dass es von Anfang an ein „falscher Start“ war, der die Beziehungen der beiden Gruppen, der Juden und der Deutschen, prägte.
Scholems zionistischer Interpretation des deutsch-jüdischen Verhältnisses ist schwer zu widersprechen. Hatte also Victor Klemperer unrecht, der – schon eingepfercht ins Dresdner „Judenhaus“ – im Sommer 1941 nach der Lektüre von Sammy Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich seinen eigenen Aufenthalt in Kaunas 1916 erinnert und seine eigene Identität überdenkt? Gronemanns Verherrlichung der Ostjuden und seine Polemik gegen den „haltlosen und verräterischen Assimilationsjuden Deutschlands“, sein Ruf zum Aufbruch nach Zion, „das auch das eigentliche Vaterland der deutschen Juden sei,“ waren Klemperer ein Gräuel (Klemperer 481). Mit dem „ostjüdischen Volk“, den schreienden Zeitungsverkäufern, Droschkenkutschern, Friseuren und spielenden Kindern in den Straßen von Kowno oder den „’Lernenden’ in einer Wilnaer Talmudschule“ habe er als Deutscher nicht mehr „Gemeinschaft“ als mit den Kutschern, Zeitungsjungen, Kindern oder Fischern in Neapel (ebd.). Juden in Russland bzw. in Osteuropa und Juden in Deutschland lebten für Klemperer durch ihre völlig unterschiedliche kulturelle Prägung in geschiedenen Welten, auch wenn Klemperer in Kaunas durch die Erzählungen eines Angehörigen des Presseamtes, im Zivilberuf Berliner Börsenmakler, bewusst wurde, welche „Verflochtenheit“ zwischen den Juden „diesseits und jenseits der Grenze“ Deutschlands bestand (ebd. 484). Diese „Verflochtenheit“ hat Gronemann in seinem 1920 erschienenen Roman Tohuwabohu zur beißenden Satire auf das Berliner assimilierte Judentum der Kaiserzeit benutzt.

Victor Klemperer
„Ließ sich die Trennung behaupten, die mir so wesentlich war?“, erinnerte sich Klemperer 1941 an die ihn in Kaunas bewegende Frage aus dem Ersten Weltkrieg (vgl. Faber 145- 166):
Aber ich fand meine Sicherheit wieder. Für mich bestand die Kluft. Ich
war in Deutschland geboren, ich hatte nichts anderes eingeatmet als
deutsche Luft, als deutsche Geistigkeit; ich konnte nichts anderes sein
als Deutscher. Ich notierte in meinen Tagebuchbriefen: „’Wäre ich in
Paris geboren, ich wäre Christin geworden’, sagte die Mohammedanerin
Zaire. Die kulturelle Atmosphäre entscheidet, nicht das Blut. – Nein,
auch das ist mir zu materialistisch, zu unfrei gedacht. Es stimmt vielleicht
für die meisten Menschen, für alle nicht. Wenn mein Ich es will,
kann mich die Umgebung so wenig halten wie das Blut. Gibt es einen
besseren Deutschen als Franzos’ Pojaz, den die Sehnsucht aus Halbasien
nach Deutschland führt? Der Geist entscheidet von sich aus ...“ (Klemperer 484 f.)
Hat Klemperer hier – so lässt sich zynisch fragen – die Rechnung ohne den Wirt gemacht? Oder ohne das „Wirtsvolk“, um den bösen an Schmarotzer, Parasiten und Krankes gemahnenden Terminus aufzugreifen, mit dem Scholem seine Hörer erschreckt (Scholem 32). Denn ohne Anerkennung durch die Autochthonen kann ich nicht Teil des anderen Kollektivs werden, oder – wie Theodor Herzl 1896 formulierte: „Wer der Fremde im Lande ist, das kann die Mehrheit entscheiden“ (Judenstaat 16). Natürlich hatte Klemperer recht – aus heutiger Sicht: Wer wollte es einer 35-jährigen verwehren, die in die USA ausgewandert ist und sich dort 15 Jahre später als Amerikanerin fühlt, wie die Amerikaner denkt und argumentiert und ihr schon halbvergessenes Deutsch nur noch mit amerikanischem Akzent spricht, sich als Amerikanerin zu bezeichnen? Und wünschen wir uns nicht von dem türkischen Nachbarsbuben, dass er Fan des FC Bayern wird, deutsche Manieren annimmt und sich von seinen Klassenkameraden möglichst rasch nur noch durch Haar- und Augenfarbe unterscheidet, aber nicht mehr durch eine andere Mentalität? Würden wir der neugebackenen Amerikanerin deutschen Selbsthass vorwerfen, dem Schulbuben türkischen Selbsthass? Von gelungener Integration oder Akkulturation sprächen wir (vgl. Hansen 160). Und wächst nicht sogar die Einsicht, dass sich Identitäten im Verlauf eines Lebens verändern können, dass sie sich auch aus unterschiedlichen Ingredienzien zusammensetzen, dass sie „hybrid“ sein können, dass ein Kollektiv vielleicht gar nicht das Recht hat, einen Einzelnen voll und ganz für sich zu beanspruchen, zu vereinnahmen? Das 19. und das 20. Jahrhundert haben darüber zumeist anders gedacht.
Vielleicht sollten wir – auch in unserer Beschäftigung mit Ober Ost – beim Thema Identität jenen mehr Aufmerksamkeit schenken, die ich – in Ermangelung eines glücklicheren Terminus – als „Überläufer“ aus der „großen“ bzw. dominanten in die „kleine“ bzw. unterlegene Gruppe bezeichnen möchte. Denn auch das ist ja eine Reaktion, die die Begegnung mit (angeblich) Schwächeren in mir auslösen kann: den Wunsch, zu ihnen, zu den Opfern, zu gehören. Das scheint z.B. auf Victor Jungfer zuzutreffen, Offizier in der Presseabteilung von Ober Ost, der 1919 den „Kulturroman“ Das Gesicht der Etappe veröffentlichte, dessen Held sich angesichts der brutalen und heuchlerischen deutschen Okkupationspolitik (Jungfer 233-263: Schilderung eines KZ-artigen Gefangenenlagers!) Schritt für Schritt in einen Litauer zu verwandeln versucht ... (vgl. Liulevičius 239 ff.). Oder man denke an Alfred Brusts (auch er war bei der Presseabteilung von Ober Ost) mir immer noch rätselvollen Roman Die verlorene Erde von 1926, in dem ein Graf aus altem Pruzzengeschlecht zum Judentum übertritt und bei einem Pogrom in Wilna ums Leben kommt. Welche Ober Ost-Erfahrungen könnten Brust zu dieser Romankonstruktion veranlasst haben? Oder ist für den pruzzisch-jüdischen Grafen jener Walentyn Graf Potocki Vorbild, der sich in Amsterdam „zum Judaismus bekehrte und trotz Folter dem neuen Glauben nicht abschwor“ und der 1749 als Häretiker in Wilna auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde? (Miłosz 47 f.) Ein drittes und letztes Beispiel für die Figur des „Überläufers“ auf die Seite der (scheinbar) Unterlegenen bietet mir Bertin, der Schipper aus Zweigs Roman Junge Frau von 1914, den der Krieg u.a. nach Üsküb auf dem Balkan verschlägt.
Hier verschwinden, sich umkleiden […] und als würdevoller spaniolischer
Jude mit Lammfellmütze und gekreuzten Beinen in einem kleinen
Laden sitzen und Tabak verkaufen, türkischen Honig oder Goldschmiedewerk! (229 f.)
Es bleibt in Zweigs Roman bei diesem orientalistischen Tagtraumbild, aber dies Bild zeigt Bertins Sehnsucht (und die des Autors wohl auch) nach einer anderen, vormodernen, orientalisch-mediterranen, ungebrochen jüdischen Identität (vgl. Hermand 81, Claussen 319).
* * *
Avraham Barkais 2002 erschienene Studie über den 1893 gegründeten „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, die vielleicht zu einer Rehabilitierung des jahrzehntelang als „Centralverein jüdischer Staatsbürger deutschen Glaubens“, als rückgratloser Assimilantenclub, geschmähten C.V. in der jüdisch-zionistischen Historiographie beitragen wird, hat ebenso wie Ulrich Siegs weithin gerühmte Marburger Habilitationsschrift Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg (2001) auf breiter Materialbasis die Kriegserfahrungen deutscher Juden ab dem „Burgfrieden“ und „Augusterlebnis“ von 1914 – den „Flitterwochen des Krieges“ (Gronemann Erinnerung an meine Jahre in Berlin 159) –, über die „Judenzählung“ im Oktober 1916 bis zum Kriegsende und zur Revolution rekonstruiert, wobei in beiden Untersuchungen auch das Thema „Ostjudentum“ breiten Raum einnimmt, ähnlich wie schon 1997 im dritten Band der von Michael M. Meyer herausgegebenen Deutschjüdischen Geschichte in der Neuzeit. Veijas Gabriel Liulevičius’ 2002 auch auf Deutsch erschienene, durch eine litauische Perspektive geprägte Studie War Land on the Eastern Front. Culture, National Identity, and German Occupation in World War I (2000) fragt u.a. nach dem „Ostfronterlebnis“ der deutschen Soldaten, nicht nur der jüdischen, und untersucht, wie die „Kolonisierung“ von Ober Ost funktionierte und wie die betroffenen ethnischen Gruppen auf die deutsche Militärherrschaft und deren „Kulturarbeit“ reagierten. Wir wissen allerdings auch nach Liulevičius’ gewichtiger Untersuchung immer noch viel zu wenig über das Bild der Weltkriegs-Deutschen in litauischen, lettischen, polnischen, russischen oder jiddischen zeitgenössischen Quellen. Trotz dieser in den letzten Jahren entstandenen breiten Forschungsbasis, zu der auch mehrere Beiträge zur Potsdamer Arnold-Zweig-Konferenz von 1999 (Bernhard/Schlör 2004) oder die Dissertationen von Eva Raffel über das „östliche Judentum im Werk von Joseph Roth und Arnold Zweig“ (2002) sowie von Frank Schuster über die „Lebenswelten“ osteuropäischer Juden während des Ersten Weltkrieges (2004) zu zählen sind, will es mir nicht gelingen, die im Ersten Weltkrieg, in den 20er und 30er Jahren oder auch später entstandenen Essays, Tagebücher, Erinnerungen, Romane von Alfred Brust, Richard Dehmel, Herbert Eulenberg, Paul Fechter, Hans Frentz, Sammy Gronemann, Viktor Jungfer, Victor Klemperer, Hermann Struck oder Arnold Zweig umstandslos in den wissenschaftlich solide ausgeleuchteten politik-, ideen-, mentalitäts und sozialgeschichtlichen Kontext einzuordnen. Davon halten mich – wenn diese Selbstbefragung gestattet ist – neben anderen Hemmungen vor allem all die Echos ab, die aus jenem Abgrund tönen, der uns von den deutsch-jüdischlitauischen Begegnungen im Ersten Weltkrieg trennt. Daraus resultiert ein methodisches Problem. Die vom Ersten Weltkrieg und Ober Ost handelnden Texte werden von uns Späteren vielleicht zu beharrlich auf Signale des kommenden Unheils abgehorcht, des „Weltuntergangs“ (vgl. Taterka). Das zeigt: Keiner dieser Texte kann mehr so gelesen werden, als habe es Auschwitz und die Shoah nicht gegeben.
* * *
Sammy Gronemann behauptet in der Warnung! überschriebenen Einleitung zu Hawdoloh und Zapfenstreich, dem zweifellos aufschlussreichsten Text über die „ostjüdische Etappe“, dass er niemanden „belehren“ werde und auch „kein pädagogisches Talent“ in sich „verspüre“. Aber gerade Gronemann – und Victor Klemperer hat das 1941 sehr genau und voll Abneigung wahrgenommen – exemplifiziert sehr zielstrebig eine ganz bestimmte Lehre am Beispiel von Ober Ost, die Lehre Theodor Herzls nämlich, wonach die „Judenfrage“ weder eine soziale sei, noch eine religiöse, sondern eine nationale: „Wir sind ein Volk, ein Volk“, hatte Herzl in seiner „Staatsschrift“ Der Judenstaat 1896 proklamiert (Herzl 16). Wie weit sich der jüdische Nationalismus zwanzig Jahre später in Kaunas durchgesetzt hatte, lässt Gronemann u.a. in seiner Beschreibung des von Joseph Carlebach geleiteten Kownoer Gymnasiums erkennen, einer „durch und durch hebraistisch-nationaljüdischen Institution“ (Gronemann, Hawdoloh 210), einer Schule, an der auch „Intellektuelle“ von Ober Ost Vorträge hielten, u.a. Sammy Gronemann selbst, Arnold Zweig und Hermann Struck, dessen in Ober Ost entstandene jüdische Porträts nicht wenigen Betrachtern als ebenso authentische Bilder authentischen Ostjudentums erscheinen wie Roman Vishniacs Fotographien aus den Jahren 1935 bis 1939. 1916 nahm Gronemann am Chanukkafest des Gymnasiums teil:
Die Kinder hatten durch allerhand Darbietungen in Hebräisch, Jiddisch
und Deutsch ihre Fähigkeiten gezeigt und das offizielle Programm war
erledigt. Das Publikum, das den Saal bis auf den letzten Platz füllte –
auch die Behörden, der Stadthauptmann, der Schulrat, der Feldrabbiner
waren anwesend – klatschte freudig Beifall und die Mitwirkenden verbeugten
sich auf dem Podium. Da wurde auf der Bühne plötzlich die
Hatikwah angestimmt. Alle erhoben sich – zuletzt auch der Rabbiner –
fielen in den Gesang ein oder hörten ihn doch respektvoll an. Nachher
gabs einen Mordskrach: Carlebach hielt den Schülern […] eine Standpauke,
dahingehend, daß seine Schule nicht zionistisch und nicht national-
jüdisch sei. Er verbiete das Singen der Hatikwah in den Räumen der
Schule. (Gronemann, Hawdoloh 212 f.)
Ein Jahr später, zu Chanukka 1917, war Gronemann erneut in der Aula des Gymnasiums, aber dieses mal war es der Agudist Joseph Carlebach selbst, der die Versammelten zum Schluss aufforderte,
„sich von Ihren Plätzen zu erheben und unsere Hymne, die nationale
Hymne des jüdischen Volkes, die Hatikwah, anzuhören!“
Das war ein Umschwung und ein Erfolg, in gleicher Weise ehrenvoll für
Schüler und Lehrer. Carlebach hat mir oft gesagt, wieviel er in jener
Zeit in Kowno gelernt und wie er sich davon überzeugt hat, daß die nationale
Begeisterung und der nationale Wille der jüdischen Jugend anzuerkennen
sind und daß daran vorüberzugehen blöd und verbrecherisch
sei. (Ebd. 213; vgl. Carlebach)
Von 1915 bis 1920 war Carlebach am Kownoer Gymnasium, das sich zu einer „schülerorientierten Hochburg“ entwickelte und mit seiner Synthese aus traditionellen religiösen Elementen, säkularem Wissen und modernen Lehrmethoden als Vorbild für die jüdischen Gymnasien in Memel, Riga und Wilna diente. Ab 1921 leitete der große Pädagoge Carlebach die Talmud-Tora-Schule in Hamburg; er wurde 1926 Oberrabbiner der Altonaer, 1936 der Hamburger Gemeinde. Am 6. Dezember 1941 wurde er ins KZ Jungfernhof bei Riga deportiert, wo er „im Geheimen für Schulunterricht und Erwachsenenbildung (sorgte), für Gottesdienst, für leuchtende Chanukkakerzen und für würdige Worte für jeden Einzelnen der so vielen Toten“ (Gillis-Carlebach 11). Am 26. März 1942 wurde er in einem Wald bei Riga mit seiner Frau und seinen dreizehn, vierzehn und fünfzehn Jahre alten Töchtern Sara, Noemi und Ruth ermordet.
Darf man, muss man fragen, ob die Hatikwah-Sänger im Kaunas der Jahre 1916/17 und die ihr die Stichworte und die Begeisterung gebende jüdische Nationalbewegung die Bedrohung der Juden Europas richtiger eingeschätzt hatten als Joseph Carlebach, der letzte orthodoxe Rabbiner Deutschlands? Was soll solches Fragen? Steckt dahinter nicht doch ein Versuch des nachgeborenen deutschen Lesers dieser Zeugnisse, zur eigenen Entlastung den jüdischen Opfern selbst noch Mitverantwortung an ihrer Vernichtung aufzubürden? „Lauft, Leute“, heißt es in Johannes Bobrowskis Erzählung Rainfarn von 1964 über die aus Tilsit über die Luisenbrücke ins noch litauische Memelgebiet flüchtenden Familien, die „erst wieder stehn bleiben (können) und atmen, wo Deutschland zuende ist“ (Bobrowski IV 116) – sie hätten ja alle fortlaufen können ... Aber wohin denn? (vgl. Kieffer) Zev Birger, Direktor der Internationalen Buchmesse Jerusalem, 1926 in Kaunas geboren, auch er Schüler des jüdischen Gymnasiums und sehr zionistisch und ohne jede Assimilationstendenzen aufgewachsen, erzählt in seiner Autobiographie Mein Weg von Kaunas nach Jerusalem (1997), dass in seiner Familie erst 1939 über Auswanderung gesprochen wurde. „Aber da war es eigentlich schon zu spät […] Wir wollten – wie so viele – einfach nicht glauben, daß die Deutschen in Litauen einfallen könnten“ (Birger 23).
Und als die Deutschen dann doch kamen, im Juni 1941, werden manche Juden in Kaunas sich erinnert haben an die Jahre 1915 bis 1918, als es so schlimm doch gar nicht war, mit diesen deutschen Besatzern und den eigens für jüdische Belange verantwortlichen deutschen Soldaten, und die litauischen Juden werden auch deshalb gezögert haben, ins russisch/sowjetische Hinterland zu flüchten. Ob dieses verhängnisvolle Zögern nicht auch als eine fatale „Spätfolge“ des ostjüdischen Engagements von Hermann Struck und des Dezernats für jüdische Angelegenheiten bei der Militärverwaltung von Ober Ost bewertet werden müsse, fragt 1982 der – auch sonst gegenüber Struck und seinen Aktivitäten sehr kritische – Historiker Stražas von der Universität Haifa. Wie ein Echo aus den Tagen der „ostjüdischen Etappe“ zumindest klingt, was am 10. Juli 1941 das Jüdische Komitee von Kaunas an die deutsche Sicherheitspolizei schreibt, um die angeordnete Ghettoisierung aller jüdischen Einwohner im Stadtteil Vilijampole/Slobodka abzuwenden: Wir hoffen und sind überzeugt, dass Sie die Vertreter eines so kultivierten und starken Volkes mit uns Unglücklichen schon vorher von der Sowjetmacht entrechteten und beraubten Menschen Erbarmen haben werden und uns eine menschenwürdige Lebensmöglichkeit garantieren. (Benz u.a. 181) Das taten die Deutschen nicht.

Karl Jäger
Was sie stattdessen im Sommer und Herbst 1941 in Kaunas und ganz Litauen taten und durch ihnen unterstellte litauische Kollaborateure („Partisanen“) tun ließen, hat der SS-Standartenführer Karl Jäger in seiner in „Kauen, am 1. Dezember 1941“ verfertigten, neun Blätter umfassenden „Gesamtaufstellung der im Bereich des EK. 3 bis zum 1. Dez. 1941 durchgeführten Exekutionen“ akribisch bilanziert:
4.7.41 Kauen – Fort VII 416 Juden, 47 Jüdinnen [Gesamt] 463
6.7.41 Kauen – Fort VII Juden [Gesamt] 2.514
7.7.41 Mariampole Juden [Gesamt] 32
8.7.41 Mariampole 14 Juden und 5 komm. Funktionäre [Gesamt] 19
8.7.41 Girkalinei komm. Funktionäre 6
9.7.41 Wendziogala 32 Juden, 2 Jüdinnen, 1 Litauerin, 2 lit. Komm.,
1 russ. Kommunist [Gesamt] 38
9.7.41 Kauen – Fort VII 21 Juden, 3 Jüdinnen [Gesamt] 24
1.9.41 Mariampole 1763 Juden, 1812 Jüdinnen, 1404 Judenkinder, 109 Geisteskranke, 1 deutsche Staatsangehörige, die mit einem Juden verheiratet war, 1 Russin [Gesamt] 5.090
[…]
4.10.41 Kauen-F.IX- 315 Juden, 712 Jüdinnen, 818 J-Kind. (Strafaktion, weil im Ghetto auf einen deutsch. Polizisten geschossen wurde) [Gesamt] 1.845
29.10.41 Kauen-F.IX- 2007 Juden, 2920 Jüdinnen, 4273 Judenkinder (Säuberung des Ghettos von überflüssigen Juden) [Gesamt] 9.200
[…]
25.11.41 Kauen-F.IX- 1159 Juden, 1600 Jüdinn., 175 J.-Kind. (Umsiedler aus Berlin, München u. Frankfurt a.M.) [Gesamt] 2.934
[…]
(Jäger 52 f.)
Blatt um Blatt füllte Karl Jäger mit den Schreckenstaten seines „Einsatzkommandos 3“. Und jeweils wurde der „Übertrag“ bilanziert: 3.834, 16.152, 66.159, bis die „Summa 137.346“ erreicht war und Jäger auf Blatt 7 formulieren konnte:
Ich kann heute feststellen, dass das Ziel, das Judenproblem für Litauen
zu lösen, vom EK. 3 erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden
mehr, außer den Arbeitsjuden incl. ihrer Familien.
Das sind
in Schaulen ca. 4.500
in Kauen ca. 15.000
in Wilna ca. 15.000
Diese Arbeitsjuden incl. ihrer Familien wollte ich ebenfalls umlegen,
was mir jedoch scharfe Kampfansagen der Zivilverwaltung (dem
Reichskommissar) und der Wehrmacht eintrug und das Verbot auslöste:
Diese Juden und ihre Familien dürfen nicht erschossen werden! […]
Die Durchführung solcher Aktionen ist in erster Linie eine Organisationsfrage.
Der Entschluss, jeden Kreis systematisch judenfrei zu machen,
erforderte eine gründliche Vorbereitung jeder einzelnen Aktion und Erkundung
der herrschenden Verhältnisse in dem betreffenden Kreis. Die
Juden mussten an einem Ort oder an mehreren Orten gesammelt werden.
Anhand der Anzahl musste der Platz für die erforderlichen Gruben ausgesucht
und ausgehoben werden. Der Anmarschweg von der Sammelstelle
zu den Gruben betrug durchschnittlich 4 bis 5 km. Die Juden wurden
in Abteilungen zu 500, in Abständen von mindestens 2 km, an den
Exekutionsplatz transportiert. Welche Arbeit dabei zu leisten war, zeigt
ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel:
In Rokiskis waren 3208 Menschen 4 ½ km zu transportieren, bevor sie
liquidiert werden konnten. Um diese Arbeit in 24 Stunden bewältigen zu
können, mussten von 80 zur Verfügung stehenden litauischen Partisanen
über 60 zum Transport, bzw. zur Absperrung eingeteilt werden. Der
verbleibende Rest, der immer wieder abgelöst wurde, hat zusammen mit
meinen Männern die Arbeit verrichtet. Kraftfahrzeuge stehen zum
Transport nur selten zur Verfügung. Fluchtversuche, die hin und wieder
vorkamen, wurden ausschließlich durch meine Männer unter eigener
Lebensgefahr verhindert. (Jäger 59 f.)
Karl Jäger lebte nach dem Krieg viele Jahre unbehelligt in seiner Heimatstadt Waldkirch bzw. in Heidelberg. Erst im April 1959 wurde er verhaftet. In seinen Vernehmungen durch die Ludwigsburger Holocaust-Experten leugnete er jede Mittäterschaft an der Auslöschung der litauischen Juden. Seinem Gerichtsverfahren entzog sich der inzwischen 73-jährige durch Selbstmord in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1959 (Wette 87).
* * *
In der Literatur zu Ober Ost wird immer wieder auf aus assimiliert deutschjüdischen Familien stammende Soldaten hingewiesen, die durch ihren Aufenthalt in Kowno, Wilna, Grodno oder Bialystok ihre jüdische Identität neu entdeckt hätten. Für den 1875 in Pommern geborenen Sammy Gronemann gilt das nur mit Einschränkungen, denn mit jüdischen Gemeinschaften des östlichen Europa war er schon seit seiner Kindheit und Jugend vertraut. Als Primaner war er „einmal einen Tag in Kowno […], um den berühmten Kownoer Raw Rabbi Jizchak Elchanan Spektor meine Ehrfurcht zu erweisen“ (Gronemann Erinnerungen an meine Jahre in Berlin 208 f.) und in Hawdoloh und Zapfenstreich beschreibt er einen Kindheitsbesuch bei seiner Großmutter und Urgroßmutter 1883 in Jurbarkas nahe Schmalleningken an der Grenze zwischen Preußisch-Litauen und dem Russischen Reich. In der Synagoge von Jurbarkas/ Jurburg/Georgenburg erlebte er als Kind einen Festgottesdienst zu Ehren des Zaren Alexander III. sowie dessen Gemahlin Maria Feodorowna:
Der alte Kantor schlug seine schönsten Triller, als er die Gesetzesrolle
im Arm zwischen dem Stadtkommandanten und dem Polizeichef stehend
das Gebet für das Kaiserpaar sprach. Aber die Triller wollten gar
kein Ende nehmen, als er am Namen der Kaiserin angelangt war, – minutenlang
ging sein immer jammervoller werdendes Tremolieren, sein
Ai–ai–ai–ai–ai, seine Augen rollten hin und her und mit den Armen
schlug er wie hilfeflehend um sich; man wurde ängstlich, als er gar nicht
zum Schluß kam, aber es dauerte recht lange, bis man bemerkte, daß er
den Namen der Kaiserin vergessen hatte, und ihm ihn soufflierte. Mit
unendlicher Verzückung und diesmal sicher echter Freude schmetterte
er dann sein „Maria Feodorowna“ heraus. (Gronemann, Hawdoloh 40;
vgl. Erinnerungen 37)
Zwischen Jurbarkas und Schmalleningken, beide am rechten Ufer der Memel gelegen, verlief 1883 die Grenze zwischen dem Deutschen und dem Russischen Reich. 1919 wurde Schmalleningken mit dem Memelgebiet nach 500jähriger Zugehörigkeit zu Preußen von den Alliierten von Deutschland abgetrennt und von französischen Truppen besetzt, 1923 wurde es von Litauen annektiert, im März 1939 wurde die Region von Hitler „heim ins Reich“ geholt. Mittsommer 1941 kam der Krieg über die beiden kleinen Orte (vgl. Tauber). „Es ist schrecklich in einem Grenzort, wenn du beide Sprachen kennst,“ sagt fünf Jahrzehnte später die ostpreußisch-litauische Bäuerin Lena Grigoleit im Gespräch mit der Historikerin Ulla Lachauer über diese Schreckenszeit in ihrer kleinlitauischen Heimat (Lachauer 42). Und über die Juden, die Sammy Gronemann als Kind 1883 bei der Zarenfürbitte in der Synagoge von Jurbarkas erlebt hatte, erzählt sie 1992:
Nie im Leben werde ich das Geschrei vergessen in diesen ersten Tagen
des Krieges. Ein Geschrei, ach Vater im Himmel, du konntest verrückt
werden! Von jenseits der Grenze schrieen die Juden, sie schrieen,
schrieen, von Jurbarkas und von all den kleinen Dörfern dorten. Sie haben
sie zusammengetrieben. Sie mußten selber ihre Gruben graben, und
dann wurden sie lebendig reingeschmissen. Auch unsere Schmalleningker
Juden, die auf der anderen Seite Quartier bezogen hatten. Die Clara
Berlowicz, von der wir das Haus gekauft hatten, war dabei. Ihre
Schwester, die Frau Simon, die immer so lustig war wegen nichts. Sie
hatten einen Tuchladen schräg gegenüber von uns und so ein liebes
Töchterlein, Ewa. Der Simon ist ein deutscher Krieger gewesen, hat viel
gespendet für das Deutsche Reich. Das hat alles nichts gezählt. Von
Schmalleningken mußten etliche Beamte vom Zoll und von der Polizei
mitschießen. Die wurden gezwungen, einfach abkommandiert und fertig.
Einer, der zurückkam, hat alles erzählt unter Tränen. „Ich kann aus
dem Verstand gehen. Ich bin schon ganz dumm davon.“ Er hatte die
kleine Ewa gesehen, wie sie vor die Grube geschleppt wurde. „Lauf
weg, Mädchen, lauf, ich werde dich nicht sehen.“ – „Nein“, sagte sie,
„wo meine Mutter ist, bleib ich auch.“ Sie haben sich umfaßt und fielen
zusammen ins Grab. (Lachauer 44 f.)
* * *

Sammy Gronemann
Mit dem „eigentlichen Ostjudentum“, wie Gronemann in seinen Erinnerungen formuliert, kam er vor den Ober Ost-Jahren nicht nur durch die Kindheitsreise nach Jurbarkas in Kontakt. 1905 etwa besuchte er die Heimatstadt seiner Frau, das wolhynische Shitomir, und erlebte dort zum Pessach-Fest jene „Stimmung vor einem Pogrom“, wie er sie dann in seinem 1920 erschienenen, auch heute noch sehr lesenswerten Roman Tohuwabohu wiedergab (Erinnerungen 283). Um die selbe Zeit, um 1905, organisierte er in Hannover mit seiner zionistischen Sportgruppe Hilfeleistungen für „einige zehntausend Auswanderer“ nach Amerika (Erinnerungen 294 ff.), die in plombierten Viehwaggons aus der Ukraine nach Rotterdam geschafft wurden. Durch die Hilfsaktionen am Bahnhof von Hannover wuchs das „Solidaritätsgefühl“ der tatenhungrigen jungen Zionisten, „sie lernten aus eigener Anschauung das Elend der Massen im Osten kennen und kamen der Mentalität unserer Brüder im Osten allmählich näher“ (Erinnerungen 297). Wie gesagt: an die 2,5 Millionen Juden emigrierten zwischen 1881 und 1914 aus Osteuropa, über zwei Millionen allein in die USA, 150.000 in den (heute übrigens durch und durch muslimischen) Londoner Stadtteil Whitechapel, wo Gronemanns Roman Tohuwabohu einsetzt mit dem unvergesslichen Satz: „Berl Weinstein hatte sich wieder einmal taufen lassen, und diesmal mit besonderem Erfolg.“
Ob es beim Oberbefehlshaber Ost in Kaunas im Frühjahr 1916 tatsächlich Überlegungen gab, diese Massenauswanderung in die USA „organisiert wieder aufzunehmen“ (Zweig, Junge Frau 274), um eine – trotz der „Ludendorff-Küchen“ (Gronemann, Hawdoloh 144) – drohende Hungerkatastrophe unter den Juden in Litauen abzuwenden, weiß ich nicht. Arnold Zweig schildert es so in seinem 1931 erschienenen Weltkriegs-Roman Junge Frau von 1914: Der jüdische Bankier Hugo Wahl, der – ohne es selbst zu bemerken – Generalmajor Schieffenzahn (alias Ludendorff; vgl. Frentz 1972, 211-215) 1915 schon aus der „Pulverkrise“ herausgeholfen und damit die Fortführung des Krieges im Westen ermöglicht hatte (Zweig, Junge Frau 23-31), wird im Frühjahr 1916 überraschend von Berlin ins Hauptquartier nach Kaunas gerufen. Diese Reise löst eine schwere Identitätskrise bei Hugo Wahl aus. Sieht er sich zunächst in seinen Hoffnungen auf Aufnahme in die führende Schicht des Deutschen Reiches, als Mitarbeiter der „Kaste der Offiziere“ (ebd. 256), bestärkt, so muss er im Gesprächsverlauf erkennen, dass er und seine beiden prominenten jüdischen Begleiter nur dazu benutzt werden sollen, der Militärverwaltung bei ihren leichtfertigen Aussiedlungsplänen für die Juden „einen Teil der Verantwortung und das ganze Odium“ abzunehmen (ebd. 276). Geplant war, die Juden aus Ober Ost mehr oder minder freiwillig nach Amerika zu schaffen, auf Auswandererschiffen, ungeachtet der völkerrechtlichen Verpflichtung, „die Bevölkerung des besetzten Gebietes zu ernähren“ (ebd. 277), ungeachtet der deutschen, englischen und russischen Minensperren in der Bucht von Libau und anderswo, ungeachtet der zu erwartenden internationalen Proteste. Nachdem der Sprecher der jüdischen Delegation auf all diese bisher nicht bedachten Aspekte der bei Ober Ost erwogenen Auswanderung hingewiesen und alternative Möglichkeiten zur Überwindung der akuten Versorgungskrise aufgezeigt hat, beendet Schieffenzahn die Sitzung. Nach seiner Rückkehr von Kaunas nach Berlin schildert Hugo Wahl seinem Vater Markus den Schluss der Besprechung zwischen den Repräsentanten der deutsch-jüdischen Oberschicht und der deutschen Heeresleitung:
Ich jubelte innerlich, als er [Schieffenzahn] zusammenfaßte: auch er
könne sich den vorgetragenen Bedenken nicht verschließen, man müsse
den Plan fallenlassen […] Aufstand, Scharren, alles reckte sich, sprach
plötzlich laut, und wir – waren Luft. Das war das Zerschmetternde.
Diese Leute hatten von uns Deckung ihrer Verrücktheiten erwartet. Statt
dessen brachten wir ihnen vernünftige Einwände und besseren Ausweg.
Und zum Dank dafür befanden wir uns für sie nicht mehr im Raume.
Die Ordonnanzen räumten die Stühle weg, sammelten die Blätter ein,
die Herren Offiziere blickten aus den Fenstern, ein Kreis bildete sich um
Generalmajor Schieffenzahn, man gab einander Feuer. Es wurde vergnügt
in der oberen Ecke des Saales; wir wirkten wie vergessene Kleiderständer
[…] Wir waren ja nur Zivil, nicht wahr? Null und nichts.
Nicht für möglich hätte ich das gehalten, nicht für möglich. Eine
freundliche Redensart, eine Einladung, den Abend gesellig zu verbringen,
ein paar vernünftige Gespräche bei einem Glas Wein... war das zu
viel verlangt? Offenbar.
[…] Fast fünfzig Jahre lang habe ich unser Preußen bewundert, den Soldatenrock
für das beste Kleid der Welt gehalten, die Leute abgelehnt,
die von Militarismus sprachen, dich auch, Vater. Es ist nicht zu spät,
umzulernen. Verstand ist die beste Vaterlandsliebe, und Militarismus
kein gutes Prinzip. Es wird Deutschland zugrunde richten, wenn man
ihn nicht zwingt, die Pfähle zurückzustecken. (Ebd. 278 f.)
Nicht der sehr flüchtige Blick auf die Ostjuden von Kaunas („Durch die engen
Gassen drängten Juden in schwarzem Kaftan, Frauen in Umschlagtüchern,
spielende Kinder“, ebd. 272) führt zu Hugo Wahls Umdenken, sondern die
gesellschaftliche Zurückstoßung durch Schieffenzahn und seine Offiziere.
Hugo Wahl, der seine Familie im feinen Potsdam schon bis an den Zaun derer
von Ducherows hinaufassimiliert hat (ebd. 53), so dass seine an dem „Mangel
an menschlichen Beziehungen zu Gesellschaft und Nachbarn“ leidende Frau
(ebd. 42) sich endlich eine Verbindung mit der höchsten preußischen Kaste
„zuträumen“ konnte (ebd. 181), der mit dem Krieg und Kaiser Wilhelms Versicherung
vom August 1914, dass er jetzt keine Parteien und Konfessionsunterschiede
mehr kenne sondern nur noch Deutsche, die Gewissheit verband,
dass die deutschen Juden „endlich als gleichberechtigte Staatsbürger angenommen
werden“ (ebd. 28), muss in Kaunas erkennen, dass er als Jude trotz
strammster deutschnationaler Haltung stigmatisiert bleibt. Jetzt erst ist er bereit,
in die nicht standesgemäße Hochzeit seiner Tochter mit dem schriftstellernden
jüdischen Armierer Bertin einzuwilligen, dem – Folge der demütigenden
„Judenzählung in den Schreibstuben“ (ebd. 327) – für seinen Hochzeitsurlaub statt der im Heer üblichen 14 nicht einmal vier Tage zugestanden werden.
„Ober-Ost hatte [Hugo Wahl] einen Stoß in die Eingeweide versetzt; dies hier
warf ihn um. Seine Tochter – und bloß noch dreieinhalb Tage“ (ebd. 320).
* * *
„Nur einigen Tausend“ Juden sei während des Krieges die Auswanderung aus Ober Ost in die USA möglich gewesen, berichtet Sammy Gronemann im Kapitel Staatsgefährliche Andachtsbücher (Hawdoloh 37). Wobei neben allerlei anderen Schikanen vom Auswanderungsamt der deutschen „Okkupationsbehörde“
vor der Abreise nach Amerika sorglich die mitgenommenen Gebetbücher
kontrolliert und überall aus ihnen die gefährlichen Texte [die „Zarenfürbitte“;afk]
entfernt wurden. Wer weiß, ob nicht Chaim Schloime
aus Bialystok oder Sore Riwka aus Mariampol drüben in New York eines
Tages dieses Gebet aufschlagen und verrichten würden. Die Folgen
waren gar nicht abzusehen. (Ebd. 41)
Der „Entzarungsschein“, der für die Militärs in Ober Ost angeblich „ebenso wichtig war, wie der berühmte Entlausungsschein“ (ebd.; vgl. Zweig, Junge Frau 278), ist dem Satiriker Gronemann eins seiner zahllosen Beispiele für jenen (jetzt von Liulevicius akribisch dokumentierten) „Zusammenstoß verschiedenartiger Kulturen“ in Ober Ost (Gronemann, Hawdoloh 239), für den „Krieg im Krieg“ (ebd. 50), an dem auch der Kownoer „Intellektuellenklub“ (ebd. 46) beteiligt war,
nämlich den Krieg zwischen Zivilisation und Kultur – zwischen der Zivilisation
des Westens, wie sie im Gefolge des siegreichen deutschen
Heeres einmarschierte, und der Kultur des Ostens, wie sie von den Völkern
dort, den Litauern, Weißrussen, später Weißruthenen genannt, den
Polen und vor allen Dingen den Juden vertreten wurde. (Ebd. 50)
Hatte im französisch-deutschen Diskurs die deutsche Seite (etwa Thomas Mann in seinen Gedanken im Kriege von 1914) den Gegensatz zwischen oberflächlicher französischer Zivilisation und mehr in die Tiefe gehender deutscher Kultur herausgestellt, so drehte Gronemann den Spieß nun geschickt um. Den Deutschen mit ihrer grotesken Überbetonung der bürokratisch-militärischen Organisation – ihre Verästelungen werden auch von Zweig in Einsetzung eines Königs mit deutlich ironischem Unterton beschrieben – wird das aus deutschnationalistischer Sicht negative Etikett „Zivilisation“ angeheftet, während für die „Ostvölker“ und vor allem für die Ostjuden der positiver besetzte Begriff „Kultur“ reserviert wird, mit dem die schöpferischen Kräfte einer lebendigen Gemeinschaft konnotiert werden sollen (vgl. Beßlich).

Richard Dehmel
Der Versuch, durch eine preußisch organisierte Militärbürokratie „deutsche Kultur“ in den Osten zu tragen, ist auch Thema in Richard Dehmels Kriegstagebuch Zwischen Volk und Menschheit (1919). Aber Dehmel, der sich 1914 als schon 51jähriger freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, konnte dem „haarsträubenden Unfug“ der Militärverwaltung in Kaunas bei weitem nicht jene humoristisch-satirischen Seiten abgewinnen, die Gronemanns Hawdoloh (und auch seine in den 40er Jahren in Tel Aviv aufgezeichneten Erinnerungen an Ober Ost) fast durchgehend prägen. Die „Kanzleiseelen“, nicht nur des „Buchprüfungsamtes“ sondern der ganzen Administration, „bilden sich tatsächlich ein, sie könnten dem Volk mit Aktenbündeln den Mund verstopfen“ und dadurch den polnischen und litauischen „Unabhängigkeitswillen“ schwächen (Dehmel 459). „So vertreibt man den russischen Teufel mit dem preußischen Beelzebub und macht überall böses Blut, ohne durchzudringen mit der Fuchtel“ (ebd. 460). Die deutsche Verwaltung in Kaunas hatte nach Dehmels Einschätzung alle Sympathien der Bevölkerung und sogar jeden Respekt eingebüßt: „Und das deutsche Heer hat da gründlich mitgeholfen, nach allem was unsre Offiziere abends im Kasino erzählen. Unsre Kolonnen haben hier genau so gehaust wie die Kosaken in Ostpreußen, besonders auf dem flachen Land“ (ebd. 460). An der „Untertanenverstands-Dressur“ (ebd. 466) wollte Dehmel nicht mitwirken. Knapp zwei Monate hielt es der Schriftsteller im Herbst 1916 in Kaunas aus, dann beantragte er seine Versetzung „mit der ausdrücklichen Begründung, daß sich meine kulturpolitischen Ansichten mit den mir obliegenden Amtsgeschäften nicht vertragen“ (ebd. 467). Dem Gesuch wurde statt gegeben. Die zwei Monate reichten Dehmel freilich aus, um zu kräftigen Beurteilungen von Land und Leuten zu gelangen: Vom „Russentum“ sei wenig zu bemerken, „weder in den Schaufenstern noch auf dem Krammarkt; einheimischen Eigenwert haben nur die sehr geschmackvollen litauischen Webereien und Töpfereien […] Das wirkliche Rußland fängt erst in Wilna an, der Stadt der hundert Kirchen und tausend Bordelle“ (ebd. 450). Der Kutscher sei „meistens ein Jude, außerdem auch im übeln Sinn russisch, d.h. schmutzig und schmierig zum Grausen, wie überhaupt das ganze untere Volk.“ Volkstrachten seien wenig zu sehen, höchstens mal ein „alter Jude im Kaftan (die jüngeren sind schon alle verwestlicht)“. Weiter beklagt Dehmel, dass er
die Rassen hier kaum unterscheiden (könne), es sieht alles nach Mischpoche
aus; die Juden wie Russen, die Russen wie Polacken, die Polacken
wie Letten und umgekehrt. Bloß die Litauer scheinen für reineren
Schlag zu sorgen; man trifft da manchmal rührende Mädchengesichter
wie an schwäbischen Dorfmadonnen, oder einen kühnen hellblonden
Burschen wie eine friesische Siegfriedsgestalt. (Ebd. 451)
Von Litauern und litauischer Kultur ist bei Gronemann nur einmal die Rede, als er eine Dehmel-Anekdote erzählt, in der es um dessen Bewunderung für litauische Volkskunst geht (Hawdoloh 52). Man kann diese ganz auf das „Ostjüdische“ ausgerichtete Perspektive Gronemanns aus dessen engagiert zionistischer Haltung erklären, vielleicht hat sich Gronemann daher gar nicht um Kontakte zu Litauern bemüht und sich nur im jüdisch-jiddischen Milieu von Kaunas bewegt. Das korrespondierte mit Zev Birgers Schilderung der litauisch-jüdischen „Sozialkontakte“ während seiner Kindheit und Jugend im Kaunas der 20er und 30er Jahre. Zu Hause bei Birgers wurden die Gespräche zu 90% auf Jiddisch geführt, der „Alltagssprache“ der damals ca. 40.000 Juden in Kaunas (Birger 21), mit seinem Bruder sprach Birger auch oft Hebräisch, „da dies die Unterrichtssprache in der Schule war“ und schließlich konnte er auch sehr gut Litauisch. Aber „Sozialkontakte zu Nichtjuden bestanden nur selten“ (ebd. 26), eigentlich nur durch Ferienaufenthalte bei litauischen Bauern. „Assimilationstendenzen“, gar eine „Identifikation mit der einheimischen Gesellschaft“ habe es nicht gegeben (ebd. 26), auch weil es sich bei den Litauern „insgesamt um eine antisemitische Gesellschaft handelte“ (ebd. 27), trotz der liberalen Haltung der litauischen Regierung gegenüber der jüdischen Minderheit (ebd. 28) und dem Auftreten litauischer Intellektueller, „die nicht von den weitverbreiteten Vorurteilen angesteckt worden waren.“ (Ebd. 27 f.; wesentlich differenzierter: Holzman 79 f.)
Zev Birger, 1926 in Kaunas geboren, gehört zu den wenigen, die die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung überlebt haben. Da er fast akzentfrei Litauisch sprach, riskierte er es mehrfach, das im Juli 1941 eingerichtete Ghetto zu verlassen und für seine Familie Essen zu besorgen.
Dadurch hatte ich Gelegenheit, die Reaktion der Litauer zu beobachten,
wenn sie zusahen, wie die Kolonnen jüdischer Arbeiter durch die Straßen
zu den Kommandos zogen. Wie konnten sie Dinge, die so offensichtlich
waren, einfach ignorieren? Dabei fühlte ich, wie sehr sie die
Juden haßten. Nicht nur ihr Verhalten nach dem Einmarsch der Deutschen
entsetzte mich, sondern auch die Tatsache, daß die litauischen
Einheiten und die Ukrainer für die SS die Drecksarbeit machten. Mit
diesen Leuten wollte ich nie mehr etwas zu tun haben. Durch das unmenschliche,
ja fast tierische Verhalten der Litauer war ich damals so
tief und nachhaltig schockiert, daß ich kurz nach dem Krieg feststellen
mußte, daß ich die litauische Sprache nicht mehr beherrschte. Ich brachte
keine Sätze mehr in dieser Sprache hervor, die ich doch einmal
so gut wie meine Muttersprache gesprochen hatte […] Der Schrecken
über das Verhalten der Bevölkerung außerhalb des Ghettos hat damals
so tiefe Spuren bei mir hinterlassen, daß ich nie wieder den Versuch
unternahm, dieser Sprache nochmals mächtig zu werden. (Birger 66)
* * *
In Kaunas lebten bei Kriegsbeginn 1941 circa 40.000 Juden, das war ein Viertel der Einwohner der damaligen Hauptstadt Litauens. Bei Pogromen in der Stadt wurden im Juni und Juli an die 10.000 Juden ermordet. Die Davongekommenen mussten in wenigen Wochen, bis 15. August 1941, in zwei Ghettos ziehen, die im ärmlichen Stadtteil Vilijampole/Slobodka errichtet wurden. Von den etwa 30.000 Juden im Ghetto wurden bis Oktober 1941 weitere 10.000 ermordet. Im Herbst 1943 wurde das Ghetto in ein Konzentrationslager umgewandelt, das bis Juli 1944 bestand. Nur einige wenige Juden überlebten in Kaunas die deutsche Herrschaft (vgl. Dieckmann sowie die Berichte der Überlebenden Trudi Birger, Solly Ganor, Zwi Katz, Raya Kruk, Fruma Kučinskienè, Renata Yesner).
Was wusste man in Deutschland von der Lage der Juden in Kaunas 1941? Was konnte man wissen? Ostland kehrt nach Europa zurück hat der Journalist Emil Frotscher als Titel über seine „Notizen von einer Reise des Reichskommissars Hinrich Lohse durch Litauen und Weißruthenien“ gesetzt, die im Herbst 1941 erschienen sind. Aus Ober Ost war Ostland geworden. Kowno/Kaunas hieß nun Kauen. Seinen Reisebericht schließt Frotscher mit einem Kapitel über das Ghetto von Kauen:
Am 15. August [1941] war die Ausschaltung des Judentums aus dem
übrigen Stadtgebiet vollendet. Die eigenen Gesetze und Sitten, unter denen
das Judentum hier lebt, interessieren uns nicht. Uns genügt, dass sie
ihre politische und wirtschaftliche Rolle im Ostland endgültig ausgespielt
haben.
Zu beiden Seiten einer Hauptverkehrsader der Stadt zieht sich das Ghetto hin. Eine fremde Welt offenbart sich in ihrer wurzellosen Unkultur. Der Passant, der einen flüchtigen Blick über die Zäune wirft, hastet vorbei – die Welt Ahasvers, die zur Ruhe gezwungen wurde, versinkt als düsterer Schemen einer bösen Vergangenheit, die ihre Vollendung in dem Jahre des Unheils fand, als der Bolschewismus, jene blutige Inkarnation einer jüdischen Dogmatik, wie eine verheerende Sturmflut durch das Ostland zog. (Frotscher 32) Gegen diese „jüdisch-bolschewistische Sturmflut“ – so Emil Frotscher – kämpfte nun Gauleiter Hinrich Lohse aus Schleswig-Holstein mit seinen von dort mitgebrachten nationalsozialistischen Parteimannen:
Jetzt wird der Damm aufgerichtet. Land wird erneut gewonnen und der
tückischen Sturmflut […] Meter für Meter europäischen Kulturbodens
abgetrotzt. Deichhauptleute, Bauern und Arbeiter sind am Werk: Ostland
kehrt nach Europa zurück. (Ebd. 32)
Und in Deutschland, in Ostpreußen etwa, träumte der eine oder andere schon von einer neuen Existenz in den eroberten Gebieten im Osten. Für das Frühjahr 1942 berichtet Manfred Peter Hein in seinem autobiographischen Prosabuch Fluchtfährte (1999):
Wenn ich Forstmeister werde in Litauen – die ganze Familie geht ins
Baltikum gleich nach dem Sieg. Der Vater hat sich als Schulaufsichtsbeamter
zur Verfügung gestellt für die Aufbauarbeit im Osten. Ich bin
ausgewählt, für die Ordensburg vorgeschlagen zur Prüfung. Püppe und
Bübi [die jüngeren Geschwister; afk] sind ganz und gar dabei, zünftig
mit jungendem Hund und jungender Katze, jungendem Pferd und
jungender Kuh auf unserem Ostlandwehrhof ... (Hein 51).
Den Ostland-Mythen der Deutschen wäre einmal gesondert nachzufragen, von Walter Flex’ rauschhafter Prosa und Lyrik in Der Wanderer zwischen beiden Welten von 1917 (die Auflage stand schon vor Beginn der Nazizeit bei über 500.000 Exemplaren), über Victor Jungfers Litauen-Roman Das Gesicht der Etappe von 1919, Alfred Brusts Roman Die verlorene Erde von 1926 und Agnes Miegels Ostland-Gedichte der 20er und 30er Jahre, Edwin Erich Dwingers 1919 in Litauen und Lettland spielenden Freikorps-Roman Die letzten Reiter von 1935 und Hans Baumanns Gedichte à la In den Ostwind hebt die Fahnen bis zu den – nun aber die deutschen Verbrechen an den Völkern in Ostmitteleuropa ins Zentrum rückenden – Werken von Johannes Bobrowski, etwa seinem großen Wilna-Gedicht aus dem Oktober 1955. „Wilna, du reifer Holunder! / Mit grünen Augen / ist deine Wolfzeit versunken“, so setzt es ein und es mündet in die mächtig gefugte Schlussstrophe (Bobrowski I, 21 f.):
Stadt der Könige, immer
singen die Ebenen alle,
alle die weißen, vom Blut
bitter der Söhne,
dir mit des Weißbarts hallender
Stimme, wie Eisgang, mit schmerzlichem
Festgetön deiner Juden,
rotem Sausen der Kiefern zu.

Marie und Max Holzman etwa 1940 (R. Kaiser/Bilderrechte: M.Holzman)
Unter den Mitgliedern des „Intellektuellen-Klubs“ von Ober Ost ist Max Holzman gewiss derjenige, dem die litauisch-deutschen Kulturbeziehungen am meisten verdanken. Ende zwanzig war der aus der preußischen Provinz Posen stammende Max Holzman, als er im November 1916 als deutscher Soldat nach Kaunas kam. Aus Familienpapieren zitiert in einem Aufsatz von 1998 seine heute in Gießen lebende Tochter, die Übersetzerin Margarete Holzman:
Hier formte er sich um. Er fand Anschluß an bedeutende junge Männer,
wie den Orientalisten Scheder, Schropsdorf, den Litauer Oselies. Der
literarische Klub Oberost, der in einer Offiziersunterkunft tagte, gewährte
ihm Anschluß. In Kowno sah er eine andere Welt. Zum ersten
Mal begegnete er dem Judentum, das in einer geschlossenen geistigen
und seelischen Welt untereinander lebte und nicht hinaus in eine freiere
wollte. Er sah es idealisiert, zu sehr im Gegensatz zu der Soldateska, die
ihn umgab. Er wurde zu jüdischen Festen geladen […] Ihm imponierte
die große Hilfsbereitschaft und Gastlichkeit dieser Familien, die geistige
Versenkung, in der in der „Betschule“ gelernt und disputiert wurde.
Dort sah er den Geist als Sieger über die Nöte der Zeit. Er wohnte
freundlich in einem Häuschen am „Grünen Berg“, wo seine
Flugabwehbatterie in Stellung war […] Weit sah er über das Land, den
breiten, von Eichwald umrandeten Memelstrom. (Margarete Holzman 89 f.)
Max Holzman kehrte nach dem Ersten Weltkrieg 1922 nach Kaunas zurück, der prosperierenden neuen Hauptstadt des neuen Staates Litauen, und gründete dort eine Buchhandlung und einen Verlag. Als Verleger spezialisierte er sich auf deutsche, englische und französische Fremdsprachenlehrwerke für die junge litauische Universität, ließ litauische Literatur ins Deutsche übersetzen, u.a. von Horst Engert, Germanistik-Professor an der Vytautas-Universität, gewann Raymond Schmittlein (den späteren Mitkämpfer de Gaulles und Gründer der Dolmetscherhochschule in Germersheim; vgl. Manns 24-61) als Autor einer Monographie über Napoleon und Litauen, engagierte den Graphiker Jonynas (dem das Saarland und Rheinland-Pfalz ihre ersten nach dem Zweiten Weltkrieg gedruckten Briefmarken verdanken), verlegte die sehr aufwändig gestaltete erste deutschsprachige Monographie über den litauischen Malerkomponisten Čiurlionis von Nikolaj Worobjow und die sehr zu Unrecht vergessenen höchst vergnüglichen Erinnerungen Graf Alfred Keyserling erzählt.... Die deutsch-englisch-französische Buchhandlung auf der Laisvės Alėja, der Freiheitsallee (in den Ober Ost-Tagen Kaiser-Wilhelm-Allee geheißen), wurde zu einem Treffpunkt der polyglotten Intellektuellen in Kaunas, nach 1933 auch zu einem Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus Deutschland, etwa für Rudolf Kaufmann (vgl. Kaiser Königskinder 85 ff.) oder für den Komponisten Edwin Geist, dessen Büchlein Antikes und Modernes im litauischen Volkslied im Juni 1940 von Holzman verlegt wurde (vgl. Kaiser Unerhörte Rettung). Arnold Zweigs Litauen-Roman Einsetzung eines Königs, erschienen 1937 bei Querido in Amsterdam, fand man in Holzmans Sortiment wie auch andere Werke der deutschen Exilschriftsteller. Als herausragende Mittlergestalt wird Max Holzman in einer litauisch-deutschen Kulturgeschichte verzeichnet sein, wenn diese irgendwann geschrieben sein wird. Max Holzman und seine Frau, die bedeutende Malerin und Pädagogin Helene Czapski-Holzman (vgl. Maria Schmid), haben für das deutsch-litauische Gespräch erheblich mehr und weit haltbareres Material zur Verfügung gestellt als der ganze gigantische Ober Ost-Kulturapparat mit seinen 41 Zeitungen und Zeitschriften (vgl. Bertkau) und all den übrigen Prachtpublikationen. 1940, nach der Machtübernahme durch die Sowjetunion, verloren die Holzmans ihre Buchhandlung und ihren Verlag, sie wurden enteignet. Am 25. Juni 1941, unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Kaunas, wurde Max Holzman verhaftet und am 17. Juli im IX. Fort ermordet, wenige Monate später auch seine 1922 geborene Tochter Marie, die unter den deutschen Besatzungssoldaten für einen radikalen Pazifismus geworben hatte und denunziert worden war. Helene Holzman und ihre jüngere, 1924 geborene Tochter Margarete überlebten und halfen anderen zu überleben, zusammen mit anderen tapferen litauischen und russischen Frauen. Ihnen gelang es, Kinder aus dem Ghetto zu retten, unter ihnen Fruma Kučinskienè und Juliane Zarchi, lange Jahre Dozentin für Germanistik an der 1989 wiederbegründeten Vytautas- Magnus-Universität in Kaunas.
Helene Holzman hat in ihren 1944/45 in Kaunas niedergeschriebenen, 55 Jahre später von Reinhard Kaiser und Margarete Holzman herausgegebenen Aufzeichnungen die schlimmsten Jahre in der Geschichte von Kaunas, die Jahre 1941 bis 1944, in bewegenden Bildern und beherrschter Sprache gültig festgehalten. „Deitschlands Fohn“ flatterte wie ein Vierteljahrhundert zuvor erneut über der hügelreichen Stadt am Zusammenfluss von Memel und Neris. Das Entsetzen der Juden über jene Deutschen, die 1941 über Kaunas kamen, hat Helene Holzman beschrieben, auch ihr eigenes Entsetzen: „Diese Menschen reden unsere Muttersprache, und dennoch ist es ganz hoffnungslos, sich mit ihnen zu verständigen. Man kann sie nur meiden, fliehen, davonlaufen“ (Holzman 42). Und an anderer Stelle: „Das sind Deutsche, unsere eigenen Leute, wir selbst“ (ebd. 127). Und wieder an anderer Stelle:
Einmal hatten drei deutsche Soldaten die Aufsicht […] und wir fragten
schüchtern, ob sie uns erlauben würden, ein paar Worte mit einem der
jüdischen Mädchen zu sprechen. „Aber freilich, bitteschön“ – und riefen
Lea und setzten sich dazu und schütteten uns in aller Eile ihr Herz aus:
wie verhaßt ihnen der Krieg und das ganze Regime sei, wie sie sich des
unsinnigen Antisemitismus schämten und ihrerseits alles täten, um
durch persönliche Freundlichkeit und Hilfe auszugleichen, was der
Dienst von ihnen verlange. „In unserer Kompanie sind wir uns alle einig“,
sagten sie. „Das wissen unsere Vorgesetzten. Von uns wird man
auch nicht verlangen, daß wir Juden totschießen.“ (Ebd. 266)
Schon in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn wurden in Kaunas bei von der deutschen „Einsatzgruppe“ angezettelten Pogromen Tausende Juden ermordet (vgl. Bartusevičius u.a. 2003). Am 27. Juni 1941 kam es am Vytautas-Prospekt auf dem Hof einer Autogarage zu einem Massaker, bei dem von angeblich eben aus sowjetischer Haft befreiten Litauern (Hermann 150) ungefähr 50 Juden bestialisch getötet wurden – Wassili Grossmann und Ilja Ehrenburg haben den Vorgang 1945 für ihr Schwarzbuch über den Genozid an den sowjetischen Juden dokumentiert:
Einige von ihnen wurden mit Eisenstangen und Spaten totgeprügelt, andere
wurden ermordet, indem man ihnen einen an die Wasserleitung
angeschlossenen Schlauch in den Mund steckte. Einer der Banditen kletterte
auf den Leichenberg und spielte dort Akkordeon, während seine
Helfer zu tanzen begannen. (Grossmann / Ehrenburg 582)
Im Spätsommer 1944 hält Helene Holzman ihre Erinnerung an das Massaker auf dem Garagenhof fest:
Eine riesige Menschenmenge hatte sich versammelt, um dem entsetzlichen
Schauspiel zuzusehen und die blinde Wut der Mörder mit ermunternden
Zurufen zu schüren. Es gab auch Stimmen, die ihrer Empörung
über diese Bestialität Luft machten. „Eine Schande für Litauen!“ wagten
Mutige zu sagen, wurden aber sofort zum Schweigen gebracht. (Holzman 25)
Einer der deutschen Wehrmachtssoldaten, die zu Mittsommer, zu Johanni 1941 nach Litauen abkommandiert werden, war Johannes Bobrowski, damals 24 Jahre alt. Er kannte Kaunas schon von Ferienbesuchen in den frühen 30er Jahren.
Bei dem Blutbad auf dem Garagenhof am Vytautas-Prospekt am 27. Juni 1941 waren auch mehrere deutsche Uniformierte anwesend und machten Fotos (Holzman 25; Klee 31-44). Einer dieser deutschen Zuschauer in Uniform soll Johannes Bobrowski gewesen sein (Hermann 150). 17 Jahre später, im Juni 1958, entstand sein Gedicht Kaunas 1941, veröffentlicht 1961 in seinem ersten Gedichtband Sarmatische Zeit:
Kaunas 1941
Stadt,
über dem Strom ein Gezweig,
kupferfarben, wie Festgerät. Aus der Tiefe die Ufer
rufen. Das hüftkranke Mädchen
trat vor die Dämmerung damals,
sein Rock aus dunkelstem Rot.
Und ich erkenne die Stufen,
den Hang, dieses Haus. Da ist kein
Feuer. Unter dem Dach
lebt die Jüdin, lebt in der Juden Verstummen,
flüsternd, ein weißes Wasser
der Töchter Gesicht. Am Tor
lärmen die Mörder vorüber. Weich
gehn wir, im Moderduft, in der Wölfe Spur.
Abends sahn wir hinaus
auf ein steinernes Tal. Der Habicht schwebte
um die breite Kuppel.
Sahen die Stadt, alt, Häusergewirr hinunter
bis an den Strom.
Wirst du über den Hügel
gehn? Die grauen Züge
– Greise und manchmal die Knaben –
sterben dort. Sie gehn
über den Hang, vor den jachernden Wölfen her.
Sah ich dich nicht mehr an,
Bruder? An blutiger Wand
schlug uns Schlaf. So sind wir
weitergegangen, um alles
blind. Im Eichwald draußen
mit der Zigeuner Blick die Dörfer, hinauf um die Firste
des Sommers Schnee.
Tief im Regengesträuch
werd ich treten den Uferstein,
lauschen im Dunst der Ebenen. Da waren die Schwalben
stromhinauf und die Nacht
grün, die Waldtaube rief:
Mein Dunkel ist schon gekommen.
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Fotos eingefügt von A.Kuck © (wenn nicht anders gekennzeichnet) Wikipedia
Lithuanian Slaughter of its Jews
Litauen Geschichte
"Menschen, welche die Geschichte nicht kennen, bleiben immer Kinder".
Jonas Basanavicius im Vorwort seiner Zeitung "Ausra"
Litauens Haupstädte:
- Kernavė (bis etwa um 1316)
- Trakai (etwa um 1316-1323)
- Vilnius (etwa um 1323-1920)
- Kaunas (1920-1940) hier mehr über den Wechsel Vilnius-Kaunas-Vilnius
- Vilnius (seit 1940).
Kernave wird für den Sitz des sagenumwobenen Großfürsten Mindaugas gehalten. Trakai war nur 7 Jahre Hauptstadt.
Vilnius ist und war die kulturelle Hauptstadt Litauens, abgelöst 1920 von Kaunas, als Vilnius von Polen besetzt wurde. Ethnisch war Vilnius eine jüdisch und polnisch dominierte Stadt. Der Anteil an Litauern betrug Anfang des 20. Jahrhunderts nur etwa 3%.
Der Name Litauen könnte vom litauischen Wort für Regen, "Lietus" kommen, zumindest meinen das manche Besucher. Die älteste Erwähnung Litauens stammt aber aus den Quedlinburger Annalen als lateinisches "Litua" aus dem Jahre 1009. Hier ist die Rede von einem Erzbischof Bruno, der beim Missionieren in "Litua" mit seinen Gefährten geköpft wurde. Die meisten Historiker leiten den Namen ab auf einen Nebenfluss der Neris, der "Lietauka" (wird heute Lietava genannt).
Litauische Herrscher
(in Arbeit)
Vytautas 1392-1430 Vetter vom polnischen König Jogaila. Als einziger der litauischen Herrscher erhielt er den Beinamen "der Große". Während seiner Regierungszeit erreicht das Großfürstentum Litauen seine größte Ausdehnung von Palanga an der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.
2000 v. Chr. Baltische Völker (Letten, Litauer, Pruzzen) wandern bis in das Gebiet des heutigen Baltikums ein.
Die baltischen Sprachen gehören zur indo-europäischen Sprachgruppe, wobei das Litauische dem Sanskrit am nächsten steht.
500 v. Chr. Beginn des Bernsteinhandels; Kontakte mit anderen südwesteuropäischen Völkern.
1009 Bruno von Querfurt erlitt am 9. März 1009 den Märtyrertod. Vermutlich hatte er einen Missionierungsauftrag von Adalbert von Prag übernommen, nachdem dieser 997 am Frischen Haff ermordet worden war. Es gelang ihm, Fürst Nethimar zum Christentum zu bekehren, doch die Brüder des Fürsten verurteilten diesen Schritt und töteten den Missionar.
1300 Jh. Die Litauer setzten sich vehement und erfolgreich gegen den Deutschen Orden zur Wehr.
1238 Mindaugas wird von den litauischen Adligen die Herrschaft Litauens angetragen.
1253 Taufe und Krönung des Königs Mindaugas. Mindaugas gehörte zu einer bedeutenden litauischen Fürstenfamilie. Er soll die fünf litauischen Fürstentümer zu einem Staatswesen vereinigt haben.
Durch seine Christianisierung erhoffte er sich Rückhalt durch den livländischen Orden gegen seine inner-litauischen Widersacher.
1261 löst er sich von der Katholischen Kirche
1263 Mindaugas wird von seinem Schwager Daumantas und seinem Neffen Treniota ermordet. Mindaugas Sohn Vaisalga übernahm die Staatsführung, wurde aber auch ermordet.
1316 – 1341 Gediminas Großfürst von Litauen. Er gilt als geschickter Taktiker und baute Litauen zu einer europäischen Großmacht auf. Durch kluge Bündnispolitik und Heiratspolitik reichte der litauische Einfluss bis Kiev. Gediminas nannte sich "König der Litauer und Ruthenen". Er starb im Kampf mit dem 'Deutschen Orden' an der Bayerburg (Plokščiai – Unterlauf der Memel bei Raudone) an einem Armbrustpfeil.
Das Wappen der Gediminas Dynastie war eine stilisierte Burg auf rotem Grund.
Auf der Staatsflagge vor dem II. Weltkrieg war der litauische Ritter Vytis auf der Vorderseite, die Gediminasburg auf der Rückseite der Staatsflagge.
1362 Gedimina's Sohn Algirdas besetzt Kiew, die "Mutter der russischen Städte". Ethnische Litauer machen nun nur noch etwa 10 % der Bürger des Großfürstentums aus.
1377 Jogaila (Fürst von Kiew) wird Großfürst von Litauen
1385 Vertrag von Kreva (Krewo). Großfürst Jogaila verpflichtet sich, sein litauisches Land "auf ewig" der Krone Polens anzugliedern und sein Volk taufen zu lassen.
1386 Mit der Taufe des litauischen Fürsten Jogaila und seiner Heirat mit Jadwiga, der Königin von Polen, beginnt die Union Litauens mit Polen, die 400 Jahre Bestand haben soll (bis zur dritten polnischen Teilung 1795), wobei die Litauer mit der Zeit immer mehr von den Polen dominiert werden. Jogaila herrscht mit seiner Frau als König Wladyslaw II. Jagiello bis 1434.

Das litauische Doppelkreuz
Über das Geschlecht der Jagiellonen gelangte das ungarisch/slowakische Doppelkreuz - in der Form dem Lothringer Kreuz ähnelnd - auch in das Wappen Litauens, als es 1386 als angebliches Kreuz des Heiligen Ladislaus von Władysław II. Jagiełło angenommen wurde.
Zusammen mit dem neuen litauischen Großfürsten Vytautas (seinem Vetter) gründet er die polnisch-litauische Union.
Heute gibt es Stimmen, die Jogaila diese polnisch-litauische Union übel nehmen. Lieber hätte mancher Litauer einen rein litauischen Staat, da die Nähe zu Polen rasch zu einer Polonisierung der litauischen Kultur führte. Es gab einfach mehr Polen und die polnische Kultur war weiter entwickelt, als die litauische, obwohl Litauen das dreifach größere Staatsgebiet mitbrachte. (Aber der größte Teil davon ohne ethnische Litauer). Die Christianisierung Litauens erfolgte von Polen aus, was die Verbreitung der polnischen Sprache, Sitten und Gebräuchen noch forcierte. Die litauische Sprache wurde bald nur noch in den Dörfern gesprochen. Ob Litauen weitere Auseinandersetzungen mit Russland und den Deutschen Orden standgehalten hätte, ohne die Zusammenarbeit mit Polen, das kann man bezweifeln, bleibt aber Spekulation. Litauen alleine hätte in der –
1410 Schlacht bei Tannenberg keine Chance gehabt und die Verbündeten erreichten damit den endgültigen Sieg über den Deutschen Orden. Der Sieg bei Grunwald (lit. Zalgiris) war Vytautas größte militärische Leistung.
1413 Im Vertrag von Horodlo akzeptiert Vytautas die Union. Beide Seiten vereinbarten, das der litauische Großfürst und der polnische König fortan mit Zustimmung beider Seiten gewählt werden soll.
1422 kam es im Frieden von Melnosee zu einem Vertrag Litauen/Polens mit dem Deutschen Orden. Man einigte sich auf Frieden, tauschte Gebiete aus und definierte die Grenzen zwischen Ordensland und Litauen neu. Diese Grenze von Palanga bis zur Memel sollte die am zweitlängsten gültige Grenze Europas sein und galt bis 1923, als litauische Freischärler das Memelland besetzten.
1430 Nach Vytautas Tod wird Jogailas Bruder Švitrigaila litauischer Großfürst, kurz darauf aber durch Vytautas Bruder Zygimantas ersetzt.
1434 Tod Jogailas.
1444 Kasimir IV. Andreas wird Großfürst von Litauen und 1447 König von Polen.
1500 In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts schwand die Macht Litauens, da das Großfürstentum Moskau immer stärker wurde.
1569 Durch die Stärke Moskaus und immer mehr Auseinandersetzungen an der Ostgrenze, kam es zur Vereinigung Litauens mit Polen im Unionsvertrag von Lublin, wodurch Litauen den größten Teil seiner Selbständigkeit verliert. Der König von Polen wird in Personalunion litauischer Großfürst.
Im Vertrag stand ausdrücklich, dass es sich beim gemeinsamen Staat um ein einziges, unteilbares Ganzes handelt, eine einheitliche und untrennbare Republik, die aus zwei Völkern und zwei Staaten zusammengefügt worden ist.
Polnische Bestrebungen diesen Status nach dem I. Weltkrieg beizubehalten, kann man in diesem Zusammenhang zumindest verstehen. Ein polnisches Heiligtum, die Aušros Vartai (Tor der Morgenröte) liegt in Vilnius. Berühmte Polen, wie Staatspräsident Pilsudski sind in Vilnius geboren.
1575 Stefan Bathory wird litauischer Herrscher
1579 Gründung der Universität von Vilnius
1587 Sigismund der III. Wasa wird Großfürst.
1697 von nun an ist polnisch die Kanzleisprache (die Sprache der staatlichen Institutionen)
1700-1721 Großer Nordischer Krieg, den die Russen zuungunsten Schwedens für sich entscheiden und sich somit die Vormachtstellung im Baltikum und Polen sichern.
1737 es wird in den Kirchen nicht mehr litauisch gepredigt.
1795 Durch die dritte polnische Teilung kommt Litauen das erste Mal zu Russland: Verwaltungsbezirke Kowno (lit. Kaunas) und Wilna (lit. Vilnius). Mit Litauen kommen plötzlich auch Millionen Juden ins russische Zarenreich.
Für die Menschen änderte sich allerdings nicht viel. Weiterhin waren die Polen die Großgrundbesitzer, die Juden lebten in der Städten und beherrschten den Handel und die Litauer lebten meist in den Dörfern.
1818 Mit dem Buch "Metai" erscheint das erste weltliche Buch in litauischer Sprache.
1830/31 Erster Aufstand gegen den Zaren, ausgehend von Polen. 1832 wird die Universität in Vilnius als Strafe geschlossen.
19.Jh. Während der 120 Jahre dauernden ersten russischen Besatzung (1795-1915) Beginn der Lösung von Polen - Besinnung auf die eigene Sprache und Identität. (Bücherschmuggel aus Kleinlitauen und Königsberg).
1863/64 Starke Beteiligung der Litauer am 2. Polen-Aufstand gegen Russland - hauptsächlich aufgrund sozialer Missstände. Beendet wurde der Aufstand vom Generalgouverneur Michail Murawjow, der damit in die Geschichte als "Henker von Wilna" einging (Butenschön). Nach der Niederschlagung dürfen Bücher nur noch kyrillisch gedruckt werden.
1883 Die litauische Zeitschrift „Ausra“, mit herausgegeben vom späteren Unterzeichner der litauischen Unabhängigkeitserklärung , Jonas Basanavičius erscheint in Königsberg und wird nach Litauen geschmuggelt. Struktur der litauischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert: Adel = Polen (bzw. polonisierte Litauer), städtisches Bürgertum = Deutsche und Juden, Beamte = Russen, Bauern = Litauer. Enges Verhältnis der Litauer zur katholischen Kirche.
Litauer besinnen sich ihrer ethnischen Herkunft und sprechen litauisch. Keiner wollte mehr "litauischer Mensch einer polnischen Nation" sein (Butenschön). Das sahen die Polen anders: für sie waren die Litauer "anderssprechende Polen" und untrennbarer Teil des polnischen Volkes (Zenonas Namavicius).
1904 Mai 7. Das Druckverbot von Büchern und Zeitungen in litauischer Schrift wird aufgehoben.
Dez. 1905 Großer Litauischer Seimas, bei dem die Litauer die Ziele der Revolution in Russland (vom Januar 1905) gut heißen. Russische Diplomatie dringt auf Spaltung zwischen Litauern und Polen. Die litauischen Teilnehmer des Treffens fordern von Russland Autonomie und Selbstverwaltung. Intern wird schon von Unabhängigkeit gesprochen.

Litauische Siedlung im I. Weltkrieg Alte Postkarte
1915 Frühjahr Litauen wird im 1. Weltkrieg vollständig von Deutschland besetzt. Deutschland errichtet das Land "Ober Ost". Da Russland seine Verwaltung abgezogen hat, entsteht eine komplett neue Verwaltung. Auch die litauische Wirtschaft ist jetzt von der russischen gekappt, was dem Land später bei der Unabhängigkeit hilft.
1915 Sommer Als Russland seine Niederlage bemerkt, macht es verzweifelte Versuche die Polen und Litauer auf ihre Seite zu bekommen. Zar Nikolaus II. schlug eine Restauration des Litauischen-Polnischen Staates an der Seite von Russland vor. Polen, oft genug von Russland getäuscht, trauten dem Angebot nicht.
1917 Oktoberrevolution in Russland. Gründung einer nationalen Interessenvertretung, erlaubt von den Deutschen, die "Taryba"
1918 Februar 16. : Unabhängigkeitserklärung Litauens. Zuvor kam es zu einer Unabhängigkeitserklärung, in der noch von unauflösbarer Bindung zu Deutschland die Rede war. Deutschland sah Litauen immer noch als Kriegsbeute. Der Wunsch Deutschlands war es, in Litauen eine konstitutionelle Monarchie unter einem deutschen Fürsten zu errichten.
1918 – 1920 Überlassung von Material der ehemals deutschen Besatzer zum Aufbau eines eigenen Heeres. Vertreibung der Roten Armee mit deutscher Hilfe.
1918 16. Dezember Ausrufung der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik (litauisch: Lietuvos Tarybų Socialistinė Respublika) durch die „Litauischen Provisorische Revolutionären Regierung der Arbeiter und Bauern“ und deren Vorsitzenen Vincas Mickevičius-Kapsukas. Mickevičius sollte in der Heldenverehrung der Litauischen Kommunisten nach dem 2. Weltkrieg eine große Rolle spielen.
1919 5. Januar Die "Rote Armee" besetzt Vilnius. Bereits am 7. Januar 1919 nimmt die kommunistische Regierung unter Vincas Mickevičius-Kapsukas in Vilnius ihre Tätigkeit auf.
1919 27. Februar Zusammenlegung der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik mit der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik zur Litauisch-Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Mickevičius-Kapsukas war Chef des Rats der Volkskommissare und somit quasi Regierungschef.
1919 21. April Polnische Truppen erobern Vilnius, die Regierung unter Mickevičius-Kapsukas verlegt ihren Regierungssitz zunächst nach Minsk. Nachdem auch dieses von polnischen Truppen besetzt worden war, amtierte die Regierung in Smolensk.
1919 25. August Da das gesamte Territorium der Litauischen-Weißrussischen Sowjetrepublik unter polnischer Kontrolle steht, wird sie aufgelöst.
1920 Juli Sowjetische Truppen besetzen erneut Vilnius
1920 Juli 12. Beendigung des Kriegszustands mit der Sowjetunion durch Unterzeichnung eines Friedensvertrages, in dem die Sowjetunion "für alle Zeiten" ( ;-) ) )auf seine Souveränitätsrechte über das litauische Volk und das Land Litauen verzichtet.
1920 Oktober 9. : Besetzung der litauischen Hauptstadt Vilnius durch polnische Truppen unter General Lucjan Zeligowski. Coup von Pilsudski. Die litauische Regierung residiert seit 1919 in Kaunas. Bis 1938 gab es deshalb keine diplomatischen Kontakte mehr zwischen Polen und Litauen.
1922 De-jure-Anerkennung des litauischen Staates durch die Westmächte. Landreform, Einführung einer neuen Währung. Das Wilnaer Gebiet bleibt weiterhin unter polnischer Herrschaft.
1923 Litauische Freischärler besetzen das Memelgebiet.
1926 Dezember 17. Staatsstreich in Litauen. Beginn der Diktatur von Smetona.
1927 April Smetona löst den Seimas (Parlament) auf.
1939 Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der UdSSR. (Hitler Stalin Pakt) Im „Zusatzprotokoll“ kommen die baltischen Staaten und Finnland zur sowjetischen Interessensphäre. Auch Litauen wird ein „Beistandspakt“ aufgezwungen. Im Oktober 1939 übergibt Stalin das von Polen annektierte Vilnius an Litauen. Dafür muss Litauen der Sowjetarmee Stützpunkte einräumen. Im litauischen-sowjetischen Beistandspakt steht explizit, dass die litauische Unabhängigkeit und soziale Ordnung nicht angetastet wird.
1940 Juni 15. Einmarsch der sowjetischen Truppen in Litauen.
Litauische Soldaten müssen den Weg säumen, den die sowjetischen Panzer rollen und grüßen die einmarschierenden Truppen. Befehl Nr. 107 vom Oberbefehlshaber der litauischen Streitkräfte General Vincas Vitkauskas (interessante
Biographie) und dem Generalstabschef General Stasys Pundzevičius.
Smetona flieht. („Wahlen“ mit kommunistischen Einheitslisten) in Folge des Hitler – Stalin Paktes. Nach einem Jahr waren 650.000 Soldaten in Litauen stationiert.
Juni 17. Eine moskaufreundliche "Volksregierung" unter dem Journalisten Justas Paleckis wird gebildet In manchen Orten gab es ein Wahlergebnis von 130 %.
August 3. Die Aufnahme Litauens in die UdSSR erfolgt auf "Bitte" des Parlaments (Seimas)
"Kleine Völker müssen verschwinden"
Sie müssen die Realität sehen und verstehen, dass kleine Nationen in Zukunft verschwinden werden. Ihr Litauen und die anderen baltischen Nationen, Finnland eingeschlossen, werden sich der ruhmreichen Familie der Sowjetunion anschließen. Deshalb sollten Sie jetzt anfangen, ihr Volk an das Sowjetsystem zu gewöhnen, das in Zukunft überall, in ganz Europa, herrschen wird, an manchen Orten früher, wie im Baltikum, an anderen später." Molotow zum lit. Außenminister am 30.6.1940 (Misiunas: The Baltic States)
1940 Oktober 10. Litauen unterschreibt mit der Sowjetunion einen Beistandspakt. Molotow und Stalin versichern, keine kommunistische Propaganda in Litauen zu unterstützen und der Regierung helfen, falls die Kommunisten doch "etwas" versuchen sollten. S. Mylliniemi "Die baltische Krise"
September 17. Litauen bekommt Vilnius von Stalin wieder zurück. Es entsteht die Redewendung: "Vilnius musu – Lietuva Rusu" (Vilnius ist unser – Litauen gehört Russland)
1941 Juni 14. 1. Deportationswelle in allen drei baltischen Staaten. Ca. 50.000 Menschen allein am 14. Juni, davon ca. 17.000 Litauer (darunter 2.045 Juden) werden nach Sibirien abtransportiert.
(Quelle der 17.000 Litauer ist Arunas Bubnys "Litauen unter rotem Terror, die 2.045 Juden M. Butenschön "Litauen")
1941 Juni 22. Besetzung des Baltikums durch die deutsche Wehrmacht.
"Nichtjüdische Litauer konnten den Abzug der Sowjets als Befreiung empfinden, Juden sahen die Ankunft der Deutschen anders." T.Snyder Bloodlands
Beginn der Vernichtung fast der gesamten jüdischen Bevölkerung.
1945 Besetzung des Baltikums durch die Sowjetunion. Beginn des Partisanenkampfes (Waldbrüder).
1949 2. Deportationswelle im Baltikum (3 % der Bevölkerung, etwa 190.000 Menschen, davon 80.000 Litauer). Etwa die Hälfte davon stirbt in den Lagern. Die anderen kehren nach 5-10 Jahren in der Regel völlig mittellos wieder zurück.
1987 Erste öffentliche Proteste gegen die sowjetische Herrschaft in allen 3 baltischen Staaten.
1988 Gründung der Volksfronten in Lettland, Litauen und Estland.
1991 13. Januar: OMON-Einheiten (Spezialtruppe des sowjetischen Innenministeriums) besetzen den Fernsehturm und schießen auf die Bevölkerung (14 Tote). 20. August: nach dem Putsch in Moskau gegen Michael Gorbatschow werden die baltischen Staaten wieder unabhängig.
1992 Algirdas Brazauskas wird Präsident der Republik Litauen.
1993 Abzug der letzten sowjetischen Soldaten aus Litauen.
1998 Valdas Adamkus wird Präsident der Republik Litauen.
2000 15.02. : Aufnahme von formellen Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union.
2004 Mitgliedschaft in EU und Nato
2007 Schengener Abkommen tritt in Kraft, der Euro sollte eingeführt werden. Wegen zu hoher Inflation gestoppt. Neuer Termin nicht vor 2014
2012 März Litauen schließt einen Vertrag über ein KKW mit Hitachi. Fertigstellung soll zwischen 2020 und 2022 sein
2014 Juni EU Finanzminister stimmen der Einführung des EURO in Litauen zu
2015 Am 1. Januar wird der Euro eingeführt. Der litauische Vytis (Ritter), mit dem Schwert auf einem Pferd, ist auf allen Münzen geprägt. Die Scheine sind in Europa alle gleich.
2017 Heftige Diskussionen in Litauen über die litauische Beteiligung am Holocaust (Ruta Vanagaite "Musiskiai")
2018 Das litauische Parlament macht das Jahr 2018 zum Erinnerungsjahr an Adolfas Ramanauskas, Kampfname Vanagas. Es kommt zu internationalen Protesten, da Ramanauskas einen Trupp Partisanen in Druskininkai beim antisowjetischen Aufstand, oder anders gesagt, beim Einmarsch der Deutschen am 22.6.1941 anführte. Wie überall in Litauen kam es da zu Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung und zu Toten.
Christoph Dieckmann "Deutsche Besatzungspolitik in Litauen"
Litauen Holocaust
Der Stahlecker Report: Wie der Jäger Report ist auch der Stahlecker Bericht ein Zeugnis des deutschen Vernichtungskrieges im Osten. Stahlecker berichtet über die Tätigkeit seiner Einsatzgruppe A aus dem Baltikum an seine Vorgesetzten in Berlin. Deshalb berichten wir über ihn in der Rubrik Litauische Geschichte.
Zvi Gitelmann "Bitter Legacy"
Die Rote Armee
In ihr kämpften, oft unfreiwillig, Menschen vieler Nationen. Sie hatte für die Ziele Josef Stalins einzutreten, brachte viel Leid über Europa (Ukraine, Hitler-Stalin Pakt) und hatte im Kampf gegen die Wehrmacht sehr viele Tote zu beklagen (siehe auch die Schilderungen der 215. Infanteriedivison im Kurlandkessel im Text ganz unten). Trotzdem war sie, auch wenn das System hinter ihr nicht viel besser war als der Nationalsozialismus, Teil der Alliierten, Befreier Europas.
In der Roten Armee kämpften anfänglich 5 Millionen Soldaten, von denen etwa 500.000 Juden waren. Die kämpften nicht nur für ihr Land, sondern auch für ihr Leben. Die Hälfte von ihnen ist gefallen.
(Insgesamt sind 11,4 Millionen russische Soldaten gestorben, davon 3 Millionen in Gefangenschaft. Bei den Deutschen war das Verhältnis 2,7 Millionen zu 1,1 Millionen).
Im Herbst 2006 wurde eine Idee von Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum, verwirklicht. Jüdischen Veteranen der "Roten Armee" sollte eine Stimme gegeben werden.
Durchgeführt haben es Schüler von vier Berliner Gymnasien. Sie interviewten (in Zusammenarbeit mit dem Verband der "Jüdischen Veteranen in der Roten Armee" und der Geschichtswerkstatt "culture and more") 13 jüdische ehemalige Soldaten der Roten Armee, die heute alle in Berlin leben. Herausgekommen ist eine Ausstellung mit Fotos und Geschichten betagter Menschen, die im Krieg gegen das Deutschland Adolf Hitlers nicht nur ihr eigenes Leben verteidigten, sondern auch ein Hoffnungsschimmer für die von den Nazis Drangsalierten und Eingesperrten waren.
Lew Wilenski z.B. hatte sich als 16-jähriger freiwillig als Soldat gemeldet und war 1945 bei der Befreiung Auschwitz dabei.
Die Sowjetunion unter Stalin war dem System des Nationalsozialismus nicht unähnlich. Lebhafte Diskussionen werden auch heute noch geführt, welcher "Sozialismus" denn mehr Menschen auf dem "Gewissen" hat.
Die Verbrechen der Rotarmisten an deutschen Zivilisten, besonders Frauen, waren furchtbar.
Für Gegner des Nationalsozialismus, Juden und Demokraten waren die russischen Soldaten die Rettung.
Hermann Simons erzählte bei der Ausstellungseröffnung von seiner Mutter, die die den Krieg in einem Versteck überlebte, dass ihre Hoffnung beim Anblick eines sowjetischen Panzers in Zuversicht umgeschlagen sei.
(Empfehlenswert ist dazu das Buch von Heinz Droßel: "Zeit der Füchse")
In einem Interview mit der "Zukunft", Informationsblatt des Zentralrats der Juden in Deutschland, äußerte Simon sein tiefstes Bedauern darüber, dass unter den befragten Veteranen kein einziger war, der bei den Partisanen gekämpft hat. Es gab nämlich spezielle jüdische Partisanenbrigaden mit oft aus den Gettos geflüchteten Juden. (Z.B. die Bielski Partisanen).
Die Ausstellungstafeln kann man nach anklicken der Bildminiaturen als PDF Dateien sehen.
Zwischen Sowjetstern und Davidstern
"Knapp 100 jüdische Veteran/Innen der Roten Armee leben heute in Berlin. Sie wuchsen einst in einer Sowjetunion auf, die es nicht mehr gibt. Diese Menschen vermochten es, ihre jüdische Identität trotz aller Diskriminierungen zu bewahren.
Als Offi ziere oder Soldaten kämpften sie gegen die deutschen Nationalsozialisten und ihre Helfer, die den Zweiten Weltkrieg begannen und in der Schoa Millionen Juden ermordeten.
Für wen kämpften sie? Für das eigene Überleben, für das Überleben von Verwandten und Freunden. Musste man, durfte man dabei auch Patriot sein?
Schließlich waren der sowjetische Diktator Josef Stalin, die sowjetische Gesellschaft auch im Krieg nicht frei von Antisemitismus. Diese Fragen stellten sich Männern wie auch Frauen, die in der sowjetischen Armee kämpften. Menschen, die auf ein reiches Leben zurückblicken, erhalten eine Stimme. Ein Stück jüdischer, sowjetischer, deutscher, ja europäischer Geschichte wird bewahrt. Wir danken vor allem den Veteran/Innen sehr herzlich für Ihre große Hilfe.
Ohne sie gäbe es dieses Projekt nicht."
UdSSR, Rote Armee, Zweiter Weltkrieg
"Etwa 30 Millionen Menschen kamen in diesem Krieg um, davon ca. acht Millionen sowjetische Soldaten. Der Sieg der UdSSR 1945 ging mit schrecklichen Verlusten einher."
Judentum und Antisemitismus in der UdSSR bis 1941
»Leider wurde meinem Großvater seine Frömmigkeit fast zum Verhängnis … Eines Tages – das war vor dem Krieg – wurde er auf dem Rückweg vom Gebetshaus von bösen Menschen angegriffen. Sie zogen ihn am Bart, riefen antisemitische Parolen. Nur dank der Einmischung von Passanten kam mein Großvater heil davon, denn die Angreifer hatten ihm offensichtlich nach dem Leben getrachtet, und das im Zentrum der Stadt.«
"Joine Goldgar wurde 1914als jüngstes von acht Kindern in der polnischen Kleinstadt Staszów, nahe Krakau, geboren. Obwohl er aus einer religiös geprägten Familie stammte, spielte für ihn die jüdische Religion keine zentrale Rolle. Goldgar war Kommunist.
Er arbeitete als Lehrer am Gymnasium. Kurz nach Kriegsbeginn 1939 fl oh Goldgar vor den Deutschen in die Sowjetunion."
"Jewgenija Smuschkevitsch wurde 1925 in der litauischen Stadt Kaunas geboren. Ihre Familie wahrte die jüdischen Traditionen. Jewgenija Smuschkewitsch fl oh sofort nach Kriegsbeginn an den Ural. Ihre Familie wurde im Ghetto von Kaunas ermordet."
»Als ich mich freiwillig zur Roten Armee meldete, bekam ich zunächst ein Gewehr mit durchgeschossenem Lauf, so dass das Bajonett eigentlich das Einzige war, was an diesem Gewehr funktionierte. Es gab keineWaffen.
Die Deutschen hatten sich auf den Krieg vorbereitet, die Russen nicht ... «
"Gegen die Deutschen zu kämpfen, bedeutete nicht nur als Sowjetbürger sein Vaterland zu verteidigen, selbst, wenn es einen zuweilen als Juden ablehnte. Um als Jude zu überleben, musste man den Feind schlagen, der die jüdische Bevölkerung umbrachte."
»Wenn eine Krankenschwester den Annäherungs versuchen ihres Vorgesetzten nicht nachgab, wurde sie aus dem Regimentsstab in den Bataillonsstab versetzt, wenn sie sich auch dort unnachgiebig zeigte, kam sie in eine der Kompanien, wo sie nach ein bis zwei Monaten starb.«
Kriegsende, Sieg und Rückkehr in die Heimat
»Meine Eltern, ein Bruder und eine Schwester mit ihrer Familie kamen 1942 in Auschwitz um. Ein weiterer Bruder und eine Schwester, die in der Westukraine lebten, sind verschwunden. Ihr Schicksal ist mir nicht bekannt.«
»1943 trat ich in die Partei ein, aus Dummheit natürlich. Obwohl ich sagen muss, dass ich damals überzeugter Kommunist war. Dann kam das Jahr 1946, die Kampagne gegen Kosmopoliten … die Ärzteverschwörung. – Das hat mir die Augen geöffnet, denn für all das war die Partei verantwortlich.«
Wege nach Berlin - Leben in Berlin
»Natürlich gehe ich in die Synagoge, aber den Sabbat halten – nein, das tue ich nicht. Überhaupt muss ich sagen, dass ich überzeugter Atheist bin. Es wundert mich, wie die Juden nach dem Holocaust, nach all den Leiden, die ihnen zuteil wurden, an Gott glauben können. Wofür sollten wir denn Gott dankbar sein?«
Copyright Centrum Judaicum und "culture and more"
Kurze Nachbemerkung: Viele Menschen der Sowjetunion waren mit dem Stalinistischen System nicht einverstanden.
So entstand (etwas vereinfacht gesagt) eine Russische Befreiungsarmee unter General Wlassow, meist aus russischen Kriegsgefangenen gebildet.
Wäre der Gastgeber nicht noch schlimmer als der ehemalige Oberbefehlshaber, hätte die Wlassow Armee durchaus positiv in die Geschichte eingehen können.
Rollkommando Hamann und die litauischen Hilfskräfte
Judenfriedhof Birzai
Mitglieder der Gesellschaft für christlich- jüdische Zusamenarbeit und der evangelisch- reformierten Kirche Lippe aus Detmold sind am 23. August in Birzai eingetroffen, um den alten jüdischen Friedhof aufzuräumen, der als der größte jüdische Friedhof in ganz Litauen gilt.

Unter Leitung von August Wilhelm Kemper haben sich 16 Mitstreiter auf eigene Kosten aufgemacht, um den größten jüdischen Friedhof Litauens in Ordnung zu bringen.
Herr Kemper betont die freundliche Aufnahme durch die Stadt Birzai, die den Fahrdienst vom Hotel Tyla zum Friedhof und die nötigen Werkzeuge organisierte.
Die Detmolder Gruppe wird von Schulkindern und dem Geschichtslehrer Vidmantu Jukoniu (und seinem Sohn als Dolmetscher) unterstützt.
Neben der harten körperlichen Arbeit (es mussten etliche Bäume gefällt werden), gab es zur Entspannung ein Bad im See neben dem Hotel Tyla und einen Ausflug in die Umgebung.
Mit dem Essen, der Unterkunft und dem einheimischen Bier, waren die Gäste, dem Vernehmen nach, zufrieden.
Hier sieht man Birzai mit dem Sirveno See aus der Satellitenperspektive. Rechts auf dem See sieht man die lange Brücke , die von der Stadt zum Astravas Anwesen führt. Der Sirveno ist der größte künstliche See in Litauen
Auf ein Wiedersehen in Birzai freuen wir uns!
Im August ging die Aufräumaktion weiter.
Partisanen
Alles was mit den Partisanen 1941 und spaeter zu tun hat.
Quellen
Sammelplatz für alle möglichen litauischen Quellen zur Geschichte










