Litauische Geschichten

Hermann Sudermann
Litauische Geschichten
1917
Hermann Sudermann war ein deutscher Schriftsteller der 1857 nahe Heydekrug, dem heutigen Šilute, geboren wurde.
Šilute gehörte damals noch zu Deutschland, insgesamt hatte das sogenannte Memelland (wie der ostpreußische Landstrich auch genannt wurde) einen litauischen Bevölkerungsanteil von über 50%. Die ostpreußischen Litauer hatten mit den Litauern im russischen Litauen (seit 1795 war Litauen von Russland besetzt) außer der Sprache nicht viel zu tun.
Sudermann war schon ein erfolgreicher Schriftsteller und lebte in Berlin, als er die „Litauischen Geschichten“ schrieb. Gedacht war das Buch für ein gesamtdeutsches Publikum, für die ihre litauischen Mitbürger ein Kuriosum darstellten. Der litauische Schriftsteller Vydunas soll Sudermann deshalb kritisiert haben, die Litauer als rückständig dargestellt zu haben.
Tatsächlich sind die vier einzelnen Geschichten spannend und flüssig zu lesen. Teilweise sind sie herzzerreißend und traurig, dann wieder optimistisch und lustig. Sie schildern das Leben der preußischen Litauer und deren Reibungspunkte mit den Deutschen. Viele beschriebene Orte erkennt der Litauen Reisende wieder.
Der erste Teil, Reise nach Tilsit, erinnert mich etwas an Ieva Simonaitytės Buch „Vilius Karalius“, das aber erst später, 1931 bis 1956 geschrieben wurde. Aber es gibt einige Parallelen, Ehebruch und Schmuggel über die russisch-preußische Grenze. Sudermann schreibt aber viel optimistischer (und mit einem lachenden Auge) als Simonaityte, auch wenn es nicht immer ein Happy End gibt.
Sudermanns Schreibstil, wenn man die Zeit und das prüde damalige Publikum betrachtet, ist erstaunlich freizügig. Der Sex wird zwar nicht explizit beschrieben, aber er kommt auffällig oft und an interessanten Stellen vor. In Jons und Erdme denken eine Fünfzehnjährige und deren Nachbarin Erdme darüber nach, ihrem nach Beischlaf lechzenden Nachbarn zur Abhilfe zur Verfügung zu stehen. Aus Mitleid sozusagen.
Der Leser bekommt einen Einblick vom Leben der damaligen sogenannten „Lietuvininkai“, die für die meisten Bewohner des Deutschen Reiches fremdartig und interessant waren. Vielleicht aufgepeppt durch etwas Erotik. Die Auflage von den "Litauischen Geschichten" scheint auch recht hoch gewesen zu sein.
In Jons und Erdme wird über die ältere Tochter der Beiden geschrieben:
"Als sie mit siebzehn Jahren nach Königsberg ging, um als Kellnerin einzutreten - denn das sollte die Schwelle sein zu dem künftigen Glück-, da war sie ein appetitliches Mariellchen mit kornblumenblauen Augen und einem süßen Schnauzchen, rund und feucht wie eine betaute und gespaltene Pflaume...". Überhaupt beschreibt Sudermann den Aufstieg der Frauen über deren Beziehungen zu Männern.
Leider ist die Tochter nicht nur süß, sondern auch skrupellos. Die Eltern haben sich hochgeschuftet im Moor. Wer Silute oder Heydekrug kennt, weiß um die Überschwemmungen (hier sieht man ganz untern eine Traktorfahrt mit unserer litauischen Freundin Dangute nach Rusne) und das karge Leben im Moor. Das wird von Sudermann wirklich perfekt beschrieben.
Die Spendenaktion nach den verheerenden Überschwemmungen erinnert mich an meinen ersten Besuch in Silute 1992. Unser Transport hatte auch unglaublich viel Schrott geladen. Von Sudermann schon siebzig Jahre früher beschrieben.
Auch die Talka (bekannt dem Leser durch Ulla Lachauers "Paradiesstraße"), der Piršlys und der Standesunterschied zwischen Deutschen und Litauern wird beschrieben. So manchen Leser wird die Geschichte von Jons und Erdme an sich selber und seine Kinder erinnern. Na ja, natürlich sind viele Kinder auch fleißig.
Auch heute vermittelt das Buch noch etwas vom damaligen Leben der preußischen Litauer und dem Zusammenleben mit den Deutschen. Vor denen man sich als Litauer, das sagten schon die alten Prussen, Donelaitis, aber auch Sudermann, in Acht nehmen sollte.
Das Buch kann ich empfehlen! Man muss auch nicht so ein altes Exemplar kaufen, neue Ausgaben gibt es im Buchhandel.
Das ist meine Meinung zum Buch. Gerne veröffentliche ich auch Ihre !