Als Partisanin in Wilna

Rachel Margolis
Erinnerungen an den jüdischen Widerstand in Litauen
Lange hatte ich mich innerlich gesträubt Rachel Margolis Biografie zu lesen. Zu ungern befasse ich mich mit dem Leben im Ghetto und dem unfassbaren Leid, das die Juden dort erleiden mussten. Doch die Lektüre hat sich gelohnt.
Margolis war eine unglaublich mutige Frau, die trotz des Grauens im von den Deutschen besetzten Litauen erfolgreich ums Überleben kämpfte. Sie lebte nach dem Krieg weiter in Litauen und veröffentlichte dort die „erschütterndsten Dokumente des Holocaust“, die Augenzeugenberichte des Kasimir Sakowicz, die als unleserlich galten und im Litauischen Staatsarchiv lagen. In einer Zeit, in der die Rechtsradikalen europaweit auf dem Vormarsch sind und der Holocaust nur noch „…ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ sein soll (2025) klingt ihr Wunsch - :“ … dass unsere Geschichte und unsere Erfahrungen von ihnen [ihren Kindern] erinnert werden, damit sie das einzuschätzen und wertzuschätzen lernen, was ihre Eltern erkämpften, als sie gegen das schreckliche Übel angingen, den Nationalsozialismus.“ - wichtiger denn je.
Behütet aufgewachsen in einer jüdischen, polnisch sprechenden Arztfamilie in Vilnius, erlebte sie eine unbeschwerte Kindheit. Vilnius war damals eine polnisch - jüdische Stadt (über die damalige Bevölkerungszusammensetzung erfährt man in Leon Wasilewskis Buch "Litauen und seine Völker" von 1907 recht viel), die erst 1939, im Rahmen des Hitler-Stalin Paktes, von der Sowjetunion an Litauen übergeben wurde. Margolis schreibt dementsprechend, Hilfe bekam ihre Familie immer von Polen. Das ist etwas verwirrend, hat aber nicht unbedingt etwas mit dem litauischen Antisemitismus zu tun, sondern wegen der litauischen Geschichte. „Die Sowjetunion übergab Wilna an Litauen. Wir fanden uns in einem fremden Staat wieder, in dem man das uns nicht geläufige Litauisch sprach.“
Die Änderungen in Europa wurden auch von den Juden in Vilnius vernommen. Hitler eroberte einen Staat nach dem anderen. Als Polen 1939 überfallen wurde, fielen auch Bomben auf das damals zu Polen gehörende Wilna.
Doch statt den erwarteten Deutschen, marschierten Rotarmisten in der Stadt ein. Margolis fragt, werden die Juden jetzt doch nicht sterben? Haben sie eine Zukunft?
Die sowjetischen Soldaten werden von den Juden interessiert aufgenommen. Man hört ihren Geschichten interessiert zu. In der Sowjetunion gäbe es kostenlose Gesundheitsversorgung, man könne sich eigene Häuser kaufen, Hühner und eine Kuh. Orangen gäbe es ohne Ende. Ich weiß nicht, ob die Juden alles glaubten. Aber sie wissen (was die große Diskrepanz zu den meisten ethnischen Litauern ist), dass die Rote Armee sie vor den Nazis gerettet hat. Eine Folge von der Übergabe des Wilna Gebietes an Litauen war ein zunehmender Antisemitismus der Litauer. Die neuen Herren forderten eine neue Sprache, jiddisch und polnisch, obwohl jahrhundertelang gesprochen, hatte ausgedient.
Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion und somit auch in Litauen, war die Sicherheit für die jüdische Bevölkerung zu Ende. Sofort begann die LAF und andere litauische Aufständische Kommunisten und Juden zu jagen. "Am Montag, dem zweiten Tag des deutsch-sowjetischen Krieges ... erschienen auf den Straßen litauische Nationalisten mit Armbinden".
Margolis litauischer Hausmeister begann sie zu beklauen und drohte mit Anzeigen bei der litauischen Polizei.
Bald wurden Ghettos für die Juden eingerichtet. Rachels Eltern entschieden, dass sie nicht mit ins Ghetto ziehen sollte, sondern sich außerhalb verstecken sollte.
"In der Stadt fanden ständig Plünderungen und massenhafte Verhaftungen von Kommunisten und Juden statt. Es wurde Jagd auf Männer und Jungen gemacht, angeblich um sie zur Arbeit einzusetzen. ... Anfang Juli 1941 hörte ich zum ersten Mal das Wort "Ponary"- dort soll ein Lager für Juden errichtet worden sein."
Rachel schreibt von der hoffnungslosen Situation der Juden, deren Passivität und Armut.
Im März 1942 entscheidet sie sich doch für den Einzug ins Ghetto. Dort sind von den vormals 80.000 Juden noch 15.000 am Leben. Schnell schließt sie sich dem Widerstand an. Die Zustände im Ghetto sind katastrophal und die Juden machen sich auch gegenseitig das Leben schwer. Einen wirklichen gemeinsamen Widerstand gelingt es nicht aufzubauen.
Die Widerstandsbewegung ist gespalten. Die einen befürworten einen Kampf der Ghettoinsassen gegen die Bewacher, also einen Kampf von Innen. Aber kaum jemand beteiligt sich daran. Rachel beschließt (im Alter von 22 Jahren, gegen den Willen ihres Vaters) das Ghetto mit ihrem Freund und späteren Ehemann zu verlassen, um die sowjetischen Partisanen in den Wäldern zu erreichen.
"Später, bereits im Wald, erfuhr ich, dass mein Vater in die Bibliothek gekommen war, um nach mir zu suchen. Als er sah, dass meine Zahnbürste verschwunden war, wusste er, dass ich gegangen war. Für immer."
Die Flucht war sehr schwierig. Rachel erreichte die Partisanen. Das Ghetto wurde später liquidiert.
Aber auch bei den russischen Partisanen begegnete ihr Antisemitismus. Zweimal erkrankte sie sehr schwer. Statt zum Kämpfen wurde sie meist zum Kochen eingeteilt.
Interessant auch das Leben der Partisanen, die unterschiedlichen Gruppen und Nationalitäten. Die Angriffe und die Reaktion der Nazis (Pirciupiai), 38 Tage vor den Befreiung Litauens.
Pirciupiai motina...die Mutter von Pirciupiai. Denkmal für die ermodeten Litauer.
Nach der Befreiung von Vilnius erfährt Rachel, dass ihre Familie ermordet wurde. Das Leben geht weiter, auch wenn Beamte aus der deutschen Zeit ihnen das Leben schwer machen. Auch die Sowjets zeigen ihre wahre Seite. Der Sieg gegen die Nazis ist nun ein russischer Sieg. In Paneriai (Ponary, der Massaker Ort von Vilnius) wird der Schriftzug am Denkmal für die ermordeten Juden zu "Sowjetische Bürger die starben" geändert.
Rachel Margolis engagierte sich in Vilnius für die Erinnerung an den Holocaust. Eröffnete das "Grüne Haus" und entzifferte die Aufzeichnungen von Kazimierz Sakowicz, einer der wichtigsten Zeitzeugenberichte der Massaker in Paneriai.

Das Grüne Haus, Holocaust Museum in Vilnius
Sie emigrierte 1994 zu ihrer Tochter nach Israel.
Ein wichtiges, interessantes Buch mit vielen Informationen aus einer dunklen Zeit.
Empfehlenswert!