Bücher von und über Litauen

Vanagaite - Dieckmann

Vanagaite Dieckamm Holocaust

How did it happen? Understanding The Holocaust

Christoph Dieckmann und Ruta Vanagaite 2021   Englische Ausgabe

Den Holocaust verstehen…warum haben wir Deutschen mit Hilfe unserer Verbündeten versucht alle Juden, deren wir habhaft werden konnten, zu ermorden? Was veranlasst eine Kulturnation (ja, zu denen zähle ich Deutschland) jüdische Kinder, Babys, Frauen und Alte zu erschießen? Kinder und Babys, als Veranschauung des Grauens, als ob es nicht schon schlimm genug ist vom Töten von erwachsenen Männern zu sprechen.

Jüdische Feinde, Kommunisten, Stalins Helfer. Wir reden hier vom Mikrokosmos Litauen, in dem der Holocaust schon lange vor der Wannseekonferenz begann. In Litauen, Weißrussland und der Ukraine waren die Siedlungsgebiete des Ostjudentums. Orthodoxe Juden, die sich der Umgebung nicht anpassten, sondern anders als die „ethnisch“ lokale Bevölkerung war. Optisch, religiös, kulturell und sprachlich.

Durch ihren Fleiß gehörte ihnen immer mehr, sie waren dominant im Handel, besaßen Kornmühlen und Wirtshäuser. Irgendwann waren die ethnischen Litauer in ihren Städten nicht mehr in der Mehrzahl. In keiner.  (Götz Aly
Es gab einen regelrechten Tourismus nach Polen/Litauen, um diese Ostjuden zu sehen. Age Meyer Benedictsen und Alfred Döblin sind dafür Beispiele und haben mit ihren Reisebüchern Geschichte geschrieben.        

Mit dem aufkommenden nationalen Erwachen der Litauer (wahrscheinlich ist das übertragbar auf die Nachbarländer, aber hier geht es um Litauen) nahmen auch die Reibereien mit den Juden zu. Diese kontrollierten fast vollständig den Handel. Litauer lebten im Dorf und hatten meist wenig zu tun mit städtischem Leben. Dieses wurde von Juden und Polen bestimmt. 

Zwar gab es in der Zeit von Präsident Smetona keine antijüdischen Gesetze, aber Juden durften keine staatlichen Funktionen ausführen. Man sah sie also nie in öffentlichen Ämtern.
Wie in Deutschland gab es auch in Litauen faschistische Bewegungen, wie der „Eiserne Wolf“ (Geležinis vilkas) der Voldemaristen. Anhänger des rechten Politikers Augustinas Voldemaras.

 

Die Voldemaristen opponierten gegen Smetona, versuchten mit den deutschen Nazis zusammen zu arbeiten, baten diese um Waffen und Geld.
Später bildeten sie eine litauische Nazi Partei und hatten bis zum Einmarsch der Sowjets hohe Posten unter den Deutschen inne, in einer Zeit, als andere Litauer in den Verwaltungen und Militär sich schon von den Deutschen distanzierten und nicht mehr jeden Befehl befolgten. (Natürlich hatten sie den Deutschen noch bei der Erschießung der litauischen Juden geholfen, das war noch gemeinsames Interesse).

Wie die Deutschen über die Voldemaristen wirklich dachten, zeigen die Aufzeichnungen von den Nürnberger Kriegsverbrecher Prozessen. (Library of Congress USA: Trial of the major war criminals 1948 NT_Vol-XXXI.pdf   S.385).      

Als die Sowjets 1940 Litauen im Rahmen des Hitler-Stalin Paktes besetzten, kamen plötzlich erstmals Juden in öffentliche Positionen. Juden konnten nämlich russisch (Litauen war ja bis 1914 vom Zaristischen Russland besetzt), Litauer nicht.

Es folgten die Massendeportationen der litauisch/jüdischen Intelligenz nach Sibirien. Diese Deportationen gab es im sowjetischen Machtbereich überall. 
Dafür verantwortlich gemacht wurden die Juden.
Der Antisemitismus, angestachelt von den Deutschen, reichte um in die Gehirne zu stanzen:
„Jeder Jude ist ein Kommunist“.
Deutschland arbeitete weiter mit den litauischen Faschisten zusammen und benutzte die LAF (Litauische Aktivistische Front), um koordiniert beim deutschen Angriff auf die UdSSR vorzugehen.


Jüdische Historiker sagen gerne, der antisowjetische Aufstand sei gar kein Aufstand gewesen, sondern ein Schießen in die Rücken der abziehenden Sowjets. Die LAF lieferte sich ein paar Schießereien, übertrieb die Zahl der eigenen Leute sowie die erlittenen Verluste.  Schlimmer ist, dass fast alle LAF Trupps mit der Misshandlung von Juden und deren Zusammentreiben begann.

Da Juden ja „Kommunisten“ waren (so die Propaganda… und eigentlich passte es nicht wenigen Litauern ihre verhasste Konkurrenz los zu werden), lässt sich heute nicht mehr feststellen, ob es überhaupt Mitglieder der LAF und andere Aufständische gab, die keine antisemitischen Taten begingen. (Eine Problematik der Ramanauskas Debatte).

Auch das Gefühl der verletzten Ehre durch die litauische Passivität beim sowjetischen Einmarsch mag eine Rolle gespielt haben, als man einen Sündenbock suchte. Tatsächlich fiel beim Einmarsch der Sowjets 1940 kein Schuss. Im Gegenteil, die litauischen Soldaten bekamen den Befehl am Straßenrand die Sowjets zu beklatschen.
Die Deutschen versuchten Litauer zu Pogromen zu bewegen, als Beweis, dass nicht die Deutschen den Juden ans Leder wollten, sondern die Litauer selber. Allerdings klappte das mit den Pogromen nicht überall so gut. 

Lietukis Massaker

Und tatsächlich scheinen die Deutschen in Litauen (wahrscheinlich ähnlich in den anderen besetzten Ländern) genug einheimisches Personal für den Holocaust gefunden zu haben. Meist liefen die Erschießungen, Beispiel Birzai, so ab:
Ein paar Gestapo Beamte kündigten sich bei der lokalen Polizei an, die den Befehl bekam Juden zu erfassen dann zusammen zu treiben und an einem bestimmten Tag zu vorbereiteten Gruben in einem nahen Wald zu treiben.
In Birzai waren das weniger als 10 Gestapo und SD Leute (die genaue Zahl ist nicht feststellbar, aber weniger als 10), ein litauischer Gestapomann aus Šiauliai (Petras Požėla) und der Rest (80) waren einheimische „Partisanen“ und Polizisten. Alle Biržaier Juden wurden an diesem Tag ermordet.

So waren die meisten litauischen Juden schon 1941 tot, also noch vor der Wannseekonferenz, bei der die Art der Tötung beschlossen werden sollte.

HOW DID IT HAPPEN?“ führt den Leser im Frage und Antwort Stil in dieses Thema, den litauischen Holocaust, oder genauer, die deutsche Besatzungspolitik in Litauen,  ein.
Wobei Ruta Vanagaite, die sich auch schon einige Zeit mit der litauischen Geschichte beschäftigt hat (zusammen mit Efraim Zuroff „Die Unsrigen“), den Part der Stichwortgeberin gibt.

Beispiel, ziemlich provokativ (aber ich hatte das auch mal überlegt mit Adamkus), was hat der Vater vom litauischen Präsidenten Adamkus gewusst, von den Deportationen deutscher und österreichischer Juden im November 1941? Immerhin war Adamkavicius (Adamkus Vater) Chef der Transportpolizei in Kaunas. Auf die Frage eines Journalisten antwortete Adamkus, sie hätten zu Hause nie über solche Themen gesprochen.

Dieckmann und Vanagaite schildern die Pläne der Deutschen den Osten auszubeuten, um ihren Krieg gegen Russland führen zu können. Litauen dachte erst noch an sowas wie Eigenstaatlichkeit, merkten aber irgendwann, als das deutsche Kriegsglück schwand, dass sie nach den Juden die nächsten Opfer auf der deutschen Rassenleiter waren. Und leisteten plötzlich Widerstand. Passiven, keinen gewaltsamen.
Russen und Juden waren unnötige Esser und es war den Deutschen klar, dass man sie nicht alle ernähren konnte und wollte. 30 Millionen Russen sollten sterben. Russische Kriegsgefangene ließ man verhungern. 

Um Hitlers Ziele zu erreichen, gab es zwischen Wehrmacht und SS kaum Reibereien. 

Die ersten planmäßigen Erschießungen erfolgten bei Vilnius in Paneriai. Schützen waren Freiwillige der Ypatinga burys, einem Sonderkommando von 100 Mann.

Auch die Verhältnisse in den Verwaltungen sind interessant.
So gab es eine Grundstücksgesellschaft des Reichskommissariats Ostland. Die befassten sich mit unbeweglichem jüdischem Eigentum. In Litauen bestand die RKO aus 13 (!) Deutschen und 2.000 Litauern (46 % der Immobilien in Vilnius gehörten Juden).

Ähnlich war es auch in anderen litauischen Verwaltungen. Die Deutschen waren auf die Kooperation der Litauer angewiesen und wurden anfänglich nicht enttäuscht. Deshalb ist die Rolle eines Kreisverwaltungschefs wie Jonas Noreika in Šiauliai auch nicht zu unterschätzen. 

Dieckmann legt gut dar, wie lange die Litauer mitmachten und wo ihre Grenze war. Und die Grenzen kamen leider erst, nachdem die Juden tot waren.

„Jews had to be taken from their homes. Sometimes Germans supervised the process, but most of it had to be handled by non-Germans because Germans were not present at these locations. Of course, nothing would have happened without the German initiative, orders, and some supervision. 
But the Lithuanian police, auxiliary police, white armbanders, and šauliai [Waffenunion] did the actual job of identifying and rounding up jews.“

Manchmal waren die Ghettos auf dem Land nicht einmal umzäunt. 
Vanagaite fragt:
„Why didn’t they try to escape? Was there nowhere to which they could escape?“
Dieckmann: „You know the answer“.

Und das ist das Traurige!


Das Buch ist spannend zu lesen und enthält einige neue Informationen. Wer sich über das Wüten der Deutschen und die Kooperation der Litauer informieren möchte, für den ist „How does it happen?“ eine Bereicherung!

Allerdings habe ich auch nach der Lektüre nicht verstanden, warum wir das gemacht haben.


Und solange Litauer verehrt werden, die mit den Deutschen 1941-44 gegen ihre eigenen Landsleute zusammengearbeitet haben, (Jonas Noreikas Tafel hängt immer noch in Sichtweite der Vilniuser Kathedrale), solange ist es wichtig dieses Thema zu behandeln!

Jonas Noreika Vilnius

Noreika Tafel in Vilnius

Spannend und empfehlenswert!

 

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