Holocaust Atlas
Der Krieg und die Juden in Litauen
Dieser ausgezeichnete Artikel von Andreas F. Kellatat beleuchtet die Situation der litauischen Juden in den beiden Weltkriegen. War das deutsch-jüdische Verhältnis während des ersten Weltkrieges noch durchaus positiv, schlug die Stimmung nach 1918 völlig um und führte zum litauischen Holocaust des Jahres 1941. Vielleicht hat die relativ humane Behandlung der Juden in Ober Ost des I. Weltkrieges sogar zu der hohen Todesrate von 1941 beigetragen. Wer sich noch an die deutsche Besatzung von 1915-1918 erinnerte, konnte sich nicht vorstellen, was Deutschland mit den litauischen Juden machen würde. Über Auswanderung wurde oft (zu) spät gesprochen und außerdem:
"Wir wollten-wie so viele-einfach nicht glauben, daß die Deutschen in Litauen einfallen könnten".
Dr. Kelletat arbeitet an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Germanistik.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Annaberger Annalen. Erstabdruck in den Annaberger Annalen 19/2011.
Der Krieg und die Juden in Litauen
Deutsche Schriftsteller in Kowno/Kaunas 1915-1918 und 1941-1944.
Eine Bestandsaufnahme
Andreas F. Kelletat
Das 20. Jahrhundert wird vielleicht als das „kurze“ Jahrhundert in die Geschichte eingehen. Denn seine Zäsuren erhält es zum einen durch die Jahre 1989/91, als die Ost-West-Spaltung überwunden wurde und die Völker östlich der Elbe Freiheit und Selbstbestimmungsrecht gewannen – was von vielen ihrer Repräsentanten auch als Auftakt einer „Rückkehr nach Europa“ beschrieben wird –, zum anderen durch das Jahr 1914, als mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs das lange 19. Jahrhundert endete. Dieser Krieg wird im kollektiven Gedächtnis der Deutschen (falls es so etwas gibt) vor allem als Krieg zwischen Deutschland und Frankreich in Erinnerung gehalten und für diesen wieder mag das Massensterben in der Schlacht von Verdun im Jahre 1916 am deutlichsten präsent sein. Dass der Erste Weltkrieg auch im Osten geführt wurde, dass zwei oder drei Millionen deutsche Soldaten dort kämpften bzw. als Besatzungsmacht stationiert waren, ist weniger geläufig. Große Gebiete in den heutigen Staaten Polen, Litauen, Lettland, Estland, Weißrussland, Ungarn, Rumänien und in der Ukraine wechselten zwischen russischer und deutsch-österreichisch/ ungarischer militärischer Herrschaft. Die Folgen des sich wiederholt verschiebenden Frontverlaufs waren für die Zivilbevölkerung verheerend. Besonders betroffen waren die Juden – und in dem östlichen Kampfgebiet lebte damals die deutliche Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung. Als die russischen Armeen nach großen Anfangserfolgen in Ostpreußen und Galizien erste Niederlagen einstecken mussten, konnte sich die russische Führung dies nur durch Verrat erklären. „Und die Verräter waren schnell gefunden: die Juden“ (Schuster Wenn der Zar 126). Die lebten zum einen in großer Zahl im Kampfgebiet und sie sprachen zum anderen Jiddisch und konnten so mit dem deutschen Feind kommunizieren – Grund genug, sie sehr hart anzufassen. Systematisch wurden Rabbiner und angesehene Gemeindemitglieder als Geiseln genommen und deportiert, die russische Armeeführung ließ auch komplette jüdische Gemeinschaften binnen 24 oder 48 Stunden aus frontnahen Ortschaften ausweisen, so dass 1914/15 ca. 600.000 jüdische Flüchtlinge im Kriegsgebiet umherirrten (ebd.). „Die Russen haben Kowno ausgeleert,“ heißt es in Arnold Zweigs Weltkriegsroman Einsetzung eines Königs von 1937, „als sie die Stadt räumten, nahmen sie an vierzigtausend Einwohner mit, ausnahmslos Juden; in die leergelassenen Häuser aber zogen andere Juden ein; die Dörfer und Städtchen rund um die Festung ergossen sich in sie.“ (59) 1915 gelang es den deutschen und österreichischen Truppen, die Front weit nach Osten vorzuschieben. Das unter ihre militärische Herrschaft geratene Gebiet wurde in drei Besatzungszonen eingeteilt – den Südosten bekam Österreich („Generalgouvernement Lublin“), die Region um Warschau übernahmen die Deutschen und ebenfalls unter deutsche Militärverwaltung gelangte der Nordosten, also Teile der heutigen Staaten Weißrussland, Litauen und Lettland. 1917 wurden dann auch noch Riga und Estland erobert, Regionen, in denen bisher – unter Oberherrschaft der Zaren – der baltendeutsche Adel das Sagen hatte. Ihre von der Memel bis zur Düna reichende, ca. 112.000 qkm umfassende und von knapp drei Millionen Menschen bewohnte Besatzungszone nannten die Deutschen Ober Ost.

Herbert Eulenberg
Von einem jüdischen Ober Ost-Heimatvertriebenen aus Kowno/Kaunas berichtet auch der nicht-jüdische Schriftsteller Herbert Eulenberg (1876-1949) in seinem Text Jüdischer Maurer, der zu einer gleichnamigen Steinzeichnung des 1923 nach Palästina ausgewanderten Berliner Malers und Radierers Hermann Struck (1876-1944) entstand. Bild und Text erschienen 1916 in dem seiner „Exzellenz dem Herrn Ersten Quartiermeister General der Infanterie Ludendorff“ gewidmeten Prachtband Skizzen aus Litauen, Weißrussland und Kurland, „hergestellt in der Druckerei des Oberbefehlshabers Ost“ (vgl. Rusel 176- 83):
Jüdischer Maurer
„Ich bin Schmerl, der Muler. Ich kann malen, mauern und tünchen. Was
soll ich Euch sonst noch von meinem Leben erzählen? Meine Frau ist
mir gestorben im Krieg. Meine drei Söhne sind bei der russischen Armee.
Ob gefallen, ob gefangen, ich weiß es nicht […] Die Russen sind
gekommen und haben uns gesagt: „In vierundzwanzig Stunden müßt Ihr
aus Kowno sein. Wer morgen Nachmittag nach vier Uhr noch angetroffen
wird, wird totgeschossen.“
„Hab ich drei leibliche Söhne bei Eurer Armee stehen“, hab’ ich gesagt.
„Kannst Du darum nicht für die verdammten Deutschen Spionagedienste
tun?“ hat es geheißen.
„So wahr ich meine Kinder liebe, hab’ ich nie einen Deutschen gesehen“,
hab’ ich beschworen.
„Ihr verfluchten Juden seid alle selber halbe Deutsche“, hat man mich
angeschrien.
„Meine Frau ist schwanger im achten Monat“, hab’ ich wieder gesagt.
„Sie kann sterben mitsamt dem Kind auf der Flucht.“
„Schon recht! So sind zwei Juden weniger auf der Welt!“ haben sie
mich ausgelacht. Also sind wir abgezogen in vierundzwanzig Stunden:
Greise, Kranke, Schwangere, Kinder, Tolle, Säuglinge. Alles durcheinander,
wie ein Rudel Hunde, die man einfängt und verjagt. Eso viel
Jammer ist noch nicht dagewesen auf der Welt. Was uns unsere Lehrer
erzählt haben von der Austreibung unseres Volkes aus Spanien in früheren
Jahrhunderten, ist ein Kinderspiel gewesen gegen die Schrecken und
die Verzweiflung, die wir durchgemacht haben. Und wenn ich tausend
Jahre alt würde, das könnt’ ich den Russen nie vergessen, was sie uns
angetan haben!“
Und Schmerl, der Muler, weint, und seine Tränen tropfen in die Lehmspeise,
und er streicht und schmiert mit seinen Tränen die Wände zu neuen Häusern.
(Struck / Eulenberg o.S.)
Eulenbergs, die Sympathien seiner deutschen Leser für die im Osten bedrängten Juden weckender Text war keine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Kriegspublizistik. Vergleichbare Töne finden sich z.B. in einem dem Thema „Ostjuden“ gewidmeten „Kriegsheft“ der einflussreichen Süddeutschen Monatshefte vom Februar 1916. Starke Sympathien für das kaiserliche Deutschland gab es weltweit in den jüdischen Gemeinschaften. In das Kapitel über den Ersten Weltkrieg seiner 1960 erschienenen Monographie Die Juden in Deutschland hat H.G. Adler zwei Strophen eines Gedichts aufgenommen. Die lauten so:
Ich bin ganz fremd zum Teuton,
Es ist der Jid in mir, wo redt –
Doch wünsch ich Segen Deitschlands Fohn,
Wos flattert über Rußlands Stedt. ...
Mein Lied der deitschischen Nation,
Hoch for dem Kaiser und sein Land,
Hoch for sein Mut und seine Fohn!
Und hoch for sein gesegnet Hand! (Adler 136)
Die Verse mit dem Segenswunsch für Kaiser Wilhelm II. stammen von Morris Rosenfeld, dem 1862 in Boksze bei Suwalki geborenen und 1882 via England in die USA ausgewanderten und 1923 in New York verstorbenen jiddischen Dichter. Sie lassen ahnen, wie weit die Parteinahme für Deutschland unter den Juden ging, auch in den bis 1917 neutralen Vereinigten Staaten, wo jiddische Zeitungen nach dem Kriegseintritt Amerikas vorzensurpflichtig wurden – wegen ihrer notorisch deutschfreundlichen Haltung (Adler 135). Und hatten die Juden der „new immigration“ nicht Grund zu der Erwartung, dass sich unter „Deitschlands Fohn“ die Lage ihrer in Osteuropa zurückgebliebenen Verwandten und Glaubensgenossen bessern werde? Die in Eulenbergs Jüdischem Maurer anklingende Euphorie der ersten Begegnung zwischen „Ostjuden“ und kaiserlich-deutscher Armee beschreibt Sammy Gronemanns Ober Ost-Erinnerungsbuch Hawdoloh und Zapfenstreich von 1924 freilich in leicht sarkastischem Ton:
In den ersten Kriegszeiten […] herrschte eitel Jubel und Begeisterung
ob der Entdeckung der Ostjuden als Wahrer deutscher Art und Sprache.
Es entstanden begeisterte Lobgesänge auf ihre Treue und eine Reihe
deutscher Literaten, beileibe nicht nur Juden, bewiesen in tiefgründigen
Abhandlungen, daß die Ostjuden eigentlich echte und rechte Deutsche
seien, Träger deutscher Kultur, die in unerhörter Zähigkeit und Anhänglichkeit
ihr germanisches Volkstum durch die Jahrhunderte slawischer
Unterdrückung gewahrt hätten. Im kaiserlichen Hauptquartier wurde
eine in Prachtband gefaßte, wundervoll ausgestattete Denkschrift über
diese Materie huldvollst entgegengenommen. – Kaiser Wilhelm wollte
im ersten Impuls die sofortige Entlassung aller ostjüdischen Kriegsgefangenen
verfügen, ein Entschluß, der noch glücklich verhindert wurde
– er hätte Tausenden russisch-jüdischer Soldaten das Leben gekostet –,
die Namen Silberfarb und Mandelstamm, einst das Objekt ironischer
Bemerkungen des Reichskanzlers Bülow, galten jetzt als Symbole jüdisch-
deutscher Mannentreue und das Wort „Ostjude“ war wohlgefällig
in den Augen deutschnationaler Patrioten. Es wurde eine richtiggehende
politische Aktion veranstaltet; der Feldmarschall Hindenburg und Exzellenz
Ludendorff ließen Proklamationen, sogar durch Flugzeuge, in
jiddischer Sprache an die Juden in Litauen und Polen verbreiten, in denen
die Befreiung der armen russischen Juden vom zaristischen Joch
durch die freiheits- und judenfreundlichen Heere angekündigt und die
enge Zusammengehörigkeit und geistige Verwandtschaft von Deutschen
und Juden dargelegt wurde. Kurz – es sah fast so aus, als ob Kaiser Wilhelm
seinen Heerbann eigens zur Rettung seiner vielgeliebten Ostjuden
aufgerufen hätte. (Gronemann, Hawdoloh 32 f.)
Die durch Berichte über das judenfreundliche Vorgehen der deutschen Armee befestigte deutschfreundliche Haltung der amerikanischen Juden wurde getragen von jenen über zwei Millionen jüdischen Auswanderern, die zwischen 1881 und 1914 aus Osteuropa in die USA gelangten. Man kann diese Auswanderung osteuropäischer Juden als Teil jenes transatlantischen Massenexodus sehen, der aus dem sich von einer Agrar- zur Industriegesellschaft wandelnden Europa in den Jahrzehnten 1850 bis 1920 an die 60 Millionen Europäer in die USA führte (die Bevölkerung Irlands schrumpfte damals von 8 auf 4,5 Millionen), aber auch nach Südamerika (11 Millionen), nach Australien, Neuseeland und nach Südafrika. Verlauf und Ursachen dieser gigantischen Ost-West-Migration hat Klaus Bade in seiner Gesamtdarstellung Europa in Bewegung (2000) benannt: der rapide Geburtenanstieg in Europa, dessen Bevölkerung im 19. Jahrhundert trotz der Auswanderung nach Übersee von ca. 180 auf knapp 490 Millionen wuchs, die Ernährungsprobleme, der soziale Wandel, die verkehrstechnischen Revolutionen (Dampfschiff und Eisenbahn), der „Menschenhunger“ der Neuen Welt mit ihrer dem Ansturm der Europäer nicht gewachsenen autochthonen Bevölkerung.
Die jüdische Auswanderung aus Russland setzte allerdings vergleichsweise spät ein, um 1880. Und ihre Ursache war zwar gewiss auch der soziale und wirtschaftliche Druck, der auf den jüdischen Gemeinschaften lastete, ihr Auslöser allerdings waren die judenfeindliche Politik der russischen Regierung nach der Ermordung Alexanders II. im März 1881, Auslöser waren die Pogrome und das Zusammenpferchen im seit 1804 bestehenden sog. Ansiedlungsrayon. 500.000 Juden wurden 1882 gezwungen ihre Heimatorte zu verlassen und aus ländlichen Siedlungsgebieten in Städte und Schtetl zu ziehen, 250.000 trieb man von der Westgrenze Russlands ins Innere des Rayons, 700.000 wurden aus östlichen Regionen in den Rayon zurück gezwängt, darunter die 20.000 Moskauer Juden (vgl. Dubnow und Hildermeier).

Arnold Zweig
Schon in den 80er Jahren herrschte in Jüdisch-Russland jene „reibungsvolle Enge“, die (auf den Leser je nach Disposition abstoßende oder sein Mitleiden provozierende Weise) Arnold Zweig 1919 in Das ostjüdische Antlitz
…an den Fischkästen großer Speisehäuser veranschaulicht […], wo zwischen
engen Glaswänden so viele Fische eingepfercht sind, daß sie nur
gerade noch vom Wasser […] umspült sind, sonst aber, Fisch an Fisch
gepreßt, gegen die durchsichtige unnachgiebige Schranke gedrückt, mit
dem Maule an der Oberfläche des Kastens hängen oder am sandigen
Grunde festhalten – nicht anders drängt sich der Jude in den kleinen und
größeren Städten des Ostens zusammen […] (Zweig, Antlitz 19)
Die russische (aber auch rumänische) Politik der Nicht-Gewährung bürgerlicher Rechte für die jüdischen Bewohner kontrastierte dabei scharf mit der Situation in den westlichen Regionen Europas und in den USA, wo die formalrechtliche Gleichstellung der Juden schon 1776 (Religions- und Gewissensfreiheit in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung) erfolgt war bzw. 1789 in Frankreich, 1831 in Belgien, 1858 Großbritannien, 1866 Österreich, 1867 Ungarn, 1870 Italien, 1871 Deutsches Reich, 1873 Schweden, 1874 Schweiz, 1891 Norwegen, 1910 Portugal. Die Jahreszahlen markieren jeweils den Abschluss des rechtlichen Gleichstellungs- bzw. Emanzipationsprozesses, wobei es viele Vor- und Zwischenstufen gab, etwa im 18. Jahrhundert die sog. Toleranzpatente, die den Juden gewisse Rechte einräumten, ihnen andere aber weiterhin versagten, z.B. den Zugang zum Beamtentum und zur Offizierslaufbahn, das aktive und passive Wahlrecht usw. Die Emanzipation der Juden in West- und Teilen Mitteleuropas war allerdings mit einem schon für die Aufklärung charakteristischen Vorbehalt versehen: Den Juden als Nation sei nichts zu geben, dem einzelnen Juden als Individuum hingegen alles. Der Preis für die Emanzipation war die Assimilation bzw. Akkulturation, oft bis zum Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft, bis zur Taufe, dem „Entréebillet zur europäischen Kultur“, wie Heine seine Taufe von 1825 genannt hat. Die Lorelei habe er „aber sicher nach der Taufe gemacht“, lässt Spötter Sammy Gronemann in seinem in Ober Ost-Tagen entstandenen Roman Tohuwabohu (1920) Frau Pastor Marie Bode im deutsch-protestantischen Pfarrhaus von Borytschew plappern, jene wiedergeborene Daja aus Lessings Nathan, die freilich weniger an Engel glaubt denn daran, „daß die Juden in ihr Osterbrot Christenblut hineintun“ (Gronemann, Tohuwabohu 154 f.). Viel wurde im Jahrhundert der Emanzipation darüber gesprochen, was die Juden für ihre Gleichstellung alles aufzugeben hätten (ihr sonderbares Juden-Deutsch, ihre auffällige Kleidung, ihre traditionelle Rechtsprechung, ihre befremdenden Gottesdienstformen usw.), nur sehr selten wurde von christlicher Seite überlegt, ob man selbst im Verhältnis zu den Juden vielleicht auch etwas aufgeben müsste (z.B. den Gottesmordvorwurf oder das Hostienschänden- und Ritualmordgeglaube), und fast nie wurde gefragt, was die Juden denn als Juden der europäischen Kultur vielleicht zu geben hätten (vgl. Scholem 40). Indirekt findet sich diese Grundhaltung gegenüber den Juden des besetzten Gebiets auch in jener knapp 500 Seiten umfassenden amtlichen Darstellung Das Land Ober Ost, in der die Pressabteilung Ober Ost im Herbst 1917 die „deutsche Arbeit in den Verwaltungsgebieten Kurland, Litauen und Bialystok-Grodno“ dokumentierte und in der sie Interessantes über litauische Volkspoesie und litauische Ornamentik und „weißruthenisches Volksrecht“ mitzuteilen hat, in der das Jiddische dann aber mit einem deutsch-jiddischen Mischmasch-Text (Eine „Gebitte“) präsentiert wird, der im deutschen Leser allenfalls ein schmunzelndes westliches Überlegenheitsgefühl zu wecken vermag (Das Land Ober Ost 70 f.). Auch in den Kapiteln Land und Leute sowie Wilna – Ein Kultur- und Städtebild dominiert ein Ostjuden-Bild, das kaum freundliche Züge enthält, dafür ausführlich von Schmutz und Enge und Lärm und „Überbleibseln finstersten Mittelalters“ spricht (ebd. 18 f., 45-50). Eher am Rande erwähnt wird das „schon reich entwickelte jiddische Schrifttum [, das] auch den Ärmsten der Armen wenigstens einen Blick in ihnen unbekannte Welten erschließt“ (ebd. 19). Am gründlichsten wird in der Ober Ost-Anthologie über die jüdischen Kultusgemeinden informiert, im Kapitel Glaubenszwang und Gewissensfreiheit, das mit der beruhigenden Feststellung schließt:
Nach Besetzung des Landes durch die Deutschen hat natürlich jede Verfolgung
aufgehört; religiöser Friede herrscht in dem schwer heimgesuchten
Lande, dessen Verwaltung jede Konfession schützt und alles tut,
um die kirchlichen Bedürfnisse jedes Landeseinwohners zu befriedigen.
(ebd. 368)
Wenn also im Ersten Weltkrieg der amerikanisch-jiddische Dichter Rosenfeld dem deutschen Kaiser und dem deutschen Heer den Sieg wünschte, so lässt sich dieser Wunsch mit der Erwartung erklären, dass der Sieg der Kulturnation Deutschland über das brutal-barbarische Russland eine Verbesserung der Lage der Juden bringen werde – so die Überzeugung der nach Amerika ausgewanderten osteuropäischen Juden. „Ich bin ganz fremd zum Teuton“, schrieb Rosenfeld, so dass ein anderes Motiv für seine prodeutsche Haltung hier nicht in Betracht kommt, das Gershom Scholem in seinem Vortrag Deutsche und Juden 1966 als das „sehnsüchtige Schielen nach dem deutschen Geschichtsbereich“ charakterisiert, fast möchte ich sagen: denunziert hat. „Aus den Objekten aufgeklärter Duldung“, heißt es bei Scholem, „wurden nicht selten lautstarke Propheten, die im Namen der Deutschen selber zu sprechen sich anschickten“ (26).

Thomas Mann
Thomas Mann hat das Problematisch-Gefährliche, ja Mörderische dieser mentalitätsgeschichtlichen Konstellation im Sommer 1946 im Fitelberg-Monolog seines Doktor Faustus aufbewahrt:
Nun, ich bin Jude, müssen Sie wissen, – Fitelberg, das ist ein eklatant
jüdischer Name. Ich habe das Alte Testament im Leibe, und das ist eine
nicht weniger ernsthafte Sache als das Deutschtum […] man ist als Jude
im Grunde skeptisch gesinnt gegen die Welt, zugunsten des Deutschtums,
auf die Gefahr hin natürlich, Fußtritte einzuhandeln für seine Neigung.
Deutsch, daß [sic!] heißt ja vor allem: volkstümlich – und wer
glaubte einem Juden Volkstümlichkeit? Nicht nur, daß man sie ihm
nicht glaubt, man gibt ihm ein paar über den Schädel, wenn er die Zudringlichkeit
hat, sich darin zu versuchen. Wir Juden haben alles zu
fürchten vom deutschen Charakter […] Volkstümlichkeit wäre für uns
eine den Pogrom herausfordernde Frechheit. Wir sind international –
aber wir sind pro-deutsch, sind es wie niemand sonst in der Welt, schon
weil wir gar nicht umhinkönnen, die Verwandtschaft der Rolle des
Deutschtums und des Judentums auf Erden wahrzunehmen. Une analogie
frappante! Gleicherweise sind sie verhaßt, verachtet, gefürchtet, beneidet,
gleichermaßen befremden sie und sind befremdet. Man spricht
vom Zeitalter des Nationalismus. Aber in Wirklichkeit gibt es nur zwei
Nationalismen, den deutschen und den jüdischen, und der aller anderen
ist Kinderspiel dagegen […] Die Deutschen sollten es den Juden überlassen,
pro-deutsch zu sein. Sie werden sich mit ihrem Nationalismus,
ihrem Hochmut, ihrer Unvergleichlichkeitspuschel, ihrem Haß auf Einreihung
und Gleichstellung, ihrer Weigerung, sich bei der Welt einführen
zu lassen und sich gesellschaftlich anzuschließen, – sie werden sich
damit ins Unglück bringen, in ein wahrhaft jüdisches Unglück […] Die
Deutschen sollten dem Juden erlauben, den médiateur zu machen zwischen
ihnen und der Gesellschaft, den Manager, den Impresario, den
Unternehmer des Deutschtums – er ist durchaus der rechte Mann dafür,
man sollte ihn nicht an die Luft setzen, er ist international, und er ist
pro-deutsch ... (Mann 544-47)
„Unternehmer des Deutschtums“ – waren das nicht auch jene wackeren preußenfreundlichen jüdischen Gelehrten (vgl. Morgenstern) wie Joseph Carlebach oder Leo Deutschländer, die in Kowno, Bialystok und anderen Orten von Ober Ost ein Zusammengehen von deutscher und jüdischer Kultur anstrebten? Wie man solche „Symbiose“ sich als Bildungsprogramm, als „jüdisches Erziehungswerk“, vorzustellen hat, zeigt Leo Deutschländers „jüdisches Lesebuch“ Westöstliche Dichterklänge, dessen Vorwort auf „Hauptquartier Ost, März 1918“ datiert ist. Für den „deutschen (Mittelstufen-) Unterricht in den jüdischen Schulen Polens und Litauens“ hat Deutschländer seine Anthologie konzipiert, für ein „bildungsdürstendes Geschlecht, das sehnend über die Tore des Gettos hinweg nach fremden Geisteshallen geschaut“ (Deutschländer, IV; vgl. Gronemann Erinnerungen an meine Jahre in Berlin 263-267).
Gershom Scholem analysierte in seiner Rede von 1966 auch, woher das „Schielen“ nach der deutschen Kultur rührte. Zum einen war es eben diese deutsche Kultur, der die Juden in Deutschland, Österreich-Ungarn und in Osteuropa als erster begegneten, als sie ihr Ghetto nach 1750 verließen. Und sie brachen zum anderen in die deutsche Kultur auf, als diese ihre erstaunlichste Entfaltung erlebte – mit Gestalten wie Lessing, Herder, Goethe oder Schiller. Die Verehrung der Juden für diese Großen war immens, besonders für Schiller, der zugleich im 19. Jahrhundert der wirkliche Nationaldichter der Deutschen war. „Die Begegnung mit Friedrich Schiller war für viele Juden realer als die mit den empirischen Deutschen“ (Scholem 30). In ihrer Intensität und ihrem Umfang hat der Übertritt der Juden ins Deutsche „keine Parallele in den Begegnungen der Juden mit anderen europäischen Völkern“ (ebd. 29). Aber den Deutschen war dieser Ansturm der aus dem Ghetto ins Deutsche (und nach Deutschland) strebenden Juden auch unheimlich. Der von den Deutschen gewährten politischen Emanzipation „stand keine gleiche Bereitschaft zur rückhaltlosen Aufnahme in die kulturell aktive Schicht gegenüber“ (ebd. 39), so dass es von Anfang an ein „falscher Start“ war, der die Beziehungen der beiden Gruppen, der Juden und der Deutschen, prägte.
Scholems zionistischer Interpretation des deutsch-jüdischen Verhältnisses ist schwer zu widersprechen. Hatte also Victor Klemperer unrecht, der – schon eingepfercht ins Dresdner „Judenhaus“ – im Sommer 1941 nach der Lektüre von Sammy Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich seinen eigenen Aufenthalt in Kaunas 1916 erinnert und seine eigene Identität überdenkt? Gronemanns Verherrlichung der Ostjuden und seine Polemik gegen den „haltlosen und verräterischen Assimilationsjuden Deutschlands“, sein Ruf zum Aufbruch nach Zion, „das auch das eigentliche Vaterland der deutschen Juden sei,“ waren Klemperer ein Gräuel (Klemperer 481). Mit dem „ostjüdischen Volk“, den schreienden Zeitungsverkäufern, Droschkenkutschern, Friseuren und spielenden Kindern in den Straßen von Kowno oder den „’Lernenden’ in einer Wilnaer Talmudschule“ habe er als Deutscher nicht mehr „Gemeinschaft“ als mit den Kutschern, Zeitungsjungen, Kindern oder Fischern in Neapel (ebd.). Juden in Russland bzw. in Osteuropa und Juden in Deutschland lebten für Klemperer durch ihre völlig unterschiedliche kulturelle Prägung in geschiedenen Welten, auch wenn Klemperer in Kaunas durch die Erzählungen eines Angehörigen des Presseamtes, im Zivilberuf Berliner Börsenmakler, bewusst wurde, welche „Verflochtenheit“ zwischen den Juden „diesseits und jenseits der Grenze“ Deutschlands bestand (ebd. 484). Diese „Verflochtenheit“ hat Gronemann in seinem 1920 erschienenen Roman Tohuwabohu zur beißenden Satire auf das Berliner assimilierte Judentum der Kaiserzeit benutzt.

Victor Klemperer
„Ließ sich die Trennung behaupten, die mir so wesentlich war?“, erinnerte sich Klemperer 1941 an die ihn in Kaunas bewegende Frage aus dem Ersten Weltkrieg (vgl. Faber 145- 166):
Aber ich fand meine Sicherheit wieder. Für mich bestand die Kluft. Ich
war in Deutschland geboren, ich hatte nichts anderes eingeatmet als
deutsche Luft, als deutsche Geistigkeit; ich konnte nichts anderes sein
als Deutscher. Ich notierte in meinen Tagebuchbriefen: „’Wäre ich in
Paris geboren, ich wäre Christin geworden’, sagte die Mohammedanerin
Zaire. Die kulturelle Atmosphäre entscheidet, nicht das Blut. – Nein,
auch das ist mir zu materialistisch, zu unfrei gedacht. Es stimmt vielleicht
für die meisten Menschen, für alle nicht. Wenn mein Ich es will,
kann mich die Umgebung so wenig halten wie das Blut. Gibt es einen
besseren Deutschen als Franzos’ Pojaz, den die Sehnsucht aus Halbasien
nach Deutschland führt? Der Geist entscheidet von sich aus ...“ (Klemperer 484 f.)
Hat Klemperer hier – so lässt sich zynisch fragen – die Rechnung ohne den Wirt gemacht? Oder ohne das „Wirtsvolk“, um den bösen an Schmarotzer, Parasiten und Krankes gemahnenden Terminus aufzugreifen, mit dem Scholem seine Hörer erschreckt (Scholem 32). Denn ohne Anerkennung durch die Autochthonen kann ich nicht Teil des anderen Kollektivs werden, oder – wie Theodor Herzl 1896 formulierte: „Wer der Fremde im Lande ist, das kann die Mehrheit entscheiden“ (Judenstaat 16). Natürlich hatte Klemperer recht – aus heutiger Sicht: Wer wollte es einer 35-jährigen verwehren, die in die USA ausgewandert ist und sich dort 15 Jahre später als Amerikanerin fühlt, wie die Amerikaner denkt und argumentiert und ihr schon halbvergessenes Deutsch nur noch mit amerikanischem Akzent spricht, sich als Amerikanerin zu bezeichnen? Und wünschen wir uns nicht von dem türkischen Nachbarsbuben, dass er Fan des FC Bayern wird, deutsche Manieren annimmt und sich von seinen Klassenkameraden möglichst rasch nur noch durch Haar- und Augenfarbe unterscheidet, aber nicht mehr durch eine andere Mentalität? Würden wir der neugebackenen Amerikanerin deutschen Selbsthass vorwerfen, dem Schulbuben türkischen Selbsthass? Von gelungener Integration oder Akkulturation sprächen wir (vgl. Hansen 160). Und wächst nicht sogar die Einsicht, dass sich Identitäten im Verlauf eines Lebens verändern können, dass sie sich auch aus unterschiedlichen Ingredienzien zusammensetzen, dass sie „hybrid“ sein können, dass ein Kollektiv vielleicht gar nicht das Recht hat, einen Einzelnen voll und ganz für sich zu beanspruchen, zu vereinnahmen? Das 19. und das 20. Jahrhundert haben darüber zumeist anders gedacht.
Vielleicht sollten wir – auch in unserer Beschäftigung mit Ober Ost – beim Thema Identität jenen mehr Aufmerksamkeit schenken, die ich – in Ermangelung eines glücklicheren Terminus – als „Überläufer“ aus der „großen“ bzw. dominanten in die „kleine“ bzw. unterlegene Gruppe bezeichnen möchte. Denn auch das ist ja eine Reaktion, die die Begegnung mit (angeblich) Schwächeren in mir auslösen kann: den Wunsch, zu ihnen, zu den Opfern, zu gehören. Das scheint z.B. auf Victor Jungfer zuzutreffen, Offizier in der Presseabteilung von Ober Ost, der 1919 den „Kulturroman“ Das Gesicht der Etappe veröffentlichte, dessen Held sich angesichts der brutalen und heuchlerischen deutschen Okkupationspolitik (Jungfer 233-263: Schilderung eines KZ-artigen Gefangenenlagers!) Schritt für Schritt in einen Litauer zu verwandeln versucht ... (vgl. Liulevičius 239 ff.). Oder man denke an Alfred Brusts (auch er war bei der Presseabteilung von Ober Ost) mir immer noch rätselvollen Roman Die verlorene Erde von 1926, in dem ein Graf aus altem Pruzzengeschlecht zum Judentum übertritt und bei einem Pogrom in Wilna ums Leben kommt. Welche Ober Ost-Erfahrungen könnten Brust zu dieser Romankonstruktion veranlasst haben? Oder ist für den pruzzisch-jüdischen Grafen jener Walentyn Graf Potocki Vorbild, der sich in Amsterdam „zum Judaismus bekehrte und trotz Folter dem neuen Glauben nicht abschwor“ und der 1749 als Häretiker in Wilna auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde? (Miłosz 47 f.) Ein drittes und letztes Beispiel für die Figur des „Überläufers“ auf die Seite der (scheinbar) Unterlegenen bietet mir Bertin, der Schipper aus Zweigs Roman Junge Frau von 1914, den der Krieg u.a. nach Üsküb auf dem Balkan verschlägt.
Hier verschwinden, sich umkleiden […] und als würdevoller spaniolischer
Jude mit Lammfellmütze und gekreuzten Beinen in einem kleinen
Laden sitzen und Tabak verkaufen, türkischen Honig oder Goldschmiedewerk! (229 f.)
Es bleibt in Zweigs Roman bei diesem orientalistischen Tagtraumbild, aber dies Bild zeigt Bertins Sehnsucht (und die des Autors wohl auch) nach einer anderen, vormodernen, orientalisch-mediterranen, ungebrochen jüdischen Identität (vgl. Hermand 81, Claussen 319).
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Avraham Barkais 2002 erschienene Studie über den 1893 gegründeten „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, die vielleicht zu einer Rehabilitierung des jahrzehntelang als „Centralverein jüdischer Staatsbürger deutschen Glaubens“, als rückgratloser Assimilantenclub, geschmähten C.V. in der jüdisch-zionistischen Historiographie beitragen wird, hat ebenso wie Ulrich Siegs weithin gerühmte Marburger Habilitationsschrift Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg (2001) auf breiter Materialbasis die Kriegserfahrungen deutscher Juden ab dem „Burgfrieden“ und „Augusterlebnis“ von 1914 – den „Flitterwochen des Krieges“ (Gronemann Erinnerung an meine Jahre in Berlin 159) –, über die „Judenzählung“ im Oktober 1916 bis zum Kriegsende und zur Revolution rekonstruiert, wobei in beiden Untersuchungen auch das Thema „Ostjudentum“ breiten Raum einnimmt, ähnlich wie schon 1997 im dritten Band der von Michael M. Meyer herausgegebenen Deutschjüdischen Geschichte in der Neuzeit. Veijas Gabriel Liulevičius’ 2002 auch auf Deutsch erschienene, durch eine litauische Perspektive geprägte Studie War Land on the Eastern Front. Culture, National Identity, and German Occupation in World War I (2000) fragt u.a. nach dem „Ostfronterlebnis“ der deutschen Soldaten, nicht nur der jüdischen, und untersucht, wie die „Kolonisierung“ von Ober Ost funktionierte und wie die betroffenen ethnischen Gruppen auf die deutsche Militärherrschaft und deren „Kulturarbeit“ reagierten. Wir wissen allerdings auch nach Liulevičius’ gewichtiger Untersuchung immer noch viel zu wenig über das Bild der Weltkriegs-Deutschen in litauischen, lettischen, polnischen, russischen oder jiddischen zeitgenössischen Quellen. Trotz dieser in den letzten Jahren entstandenen breiten Forschungsbasis, zu der auch mehrere Beiträge zur Potsdamer Arnold-Zweig-Konferenz von 1999 (Bernhard/Schlör 2004) oder die Dissertationen von Eva Raffel über das „östliche Judentum im Werk von Joseph Roth und Arnold Zweig“ (2002) sowie von Frank Schuster über die „Lebenswelten“ osteuropäischer Juden während des Ersten Weltkrieges (2004) zu zählen sind, will es mir nicht gelingen, die im Ersten Weltkrieg, in den 20er und 30er Jahren oder auch später entstandenen Essays, Tagebücher, Erinnerungen, Romane von Alfred Brust, Richard Dehmel, Herbert Eulenberg, Paul Fechter, Hans Frentz, Sammy Gronemann, Viktor Jungfer, Victor Klemperer, Hermann Struck oder Arnold Zweig umstandslos in den wissenschaftlich solide ausgeleuchteten politik-, ideen-, mentalitäts und sozialgeschichtlichen Kontext einzuordnen. Davon halten mich – wenn diese Selbstbefragung gestattet ist – neben anderen Hemmungen vor allem all die Echos ab, die aus jenem Abgrund tönen, der uns von den deutsch-jüdischlitauischen Begegnungen im Ersten Weltkrieg trennt. Daraus resultiert ein methodisches Problem. Die vom Ersten Weltkrieg und Ober Ost handelnden Texte werden von uns Späteren vielleicht zu beharrlich auf Signale des kommenden Unheils abgehorcht, des „Weltuntergangs“ (vgl. Taterka). Das zeigt: Keiner dieser Texte kann mehr so gelesen werden, als habe es Auschwitz und die Shoah nicht gegeben.
* * *
Sammy Gronemann behauptet in der Warnung! überschriebenen Einleitung zu Hawdoloh und Zapfenstreich, dem zweifellos aufschlussreichsten Text über die „ostjüdische Etappe“, dass er niemanden „belehren“ werde und auch „kein pädagogisches Talent“ in sich „verspüre“. Aber gerade Gronemann – und Victor Klemperer hat das 1941 sehr genau und voll Abneigung wahrgenommen – exemplifiziert sehr zielstrebig eine ganz bestimmte Lehre am Beispiel von Ober Ost, die Lehre Theodor Herzls nämlich, wonach die „Judenfrage“ weder eine soziale sei, noch eine religiöse, sondern eine nationale: „Wir sind ein Volk, ein Volk“, hatte Herzl in seiner „Staatsschrift“ Der Judenstaat 1896 proklamiert (Herzl 16). Wie weit sich der jüdische Nationalismus zwanzig Jahre später in Kaunas durchgesetzt hatte, lässt Gronemann u.a. in seiner Beschreibung des von Joseph Carlebach geleiteten Kownoer Gymnasiums erkennen, einer „durch und durch hebraistisch-nationaljüdischen Institution“ (Gronemann, Hawdoloh 210), einer Schule, an der auch „Intellektuelle“ von Ober Ost Vorträge hielten, u.a. Sammy Gronemann selbst, Arnold Zweig und Hermann Struck, dessen in Ober Ost entstandene jüdische Porträts nicht wenigen Betrachtern als ebenso authentische Bilder authentischen Ostjudentums erscheinen wie Roman Vishniacs Fotographien aus den Jahren 1935 bis 1939. 1916 nahm Gronemann am Chanukkafest des Gymnasiums teil:
Die Kinder hatten durch allerhand Darbietungen in Hebräisch, Jiddisch
und Deutsch ihre Fähigkeiten gezeigt und das offizielle Programm war
erledigt. Das Publikum, das den Saal bis auf den letzten Platz füllte –
auch die Behörden, der Stadthauptmann, der Schulrat, der Feldrabbiner
waren anwesend – klatschte freudig Beifall und die Mitwirkenden verbeugten
sich auf dem Podium. Da wurde auf der Bühne plötzlich die
Hatikwah angestimmt. Alle erhoben sich – zuletzt auch der Rabbiner –
fielen in den Gesang ein oder hörten ihn doch respektvoll an. Nachher
gabs einen Mordskrach: Carlebach hielt den Schülern […] eine Standpauke,
dahingehend, daß seine Schule nicht zionistisch und nicht national-
jüdisch sei. Er verbiete das Singen der Hatikwah in den Räumen der
Schule. (Gronemann, Hawdoloh 212 f.)
Ein Jahr später, zu Chanukka 1917, war Gronemann erneut in der Aula des Gymnasiums, aber dieses mal war es der Agudist Joseph Carlebach selbst, der die Versammelten zum Schluss aufforderte,
„sich von Ihren Plätzen zu erheben und unsere Hymne, die nationale
Hymne des jüdischen Volkes, die Hatikwah, anzuhören!“
Das war ein Umschwung und ein Erfolg, in gleicher Weise ehrenvoll für
Schüler und Lehrer. Carlebach hat mir oft gesagt, wieviel er in jener
Zeit in Kowno gelernt und wie er sich davon überzeugt hat, daß die nationale
Begeisterung und der nationale Wille der jüdischen Jugend anzuerkennen
sind und daß daran vorüberzugehen blöd und verbrecherisch
sei. (Ebd. 213; vgl. Carlebach)
Von 1915 bis 1920 war Carlebach am Kownoer Gymnasium, das sich zu einer „schülerorientierten Hochburg“ entwickelte und mit seiner Synthese aus traditionellen religiösen Elementen, säkularem Wissen und modernen Lehrmethoden als Vorbild für die jüdischen Gymnasien in Memel, Riga und Wilna diente. Ab 1921 leitete der große Pädagoge Carlebach die Talmud-Tora-Schule in Hamburg; er wurde 1926 Oberrabbiner der Altonaer, 1936 der Hamburger Gemeinde. Am 6. Dezember 1941 wurde er ins KZ Jungfernhof bei Riga deportiert, wo er „im Geheimen für Schulunterricht und Erwachsenenbildung (sorgte), für Gottesdienst, für leuchtende Chanukkakerzen und für würdige Worte für jeden Einzelnen der so vielen Toten“ (Gillis-Carlebach 11). Am 26. März 1942 wurde er in einem Wald bei Riga mit seiner Frau und seinen dreizehn, vierzehn und fünfzehn Jahre alten Töchtern Sara, Noemi und Ruth ermordet.
Darf man, muss man fragen, ob die Hatikwah-Sänger im Kaunas der Jahre 1916/17 und die ihr die Stichworte und die Begeisterung gebende jüdische Nationalbewegung die Bedrohung der Juden Europas richtiger eingeschätzt hatten als Joseph Carlebach, der letzte orthodoxe Rabbiner Deutschlands? Was soll solches Fragen? Steckt dahinter nicht doch ein Versuch des nachgeborenen deutschen Lesers dieser Zeugnisse, zur eigenen Entlastung den jüdischen Opfern selbst noch Mitverantwortung an ihrer Vernichtung aufzubürden? „Lauft, Leute“, heißt es in Johannes Bobrowskis Erzählung Rainfarn von 1964 über die aus Tilsit über die Luisenbrücke ins noch litauische Memelgebiet flüchtenden Familien, die „erst wieder stehn bleiben (können) und atmen, wo Deutschland zuende ist“ (Bobrowski IV 116) – sie hätten ja alle fortlaufen können ... Aber wohin denn? (vgl. Kieffer) Zev Birger, Direktor der Internationalen Buchmesse Jerusalem, 1926 in Kaunas geboren, auch er Schüler des jüdischen Gymnasiums und sehr zionistisch und ohne jede Assimilationstendenzen aufgewachsen, erzählt in seiner Autobiographie Mein Weg von Kaunas nach Jerusalem (1997), dass in seiner Familie erst 1939 über Auswanderung gesprochen wurde. „Aber da war es eigentlich schon zu spät […] Wir wollten – wie so viele – einfach nicht glauben, daß die Deutschen in Litauen einfallen könnten“ (Birger 23).
Und als die Deutschen dann doch kamen, im Juni 1941, werden manche Juden in Kaunas sich erinnert haben an die Jahre 1915 bis 1918, als es so schlimm doch gar nicht war, mit diesen deutschen Besatzern und den eigens für jüdische Belange verantwortlichen deutschen Soldaten, und die litauischen Juden werden auch deshalb gezögert haben, ins russisch/sowjetische Hinterland zu flüchten. Ob dieses verhängnisvolle Zögern nicht auch als eine fatale „Spätfolge“ des ostjüdischen Engagements von Hermann Struck und des Dezernats für jüdische Angelegenheiten bei der Militärverwaltung von Ober Ost bewertet werden müsse, fragt 1982 der – auch sonst gegenüber Struck und seinen Aktivitäten sehr kritische – Historiker Stražas von der Universität Haifa. Wie ein Echo aus den Tagen der „ostjüdischen Etappe“ zumindest klingt, was am 10. Juli 1941 das Jüdische Komitee von Kaunas an die deutsche Sicherheitspolizei schreibt, um die angeordnete Ghettoisierung aller jüdischen Einwohner im Stadtteil Vilijampole/Slobodka abzuwenden: Wir hoffen und sind überzeugt, dass Sie die Vertreter eines so kultivierten und starken Volkes mit uns Unglücklichen schon vorher von der Sowjetmacht entrechteten und beraubten Menschen Erbarmen haben werden und uns eine menschenwürdige Lebensmöglichkeit garantieren. (Benz u.a. 181) Das taten die Deutschen nicht.

Karl Jäger
Was sie stattdessen im Sommer und Herbst 1941 in Kaunas und ganz Litauen taten und durch ihnen unterstellte litauische Kollaborateure („Partisanen“) tun ließen, hat der SS-Standartenführer Karl Jäger in seiner in „Kauen, am 1. Dezember 1941“ verfertigten, neun Blätter umfassenden „Gesamtaufstellung der im Bereich des EK. 3 bis zum 1. Dez. 1941 durchgeführten Exekutionen“ akribisch bilanziert:
4.7.41 Kauen – Fort VII 416 Juden, 47 Jüdinnen [Gesamt] 463
6.7.41 Kauen – Fort VII Juden [Gesamt] 2.514
7.7.41 Mariampole Juden [Gesamt] 32
8.7.41 Mariampole 14 Juden und 5 komm. Funktionäre [Gesamt] 19
8.7.41 Girkalinei komm. Funktionäre 6
9.7.41 Wendziogala 32 Juden, 2 Jüdinnen, 1 Litauerin, 2 lit. Komm.,
1 russ. Kommunist [Gesamt] 38
9.7.41 Kauen – Fort VII 21 Juden, 3 Jüdinnen [Gesamt] 24
1.9.41 Mariampole 1763 Juden, 1812 Jüdinnen, 1404 Judenkinder, 109 Geisteskranke, 1 deutsche Staatsangehörige, die mit einem Juden verheiratet war, 1 Russin [Gesamt] 5.090
[…]
4.10.41 Kauen-F.IX- 315 Juden, 712 Jüdinnen, 818 J-Kind. (Strafaktion, weil im Ghetto auf einen deutsch. Polizisten geschossen wurde) [Gesamt] 1.845
29.10.41 Kauen-F.IX- 2007 Juden, 2920 Jüdinnen, 4273 Judenkinder (Säuberung des Ghettos von überflüssigen Juden) [Gesamt] 9.200
[…]
25.11.41 Kauen-F.IX- 1159 Juden, 1600 Jüdinn., 175 J.-Kind. (Umsiedler aus Berlin, München u. Frankfurt a.M.) [Gesamt] 2.934
[…]
(Jäger 52 f.)
Blatt um Blatt füllte Karl Jäger mit den Schreckenstaten seines „Einsatzkommandos 3“. Und jeweils wurde der „Übertrag“ bilanziert: 3.834, 16.152, 66.159, bis die „Summa 137.346“ erreicht war und Jäger auf Blatt 7 formulieren konnte:
Ich kann heute feststellen, dass das Ziel, das Judenproblem für Litauen
zu lösen, vom EK. 3 erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden
mehr, außer den Arbeitsjuden incl. ihrer Familien.
Das sind
in Schaulen ca. 4.500
in Kauen ca. 15.000
in Wilna ca. 15.000
Diese Arbeitsjuden incl. ihrer Familien wollte ich ebenfalls umlegen,
was mir jedoch scharfe Kampfansagen der Zivilverwaltung (dem
Reichskommissar) und der Wehrmacht eintrug und das Verbot auslöste:
Diese Juden und ihre Familien dürfen nicht erschossen werden! […]
Die Durchführung solcher Aktionen ist in erster Linie eine Organisationsfrage.
Der Entschluss, jeden Kreis systematisch judenfrei zu machen,
erforderte eine gründliche Vorbereitung jeder einzelnen Aktion und Erkundung
der herrschenden Verhältnisse in dem betreffenden Kreis. Die
Juden mussten an einem Ort oder an mehreren Orten gesammelt werden.
Anhand der Anzahl musste der Platz für die erforderlichen Gruben ausgesucht
und ausgehoben werden. Der Anmarschweg von der Sammelstelle
zu den Gruben betrug durchschnittlich 4 bis 5 km. Die Juden wurden
in Abteilungen zu 500, in Abständen von mindestens 2 km, an den
Exekutionsplatz transportiert. Welche Arbeit dabei zu leisten war, zeigt
ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel:
In Rokiskis waren 3208 Menschen 4 ½ km zu transportieren, bevor sie
liquidiert werden konnten. Um diese Arbeit in 24 Stunden bewältigen zu
können, mussten von 80 zur Verfügung stehenden litauischen Partisanen
über 60 zum Transport, bzw. zur Absperrung eingeteilt werden. Der
verbleibende Rest, der immer wieder abgelöst wurde, hat zusammen mit
meinen Männern die Arbeit verrichtet. Kraftfahrzeuge stehen zum
Transport nur selten zur Verfügung. Fluchtversuche, die hin und wieder
vorkamen, wurden ausschließlich durch meine Männer unter eigener
Lebensgefahr verhindert. (Jäger 59 f.)
Karl Jäger lebte nach dem Krieg viele Jahre unbehelligt in seiner Heimatstadt Waldkirch bzw. in Heidelberg. Erst im April 1959 wurde er verhaftet. In seinen Vernehmungen durch die Ludwigsburger Holocaust-Experten leugnete er jede Mittäterschaft an der Auslöschung der litauischen Juden. Seinem Gerichtsverfahren entzog sich der inzwischen 73-jährige durch Selbstmord in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1959 (Wette 87).
* * *
In der Literatur zu Ober Ost wird immer wieder auf aus assimiliert deutschjüdischen Familien stammende Soldaten hingewiesen, die durch ihren Aufenthalt in Kowno, Wilna, Grodno oder Bialystok ihre jüdische Identität neu entdeckt hätten. Für den 1875 in Pommern geborenen Sammy Gronemann gilt das nur mit Einschränkungen, denn mit jüdischen Gemeinschaften des östlichen Europa war er schon seit seiner Kindheit und Jugend vertraut. Als Primaner war er „einmal einen Tag in Kowno […], um den berühmten Kownoer Raw Rabbi Jizchak Elchanan Spektor meine Ehrfurcht zu erweisen“ (Gronemann Erinnerungen an meine Jahre in Berlin 208 f.) und in Hawdoloh und Zapfenstreich beschreibt er einen Kindheitsbesuch bei seiner Großmutter und Urgroßmutter 1883 in Jurbarkas nahe Schmalleningken an der Grenze zwischen Preußisch-Litauen und dem Russischen Reich. In der Synagoge von Jurbarkas/ Jurburg/Georgenburg erlebte er als Kind einen Festgottesdienst zu Ehren des Zaren Alexander III. sowie dessen Gemahlin Maria Feodorowna:
Der alte Kantor schlug seine schönsten Triller, als er die Gesetzesrolle
im Arm zwischen dem Stadtkommandanten und dem Polizeichef stehend
das Gebet für das Kaiserpaar sprach. Aber die Triller wollten gar
kein Ende nehmen, als er am Namen der Kaiserin angelangt war, – minutenlang
ging sein immer jammervoller werdendes Tremolieren, sein
Ai–ai–ai–ai–ai, seine Augen rollten hin und her und mit den Armen
schlug er wie hilfeflehend um sich; man wurde ängstlich, als er gar nicht
zum Schluß kam, aber es dauerte recht lange, bis man bemerkte, daß er
den Namen der Kaiserin vergessen hatte, und ihm ihn soufflierte. Mit
unendlicher Verzückung und diesmal sicher echter Freude schmetterte
er dann sein „Maria Feodorowna“ heraus. (Gronemann, Hawdoloh 40;
vgl. Erinnerungen 37)
Zwischen Jurbarkas und Schmalleningken, beide am rechten Ufer der Memel gelegen, verlief 1883 die Grenze zwischen dem Deutschen und dem Russischen Reich. 1919 wurde Schmalleningken mit dem Memelgebiet nach 500jähriger Zugehörigkeit zu Preußen von den Alliierten von Deutschland abgetrennt und von französischen Truppen besetzt, 1923 wurde es von Litauen annektiert, im März 1939 wurde die Region von Hitler „heim ins Reich“ geholt. Mittsommer 1941 kam der Krieg über die beiden kleinen Orte (vgl. Tauber). „Es ist schrecklich in einem Grenzort, wenn du beide Sprachen kennst,“ sagt fünf Jahrzehnte später die ostpreußisch-litauische Bäuerin Lena Grigoleit im Gespräch mit der Historikerin Ulla Lachauer über diese Schreckenszeit in ihrer kleinlitauischen Heimat (Lachauer 42). Und über die Juden, die Sammy Gronemann als Kind 1883 bei der Zarenfürbitte in der Synagoge von Jurbarkas erlebt hatte, erzählt sie 1992:
Nie im Leben werde ich das Geschrei vergessen in diesen ersten Tagen
des Krieges. Ein Geschrei, ach Vater im Himmel, du konntest verrückt
werden! Von jenseits der Grenze schrieen die Juden, sie schrieen,
schrieen, von Jurbarkas und von all den kleinen Dörfern dorten. Sie haben
sie zusammengetrieben. Sie mußten selber ihre Gruben graben, und
dann wurden sie lebendig reingeschmissen. Auch unsere Schmalleningker
Juden, die auf der anderen Seite Quartier bezogen hatten. Die Clara
Berlowicz, von der wir das Haus gekauft hatten, war dabei. Ihre
Schwester, die Frau Simon, die immer so lustig war wegen nichts. Sie
hatten einen Tuchladen schräg gegenüber von uns und so ein liebes
Töchterlein, Ewa. Der Simon ist ein deutscher Krieger gewesen, hat viel
gespendet für das Deutsche Reich. Das hat alles nichts gezählt. Von
Schmalleningken mußten etliche Beamte vom Zoll und von der Polizei
mitschießen. Die wurden gezwungen, einfach abkommandiert und fertig.
Einer, der zurückkam, hat alles erzählt unter Tränen. „Ich kann aus
dem Verstand gehen. Ich bin schon ganz dumm davon.“ Er hatte die
kleine Ewa gesehen, wie sie vor die Grube geschleppt wurde. „Lauf
weg, Mädchen, lauf, ich werde dich nicht sehen.“ – „Nein“, sagte sie,
„wo meine Mutter ist, bleib ich auch.“ Sie haben sich umfaßt und fielen
zusammen ins Grab. (Lachauer 44 f.)
* * *

Sammy Gronemann
Mit dem „eigentlichen Ostjudentum“, wie Gronemann in seinen Erinnerungen formuliert, kam er vor den Ober Ost-Jahren nicht nur durch die Kindheitsreise nach Jurbarkas in Kontakt. 1905 etwa besuchte er die Heimatstadt seiner Frau, das wolhynische Shitomir, und erlebte dort zum Pessach-Fest jene „Stimmung vor einem Pogrom“, wie er sie dann in seinem 1920 erschienenen, auch heute noch sehr lesenswerten Roman Tohuwabohu wiedergab (Erinnerungen 283). Um die selbe Zeit, um 1905, organisierte er in Hannover mit seiner zionistischen Sportgruppe Hilfeleistungen für „einige zehntausend Auswanderer“ nach Amerika (Erinnerungen 294 ff.), die in plombierten Viehwaggons aus der Ukraine nach Rotterdam geschafft wurden. Durch die Hilfsaktionen am Bahnhof von Hannover wuchs das „Solidaritätsgefühl“ der tatenhungrigen jungen Zionisten, „sie lernten aus eigener Anschauung das Elend der Massen im Osten kennen und kamen der Mentalität unserer Brüder im Osten allmählich näher“ (Erinnerungen 297). Wie gesagt: an die 2,5 Millionen Juden emigrierten zwischen 1881 und 1914 aus Osteuropa, über zwei Millionen allein in die USA, 150.000 in den (heute übrigens durch und durch muslimischen) Londoner Stadtteil Whitechapel, wo Gronemanns Roman Tohuwabohu einsetzt mit dem unvergesslichen Satz: „Berl Weinstein hatte sich wieder einmal taufen lassen, und diesmal mit besonderem Erfolg.“
Ob es beim Oberbefehlshaber Ost in Kaunas im Frühjahr 1916 tatsächlich Überlegungen gab, diese Massenauswanderung in die USA „organisiert wieder aufzunehmen“ (Zweig, Junge Frau 274), um eine – trotz der „Ludendorff-Küchen“ (Gronemann, Hawdoloh 144) – drohende Hungerkatastrophe unter den Juden in Litauen abzuwenden, weiß ich nicht. Arnold Zweig schildert es so in seinem 1931 erschienenen Weltkriegs-Roman Junge Frau von 1914: Der jüdische Bankier Hugo Wahl, der – ohne es selbst zu bemerken – Generalmajor Schieffenzahn (alias Ludendorff; vgl. Frentz 1972, 211-215) 1915 schon aus der „Pulverkrise“ herausgeholfen und damit die Fortführung des Krieges im Westen ermöglicht hatte (Zweig, Junge Frau 23-31), wird im Frühjahr 1916 überraschend von Berlin ins Hauptquartier nach Kaunas gerufen. Diese Reise löst eine schwere Identitätskrise bei Hugo Wahl aus. Sieht er sich zunächst in seinen Hoffnungen auf Aufnahme in die führende Schicht des Deutschen Reiches, als Mitarbeiter der „Kaste der Offiziere“ (ebd. 256), bestärkt, so muss er im Gesprächsverlauf erkennen, dass er und seine beiden prominenten jüdischen Begleiter nur dazu benutzt werden sollen, der Militärverwaltung bei ihren leichtfertigen Aussiedlungsplänen für die Juden „einen Teil der Verantwortung und das ganze Odium“ abzunehmen (ebd. 276). Geplant war, die Juden aus Ober Ost mehr oder minder freiwillig nach Amerika zu schaffen, auf Auswandererschiffen, ungeachtet der völkerrechtlichen Verpflichtung, „die Bevölkerung des besetzten Gebietes zu ernähren“ (ebd. 277), ungeachtet der deutschen, englischen und russischen Minensperren in der Bucht von Libau und anderswo, ungeachtet der zu erwartenden internationalen Proteste. Nachdem der Sprecher der jüdischen Delegation auf all diese bisher nicht bedachten Aspekte der bei Ober Ost erwogenen Auswanderung hingewiesen und alternative Möglichkeiten zur Überwindung der akuten Versorgungskrise aufgezeigt hat, beendet Schieffenzahn die Sitzung. Nach seiner Rückkehr von Kaunas nach Berlin schildert Hugo Wahl seinem Vater Markus den Schluss der Besprechung zwischen den Repräsentanten der deutsch-jüdischen Oberschicht und der deutschen Heeresleitung:
Ich jubelte innerlich, als er [Schieffenzahn] zusammenfaßte: auch er
könne sich den vorgetragenen Bedenken nicht verschließen, man müsse
den Plan fallenlassen […] Aufstand, Scharren, alles reckte sich, sprach
plötzlich laut, und wir – waren Luft. Das war das Zerschmetternde.
Diese Leute hatten von uns Deckung ihrer Verrücktheiten erwartet. Statt
dessen brachten wir ihnen vernünftige Einwände und besseren Ausweg.
Und zum Dank dafür befanden wir uns für sie nicht mehr im Raume.
Die Ordonnanzen räumten die Stühle weg, sammelten die Blätter ein,
die Herren Offiziere blickten aus den Fenstern, ein Kreis bildete sich um
Generalmajor Schieffenzahn, man gab einander Feuer. Es wurde vergnügt
in der oberen Ecke des Saales; wir wirkten wie vergessene Kleiderständer
[…] Wir waren ja nur Zivil, nicht wahr? Null und nichts.
Nicht für möglich hätte ich das gehalten, nicht für möglich. Eine
freundliche Redensart, eine Einladung, den Abend gesellig zu verbringen,
ein paar vernünftige Gespräche bei einem Glas Wein... war das zu
viel verlangt? Offenbar.
[…] Fast fünfzig Jahre lang habe ich unser Preußen bewundert, den Soldatenrock
für das beste Kleid der Welt gehalten, die Leute abgelehnt,
die von Militarismus sprachen, dich auch, Vater. Es ist nicht zu spät,
umzulernen. Verstand ist die beste Vaterlandsliebe, und Militarismus
kein gutes Prinzip. Es wird Deutschland zugrunde richten, wenn man
ihn nicht zwingt, die Pfähle zurückzustecken. (Ebd. 278 f.)
Nicht der sehr flüchtige Blick auf die Ostjuden von Kaunas („Durch die engen
Gassen drängten Juden in schwarzem Kaftan, Frauen in Umschlagtüchern,
spielende Kinder“, ebd. 272) führt zu Hugo Wahls Umdenken, sondern die
gesellschaftliche Zurückstoßung durch Schieffenzahn und seine Offiziere.
Hugo Wahl, der seine Familie im feinen Potsdam schon bis an den Zaun derer
von Ducherows hinaufassimiliert hat (ebd. 53), so dass seine an dem „Mangel
an menschlichen Beziehungen zu Gesellschaft und Nachbarn“ leidende Frau
(ebd. 42) sich endlich eine Verbindung mit der höchsten preußischen Kaste
„zuträumen“ konnte (ebd. 181), der mit dem Krieg und Kaiser Wilhelms Versicherung
vom August 1914, dass er jetzt keine Parteien und Konfessionsunterschiede
mehr kenne sondern nur noch Deutsche, die Gewissheit verband,
dass die deutschen Juden „endlich als gleichberechtigte Staatsbürger angenommen
werden“ (ebd. 28), muss in Kaunas erkennen, dass er als Jude trotz
strammster deutschnationaler Haltung stigmatisiert bleibt. Jetzt erst ist er bereit,
in die nicht standesgemäße Hochzeit seiner Tochter mit dem schriftstellernden
jüdischen Armierer Bertin einzuwilligen, dem – Folge der demütigenden
„Judenzählung in den Schreibstuben“ (ebd. 327) – für seinen Hochzeitsurlaub statt der im Heer üblichen 14 nicht einmal vier Tage zugestanden werden.
„Ober-Ost hatte [Hugo Wahl] einen Stoß in die Eingeweide versetzt; dies hier
warf ihn um. Seine Tochter – und bloß noch dreieinhalb Tage“ (ebd. 320).
* * *
„Nur einigen Tausend“ Juden sei während des Krieges die Auswanderung aus Ober Ost in die USA möglich gewesen, berichtet Sammy Gronemann im Kapitel Staatsgefährliche Andachtsbücher (Hawdoloh 37). Wobei neben allerlei anderen Schikanen vom Auswanderungsamt der deutschen „Okkupationsbehörde“
vor der Abreise nach Amerika sorglich die mitgenommenen Gebetbücher
kontrolliert und überall aus ihnen die gefährlichen Texte [die „Zarenfürbitte“;afk]
entfernt wurden. Wer weiß, ob nicht Chaim Schloime
aus Bialystok oder Sore Riwka aus Mariampol drüben in New York eines
Tages dieses Gebet aufschlagen und verrichten würden. Die Folgen
waren gar nicht abzusehen. (Ebd. 41)
Der „Entzarungsschein“, der für die Militärs in Ober Ost angeblich „ebenso wichtig war, wie der berühmte Entlausungsschein“ (ebd.; vgl. Zweig, Junge Frau 278), ist dem Satiriker Gronemann eins seiner zahllosen Beispiele für jenen (jetzt von Liulevicius akribisch dokumentierten) „Zusammenstoß verschiedenartiger Kulturen“ in Ober Ost (Gronemann, Hawdoloh 239), für den „Krieg im Krieg“ (ebd. 50), an dem auch der Kownoer „Intellektuellenklub“ (ebd. 46) beteiligt war,
nämlich den Krieg zwischen Zivilisation und Kultur – zwischen der Zivilisation
des Westens, wie sie im Gefolge des siegreichen deutschen
Heeres einmarschierte, und der Kultur des Ostens, wie sie von den Völkern
dort, den Litauern, Weißrussen, später Weißruthenen genannt, den
Polen und vor allen Dingen den Juden vertreten wurde. (Ebd. 50)
Hatte im französisch-deutschen Diskurs die deutsche Seite (etwa Thomas Mann in seinen Gedanken im Kriege von 1914) den Gegensatz zwischen oberflächlicher französischer Zivilisation und mehr in die Tiefe gehender deutscher Kultur herausgestellt, so drehte Gronemann den Spieß nun geschickt um. Den Deutschen mit ihrer grotesken Überbetonung der bürokratisch-militärischen Organisation – ihre Verästelungen werden auch von Zweig in Einsetzung eines Königs mit deutlich ironischem Unterton beschrieben – wird das aus deutschnationalistischer Sicht negative Etikett „Zivilisation“ angeheftet, während für die „Ostvölker“ und vor allem für die Ostjuden der positiver besetzte Begriff „Kultur“ reserviert wird, mit dem die schöpferischen Kräfte einer lebendigen Gemeinschaft konnotiert werden sollen (vgl. Beßlich).

Richard Dehmel
Der Versuch, durch eine preußisch organisierte Militärbürokratie „deutsche Kultur“ in den Osten zu tragen, ist auch Thema in Richard Dehmels Kriegstagebuch Zwischen Volk und Menschheit (1919). Aber Dehmel, der sich 1914 als schon 51jähriger freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, konnte dem „haarsträubenden Unfug“ der Militärverwaltung in Kaunas bei weitem nicht jene humoristisch-satirischen Seiten abgewinnen, die Gronemanns Hawdoloh (und auch seine in den 40er Jahren in Tel Aviv aufgezeichneten Erinnerungen an Ober Ost) fast durchgehend prägen. Die „Kanzleiseelen“, nicht nur des „Buchprüfungsamtes“ sondern der ganzen Administration, „bilden sich tatsächlich ein, sie könnten dem Volk mit Aktenbündeln den Mund verstopfen“ und dadurch den polnischen und litauischen „Unabhängigkeitswillen“ schwächen (Dehmel 459). „So vertreibt man den russischen Teufel mit dem preußischen Beelzebub und macht überall böses Blut, ohne durchzudringen mit der Fuchtel“ (ebd. 460). Die deutsche Verwaltung in Kaunas hatte nach Dehmels Einschätzung alle Sympathien der Bevölkerung und sogar jeden Respekt eingebüßt: „Und das deutsche Heer hat da gründlich mitgeholfen, nach allem was unsre Offiziere abends im Kasino erzählen. Unsre Kolonnen haben hier genau so gehaust wie die Kosaken in Ostpreußen, besonders auf dem flachen Land“ (ebd. 460). An der „Untertanenverstands-Dressur“ (ebd. 466) wollte Dehmel nicht mitwirken. Knapp zwei Monate hielt es der Schriftsteller im Herbst 1916 in Kaunas aus, dann beantragte er seine Versetzung „mit der ausdrücklichen Begründung, daß sich meine kulturpolitischen Ansichten mit den mir obliegenden Amtsgeschäften nicht vertragen“ (ebd. 467). Dem Gesuch wurde statt gegeben. Die zwei Monate reichten Dehmel freilich aus, um zu kräftigen Beurteilungen von Land und Leuten zu gelangen: Vom „Russentum“ sei wenig zu bemerken, „weder in den Schaufenstern noch auf dem Krammarkt; einheimischen Eigenwert haben nur die sehr geschmackvollen litauischen Webereien und Töpfereien […] Das wirkliche Rußland fängt erst in Wilna an, der Stadt der hundert Kirchen und tausend Bordelle“ (ebd. 450). Der Kutscher sei „meistens ein Jude, außerdem auch im übeln Sinn russisch, d.h. schmutzig und schmierig zum Grausen, wie überhaupt das ganze untere Volk.“ Volkstrachten seien wenig zu sehen, höchstens mal ein „alter Jude im Kaftan (die jüngeren sind schon alle verwestlicht)“. Weiter beklagt Dehmel, dass er
die Rassen hier kaum unterscheiden (könne), es sieht alles nach Mischpoche
aus; die Juden wie Russen, die Russen wie Polacken, die Polacken
wie Letten und umgekehrt. Bloß die Litauer scheinen für reineren
Schlag zu sorgen; man trifft da manchmal rührende Mädchengesichter
wie an schwäbischen Dorfmadonnen, oder einen kühnen hellblonden
Burschen wie eine friesische Siegfriedsgestalt. (Ebd. 451)
Von Litauern und litauischer Kultur ist bei Gronemann nur einmal die Rede, als er eine Dehmel-Anekdote erzählt, in der es um dessen Bewunderung für litauische Volkskunst geht (Hawdoloh 52). Man kann diese ganz auf das „Ostjüdische“ ausgerichtete Perspektive Gronemanns aus dessen engagiert zionistischer Haltung erklären, vielleicht hat sich Gronemann daher gar nicht um Kontakte zu Litauern bemüht und sich nur im jüdisch-jiddischen Milieu von Kaunas bewegt. Das korrespondierte mit Zev Birgers Schilderung der litauisch-jüdischen „Sozialkontakte“ während seiner Kindheit und Jugend im Kaunas der 20er und 30er Jahre. Zu Hause bei Birgers wurden die Gespräche zu 90% auf Jiddisch geführt, der „Alltagssprache“ der damals ca. 40.000 Juden in Kaunas (Birger 21), mit seinem Bruder sprach Birger auch oft Hebräisch, „da dies die Unterrichtssprache in der Schule war“ und schließlich konnte er auch sehr gut Litauisch. Aber „Sozialkontakte zu Nichtjuden bestanden nur selten“ (ebd. 26), eigentlich nur durch Ferienaufenthalte bei litauischen Bauern. „Assimilationstendenzen“, gar eine „Identifikation mit der einheimischen Gesellschaft“ habe es nicht gegeben (ebd. 26), auch weil es sich bei den Litauern „insgesamt um eine antisemitische Gesellschaft handelte“ (ebd. 27), trotz der liberalen Haltung der litauischen Regierung gegenüber der jüdischen Minderheit (ebd. 28) und dem Auftreten litauischer Intellektueller, „die nicht von den weitverbreiteten Vorurteilen angesteckt worden waren.“ (Ebd. 27 f.; wesentlich differenzierter: Holzman 79 f.)
Zev Birger, 1926 in Kaunas geboren, gehört zu den wenigen, die die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung überlebt haben. Da er fast akzentfrei Litauisch sprach, riskierte er es mehrfach, das im Juli 1941 eingerichtete Ghetto zu verlassen und für seine Familie Essen zu besorgen.
Dadurch hatte ich Gelegenheit, die Reaktion der Litauer zu beobachten,
wenn sie zusahen, wie die Kolonnen jüdischer Arbeiter durch die Straßen
zu den Kommandos zogen. Wie konnten sie Dinge, die so offensichtlich
waren, einfach ignorieren? Dabei fühlte ich, wie sehr sie die
Juden haßten. Nicht nur ihr Verhalten nach dem Einmarsch der Deutschen
entsetzte mich, sondern auch die Tatsache, daß die litauischen
Einheiten und die Ukrainer für die SS die Drecksarbeit machten. Mit
diesen Leuten wollte ich nie mehr etwas zu tun haben. Durch das unmenschliche,
ja fast tierische Verhalten der Litauer war ich damals so
tief und nachhaltig schockiert, daß ich kurz nach dem Krieg feststellen
mußte, daß ich die litauische Sprache nicht mehr beherrschte. Ich brachte
keine Sätze mehr in dieser Sprache hervor, die ich doch einmal
so gut wie meine Muttersprache gesprochen hatte […] Der Schrecken
über das Verhalten der Bevölkerung außerhalb des Ghettos hat damals
so tiefe Spuren bei mir hinterlassen, daß ich nie wieder den Versuch
unternahm, dieser Sprache nochmals mächtig zu werden. (Birger 66)
* * *
In Kaunas lebten bei Kriegsbeginn 1941 circa 40.000 Juden, das war ein Viertel der Einwohner der damaligen Hauptstadt Litauens. Bei Pogromen in der Stadt wurden im Juni und Juli an die 10.000 Juden ermordet. Die Davongekommenen mussten in wenigen Wochen, bis 15. August 1941, in zwei Ghettos ziehen, die im ärmlichen Stadtteil Vilijampole/Slobodka errichtet wurden. Von den etwa 30.000 Juden im Ghetto wurden bis Oktober 1941 weitere 10.000 ermordet. Im Herbst 1943 wurde das Ghetto in ein Konzentrationslager umgewandelt, das bis Juli 1944 bestand. Nur einige wenige Juden überlebten in Kaunas die deutsche Herrschaft (vgl. Dieckmann sowie die Berichte der Überlebenden Trudi Birger, Solly Ganor, Zwi Katz, Raya Kruk, Fruma Kučinskienè, Renata Yesner).
Was wusste man in Deutschland von der Lage der Juden in Kaunas 1941? Was konnte man wissen? Ostland kehrt nach Europa zurück hat der Journalist Emil Frotscher als Titel über seine „Notizen von einer Reise des Reichskommissars Hinrich Lohse durch Litauen und Weißruthenien“ gesetzt, die im Herbst 1941 erschienen sind. Aus Ober Ost war Ostland geworden. Kowno/Kaunas hieß nun Kauen. Seinen Reisebericht schließt Frotscher mit einem Kapitel über das Ghetto von Kauen:
Am 15. August [1941] war die Ausschaltung des Judentums aus dem
übrigen Stadtgebiet vollendet. Die eigenen Gesetze und Sitten, unter denen
das Judentum hier lebt, interessieren uns nicht. Uns genügt, dass sie
ihre politische und wirtschaftliche Rolle im Ostland endgültig ausgespielt
haben.
Zu beiden Seiten einer Hauptverkehrsader der Stadt zieht sich das Ghetto hin. Eine fremde Welt offenbart sich in ihrer wurzellosen Unkultur. Der Passant, der einen flüchtigen Blick über die Zäune wirft, hastet vorbei – die Welt Ahasvers, die zur Ruhe gezwungen wurde, versinkt als düsterer Schemen einer bösen Vergangenheit, die ihre Vollendung in dem Jahre des Unheils fand, als der Bolschewismus, jene blutige Inkarnation einer jüdischen Dogmatik, wie eine verheerende Sturmflut durch das Ostland zog. (Frotscher 32) Gegen diese „jüdisch-bolschewistische Sturmflut“ – so Emil Frotscher – kämpfte nun Gauleiter Hinrich Lohse aus Schleswig-Holstein mit seinen von dort mitgebrachten nationalsozialistischen Parteimannen:
Jetzt wird der Damm aufgerichtet. Land wird erneut gewonnen und der
tückischen Sturmflut […] Meter für Meter europäischen Kulturbodens
abgetrotzt. Deichhauptleute, Bauern und Arbeiter sind am Werk: Ostland
kehrt nach Europa zurück. (Ebd. 32)
Und in Deutschland, in Ostpreußen etwa, träumte der eine oder andere schon von einer neuen Existenz in den eroberten Gebieten im Osten. Für das Frühjahr 1942 berichtet Manfred Peter Hein in seinem autobiographischen Prosabuch Fluchtfährte (1999):
Wenn ich Forstmeister werde in Litauen – die ganze Familie geht ins
Baltikum gleich nach dem Sieg. Der Vater hat sich als Schulaufsichtsbeamter
zur Verfügung gestellt für die Aufbauarbeit im Osten. Ich bin
ausgewählt, für die Ordensburg vorgeschlagen zur Prüfung. Püppe und
Bübi [die jüngeren Geschwister; afk] sind ganz und gar dabei, zünftig
mit jungendem Hund und jungender Katze, jungendem Pferd und
jungender Kuh auf unserem Ostlandwehrhof ... (Hein 51).
Den Ostland-Mythen der Deutschen wäre einmal gesondert nachzufragen, von Walter Flex’ rauschhafter Prosa und Lyrik in Der Wanderer zwischen beiden Welten von 1917 (die Auflage stand schon vor Beginn der Nazizeit bei über 500.000 Exemplaren), über Victor Jungfers Litauen-Roman Das Gesicht der Etappe von 1919, Alfred Brusts Roman Die verlorene Erde von 1926 und Agnes Miegels Ostland-Gedichte der 20er und 30er Jahre, Edwin Erich Dwingers 1919 in Litauen und Lettland spielenden Freikorps-Roman Die letzten Reiter von 1935 und Hans Baumanns Gedichte à la In den Ostwind hebt die Fahnen bis zu den – nun aber die deutschen Verbrechen an den Völkern in Ostmitteleuropa ins Zentrum rückenden – Werken von Johannes Bobrowski, etwa seinem großen Wilna-Gedicht aus dem Oktober 1955. „Wilna, du reifer Holunder! / Mit grünen Augen / ist deine Wolfzeit versunken“, so setzt es ein und es mündet in die mächtig gefugte Schlussstrophe (Bobrowski I, 21 f.):
Stadt der Könige, immer
singen die Ebenen alle,
alle die weißen, vom Blut
bitter der Söhne,
dir mit des Weißbarts hallender
Stimme, wie Eisgang, mit schmerzlichem
Festgetön deiner Juden,
rotem Sausen der Kiefern zu.

Marie und Max Holzman etwa 1940 (R. Kaiser/Bilderrechte: M.Holzman)
Unter den Mitgliedern des „Intellektuellen-Klubs“ von Ober Ost ist Max Holzman gewiss derjenige, dem die litauisch-deutschen Kulturbeziehungen am meisten verdanken. Ende zwanzig war der aus der preußischen Provinz Posen stammende Max Holzman, als er im November 1916 als deutscher Soldat nach Kaunas kam. Aus Familienpapieren zitiert in einem Aufsatz von 1998 seine heute in Gießen lebende Tochter, die Übersetzerin Margarete Holzman:
Hier formte er sich um. Er fand Anschluß an bedeutende junge Männer,
wie den Orientalisten Scheder, Schropsdorf, den Litauer Oselies. Der
literarische Klub Oberost, der in einer Offiziersunterkunft tagte, gewährte
ihm Anschluß. In Kowno sah er eine andere Welt. Zum ersten
Mal begegnete er dem Judentum, das in einer geschlossenen geistigen
und seelischen Welt untereinander lebte und nicht hinaus in eine freiere
wollte. Er sah es idealisiert, zu sehr im Gegensatz zu der Soldateska, die
ihn umgab. Er wurde zu jüdischen Festen geladen […] Ihm imponierte
die große Hilfsbereitschaft und Gastlichkeit dieser Familien, die geistige
Versenkung, in der in der „Betschule“ gelernt und disputiert wurde.
Dort sah er den Geist als Sieger über die Nöte der Zeit. Er wohnte
freundlich in einem Häuschen am „Grünen Berg“, wo seine
Flugabwehbatterie in Stellung war […] Weit sah er über das Land, den
breiten, von Eichwald umrandeten Memelstrom. (Margarete Holzman 89 f.)
Max Holzman kehrte nach dem Ersten Weltkrieg 1922 nach Kaunas zurück, der prosperierenden neuen Hauptstadt des neuen Staates Litauen, und gründete dort eine Buchhandlung und einen Verlag. Als Verleger spezialisierte er sich auf deutsche, englische und französische Fremdsprachenlehrwerke für die junge litauische Universität, ließ litauische Literatur ins Deutsche übersetzen, u.a. von Horst Engert, Germanistik-Professor an der Vytautas-Universität, gewann Raymond Schmittlein (den späteren Mitkämpfer de Gaulles und Gründer der Dolmetscherhochschule in Germersheim; vgl. Manns 24-61) als Autor einer Monographie über Napoleon und Litauen, engagierte den Graphiker Jonynas (dem das Saarland und Rheinland-Pfalz ihre ersten nach dem Zweiten Weltkrieg gedruckten Briefmarken verdanken), verlegte die sehr aufwändig gestaltete erste deutschsprachige Monographie über den litauischen Malerkomponisten Čiurlionis von Nikolaj Worobjow und die sehr zu Unrecht vergessenen höchst vergnüglichen Erinnerungen Graf Alfred Keyserling erzählt.... Die deutsch-englisch-französische Buchhandlung auf der Laisvės Alėja, der Freiheitsallee (in den Ober Ost-Tagen Kaiser-Wilhelm-Allee geheißen), wurde zu einem Treffpunkt der polyglotten Intellektuellen in Kaunas, nach 1933 auch zu einem Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus Deutschland, etwa für Rudolf Kaufmann (vgl. Kaiser Königskinder 85 ff.) oder für den Komponisten Edwin Geist, dessen Büchlein Antikes und Modernes im litauischen Volkslied im Juni 1940 von Holzman verlegt wurde (vgl. Kaiser Unerhörte Rettung). Arnold Zweigs Litauen-Roman Einsetzung eines Königs, erschienen 1937 bei Querido in Amsterdam, fand man in Holzmans Sortiment wie auch andere Werke der deutschen Exilschriftsteller. Als herausragende Mittlergestalt wird Max Holzman in einer litauisch-deutschen Kulturgeschichte verzeichnet sein, wenn diese irgendwann geschrieben sein wird. Max Holzman und seine Frau, die bedeutende Malerin und Pädagogin Helene Czapski-Holzman (vgl. Maria Schmid), haben für das deutsch-litauische Gespräch erheblich mehr und weit haltbareres Material zur Verfügung gestellt als der ganze gigantische Ober Ost-Kulturapparat mit seinen 41 Zeitungen und Zeitschriften (vgl. Bertkau) und all den übrigen Prachtpublikationen. 1940, nach der Machtübernahme durch die Sowjetunion, verloren die Holzmans ihre Buchhandlung und ihren Verlag, sie wurden enteignet. Am 25. Juni 1941, unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Kaunas, wurde Max Holzman verhaftet und am 17. Juli im IX. Fort ermordet, wenige Monate später auch seine 1922 geborene Tochter Marie, die unter den deutschen Besatzungssoldaten für einen radikalen Pazifismus geworben hatte und denunziert worden war. Helene Holzman und ihre jüngere, 1924 geborene Tochter Margarete überlebten und halfen anderen zu überleben, zusammen mit anderen tapferen litauischen und russischen Frauen. Ihnen gelang es, Kinder aus dem Ghetto zu retten, unter ihnen Fruma Kučinskienè und Juliane Zarchi, lange Jahre Dozentin für Germanistik an der 1989 wiederbegründeten Vytautas- Magnus-Universität in Kaunas.
Helene Holzman hat in ihren 1944/45 in Kaunas niedergeschriebenen, 55 Jahre später von Reinhard Kaiser und Margarete Holzman herausgegebenen Aufzeichnungen die schlimmsten Jahre in der Geschichte von Kaunas, die Jahre 1941 bis 1944, in bewegenden Bildern und beherrschter Sprache gültig festgehalten. „Deitschlands Fohn“ flatterte wie ein Vierteljahrhundert zuvor erneut über der hügelreichen Stadt am Zusammenfluss von Memel und Neris. Das Entsetzen der Juden über jene Deutschen, die 1941 über Kaunas kamen, hat Helene Holzman beschrieben, auch ihr eigenes Entsetzen: „Diese Menschen reden unsere Muttersprache, und dennoch ist es ganz hoffnungslos, sich mit ihnen zu verständigen. Man kann sie nur meiden, fliehen, davonlaufen“ (Holzman 42). Und an anderer Stelle: „Das sind Deutsche, unsere eigenen Leute, wir selbst“ (ebd. 127). Und wieder an anderer Stelle:
Einmal hatten drei deutsche Soldaten die Aufsicht […] und wir fragten
schüchtern, ob sie uns erlauben würden, ein paar Worte mit einem der
jüdischen Mädchen zu sprechen. „Aber freilich, bitteschön“ – und riefen
Lea und setzten sich dazu und schütteten uns in aller Eile ihr Herz aus:
wie verhaßt ihnen der Krieg und das ganze Regime sei, wie sie sich des
unsinnigen Antisemitismus schämten und ihrerseits alles täten, um
durch persönliche Freundlichkeit und Hilfe auszugleichen, was der
Dienst von ihnen verlange. „In unserer Kompanie sind wir uns alle einig“,
sagten sie. „Das wissen unsere Vorgesetzten. Von uns wird man
auch nicht verlangen, daß wir Juden totschießen.“ (Ebd. 266)
Schon in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn wurden in Kaunas bei von der deutschen „Einsatzgruppe“ angezettelten Pogromen Tausende Juden ermordet (vgl. Bartusevičius u.a. 2003). Am 27. Juni 1941 kam es am Vytautas-Prospekt auf dem Hof einer Autogarage zu einem Massaker, bei dem von angeblich eben aus sowjetischer Haft befreiten Litauern (Hermann 150) ungefähr 50 Juden bestialisch getötet wurden – Wassili Grossmann und Ilja Ehrenburg haben den Vorgang 1945 für ihr Schwarzbuch über den Genozid an den sowjetischen Juden dokumentiert:
Einige von ihnen wurden mit Eisenstangen und Spaten totgeprügelt, andere
wurden ermordet, indem man ihnen einen an die Wasserleitung
angeschlossenen Schlauch in den Mund steckte. Einer der Banditen kletterte
auf den Leichenberg und spielte dort Akkordeon, während seine
Helfer zu tanzen begannen. (Grossmann / Ehrenburg 582)
Im Spätsommer 1944 hält Helene Holzman ihre Erinnerung an das Massaker auf dem Garagenhof fest:
Eine riesige Menschenmenge hatte sich versammelt, um dem entsetzlichen
Schauspiel zuzusehen und die blinde Wut der Mörder mit ermunternden
Zurufen zu schüren. Es gab auch Stimmen, die ihrer Empörung
über diese Bestialität Luft machten. „Eine Schande für Litauen!“ wagten
Mutige zu sagen, wurden aber sofort zum Schweigen gebracht. (Holzman 25)
Einer der deutschen Wehrmachtssoldaten, die zu Mittsommer, zu Johanni 1941 nach Litauen abkommandiert werden, war Johannes Bobrowski, damals 24 Jahre alt. Er kannte Kaunas schon von Ferienbesuchen in den frühen 30er Jahren.
Bei dem Blutbad auf dem Garagenhof am Vytautas-Prospekt am 27. Juni 1941 waren auch mehrere deutsche Uniformierte anwesend und machten Fotos (Holzman 25; Klee 31-44). Einer dieser deutschen Zuschauer in Uniform soll Johannes Bobrowski gewesen sein (Hermann 150). 17 Jahre später, im Juni 1958, entstand sein Gedicht Kaunas 1941, veröffentlicht 1961 in seinem ersten Gedichtband Sarmatische Zeit:
Kaunas 1941
Stadt,
über dem Strom ein Gezweig,
kupferfarben, wie Festgerät. Aus der Tiefe die Ufer
rufen. Das hüftkranke Mädchen
trat vor die Dämmerung damals,
sein Rock aus dunkelstem Rot.
Und ich erkenne die Stufen,
den Hang, dieses Haus. Da ist kein
Feuer. Unter dem Dach
lebt die Jüdin, lebt in der Juden Verstummen,
flüsternd, ein weißes Wasser
der Töchter Gesicht. Am Tor
lärmen die Mörder vorüber. Weich
gehn wir, im Moderduft, in der Wölfe Spur.
Abends sahn wir hinaus
auf ein steinernes Tal. Der Habicht schwebte
um die breite Kuppel.
Sahen die Stadt, alt, Häusergewirr hinunter
bis an den Strom.
Wirst du über den Hügel
gehn? Die grauen Züge
– Greise und manchmal die Knaben –
sterben dort. Sie gehn
über den Hang, vor den jachernden Wölfen her.
Sah ich dich nicht mehr an,
Bruder? An blutiger Wand
schlug uns Schlaf. So sind wir
weitergegangen, um alles
blind. Im Eichwald draußen
mit der Zigeuner Blick die Dörfer, hinauf um die Firste
des Sommers Schnee.
Tief im Regengesträuch
werd ich treten den Uferstein,
lauschen im Dunst der Ebenen. Da waren die Schwalben
stromhinauf und die Nacht
grün, die Waldtaube rief:
Mein Dunkel ist schon gekommen.
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Tauber, Joachim: Das Memelgebiet (1919-1945) in der deutschen und litauischen Historiografie nach 1945. In: Nordost-Archiv. Zeitschrift für Regionalgeschichte NF X (2001), S.11-44.
Vishniac, Roman: Leben im Schtetl. Die letzten Bilder aus der ostjüdischen Vergangenheit 1935-1939. Augsburg 1998.
Yesner, Renata: Jeder Tag war Yom Kippur. Eine Kindheit im Ghetto und KZ. Frankfurt/M. 1995.
Wette, Wolfram: SS-Standardtenführer Karl Jäger, Kommandeur der Sicherheitspolizei (KdS) in Kaunas. Eine biographische Skizze. In: Vincas Bartusevičius u.a. (Hrsg.),
Holocaust in Litauen. Krieg, Judenmord und Kollaboration im Jahre 1941. Köln u.a. 2003, S.77-90.
Zweig, Arnold: Das ostjüdische Antlitz von A.Z. zu 52 Zeichnungen von Hermann Struck [1920/22]. Wiesbaden 1988.
----: Junge Frau von 1914. Roman [1931]. Berlin 1999. (Berliner Ausgabe)
----: Einsetzung eines Königs. Roman [1937]. Berlin 2004. (Berliner Ausgabe)
Fotos eingefügt von A.Kuck © (wenn nicht anders gekennzeichnet) Wikipedia
Lithuanian Slaughter of its Jews
Litauen Geschichte
"Menschen, welche die Geschichte nicht kennen, bleiben immer Kinder".
Jonas Basanavicius im Vorwort seiner Zeitung "Ausra"
Litauens Haupstädte:
- Kernavė (bis etwa um 1316)
- Trakai (etwa um 1316-1323)
- Vilnius (etwa um 1323-1920)
- Kaunas (1920-1940) hier mehr über den Wechsel Vilnius-Kaunas-Vilnius
- Vilnius (seit 1940).
Kernave wird für den Sitz des sagenumwobenen Großfürsten Mindaugas gehalten. Trakai war nur 7 Jahre Hauptstadt.
Vilnius ist und war die kulturelle Hauptstadt Litauens, abgelöst 1920 von Kaunas, als Vilnius von Polen besetzt wurde. Ethnisch war Vilnius eine jüdisch und polnisch dominierte Stadt. Der Anteil an Litauern betrug Anfang des 20. Jahrhunderts nur etwa 3%.
Der Name Litauen könnte vom litauischen Wort für Regen, "Lietus" kommen, zumindest meinen das manche Besucher. Die älteste Erwähnung Litauens stammt aber aus den Quedlinburger Annalen als lateinisches "Litua" aus dem Jahre 1009. Hier ist die Rede von einem Erzbischof Bruno, der beim Missionieren in "Litua" mit seinen Gefährten geköpft wurde. Die meisten Historiker leiten den Namen ab auf einen Nebenfluss der Neris, der "Lietauka" (wird heute Lietava genannt).
Litauische Herrscher
(in Arbeit)
Vytautas 1392-1430 Vetter vom polnischen König Jogaila. Als einziger der litauischen Herrscher erhielt er den Beinamen "der Große". Während seiner Regierungszeit erreicht das Großfürstentum Litauen seine größte Ausdehnung von Palanga an der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.
2000 v. Chr. Baltische Völker (Letten, Litauer, Pruzzen) wandern bis in das Gebiet des heutigen Baltikums ein.
Die baltischen Sprachen gehören zur indo-europäischen Sprachgruppe, wobei das Litauische dem Sanskrit am nächsten steht.
500 v. Chr. Beginn des Bernsteinhandels; Kontakte mit anderen südwesteuropäischen Völkern.
1009 Bruno von Querfurt erlitt am 9. März 1009 den Märtyrertod. Vermutlich hatte er einen Missionierungsauftrag von Adalbert von Prag übernommen, nachdem dieser 997 am Frischen Haff ermordet worden war. Es gelang ihm, Fürst Nethimar zum Christentum zu bekehren, doch die Brüder des Fürsten verurteilten diesen Schritt und töteten den Missionar.
1300 Jh. Die Litauer setzten sich vehement und erfolgreich gegen den Deutschen Orden zur Wehr.
1238 Mindaugas wird von den litauischen Adligen die Herrschaft Litauens angetragen.
1253 Taufe und Krönung des Königs Mindaugas. Mindaugas gehörte zu einer bedeutenden litauischen Fürstenfamilie. Er soll die fünf litauischen Fürstentümer zu einem Staatswesen vereinigt haben.
Durch seine Christianisierung erhoffte er sich Rückhalt durch den livländischen Orden gegen seine inner-litauischen Widersacher.
1261 löst er sich von der Katholischen Kirche
1263 Mindaugas wird von seinem Schwager Daumantas und seinem Neffen Treniota ermordet. Mindaugas Sohn Vaisalga übernahm die Staatsführung, wurde aber auch ermordet.
1316 – 1341 Gediminas Großfürst von Litauen. Er gilt als geschickter Taktiker und baute Litauen zu einer europäischen Großmacht auf. Durch kluge Bündnispolitik und Heiratspolitik reichte der litauische Einfluss bis Kiev. Gediminas nannte sich "König der Litauer und Ruthenen". Er starb im Kampf mit dem 'Deutschen Orden' an der Bayerburg (Plokščiai – Unterlauf der Memel bei Raudone) an einem Armbrustpfeil.
Das Wappen der Gediminas Dynastie war eine stilisierte Burg auf rotem Grund.
Auf der Staatsflagge vor dem II. Weltkrieg war der litauische Ritter Vytis auf der Vorderseite, die Gediminasburg auf der Rückseite der Staatsflagge.
1362 Gedimina's Sohn Algirdas besetzt Kiew, die "Mutter der russischen Städte". Ethnische Litauer machen nun nur noch etwa 10 % der Bürger des Großfürstentums aus.
1377 Jogaila (Fürst von Kiew) wird Großfürst von Litauen
1385 Vertrag von Kreva (Krewo). Großfürst Jogaila verpflichtet sich, sein litauisches Land "auf ewig" der Krone Polens anzugliedern und sein Volk taufen zu lassen.
1386 Mit der Taufe des litauischen Fürsten Jogaila und seiner Heirat mit Jadwiga, der Königin von Polen, beginnt die Union Litauens mit Polen, die 400 Jahre Bestand haben soll (bis zur dritten polnischen Teilung 1795), wobei die Litauer mit der Zeit immer mehr von den Polen dominiert werden. Jogaila herrscht mit seiner Frau als König Wladyslaw II. Jagiello bis 1434.

Das litauische Doppelkreuz
Über das Geschlecht der Jagiellonen gelangte das ungarisch/slowakische Doppelkreuz - in der Form dem Lothringer Kreuz ähnelnd - auch in das Wappen Litauens, als es 1386 als angebliches Kreuz des Heiligen Ladislaus von Władysław II. Jagiełło angenommen wurde.
Zusammen mit dem neuen litauischen Großfürsten Vytautas (seinem Vetter) gründet er die polnisch-litauische Union.
Heute gibt es Stimmen, die Jogaila diese polnisch-litauische Union übel nehmen. Lieber hätte mancher Litauer einen rein litauischen Staat, da die Nähe zu Polen rasch zu einer Polonisierung der litauischen Kultur führte. Es gab einfach mehr Polen und die polnische Kultur war weiter entwickelt, als die litauische, obwohl Litauen das dreifach größere Staatsgebiet mitbrachte. (Aber der größte Teil davon ohne ethnische Litauer). Die Christianisierung Litauens erfolgte von Polen aus, was die Verbreitung der polnischen Sprache, Sitten und Gebräuchen noch forcierte. Die litauische Sprache wurde bald nur noch in den Dörfern gesprochen. Ob Litauen weitere Auseinandersetzungen mit Russland und den Deutschen Orden standgehalten hätte, ohne die Zusammenarbeit mit Polen, das kann man bezweifeln, bleibt aber Spekulation. Litauen alleine hätte in der –
1410 Schlacht bei Tannenberg keine Chance gehabt und die Verbündeten erreichten damit den endgültigen Sieg über den Deutschen Orden. Der Sieg bei Grunwald (lit. Zalgiris) war Vytautas größte militärische Leistung.
1413 Im Vertrag von Horodlo akzeptiert Vytautas die Union. Beide Seiten vereinbarten, das der litauische Großfürst und der polnische König fortan mit Zustimmung beider Seiten gewählt werden soll.
1422 kam es im Frieden von Melnosee zu einem Vertrag Litauen/Polens mit dem Deutschen Orden. Man einigte sich auf Frieden, tauschte Gebiete aus und definierte die Grenzen zwischen Ordensland und Litauen neu. Diese Grenze von Palanga bis zur Memel sollte die am zweitlängsten gültige Grenze Europas sein und galt bis 1923, als litauische Freischärler das Memelland besetzten.
1430 Nach Vytautas Tod wird Jogailas Bruder Švitrigaila litauischer Großfürst, kurz darauf aber durch Vytautas Bruder Zygimantas ersetzt.
1434 Tod Jogailas.
1444 Kasimir IV. Andreas wird Großfürst von Litauen und 1447 König von Polen.
1500 In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts schwand die Macht Litauens, da das Großfürstentum Moskau immer stärker wurde.
1569 Durch die Stärke Moskaus und immer mehr Auseinandersetzungen an der Ostgrenze, kam es zur Vereinigung Litauens mit Polen im Unionsvertrag von Lublin, wodurch Litauen den größten Teil seiner Selbständigkeit verliert. Der König von Polen wird in Personalunion litauischer Großfürst.
Im Vertrag stand ausdrücklich, dass es sich beim gemeinsamen Staat um ein einziges, unteilbares Ganzes handelt, eine einheitliche und untrennbare Republik, die aus zwei Völkern und zwei Staaten zusammengefügt worden ist.
Polnische Bestrebungen diesen Status nach dem I. Weltkrieg beizubehalten, kann man in diesem Zusammenhang zumindest verstehen. Ein polnisches Heiligtum, die Aušros Vartai (Tor der Morgenröte) liegt in Vilnius. Berühmte Polen, wie Staatspräsident Pilsudski sind in Vilnius geboren.
1575 Stefan Bathory wird litauischer Herrscher
1579 Gründung der Universität von Vilnius
1587 Sigismund der III. Wasa wird Großfürst.
1697 von nun an ist polnisch die Kanzleisprache (die Sprache der staatlichen Institutionen)
1700-1721 Großer Nordischer Krieg, den die Russen zuungunsten Schwedens für sich entscheiden und sich somit die Vormachtstellung im Baltikum und Polen sichern.
1737 es wird in den Kirchen nicht mehr litauisch gepredigt.
1795 Durch die dritte polnische Teilung kommt Litauen das erste Mal zu Russland: Verwaltungsbezirke Kowno (lit. Kaunas) und Wilna (lit. Vilnius). Mit Litauen kommen plötzlich auch Millionen Juden ins russische Zarenreich.
Für die Menschen änderte sich allerdings nicht viel. Weiterhin waren die Polen die Großgrundbesitzer, die Juden lebten in der Städten und beherrschten den Handel und die Litauer lebten meist in den Dörfern.
1818 Mit dem Buch "Metai" erscheint das erste weltliche Buch in litauischer Sprache.
1830/31 Erster Aufstand gegen den Zaren, ausgehend von Polen. 1832 wird die Universität in Vilnius als Strafe geschlossen.
19.Jh. Während der 120 Jahre dauernden ersten russischen Besatzung (1795-1915) Beginn der Lösung von Polen - Besinnung auf die eigene Sprache und Identität. (Bücherschmuggel aus Kleinlitauen und Königsberg).
1863/64 Starke Beteiligung der Litauer am 2. Polen-Aufstand gegen Russland - hauptsächlich aufgrund sozialer Missstände. Beendet wurde der Aufstand vom Generalgouverneur Michail Murawjow, der damit in die Geschichte als "Henker von Wilna" einging (Butenschön). Nach der Niederschlagung dürfen Bücher nur noch kyrillisch gedruckt werden.
1883 Die litauische Zeitschrift „Ausra“, mit herausgegeben vom späteren Unterzeichner der litauischen Unabhängigkeitserklärung , Jonas Basanavičius erscheint in Königsberg und wird nach Litauen geschmuggelt. Struktur der litauischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert: Adel = Polen (bzw. polonisierte Litauer), städtisches Bürgertum = Deutsche und Juden, Beamte = Russen, Bauern = Litauer. Enges Verhältnis der Litauer zur katholischen Kirche.
Litauer besinnen sich ihrer ethnischen Herkunft und sprechen litauisch. Keiner wollte mehr "litauischer Mensch einer polnischen Nation" sein (Butenschön). Das sahen die Polen anders: für sie waren die Litauer "anderssprechende Polen" und untrennbarer Teil des polnischen Volkes (Zenonas Namavicius).
1904 Mai 7. Das Druckverbot von Büchern und Zeitungen in litauischer Schrift wird aufgehoben.
Dez. 1905 Großer Litauischer Seimas, bei dem die Litauer die Ziele der Revolution in Russland (vom Januar 1905) gut heißen. Russische Diplomatie dringt auf Spaltung zwischen Litauern und Polen. Die litauischen Teilnehmer des Treffens fordern von Russland Autonomie und Selbstverwaltung. Intern wird schon von Unabhängigkeit gesprochen.

Litauische Siedlung im I. Weltkrieg Alte Postkarte
1915 Frühjahr Litauen wird im 1. Weltkrieg vollständig von Deutschland besetzt. Deutschland errichtet das Land "Ober Ost". Da Russland seine Verwaltung abgezogen hat, entsteht eine komplett neue Verwaltung. Auch die litauische Wirtschaft ist jetzt von der russischen gekappt, was dem Land später bei der Unabhängigkeit hilft.
1915 Sommer Als Russland seine Niederlage bemerkt, macht es verzweifelte Versuche die Polen und Litauer auf ihre Seite zu bekommen. Zar Nikolaus II. schlug eine Restauration des Litauischen-Polnischen Staates an der Seite von Russland vor. Polen, oft genug von Russland getäuscht, trauten dem Angebot nicht.
1917 Oktoberrevolution in Russland. Gründung einer nationalen Interessenvertretung, erlaubt von den Deutschen, die "Taryba"
1918 Februar 16. : Unabhängigkeitserklärung Litauens. Zuvor kam es zu einer Unabhängigkeitserklärung, in der noch von unauflösbarer Bindung zu Deutschland die Rede war. Deutschland sah Litauen immer noch als Kriegsbeute. Der Wunsch Deutschlands war es, in Litauen eine konstitutionelle Monarchie unter einem deutschen Fürsten zu errichten.
1918 – 1920 Überlassung von Material der ehemals deutschen Besatzer zum Aufbau eines eigenen Heeres. Vertreibung der Roten Armee mit deutscher Hilfe.
1918 16. Dezember Ausrufung der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik (litauisch: Lietuvos Tarybų Socialistinė Respublika) durch die „Litauischen Provisorische Revolutionären Regierung der Arbeiter und Bauern“ und deren Vorsitzenen Vincas Mickevičius-Kapsukas. Mickevičius sollte in der Heldenverehrung der Litauischen Kommunisten nach dem 2. Weltkrieg eine große Rolle spielen.
1919 5. Januar Die "Rote Armee" besetzt Vilnius. Bereits am 7. Januar 1919 nimmt die kommunistische Regierung unter Vincas Mickevičius-Kapsukas in Vilnius ihre Tätigkeit auf.
1919 27. Februar Zusammenlegung der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik mit der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik zur Litauisch-Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Mickevičius-Kapsukas war Chef des Rats der Volkskommissare und somit quasi Regierungschef.
1919 21. April Polnische Truppen erobern Vilnius, die Regierung unter Mickevičius-Kapsukas verlegt ihren Regierungssitz zunächst nach Minsk. Nachdem auch dieses von polnischen Truppen besetzt worden war, amtierte die Regierung in Smolensk.
1919 25. August Da das gesamte Territorium der Litauischen-Weißrussischen Sowjetrepublik unter polnischer Kontrolle steht, wird sie aufgelöst.
1920 Juli Sowjetische Truppen besetzen erneut Vilnius
1920 Juli 12. Beendigung des Kriegszustands mit der Sowjetunion durch Unterzeichnung eines Friedensvertrages, in dem die Sowjetunion "für alle Zeiten" ( ;-) ) )auf seine Souveränitätsrechte über das litauische Volk und das Land Litauen verzichtet.
1920 Oktober 9. : Besetzung der litauischen Hauptstadt Vilnius durch polnische Truppen unter General Lucjan Zeligowski. Coup von Pilsudski. Die litauische Regierung residiert seit 1919 in Kaunas. Bis 1938 gab es deshalb keine diplomatischen Kontakte mehr zwischen Polen und Litauen.
1922 De-jure-Anerkennung des litauischen Staates durch die Westmächte. Landreform, Einführung einer neuen Währung. Das Wilnaer Gebiet bleibt weiterhin unter polnischer Herrschaft.
1923 Litauische Freischärler besetzen das Memelgebiet.
1926 Dezember 17. Staatsstreich in Litauen. Beginn der Diktatur von Smetona.
1927 April Smetona löst den Seimas (Parlament) auf.
1939 Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der UdSSR. (Hitler Stalin Pakt) Im „Zusatzprotokoll“ kommen die baltischen Staaten und Finnland zur sowjetischen Interessensphäre. Auch Litauen wird ein „Beistandspakt“ aufgezwungen. Im Oktober 1939 übergibt Stalin das von Polen annektierte Vilnius an Litauen. Dafür muss Litauen der Sowjetarmee Stützpunkte einräumen. Im litauischen-sowjetischen Beistandspakt steht explizit, dass die litauische Unabhängigkeit und soziale Ordnung nicht angetastet wird.
1940 Juni 15. Einmarsch der sowjetischen Truppen in Litauen.
Litauische Soldaten müssen den Weg säumen, den die sowjetischen Panzer rollen und grüßen die einmarschierenden Truppen. Befehl Nr. 107 vom Oberbefehlshaber der litauischen Streitkräfte General Vincas Vitkauskas (interessante
Biographie) und dem Generalstabschef General Stasys Pundzevičius.
Smetona flieht. („Wahlen“ mit kommunistischen Einheitslisten) in Folge des Hitler – Stalin Paktes. Nach einem Jahr waren 650.000 Soldaten in Litauen stationiert.
Juni 17. Eine moskaufreundliche "Volksregierung" unter dem Journalisten Justas Paleckis wird gebildet In manchen Orten gab es ein Wahlergebnis von 130 %.
August 3. Die Aufnahme Litauens in die UdSSR erfolgt auf "Bitte" des Parlaments (Seimas)
"Kleine Völker müssen verschwinden"
Sie müssen die Realität sehen und verstehen, dass kleine Nationen in Zukunft verschwinden werden. Ihr Litauen und die anderen baltischen Nationen, Finnland eingeschlossen, werden sich der ruhmreichen Familie der Sowjetunion anschließen. Deshalb sollten Sie jetzt anfangen, ihr Volk an das Sowjetsystem zu gewöhnen, das in Zukunft überall, in ganz Europa, herrschen wird, an manchen Orten früher, wie im Baltikum, an anderen später." Molotow zum lit. Außenminister am 30.6.1940 (Misiunas: The Baltic States)
1940 Oktober 10. Litauen unterschreibt mit der Sowjetunion einen Beistandspakt. Molotow und Stalin versichern, keine kommunistische Propaganda in Litauen zu unterstützen und der Regierung helfen, falls die Kommunisten doch "etwas" versuchen sollten. S. Mylliniemi "Die baltische Krise"
September 17. Litauen bekommt Vilnius von Stalin wieder zurück. Es entsteht die Redewendung: "Vilnius musu – Lietuva Rusu" (Vilnius ist unser – Litauen gehört Russland)
1941 Juni 14. 1. Deportationswelle in allen drei baltischen Staaten. Ca. 50.000 Menschen allein am 14. Juni, davon ca. 17.000 Litauer (darunter 2.045 Juden) werden nach Sibirien abtransportiert.
(Quelle der 17.000 Litauer ist Arunas Bubnys "Litauen unter rotem Terror, die 2.045 Juden M. Butenschön "Litauen")
1941 Juni 22. Besetzung des Baltikums durch die deutsche Wehrmacht.
"Nichtjüdische Litauer konnten den Abzug der Sowjets als Befreiung empfinden, Juden sahen die Ankunft der Deutschen anders." T.Snyder Bloodlands
Beginn der Vernichtung fast der gesamten jüdischen Bevölkerung.
1945 Besetzung des Baltikums durch die Sowjetunion. Beginn des Partisanenkampfes (Waldbrüder).
1949 2. Deportationswelle im Baltikum (3 % der Bevölkerung, etwa 190.000 Menschen, davon 80.000 Litauer). Etwa die Hälfte davon stirbt in den Lagern. Die anderen kehren nach 5-10 Jahren in der Regel völlig mittellos wieder zurück.
1987 Erste öffentliche Proteste gegen die sowjetische Herrschaft in allen 3 baltischen Staaten.
1988 Gründung der Volksfronten in Lettland, Litauen und Estland.
1991 13. Januar: OMON-Einheiten (Spezialtruppe des sowjetischen Innenministeriums) besetzen den Fernsehturm und schießen auf die Bevölkerung (14 Tote). 20. August: nach dem Putsch in Moskau gegen Michael Gorbatschow werden die baltischen Staaten wieder unabhängig.
1992 Algirdas Brazauskas wird Präsident der Republik Litauen.
1993 Abzug der letzten sowjetischen Soldaten aus Litauen.
1998 Valdas Adamkus wird Präsident der Republik Litauen.
2000 15.02. : Aufnahme von formellen Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union.
2004 Mitgliedschaft in EU und Nato
2007 Schengener Abkommen tritt in Kraft, der Euro sollte eingeführt werden. Wegen zu hoher Inflation gestoppt. Neuer Termin nicht vor 2014
2012 März Litauen schließt einen Vertrag über ein KKW mit Hitachi. Fertigstellung soll zwischen 2020 und 2022 sein
2014 Juni EU Finanzminister stimmen der Einführung des EURO in Litauen zu
2015 Am 1. Januar wird der Euro eingeführt. Der litauische Vytis (Ritter), mit dem Schwert auf einem Pferd, ist auf allen Münzen geprägt. Die Scheine sind in Europa alle gleich.
2017 Heftige Diskussionen in Litauen über die litauische Beteiligung am Holocaust (Ruta Vanagaite "Musiskiai")
2018 Das litauische Parlament macht das Jahr 2018 zum Erinnerungsjahr an Adolfas Ramanauskas, Kampfname Vanagas. Es kommt zu internationalen Protesten, da Ramanauskas einen Trupp Partisanen in Druskininkai beim antisowjetischen Aufstand, oder anders gesagt, beim Einmarsch der Deutschen am 22.6.1941 anführte. Wie überall in Litauen kam es da zu Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung und zu Toten.
Christoph Dieckmann "Deutsche Besatzungspolitik in Litauen"
Litauen Holocaust
Der Stahlecker Report: Wie der Jäger Report ist auch der Stahlecker Bericht ein Zeugnis des deutschen Vernichtungskrieges im Osten. Stahlecker berichtet über die Tätigkeit seiner Einsatzgruppe A aus dem Baltikum an seine Vorgesetzten in Berlin. Deshalb berichten wir über ihn in der Rubrik Litauische Geschichte.
Zvi Gitelmann "Bitter Legacy"
Die Rote Armee
In ihr kämpften, oft unfreiwillig, Menschen vieler Nationen. Sie hatte für die Ziele Josef Stalins einzutreten, brachte viel Leid über Europa (Ukraine, Hitler-Stalin Pakt) und hatte im Kampf gegen die Wehrmacht sehr viele Tote zu beklagen (siehe auch die Schilderungen der 215. Infanteriedivison im Kurlandkessel im Text ganz unten). Trotzdem war sie, auch wenn das System hinter ihr nicht viel besser war als der Nationalsozialismus, Teil der Alliierten, Befreier Europas.
In der Roten Armee kämpften anfänglich 5 Millionen Soldaten, von denen etwa 500.000 Juden waren. Die kämpften nicht nur für ihr Land, sondern auch für ihr Leben. Die Hälfte von ihnen ist gefallen.
(Insgesamt sind 11,4 Millionen russische Soldaten gestorben, davon 3 Millionen in Gefangenschaft. Bei den Deutschen war das Verhältnis 2,7 Millionen zu 1,1 Millionen).
Im Herbst 2006 wurde eine Idee von Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum, verwirklicht. Jüdischen Veteranen der "Roten Armee" sollte eine Stimme gegeben werden.
Durchgeführt haben es Schüler von vier Berliner Gymnasien. Sie interviewten (in Zusammenarbeit mit dem Verband der "Jüdischen Veteranen in der Roten Armee" und der Geschichtswerkstatt "culture and more") 13 jüdische ehemalige Soldaten der Roten Armee, die heute alle in Berlin leben. Herausgekommen ist eine Ausstellung mit Fotos und Geschichten betagter Menschen, die im Krieg gegen das Deutschland Adolf Hitlers nicht nur ihr eigenes Leben verteidigten, sondern auch ein Hoffnungsschimmer für die von den Nazis Drangsalierten und Eingesperrten waren.
Lew Wilenski z.B. hatte sich als 16-jähriger freiwillig als Soldat gemeldet und war 1945 bei der Befreiung Auschwitz dabei.
Die Sowjetunion unter Stalin war dem System des Nationalsozialismus nicht unähnlich. Lebhafte Diskussionen werden auch heute noch geführt, welcher "Sozialismus" denn mehr Menschen auf dem "Gewissen" hat.
Die Verbrechen der Rotarmisten an deutschen Zivilisten, besonders Frauen, waren furchtbar.
Für Gegner des Nationalsozialismus, Juden und Demokraten waren die russischen Soldaten die Rettung.
Hermann Simons erzählte bei der Ausstellungseröffnung von seiner Mutter, die die den Krieg in einem Versteck überlebte, dass ihre Hoffnung beim Anblick eines sowjetischen Panzers in Zuversicht umgeschlagen sei.
(Empfehlenswert ist dazu das Buch von Heinz Droßel: "Zeit der Füchse")
In einem Interview mit der "Zukunft", Informationsblatt des Zentralrats der Juden in Deutschland, äußerte Simon sein tiefstes Bedauern darüber, dass unter den befragten Veteranen kein einziger war, der bei den Partisanen gekämpft hat. Es gab nämlich spezielle jüdische Partisanenbrigaden mit oft aus den Gettos geflüchteten Juden. (Z.B. die Bielski Partisanen).
Die Ausstellungstafeln kann man nach anklicken der Bildminiaturen als PDF Dateien sehen.
Zwischen Sowjetstern und Davidstern
"Knapp 100 jüdische Veteran/Innen der Roten Armee leben heute in Berlin. Sie wuchsen einst in einer Sowjetunion auf, die es nicht mehr gibt. Diese Menschen vermochten es, ihre jüdische Identität trotz aller Diskriminierungen zu bewahren.
Als Offi ziere oder Soldaten kämpften sie gegen die deutschen Nationalsozialisten und ihre Helfer, die den Zweiten Weltkrieg begannen und in der Schoa Millionen Juden ermordeten.
Für wen kämpften sie? Für das eigene Überleben, für das Überleben von Verwandten und Freunden. Musste man, durfte man dabei auch Patriot sein?
Schließlich waren der sowjetische Diktator Josef Stalin, die sowjetische Gesellschaft auch im Krieg nicht frei von Antisemitismus. Diese Fragen stellten sich Männern wie auch Frauen, die in der sowjetischen Armee kämpften. Menschen, die auf ein reiches Leben zurückblicken, erhalten eine Stimme. Ein Stück jüdischer, sowjetischer, deutscher, ja europäischer Geschichte wird bewahrt. Wir danken vor allem den Veteran/Innen sehr herzlich für Ihre große Hilfe.
Ohne sie gäbe es dieses Projekt nicht."
UdSSR, Rote Armee, Zweiter Weltkrieg
"Etwa 30 Millionen Menschen kamen in diesem Krieg um, davon ca. acht Millionen sowjetische Soldaten. Der Sieg der UdSSR 1945 ging mit schrecklichen Verlusten einher."
Judentum und Antisemitismus in der UdSSR bis 1941
»Leider wurde meinem Großvater seine Frömmigkeit fast zum Verhängnis … Eines Tages – das war vor dem Krieg – wurde er auf dem Rückweg vom Gebetshaus von bösen Menschen angegriffen. Sie zogen ihn am Bart, riefen antisemitische Parolen. Nur dank der Einmischung von Passanten kam mein Großvater heil davon, denn die Angreifer hatten ihm offensichtlich nach dem Leben getrachtet, und das im Zentrum der Stadt.«
"Joine Goldgar wurde 1914als jüngstes von acht Kindern in der polnischen Kleinstadt Staszów, nahe Krakau, geboren. Obwohl er aus einer religiös geprägten Familie stammte, spielte für ihn die jüdische Religion keine zentrale Rolle. Goldgar war Kommunist.
Er arbeitete als Lehrer am Gymnasium. Kurz nach Kriegsbeginn 1939 fl oh Goldgar vor den Deutschen in die Sowjetunion."
"Jewgenija Smuschkevitsch wurde 1925 in der litauischen Stadt Kaunas geboren. Ihre Familie wahrte die jüdischen Traditionen. Jewgenija Smuschkewitsch fl oh sofort nach Kriegsbeginn an den Ural. Ihre Familie wurde im Ghetto von Kaunas ermordet."
»Als ich mich freiwillig zur Roten Armee meldete, bekam ich zunächst ein Gewehr mit durchgeschossenem Lauf, so dass das Bajonett eigentlich das Einzige war, was an diesem Gewehr funktionierte. Es gab keineWaffen.
Die Deutschen hatten sich auf den Krieg vorbereitet, die Russen nicht ... «
"Gegen die Deutschen zu kämpfen, bedeutete nicht nur als Sowjetbürger sein Vaterland zu verteidigen, selbst, wenn es einen zuweilen als Juden ablehnte. Um als Jude zu überleben, musste man den Feind schlagen, der die jüdische Bevölkerung umbrachte."
»Wenn eine Krankenschwester den Annäherungs versuchen ihres Vorgesetzten nicht nachgab, wurde sie aus dem Regimentsstab in den Bataillonsstab versetzt, wenn sie sich auch dort unnachgiebig zeigte, kam sie in eine der Kompanien, wo sie nach ein bis zwei Monaten starb.«
Kriegsende, Sieg und Rückkehr in die Heimat
»Meine Eltern, ein Bruder und eine Schwester mit ihrer Familie kamen 1942 in Auschwitz um. Ein weiterer Bruder und eine Schwester, die in der Westukraine lebten, sind verschwunden. Ihr Schicksal ist mir nicht bekannt.«
»1943 trat ich in die Partei ein, aus Dummheit natürlich. Obwohl ich sagen muss, dass ich damals überzeugter Kommunist war. Dann kam das Jahr 1946, die Kampagne gegen Kosmopoliten … die Ärzteverschwörung. – Das hat mir die Augen geöffnet, denn für all das war die Partei verantwortlich.«
Wege nach Berlin - Leben in Berlin
»Natürlich gehe ich in die Synagoge, aber den Sabbat halten – nein, das tue ich nicht. Überhaupt muss ich sagen, dass ich überzeugter Atheist bin. Es wundert mich, wie die Juden nach dem Holocaust, nach all den Leiden, die ihnen zuteil wurden, an Gott glauben können. Wofür sollten wir denn Gott dankbar sein?«
Copyright Centrum Judaicum und "culture and more"
Kurze Nachbemerkung: Viele Menschen der Sowjetunion waren mit dem Stalinistischen System nicht einverstanden.
So entstand (etwas vereinfacht gesagt) eine Russische Befreiungsarmee unter General Wlassow, meist aus russischen Kriegsgefangenen gebildet.
Wäre der Gastgeber nicht noch schlimmer als der ehemalige Oberbefehlshaber, hätte die Wlassow Armee durchaus positiv in die Geschichte eingehen können.
Rollkommando Hamann und die litauischen Hilfskräfte
Judenfriedhof Birzai
Mitglieder der Gesellschaft für christlich- jüdische Zusamenarbeit und der evangelisch- reformierten Kirche Lippe aus Detmold sind am 23. August in Birzai eingetroffen, um den alten jüdischen Friedhof aufzuräumen, der als der größte jüdische Friedhof in ganz Litauen gilt.

Unter Leitung von August Wilhelm Kemper haben sich 16 Mitstreiter auf eigene Kosten aufgemacht, um den größten jüdischen Friedhof Litauens in Ordnung zu bringen.
Herr Kemper betont die freundliche Aufnahme durch die Stadt Birzai, die den Fahrdienst vom Hotel Tyla zum Friedhof und die nötigen Werkzeuge organisierte.
Die Detmolder Gruppe wird von Schulkindern und dem Geschichtslehrer Vidmantu Jukoniu (und seinem Sohn als Dolmetscher) unterstützt.
Neben der harten körperlichen Arbeit (es mussten etliche Bäume gefällt werden), gab es zur Entspannung ein Bad im See neben dem Hotel Tyla und einen Ausflug in die Umgebung.
Mit dem Essen, der Unterkunft und dem einheimischen Bier, waren die Gäste, dem Vernehmen nach, zufrieden.
Hier sieht man Birzai mit dem Sirveno See aus der Satellitenperspektive. Rechts auf dem See sieht man die lange Brücke , die von der Stadt zum Astravas Anwesen führt. Der Sirveno ist der größte künstliche See in Litauen
Auf ein Wiedersehen in Birzai freuen wir uns!
Im August ging die Aufräumaktion weiter.
Karl Jaeger
Wolfram Wette schrieb diesen Artikel im Januar 2012 für die Wochenzeitung "Die Zeit".
Veröffentlichung mit Genehmigung von Wolfram Wette und der Zeit. Vielen Dank!
Holocaust
Nur seine Pflicht getan
Karl Jäger war ein feinsinniger Mann, musikalisch begabt, immer korrekt. 1941 ließ er in Litauen innerhalb weniger Monate 137.346 Menschen erschießen.
Von: Wolfram Wette

Juli 1941: Deutsche Truppen kommen in Kaunas in Litauen an.
Er ist ein Schlüsseldokument des Holocaust: der Jäger-Bericht. Er ermöglicht einen unmittelbaren Einblick in die erste Phase des Völkermords, die gleich nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann. In dieser Zeit wurden die Juden noch nicht in Gaskammern umgebracht, sondern zumeist mit Maschinengewehren erschossen, also Auge in Auge.
Die deutschen Akteure betrachteten das kleine baltische Land Litauen – das sich nach dem Ersten Weltkrieg vom Zarenreich emanzipiert hatte, infolge des Hitler-Stalin-Pakts 1940 von der Sowjetunion annektiert und im Jahr darauf während des Russlandfeldzugs von der Wehrmacht besetzt worden war – gleichsam als ein Testgelände, auf dem sich Wichtiges erproben ließ. Wie rasch konnte man vorgehen, wollte die NS-Führung wissen, und: Würde die Wehrmacht mitspielen? Würde sich unter den nichtjüdischen Litauern Widerstand gegen die Vernichtung ihrer Landsleute formieren? Oder durften die Deutschen mit der Kollaborationsbereitschaft litauischer Nationalisten rechnen?
Alle diese Fragen konnten im Sinne der SS beantwortet werden, der Bericht ist der Beweis. Das als Geheime Reichssache klassifizierte Dokument vom 1. Dezember 1941, von SS-Standartenführer Karl Jäger unterzeichnet, trägt die Überschrift: Gesamtaufstellung der im Bereich des EK. 3 bis zum 1. Dez[ember] 1941 durchgeführten Exekutionen. Die Akte ist neun Seiten lang und enthält eine detaillierte Auflistung des Mordgeschehens in Litauen in den fünf Monaten von Ende Juni bis Ende November. Der Bericht nennt 71 litauische Städte und Dörfer, in denen das Einsatzkommando (EK)3 zuschlug, zum Teil mehrfach. In Kaunas gab es 13 Mordaktionen, in Wilna sogar 15. Von Protesten der Bevölkerung, von Widerstand der Wehrmacht gegen die »Maßnahmen« indes findet sich darin kein Wort.
Die Massenerschießungen begannen unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen Ende Juni 1941 und setzten sich in den nächsten fünf Monaten in gewissen Abständen fort. Die Intervalle folgten keiner erkennbaren Regel, sondern dem Gesetz der Willkür. Der Höhepunkt der Massaker lag zwischen Mitte August und Ende Oktober 1941. Litauen war bereits Ende 1941, wie Jäger seinen Vorgesetzten an jenem 1. Dezember triumphierend melden konnte, weitgehend »judenfrei«. Das bedeutete, dass bis zu diesem Zeitpunkt nach seiner Rechnung 137.346 jüdische Männer, Frauen und Kinder umgebracht worden waren – von insgesamt etwa 200.000 Juden, die damals in Litauen lebten, nicht gerechnet die jüdischen Flüchtlinge aus Polen, deren genaue Zahl unbekannt ist.

Wolfram Wette
Wikimedia Commons/Foto Freiburg
Der Autor ist emeritierter Professor für Neueste Geschichte an der Universität Freiburg. Mehr zum Thema in seinem neuen Buch Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden, Fischer Taschenbuch Verlag; 284 Seiten, 9,99 €
Nach eigenem Eingeständnis wollte Jäger mit seinen Erfolgszahlen »nach oben hin glänzen«. Dennoch zeigte er sich mit seiner Schreckensbilanz immer noch unzufrieden. Wenn er allein zu entscheiden gehabt hätte, wäre er noch radikaler vorgegangen und hätte bereits vor dem Jahreswechsel 1941/42 sämtliche litauischen Juden ausgerottet. Dem Führer der Einsatzgruppe A, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Dr. Walther Stahlecker, dem das Einsatzkommando 3 unterstand, erklärte er, er hätte am liebsten auch die noch am Leben gebliebenen litauischen Zwangsarbeiter einschließlich ihrer Familien »umgelegt«. Aber, so klagte Jäger seinem Vorgesetzten, Wehrmacht- und Zivilverwaltungsstellen seien ihm in den Arm gefallen und hätten weitere Massenexekutionen verhindert, weil sie nach wie vor dringend Arbeitskräfte benötigten. So wurden vorläufig noch je 15.000 Juden in den litauischen Großstädten Wilna (Vilnius) und Kaunas und knapp 5.000 in Schaulen (Šiauliai) vor dem Zugriff des EK 3 bewahrt.
Die Schrecken, die sich hinter den Zahlen des Jäger-Berichts verbergen, haben Augenzeugen festgehalten. Zu ihnen gehört Solly Ganor. Damals ein Junge, beobachtete er von seiner Wohnung im Kaunaser Ghetto aus am frühen Morgen des 29. Oktober 1941 den Todesmarsch von 9.000 Menschen. »Fannys [Sollys Schwester] entsetzlicher Schrei weckte mich«, schreibt Ganor 1997 in seinem Buch Das andere Leben. Kindheit im Holocaust. »Wir stürzten zum Fenster. Im grauen Licht der Morgendämmerung sahen wir eine endlose Kolonne Menschen den Berg hinaufgehen in Richtung Fort Neun. Eine kilometerlange Menschenschlange. Das hatte nichts von der Grausamkeit der vielen blutigen Szenen, die ich bisher gesehen hatte, und war dennoch tausendmal schlimmer.
Eine unerklärliche Kraft trieb uns zum Ghettozaun, wo schon andere sich versammelt hatten. Bewaffnete Litauer säumten beide Seiten der Straße, so weit das Auge sehen konnte, bereit, jeden zu erschießen, der zu fliehen versuchte. Es ist unmöglich, die Klagen jener zu beschreiben, die ihre Verwandten erkannten. Die Kolonne war so lang, dass der Todesmarsch vom Tagesanbruch bis mittags dauerte. Doch wir ertrugen es nicht lange und stolperten vorher davon. [...] Obwohl das Fort Neun mehrere Kilometer entfernt lag, hörten wir das unmissverständliche Geknatter von Maschinengewehren.«
Über das Massaker selbst, das sich im Fort IX, einer alten Befestigungsanlage vor den Toren der Stadt Kaunas, abspielte, gibt es ebenfalls eine anschauliche Schilderung. Denn von den Tausenden konnte ein Einziger überleben. Es handelt sich um einen 13-jährigen Jungen namens Kuki Kopelman, der von seinem Freund Solly Ganor als ein hochbegabtes Wunderkind beschrieben wird. Seine Mutter Vera Schor war eine berühmte Geigerin und sein Vater ein bekannter Schachspieler. Kuki war Junior-Schachmeister, begabter Geiger und außerdem schon ein sehr guter Steptänzer.
Tage nach dem Massaker tauchte Kuki zu nächtlicher Stunde in einem viel zu großen Mantel wieder auf. Ganor schildert in seinen Erinnerungen Das andere Leben diese wunderbare Rückkehr und schrieb auf, was der Freund ihm erzählte. Es ist ein Protokoll des Schreckens. »Deutsche und litauische Wachen«, berichtete Kuki, »standen am Eingang mit Hunden, die an der Leine zerrten, knurrten und wild bellten. Wir wurden durch die Tore getrieben. Im Hof standen Lastwagen mit laufenden Motoren. Manchmal hatten sie Fehlzündungen, und das klang wie Schüsse.
Ein junger deutscher Offizier sprach uns an. ›Ihr werdet in Arbeitslager im Osten gebracht. Jetzt gibt’s erst mal eine Dusche, und dann bekommt ihr Arbeitskleidung. Zieht euch aus, und legt eure Kleider hier ab.‹ Er sprach in zivilem Ton, und trotz allem, was wir über diesen Schreckensort wussten, ließen wir uns von ihm überzeugen. Doch jeder noch so kleine Hoffnungsfunke war zunichte, als wir die lange Maschinengewehrsalve hörten und die Schreie. Die Deutschen hatten es auch gehört, denn sie richteten ihre Gewehre auf uns. ›Tempo, ihr Juden! Ausziehen und ab in die Dusche!‹, rief ein Offizier. ›Was ihr da hört, sind nur die Fehlzündungen der Laster.‹ Doch niemand bewegte sich, niemand schien fähig, einen Muskel zu rühren. Ruhig ging der Offizier auf einen älteren Mann zu, der in seiner Nähe stand, hob die Luger [Pistole] und schoss ihm ins Gesicht. Sein Kopf platzte, und das Hirn spritzte in den Dreck, als er zu Boden fiel. Plötzlich zogen sich alle aus. Wenn du dem Tod so nah bist, ist jede Minute kostbar, als würde die nächste Sekunde die Begnadigung bringen. Schließlich standen wir alle nackt da und bedeckten unsere Scham mit den Händen und zitterten in der Kälte. [...]
Auf Befehl eines Offiziers gingen die Deutschen und Litauer auf uns los. [...] In wilder Panik begannen wir zu rennen, die Wachen und Hunde hinter uns her. Man konnte sehen, wie die Körper dampften, als sie uns um die Mauer jagten. Dann bogen wir um eine Ecke und sahen Dutzende und Aberdutzende von Maschinengewehren rings um ein offenes Feld aufgestellt. Sie feuerten in eine riesige Grube. Ich hörte, wie darin geschrien wurde. Ich wurde fast verrückt vor Angst. Ich wollte stehen bleiben, weglaufen, fliehen, doch eine Masse wild stürmender nackter Körper drängte sich um mich wie eine Zwangsjacke. [...] Es war eine Höllenszene. Heisere Rufe, brüllende Kinder und Babys, Hundegebell. [...] Wir hatten die Grube erreicht. Da lagen Tausende von Körpern, einer auf dem andern, die wanden sich und schrien und flehten die Deutschen an, es endlich zu Ende zu bringen. Es war die Hölle, die Hölle.«
Kuki wurde in die Grube mit hineingerissen und dort unter Leibern begraben. Mühselig konnte er sich befreien und herauskriechen. Die Mörder saßen im Fort und betranken sich. Kuki fand den Kleiderstoß, den die Todgeweihten zurückgelassen hatten, suchte sich einen großen Mantel heraus und floh über die Felder in Richtung des Kaunaser Ghettos, erst einmal gerettet. Über Kopelmans späteres Schicksal indes ist nichts bekannt.
Karl Jäger verfocht bei seinen Mordaktionen das Prinzip, dass sich jeder in seinem Kommando »an der Grube bewähren« musste. Das heißt, er zwang jeden Einzelnen zum Mitschießen und schoss demzufolge auch selbst mit. Einen Gestapobeamten, der in seinem Einsatzkommando Dienst leistete, fragte Jäger: »Hast du schon mal an der Grube gestanden?« Ein anderer Polizist berichtete später, Jäger habe immer alle belasten wollen. Die Absicht dabei war klar: Aus der kleinen Polizeitruppe von etwa 130 Mann pro Kommando sollte eine verschworene Mordgemeinschaft werden. Zugleich bildete sich so schon die Grundlage für das Schweige- und Leugnungskartell der Nachkriegszeit.
Karl Jäger war politisch früh fanatisiert. Dennoch galt er als guter Bürger: Seine Nachbarn im Schwarzwaldstädtchen Waldkirch, aus dem er stammte und wo er bis 1936 gelebt hatte, schilderten ihn übereinstimmend als einen feinsinnigen, musikalisch begabten, charakterfesten, immer korrekten Mann.
Jäger, geboren 1888, wuchs in einer bürgerlichen Familie auf; der Vater war Leiter der städtischen Musikkapelle. Der Junge verlor früh seine Mutter; sie litt, so wird vermutet, an Depressionen und beging Selbstmord. Er genoss eine katholische Erziehung, bekam eine gute Berufsausbildung, lernte mehrere Musikinstrumente, den Orchestrionbau und Kaufmännisches. 1914 heiratete er in das Unternehmen ein, in dem er ausgebildet worden war, die Waldkircher Firma Weber, die mechanische Musikinstrumente herstellte. Bald erhielt er Prokura.
Früh lernte Jäger das militärische Milieu kennen und als Schule kriegerischer Männlichkeit schätzen. Er wollte nicht nur der feinsinnige Musiker sein, sondern auch dem Männlichkeitsideal seiner Zeit entsprechen. Vor dem Ersten Weltkrieg leistete er mehrfach freiwillige Militärdienstübungen ab. Von 1914 an war er dann vier prägende Jahre lang Soldat, zumeist an der Front, früh schon erhielt er das Eiserne Kreuz Erster Klasse. Bald nach 1918 schloss er sich einer badischen Formation der illegalen Schwarzen Reichswehr an, in der rechtsradikales, antisemitisches Gedankengut zu Hause war. Wie für die meisten deutschen Nationalisten jener Zeit waren Juden, Demokraten und Pazifisten auch in den Augen Jägers eins – und die Feinde der »wahren Deutschen«.
Im Übrigen scheinen sich Jägers politische Ansichten weitgehend mit der »Weltanschauung« des ein Jahr jüngeren Adolf Hitler gedeckt zu haben. Schon 1923, als die NSDAP noch eine Splitterpartei war, entschloss er sich dazu, ihr beizutreten. In Waldkirch gründete der »Hitler des Elztals«, wie er sich gerne nennen ließ, eine Ortsgruppe und rief Anfang der dreißiger Jahre einen SS-Sturm ins Leben, der sich alsbald von der Mitgliederzahl wie vom Ausbildungsstand her mit jeder SS-Formation im Südwesten Deutschlands messen konnte.
1931, nach der Weltwirtschaftskrise, war die Firma Weber in Konkurs gegangen, und Jäger hatte seine Stellung als Prokurist verloren. Da bot die Partei neue Chancen. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler wurde auf ihn aufmerksam. Von 1936 an arbeitete Jäger als SS-Polizeioffizier im Reichssicherheitshauptamt in Berlin und bei anderen Behörden der SS, bekam eine gute dienstliche Beurteilung nach der anderen und avancierte rasch vom Hauptsturmführer (Hauptmann) zum Standartenführer (Oberst).
Im Juni 1941 erhielten Jäger und fünfzig weitere SS-Offiziere vom Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich die eher allgemein gehaltene Einweisung, dass es in dem bevorstehenden Krieg gegen die Sowjetunion nicht zuletzt darum gehen werde, die Juden im Osten zu vernichten. Auf genauere Befehle berief sich Jäger auch später nicht. Pflichterfüllung und bedingungsloser Gehorsam waren für ihn selbstverständlich. Nach Heydrichs Ansprache stand für Jäger fest, »daß die Juden im Osten erschossen werden müßten. Ich sah«, so gab er in einer Vernehmung zu Protokoll, »diese Äußerung Heydrichs als bindenden Befehl dafür an, daß bei der Aufnahme meiner Tätigkeit im Osten die Juden zu erschießen seien.«
Als SS-Offizier, der eine ganze Generation älter war als andere Polizeioffiziere der SS in vergleichbaren Stellungen, mochte Jäger das Gefühl haben, besonders radikal handeln zu müssen. Auch aus diesem Grund mordete er persönlich mit. Gewiss war er kein »Exzesstäter«, den die Lust am Töten trieb. Wohl aber war Jäger ein ideologischer Überzeugungstäter, der nicht auf Befehle wartete, sondern die »Maßnahmen«, zu denen er bevollmächtigt war, selbst aktiv und in vorauseilendem Gehorsam vorantrieb.
Ein Vorgesetzter Jägers, der ihn persönlich kannte, berichtete nach dem Krieg, Jäger habe von Albträumen erzählt, in denen immer wieder jüdische Frauen und Kinder auftauchten. Und man könnte geneigt sein, das zurückgezogene Leben, das der ehemalige SS-Offizier nach 1945 als Landarbeiter im Odenwald führte, ebenso wie seinen Selbstmord im Jahr 1959 zum Zeichen einer späten Reue zu nehmen. Davon allerdings kann keine Rede sein.
Jäger, der zuletzt als Polizeipräsident von Reichenberg im Sudetenland amtiert hatte, war nach Westdeutschland geflüchtet, wo er sich unter seinem richtigen Namen in Wiesenbach bei Heidelberg niedergelassen hatte. 1959 war er entdeckt und verhaftet worden. Bis zuletzt konnte er sich nicht dazu durchringen, die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen.
Stattdessen schob er sie auf seine Untergebenen ab, leugnete seine eigene Rolle als Kommandeur und ließ keinerlei Reue erkennen. Bei den Vernehmungen erklärte er, dass er sich »wegen der durchgeführten Erschießungen in Litauen nicht schuldig« fühle. Stattdessen erging er sich in Selbstmitleid über sein eigenes schweres Schicksal. Im Juni 1959 erhängte er sich in seiner Zelle auf dem Hohenasperg bei Ludwigsburg.
Jägers völlige Uneinsichtigkeit verbindet ihn mit anderen NS-Tätern seines Kalibers, die sich in den Jahrzehnten nach dem Krieg einem Verfahren stellen mussten. In ihnen allen war noch immer die Gewissheit lebendig, die ihnen Himmler in seiner Posener Rede am 4. Oktober 1943 vermittelt hatte, die Gewissheit nämlich, bei der Ermordung der Juden nur »die Pflicht gegenüber unserem Volk« getan zu haben und »anständig geblieben zu sein«. Diese Täter kannten auch in den Nachkriegsjahrzehnten keinerlei Mitleid mit den Opfern und keinerlei Schuldgefühl.
Nach den entsetzlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts beschwört man heute weltweit nicht nur zum internationalen Auschwitz-Gedenktag am 27. Januar geradezu rituell, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. Doch gleichzeitig sollten die Menschen eine Ahnung davon in ihrem Bewusstsein bewahren, dass es trotz der fundamentalen Lehren aus der jüngeren deutschen Geschichte keine Garantien für die Zukunft gibt: Alles bleibt möglich.
Aus diesem Grund hat die Mahnung des italienischen Schriftstellers und Holocaust-Entkommenen Primo Levi nichts von ihrer Gültigkeit verloren: »Es fällt nicht leicht, in diesem Abgrund des Bösen zu graben. [...] Man ist versucht, sich erschaudernd abzuwenden und sich zu weigern, zu sehen und zu hören: Das ist eine Versuchung, der man widerstehen muss.«
Quelle: DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
Adresse: http://www.zeit.de/2012/05/SS-Jaeger/komplettansicht
Letter of german soldier Sandt
English translation of Heinrich Sandt's letter to his wife Elisabeth from 29.6.1941. He writes about what he saw at the "Lietukis Garage" in Kaunas (Vytautas Prospect Massacre).
Translation made by Christine Bombeck. (Thanks a lot!)
My dear Elizabeth,
we are still situated in Kowno with the complete division baggage train. How far the companies have come yet, I don't know. Anyhow, for K. the war is over. She has become a stage town overnight. By the way, today is thought to be Sunday. I do not know. I just know that it is currently raining. Therefore I've retired into the driver's seat of my car. The blotting pad is lying on the wheel, so everything is ok.
As farer you get eastwards, the dirtier and more disgusting -by our standards- the cities become. K. indeed has certain beautiful and wide streets with modern boulevards. But it all looks so modern, very built overnight. The advanced objectiveness of the time of World War and the following periods characterizes the city center. But once you turn off the boulevard into the side alleys: small, partially unpaved, derelict wooden houses, smelly from dirt. You really have to hold your nose. This smell neither disappears in the big streets. Instead K. is draped in a cloud of smog that smells of all lifestyle habits and filthiness of the East. How deeply and freely you breathe while reaching the city boundary!
My first action in K. was to get some beer. Fortunately I was one of the first. The run was so large, because all units wanted to drink beer, that finally the Field Gendarmerie had to intervene imposing order. The brewery expended beer and the grunts made ample use of it. Somewhen the women who worked in the factory arrived. They have been very outgoing and soon pictures have been developed that just could not be tolerated anymore. Yes, this is war. Only good that during army the iron broom is still prevailing, it just doesn't work without it. In the afternoon I drove into Kowno again. The setting became more lively. The Lithuanian self protection and White Russians speeded on trucks through the city and hunted the Jews down. In front of a cemetery, which layed on the one side of the street and a garage on the other side, a big crowd of people was gathered. Already from far one could see the excitement with which the crowd participated in the incidents that happened on the wide square before the garage.
While bending my steps toward this square, I heard a crying and groaning, a laughter and hooting, swearing and screaming. Then I saw iron bars, gunstocks, wooden cudgels and other items speeding downwards, as if someone was striking on something with anger and ire. And right: the Jews have been herded up and battered here. It was a scene that could not be exceeded in scariness and gruesomeness. Therefore I refuse to go into great detail. This evening the … people celebrated a public festival on top of the corpses of the Jews battered to death. An accordion played and the mob danced on top of the corpses jeering and whooping. The women have been the worst. Even heavily pregnant women delighted in this dance of the dead. Meanwhile the Field Gendarmerie has intervened. From that moment on the Jews have been treated more humanly, i.e. they have still been herded together in hundreds with weapons and then shot. But before they have to dig their own's grave. Only the Slav can be that cruel.
Naturally the Lithuanians are favorably disposed towards us as we have disabused them of the terror of the Reds. But they neither have anything to eat. Everything is rationalized resp. formalized.
The head functionaries who brought all this misery have fled early. But they will also be seized.
The large encircled areas that we've built are death areas for all those that are inside. You cannot imagine with which weapons such encirceled areas are surrounded. Guns in vast numbers and then always in with uncle Otto. Prisoners are not made, so cruel the war is here. -
In a moment the first breaking news will come. I want to listen to them. - The successes are enormous aren't they? Do you also have heard the S.-message about the tank battle north of Kowno?
A few days ago I had a nice dream! On the march I came near to Weddewarden. I asked the Lt. for holidays to visit you. This holiday have just been wonderful. We sat together in the parlor and told each other and were pleased to have us back again. The night has also been indescribably pleasant. When I woke up I unfortunately didn't lie right beside you but in a Lithuanian barn and had only dreamt successfully. I had to switch right after waking up because reality hasn't been reality.
With best regards for you
the children and everyone yours, Heinrich
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Ich durfte Herrn Melamed zusammen mit meinem Schwager, der aus dem Litauischen übersetzte, im Sommer 2011 besuchen.

Sheftel Melamed mit Tochter Leta Vainoriene bei einer Gedenkfeier an der Astravas Gedenkstätte in Birzai (rechts A. Saibutis)
Herr Melamed gilt heute als einziger Jude Birzais. Der rüstige 85-jährige berichtete uns im Gespräch, wie er die deutsche Besetzung Litauens überlebte.
Als die Operation Barbarossa am 22. Juni 1941 begann, dauerte es nur wenige Tage, bis Litauen (das bis dahin von der Sowjetunion besetzt war) komplett von der Wehrmacht besetzt war.
Der deutsche Angriff wurde mit Aktionen der LAF (Litauische Aktivisten Front) vom ehemaligen litauischen Militärattache Kazys Skyrpa koordiniert. Die LAF griff die Rote Armee an und erschoss etliche flüchtende Rotarmisten. Das führte wiederum zu blutigen Gegenreaktionen. Deshalb ist der Aufstand der LAF insgesamt durchaus fragwürdig. Mehr zur LAF folgt in einem gesonderten Kapitel.
Melameds älterer Bruder diente in der Roten Armee. Als sie Hals über Kopf flüchteten, konnten sich die Brüder noch in Birzai verabschieden.
Dabei zog der Soldat seinen kleineren Bruder in den LKW. Die Flucht ging immer direkt an der deutschen Front, teilweise dahinter, entlang.
Während Melameds Bruder in der berühmten 16. litauischen Division der Roten Armee kämpfte, arbeitete der 16-jährige Sheftel in einer Fabrik.
Den Juden in Litauen war die Gefahr, die ihnen drohte, durch das Radio bewusst. Eingekeilt zwischen Teufel und Belzebub, hatten sie keine Chance den Deutschen zu entkommen. Entgegen der Propaganda waren nämlich bei weitem nicht alle Juden für die Sowjetunion.
Nach dem Krieg traf Melamed in Birzai Freunde, die den Krieg nur deshalb überlebt haben, weil sie vorher von den Sowjets nach Sibirien deportiert worden waren.
Wird fortgesetzt...
Birzai und seine Juden
Die kleine Stadt Birzai hatte im Jahr 1897 4413 Einwohner, wovon 57 % Juden waren (davon mehr unter "jüdische Geschichte Birzais").
Der alte jüdische Friedhof in Birzai ist der größte in ganz Litauen.
Im "Sela Heimatmuseum", beheimatet in der Birzaier Burg, erinnert eine einzige kleine Vitrine an die jüdische Kultur Birzais.
In der Abteilung über den Hitler-Stalin-Pakt, der sowjetischen Besatzung und den Deportationen der Jahre 1941 nach Sibirien, gibt es ein Foto von Juden , die die Regierung Paleckis und den Pakt mit der Sowjetunion bejubeln.
Ich versuche die "Rolle" der Juden in den Jahren 1940 und 1941 zu untersuchen und würde mich über Anregungen und Unterstützung freuen.

Am 8. August 1941 kam das Aus für die Litauer jüdischen Glaubens. Die deutschen Einsatzkommandos ließen mit Hilfe litauischer Freiwilliger (oft Partisanen oder Weißarmbindler vom Aufstand gegen die sowjetische Besatzung) die Juden von der Stadt in den Astravas-Wald nordöstlich vom Sirvenos-See laufen. Zuvor hatten jüdische Männer Gruben ausheben müssen.
In der United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos steht zu den Morden in Birzai :
"On July 26, 1941 the town authorities ordered all Jews to move into the ghetto, for which purpose they have designated several small streets in the vicinity of the synagogue. Any Lithuanians living in this area were also forced to move out, exchanging houses with Jews who moved in. Barbed wire surrounded the area and armed Lithuanian policemen guarded it. A lack of resources caused widespread hunger in the ghetto. The birzai ghetto existed only about two weeks. On August 4, 1941, a group of about 500 Jewish men were sent out of the ghetto with spades, while the women, children and elderly were locked up in the synagogue, guarded by Lithuanian auxiliary police (wearing white armbands). The men dug a ditch more than 30 meters longand 2 meters wide, which took them three day. Then on August 8, German forces of Einsatzkommando 3, assisted by Lithuanian auxiliaries, surrounded the ghetto. The Jews were told that they would be send to Palestine and were ordered to assemble. The men were marched out to the ditches first and were beaten and cursed on the way. Dr. Levin, a local phycician, refused to go and was shot on the spot. They were taken to the ditches in the Astravas Forest, about 3 kilometers outside the town.
About one hour later, the women and children were marched off in the same dicection, weaving good-bye to local aquaintances. At this time the sound of shooting could allready be heard in the distance. Jews from the hospital were taken to the killing site on trucks. At the ditch the Jews were made to undress and then shot in the graves in groups of 10, piled up on top of each other. Some of the Jews had their gold teeth ripped out of their mouths. The murderers drank heavily during the Aktion [sic].
In total about 2.400 Jews (720 men, 780 women and 900 children) were murdered. Several days later about 90 Lithuanians were shot into the same mass grave for alleged collaboration with the Soviets. After the Aktion [sic], local Lithuanians looted property from the empty ghetto, handing only the most valuable items on to the Germans. In September 1941, Einsatzgruppe A reported that Kreis Birsen was "cleansed of Jews" (judenrein).
One Jewish girl, Helena Nosowa, is known to have escaped from the murder Aktion and survived with the aid of local Lithuanians until the arrival of the Red Army. After the war, Jewish survivors and returnees to Birzai placed a memorial at the site of the mass killings."
Sources
Information on the fate of the Jews of Birzai during the Holocaust can be found in the following publications: (z.B. Henry Tabakin: Only Two Remained (1973) und viele weitere Quellen)
Die einzigen Überlebenden dieser Zeit waren die von den Sowjets (bei den Massendeportationen) im Jahre 1940 nach Sibirien Deportierten und Juden, die in der russischen Armee dienten. Über das Leben von Šeftel Melamed später mehr.
Am Ort des Massakers ist heute eine Gedenkstätte

Šeftel Melamed, seine Tochter Leta Vainoriene und Antanas Seibutis

Bürgermeisterin I. Varziene, Vertreter der deutschen Botschaft in Vilnius und Birzaier Schüler
Denkmal mit Namen der ermordeten Juden
Heute ist dort eine Gedenkstätte. Im Sommer 2011, als eine Gruppe engagierter Christen aus Deutschland den jüdischen Friedhof in Ordnung brachten, wurde dort im Beisein von Sheftel Melamed, der Birzaier Bürgermeisterin Varziene und Vertretern der deutschen Botschaft ein Kranz niedergelegt.
Unvollständige Liste der Mörder am Massaker in Birzai und Umgebung:

(Quelle der Namen: Josef Rosin oder bei Gordi_Zionelder gibts weitere Listen)
Den kompletten Text über die Zeit der Juden in Birzai lesen sie auf deutsch bei Jüdisches Leben in Birzai
Karl Jäger
Auf meine Anordnung und meinen Befehl durch die lit. Partisanen durchgeführten Exekutionen...137.346 !
Karl Jäger war SS-Standartenführer und nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Litauen für die Ermordung der litauischen Juden zuständig. Bekannt wurde er durch eine detaillierte Aufstellung aller in Litauen ermordeten Juden (aufgeteilt in Männer, Frauen und Kinder), Kommunisten und sowjetische Gefangene.
Den sogenannten "Jäger Report"
Jäger wurde am 20. September 1888 in Schaffhausen (Schweiz) geboren. Er nahm am I. Weltkrieg teil, zeichnete sich durch Tapferkeit aus und bekam mehrere Auszeichnungen. Schon 1923 gründete er die NSDAP Ortsgruppe Waldkirch-Breisgau, 1932 nahm ihn die SS auf.
1938 wurde er zum SS-Führer im SD-Hauptamt ernannt, 1939 Leiter des SD-Abschnitts Münster. (SD=Sicherheitsdienst)
Wenige Wochen vor dem deutschen Einmarsch bekam Jäger den Befehl das Einsatzkommando 3 aufzubauen. Dies erfolgte in der Polizeigrenzschule Pretzsch. Es wurden ca. 100 Männer in drei Zügen aufgenommen.
Bei einem Termin im RSHA in Berlin und anschließend nochmals in Pretzsch, wurden die SS-Offiziere auf ihre Rolle in den besetzten Gebieten vorbereitet:
Heydrich erklärte in Berlin: "... daß im Falle eines Krieges mit Russland die Juden im Osten alle erschossen werden müssten".
Ein Offizier der Gestapo fragte daraufhin: " Wir sollen die Juden erschießen?". Worauf Heydrich geantwortet habe: "Selbstverständlich".
(Raul Hilberg "Die Vernichtung der europäischen Juden" Band 2 S. 304)
Bei seiner späteren Vernehmung sagte Jäger aus, er hielt Heydrichs damalige Rede als bindenden Befehl, alle Juden in seinem Tätigkeitsgebiet im Osten zu erschießen.
Im September wurde er zudem Kommandeur der Sicherheitspolizei in Kaunas.
Noch bevor Jäger mit seiner Arbeit in Litauen begann, brachten die sogenannten Partisanen bereits bis zu 10.000 Juden um.
Ob die Einsatzgruppen mit den ersten Massakern in Litauen immer in Verbindung standen, wird wahrscheinlich nicht mehr zweifelsfrei aufgeklärt werden. Über die Lietukis Garagenmorde in Kaunas wurde reichlich diskutiert. Hier wurden beim Einmarsch der Wehrmacht auf einem Garagenhof bis zu einhundert Juden von Litauern erschlagen. Wehrmachtsoldaten schauten zu, griffen aber nicht ein.
Wenn man die Taktik der Einsatztruppen bei Raul Hilberg liest, dass die Vortrupps der Einsatzgruppen direkt hinter den vordersten Verbänden der Wehrmacht in die eroberten Städte einmarschierten und ihre Tätigkeit (der Judenvernichtung) aufnahmen
Jäger baute in Litauen (mit Helmut Albert Rauca) einen effektiven Trupp unter Leitung von SS-Obersturmführer Hamann und unter Verwendung lokaler Verwaltungsstrukturen, Militär und den litauischen Partisanen (die am 22. Juni den von Berlin gesteuerten Putsch gegen die Rote Armee durchführten) auf, die von Kaunas aus zu den einzelnen litauischen Städten aufbrachen und dort jeweils in kurzer Zeit alle Juden umbrachten.
Insgesamt wurden vom Sommer bis Herbst 1941 in Litauen 137.346 Juden ermordet, davon ca. 20 - 30 % Kinder.
Dabei kann man Litauen durchaus als Experimentierfeld für den Holocaust sehen. Man testete die Einheimischen auf Kollaboration oder Widerstand.
Außerdem war man sich nicht sicher, wie sich die Wehrmacht verhalten würde.
Die Tötungen erfolgten noch mit Maschinengewehren (Xyklon-B wurde im September erst in Auschwitz ausprobiert). Während anfänglich Frauen und Kinder verschont wurden, machten die Rollkommandos bald keinen Unterschied mehr.
Dazu hier Jäger selbst (Jäger Report Seite 7): "Das Ziel, Litauen judenfrei zu machen, konnte nur erreicht werden, durch die Aufstellung eines Rollkommandos mit ausgesuchten Männern unter Führung des SS-Obersturmführers Hamann, der sich meine Ziele voll und ganz aneignete und es verstand, die Zusammenarbeit mit den litauischen Partisanen und den zuständigen zivilen Stellen zu gewährleisten.".

Karte aus dem Bericht von Stahlecker an Heydrich vom 31. Januar 1942
Rollkommando Hamann
Das "Rollkommando Hamann" (Hamanno skrajojantis burys) bestand aus SS-Sturmbannführer Joachim Hamann und bis zu 10 Männern aus Karl Jägers Einsatzkommando und 50- 58 Männer aus litauischen Einheiten. Er galt als fanatischer Judenhasser und beging nach dem Krieg Selbstmord.
Hamann kümmerte sich in Absprache mit den lokalen Polizeibehörden um die Konzentrierung der Juden (und sonstigen Opfer), um den Ort der Exekution und um genügend Hilfskräfte (Partisanen) für Transport und Überwachung der Massaker.
Dann erst "rollte" das Rollkommando aus Kaunas an und begann mit den Erschießungen.
Am 1. Dezember konnte Jäger stolz verkünden:
"Ich kann heute feststellen, dass das Ziel, das Judenproblem für Litauen zu lösen, vom EK 3 erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden mehr, außer den Arbeitsjuden incl. ihrer Familien".
Jäger hätte auch gerne diese Arbeitsjuden und ihre Familien getötet, wurde davon aber von der Verwaltung abgehalten, da die Arbeitskräfte dringend gebraucht wurden. Als im Herbst 1943 auf Befehl Himmlers alle Gettos im "Reichskommissariat Ost" aufgelöst wurden, kamen die überlebenden Juden in andere Konzentrationslagen und wurden dort ermordet.
95 % aller Juden in Litauen sind somit umgebracht worden. Die höchste Opferzahl in allen von Deutschland besetzten Gebieten.
Paradoxerweise hatten die überlebenden Juden ihr Leben den Deportationen durch Stalin im Sommer 1941 und dem Dienst in der Roten Armee zu verdanken (siehe unter Rote Armee zum Vergleich).
Interessant am Jäger Report sind auch die Hinweise auf die Zusammenarbeit von deutschen Einsatzkräften (also EK3) und der Zivilverwaltung sowie besonders den litauischen Partisanen. (Siehe auch die Vorgehensweise vor dem Ausrücken des Rollkommandos).
Dazu hier wieder Jäger S. 8:
"Die Aktion in Kauen selbst, wo genügend einigermaßen ausgebildete Partisanen zur Verfügung stehen, kann als Paradeschiessen betrachtet werden, gegenüber den oft ungeheuerlichen Schwierigkeiten die außerhalb zu bewältigen waren. Sämtliche Führer und Männer meines Kommandos in Kauen [A.K.:Kaunas] haben an den Großaktionen in Kauen aktiv teilgenommen".
Zu den Arbeitsjuden, die er verschonen musste, meinte er:
"Ich bin der Ansicht, dass sofort mit der Sterilisation der männlichen Arbeitsjuden begonnen wird, um eine Fortpflanzung zu verhindern. Wird trotzdem eine Jüdin schwanger, so ist sie zu liquidieren".
Ein Hinweis auf die überwiegende Verwendung litauischer "Partisanen" in den Rollkommandos findet sich im Jäger Report auf Seite 5.:
2.10.41 Zagare "633 Juden, 1107 Jüdinnen, 496 J.Ki [A.K.: Jüdische Kinder] beim Abführen dieser Juden entstand eine Meuterei, die jedoch sofort niedergeschlagen wurde. Danach wurden 150 Juden sofort erschossen. 7 Partisanen wurden verletzt".
In "The Vanished World of Lithuanian Jews" schreibt der Historiker Gershon Greenberg, dass zum Telsiai Massaker ein LKW mit 8 Deutschen kam. Den Rest übernahmen lokale Hilfskräfte. Eine Aussage zum Vorgehen bei den Erschießungen findet sich auch dort.
Unklar ist, ob wirklich alle Aktionen des Einsatzkommandos 3 im Jäger Bericht wieder gegeben werden. So ist in der Enzyklopädie des Holocaust Museum der USA über Camps und Gettos bis 1945 ein "Besuch" des Einsatzkommandos 3 in Birzai verzeichnet (8. August 1941 Astravas Massaker). Laut Jäger Report ist das EK 3 aber an diesem Tag im 50 km entfernten Panevezys gewesen. Natürlich ist es möglich, dass sich das Rollkommando geteilt hat.
Hier der Jäger Report (Quelle www.holocaust-history.org und "Holocaust in Litauen" (Bartusevicius, Tauber, Wette von 2003).
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Im September 2011 erschien von Wolfram Wette (deutscher Historiker, der auch den Bericht über Karl Jäger in "Holocaust in Litauen" geschrieben hat) ein Buch über "Karl Jäger: Mörder der litauischen Juden". Es gibt bei Amazon noch einige Exemplare. Hier die Rezension.
Offiziere der Einsatzgruppen und Kommandos:
| Einsatzgruppe A | Stahlecker |
| Sonderkommando 1a | Sandberger |
| Sonderkommando 1b | Ehrlinger |
| Sonderkommando 2 | Batz |
| Sonderkommando 3 | Jäger |
| Einsatzgruppe B | Nebe |
| Sonderkommando 7a | Blume |
| Sonderkommando 7b | Rausch |
| Sonderkommando 7c | Bock |
| Sonderkommando 8 | Bradfisch |
| Sonderkommando 9 | Filbert |
| Vorkommando Moskau | Six (Nebe...) |
| Einsatzgrupppe C | Rasch |
| Einsatzkommando 4a | Blobel |
| Einsatzkommando 4b | Herrmann |
| Einsatzkommando 5 | Schulz |
| Einsatzkommando 6 | Kröger |
| Einsatzgruppe D | Ohlendorf |
| Einsatzkommando 10a | Seetzen |
| Einsatzkommando 10b | Persterer |
| Einsatzkommando 11a | Zapp |
| Einsatzkommando 11b | Müller |
| Einsatzkommando 12 | Nosske |
Wer die Geschichte von Karl Jäger kennt wird sich wundern, dass Arthur Nebe, den H.B. Gisevius als Widerstandskämpfer schildert, sich in dieser Runde der wohl schlimmsten deutschen Kriegsverbrecher und Menschenverachtern befand.
Feldpostbrief vom 29.6.1941
Im Jahre 2016 tauchte ein Feldpostbrief von einem Soldaten einer Versorgungseinheit der 10. Kompanie des Infanterie-Regiments 89 (später Grenadier Regiment 89) auf.
Der Soldat Heinrich Sandt, geboren am 30.7.1908, schreibt in diesem Brief an seine Frau Elisabeth über die Geschehnisse in Kowno (Kaunas) im Juni 1941. Bekanntlich wütete ein Teil der litauischen Volksseele gegen ihre mutmaßlichen Peiniger: Kommunisten und Juden. Sandt erreichte als Mitglied des Gepäcktrosses des 89. Infanterie-Regiments die ehemalige litauische Hauptstadt. Das 89. IR scheint am 25. Juni 1941 die Memel überquert zu haben und blieb 10 km östlich von Kaunas stehen. Am nächsten Tag ging es weiter nach Osten (die kämpfenden Einheiten). Sandt schrieb an seine Frau am 29.Juni 1941, der Brief wurde auch an diesem Tag abgestempelt.
Die ca. 500 Briefe von Heinrich Sandt wurden von seinem Sohn aufbewahrt und das heute schwer lesbare Altdeutsch mit dem Computer abgetippt. Kurz vor seinem Tod übergab der Sohn die gesamten Familienunterlagen an seinen Bekannten Chris Steinbrecher aus Bremen. Der Kunsthistoriker (der sich für das Projekt 3.000 Schicksale Theresienstadt/Riga engagiert) digitalisierte den kompletten Nachlass. Ich habe ihn besucht und die gesamten Briefe gesehen. Bis ein Gutachter die Briefe untersucht hat, müssen die geschilderten Geschehnisse natürlich mit Vorsicht betrachtet werden. Für mich sahen die Briefe allerdings echt aus. Auch die geschilderten Familienstrukturen stimmen. Dass Frauen bei den Garagenmorden anwesend waren, kann man auf den vorhandenen Bildern auch eindeutig sehen.
Mittlerweile ist der Brief unterwegs nach Yad Vashem, der bedeutendsten Gedenkstätte über den Holocaust. Wieder ist durch Zufall ein Teil unserer Geschichte klarer geworden.

Feldpostbrief Heinrich Sandt 29.6.1941
O.U. den 29.VI. 41
Meine liebe Elisabeth!
Noch liegen wir mit dem gesamten Divisionsgepäcktroß in Kowno. Wie weit die Kompanien wo sind, weiß ich nicht. Für K. ist der Krieg jedenfalls vorbei. Sie ist über Nacht eine Etappenstadt geworden. Übrigens, heute soll Sonntag sein. Ich weiß es nicht. Nur soviel weiß ich, daß es augenblicklich regnet! Daher habe ich mich in den Fahrersitz des Wagens zurückgezogen. Die Schreibunterlage liegt auf dem Steuerrad und so geht es einiger maßen. -
Je weiter man nach dem Osten kommt, desto dreckiger und für unsere Begriffe abstoßend, werden die Städte. K. [AK: Kaunas] hat zwar einige schöne und breite Straßen mit modernen Prachtbauten. Aber es sieht alles so modern, so aus dem Boden gestampft, aus. Die moderne Sachlichkeit der Weltkriegszeit und der folgenden Jahre gibt dem Mittelpunkt der Stadt das Gepräge. Aber wehe, wenn Du von diesen Prachtstraßen abbiegst in die Nebengassen. Klein, z.T. ungepflastert, baufällige Holzhäuser von Schmutz stinkend. Man muß sich wirklich die Nase zuhalten. Dieser Schmutzgeruch verliert sich auch nicht in den großen Straßen. Dafür ist ganz K. in eine Dunstwolke gehüllt, die nach sämtlichen Lebensgewohnheiten und Unsauberkeiten des Ostens riecht. Wie man tief und erlöst beim Erreichen der Stadtgrenze aufatmet!
Meine erste Tätigkeit in K. war, Bier besorgen. Glücklicherweise war ich einer der ersten. Der Andrang wurde so stark, denn sämtliche Einheiten wollten Bier trinken, daß schließlich die Feldgendarmerie eingreifen mußte, um Ordnung zu schaffen. Die Brauerei gab für die Käufer Bier ohne Entgelt, dort zu trinken, aus, und die Landser machten dann reichlich Gebrauch. Dazu kamen die Weiber, die in der Fabrik arbeiteten. Sie waren sehr zugänglich und bald boten sich Bilder, die einfach nicht mehr geduldet werden konnten. Ja, das ist der Krieg. Nur gut, beim Kommiss herrscht immer noch der eiserne Besen, ohne den es einfach nicht geht. Am Nachmittag fuhr ich wieder nach Kowno hinein. Das Bild wurde belebter. Der litauische Selbstschutz und die Weißrussen jagten auf Lastwagen durch die Stadt und machten Jagd auf die Juden. Vor einem Friedhof, der auf der einen Seite der Straße lag und einer Garage auf der anderen Seite, war eine große Menschenmasse versammelt. Von weitem schon sah man die Erregung, mit der sie an den Geschehnissen teilnahm, die sich auf dem weiten Platz vor der Garage abspielten.
Während ich meine Schritte diesem Platz zu lenkte, hörte ich schon von weitem ein Geschrei und Gestöhne, ein Lachen und Johlen, ein Fluchen und Kreischen. Da sah ich, wie Eisenstangen, Gewehrkolben, lange Holzknüppel u. andere Gegenstände mit Macht nach unten sausten, so als man mit Wut und Ingrimm auf irgend etwas nieder schlug. Und richtig. Die Juden waren hier zusammen getrieben und wurden einfach niedergeschlagen. Es war ein Bild, das in seiner Schauderhaftigkeit und Grausamkeit nicht übertroffen werden konnte.

Daher will ich Dir keine Einzelheiten hierüber schreiben. Des Abends feierte die ... [AK: unleserlich] Volksseele ein Volksfest auf den Leichen der erschlagenen Juden. Ein Akkordeon spielte und johlend und schreiend tanzte der Mob auf den Leichen umher. Die Frauen waren die Schlimmsten. Sogar hochschwangere Frauen ergötzten sich leidenschaftlich an diesem Totentanz. Jetzt hat die Feldgendarmerie eingegriffen. Die Juden wurden hinfort humaner behandelt, d.h. sie wurden nach wie vor in Waffen zu Hunderten zusammengetrieben und dann erschossen; vorher aber müssen sie ihr Grab geschaufelt haben. So grausam kann eben nur der Slawe sein.
Uns sind die Litauer natürlich sehr gewogen, haben wir sie doch von dem Terror der Roten befreit. Aber zu beißen haben sie auch nichts. Es ist alles rationalisiert bzw. formalisiert. Die Hauptfunktionäre, die all dieses Elend gebracht haben, sind vorzeitig geflüchtet. Gefaßt werden sie aber doch. Die großen Kessel, die wir gebildet haben, sind Todeskessel für alle die da drin sind. Du kannst Dir keine Vorstellung machen mit welchen Waffen solche Kessel umstellt sind. Geschütze in unüberschaubarer Zahl und dann immer hinein Onkel Otto. Gefangene werden nicht gemacht, so grausam ist hier der Krieg. –
Gleich kommen die ersten Sondermeldungen. Die will ich mir eben anhören. – Die Erfolge sind gewaltig nicht wahr? Hast Du auch die S.- Meldung über die Panzerschlacht nördlich Kowno gehört?
Vor einigen Tagen ...
Herzlichen Gruß an Dich die Kinder u. alle
von Deinem Heinrich.
Einer der ca. 500 Briefe von Heinrich Sandt

Heinrich Sandt bei der Ausbildung in der SA Frühjahr 1933 (4. von rechts).
Die recht entspannte Art, wie der Soldat Sandt die Morde schildert ("Die Juden wurden hinfort humaner behandelt, d.h. sie wurden nach wie vor in Waffen zu Hunderten zusammengetrieben und dann erschossen ...) lässt sich vielleicht aus seiner Geschichte erklären. Er wurde am 15.4.1933 Mitglied der NSDAP und der SA. Sandt arbeitete als Lehrer für Deutsch und Geschichte. Er leistete seinen Wehrdienst 1939 ab, nahm am Polenfeldzug teil und war anschließend in Frankreich eingesetzt.
Heinrich Sandt hat sich auch für den Dienst bei der Feldpolizei und der Gestapo beworben, darüber gibt es aber keine weiteren Informationen. Er scheint versucht zu haben, sich durch Beziehungen vor dem Dienst in der kämpfenden Truppe zu drücken und landete bei dem Gepäcktross der 10. Kompanie des 89. IR. Deren Bierdurst haben wir diese Zeugenaussage über das Lietukis-Massaker zu verdanken.
Sandt schrieb etwa 500 Briefe an seine Frau Elisabeth.
Was ist das Besondere am Feldpostbrief des Heinrich Sandt?
Der bisher unbekannte Brief bestätigt einige kontrovers diskutierte Handlungen beim Lietukis-Pogrom. Schon der Fotograf Gunsilius (siehe Zeugenaussagen) sprach in seiner Aussage:
"Nachdem alle erschlagen waren, legte der Junge die Brechstange beiseite, holte sich eine Ziehharmonika, stellte sich auf den Berg der Leichen und spielte die litauische Nationalhymne. Die Melodie war mir unbekannt, und ich wurde von Umstehenden belehrt, daß es sich um die Nationalhymne handle. Das Verhalten der anwesenden Zivilpersonen (Frauen und Kinder) war unwahrscheinlich, denn nach jedem Erschlagenen fingen sie an zu klatschen, und bei Beginn des Spiels der Nationalhymne wurde gesungen und geklatscht. Es standen Frauen in der vordersten Reihe mit Kleinkindern auf den Armen, die den ganzen Vorgängen bis zum Ende beigewohnt haben."
Sandt bestätigt also das Verhalten der anwesenden Frauen, sowie das Spielen des Akkordeons.
[Diese Schilderung gibt es auch bei Mejer Yelin in seinem Buch Festung des Todes wo ein Weissarmbändler mit einem Akkordeon auf den Leichen Musik spielt.] To be confirmed...
Interessant ist auch die Aussage, dass die Litauer und Weißrussen mit LKW Jagd auf Juden machten. Tatsächlich scheint sich der "litauische Selbstschutz" am Vytautas Prospekt immer neue Opfer gesucht zu haben. Dass Weißrussen an den Aktionen beteiligt waren, ist mir aber neu.
Es ist überflüssig darauf hinzuweisen: Natürlich wusste die Wehrmacht (hier stellvertretend Soldat Sandt) von den Verbrechen, die mit ihr oder hinter ihr verübt wurden.
Im Archiv von Yad Vashem kann man die Unterlagen anschauen: https://collections.yadvashem.org/en/documents/13344639
Judenmord in Telsiai
Sehen Sie auch Telsiai (Bilder der Stadt und die Kapelle in Rainiai sowie der Ort des Massakers an den Juden).
Die Deutschen erreichten Telsiai am Mittwoch den 25. Juni 1941, drei Tage nach Ausbruch des Krieges. Die Litauer hatten die Stadt schon seit Kriegsbeginn unter ihrer Kontrolle gebracht. Die Sowjets flüchteten vor der Wehrmacht, aber auch vor dem litauischen Aufstand, der zeitgleich mit dem deutschen Angriff begann. Seitdem ging es den litauischen Juden an den Kragen. Inhaftierungen, Raub, Prügeleien, Vergewaltigungen und weitere Demütigungen wurden zum Alltag.
Der Einmarsch der Wehrmacht in die Stadt beruhigte die Situation zunächst. Gefangene wurden entlassen und die Belästigungen der Juden liessen nach. Die Juden hatten sich von den Deutschen eine Wiederherstellung der Ordnung erhofft, doch gingen die Quälereien und Verhaftungen bald wieder los.
Während dieser Tage versuchten die Telsiaier Juden Hilfe durch Bischof Staugaitis zu bekommen. Staugaitis war ein Führer der Christdemokratischen Partei und Vorsitzender des Seimas (litauisches Parlament) während der litauischen Unabhängigkeit gewesen. Seine Antwort lautete: "Das ist der Preis den ihr dafür zahlt, dass ihr die Bolschewisten nach Litauen gebracht habt" (Confronting the Holocaust in the USSR, Z.Gitelman).
Am Freitag den 27. Juni 1941 begannen litauische "Aktivisten" (siehe LAF), zusammen mit Deutschen, die Telsiaier Juden von Haus zu Haus einzusammeln und auf den Marktplatz zu bringen. Von dort ging es zum Mastis See, wo die Juden in Hütten eingesperrt wurden. Nachts durften die Frauen und Kinder zurück in ihre Häuser, die sie geplündert vorfanden.
Ein paar Tage später kam das nächste Unheil über die Juden. Das Grab der von den Sowjets ermordeten Häftlinge des örtlichen Gefängnisses wurde im Wald von Rainiai gefunden. (Es hält sich in Litauen die Legende, dass die Juden der bolschewistischen Sicherheitsdienste alleine an diesem Massaker schuld waren. Das die Sowjets eigentlich Atheisten waren, Juden nur eine Minderheit darstellten und mir nicht klar ist, ob überhaupt Juden an dem Massaker beteiligt waren, wird in dem Rainiai Artikel beschrieben).
Die litauischen Verantwortlichen mit Bischof Staugaitis an der Spitze, hatten die Sündenböcke für das Massaker schnell gefunden (obwohl natürlich unter den in den Hütten eingesperrten Juden keiner in Rainiai dabei war). Die Inhaftierten Juden mussten die Leichen in Rainiai ausgraben und in Särge legen. Details erspare ich mir hier, bei Interesse kann man das in den Quellen nachlesen. Tageland wurden sie in Rainiai gequält und dort auf einer Farm gefangen gehalten.
Der Tag der Bestattung der Ermordeten Gefängnisinsassen am 13. Juli, wurde von Staugaitis zum "Heiligen Sonntag" erklärt, zum Sieg über die Sowjets. Jüdische Männer wurden während der Beerdigungszeremonie zum Friedhof gebracht, wo Litauer sie anspucken und schlagen durften.
Ab dem 14. Juli holten die litauischen Aktivisten zusammen mit den Deutschen die Juden von der Farm und führten sie zum Wald von Rainiai. In Paaren mussten sie zu den ausgehobenen Gruben gehen, sich ausziehen, und wurden dann von den Deutschen und Litauern erschossen.
Nach wenigen Tagen strömte aus den Gruben ein schrecklicher Gestank. Die noch nicht getöteten jüdischen Frauen und Kinder mussten in ein Lager bei Geruliai gehen. Sie wurden durch Hunger und Typhusepidemien dezimiert und die Überlebenden im August und September bei Telsiai ermordet.
Die sowjetischen Sicherheitsorgane töteten in Rainiai etwa 76 Litauer auf bestialische Weise. Für die von den Nazis aufgewiegelten Litauer waren die Telsiaier Juden die Verantwortlichen. Etwa 2.600 Juden mussten sterben.
Frauen, Kinder, Männer und Alte.
Nicht nur mir kam die Diskrepanz der Erinnerungskultur der Litauer in Telsiai/Rainiai sonderbar vor. Auch Silvia Foti bemerkte den Unterschied zwischen der Märtyrerkapelle und dem schlichten Granitstein:
"The harsh contrast between the two memorials—the dignified Chapel of Torment honoring seventy-four Lithuanian men and the simple stone marking the burial site of 7,500 Jews from the same area—could not have been more telling. This was a country of gravesites, where everyone compared their family members’ headstones and cemetery-plot maintainance to that of their neighbors. Simon wondered aloud, “Why does our government spend so much money for seventy-four Lithuanians and so little for 7,500 Jews?” The question went straight to the heart of the matter. And the answer was self-evident: Lithuanians refused to recognize their role in the deaths of Jews, and they refused to accord Jews—in death as in life—the same honor and dignity shown to their “own” dead.
The Jews, despite having been Lithuanian, were eternally “the other.” The lack of will even to acknowledge this obdurate antisemitism meant that there was no guilt or shame, either—without which there could be no self-knowledge, no remorse, and no atonement."
Silvia Foti "Nazi's Granddaughter" S. 310 Fotos von Kirche und Grabstein gibt es unter Telsiai:
Quellen:
Z.Gitelman: Confronting the Holocaust in the USSR
Juden in Telsiai von J. Rosin
Keinesfalls möchte ich die deutsche Verantwortung für den Holocaust reduzieren. Deutschland ist uneingeschränkt für die Ermordung der europäischen Juden verantwortlich. Nazi Deutschland hat die litauische LAF vor dem Einmarsch instruiert und instrumentalisiert. Leider haben nicht wenige Litauer mitgemacht.
(Arunas Bubnys in Holocaust in Litauen S.128: "Als Zwischenfazit bleibt festzustellen , dass praktisch alle 1941 aufgestellten Polizeibataillone am Judenmord beteiligt waren, wobei der Grad ihrer Involvierung variierte. ... Das 1. und 2. Bataillon pervertierten zu regelrechten Killerkommandos, die in Litauen und Weissrussland Zehntausende von Juden ermordeten".
Die Sowjetunion und die Rote Armee als das kleinere Übel !
Saulius Suziedelis Litauen Geschichte
In der litauischen Geschichtsforschung über die Jahre 1940 und 1941 gibt es drei verschiedene Ansätze
1. Die sowjetische Sicht
2. Die romantisierende Sicht, meist von litauischen Emigranten in den USA
3. Die moderne, nicht einseitige Sicht
Einer der litauischen Historiker, die nach dem dritten Ansatz forschen, ist Saulius Suziedelis
Saulius Suziedelis, Professor Emeritus der Millersville Universität in Pensylvania
Geboren 1945 in Gotha, verbrachte er seine frühen Jahre in der litauischen Brockton Gemeinschaft in Massachusetts. Seinen Doktortitel erwarb er 1977 in der Universität Kansas über russische und osteuropäische Geschichte. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel.
Seit 1998 ist er Mitglied der Internationalen Kommission zur Erforschung von Sowjet und Naziverbrechen in Litauen. Er hält unter Anderem Vorlesungen in der Universität von Vilnius.
"Der einzige Weg für Litauer, sich von ihrer schweren Last iher schwierigen Geschichte von 1941 zu erleichtern, ist der, sich ihrer anzunehmen."
Folgender Aufsatz beschreibt die heutige Situation in Litauen.
THE BURDEN OF 1941 Die Bürde von 1941
Von Saulius Suziedelis
Erschienen in Lituanus, Litauisches Journal für Kunst und Wissenschaft
Verwendung und Übersetzung mit freundlicher Erlaubnis des Autors.
Vielen Dank an die Übersetzter Christine Bombeck (Mai 2011) und Wolfgang Amadeus Möckel
Wenige Themen fordern mehr zu Streitgesprächen heraus als die Liebe zur Nation und seiner Geschichte.
Dies gilt in besonderer Weise dann, wenn es um das Gefühl von Menschen geht, Opfer zu sein. Dann wird die Diskussion im Flüsterton geführt, passend zu den heiligen Erinnerungen, oft an Gebiete, welche als „heiliger Grund“ geweiht sind, wie es Lincolns gefeierte Phrase ausdrückte.
Es ist schwierig, sich eine Gesellschaft von Bedeutung (national oder religiös) ohne die Mythen, Zeremonien und Rituale - die mit Erinnerung verbunden sind - vorzustellen.
Wir sind letzten Endes das, was wir waren, oder immerhin das, was wir dachten zu sein; In diesem Sinne sind Nationen “Eingebildete Gemeinschaften“.
Zweifellos: Wie wir uns die Vergangenheit vorstellen, ist ein wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Auslöser für die Entwicklung der gemeinschaftlichen Identität, insbesondere die des nationalen Bewusstseins.
Das Ziel der Erinnerung ist die Bestätigung einer bestimmten Sicht auf die gemeinsame Geschichte und die Stärkung der Gruppenloyalität - die Veranstaltung von verschiedenen Gedenkfeiern ist, im Grunde genommen, ein politischer Akt.
Schon von Natur aus lässt der Akt der Erinnerung keine kritische Analyse zu, Grautöne sind nicht willkommen.
Das ist besonders zutreffend für historische Ereignisse, die sich durch Massengewalt auszeichnen.
Kriege, Revolutionen und Völkermorde ziehen Sieger sowie Verlierer nach sich, Täter sowie Opfer, und es ist natürlich, dass dabei unvereinbare Erinnerungen aufeinandertreffen.
Kaum eine historische Periode ist für die Litauer dermaßen verzwickt wie der Sommer und Herbst 1941, Monate, die Zeugnis ablegen für beispiellose Katastrophen der Nation, die Massendeportationen der „Juni-Tage“ ; der Nazi- Einmarsch und der darauf folgende anti-sowjetische Aufstand und vor allem, der Holocaust.
Nichts in der nationalen Vergangenheit hätte das litauische Volk auf diese Katastrophe vorbereiten können, besonders für den Umfang der Gewalt, der keine historischen Parallelen, weder im quantitativen noch im qualitativen Sinne hatte.
Der 28. Oktober 1941 steht für einen brutalen Rekord.
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IX. Fort Kaunas, heute ein Museum, ein Besuch lohnt sich
An diesem Tag, vor sechzig Jahren, wurden fast 10.000 litauische Juden im IX. Fort in Kaunas von den Nazis und ihren örtlichen Kollaborateuren ermordet.
Niemals zuvor waren so viele Menschen auf litauischem Boden in so kurzer Zeit ermordet worden.
Es ist kein Wunder, dass der schmerzliche Rekord von 1941 weiterhin die litauische Gesellschaft konfrontiert, beschämt und quält.
Die Politik der Erinnerung dieser Vorfälle des Jahres 1941 ist aus psychologischen und politischen Gründen kompliziert.
Viele Litauer und Juden erinnern sich an diese tragische Geschichte, besonders der ersten Woche des Nazi-Sowjetischen Krieges, aus so unterschiedlichen Perspektiven, dass es manchmal unmöglich scheint, das sie sich auf das gleiche Ereignis beziehen.

Deutscher Einmarsch in Russland Bundesarchiv
Bisweilen haben politische und kommunale Führungspersönlichkeiten das Wasser getrübt, indem sie sich einmischten und vereinfachte Versionen der Vergangenheit beisteuerten, um ihren Anhängern zu gefallen, anstatt die viel komplexeren historischen Prozesse zu erklären.
Viele Leute der älteren Generation, die sich immer noch an die Geschehnisse erinnern können, verbleiben starr in einer Art Gedächtnisfestung und reagieren heftig auf jede vermeintliche Drohung gegen ihren lange aufrechterhaltenen Tunnelblick auf die Vergangenheit.
Aus gutem Grund halten sich sowohl Juden als auch Litauer für Opfer des „Zweiten Weltkrieges“. Es gibt keinen Grund, diesen Status in Frage zu stellen.
Karte mit Angaben der von Einsatzgruppe A durchgeführten Exekutionen (Stahlecker an Heydrich, Holocaust Museum)
Aber die Betonung des Märtyrertums und der Opferrolle hat im Laufe der Jahre geholfen,
ein starres Muster aus kollektiven Erinnerungen aufzubauen, undurchdringlich für jede auf neuen Forschungsergebnissen basierender Korrektur.
Zwei Beispiele werden genügen. In einer kürzlichen Rezension der Memoiren des Tivadar Soros wies der bekannte ungarische Gelehrte Istvan Deak darauf hin, dass „es sehr viele mitfühlende Zuschauer außerhalb Dänemarks gab,“ und kritisierte die Verfechter einer vereinfachten Ansicht, „die meinten, dass es während des Holocaust lediglich Täter, gefühllose Zuschauer , abgestumpfte Opfer und bloß eine handvoll Retter gab.“
Das litauische jüdische Museum hat kürzlich umfangreiche Listen litauischer Retter veröffentlicht, die mittlerweile auf mehrere Tausende geschätzt werden, provozierte damit aber etwas Gemurre, die Litauer würden versuchen, die Zahl der guten Nichtjuden „aufzublähen“.
In einer Nation von drei Millionen ist das beträchtlich mehr als eine Handvoll.
[AK: Yad Vashem hat 772 Litauer zu Gerechten unter den Völkern erklärt im Vergleich zu 476 Deutschen]
Ihrerseits haben die Litauer oft behauptet, dass es nur eine kleine Schar einheimischer Täter während des Holocausts gab, quasi der Abschaum der Gesellschaft, und dass ein großer Teil der Morde von Deutschen in litauischen Uniformen ausgeführt wurde.
Letzteres ist ein Mythos, für den es keine zuverlässigen Beweise irgendwelcher Art gibt.
Schlimmer noch, versuchen viele den Völkermord als Vergeltung für die angeblichen „Verbrechen der Juden“ zu rechtfertigen.
Als der Zusammenbruch der Sowjetunion den Weg zu bislang unzugänglichen Archiven öffnete, gab es große Erleichterung darüber, endlich die störenden historischen Fragen beantworten zu können, und besonders freuten sich diejenigen, die Grund hatten, die Sowjets der Manipulation historischer Forschung zu verdächtigen.
Der nationale Schatz der nun befreiten umfangreichen historischen Sammlungen würde letztendlich die Wahrheit ans Licht bringen und der politisierten Spekulation über bestimmte historische Fakten ein Ende setzen!
Einige predigten, das Urteil der Archive zu akzeptieren, unabhängig davon, ob die Ergebnisse die nationale Seele verletzten.
Es ist verblüffend, wie schnell diese Liebe zur Geschichte und den Archiven verschwand, sobald klar wurde, dass man auf die verstaubten Sammlungen nicht zählen konnte, um die lang gehegten und verehrten Versionen der Vergangenheit bestätigt zu bekommen; wenn überhaupt hatten die Dokumente neue Rätsel über das Jahr 1941 ans Licht gebracht.

Jäger Report Bundesarchiv/Wiki, detaillierte Listung Männer, Frauen, Kinder, Politkommissare etc.
Eine komplette Dokumentation der Tragödien und Verbrechen der Nazi-Besatzung muss noch abgewartet werden, aber vieles ist bereits von litauischen Wissenschaftlern unter Einbeziehung der Primärquellen getan worden. Unter anderem können wir Dres. Alfonsas Eidintas, Valentinas Brandisauskas und Arunas Bubnys erwähnen.

A. Eidintas (Wiki) A.Bubnys
Die meisten würden zustimmen, dass die umstrittensten Themen die Ereignisse der ersten Kriegswoche sind, einschließlich der Rolle der Litauischen Provisorischen Regierung (Provisional Government, PG), die zwischen dem 23. Juni und dem 5. August 1941 existierte, sowie die Ermordung der Juden am Höhepunkt des Nazi Genozids, also der Sommer und Herbst 1941.
In dieser letzten Periode, der Zeit der Schlachtfelder Litauens, wurde das Judentum des Landes vernichtet, und sie ist die blutigste Seite der modernen Geschichte der Nation.
Niemand sollte daran zweifeln, dass der anti-sowjetische Aufstand von 1941, der den Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieg begleitete, mehr als gerechtfertigt war.
Die Wut der Bevölkerung wurde durch das ungeheuerliche Verhalten der Stalinisten ausgelöst, die zusätzlich zu ihrem brutalen Verhalten während des Jahres der Sowjet- Besatzung, hunderte unschuldige Menschen während des chaotischen Rückzugs der Roten Armee ermordet hatten.
Das Bildnis der heroischen sowjetischen Antifaschisten, denen von einer heimtückischen fünften Kolonne litauischer Verräter „in den Rücken“ geschossen wurde, ist natürlich ein albernes Märchen, das von den Kreml –Verfechtern verbreitet wird.
Doch ist es auch wahr, dass der Aufstand Zeiten von schrecklicher Gewalt gegen echte und vermeintliche Kommunisten, und besonders gegen Juden, entfachte.

27.Juni 1941 wurden an der Lietukis Gargae mehr als 50 jüd. Männer geqüalt und vor den Augen der litauischen Zivilbevölkerung und deutscher Soldaten mit Eisenstangen erschlagen.

Rechts hinten ein Judenhasser in Aktion


Morde an der Lietukis Garage (Bilder Landesjustizverwaltung Ludwigsburg)
Die Massaker der Nacht vom 25. auf den 26. Juni in Vilijampole sowie die Lietukis- Garagen- Morde des 27. Junis 1941 sind die entsetzlichsten Beispiele.
Die Deutschen ermutigten, beobachteten und lauerten im Hintergrund, trotz alledem: Die Mörder waren meistens ethnische Litauer.
Es gab auch vereinzelt Vorfälle auf dem Land, einige jüdische Flüchtlinge wurden aufgegriffen, als sie versuchten, nach Osten zu flüchten.
Andererseits, trotz einer Reihe solcher Vorfälle, unterstützen die vorhandenen Beweise nicht das Bild eines großen Mobs von Einheimischen, die Juden zu Tausenden jagten, noch bevor die Deutschen einmarschierten, wie manche behaupteten.
Trotzdem gab es genug Gewalt gegen Juden.
Eines der umstrittensten Themen ist die Frage nach der Rolle der Litauischen- Aktivisten- Front (LAF), die antisowjetische Hauptwiderstandsbewegung, und seine kontroverse Nachkommenschaft, die Litauische Provisorische Regierung (Lietuvos laikinoji vyriausbe).
Im September 2000 beschloss die Litauische Seimas (A.d.Ü.: Parlament) eine Resolution, die dieser Regierung Rechtmäßigkeit bei der Wiederherstellung der Souveränität des Landes zubilligte.
Dies löste einen Sturm der Entrüstung aus.
Der Vorschlag war so schlecht durchdacht, dass der Führer der Konservativen Vytautas Landsbergis, der die Maßnahme befürwortet hatte, Präsident Adamkus unverzüglich darum bat, den Durchgang zu blockieren.
Die Legislative, die in einer klassischen tragikkomischen Situation gefangen war, widerrief das Gesetz und fachte damit eine weitere Runde der gegenseitigen Schuldzuweisung über die Rolle der Provisorischen Regierung und die blutige Geschichte des Sommers 1941 an.
An dieser Stelle könnten wir uns fragen: Welche Schlussfolgerung kann man mit ziemlicher Sicherheit über die PG und die LAF ziehen?
Niemand bezweifelt deren aufrichtigen Bemühungen für die Wiederherstellung Litauens Unabhängigkeit. Die eigentlichen Probleme entstehen, wenn man überlegt, was für ein Litauen sie schaffen wollten.
Und hier sind die Indizien ziemlich beunruhigend.
Das Litauen, wie es sich die LAF und die PG vorstellten (und Gott sei Dank damit nicht durchkamen), war klar als Gegenteil zur Ersten Republik 1918- 1940 gedacht.

Antanas Smetona
Bei allen Problemen unter der Smetona-Diktatur, die der Staat Litauen zwischen den Weltkriegen hatte, war es doch ein relativ tolerantes Land, das ethnische und religiöse Unterschiede akzeptierte und die westliche katholische Kultur unterstützte.
Trotz des zunehmenden Antisemitismus der 1930er Jahre und den Lockrufen der verschiedenen politischen Systeme, ob Faschismus oder Kommunismus, muss sich das Smetona-Regime nicht vor einem Vergleich mit dem gewaltsamen Rassismus, öffentlichen Lynchen und der Faszination für Eugenik der Amerikaner im gleichen Zeitraum scheuen.
Aber die radikalen LAF-Ideologen, besonders der Polemiker Bronys Raila, verspotteten Smetona. Sie wollten das „Neue Litauen“ als eine antisemitische, nationalistische Ein-Parteien-Diktatur mit einem Führer (vadas). Dieser sollte eine disziplinierte, ethnisch und kulturell monolithische Nation zu einer neuen Zukunft unter Leitung von „Großdeutschland“ führen.

A.Voldemaras (lks. auf der Bank) mit G.Stresemann
Eine extreme Fraktion von Unterstützern Augstinas Voldemaras , eine Gruppe die innerhalb der LAF arbeitete, hatten sich ein rassisch rein „arisches“ Litauen vorgestellt.
Diese Handvoll radikaler Offiziere war in ihrer Weltsicht durch und durch nazifiziert.
(Die älteren Mitglieder der LAF, z. B. General Stasys Rastikis, konnten sich nur schwer mit dieser neuen Radikalität abfinden). Es ist wichtig zu erkennen, dass diese Beschreibung des Parteiprogramms keine sowjetische Propaganda ist. Man braucht nur die Schriften und Dokumente der Radikalen zu lesen.
Keineswegs waren alle Litauer fasziniert vom „Neuen Europa“, aber diejenigen die es waren, hatten eine Menge Gesellschaft
Von Frankreich über die Slowakei, Norwegen und Kroatien, 1941 war die Stunde derer, die eine heroische Sichtweise auf einen wiedererstarkten Kontinent hatten , der sich von den jüdisch-bolschewistischen Fesseln und der bedrückenden „Plutokratie“ des korrupten „angelsächsischen“ Kapitalismus zu befreien suchte.
Um das zu sehen, müssen wir nur lesen, was die Bewunderer der „Neuen Ordnung“ selber vorschlugen.
Zweifellos würden die meisten Litauer, die sich die Mühe machten, diese Autoren heute zu lesen (sollte man jedenfalls hoffen), tief beschämt sein, aber diese Männer sind genauso Teil der Landesgeschichte wie die Märtyrer und Helden.
Da der Genozid der Juden die größte einzelne Gräueltat in der modernen litauischen Geschichte darstellt, ist es kaum überraschend, dass die aktuelle litauische Forschung die zwei Hauptthemen, die den Kern der „Bürde von 1941“ bilden, gegenüberstellt: die Rolle der politischen und kommunalen Führer des Landes im Angesicht des Holocaust sowie die Art und Weise des Genozids an sich.
Zwangsläufig müssen wir dann die Aktivitäten und Überzeugungen von zwei Institutionen untersuchen: der PG und der litauischen Polizei.
Die antisemitischen Überzeugungen der LAF und der PG sind bekannt.

Zeitung der LAF vom 27.7.1941 (jewishgen.org)
Jeder, der die erste Ausgabe von “I Laisve“ gelesen hat, ist betroffen von der Polemik auf der Titelseite.
Die Stunde der Befreiung wird begrüßt mit der Anschuldigung, dass „Juden und Bolschewisten“ ein und dasselbe sind.
Es gibt sogar noch schärfere Stellen in Naujoji Lietuva (herausgegeben in Vilnius) und in Zeitungen der Provinz.
Obwohl es wahr ist, dass die deutschen Militärzensoren ihre Arbeit wenige Tage nach dem Einmarsch begannen, initiierten sie diese Artikel nicht (wenngleich sie den Inhalt gebilligt haben werden).
Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass litauische (oder kroatische oder französische) Antisemiten ihre Hassreden mit Nazigewehren an ihren Köpfen verfassten.
Die PG verstand die antisemitische Atmosphäre im Lande.
Wie die meisten Regierungen, versuchte sie die Bevölkerung daran zu hindern, dass Gesetz selber in die Hand zu nehmen.
Andererseits verdeutlichen die neu entdeckten Protokolle der PG-Kabinettsitzungen, dass sie zwar keine Absicht hatte, Juden in Massen zu töten, aber dennoch bereit war, antijüdische ökonomische Maßnahmen, (basierend auf den Nürnberger Gesetzen der 1930er Jahre), zu verordnen.
Der umfassendste Ausdruck des offiziellen Antisemitismus der PG war der Entwurf des Kabinetts über die „Statuten der Situation der Juden“ (Zydu padeties nuostatai) vom 1.August 1941.
[AK: Siehe dazu auch: Holocaust in Litauen,V. Brandišauskas, S. 52f]
Die Männer der PG fühlten sich deutlich unwohl, waren schockiert von den Ausschreitungen, und es ist aktenkundig, dass sie sich von den Progromisten distanziert haben, besonders von der berüchtigten „Klimaitis–Bande“.

Juozas Luksa, Viktoras Vitkauskas, Petras Naujokas, Bronius Trumpa and Kazys Sirvys Klimaitis Freunde (Axis History Forum)
Die Protokolle besagen, dass Minister Landsbergis-Zemkalnis von der extrem grausamen Folter an den Juden in der Lietukis-Garage in Kaunas berichtete, als er Zeuge der berüchtigten Morde des 27. Juni 1941 wurde.
[A.K.: am 22.6.1941 begann der Angriff gegen die Sowjetunion, am 25.6.1941 marschierte die Wehrmacht in Kaunas ein]
Was entschied also das Kabinett?
In ihren eigenen Worten: „ Trotz der Notwendigkeit von Maßnahmen gegen die Juden wegen ihrer kommunistischen Aktivität und angerichteten Schäden bei der Deutschen Armee sollten Partisanen und Einzelpersonen öffentliche Hinrichtungen von Juden vermeiden“. [Hervorhebungen durch den Administrator]
Das ist kaum als eindringliche Verurteilung der antijüdischen Gewalt zu verstehen.
Der Metropolit des Landes, Erzbischof Juozas Skvireckas, welcher seinem Tagebuch anvertraute, dass Hitlers „Mein Kampf“ auch ein paar gute Punkte über die jüdische Weltverschwörung enthielt, schrieb auch über sein Entsetzen wegen der Lietukis- Garagen- Morde, und sandte seine rechte Hand, Monsignore Kazimieras Saulys, um bei den Kaunaer Machthabern gegen solche Exzesse zu intervenieren.
Aber all dies führte nicht zu Protesten der Öffentlichkeit, die zum Überdenken des Verhaltens wenigstens einiger der Litauer hätte führen können, die mehr oder weniger freiwillig bei den Morden mitgemacht hatten.
Die Einheiten, die weiter den Tod in den Festungen um Kaunas herum verbreiteten, bestanden nicht aus Außerirdischen: Das waren junge litauische Männer, die trotz allem in einem vorwiegend katholischen, westlich orientierten Land aufgewachsen waren.
(Natürlich kamen viele Nazis aus einer ähnlichen Kultur).
Nur öffentliche Führung hätte die schlechte Atmosphäre des ethnischen Hasses dämpfen können.
Mit anderen Worten, die Institutionen, die die Verantwortung für die Wiederherstellung einer befreiten Nation übernahmen, unterließen es, eine klare Botschaft abzugeben.
Eine einzelne Stimme innerhalb des Kreises der PG, die des Historikers Zenonas Ivinskis, drängte die PG angeblich dazu, sich öffentlich von den Morden an den Juden zu distanzieren, jedoch vergeblich.
Es ist wahr, dass der stellvertretende Premierminister Juozas Ambrazevicius (Brazaitis) während der letzten PG–Sitzung bedauerte, dass die PG die Ermordung der Juden in den Provinzen „nicht hatte beeinflussen können“.
Erneut war das kaum eine strenge Anklage der Massenmorde von Tausenden von Bürgern dieses Landes.
Keine Handlung der PG, wie auch jeder anderen litauischen Führung, hätte den Holocaust verhindern können. [Hervorhebung AK]
Auch wenn nicht ein einziger Litauer den Finger gegen die Juden erhoben hätte, hätten die Deutschen die meisten ihrer Taten mit einem oder zwei zusätzlichen ihrer Polizeibataillone erreicht.
Öffentlicher Widerstand gegen die Massaker seitens der politischen Führer hätte die Juden nicht gerettet, aber die Ehre der Nation bewahrt.
Anfang Juli war der litauische Militärkommandant von Kaunas, Col. Jurgis Bobelis, zum Rapport bei der PG.
Zur gleichen Zeit veranstalteten die Nazi- Einsatzkommandos Massenerschießungen in den Forts von Kaunas, für die das litauische Büro des Kommandanten, (eingesetzt Mitte Juli von einer Nazi-Fraktion litauischer Offiziere unter Leitung der Gestapo), eigentlich die Verantwortung hatte.
Die PG hatte keine richtige Kontrolle über die litauischen Organe, die bei den grausamen Aktionen kooperierten, sie hatte ihrer Bildung aber zugestimmt.
Außerdem ließ die öffentliche Ausrichtung der PG auf das Reich und seine kriecherische Dankbarkeit für Hitler und das „Großdeutsche Reich“ die Öffentlichkeit nicht gerade vor den Völkermordabsichten der Nazis warnen.
Keine ausländische Regierung erkannte die PG an und sogar das litauische Diplomatische Corps, welches in den westlichen Hauptstädten noch funktionierte, war beunruhigt über die politische Richtung der Rebellenregierung.
Das war das unselige Regime, das die Seimas [A.K.: Litauische Parlament] mit den Patrioten des 16. Februar 1918 und 11. März 1990 gleichsetzen wollte.
Zu deren Verteidigung: Die meisten Mitglieder der PG weigerten sich, dem von den Nazis eingesetzten Rat, geleitet von General Petras Kubiliunas, beizutreten.
Die Regierung wurde am 5. August 1941 formal aufgelöst, obwohl sie immer noch auf Freundschaft mit Deutschland beharrte.
Dennoch blieb eine rudimentäre Verwaltung intakt, welche mit der Wahrung von Recht und Ordnung beauftragt und größtenteils von Offiziellen besetzt war, die schon vor der sowjetischen Besatzung dort gearbeitet hatten.
Die wichtigste inländische Strafverfolgungsbehörde war die litauische Polizeiabteilung, welche ihre Hauptabteilung in Kaunas hatte und von Oberst Vytautas Reivytis beaufsichtigt wurde.
Diese Behörde sollte eine fatale Rolle bei der Zerstörung des litauischen Judentums spielen.
Der Entschluss für den Massenmord wurde in Berlin getroffen.

Karl Jäger Leiter Einsatzkommando 3 (SS-Standartenführer)
In Litauen war Leiter und Buchhalter der Zerstörung der SS – Standartenführer Karl Jäger, dessen Berichte [A.K.: Jäger-Report] vom 1. September und 1. Dezember 1941 als grausige Geschäftsberichte des Völkermords hervorstechen.
Aber der Meister des Details, Leiter des täglichen Tötens, war ein ziemlich rangniedriger Nazi-Scherge aus Kiel, der 28 jährige SS-Sturmbannführer Joachim Hamann.
Der ältere Vytautas Reivytis hätte sich gegenüber Hamann hinsichtlich Dienstgrad und sozialen Status überlegen fühlen können. Als Sohn eines angesehenen Patrioten aus Mazeikiai fing der junge Reivytis 1925 im Polizeidienst an, nachdem er das Studium der Kriminalwissenschaften in Kaunas und Berlin abgeschlossen hatte. Er stieg in der Polizeibürokratie auf und erhielt einen hohen Rang bei der Bahnpolizei.
Als begabter Schütze, Jiu – Jitsu-Experte (der mit einigem Erfolg an internationalen Wettkämpfen teilnahm) und Luftfahrt-Begeisterter, passte Reivytis in das Image der Voldemarininkai, [A.K.: Anhänger von Augustinas Voldemaras] der harten rechtsradikalen „Männer der Tat“.
1940 flüchtete Reivytis nach Deutschland, bevor die Sowjets sein Schicksal in die Hände nehmen konnten.
Im Laufe des Sommers und Herbstes 1941 durchstreifte ein mobiler Trupp (das Rollkommando) unter Führung des energischen Hamanns das Land und tötete zehntausende Juden auf brutale Weise.
Die Einheit beschäftigte etwas ein Dutzend Deutsche und mindestens fünfmal so viele Litauer, die von Leutnant Bronius Norkus befehligt wurden.
Wo auch immer sie hingingen, wurden Hamann und Norkus von Mitgliedern der lokalen Polizei unterstützt, die unter geheimer Anweisung von Reivytis die bedauernswerten Juden zusammentrieben und bewachten.
Während großer Aktionen wie in Marijampole und Rokiskis wurden lokale Männer hinzugezogen, um die Reihen der Schützen aufzustocken.
Wann immer Probleme aufkamen, bat Reivytis Hamann unverzüglich um Anweisungen, selbst für kleinste Details der Operation.
Man weiß nicht ob sich der Oberst über seine demütige Unterordnung unter einen kleinen SS- Sturmbannführer ärgerte, aber es gab keinen Zweifel über seine Unterwürfigkeit und Loyalität gegenüber den Deutschen während der Besatzung.
Obwohl der Holocaust vor allem ein deutsches Projekt war, leisteten der unterwürfige Reivytis und viele seiner Polizisten ziemlich viel, um die Mörder einzusetzen und zu unterstützen.
Eine detaillierte (vorläufige) Untersuchung der Zahl der Todesopfer zwischen Juni und Dezember 1941, die unter der Leitung der historischen Kommission des litauischen Präsidenten über die nationalsozialistische und sowjetische Besatzung durchgeführt wurde, zeigt, dass mehr als 120.000 Bürger der litauischen Republik, meistens Juden, während dieser Periode von Rollkommandos (deutschen Nazi- Spezialeinheiten), bestimmten litauischen Polizeibataillonen und anderen ausgewählten, meistens einheimischen irregulären Kräften getötet wurden.
Bei einer vorsichtigen Schätzung über die Anzahl der Mörder kommt man auf mindestens ein paar tausend Täter.
Viel neues Material bezüglich des Holocaust in Litauen wurde bereits veröffentlicht und Historiker bereiten Studien vor, die uns bald mit einem weit besseren Verständnis der Tragödie von 1941 versorgen werden.
Größtenteils ist das professionelle historische Establishment der Zweiten Republik, besonders die Gelehrten, die für das Litauische Institut für Geschichte arbeiten, das Forschungszentrum zum Genozid und zum Widerstand (Anmerkung: Lietuvos gyventojų genocido ir rezistencijos tyrimo centras) als auch die litauischen Universitäten zu einer ehrlichen Untersuchung über die Geschichte übergegangen, die lange geleugnet und verzerrt wurde.
Insbesondere die jüngeren Gelehrten scheinen weniger abgeneigt, sich mit einer schmerzhaften und beschämenden Vergangenheit zu konfrontieren.
Diese allgemeine Sicht auf die Rolle der PG und der litauischen Polizei bei den Vorfällen von 1941 läuft in eine ganz andere Richtung als das, was in den Köpfen von mindestens zwei Generationen vorhanden ist.
Die Resonanz auf die vernichtenden Enthüllungen ist deshalb absehbar gewesen.
Wie jeder weiß, der die Polemiken, Rezensionen und akademischen Diskussionen kennt, haben die Standpunkte der neuen Forschung ein breites Spektrum: von völliger Zurückweisung und Leugnung (mit den üblichen Verschwörungstheorien) über das Bezweifeln bestimmter Fakten und Schlussfolgerungen bis zu ihrer Akzeptanz.
Es ist sinnlos, weitere lächerliche Fantasien zu diskutieren, zum Beispiel, dass das NKWD [A.K.: sowjetischer Inlandsgeheimdienst] hinter den Lietukis Morden stand: Solche Grübeleien bringen der Diskussion natürlich gar nichts, obwohl sie die geistige und moralische Unpässlichkeit eines Teils der litauischen Gesellschaft, mehr ein Thema für Sozialpsychologen als für Historiker, widerspiegeln.
Versuche, eine überzeugende entlastende Erklärung für die Aktionen der PG zu konstruieren, sind kläglich gescheitert.
Ernsthaftere Kritik kam von manchen Akademikern, sowohl von Nichtfachleuten als auch von Historikern, die die Authentizität und die Bedeutung der aktuellen Archivfunde und deren Interpretationen in Frage stellten.
Tatsächlich gibt es Widersprüche und Lücken in der historischen Aufzeichnung.
Vielleicht sind manche auch beabsichtigt, denn die sowjetischen Autoritäten waren ziemlich interessiert daran, „bürgerlichen Nationalismus“ anzuzweifeln, und sie waren engagiert, wenn es um Desinformationen ging, besonders während der 1970er und 1980er Jahre.
Aber es gibt keinen Beweis, dass irgendwelche wichtigen Dokumente, auf denen die aktuellen Studien basieren, in irgendeiner Form verändert oder gefälscht wurden.
Jeder Fachmann, der mit Dokumenten in den Archiven gearbeitet hat, weiß, dass sie Unstimmigkeiten, Widersprüche, ja sogar gelegentlich Tatsachenfehler enthalten können.
Sekretärinnen vertippen sich bei Daten, Funktionäre übertrieben gegenüber ihren Vorgesetzten; manchmal logen die Autoren, verdrehten Tatsachen oder verschwiegen etwas.
Sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen, die kleinen Widersprüche von den großen zu trennen, ist Teil des Historikerhandwerks.
Keine wissenschaftliche Rekonstruktion der Vergangenheit ist jemals vollendet, jemals wirklich perfekt bis auf den letzten Baustein zusammengefügt worden.
Gelehrte können auch anderer Meinung über die Bedeutung von Beweisen sein, auch wenn sie die Beweise an sich anerkennen.
Eine der Taktiken der amerikanischen Kreationisten ist es, mit Freude die Unstimmigkeiten unter den evolutionären Biologen und die Lücken in den fossilen Daten als Beweis gegen die wissenschaftliche Basis der Evolution zu zitieren.
Aber wir wissen, dass kein seriöser Wissenschaftler glaubt, das die Erde 6000 Jahre alt ist, selbst wenn sie nicht genau sagen können, wann auf der Erde wirklich Leben entstanden ist.
Mit anderen Worten: das allgemeine Bild bleibt gültig, selbst wenn manche Teile des Puzzles nicht ganz passen.
Als Reaktion über die Funde der Kabinetts – Protokolle der Provisorischen Regierung aus dem Jahr 1941 kam es auch zu Fragen im „Kreationisten Stil“.
Vielleicht gibt es für diejenigen, die sich nicht am politischen Rand befinden, keinen anderen Weg um die Auseinandersetzung mit den unschönen Wahrheiten, die aus den Archiven aufsteigen, zu vermeiden.
Der einzige Weg für Litauer, sich von der Last ihrer schwierigen Geschichte von 1941 zu erleichtern, ist der, sich ihrer anzunehmen.
Wie kunstvoll auch immer präsentiert, die Strategien des Leugnens und der Ausflüchte, das Zeigen und die selbstgerechte Empörung auf die anderen führen nur dazu, die Gesellschaft weiter zu belasten.
Zuzugeben, dass die moralischen und politischen Führer des Jahres 1941 versagten, und dass Tausende von Litauern am Holocaust beteiligt waren, ist eine der Vorbedingungen für Litauens Akzeptanz als Mitglied der transatlantischen Gemeinschaft der Nationen.
Das Erkennen einer historischen Last ist nicht das gleiche wie das Akzeptieren einer kollektiven Schuld.
Keine rechtschaffene Person behauptet, dass Litauen ein Land von Kriminellen ist, oder das die heutigen Litauer verantwortlich dafür sind, was 1941 passierte (nicht mehr als heutige Amerikaner für die Sklaverei verantwortlich sind).
Aber das Erbe dieser Verbrechen - die historische Bürde – wird bleiben.
Versuche des Ausweichens, Leugnens, Minimierens oder des Umdeutens der historischen Vergehen werden langfristig nicht erfolgreich sein.
Am 60. Jahrestag des Holocaust in Litauen, dem 20. September 2001, hielt die Seimas [A.K.: Parlament] eine Gedenkfeier, während der Alfonsas Eidintas (der Historiker ist nominiert als nächster litauischer Botschafter in Israel) eine eloquente Rede hielt.
Seine Rede mag die direkteste und ehrlichste öffentliche Abrechnung mit der litauischen Judenvernichtung sein.
Der schrecklichste und wichtigste Aspekt der traurigen Geschichte war, so folgert er, dass „manche litauischen Bürger beim Mord anderer litauischer Bürger geholfen haben“.
Wenn man sich das eingesteht, akzeptiert man die Bürde von 1941.
Das englische Original mit Anmerkungen gab es hier (http://www.lituanus.org/2001/01_4_04.htm) Webseite ist leider offline.
Vilnius auf litauisch, Wilna auf polnisch.
Vilnius war seit seiner Gründung durch Balten immer eine internationale Stadt. Eine litauische, polnische, ruthenische und jüdische Stadt.
Sie war und ist weltoffen und ihr Charme ist anders als die vom Deutschen Orden gegründeten anderen baltischen Hauptstädte. Trotzdem gibt es seit der litauischen Staatsneugründung 1918 immer wieder Spannungen zwischen Polen und Litauen.
Beiträge dazu finden hier in dieser Rubrik ihren Platz.
Dazu ein Zitat aus einem Brief von Czeslaw Milosz (litauisch-polnisch-amerikanischer Dichter *1911 im litauischen Sateiniai) an Tomas Venclova
Lieber Tomas,
Zwei Dichter, Litauer der eine, Pole der andere, sind in der gleichen Stadt aufgewachsen. Das dürfte eigentlich Grund sein, daß sie über ihre Stadt sprechen, und das sogar öffentlich. Zwar gehörte die Stadt, die ich kannte, zu Polen, hieß Wilno, und auf den Schulen und in der Universität wurde polnisch gesprochen: Deine Stadt war die Hauptstadt der Litauischen SSR [A.K.: Sozialistischen Sowjet Republik], hieß Vilnius, und Du hast die Schule und Universität in einer anderen Epoche, nach dem Zweiten Weltkrieg besucht.
Dennoch ist es ein und dieselbe Stadt, und ihre Architektur, die Landschaften ihrer Umgebung und ihr Himmel haben uns beide geformt. Gewisse, sozusagen tellurische [A.K.: die Erde betreffend] Einflüsse sind nicht auszuschließen. Außerdem habe ich den Eindruck, daß Städte ihren Geist und ihre Aura haben, und manchmal, wenn ich die Straßen von Wilna entlanggegangen bin, kam es mir so vor, spürte ich diese Aura auf beinahe sinnliche Weise.
(...)
Im 20. Jahrhundert war das Programm der polnischen Nationalisten für die ethnisch nichtpolnischen Gebiete dumm, da Wilna oder Lemberg [A.K.: heimliche Hauptstadt der Ukraine] Enklaven waren.Ich denke, daß es jungen Leuten heute recht schwer fällt, diesen Enklaven-Charakter des Vorkriegs-Wilna zu verstehen: das war weder Polen noch Nicht-Polen, weder Litauen noch Nicht - Litauen, weder Provinz noch Hauptstadt, obwohl doch vor allem Provinz.
Und natürlich war Wilna, wie ich es aus der Perspektive sehe, absonderlich, eine Stadt mit vermischten, einander überlappenden Gebieten wie Triest oder Czernowitz.
Dort aufgewachsen war nicht das gleiche wie in ethnisch einheitlichen Gebieten aufzuwachsen. Die Sprache selbst wurde anders empfunden. Es gab keinen volkstümlichenstädtischen oder dörflichen Dialekt mit rein polnischen Wurzeln, es gab die "hiesige" lustig wirkende Sprache, die vielleicht dem Geist der weißrussischen näher war als dem der polnischen, obwohl sie freilich viele polnische Worte bewahrt hatte, die im 16. und 17. Jahrhundert üblich, in Polen jedoch aus dem Sprachgebrauch verschwunden waren. Die Grenze zwischen der "hiesigen" Sprache und der Sprache der adligen Gemeinde (die Mickiewicz sowohl in der Kindheit als auch später in Paris mit dem inneren Ohr hörte) war natürlich fließend, genauso wie die zwischen der Sprache des Kleinadels und der des Hofes oder auch der vom Hof kommenden Intelligenz. All das war jedoch dem polnischen Bauern-Dialekt wirklich fremd.
In der "hiesigen" Sprache sprach das Proletariat von Wilna, sie hatte keine Ähnlichkeit mit der Warschauer Volkssprache, wo sich wahrscheinlich ein gewisses bäuerliches Substrat erhalten hat. Für mich ist zum Beispiel ein Dichter wie Miron
Bialoszewski exotisch. Diese Sprachquellen habe ich nicht. Ich riskiere die Feststellung, daß unsere Sprache empfänglicher war für Korrektheit und auch für rhythmische Prägnanz, deshalb empfinde ich das klare Polnisch der Dichter des 18. Jahrhunderts wie Krasicki oder Trembecki als "das meine". Es ist schwierig, das zu analysieren. Was mich betrifft, so würde ich sagen, meine Sprache wurde davon beeinflußt, daß ich der Versuchung der ostslwischen Sprachen, in erster Linie des Russischen, widerstanden und ein Register gesucht habe, in dem ich - in Bezug auf die rhytmische Modulation - mit den ostslawischen Elementen wetteifern konnte.
Ich weiß nicht, wie sich der Widerstand gegen das Russische auf Dein Litauisch ausgewirkt hat. Ich weiß, daß es für mich und für jeden, der ein empfindsames Ohr für das Russische hat, schädlich ist, dem starken Beat des russischen Jambus nachzugeben, und daß dies nicht die Hauptrichtung des Polnischen ist.
Das Wilna Problem in der Polnischen Aussenpolitik
Augenzeugen der Pogrome auf dem Lietukis Garagenhof Kaunas 1941
Die Aussagen sind zufällig angeordnet!
Zeugenaussage Bischoffshausen
Zeugenaussage des ehemaligen Adjutanten beim Stab der Heeresgruppe Nord, von Bischoffshausen, vom 19. April 1959 betreffend dem Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in Kaunas (Kovno)
"Der Stab der Heeresgruppe Nord - Generalfeldmarschall Ritter von Leeb - lag vor Beginn des Rußlandfeldzuges (vom 21.6. bis 1.7.41) in »Waldfrieden«, einem etwa 10 km von Insterburg entfernten Luftkurort.
Als Adjutant (IIa) dieses Stabes erhielt ich den Befehl, den Stab der in Kowno liegenden 16. Armee aufzusuchen und in Verbindung mit diesem für den Stab der Heeresgruppe dort Quartier vorzubereiten. Am Vormittag des 27. Juni traf ich dort ein. Auf der Fahrt durch die Stadt kam ich an einer Tankstelle vorüber, die von einer dichten Menschenmenge umlagert war. In dieser befanden sich auch viele Frauen, die ihre Kinder hochhoben oder, um besser sehen zu können, auf Stühlen und auf Kisten standen. Der immer wieder aufbrausende Beifall - Bravo-Rufe, Händeklatschen und Lachen - ließ mich zunächst eine Siegesfeier oder eine Art sportliche Veranstaltung vermuten. Auf meine Frage jedoch, was hier vorgehe, wurde mir geantwortet, daß hier der »Totschläger von Kowno« am Werk sei. Kollaborateure und Verräter fänden hier endlich ihre gerechte Bestrafung! Nähertretend aber wurde ich Augenzeuge wohl des furchtbarsten Geschehens, das ich im Verlaufe von zwei Weltkriegen gesehen habe.
Auf dem betonierten Vorplatz dieser Tankstelle stand ein mittelgroßer, blonder und etwa 25jähriger Mann, der sich gerade ausruhend auf einen armdicken Holzprügel stützte, der ihm bis zur Brust reichte. Zu seinen Füßen lagen etwa 15 bis 20 Tote oder Sterbende. Aus einem Wasserschlauch floß ständig Wasser und spülte das vergossene Blut in ein Abflußgully. Nur wenige Schritte hinter diesem Manne standen etwa 20 Männer, die-von einigen bewaffneten Zivilisten bewacht-, in stummer Ergebenheit auf ihre grausame Hinrichtung warteten. Auf einen kurzen Wink trat dann der Nächste schweigend vor und wurde auf die bestialischste Weise mit dem Holzknüppel zu Tode geprügelt, wobei jeder Schlag von begeisterten Zurufen seitens der Zuschauer begleitet wurde.
Beim Armeestab erfuhr ich sodann, daß diese Massen-Exekutionen dort bereits bekannt waren, und daß diese selbstverständlich das gleiche Entsetzen und die gleiche Empörung wie bei mir hervorgerufen hatten. Ich wurde jedoch darüber aufgeklärt, daß es sich hier anscheinend um ein spontanes Vorgehen der litauischen Bevölkerung handle, die an Kollaborateuren der vorausgegangenen russischen Besatzungszeit und an Volksverrätern Vergeltung übe. Mithin müßten diese grausamen Exzesse als rein innerpolitische Auseinandersetzungen angesehen werden, mit denen - wie auch »von oben« angeordnet worden sei - der litauische Staat selber, daß heißt, ohne Eingreifen der deutschen Wehrmacht, fertig zu werden hätte. - Die öffentlichen Schau-Hinrichtungen wären bereits verboten worden, und man hoffe, daß dieses Verbot ausreiche, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. - Am gleichen Abend (27.6.) war ich Gast des Armeestabes. Während des Abendessens trat ein Offizier des Armeestabes an den Oberbefehlshaber (Generaloberst Busch) heran und meldete diesem, daß die Massenmorde in der Stadt erneut begonnen hätten. General Busch erwiderte hierauf, daß es sich hier um innerpolitische Auseinandersetzungen handele, daß er momentan machtlos sei, dagegen vorzugehen, zumal ihm dies verboten worden sei, daß er aber hoffe, schon in Kürze andere Anweisungen von oben in Händen zu haben. - Die ganze Nacht hindurch waren Gewehr- und M.G.-Salven zu hören, die auf weitere Erschießungen außerhalb der Stadt, wahrscheinlich in den alten Festungsanlagen, schließen ließen.
Am nächsten Tag sah ich keine solchen Hinrichtungen mehr in den Straßen, wie ich diese am Vortage erlebt hatte. Stattdessen aber wurden lange Kolonnen von jeweils 40 bis 50 Männern, Frauen und Kindern, die man aus ihren Wohnungen zusammengetrieben hatte, von bewaffneten Zivilisten durch die Straßen getrieben. Aus einer dieser Kolonnen trat eine Frau heraus, warf sich vor mir auf die Knie, und bat mit erhobenen Händen, bevor sie in rüdester Weise zurückgestoßen werden konnte, um Hilfe und um Erbarmen. Man sagte mir, daß diese Menschen in das Stadtgefängnis geführt würden. Ich nehme jedoch an, daß deren Weg unmittelbar zur Hinrichtungsstätte geführt hat.
Bei meiner Abmeldung vom Armeestab beauftragte mich der Oberbefehlshaber, die in Kowno herrschenden Zustände der Heeresgruppe zu melden. Ich erinnere mich, mit welcher Empörung, aber auch mit welcher Besorgnis meine dementsprechende Meldung bei der Heeresgruppe aufgenommen wurde. Aber auch hier glaubte man noch hoffen zu können, daß es sich tatsächlich um rein innerpolitische Angelegenheiten handelte. Im übrigen erfuhr ich nun auch hier, daß es von oberer Stelle verboten sei, von militärischer Seite aus irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen. Dies sei ausschließlich Aufgabe des »SD«.
Nachdem der Heeresgruppenstab am 1.7. in Kowno Quartier bezogen hatte, war es in der Stadt selber ruhiger geworden. Das tägliche Zusammentreiben und Abführen von Zivilisten gehörte jedoch zur täglichen Erscheinung. Die Wachmannschaften trugen jetzt eine Art Milizuniform deutscher Herkunft. Unter diesen befanden sich auch Angehörige des »SD«, der - wie ich später erfahren habe - seine Tätigkeit schon am 24.6. in Kowno aufgenommen haben soll."
Bericht des Fotografen Wilhelm Gunsilius
Zu Beginn des Rußlandfeldzuges am Morgen des 22.6.1941 bin ich mit meiner Einheit nach Gumbinnen verlegt worden. Dort verblieben wir bis zum kommenden Dienstag, den 24.6.1941. An jenem Dienstag wurde ich mit einem Vorkommando von Gumbinnen aus nach Kowno in Marsch gesetzt. Dort kam ich mit der Spitze einer Heereseinheit im Laufe des Mittwoch vormittags (25.6.1941) an. Meine Aufgabe bestand darin, Quartier für die nachfolgende Gruppe zu machen. Meine Aufgabe wurde mir dadurch wesentlich erleichtert, weil wir auf vorher gemachten Luftbildern in Kowno bereits schon bestimmte Häuserblocks für unsere Einheit festgelegt hatten.
Wesentliche Kampfhandlungen in der Stadt fanden nicht mehr statt. In der Nähe meines ausgemachten Quartiers stellte ich am Nachmittag eine Menschenansammlung fest in einem nach drei Seiten umfriedeten Hof einer Tankstelle, der nach der Straße durch eine Menschenmauer abgeschlossen war. Dort fand ich folgendes Bild vor: In der linken Ecke des Hofes war eine Gruppe von Männern im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Es müßten etwa 45-50 Personen gewesen sein, die von einigen Zivilisten zusammengetrieben und im Schach gehalten wurden. Die Zivilisten waren mit Gewehren bewaffnet und trugen Armbinden, wie sie auf den Bildern, die ich damals machte, abgebildet sind. Ein junger Mann, es muß sich um einen Litauer gehandelt haben [...], mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, war mit einer eisernen Brechstange bewaffnet. Er zog jeweils einen Mann aus der Gruppe heraus, erschlug ihn mit der Brechstange durch einen oder mehrere Hiebe auf den Hinterkopf. Auf diese Weise hat er innerhalb einer dreiviertel Stunde die ganze Gruppe von 45-50 Personen erschlagen. Von diesen Erschlagenen machte ich eine Reihe von Aufnahmen. [...]
Nachdem alle erschlagen waren, legte der Junge die Brechstange beiseite, holte sich eine Ziehharmonika, stellte sich auf den Berg der Leichen und spielte die litauische Nationalhymne. Die Melodie war mir bekannt, und ich wurde von Umstehenden belehrt, daß es sich um die Nationalhymne handle. Das Verhalten der anwesenden Zivilpersonen (Frauen und Kinder) war unwahrscheinlich, denn nach jedem Erschlagenen fingen sie an zu klatschen, und bei Beginn des Spiels der Nationalhymne wurde gesungen und geklatscht. Es standen Frauen in der vordersten Reihe mit Kleinkindern auf den Armen, die den ganzen Vorgängen bis zum Ende beigewohnt haben. Ich erkundigte mich bei Deutschsprechenden, was hier vorginge, dabei wurde mir folgendes erklärt: Die Eltern des Jungen, der die anderen erschlagen hat, seien vor zwei Tagen aus dem Bett verhaftet und sofort erschossen worden, weil sie als Nationalisten verdächtig waren, und das hier sei jetzt die Rache des jungen Mannes. Ganz in der Nähe lag eine Reihe toter Menschen, die nach Aussage der Zivilpersonen zwei Tage vorher von abrückenden Kommissaren und Kommunisten getötet worden waren.
Solange ich mich noch mit Zivilpersonen unterhielt, wurde ich von einem SS-Offizier angesprochen, der mir meine Kamera abverlangte. Ich konnte ihm dies verweigern, da ich erstens eine Dienstkamera hatte, und zweitens einen Sonderausweis vom Armeeoberkommando 16, der besagte, daß ich überall fotografieren durfte. Ich erklärte dem Offizier, daß er diese Kamera nur über Generalfeldmarschall Busch erreichen könnte. Daraufhin konnte ich ungehindert gehen.
Die komplette Aussage von Wilhelm Gunsilius am 11.11.1958 bei der Polizei in Blaubeuren als PDF Aussage_Gunsilius herunterladen
Aussage des Wehrmachtsoldaten Wilhelm Gunsilius bei der Polizei Blaubeuren 1958
Aussage Gefreiter Karl Röder Bäckerkompanie 562
Ich gehörte im Sommer 1941 als Gefreiter der Bäckereikompanie 562, Feldpostnummer 07048, an, welche der 16. Armee zugeteilt war. Kurz vor Kriegsbeginn mit Rußland lagen wir in Rastenburg. Dortselbst erlebten wir auch am Sonntag, den 22. 6.1941, den Beginn des Rußlandfeldzuges. Am 23.6.1941 überschritten wir bei Wirballen die deutsch-russische Grenze. Noch am gleichen Tage kamen wir spät nachmittags in Kowno an, wo wir in einer russischen Kaserne, deren Namen mir nicht bekannt ist, Quartier bezogen. Während der Fahrt durch die Stadt Kowno, noch bevor wir unser Quartier erreicht hatten, sah ich auf einem Platz innerhalb der Stadt eine Menschenansammlung. Ich hielt mein Fahrzeug an, um nachzusehen, was dort los sei. Wegen der Menge der umherstehenden Personen und einer Mauer, mußte ich auf mein Fahrzeug klettern, um den Schauplatz überblicken zu können. Dabei sah ich dann, wie von litauischen Zivilpersonen mit verschiedenen Schlagwerkzeugen auf eine Anzahl von Zivilisten eingeschiagen wurde, bis diese keine Lebenszeichen mehr von sich gaben. Da ich nicht wußte, warum diese Personen auf solch grausame Weise erschlagen wurden, fragte ich einen neben mir stehenden Sanitätsfeldwebel, welcher mir persönlich nicht bekannt war. Er sagte mir, die erschlagenen Personen seien alle Juden, welche von den Litauern in der Stadt aufgegriffen und zu diesem Platz gebracht worden seien. Bei den Schlägern handelte es sich um entlassene litauische Zuchthäusler. Warum diese Juden erschlagen wurden, habe ich nicht erfahren. Ich konnte mir damals auch keine eigenen Gedanken über Judenverfolgungen machen, weil ich davon noch nichts gehört habe. Bei den zuschauenden Personen handelte es sich fast ausschließlich um deutsche Soldaten, welche aus Neugierde dem grausamen Geschehen zuschauten.
Als ich damals zu dem Platz kam, wo die Juden erschlagen wurden, mögen etwa 15 Leichen oder Schwerverletzte auf dem Platz gelegen haben. Es waren etwa 5 entlassene litauische Zuchthäusler gerade dabei, weitere Juden zu erschlagen. Die Zuchthäusler trugen, soweit ich sie erkennen konnte, teils weiße Oberhemden und dunkle Hosen, teils dunkle Trainingsanzüge. Da ich Fotoamateur war, habe ich von diesem einmaligen Ereignis, auf meinem Fahrzeug stehend, 2 Aufnahmen gemacht. Da der Film gerade durchbelichtet war, habe ich denselben dem Apparat entnommen, um einen neuen einzulegen. Im gleichen Augenblick wurde ich von einem Wehrmachtsbeamten im Offiziersrang, vermutlich ein Zahlmeister, gestellt und darauf hingeweisen, daß man von solchen Ereignissen keine Aufnahmen machen dürfe. Ich mußte ihm meine Personalien und meine Einheit angeben, und er hat mir den Apparat abgenommen. Die Lichtbilder konnte ich nur dadurch retten, daß ich den Film bereits entnommen hatte. Auf den von mir gefertigten Lichtbildern [...] sind deutlich 5 litauische Zuchthäusler zu erkennen, welche die Schlagwerkzeuge in den Händen tragen und gerade auf die am Boden liegenden Juden einschlagen. Teilweise sind auch noch Angehörige des litauischen »Freikorps« abgebildet, welche am linken Arm eine Armbinde trugen. Diese brachten laufend weitere Juden zu dem Platz, wo sie ebenfalls von den Zuchthäuslern erschlagen wurden. Die auf dem Boden liegenden Juden waren nicht alle gleich tot. Sie wurden, nachdem sie zum Platz geführt waren, ganz wahllos auf den Kopf oder ins Gesicht geschlagen, so daß sie zunächst benommen waren und zu Boden stürzten. Dann wurde von den Zuchthäuslern solange auf sie eingeschlagen, bis sie kein Lebenszeichen mehr von sich gaben. Dann wurden wieder andere Juden zu dem Platz geführt und diese auf die gleiche Weise ebenfalls erschlagen. Ich hielt mich insgesamt etwa 10 Minuten am Ort des grausamen Geschehens auf und ging dann weiter bzw. setzte meine Fahrt fort. Solange ich mich an dem Platz aufhielt, war ich Zeuge, wie etwa 10 bis 15 Juden erschlagen wurden. [...]
Bevor sie erschlagen wurden, haben die Juden gebetet und vor sich hingemurmelt. Auch die schon auf dem Boden liegenden schwerverletzten Juden haben teilweise noch vor sich hingebetet.
Hauptfeldwebel Lesch Bäckerkompanie 562
Ich war zu Beginn des Rußlandkrieges im Jahre 1941 Hauptfeldwebel der Bäckereikompanie 562, welche der 16. Armee unterstand. Im Frühjahr 1941 wurden wir von Frankreich nach Ostpreußen verlegt. Kurz vor Kriegsbeginn lagen wir in Rastenburg. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir am 23. oder 24.6.1941 bei Stallupönen die Grenze überschritten und sind dann Richtung Kowno (Kaunas) gefahren. Das genaue Datum unseres Einrückens in Kowno kann ich heute nicht mehr sagen, doch sind wir vermutlich 2 oder 3 Tage nach der Einnahme der Stadt in Kowno eingetroffen. Die gesamte Einheit rückte meines Wissens in Kowno ein, ein besonderes Vorkommando war nicht erforderlich. Wir haben in einer alten russischen Kaserne Quartier bezogen und gleich angefangen, Brot herzustellen, um die Truppe zu versorgen. Vermutlich 1 Tag nach unserem Einrücken in Kowno wurde ich von einem Kraftfahrer meiner Einheit davon unterrichtet, daß auf einem ganz in der Nähe befindlichen Platze innerhalb der Stadt Juden erschlagen würden. Daraufhin begab ich mich zu dem beschriebenen Platze, wo sich nach meiner Erinnerung noch weitere Angehörige unserer Einheit eingefunden hatten, bzw. mit mir dorthin gegangen waren. Es war ein Platz in der Größe von etwa 20 Metern im Quadrat, der gepflastert war. Eine der Seiten des Platzes grenzte direkt an die Straße an, 2 Seiten waren von Häusern umgeben. Die Hinterfront des Platzes schloß an freies Gelände, vielleicht an einen Park, an.
Ich sah, daß dort Zivilisten, teilweise in Hemdsärmeln, teilweise in anderer Oberbekleidung, mit Eisenstangen bewaffnet andere Zivilisten totschlugen. Ob es sich bei den Opfern um Juden handelte, konnte ich nicht unterscheiden. Es ist aber damals die Bemerkung gefallen, es wären Juden, welche vor dem Einmarsch der Deutschen bei Geschäften die Litauer betrogen hätten. Von den in der Nähe befindlichen Soldaten, welche ich befragte, hörte ich, daß die Opfer aus persönlichen Rachegelüsten erschlagen worden seien. Als ich zu dem Platz kam, lagen dort schätzungsweise 15-20 Leichen. Diese wurden dann von den Litauern weggeräumt, und der Platz wurde mit einem Wasserschlauch von den Blutlachen gesäubert. Auf meine Frage, wo die Leichen hingebracht würden, erfuhr ich, daß diese zum Friedhof gebracht würden. Ich sah, wie die Litauer die Leichen an Händen und Beinen anfaßten und wegschleppten. Anschließend wurde wieder eine Gruppe von Delinquenten auf den Platz getrieben und gestoßen und von den mit Eisenstangen bewaffneten Zivilisten ohne größere Umstände einfach totgeschlagen. Ich habe bei der Erschlagung einer Gruppe von Delinquenten zugesehen und mußte mich dann wegwenden, weil ich dies nicht mehr mit ansehen konnte. Mir erschien dieser Vorgang äußerst grausam und brutal. Solange diese Personen erschlagen wurden, haben viele deutsche Soldaten und auch Litauer zugeschaut. Die Soldaten mischten sich in das Geschehen nicht ein, weder durch Zustimmung noch durch Ablehnung. Von den litauischen Zivilisten hörte man Zustimmungs- und Aufforderungsrufe.
Aussage Schmeink Bäckerkompanie 562
In der Mitte des Platzes war eine Senke zum Waschen der Wagen. Seitwärts spritzte einer mit einem Schlauch Wasser auf die am Boden liegenden Menschen, die sich teilweise wieder aufrichten konnten, dann aber erneut mit einem Eisengegenstand geschlagen wurden. Ich habe beobachten können, wie man mit Federblättern zuschlug.
Ich bin [...] hinzugekommen, als die Menschen am Boden lagen und bespritzt wurden. Dann kam die Forttragung der Leichen. Es wiederholte sich dann alles erneut. Aus der Gruppe der etwa 70 Männer waren die Leichenträger nun die neuen Opfer. Sie mußten sich um die Senke stellen und zwar im Halbkreis. Sie wurden dann von allen Seiten erschlagen. Es können 6 Personen gewesen sein, die geschlagen haben. [...] Ich habe natürlich gefragt, wer die Männer wären, die zuschlugen. Es sollte sich um lettische Freiheitskämpfer handeln. Ich konnte dies nicht begreifen. Die umstehenden Absperrleute hatten Armbinden an und trugen Karabiner. Geschossen wurde auf keinen Fall. Der Platz war umstellt mit neugierigen Wehrmachtsangehörigen, so war es auch mit mir. Wir konnten dies nicht fassen und haben uns nach einiger Zeit entfernt.
Ich habe den Vorfall soweit beobachten können, daß ich ankam, als die Leichen dort lagen und dann die nächsten erschlagen worden sind. Ich mußte dann den Platz verlassen, weil ich nicht mehr zusehen konnte. Meine Kameraden sind mitgegangen.
Die Aussagen wurden 1959/60 von der ZSt. der Landesjustizverwaltung aufgenommen.
Aussage von Laimonas Noreika (Lietukis Augenzeuge)
“I can’t remember whether we left work early that day (my elder brother Albertas and I) or whether we went home at our usual time. Opposite the Kovno cemetery at the corner of Greenwald St and Vytautas Boulevard there was a small garage, which serviced light vehicles. A large crowd had gathered alongside the perimeter fence of the garage yard. So we also went over to see what was happening. I keep asking myself whether I just imagined it all but I know I did not.
Those horrific events have been burned onto my memory and will remain there until my dying day. In the middle of the yard, in broad daylight and in full view of the assembled crowd, a group of well dressed, spruce intelligent looking people held iron bars which they used to viciously beat another group of similarly well dressed, spruce, intelligent people. It was obvious the yard also served as a horse stable as animal droppings were littered everywhere.
The assailants yelled the word “norma” (move it) repeatedly as they relentlessly battered the Jews until they fell to the ground and began gathering feces. They kept hitting them until finally they lay inert. Then, using a hosepipe for washing cars, they doused them with water until they came round following which the abuse would start all over again. And so it went on and on until the hapless victims lay dead. Bodies began to pile up everywhere. I stood next to the fence and watched it all until finally, my brother Albertas pulled me away…”
Viera Silkinaite – Litauische Augenzeugin
Viera Silkinaite was interviewed by the BBC as she witnessed the brutal massacre at the garage:
“A man was being beaten, he was from a group of Jews. I could also hear Lithuanian spoken and swearing in Russian. I then realised that something serious was going on.
Some people stayed and watched, they screamed “Beat the Jews, beat the Jews.”
Alex Faitelson
Alex Faitelson widmet in seinem Buch "The Truth and Nothing But the Truth" ein ganzes Kapitel den Morden an der Lietukis Garage.
Die Aktion sei klar von Litauern organisiert worden und widerspricht damit Spekulationen, dass die Einsatzgruppe A hinter den Morden steckt. Es seinen auch keine Racheaktionen von Litauern an KGB Personal, sondern Pogrome an unschuldige Juden, die wahllos auf den Strassen von Kaunas aufgegriffen wurden.
Neben den oben genannten Zeugen, nennt Faitelson noch weitere Augenzeugen: [Die Originalaussage aus "Masinės žudynės Lietuvoje" steht weiter unten Vainilavicius]
"Neighbours living over the Garage also gave evidence of all they had seen in the garage. Julius Vainiliavichius, who was seventeen at the time, gave an account on August 1, 1959 and Leonardas Survila, who was twenty-one at the time, confirmed his account an January 21, 1961:
The jews where ordered to collect hose manure in one heap and when they had done this, they were ordered to wash. They washed in turn. Everybody who washed was forced to take the rubber hose into his mouth and rinse his mouth with the powerful Jet.
The jews refused and ran to one side.That's when the killing began. There were about ten to fifteen men with White armbands and they began to beat the Jews with anything at Hand: rifles, spades, heavy sticks and iron bars. Fifty wounded People lay on the ground and moaned and sceamed with pain. So they were hosed down with water and whoever came-to was killed. A truck with Jews drove into the Yard. They loaded the corpses into the truck and drove off."
Faitelson schreibt über die Suche nach den Mördern nach dem Krieg. Jonas Barshketis (sein Bruder Vytautas war Bodyguard von Antanas Sniečkus, Chef der litauischen KP), identifiziert Juozas Lukša als einen der Täter der Lietukis Massaker.
Lukša hatte ein bewegtes Leben, kämpfte bei den Waldbrüdern als "Daumantas" gegen die Besatzer und wurde als Fallschirmspringer 1950 wieder in Litauen abgesetzt. Er gilt in Litauen als Nationalheld. Und tatsächlich gibt es auch heute noch eine Straße in Kaunas, die nach ihm benannt ist. Im Jahre 2016 wurde in Litauen darüber diskutiert auch eine Straße in Vilnius nach Luksa zu benennen. Litauische Persönlichkeiten (Venclova) haben sich in den Medien zu Wort gemeldet und davor gewarnt, Straßen nach Leuten zu benennen, die den Nazis in den Hintern gekrochen sind.
Nicht weit vom 9. Fort entfernt! (In diesem Zusammenhang sollte die Lektüre von Juozas Lukšas Buch "Partisanen" interessant sein).
Zvi Gitelman nennt in "Bitter Legacy Confronting the Holocaust in the USSR"
die Aussagen von Aleksandras Bendinskas, Stabschef der LAF, über die Morde an der Lietukis Garage.
Bendinskas, um es mit einfachen Worten zu sagen, bestätigt mein negatives Urteil über die LAF. Seine Aussagen sind dermassen geheuchelt ("thou shalt not kill" und "...mit gebrochenen Fingern" und "...sie wurden getötet als Funktionäre und nicht als Vertreter einer Nation" [AK: Judentum], dass es mich anwidert! Alleine die existierenden Fotos zeigen, dass die Opferzahlen weit höher lagen, als die 10 von Bendinskas genannten.
Certain security services even today treat in a one-sided way the uprising of June 22-25, be., before the entry of the Germans into Kaunas, and the events of June 26-30 (already after the Germans had occupied Lithuania).
The uprising which was prepared and carried out by the LAF andpeople who joined them, was doomed. The majority paid for their involvement with their lives.
What took place in the Lietukis garage? I hereby testify and assert that there were killed a few more than ten people, or perhaps fewer. The people were murdered cruelly. The very fact that people were killed without sentencing by any court, without accusation, by people who were following only their passions, cannot be justified either legally or morally.
The fifth commandment says: “Thou shalt not kill.” In regard to how it happened there are no documents on either the one or, apparently, on the other side. Those who prepared the uprising and participated in it can present several facts which explain the prehistory and circumstances of / this painful event.
On June 13, 14, and 15, during the deportation of people from Lithuania, trucks were employed from Lietukis and other facilities,. People’s moaning had not yet ceased when on June 17-18 a rumor began circulating about the preparation of still another deportation of people to Siberia on even a grander scale. We staff members of LAF gathered to consider what to do. At that time, at all enterprises and transport facilities groups of “fives” were organized; their task was not to allow the Red Army to blow up water pipes, the power station, telephone exchange, railway bridge, bread bakery, etc., and not to allow the pillaging of enterprises, stores, or the appropriation of means of transport.
What was to be done if war did not break out and the deportations were repeated? It was decided to resist by force. [. . . ] The order was given to the transport “fives” to sabotage as many vehicles as possible.
The fatal day, June 22. The primary evil was Bolshevism, which we already knew. With our own eyes we had seen the mass arrests, the deportation of families without trial or accusation. The secondary evil was war.
We had to choose war, i.e., the lesser evil. Although the nucleus of the staff of the LAF consisted of military personnel, in the event of war it did not have strategic plans, maps, and hardly had any weapons. Following orders, the members of the staff who were responsible for enterprises, institutions, and other facilities, acted automatically. Some “fives” were autonomous. From the beginning of the war they acted independently, in accordance with local circumstances and depending on the situation at the moment. [. . . ]
What occurred on the “side of the Bolsheviks” I and others did not know. But already on the evening of June 22 in the general commotion the Bolsheviks began to flee en masse. But not everyone fled on the first day. Some top security, police, Party and government officials remained to destroy documents which testified to their crimes and their scope, the lists of their agents, the direct involvement of Moscow in provocations of that time. Among these zealous ones were Russians, Lithuanians, and Jews. Toward evening on June 23, security personnel (the majority of whom were investigators) also decided to save themselves. They ran to the Lietūkis garage for cars. They were caught by one of the “fives,” disarmed and locked up in the garage, since the prison and security departments were not yet fully in our hands. Furthermore, street battles were going on. In some plants and institutions the security departments were broken into and lists were used to find out the names of their heads. Some of these were caught and they also were put into the garage. On June 25, some political prisoners liberated from Soviet jails found out that security personnel were being held in the garage. They came to check this out and recognized some of them. There began something which no one could have foreseen in advance: filled with malice, their backs bloody, driven by revenge, with broken fingers, some had lost their families carried off in train caars to Siberia, the former prisoners killed those held in the garage. They beat them with whatever they found in the garage—with metal bars, with spades, etc. It was a terrible sight! The Lord’s commandment “Thou shalt not kill” was broken. There are people still alive who saw this execution. They are known to me. Neither I nor others whom I know find any justification for this bacchanalia of death.
What kind of people were killed in the Lietūkis garage? Most authors who wrote about this event have presented it as a pogrom of Jews. Was it that in fact? According to my information, the majority of those killed were investigators of the security organs and heads of the “special departments” of enterprises and institutions; they were killed as officials rather than as representatives of a certain nationality. It turned out that a majority of the victims were Jews (documents found show this).
One is amazed by the manipulations of authors who in describing this crime continually inflate the figures. At the time of the uprising, people spoke of more than ten killed. Later the Soviet press reported thirty, sub- sequently forty, and recently the respected E. Zilberis’ already mentioned seventy. Only competent legal organs can establish the number killed, the identity of the victims and the circumstances of this horrible event; if necessary—with the participation of foreign observers. All the spots in this ugly incident of our country—the white ones, the black ones, and the red ones—must be clarified.
Feldpostbrief vom 29. Juni 1941
Im Jahre 2016 tauchte eine Sammlung von Feldpostbriefen auf, die der Soldat Heinrich Sandt an seine Frau schrieb. In einem dieser etwa 500 Briefe berichtet Sandt über das Massaker in Kowno und bestätigt alle kontrovers diskutierten Einzelheiten.
Die Anwesenheit von Frauen, schwangere Frauen mit Kindern im Arm, das spielen des Akkordeons. Die Jagd nach Juden in Zusammenarbeit von Litauern und Weißrussen war dagegen neu.
Zum Feldpostbrief geht es ... Feldpostbrief Kaunas 1941.
Zeugenaussage von Julius VAINILAVIČIUS
AUSROTTUNG DER JUDEN aus "Masinės žudynės Lietuvoje" S.231 Massenmord in Litauen, 1965 Übersetzt aus dem Litauischen mit Deepl. Es können dabei Übersetzungsfehler auftreten!
GEMETZEL AUF EINEM GARAGENHOF Zeugenaussage Nr. 187
Aus der Zeugenaussage von J. VAINILAVIČIS * 1. August 1959
Als der Große Vaterländische Krieg ausbrach, wohnte ich in Kaunas in der Puškino-Str., wo ich auch jetzt wohne. Nr. 3, b. 2. Damals hieß die Straße Miško-Straße. Unser Haus befand sich neben der Schule.
Ich habe mit den Kindern auf ihrem Hof Fußball und andere Spiele gespielt. Neben der Schule gab es eine Garage (heute gehört sie zu Lietkoopsąjungai). Als Hitlers Armee in Kaunas einmarschierte, war ein deutscher Gurkha in der Garage stationiert. Eines Tages, etwa Ende Juni 1941, sah ich auf dem Heimweg vom Angeln, als ich die Lenin-Allee entlangging, Zivilisten im Hof der Werkstatt arbeiten.
Die Deutschen behandelten sie grob. Ich sah eine Gruppe von Juden, die mit bloßen Händen Pferdemist aufsammelten und auf einen Haufen trugen. Aus Neugierde ging ich auf den Schulhof und beobachtete durch den Zaun, was sie taten. Als die Leute den Mist aufgesammelt hatten, wurde ihnen befohlen zu pissen [?]. Der Deutsche führte sie zu einem Kran und drehte das Wasser auf. Sie wuschen sich einer nach dem anderen. Er zwang jeden, einen Schlauch in den Mund zu nehmen und den Mund mit einem starken Wasserstrahl auszuspülen. Einige Juden weigerten sich, dies zu tun, und liefen weg. In diesem Moment zielte ein deutscher Soldat auf einen Juden, um ihn zu schlagen, aber er sprang plötzlich weg, und der Deutsche verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Dann begann das Gemetzel. Die Deutschen und die 10 bis 15 Baltaraisciai [Weißarmbindler], die in der Garage waren, begannen, die Juden zu schlagen. Sie schlugen sie mit allem, was sie finden konnten: einige mit Gewehren, einige mit einen Spaten, einen Spaten oder eine Sense. Etwa 50 Menschen wurden verletzt. Sie lagen auf dem Boden, einige heulten und schrien. Dann brachten sie einen Schlauch und schütteten Wasser über sie. Wenn jemand das Bewusstsein wiedererlangte, wurde er erstochen. Als alle Juden getötet worden waren, kam ein Lastwagen auf den Garagenhof und brachte eine Gruppe von Juden, die die Leichen in den Lastwagen luden und sie irgendwohin brachten. Danach verjagten die Deutschen alle, die das Geschehen beobachtet hatten. Ich weiß nicht, was sie sonst noch in der Garage gemacht haben, denn die Deutschen haben mich auch vertrieben.
Stiftung ADSR, r. 141, 1. 44-45. * VAINILAVIČIUS Julius, Julius, geboren 1924 in Kaunas.
Zeugenaussage Leonard Survila, ebenso in "Masinės žudynės Lietuvoje"
Aus der Zeugenaussage von L. SURVILA * 21. Januar 1961 Übersetzt mit Deepl
In den ersten Kriegstagen, innerhalb einer Woche nach Ausbruch des Krieges, wurde ich Zeuge, wie die bürgerlichen Nationalisten in der ehemaligen Lietūkis-Garage in der Vytautas-Allee gegen Juden vorgingen. Dies geschah unter den folgenden Umständen. Gegen 10 Uhr war ich auf dem Heimweg von der Gießerei "Neris" entlang der Vytautas Allee. Auf dem Friedhof wurde ich von einem bewaffneten Mitglied einer mir unbekannten nationalistischen Bande angehalten und aufgefordert, auf den Friedhof zu gehen, um Gruben auszuheben. In diesem Moment fing er weitere Passanten ab und dirigierte sie. Auf dem Friedhof sah ich eine Gruppe von Bürgern, die Löcher gruben. Es waren auch jüdische Bürger dabei. Ich ging nicht zu der Stelle, an der gegraben wurde. Nachdem ich meine Runde gemacht hatte, ging ich wieder zur Vytautas Avenue. Vor der Garage von „Lietūkis“ befand sich eine Menschenmenge, die etwas im Hof beobachtete, nachdem der Zaun stehen geblieben war. Da ich durch die Menschenmenge nichts sehen konnte, ging ich zur angrenzenden Miško-Straße hinüber und betrat den Hof des ehemaligen polnischen Gymnasiums, der an den Garagenhof grenzte. Da der Zaun nicht einsehbar war, kletterte ich über ihn und begann, mich auf dem Garagenhof umzusehen. Auf dem Zaun standen weitere Bürger, die das blutige Massaker auf dem Garagenhof beobachteten.
Auf dem Garagenhof sah ich 5-6 junge Männer, die mit ausgezogenen Jacken mit Gummischläuchen und Eisenstangen auf die jüdischen Männer einschlugen, die in Zweier- oder Dreiergruppen, wie ich es verstand, vom gegenüberliegenden Friedhof, wo sie Gruben aushoben, von der Straße gebracht worden waren. Das Pflaster des Garagenhofs war mit verstümmelten Leichen bedeckt und stark blutverschmiert. Die Männer zogen die Leichen an den Haaren, stießen sie, schlugen ihnen mit Brechstangen auf den Kopf und übergossen sie mit Wasser aus einem Wasserschlauch, der zum Autowaschen verwendet wurde. Sie folterten die Opfer, bis sie starben. Ich sah eine Gruppe deutscher Soldaten und Offiziere am Rande des Garagenhofs, aber sie schlugen die Juden nicht.
Ich erkannte keinen der Männer, die die jüdischen Bürger auf dem Hof folterten. Ich erinnere mich, dass einer von ihnen auf der Armonika spielte.
Unter den Zuschauern hieß es, dass die Razzia von ehemaligen politischen Gefangenen organisiert wurde, die von den Deutschen in den ersten Kriegstagen aus dem Gefängnis in Kaunas entlassen worden waren. Während ich zuschaute, kam ein Militärlastwagen mit Plane an, in den die Leichen der aus den Gräbern [?] geholten Juden geworfen wurden. Nachdem der Lastwagen weggefahren war, ging ich nach Hause und sah nicht, was dort geschah.
Stiftung ADSR, r. 141, 1. 112-113. * SURVILA Leonard, John, geboren 1920 in Charkow, Ukrainische SSR.
Da die Wahrheit eine zarte Blüte ist, lohnt es sich, die unterschiedlichen Interpretationen über Luksha in Wikipedia zu lesen. Einmal litauisch im Vergleich zu russisch. Schon erstaunlich!
Quellen: "Schöne Zeiten" Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, Holocaust in Litauen, Holocaust Research Project, Alex Faitelson "The Truth and Nothing But the Truth", Bitter Legacy "Confronting theHolocaust in the USSR"
Test Cholesterin
Litauen 1940
Die jüdische Schuld 1940/41
In Teilen der litauischen Gesellschaft hält sich bis heute hartnäckig die Meinung, dass die litauischen Juden selber an ihrem Schicksal 1941 schuld waren. Damals sind 200.000 Juden (mit 95% der höchste Prozentsatz an getöteten Juden in allen von den Nazis besetzten Ländern) getötet worden. Schon bevor die deutschen Truppen eintrafen, ging das Morden los.
Die Juden waren es, die den sowjetischen Besatzern 1940/41 halfen, die Litauer zu drangsalieren, ihnen ihr Eigentum wegzunehmen und sie massenweise nach Sibirien zu deportieren.
Sie stellten den höchsten Anteil des Personals in den russischen Sicherheitsorganen dar, waren verantwortlich für die brutalen Verhöre und die von den Sowjets verübten Massaker bei ihrer Flucht vor den Deutschen.
So die weit verbreiteten Vorurteile, die man in Internetforen, politischen Diskussionen, aber auch unterschwellig in litauischen Museen sieht.
Wer brachte Hungersnot, Tränen und Massenmord? Der Jude!
Wer unterstützte den Henker Stalin? Die Juden?
Wer entführte und vergewaltigte eure Frauen und Töchter? Der Jude!
Wer entzog euch den letzten Tropfen Schweiß? Der Jude!
Wer prangerte den Kapitalismus an, hat aber selber eine unersättliche Lust auf Geld? Der Jude!
Wer zerstörte unsere Höfe auf Wunsch Stalins? Der Jude!
Wer folterte Millionen Menschen in NKWD Folterkellern? Der Jude!
Wer hat den Krieg angefangen? Der Jude!
Wer steckte Millionen in Arbeitslager? Der Jude!
Wer zerstörte auf Wunsch Stalins unsere Lebensmittelvorräte? Der Jude!
Wer entwickelte das parasitäre System um euch auszusaugen? Der Jude!
Wer versprach euch das Paradies, brachte euch aber die Hölle? Der Jude!
Wer suchte sich den leichten Weg und gab anderen die schwere Arbeit? Der Jude!
Wer, auf Wunsch Stalins, zerstörte eure Läden und Fabriken, wo ihr euer Brot verdientet? Der Jude!
Wer hat die besten Wohnungen? Der Jude!
Wer zerstörte eure Felder und machte euch mittellos? Der Jude!
Wer hetzte die Nation in den Krieg und verdiente daran? Der Jude!
Wer profitierte vom bolschewistischen Terror? Der Jude!
Wer arbeitete am wenigsten und aß am besten? Der Jude!
Wer, auf Wunsch Stalins, zerstörte unsere Maschinen und Werkzeuge? Der Jude!
Wer, auf Wunsch Stalins, zerstörte unsere Ernte und Vieh? Der Jude!
Wer, auf Wunsch Stalins, zerstörte unsere Verkehrsnetze und Nahrungsmittelversorgung? Der Jude!
Wer entwickelte die schlimmsten NKWD Foltermethoden und folterte sadistisch deine Brüder? Der Jude!
Propagandaplakat der LAF (für die englische Übersetzung anklicken) Stalin und die Juden - eine teuflische Bande
Das von Hitler geprägte Synonym, ein Jude sei immer ein Kommunist, wurde von den meisten Litauern aufgenommen und nach dem Abzug der Roten Armee grausame Rache genommen. Teilweise, wie beim Massaker an der Lietukis Garage in Kaunas am 25.6.1941 noch ohne deutsche Anleitung.
Dies alles widerspricht natürlich dem gesunden Menschenverstand. Die Wahrheit ist komplexer.
So räumt der amerikanisch/litauische Historiker Saulius Suziedelis mit ein paar viel diskutierten Vorurteilen hinsichtlich der litauischen Geschichte 1941 direkt am Anfang seines Buches "CRISIS, WAR AND THE HOLOCAUST IN LITHUANIA" auf:
1. Jews were not a majority in the Lithuanian Communist Party in 1940-1941;
2. The Lithuanian perpetrators, a minority of the population, to be sure, were not a tiny rabble of misfits and lowlifes but represented different strata of society;
3. As a rule, the collaborating police were not threatened if they refused orders to kill, particularly during the first months of the German occupation;
4. In most cases, Lithuanian officials who left their posts rather than continue their duties were not punished.
5. Jews were not significantly overrepresented among the Soviet deportees of June 14-17, 1941;
6. Thousands of Jews were not killed in pogroms in the Lithuanian country¬wide before the Germans arrived on the scene, although instances of sponta¬neous violence have been reliably recorded;
7. There were numerous examples of egregious intercommunal violence in Nazi-occupied Europe, but most Jews who died in the Holocaust were not killed by their neighbors in any literal sense;
8. Lithuania's rescuers were not a mere handful but, in proportion to the total population, constituted the second highest percentage of Righteous Among the Nations (after the Netherlands).
1. Die Juden waren 1940-1941 in der Kommunistischen Partei Litauens nicht in der Mehrheit;
2. Die litauischen Täter, die zwar eine Minderheit der Bevölkerung darstellten, waren kein kleiner Haufen von Außenseitern und Abschaum, sondern repräsentierten verschiedene Gesellschaftsschichten;
3. In der Regel wurden die kollaborierenden Polizisten nicht bedroht, wenn sie den Befehl zum Töten verweigerten, insbesondere in den ersten Monaten der deutschen Besatzung;
4. In den meisten Fällen wurden litauische Beamte, die ihren Posten verließen, anstatt ihren Dienst fortzusetzen, nicht bestraft.
5. Die Juden waren unter den sowjetischen Deportierten vom 14. bis 17. Juni 1941 nicht wesentlich überrepräsentiert;
6. Tausende von Juden wurden nicht bei Pogromen in Litauen getötet, bevor die Deutschen auf der Bildfläche erschienen, obwohl Fälle von spontaner Gewalt verlässlich aufgezeichnet worden sind;
7. Es gab zahlreiche Beispiele ungeheuerlicher interkommunaler Gewalt im von den Nazis besetzten Europa, aber die meisten Juden, die im Holocaust starben, wurden nicht von ihren Nachbarn im wörtlichen Sinne getötet;
8. Litauens Retter waren nicht nur eine Handvoll, sondern stellten im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung den zweithöchsten Prozentsatz an Gerechten unter den Völkern (nach den Niederlanden).
1. Für die litauischen Juden war ein deutscher Einmarsch in Litauen das Todesurteil. 1941 war das jedem klar. Für die Juden war demnach die Wahl zwischen Pest und Cholera, zwischen Hitler und Stalin klar.
Schon am 6.2.1940, also 1,5 Jahre vor dem Einmarsch in Litauen, schreibt der Oberbefehlshaber Ost, Johannes Blaskowitz, über den Irrsinn der deutschen Gräueltaten im besetzten Polen:
"... Es ist abwegig, einige 10000 Juden und Polen, so wie es augenblicklich geschieht, abzuschlachten; denn damit werden angesichts der Masse der Bevölkerung weder die polnische Staatsidee totgeschlagen noch die Juden beseitigt. Im Gegenteil, die Art und Weise des Abschlachtens bringt größten Schaden mit sich, kompliziert die Probleme und macht sie viel gefährlicher, als sie bei überlegtem und zielbewußtem Handeln gewesen wären". Quelle: Schöne Zeiten-Judenmord aus Sicht der Täter und Gaffer
2. Für die religiösen Juden kam ein Engagement bei den atheistischen Bolschewisten natürlich nicht in Frage.
3. Die litauischen Juden waren überprozentual Besitzer von Unternehmen, besaßen Häuser und Mühlen. Nicht gerade das Klientel des Kommunismus.
Der deutsche Historiker Christoph Dieckmann schreibt in einer Rezension über das Buch "The Myth of Judeo-Bolshevism" von Paul Hanebrink:
"In order to understand how this thinking materialized, I would like to remind us of the work by German sociologist Klaus Holz. In his discursive analysis, he brilliantly showed that in a national order of the world it was impossible to define a Jewish position unequivocally. Jews were not really foreigners, and at the same time they were not supposed to be nationals. Contact between Jews across state borders nourished the suspicion that they might constitute something of a unit as “the Jews,” and tend to cosmopolitan theories of socialism or liberalism. All of this combined, predestined Jews to be seen not only as harmful to the build-up of a non-Jewish nation-state, but also as traitors of the nation in a moment of crisis, as well as destroyers of nationhood in a moment of apocalyptic crisis. Having studied the development of antisemitism in Lithuania in the twentieth century, I would argue that this was exactly how perception developed: Jews were allegedly harming the nation, then betraying it, then destroying it."
Neben dem Menschenverstand, der ja manchmal aussetzt, hier ein paar Fakten von Liudas Truska (aus Holocaust in Litauen):
"Über einige Jahrhunderte hinweg gewöhnten sich die Litauer an eine Opferrolle, und es ist heute für sie schwer zu verstehen, dass auch sie anderen Unrecht getan haben sollen.
Zu einem charakteristischen Kennzeichen der litauischen Mentalität ist eine Art von nationaler Rechthaberei geworden, d.h. die Meinung, dass Litauer den Inbegriff aller Tugenden verkörpern oder zumindest sich als solche darstellen müssten.
'Schlecht' sind immer nur "die anderen" - Juden, Zigeuner, Polen, Russen, Deutsche, d.h. Angehörige derjenigen Völker, mit denen die Litauer oft aneinander gerieten.
...
Versuche intellektuell mutiger Historiker, die vielschichtigen Ereignisse in der Mitte des 20. Jahrhunderts differenzierter darzustellen, eingefahrene Stereotype zu durchbrechen, liebgewonnene Mythen zu zerstören, die unangenehmen Ereignisse der jüngeren Vergangenheit ans Licht zu bringen, stoßen in der heutigen litauischen Gesellschaft, vor allem in ihren konservativen Schichten, auf wenig Gegenliebe".
Diese Historiker (wie Venclova oder Suziedelis) werden dann nicht selten verunglimpft als Dissidenten, Juden und Landesverräter.
Vielleicht kam der Hass auf die litauischen Juden (vergleichbar natürlich auch in Deutschland) wegen "deren unendliche (r) Überlegenheit über die kriegführenden Parteien, ihre äonenweite Weisheit und ihre tiefe Philosophie.", wie Kurt Tucholsky in einer Buchrezension über das Buch "Der Streit um den Sergeanten Grischa" von Arnold Zweig über die Ostjuden schreibt. Vielleicht waren die Juden den einheimischen ethnischen Litauern einfach überlegen, was Hass und Neid schürte?
Für den historisch interessierten Litauenfreund, sind die folgenden Fakten aber verblüffend.
(Wobei Informationen aus jüdischen Quellen von litauischen Konservativen meist abgelehnt oder zumindest skeptisch gesehen werden).
Truska schreibt:
"Die fast durchgängig in der litauischen Literatur verbreitete Auffassung von der Schuld der Juden in den Jahren 1940 und 1941 hat mich bewogen, die damaligen Ereignisse in Litauen, insbesondere die Kaderpolitik der Sowjetregierung, zu untersuchen. Die Ergebnisse der Untersuchungen haben mich als Litauer tief bewegt: ich konnte während der Okkupation und Annexion Litauens keinen Verrat der Juden finden, sondern musste eher ein unschönes Verhalten der Angehörigen meines eigenen Volkes feststellen.
Die Regierung Litauens, die am 15. Juni 1940 uneingeschränkt ... das Ultimatum der UdSSR annahm, bestand ausschließlich aus Litauern, in ihr war kein Jude vertreten.
...
Zu der am 17. Juni gebildeten Marionettenregierung (Volksregierung), die mit ihren Erklärungen die Okkupation verschleierte und damit die Bevölkerung täuschte, gehörte ein einzige Jude - der Gesundheitsminister.
...
Im sogenannten Volksseimas, der am 21. Juli Litauen zur Sowjetrepublik erklärte und Moskau ersuchte, Litauen in den Verband der UdSSR aufzunehmen, waren 67 Litauer, vier Juden, drei Polen, zwei Weißrussen und ein Lette.
Bis zur Okkupation machten Juden in der Tat den größten Teil der Kommunistischen Partei Litauens (KPL) aus. Ende 1939 war 1/3 ihrer Mitglieder Juden.
Doch nachdem massenweise Beamte aus Russland in Litauen eingesetzt wurden und in die Kommunistische Partei zunehmend Litauer eintraten, veränderte sich die nationale Zusammensetzung massiv.
Im Juni 1941 waren von 4.700 Parteimitgliedern der Litauischen KP 46,4% Litauer, 12,6% Juden und sogar 41% Russischsprechende ...
Zur gleichen Zeit befanden sich unter den 47 Mitgliedern des Zentralkomitees der LKP 24 Litauer, 5 Juden und 18 Russischsprechende ...
Das gleiche Bild ergibt sich für die repressiven Organe. Im Frühjahr 1941 waren unter den 519 Mitarbeitern des NKGB der Litauischen SSR (nicht gerechnet das technische und das Verwaltungspersonal) 55 Juden (10,6%) und unter den 94 Personen der obersten Ränge nur 5 (5,3%).
Unter der Sowjetmacht hatten die Juden vielleicht mehr zu leiden als die Litauer. Von den 986 verstaatlichten Industrieunternehmen waren 560 (57%) in jüdischer Hand und von den 1.600 verstaatlichten Handelsunternehmungen sogar 1.300 (83%)".
Von den Deportationen nach Sibirien im Juni 1941 lag der jüdische Anteil bei 13,5%, also höher als ihr Anteil an der Bevölkerung in Litauen.
Angenehm überrascht war ich von Dalia Grinkeviciutes Buch 'Aber der Himmel - grandios', in der sie ein differenzierteres Bild der Litauer und Juden zeichnet.
Inwieweit Habgier (wie in Deutschland, waren die litauischen Juden oft wohlhabender als ihre litauischen Mitbürger), über Jahre gewachsene Spannungen oder einfach nur die Nazipropaganda der Deutschen und ihrer litauischen Helfer (LAF) zur litauischen Unterstützung am Holocaust beigetragen haben, werden hoffentlich weitere Untersuchungen zeigen.
Verstörend finde ich das Mauern und Abstreiten von manchem Konservativen in Litauen. Die Angriffe auf Historiker und Intellektuelle, die ihre Sicht der Geschichtsforschung darlegen, auch wenn sie für Litauen beschämend sind.
Die historische Realität der über 200.000 ermordeten litauischen Juden, mit 95% Auslöschung die höchste Rate aller von Deutschland besetzten Ländern und die Forschungsergebnisse der letzten Jahre kann man nicht wegdiskutieren.
Das ist Geschichte.
Auch heute scheint die Existenz von Juden für so manchen Erdenbürger der Grund von fast allem Übel auf der Welt zu sein.
Es ist Zeit für mehr Vernunft!
Kaunas Garagenmorde 1941
auch bekannt als Morde vom Vytautas Prospect in Kaunas oder Morde an der NKVD Garage Kaunas.
Hier die Zeugenaussagen zu dem Massaker
Und ein 2016 aufgefundener Feldpostbrief vom 29. Juni 1941
English translation of the letter of soldier Heinrich Sandt
"Aber wir müssen über das, was geschehen ist, sprechen...ohne innere Zensur, ohne propagandistische Verzerrung, ohne völkischen Komplex, ohne Angst.
Wir müssen für alle Zeit verstehen, dass die Vernichtung der Juden unsere eigene Vernichtung ist, die Erniedrigung der Juden unsere eigene Erniedrigung ist, und die Zerstörung der jüdischen Kultur ein Angriff auf uns selbst ist."
Tomas Venclova (Zydai ir lietuvai 1975)

Ein berühmtes Foto: der Totschäger von Kaunas (hinten rechts)
Als am 22. Juni 1941 der deutsche Angriff auf die Sowjetunion begann, startete zeitgleich ein Aufstand der Litauer und der LAF (Litauische Aktivisten Front) gegen die abziehende Rote Armee. Gleichzeitig kam es zu Auschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Die von Deutschland aus gesteuerte LAF hatte den Nationalsozialistischen Antisemitismus verinnerlicht. Ziel war ein deutscher Sieg über die Sowjetunion und ein freies Litauen. Außerdem sollte Litauen reinrassig - und die ca. 8,5 % litauischen Juden, die sogenannten Litvaks, ins russische Kernland umgesiedelt werden. Am 23.6.1941 rief die LAF eine Provisorische Regierung aus, die allerdings nur ein sehr kurzes Dasein hatte, denn natürlich war ein unabhängiges Litauen in den Plänen der Nazis nicht vorgesehen. Als am 25.6.1941 die Wehrmacht ohne Gegenwehr in Kaunas einmarschierte, liefen die Pogrome gegen Juden schon an.
Wie Walter Stahlecker, Führer einer der Vernichtungsgruppen (Partisanenbekämpfung oder genauer gesagt Judenvernichtung) sagte (siehe weiter unten), kamen vom 25.6. auf den 26.6.1941 etwa 1500 Juden durch litauische Partisanen, auch Weissarmbändler genannt, ums Leben.
Waren die Pogrome auf den litauischen Hass gegen die Juden zurückzuführen, oder mussten die Deutschen nachhelfen?
"Stahlecker drängte die Partisanen dazu, ihre Einheiten nicht allein gegen Kommunisten und Aktivisten einzusetzen, sondern auch gegen die Juden von Kaunas, was die Partisanen nicht als vordringlich angesehen hatten." (Knut Stang: Kollaboration und Massenmord)
Das Treffen von Stahlecker mit den Anführern der Partisanen kann frühestens am 26.6.1941 stattgefunden haben. Da waren schon viele Juden tot. Wie und was auf dem Lietukis Garagenhof passierte ist aber bis heute nicht völlig geklärt. Die litauische Sicht differiert teils stark von der Sicht internationaler Historiker, russischer Seite und natürlich der jüdischen Sicht. Schon die überlieferten Zeiten variieren vom 25.6. bis zum 27.6.1941.
Dazu schreibt Christoph Dieckmann in "Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944"
" An dieser Stelle sei jedoch daran erinnert, dass Deutsche und Litauer in den Monaten vor Kriegsausbruch mit Pogromen rechneten. Die deutsche Sicherheitspolizei hatte spätestens fünf Tage vor Kriegsbeginn den konkreten Auftrag, Pogrome auszulösen. Am 17. Juni 1941 hatte der Chef des RSFLA, Reinhard Heydrich, die Führer der Einsatzgruppen und -komandos versammelt, wie aus Schreiben hervorgeht, die Heydrich kurz nach Kriegsbeginn verschickt hat. Heydrich schrieb am 29. Juni 1941 an die Chefs der Einsatzgruppen, er bringe unter »Bezug auf meine bereits am 17. VI. in Berlin gemachten mündlichen Ausführungen« in »Erinnerung«: »Den Selbstreinigungsbestrebungen antikommunistischer oder antijüdischer Kreise in den neu zu besetzenden Gebieten ist kein Hindernis zu bereiten. Sie sind im Gegenteil, allerdings spurenlos auszulösen, zu intensivieren, wenn erforderlich, und in die richtigen Bahnen zu lenken, ohne dass sich die örtlichen >Selbstschutzverbände< später auf Anordnungen oder auf gegebene politische Zielsetzungen berufen können. [...] Die Bildung ständiger Selbstschutzverbände mit zentraler Führung ist zunächst zu vermeiden; an ihrer Stelle sind zweckmäßig örtliche Volkspogrome, wie oben dargelegt, auszulösen«. Bei diesem Fernschreiben handelte sich somit nicht um einen Befehl, der erst eine Woche nach Kriegsbeginn die Leiter der Einsatzgruppen erreichte, sondern um die Erinnerung an eine gemeinsame Besprechung zwölf Tage zuvor."
C.Dieckmann "Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944"
Immer wieder umstritten ist, ob Frauen und Kinder als Zuschauer dem Massaker beiwohnten. Auf dem folgenden Bild kann man auf der rechten Seite recht gut einige Frauen und Jugendliche sehen.

Schätzungsweise neun Frauen sind zu sehen. Am rechten Rand scheinen zwei Kinder/Jugendliche zu stehen. Auf den Originalfotos würde man die Personen besser erkennen können.

Auf dem Garagenhof wurden Juden aus der Umgebung zusammengetrieben und von Weissarmbändlern, also den litauischen Partisanen der LAF, mit allen möglichen in der Garage vorhandenen Gegenständen erschlagen. Vorher mussten sie mit bloßen Händen Mist wegschaffen und wurden danach mit Wasserschläuchen abgespritzt. Dann begann das Morden. Einigen Opfern wurden die Wasserschläuche in den Mund gesteckt und Wasser in die Körper geleitet, bis sie platzten. Die Angaben über die Opferzahlen variieren von 10 bis 70, wobei sich das Litauische Institut für Völkermord und Widerstand scheinbar auf 50 Opfer einpendelt, Schon auf den vorhandenen Fotos, die von mehreren Wehrmachtssoldaten aufgenommen wurden, kann man mehr als 10 Opfer sehen. Nach der Mordorgie soll einer der Weissbändler mit einem Akordeon auf die Leichen gestiegen sein und die litauische Nationalhymne gespielt haben.
Mit der Zeit sammelten sich immer mehr Schaulustige an, wie man auf den Fotos erkennt, darunter Frauen und Kinder. Dabei sind auch Wehrmachtsoldaten, unter anderem einer Bäckerkompanie. Die Deutschen greifen aber nicht ein. Sie melden den Vorfall ihren Vorgesetzten, wo die Vorfälle schon bekannt sind. Einer dieser Soldaten machte private Fotos. Sein Film wird voll, er kann die Rolle gerade noch aus der Kamera nehmen, als ein anderer Soldat seine Kamera konfisziert. Aber der Film ist gerettet und die Bilder tauchen nach dem Krieg in verschiedenen Archiven auf. Ein Fotograf der Wehrmacht macht ebenfalls Fotos, weigert sich aber der Aufforderung der SS nachzukommen, seine Kamera abzugeben. Dafür müsste man seinen Vorgesetzten um Erlaubnis fragen.
Diese Darstellung stützen fast alle Historiker. (Siehe Zeugenaussagen Lietukis Garagenmorde).
Eine andere Sicht der Dinge stammt von Aleksandras Bendinskas, der in der litauischen Zeitung "Gimtasis Krastas" 1989 eine ganz andere Version präsentiert.
Demzufolge hatten sich die LAF Partisanen (Bendinskas war Mitglied im Stab der LAF, später Chef des Stabes, selbst aber angeblich nicht vor Ort) in fünfer Gruppen aufgeteilt. Diese Gruppen sollten litauische Einrichtungen vor Zerstörungen durch die abziehende Rote Armee schützen. Eine dieser Gruppen wollte den Fuhrpark der Lietukis Garage schützen (von diesem Garagenhof wurden bis vor dem Krieg Deportationen durchgeführt), als sich das letzte Personal des russischen Sicherheitspersonals in Sicherheit bringen wollten. Die Partisanen nahmen die Flüchtenden gefangen und sperrten sie in die Garagen ein. Seltsamerweise waren alle Gefangenen Juden, obwohl der prozentuale Anteil von Juden in den Sicherheitsorganen ein ganz anderer war.
Die Bolschewisten waren der Hauptfeind der Partisanen, hatten die Sowjets doch mehr als ein Jahr in Litauen gewütet und Tausende Litauer nach Sibirien deportiert. Durch die Nationalsozialisten und der von Kazys Skirpa aus Berlin gesteuerten LAF machte das Gleichnis vom Juden=Kommunist=Bolschewist die Runde.
Als aus den KGB Gefängnissen freigelassene Litauer ihre Peiniger in der Garage erkannten, nahmen sie blutige Rage und erschlugen sie. Wobei die Opferzahlen bei "ein paar mehr als Zehn, vielleicht weniger..." lagen.
(Quelle: Bitter Legacy von Zvi Gitelman)
Natürlich stimmt diese Version überhaupt nicht mit anderen Berichten überein. Ich verstehe auch nicht (siehe unten angefügte Links) wie man Bendinskas Version als die wahrscheinlichste ansehen kann.
Den kompletten Text von Bendinsaks gibt es unter Zeugenaussagen Lietukis!
Leonid Olschwang schrieb 1984 im Spiegel (Die Mörder werden noch gebraucht):
"...In Kaunas wurden die Juden besonders grausam geschlachtet- von Litauern. So wurden an einem Tag Juden in dem großen Garagenhof der Genossenschaft "Lietukis" an der Strasse Vytauto Prospektas zusammengetrieben. Manche zwang man ebenfalls, Mist zu essen; anderen stopfte man einen Schlauch in den Mund und pumpte Wasser hinein, bis die Körper platzten. Die meisten wurden mit Eisenstangen erschlagen..."
Der gesamte Artikel von Olschwang ist interessant und weiter unten verlinkt.
"Im Dienste der SS" von J.Vicas aus dem Jahre 1961 gibt die Zeugin N. Goldsteinas etwa 100 Opfer an.
M.Eglinas schildert im Buch "Festung des Todes" die schon genannten Szene, bei der ein Weissarmbändler mit einem Akkordeon auf den Leichen Musik spielt. (Siehe auch die Zeugenaussage von Gunsilius). Andere tanzen betrunken um die Leichen.
Interessant und gleichzeitig traurig ist die unterschiedliche Darstellung der Lietukis Morde von jüdischer und litauischer Seite. Ich habe das Gefühl, das die litauische Darstellung die Opferzahlen minimiert (Bendinskas nennt 10) und die Taten gleichzeitig als Rache an Peinigern darstellt. Zufällig alles Juden, na ja. (Siehe hier auch die verlinkte Diskussion im Axis Geschichtsforum).
Ganz anders und viel detaillierter die Darstellung der jüdischen Seite, die sich natürlich als Opfer mit dem Holocaust eingehend beschäftigt hat, ganz anders als die Litauer, die erst unter sowjetischer Besatzung schweigen mussten (es waren keine Juden ermordet worden, sondern Sowjetbürger) und nach der Unabhängigkeit den Holocaust lieber aussparte und eine eigene Schuld verneinte.
Alex Faitelson schreibt in seinem Buch "Truth and nothing but the truth" ein umfangreiches Kapitel über die Lietukis Morde.
Er beschuldigt die litauische Presse wiederholt die Morde dadurch zu rechtfertigen, dass die Mörder sich an den jüdischen NKVD Mitarbeitern gerächt haben, die sie im Jahr der Besatzung gequält und deportiert hatten. Sein Bericht ist umfangreich und gut recherchiert. Er nennt die Zeugenaussagen von anwesenden deutschen Soldaten aus Verhörprotokollen aus Deutschland von 1959, die Namen der Fotografen und Aussagen von Nachbarn der Lietukis Garage. Außerdem verweist er auf einen Artikel in der SPD Zeitung "Vorwärts" von 1958, der mit Fotos von den Morden in Litauen berichtet.
In deutschen Archiven fand er 2000 die Verhörprotokolle der Soldaten.
Das Verhör des Soldaten Karl Röder, der in der Bäckerkompanie eingestzt war und an der Lietukis Garage Fotos machte, fand 1959 in Düsseldorf statt.
Röder war im Sommer 1941 in der Bäcker Kompanie Nr. 562, die zur 16. Armee gehörte. Laut seiner Aussage fuhr er auf dem Weg zu seinem neuen Quartier an der Lietukis Garage vorbei und sah eine Ansammlung von Leuten. Neugierig stieg er auf sein Auto um wegen der Menschenmenge besser sehen zu können. Er sah litauische Zivilisten, die andere Zivilisten mit allen möglichen Dingen bis zur Leblosigkeit schlugen. Im Unverständnis was dort ablief, fragte er einen deutschen Soldaten, der ihm die Auskunft gab, dass hier aus der Stadt eingesammelte Juden umgebracht würden. Sie würden getötet von eben aus dem Gefängnis entlassenen Litauern. Als Röder den Garagenhof erreichte, waren etwa 15 Menschen ermordet und weitere wurden herangeführt. Man konnte auch Mitglieder der LAF mit ihren Armbändern sehen. In den zehn Minuten an der Garage, sah er wie etwa zehn bis fünfzehn Juden erschlagen wurden. Alle Wehrmachtsangehörigen, die vor Ort waren, kamen durch Zufall dahin und haben sich an den Taten nicht beteiligt. Auch SS und SD war nicht zu sehen. Als Röder den Morden zuschaute, war der auf späteren Fotos zu sehende Weissarmbändler mit der langen Eisenstange noch nicht da.
Stahlecker-Bericht (Auszug)
"Auf Grund der Erwägung, dass die Bevölkerung der baltischen Länder während der Zeit ihrer Eingliederung in die UdSSR unter der Herrschaft des Bolschewismus und des Judentums auf Schwerste gelitten hatte, war anzunehmen, dass sie nach der Befreiung von dieser Fremdherrschaft die nach dem Rückzug der Roten Armee im Lande verbliebenen Gegner in weitgehendem Maße selbst unschädlich machen würde. Aufgabe der Sicherheitspolizei musste es sein, die Selbstreinigungsbestrebungen in Gang zu setzen und in die richtigen Bahnen zu lenken, um das gesteckte Säuberungsziel so schnell wie möglich zu erreichen. Nicht minder wesentlich war es, für die spätere Zeit die feststehende und beweisbare Tatsache zu schaffen, dass die befreite Bevölkerung aus sich selbst heraus zu den härtesten Maßnahmen gegen den bolschewistischen und jüdischen Gegner gegriffen hat, ohne dass eine Anweisung deutscher Stellen erkennbar ist.
In Litauen gelang dies zum ersten Mal in Kauen durch den Einsatz der Partisanen. Es war überraschenderweise zunächst nicht einfach, dort ein Judenpogrom größeren Ausmaßes in Ganz zu setzen. Dem Führer der oben bereits erwähnten Partisanengruppe, Klimaitis, der hierbei in erster Linie herangezogen wurde, gelang es, auf Grund der ihm von dem in Kauen eingesetzten kleinen Vorkommando gegebenen Hinweise ein Pogrom einzuleiten, ohne dass nach außen irgendein deutscher Auftrag oder eine deutsche Anregung erkennbar wurde. Im Verlaufe des ersten Pogroms in der Nacht vom 25. zum 26. 6. wurden über 1.500 Juden von litauischen Partisanen beseitigt, mehrere Synagogen angezündet oder anderweitig zerstört und ein jüdisches Wohnviertel mit rund 60 Häusern niedergebrannt. In den folgenden Nächten wurden in derselben Weise 2.300 Juden unschädlich gemacht. [...]
Durch Unterrichtung der Wehrmachtsstellen, bei denen für dieses Vorgehen durchweg Verständnis vorhanden war, liefen die Selbstreinigungsaktionen reibungslos ab. Dabei war es von vornherein selbstverständlich, dass nur die ersten Tage nach der Besetzung die Möglichkeit zur Durchführung von Pogromen boten. Nach der Entwaffnung der Partisanen hörten die Selbstreinigungsaktionen zwangsläufig auf."
(Aus: Stahlecker-Bericht über die Tätigkeit der Einsatzgruppe A. vom 22. Juni bis 15. Oktober 1941, 15. 10. 1941, zit. nach: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Nürnberg 1949, Bd. XXXVII, S. 682 f.)
Quellen:
Leonid Olschwang: "Die Mörder werden noch gebraucht"
Solomonas Atamukas "The hard long road to the truth" (Die Webseite Lituanika ist leider offline).
Axis History Forum "What really happened at the Lietukis garage in 1941"
Elisabeth Boeckl-Klamper "Pogrome in Kaunas 1941" im DÖW (Dokumentationsarchiv des österreich. Widerstandes)
Klee, Dreßen, Rieß "Schöne Zeiten" Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer
Zvi Gitelman "Bitter Legacy Confronting the Holocaust in the USSR"
Die Fotos kann man sehen beim Bundesarchiv
Józef Piłsudski
Von Vilija Handschin

Jozef Pilsudski ©Wikipedia
Józef Piłsudski wurde 1867 im Gutshof Zalavas (polnisch: Zułów), 60km von Vilnius entfernt, geboren.
Seine Eltern gehörten dem litauischen Adel an. Paradoxerweise war Józef Piłsudski, der grosse Reanimator der polnischen Republik, gar kein richtiger Pole.
Gleich wie der Dichter Adam Mickiewicz, hielt er sich für einen Menschen aus dem Grossfürstentum Litauen. Bei seiner Geburt waren Litauen und Polen noch von Russland annektiert.
Józef Piłsudski besuchte das Erste Gymnasium in Vilnius, später studierte er an der Universität Charkow. Wegen seiner antizaristischen Haltung musste er die Universität 1885 verlassen. Im März 1887 wurde er wegen der Teilnahme an der Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags gegen Zar Alexander III verhaftet und in St. Petersburg inhaftiert und später zu fünf Jahren Verbannung in Sibirien verurteilt.

Polnische Truppen in Vilnius
1892 kam er wieder zurück nach Vilnius und beteiligte sich an der Bildung der Polnischen Sozialistischen Partei.
Im Jahr 1900 wurde er in Łódź verhaftet und in der Zitadelle Warschau gefangen gehalten. Indem er eine psychiatrische Krankheit simulierte und sich nur noch von gekochten Eiern ernährte, die ihm seine Mutter schickte, konnte er die Überweisung in die Psychiatrische Klinik in St. Petersburg erwirken.
1901 floh er aus der Psychiatrie nach Galizien. Später reiste er noch Tokio, um dort für die Unterstützung des Kampfs gegen das Russische Reich zu werben. Stets auf der Flucht gelang es ihm terroristische Überfälle auf Banken und Postzüge durchzuführen. 1914 rief Piłsudski in Galizien zur Bildung polnischer Legionen auf, die später die Grundlage der polnischen Armee bildeten, zu deren Oberbefehlshaber Piłsudski im November 1918 ernannt wurde.

Polnische Truppen unter Pilsudski marschieren triumphierend durch das Ausros Tor in Vilnius ein (1919)
Für die Polen ist Józef Piłsudski eine wichtige Persönlichkeit, ähnlich wie Jonas Basanavičius für die Litauer.
Denn Piłsudski gilt als der geistige Vater des unabhängigen Polens und Retter Europas gegen die Rote Pest. Bis an sein Lebensende hielt er an seiner Vision fest, einen Staat mit den alten Dimensionen des ehemaligen Polnisch-Litauischen Reichs (Rzeczpospolita) zu schaffen.
Kurz vor seinem Tod 1935 sagte er im Hinblick auf sein diesbezügliches Scheitern: «Ich habe mein Leben verloren.»
Sein Traum stand allerdings im Widerspruch zur Freiheitsliebe der Litauer, die einen eigenen Staat gründen wollten. 1920 nutzten die Polen die Schwäche des noch jungen, neugegründeten Litauens und besetzten Vilnius im Handstreich. Damit brachen sie den erst zwei Tage zuvor geschlossenen Vertrag von Suwałki, in dem Polen auf den grössten Teil des strittigen Gebiets von Vilnius mit seiner polnischen Bevölkerungsmehrheit verzichtet hatte.
Das haben die Litauer Piłsudski bis heute nie verziehen.
Der Leichnam von Józef Piłsudski wurde in der Krypta der Wawelkathedrale in Krakau beigesetzt. Piłsudski hatte testamentarisch verfügt, dass sein Herz auf dem Rasos-Friedhof in Vilnius die letzte Ruhe fände – als Ausdruck seiner Zugehörigkeit zu Litauen.
Die Herzbestattung fand ein Jahr nach Piłsudskis Tod statt, gleichzeitig mit der Beisetzung seiner Mutter.

Pilsudskis Grab in Vilnius Sein Herz wurde hier bestattet

Eine Eiche erinnert an das Geburtshaus von Josef Pilsudski in Zulow (Zalavas, Litauen) Foto © wspolnota-polska.org.pl
Mehr über Pilsudskis Rolle bei der Einnahme von Vilnius: Pilsudski Wilno

Josef Pilsudski wollte, dass sein Herz in Vilnius beerdigt wurde. Es liegt heute auf dem Rasos Friedhof.

Jozef Pilsudskis Grab in der Wawel Kathedrale in Krakau
Partisanen
Alles was mit den Partisanen 1941 und spaeter zu tun hat.
Quellen
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