Resistance and Survival

The jewish community in Kaunas 1941-1944

Sara Ginaite-Rubinson

Widerstand und Ueberleben Kaunas

Sara Ginaite-Rubinsons Buch habe ich mir wegen einem Hinweis in Saulius Suziedelis Buch "Crisis, war and the Holocaust in Lithuania" besorgt. Suziedelis erwähnt auf Seite 385 "heftige Meinungsverschiedenheiten" der Kaunaser Partisanenbewegung über die Darstellung der Flucht der sogenannten Leichenbrenner aus dem 9. Fort Weihnachten 1943 hin. Die von Suziedelis angegebenen Quellen über die Ungereimtheiten der Flucht konnte ich nicht besorgen, aber Sara Ginaite-Rubinsons Kaunas Memoiren. Ich bin kein Historiker, aber auch bei Ginaite-Rubinson habe ich keine andere Darstellung der Flucht gefunden, als bei Alex Faitelson. Die Leichenbrenner gehörten zu Himmlers Programm der Beseitigung von Spuren der deutschen Massaker (Sonderaktion 1005). Im 9. Fort mussten Juden aus dem Ghetto und sowjetische Kriegsgefangene aneinandergekettet die meist jüdischen Leichen ausgraben, Gold abnehmen und dann auf Scheiterhaufen verbrennen. Die Asche wurde mit Knochenmühlen gesiebt. So konnte man einige Spuren vernichten, aber natürlich gab es so viele Massakerorte, dass diese Versuche unvollkommen blieben. Die Leichenbrenner konnten eine Tür aufbohren und alle Gefangene flüchten am 25. Dezember 1943 aus dem Fort. Also ich sehe bei den Abläufen keine Unterschiede, vielleicht bei den Details, wer ausschlaggebend für die Pläne war, aber ehrlich gesagt bin ich zu faul die Namen zu vergleichen. Alex Faitelson war auch einer der Leichenbrenner und Ghettoinsasse von Kaunas. Er beschrieb detailliert seine Arbeit im 9.Fort und die Flucht. Die Nazis suchten die Leichenbrenner und auf Plakaten war zu lesen, dass man speziell auf sehr stinkende Menschen achten sollte. (Übrigens kann man die aufgebohrte Tür im 9. Fort Museum noch heute besichtigen!). Seine Bücher über den Widerstand, Ghetto, das 9.Fort und die Flucht in die Wälder sind einige Jahre vor Ginaite-Rubinsons Buch erschienen. Seltsamerweise, obwohl es viele Gemeinsamkeiten gab, erwähnen sie sich nicht gegenseitig in ihren Büchern. Also, ich habe trotz des Verweises von Suziedelis keine Hinweise in ihrem Buch auf andere Details der Flucht gefunden. Ginaite-Rubinsons Buch wurde 1999 auf Litauisch geschrieben und erschien 2005 in englischer Übersetzung. Es überraschte mich mit einer ausführlichen und detaillierten Schilderung der immer bedrohlicher werdenden Lage der Juden in Litauen, Beschreibung der politischen Situation in Litauen, Beteiligung der Litauer an der Kollaboration mit den Deutschen und sie diskutiert sogar die jüdischen Opferzahlen. Sie schreibt, schon Ende der Dreißiger Jahre kam es zu offenem Antisemitismus. Litauer bekundeten offen ihre Abneigung gegen Juden und wollten sie aus dem Badeort Palanga vertreiben. Bevor die Wehrmacht Kaunas erreichte, so Ginaite-Rubinson, war die Stadt schon voll von Baltaraisciai, den Weißarmbändlern, litauische Hilfswillige, von den Deutschen Partisanen genannt. Deren erste Tätigkeit war das Schikanieren, Zusammentreiben und Töten von Juden. Juden waren in deren Augen alles Kommunisten. Die Deutschen förderten diese "litauischen Selbstreinigungskräfte". Allerdings macht es heute die Sache (die historische Beurteilung) nicht leichter, die guten litauischen Partisanen von den schlechten zu unterscheiden. Für Ginaite-Rubinson und ihre Familie waren alle Baltaraisciai eine Gefahr. Der große Vorteil ihres Buches sind diese detaillierten Erläuterungen, die Zunahme des Antisemitismus, die Partisanen, frühere Nachbarn, die sofort für die Deutschen arbeiteten und letztendlich den Holocaust in Litauen in dieser Dimension erst möglich machten. Für Leser, die sich in diesem Spektrum der litauischen Geschichte nicht auskennen, ein sehr guter Einstieg. Zum Beispiel werden die Prozentzahlen der jüdischen Beteiligung an den kommunistischen Parteien kommuniziert, die sowjetischen Deportationen vom Juni1941 genannt, an denen Juden wie Litauer zu leiden hatten. Natürlich wird der Einzug in das Ghetto geschildert sowie das folgende Ghettoleben. Ginaite-Rubinson schildert sowohl Judenrat als auch auch die jüdische Ghettopolizei erstaunlich positiv. Dann folgen die Arbeitseinsätze sowie die Bekanntschaft mit der (jüdischen) Partisanenbewegung. Letztlich flüchtet Ginaite-Rubinson mit anderen Ghettoinsassen in den Wald von Rudninkai (der liegt im Osten an der Grenze zu Belaruss). Vorherige Versuche die Ghettokämpfer in die Wälder von Augustow (also Richtung Polen) zu schicken scheiterten kläglich. (Faitelson berichtet das Gleiche). Ghettoinsassen konnten auch recht spät in die Wälder gehen, einfach weil es dort vorher keine sowjetischen Partisanen gab. (Ohne Infrastruktur war das Leben im litauischen Winter im Wald nicht zu meistern). Wie Faitelson, aber auch Rachel Margolis beschreibt Ginaite-Rubinson das Leben mit der sie umgebenden Dorfbevölkerung (die sehr viel Leid zu tragen hatten, weil sie zwischen den roten Partisanen und den Nazis zerquetscht wurden). Einhellig schildern sowohl Ginaite-Rubinson sowie Margolis den Antisemitismus unter den sowjetischen Einheiten. G.R. schildert den Versuch einer späteren Kontaktaufnahme ihres früheren Partisanenführers aus Moskau (Jahre nach Kriegsende). Leider nahm sie die Möglichkeit nach den Gründen seines Antisemitismus zu fragen nicht wahr. Wer interessiert ist an einer interessanten Information über Litauen das auf den Krieg zusteuert, Ghettoisierung, Opferzahlen, Partisanenkampf und das persönliche Schicksal von Sara Ginaite-Rubinons Familie, dem sei "Resistance and Survival" wärmstens empfohlen. Wer einen ähnlichen Lebensweg kennenlernen möchte, aber aus Vilnius, dem kann ich zur Ergänzung noch Rachel Margolis Buch "Als Partisanin in Vilnius" empfehlen. In weiteren Buchbeschreibungen finden sich noch viele weitere Bücher, wie von Alex Faitelson auch über die jüdischen Partisanen, oder über die Litauische Nationale Union, in dem die litauische Radikalisierung beschrieben ist. Was mir besonders an Sara Ginaite-Rubinsons Buch gefällt, sind ihre klaren Aussagen: "...He [Michael Ignatieff] wrote that the murderers were not a handful of sadists and criminals that helped the Nazis kill Jews in occupied Lithuania, but thousands of Lithuanians. Of course, the essence of the matter does not rest in numbers, either those killed or of those who conducted the killings. What is important rather, is the fact that about two-thirds of the Jews killed in Lithuania died in the hands of local partisans or members of the Lithuanian Police Bataillons. In other words, the collaboration of local inhabitants gave a clear signal to the occupying forces, that there were suffiient numbers of people willing to help them accomplish the task of 'cleansing' Lithuania of Jews."

Sara Ginaite-Rubinson

Sara Ginaite-Rubinson

Die berühmte Aufnahme von ihr stammt vom 11. Juli 1944, aufgenommen in Vilnius am Rasos Friedhof: Über die Umstände der Aufnahme schreibt sie auf Seite 185: "... I was in the army now and on the front lines, with the Germans only a few steps away. I took out my field glasses, my rifle, grenades, and pistols. Now I was fully equipped and I was beginning to calm down a little. Suddenly, an American-made jeep drove up and stopped right beside me. I pulled out my gun and shouted, in my typical partisan manner, “Stop! Who are you? What is the password ?” A Soviet officer, with cameras dangling from his neck, got out of the vehicle and looked at me in amazement. When he asked me who I was and what I was doing there, I was taken aback. I hadn’t expected such a curt response. I told him this was the front line and asked him what he wanted. “I want to take your photo,” he replied seriously. Major Jacob Riumkin explained to me that he was a military journalist and, on hearing that, I agreed to his request. He looked me up and down, but seemed somewhat displeased. “Strap the gun across your chest,” he said, smiling. Not amused, I remembered the pain I had experienced when I had been denied an automatic weapon. “It’s strange,” I said, refusing to move the rifle, “that you can’t tell the difference between an automatic weapon and a rifle. No one straps a rifle across their chest.” At that, he changed tactics. Very politely, he asked if I would do it for the sake of the photograph. With that, he won me over and I took the rifle from my shoulder and strapped it across my chest, both of us laughing out loud. “Don’t laugh,” he said. “Just smile.” The camera shutter snapped and we were both still laughing when our fighters returned from the attack, all still alive, happily leading captured German soldiers behind ...."

Interessantes Buch, empfehlenswert!

Die BBC hat eine Sendung mit dem Thema "Zeugen der Geschichte" über Sara Ginaite-Rubinson gemacht.

 

Und noch ein Interview von Sara Ginaite-Rubinson "in jungen Jahren" mit dem Virginia Holocaust Museum

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