Jonas Noreika

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Jonas Noreika Litauen

Jonas Noreika war Chef der Kreisverwaltung der nordlitauischen Stadt Šiauliai. Er wurde von der Provisorischen Regierung am 3. August 1941 ernannt, kurz bevor der Deutsche Hans Gewecke seinen Posten als Gebietskommissar in Šiauliai antrat. Noreika ersetzte den weniger radikalen Ignas Urbaitis.  Im Verantwortungsbereich von Hans Gewecke (und Jonas Noreika) starben 60.000 Juden.
Gewecke vertrat die Interessen des Deutschen Reiches, Noreika die Litauischen. 

Jonas Noreika Plakette Vilnius

Geboren am 8.10.1910, ermordet 26.2.1947

1931 - Abschluss der Militärschule in Kaunas 1931-33 - Dienst im 7. Infanterieregiment in Klaipėda. 1934-39 unterrichtete er an der Militärschule. Er gab die Zeitschrift Kariūnas heraus, schrieb journalistische Artikel und Novellen, verfasste den Roman Penki Broliai (Fünf Brüder); der gedruckte Roman wurde 1940 von den sowjetischen Besatzungsbehörden zerstört. Sein antisemitisches Pamphlet (Pakelk galva, Lietuvi!!! [Kopf hoch, Litauer]) ruft die Litauer auf, nicht mehr bei Juden zu kaufen und die ethnischen Litauer zu unterstützen. Im Jahr 1938 schloss er sein Studium an der Juristischen Fakultät der Vytautas-Magnus-Universität ab. Ab 1939 arbeitete er am litauischen Militärgericht. Nach der Besetzung Litauens durch die UdSSR am 28.10.1940 aus der Armee entlassen. In der Gemeinde Plungė gründete er eine Nationale Arbeitsschutzgesellschaft (als Teil der Litauischen Aktivistenfront).

Nach dem Einmarsch der Deutschen war er der Mitgründer der Verwaltung und Polizei in der nordlitauischen Stadt Plunge. Die dortigen Juden wurden gettoisiert und am 13. oder 15.7.1941 ermordet). Laut einem Wikipedia Eintrag hat Noreika das Massaker zu verantworten. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass die Litauer wie überall den Transport und die Bewachung der Juden übernommen haben, sich wahrscheinlich auch an den Erschießungen mindestens beteiligten... der Befehl zur Ermordung der Juden kam aber wahrscheinlich von den Deutschen. Inwieweit Noreika involvier war, darüber gibt es keine Belege.

Bisher habe ich auch keinen Nachweis gefunden, dass Noreika selber an Erschießungen beteiligt war. 
Christoph Dieckmann schreibt etwas dazu in "Deutsche Besatzungspolitik in Litauen", aber auch ohne Hinweis auf Noreika: "Nach den verfügbaren Angaben löschten unter der Führung weniger Deutscher Litauer schon Mitte Juli 1941 die jüdische Gemeinde von Plungė vollständig aus"2

Warum hier über Jonas Noreika geschrieben wird? Eigentlich ist er ein kleines Licht, einer von vielen Litauern in den Verwaltungen, die den Deutschen ihre Arbeit erleichtert haben und die meinten, sie würden ihrem Land (oder sich selber) dienen. (Ohne Litauer in den Verwaltungen und als Helfer hätten die Deutschen, die chronisch unterbesetzt waren, ihre Arbeit in den besetzten Gebieten nicht geschafft. Ein Beispiel: die litauische Zivilverwaltung bestand aus 20.000 Litauern und 600 bis 900 Deutschen. Die Organisation, die die Häuser, Wohnungen und Grundstücke der ermordeten Juden verteilte ("RKO", 46% der Immobilien in Vilnius gehörten Juden!) bestand aus 13 Deutschen und 2.000 Litauern.)1

 

Je mehr man liest, desto mehr kann man lernen. Der Generalsekretär der Litauischen Nationalistischen Partei, Zenonas Blynas schrieb in seinem Tagebuch im Juli 1941 über ein Treffen von drei rechten litauischen Organistationen in Kaunas. Darin wird auch die Stellung Noreikas in der Hierarchie von Žemaitija deutlich. Interessanterweise fand das Treffen im Vytautas Militärmuseum in Kaunas statt. Dort steht auch heute noch eine Puppe mit TDA Uniform unkommentiert herum. Es ist tatsächlich unwahrscheinlich, dass Noreika nichts von den Morden an den Juden in Telsiai (Rainiai) wusste.

Zitat aus Silvia Fotis Buch "The Nazis Granddaughter":

"As Simon and I ate breakfast the next day, he spoke of the diary of Zenonas Blynas, the general secretary of the Lithuanian Nationalist Party. In an entry dated July 31,1941—shortly after the Nazis asserted control over Lithuania—Blynas described Jonas Noreika as wanting to unite the Lithuanian National Party, the Lithuanian Activist Front, and the Iron Wolf Front, which, as we have seen, was a Lithuanian version of the Nazi SA “Brownshirts” in Germany.
The Iron Wolf meetings took place in the Vytautas Magnus War Museum, in Kaunas. Blynas wrote:    
The Žemaičiai land LAF delegation arrived. We spoke nearly two hours. Their leader Capt. Jonas Noreika asked us to make a final resolution. Brunius gave the document. Noreika asked [for] our authorization. 
The document read:
The Žemaičiai land representatives met in Telšiai on July 29,1941, and knowing and understanding the situation, have decided to create the Žemaičiai delegation from these people:
1) Telšiai region LAF leader Captain Jonas Noreika, 
2) Telšiai region police chief and region LAF leader’s assistant Juodikis,
3) Telšiai region chief of staff Ramanauskas, 
4) Telšiai region TDA commandant Major Svilas, 
5) Plungė LAF leader and TDA chief of staff Lieutenant Alimas, 
6) Telšiai region hospital director Dr. Plechavičius, 
7) Lithuanian Bank Telšiai branch Director Jurkus.
The delegation was quickly sent to Kaunas with the following declaration:
1) The Žemaičiai declare their region’s unity and understanding regarding our Nation’s destiny in its concerns and invite all Lithuanians with good will to unquestionably find the means to maintain total Lithuanian national unity during this solemn hour....
5) It seems to us that nationwide unity and social justice matters would be more effective in a unified Lithuanian nation. This can and will find a basis of practical common work by sincerely and loyally collaborating with the German Nazi pathway."


Noreika ist einer von den litauische Helden, die konservative Litauer scheinbar unbedingt brauchen. Keine Ahnung warum. Minderwertigkeitskomplexe, Trotzreaktion wegen dem ausländischen Druck? Weil er "Antikommunist" war?

Sein Name ist eingemeißelt in die Fassade des "Genozid Museums" in Vilnius (in seiner Funktion als Widerständler gegen die Sowjets), eine Schule ist nach ihm benannt (wobei der Schuldirektor sagt, alle Vorwürfe gegen Noreika sind erlogen), es gibt Noreika Straßen und an der Wissenschaftlichen Bibliothek der Akademie der Wissenschaft in Vilnius hängt eine Erinnerungstafel an ihn. Im Zentrum von Vilnius in Sichtweite der Kathedrale. 

Jonas Noreika Tafel Vilnius

Bis 1943, als sich die militärische Niederlage Deutschlands abzeichnete, war die deutsch-litauische Zusammenarbeit reibungslos, deckungsgleich wäre übertrieben (Litauen wurde wie alle besetzten Gebiete zur Versorgung der Wehrmacht ausgebeutet), aber die Sowjetunion und die litauischen Juden waren der gemeinsame Feind. Ein eigener Staat der ethnisch-litauische Traum!

Deutschland führte als eine seiner ersten Handlungen in Litauen die Ghettoisierung der Juden ein. Hans Gewecke, als deutscher Verantwortliche in Šiauliai, Noreikas Chef, schildert in einem mit dem französischen Journalisten Claude Lanzmann geführten Interview (der Link zu diesen langen, interessanten Interviews steht unten), dass nicht er selber die Einrichtung des Ghettos befahl bzw. organisierte, sondern dafür abgesandte "Ordensjunker". 60.000 Juden sollten in seinem Verantwortungsbereich sterben.

Die "Ordensjunker" gaben den Befehl an die entsprechenden litauischen Stellen weiter. Das war Jonas Noreika. Seine Unterschrift steht folgerichtig auf dem Befehl zur Ghettoisierung. 

Nachdem die Juden ins Ghetto mussten, bezog Noreika ein "plötzlich" leer gewordenes jüdisches Haus.
Außerdem kaufte er offensichtlich von Juden konfiszierte Möbel, in einer Zeit, als die Juden noch lebten und ihr weiterer Verbleib ungeklärt war [Quittungen existieren]. Christoph Dieckmann schreibt in seinem Buch "Understanding the Holocaust", dass Noreika nicht klar war, dass die Juden ermordet werden. 

"The Lithuanian administration didn't know these Jews would be murdered soon. They just hoped they would disappear somehow and never come back". Dieckmann/Vanagaite S.144

Im Februar 1943 schickten die Deutschen Noreika auf eine Propagandatour ins Reich. Dort besichtigte er eine Fischfarm, wo die Fische verarbeitete Exkremente von Menschen zu fressen bekamen.
Zurück in Litauen schrieb er einen hämischen Bericht, dass die Deutschen mit den Fischen ihre eigene Scheisse fressen. Die Deutschen waren nicht begeistert und steckten ihn zwei Wochen ins Gefängnis.

1943 merkten die Litauer langsam, wie es Raul Hilberg ausdrückte (Die Vernichtung der europäischen Juden), dass sie die nächsten Opfer auf der deutschen Rassenleiter waren. Die Deutschen forderten eine SS-Legion aufzubauen, die aber nicht den Forderungen der Litauer entsprechend in Litauen, sondern in anderen Ländern kämpfen sollte. Plötzlich konnten die Litauer deutsche Befehle umbiegen und anders interpretieren. Zu den Musterungen für diese SS-Legion kamen nur Fußlahme und Taube.

Die Nazis gaben die Bildung einer SS-Legion auf und schickten als Strafe eine Gruppe von litauischen Intellektuellen ins Konzentrationslage Stutthof. Unter anderen der Schriftstelle Balys Sruoga und Jonas Noreika.
Damit wurde Jonas Noreika zum Widerstandskämpfer gegen die Deutschen. Es wird geschrieben, dass die Litauer in Stutthof ein privilegiertes Leben hatten und Sruoga angeblich sogar von Besuchen bei jüdischen "Prostituierten" schrieb. Ich hatte mal bei der Gedenkstätte Stutthof angefragt und keine Antwort bekommen und Rolf Abrahamson, Überlebender von Stutthof und in Marl wohnhaft meinte, privilegiert im KZ sei Quatsch. Allerdings durfte Noreika 77 Briefe nach Haus schicken, die Litauer trugen Privatsachen und lebten abseits der anderen Gefangenen. (Quelle: Silvia Foti)

Nach der Befreiung von Stutthof (9.5.1945) wurde Noreika in die Reservearmee der UdSSR eingezogen, diente als Gefreiter. Nach seiner Demobilisierung am 11.11.1945 traf er in Vilnius ein und begann eine Tätigkeit als Rechtsberater an der Akademie der Wissenschaften der LSSR. Vor dem Eingang der Vrublevskis Bilbiothek der Akademie der Wissenschaft hängt auch die Erinnerungstafel an ihn.

In dieser Zeit war er im litauischen Untergrund gegen die sowjetischen Besatzer aktiv. Im März 1946 wurde er verhaftet und im Februar 1946 erschossen. Zumindest seine antisowjetische Karriere dauerte nicht besonders lange. Umso verwunderlicher seine Bedeutung in Litauen. Sein Kampfname "General Sturm" hat er sich in 4 Monaten verdient.

Fazit
Jonas Noreika war ein antisemitischer litauischer Nationalist, ein Mitglied der LAF und Helfer der Nazi-Besatzer. Als hohes Mitglied der litauischen Verwaltung trägt er eine große Mitschuld an den Taten der Deutschen. Auch wenn es keine Hinweise auf Beteiligungen an Erschießungen gibt, sieht ein Held für die meisten Demokraten anders aus. Warum die Litauer ihn so mögen ist mir ein Rätsel.

 

Noreika war kein Nazi?

Im Online Magazin "Lithuania Tribune" schreibt ein V. Sinica am 26.4.2021, dass Jonas Noreika kein Nazi war. Er sei kein Mitglied der Nationalsozialistischen Partei gewesen und hätte sich niemals mit deren Gedankengut identifiziert. 
Auf einem Koordinationstreffen der litauischen Oppositionskräfte im Juli 1941 in Kaunas nahm Noreika als Abgesandter der LAF teil. Weitere Vertreter kamen von der TDA (federführend im Holocaust) und der Nazipartei LNP. Damit wird er zwar noch kein Mitglied einer Nazi Partei, kooperiert aber offensichtlich mit denen.


Sinica ist einer der Initiatoren der Erinnerungstafel für Noreika an der Wroblewski Bibliothek (im Zentrum von Vilnius nahe der Kathedrale).

Sinica schreibt über Fotis Anschuldigungen, ihr Großvater sei mitverantwortlich für die Judenmassaker in Plunge, dass Noreika zu diesem Zeitpunkt nicht in Plunge und er auch nicht Stadtkommandant war. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass Noreika nichts von den Massakern an 1.800 Juden wusste. 
Immerhin war er Anführer der LAF in Zemaitija. Mit diesem Wissen hat er den Posten als Kreischef von Siauliai angenommen.

Noreikas Unterschriften auf Befehlen zur Ghettoisierung der Juden und die Konfiszierung ihrer Vermögen entschuldigt Sinica mit der Aufgabe eine Kreiskommandanten in Litauen, der die Befehle seines deutschen Vorgesetzten, hier Gebietskommissar Hans Gewecke, weitergeben musste. Sinica schreibt, dass auch Gebietskommissar Gewecke durch englische und amerikanische Gerichte entlastet worden ist. So kann man sich seine gewünschte Geschichte hinbiegen.

 

Die Tötung der Juden sei nicht absehbar gewesen. (Das sagt auch der Historiker Christoph Dieckmann für diesen Zeitpunkt so). Allerdings war das Massaker in Plunge vor den Ghettoisierungsbefehlen und jeder der wollte, konnte die weitere Behandlung der Juden erahnen

2022 kam es in Deutschland zu einem Prozess gegen eine 94-jährige Sekretärin des Konzentrationslagers Stutthof. Die Dame hatte als 18-19-jährige im KZ als Sekretärin angefangen. 

In Litauen dagegen wehren sich manche Historiker und Konservative mit Händen und Füßen gegen eine Darstellung Noreikas als Nazi Kollaborateur. Auch wenn einige Aussagen in Silvia Fotis Buch "The Nazi's Granddaughter" unbewiesen sind, hat Noreika mit den Deutschen zusammengearbeitet, als Chef der Siaulaier Verwaltung auch an der Vernichtung der Juden. Diese Zusammenarbeit endete erst, als die gemeinsamen Interessen auseinander gingen, mit der Konskription junger Litauer zur Aufstellung von SS-Verbänden, die außerhalb Litauens kämpfen sollten.
Plötzlich war Widerstand möglich.

Noreikas Schrift "Pakelk galva, Lietuvi!!!" (Kopf hoch, Litauer), zeigt seine frühe antisemitische Einstellung, wird seltsamerweise aber nicht thematisiert. 

https://lithuaniatribune.com/v-sinica-lithuania-doesnt-glorify-nazis-and-noreika-wasnt-one-a-response-to-silvia-foti/

 

Mehr zu Jonas Noreika: Rezension Silvia Foti "The Nazi's Granddaughter"


Quellen:
1. Dieckmann/Vanagaite "Understanding the Holocaust"

C. Dieckmann/Vanagaite "Understanding the Holocaust" S.190
"These orders came from the German Gebietskommissar or Stadtkommissar. Not necessarily written orders. Such orders were given orally or both orally and in writing. For instance, there was a meeting of heads of the Lithuanian and German administrations in Šiauliai on August 13. Newly appointed Šiauliai district head Jonas Noreika participated, among others. Gebietskommissar Hans Gewecke gave orders on what to do with the Jews in the Šiauliai district. In the minutes of the meeting, when it comes to the Jews, we read that they should be ghettoized [Diesen Befehl hat Noreika unterschrieben], perform forced labor, and all their property registered."

Innerhalb kurzer Zeit nach der Ghettoisierung, wurden die meisten Juden ermordet.

"In the minutes of the next meeting of the German and Lithuanian administrators on September 4, 1941, we only find the phrase: The remarks of Gebietskommissar made during that meeting concerning the Jews are still valid." ebd.

Die Ermordung der lokalen Juden erfolgte in Koordination mit der lokalen Polizei. Die in ganz Litauen die Helfer für den Transport, Bewachung und oft auch das Erschießen stellte. Es ist also unmöglich, dass Noreika von den Erschießungen nichts mitbekam.

2. Dieckmann Deutsche Besatzungspolitik S.854
"Die jüdische Gemeinde von Plungė...wurde sehr früh an Ort und Stelle umgebracht. Litauische Aufständische mit dem Gymnasiallehrer Knieža, dem Pfarrer Povilas Pukys, dem Arzt Vladas Ivinskis, dem Staatsanwalt Arnold Pabrėža und dem ehemaligen Offizier Povilas Alimas übernahmen rasch die Verwaltung in der Stadt unter Bürgermeister Edvardas Misevičius. ...  Man mobilisierte mit dem Slogan, sich nicht der >Entnationalisierung< durch das >jüdische Russland< zu unterwerfen.
Kommunisten und jüdische Männer sperrte man in den Keller der Stadtkirche, wo ein Teil nach und nach ermordet, ein anderer Teil später wieder freigelassen wurde. Die meisten Juden wurden in der Synagoge und den umliegenden Häusern ghettoisiert und rascher brutaler Verelendung ausgesetzt. Nicht einmal die Notdurft durfte außerhalb der Räume entsorgt werden. ... Es kam fortlaufend zu Demütigungen, Vergewaltigungen und einzelnen Morden. Kreischef Ramanauskas wies Bürgermeister Misevičius an, über eine Kommission jüdischen Besitz, der im Schloss und der Ortskommandantur zwischengelagert wurde, an arme Litauer umzuverteilen.
Nach den verfügbaren Angaben löschten unter der Führung weniger Deutscher Litauer schon Mitte Juli 1941 die jüdische Gemeinde von Plungė vollständig aus. Etwa 1.700 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden im Wald beim Dorf Kaušėnai in fünf Massengräbern ermordet". [Die Vorgehensweise ist in Litauen überall gleich, wenige Deutsche, viele Litauer. Aber keine Angabe von Noreika]


Die Nichte von Jonas Noreika hat ein Buch über ihren Großvater geschrieben: "The Nazi's Granddaughter"
Viele Informationen gibt es auf ihrer Webseite: https://www.silviafoti.com

Pakelk galva, Lietuvi!!!

Claude Lanzmann interviewt Gebietskommissar Hans Gewecke heimlich: https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn1004201

Am 22. August 1941 unterzeichnete Noreika den Befehl, die Juden in seinem Verwaltungsgebiet in ein Ghetto nach Žagare umzusiedeln. Verantwortlich dafür waren die örtlichen (litauischen) Verwaltungen und Polizeistationen. Transportiert und bewacht wurden die Juden von...Litauern.

GOUVERNEUR DER STADT UND DES KREISES ŠIAULIAI
22. August 1941 Nr. 962
AN ALLE HAUPTSTADTCHEFS DES KREISES ŠIAULIAI 
UND DIE BÜRGERMEISTER DER NEBENSTÄDTE
(Kopie für die Leiter der Polizeireviere)
Auf Anordnung des Kreiskommissars von Šiauliai sind alle Bürger jüdischer Volkszugehörigkeit, einschließlich der Halbjuden, aus allen Dörfern und Städten des Kreises zu entfernen und in einem Bezirk - dem Ghetto - anzusiedeln. Das gesamte jüdische Eigentum muss aufbewahrt und von den Gemeinden verwaltet werden.
 

In Übereinstimmung mit diesem Dekret:
1.    Die Juden aller Dörfer, Nebenstädte und Gemeinden müssen in der Zeit vom 25. bis 29. dieses Monats in die Stadt Žagarė umgesiedelt werden. Die Voraussetzungen für die Umsiedlung werden von den jeweiligen Gemeinden geschaffen.
2.    Die Listen über das verlassene jüdische Eigentum müssen mir bis zum 29. August in 2 Exemplaren zugestellt werden. Die umgesiedelten Juden können die notwendigsten Haushaltsgegenstände und Kleider sowie bis zu 200 RM in bar für jede jüdische Familie mitnehmen.
3.    In Žagarė werden alle Juden in einem gesonderten Bezirk angesiedelt, der bis zum 30. August umzäunt sein muss. Die Umzäunung des Ghettoviertels wird von der Gemeinde Žagarė besorgt. Jeden Tag werden die Juden des Ghettoviertels von Wachen zur Arbeit und zurück ins Ghetto gebracht.
4.    Die nichtjüdischen Bürger des für die Juden bestimmten Bezirks dürfen sich andere Orte im Bezirk aussuchen. Wenn die umgesiedelten Nichtjuden ihre Grundstücke aufgeben müssen, dürfen sie sich von den Juden aufgegebene Grundstücke von entsprechendem Wert in Žagarė oder anderen Gemeinden aussuchen.
5.    Die Vorsteher und Bürgermeister sind verpflichtet, mich bis zum 29. dieses Monats über die Durchführung dieses Dekrets zu unterrichten und mir mitzuteilen, was erreicht worden ist und wie viele Juden umgesiedelt worden sind. Der Bürgermeister von Žagarė muss mir mitteilen, wie viele Juden nach Žagarė umgesiedelt worden sind.

Jonas Noreika [Unterschrift]
Stadt- und Kreisgouverneur

Sekretorius Tamašauskas [Unterschrift]
Sekretär

Übersetzung aus Silvia Fotis Buch: "the Nazi's Granddaughter" S. 109

 

Rimvydas Valatka schreibt am 26.7.2015 im litauischen Online Nachrichtenmagazin "Delfi.lt" (übersetzt aus dem Englischen):

"Am 22. August 1941, auf Anordnung von J. Noreika wurde in Žagarė ein jüdisches Ghetto eingerichtet. Der von Noreika eingesetzte Bürgermeister von Joniškis, A. Gedvilas, führte den von ihm erteilten Befehl zur Umsiedlung der Juden von Joniškis nach Žagarė aus. Die Soldaten, die in Joniškis eintrafen, erschossen mehrere hundert jüdische Bürger Litauens auf der Stelle. Der Rest wurde nach Žagare transportiert. Später wurden sie auch dort erschossen. Solche Tatsachen würden ausreichen, um jeden zu entheroisieren.

Aber es gibt noch mehr Haken. A. Pakalniškis, ein Physiker, der 1944 in den Westen floh und einige Tage im Sekretariat der Kommandantur Plungė arbeitete, beschreibt das Massaker an den Juden von Plungė in seinem Buch "Through the Twentieth Century" wie folgt: "In der Nacht vom 12. zum 13. Juli wurden alle Juden von Plungė ermordet, Frauen und Kinder nicht ausgenommen. Zuvor waren sie bereits in ihren Gotteshäusern eingesperrt worden, von wo aus sie jeden Abend in Gruppen in die Wälder gebracht und erschossen wurden. Kapitän Noreika hatte das Kommando. Es gab mehr litauische Offiziere (...). Sie hatten die Mobilisierung der jungen Männer in der Gemeinde Plungė angekündigt, so dass sie über eine große Anzahl bewaffneter Männer verfügten. In Plungė befanden sich nur zwei erbärmlich aussehende Soldaten der deutschen Armee. (...) Einer dieser Soldaten kam in die Kommandantur und fragte den Kommandanten, der ein wenig vor Aufregung zitterte: "Was gedenken Sie mit den Juden zu tun, die in der Synagoge eingesperrt sind?     - Ich habe bereits den Befehl gegeben, jeden einzelnen von ihnen zu erschießen", antwortete der litauische Kommandant, Hauptmann Noreika. Er hatte sich aus Respekt vor diesem elenden Deutschen erhoben." "

Hierbei wird von Unterstützern Noreikas angeführt, dass es bei diesem Hauptmann Noreika nicht um Jonas Noreika handeln muss. Pakalniškis kannte Noreika nämlich nicht.