Karäer in Trakai

 

Wenn man die Burg in Trakai besucht, berichtet jeder Reiseführer von der Gemeinschaft der Karäer die hier in Trakai ihr litauisches Zentrum haben und von deren Kultur die Häuser rund um die Trakaier Burg zeugen.

 

Die Karäer (die Tora Leser) sind eine alte jüdische Sekte aus der Gegend des heutigen Irak, die nur die Tora (also den ersten Teil des Alten Testaments) als heiliges Buch anerkennen und jede weitere religiöse Quelle wie Talmud oder rabbinische Tradition ablehnen.

Karäisch ist die einzige Turksprache der Welt, die mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird.

Im Jahre 1397 brachte Großfürst Vytautas die Karäer als Palastwache von der Krim mit nach Trakai. Litauen beherrschte damals große Teile Osteuropas bis zum Schwarzen Meer. Auf die Krim sind die Karäer wahrscheinlich aus dem Irak oder Konstantinopel gekommen und nahmen dort eine Turksprache an.

kenesa karaimen trakai litauen

Kenesa, Synagoge der Karäer in Trakai. Eine zweite steht in Vilnius.

 

Im Jahre 2007 sollen noch 257 Karäer (darunter 16 Kinder) in Litauer gelebt haben. Angesichts der Bevölkerungsflucht wird diese Zahl wahrscheinlich heute schon viel kleiner sein. Alleine in Trakai, des karäischen kulturellen Zentrums Osteuropas sollen 60 Karäer wohnen. Auch aus den anderen großen Karäischen Gemeinden wie  Ägypten, Russland, Irak und Syrien sind fast alle Mitglieder in die USA oder Israel (wo sie als nichtreligiöse Juden angesehen werden) ausgewandert.

 

Die Nationalsozialisten befassten sich zum ersten Mal mit den Karäern, als sie die Durchführungsverordnungen der Nürnberger Gesetze  veröffentlichten.

Anfang 1939 entschied die Reichsstelle für Sippenforschung in Berlin, dass die Karäer nicht als Teil der jüdischen Religionsgemeinschaft zu betrachten seien, sondern vielmehr jedes Mitglied einzeln nach seinem Stammbaum betrachtet werden sollte.

Im Frankreichfeldzug waren die Deutschen mit den Karäern konfrontiert, akzeptierten aber deren Behauptung, keine Juden zu sein. Im Russlandfeldzug stießen die Einsatztruppen auf die Karäer auf der Krim und in Litauen. Sie baten um Stellungsnahme aus Berlin. Doch schon bevor diese vorlag, hatten die Einsatztruppen an vielen Orten im Osten Karäer ermordet. Himmler entschied, dass die Karäer als sowjetfeindliches Turkvolk nicht ermordet werden sollten, weil sie türkisch-mongolischer und nicht genuin jüdischer Herkunft seien.

 

Im Sommer 1942 schickten deutsche Stellen Anfragen an jüdische Gelehrte in den Ghettos von Warschau, Vilnius und Lemberg, ob die Karäer Juden seien. Wider eigener Überzeugung, also um den Karäern das Schicksal der europäischen Juden zu ersparen, erklärten die Gelehrten sie für nicht jüdisch.

 

Im Mai 1943 kam das Ministerium für die besetzten Ostgebiete zu der Überzeugung, dass die Karäer türkisch-tatarisch-mongolischer Herkunft und somit keine Juden waren. Rassenkundliche Untersuchungen an Karäern untermauerten diese Einschätzung.

Für die Karäer in Litauen waren diese Einschätzungen der nationalsozialistischen Rassenkundler großes Glück, denn nur so konnten sie den Rassenwahn der Jahre 1941 bis 1945 überleben.

Dies ist also der Grund warum wir bei einem Besuch in Trakai die schönen Karäer- (auch Karaimen) Häuser anschauen können und warum es auch nach dem Wüten  der Sonderkommandos in den Kriegsjahren jüdische litauische Karäer gibt.

Wer denkt beim Anblick der schönen Wasserburg darüber nach?

Eine Beschreibung der litauischen Karäer gibt es von Alfred Döblin, der 1924 Polen, darunter das damalige Wilno, besuchte. Seine Erlebnisse beschrieb er in seinem Buch "Reise in Polen"- Hier ein Auszug zu den Karaiten:

 

"Es gibt eine Karäer-Gemeinde hier; in Troki [Trakai] soll eine große sein, dann in Halicz in Galizien und bei Lodz. Sie sagen nicht Karäer, sondern Karaiten. Ist eine Abspaltung des Judentums. Erst haben die Juden, landlos, staatlos, tempellos, in Palästina und Babylonien den Talmud ausgebildet; die Arbeit war im vierten Jahrhundert nach Christus beendet. Dann erfolgte, was ein Historiker beschreibt: «Das Talmudstudium sank zu einer trockenen Gedächtnissache herab und ermangelte der geistigen Befruchtungsfähigkeit.»

Der Sohn eines jüdischen Fürsten im ehemaligen Babylonien leitete eine talmudfeindliche Bewegung ein, drängte zurück auf die Bibel: ein Luther im Judentum. Er verschärfte Bestimmungen, die er glaubte aus der Bibel zu lesen, hob andere auf. Die alte und neue jüdische Gruppe verketzerten sich gegenseitig. Das Karäertum lebt noch heute, in heftigster Feindschaft zum talmudgebundenen Judentum. An der Peripherie Wilnos haben sie sich einen neuen Tempel gebaut; ich will ihn sehen.


Auf dem Wege erzählt mir ein Begleiter: Die Karaiten besaßen früher in Wilno große Macht. Der Haupttempel war in ihrer Hand. Einmal kam es zu einem schweren Konflikt. Ein großer polnischer König, Kasimir, wolllte den Juden Privilegien verleihen, und es entstand die Frage, wer die echten Juden seien und in wessen Hand er die Macht legen sollte, in karaitische oder «rabbanitische». Es handelte sich um alle Gewalten, Kultus, Schule, Selbstverwaltung.

Der König lud Vertreter der Gruppen vor sich. Ein Rabbanit und ein Karait erschienen vor Kasimir. Der Karait, wie er in den Saal trat, zog die schmutzigen Schuhe aus. Auch der Rabbanit neben ihm zog sie aus. Dann nahm er sie aber unter den Arm und stellte sich vor den König auf am Thron. Der große Kasimir wunderte sich: «Was tust du da, Rabbi? Du trägst deine Schuhe unter dem Arme Warum läßt du sie nicht draußen stehen wie die anderen?»

Der Rabbanit: «Ich weiß, wir klagen nicht um Schuhe, Herr König. Aber ich habe nicht gewagt, sie draußen zu lassen. Ich hab’s nicht gewagt. Ich möchte dir antworten aus unserer Heiligen Schrift. Da steht: Als Moses die Schafe Jathros, seines Schwähers, des Priesters in Midia, weidete, kam er an den Berg Gottes des Allmächtigen, Horeb. Der Engel des Herrn erschien in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und Moses ging näher heran. Aber Gott rief ihm zu: Mose, Mose, der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land. Zieh dir die Schuhe aus von den Füßen. Moses, unser Führer, sein Andenken sei gesegnet, hat getan, wie der Herr befahl. Ich erzähle dir aus der Heiligen Schrift. Als er aber aus dem Dornbusch zurückkam, Herr König, und seine Schuhe suchte, fand er sie nicht. Es war einer hinter ihm gewesen, ein Karait - und hatte sie gestohlen.»

Der Karait, wie gestochen, fuhr auf den Rabbi los: «Was sagst du? Was wagst du dem großen König Kasimir zu erzählen. Was unterstehst du dich, mit Lügen vor den großen König zu treten. Lügen, ja Lügen, Herr König! Ein Karait soll Mose die Schuhe gestohlen haben! Ein Karait! Schlägst dich ja selbst, Rabbi. Mose stand allein am Dornbusch! Ganz allein. Gab es denn Karaiten, als Mose am Horeb stand?»

Der Rebbe lachte, verneigte sich vor dem König, verneigte sich vor dem Karaiten, drückte seine Schuhe zärtlich an sich: «Hör ihn an, Herr König. Hör, was er selbst sagt, nicht ich, und urteile. Er sagt: Es gab keine Karaiten, als Mose, unser Führer, sein Andenken bei Gott, am Horeb stand. Er sagt es selbst. Es waren nur die Leute Jathros, des Priesters in Midia, bei ihm. Er kennt unsere Schrift gut. Und da tritt er auf, er, der Karait, und will gegen mich sprechen. Er will die Rechte von dir empfangen. Weil er vornehmer, echter ist. Wer ist vornehmer? Ist ein Kind vornehmer als der Vater? Wo ist ein Kind vornehmer, echter als sein Vater. Ein Kind, sage ich; sage ich ein Kind? Wer weiß, wer kann feststellen, was für ein Kind es ist, ein echtes oder bewahre mich ein unechtes, ein untergeschobenes, von dem der Vater nichts wissen will.» Der große Kasimir hob die Hände. Er lachte mit dem Rabbi und den Hofleuten. Der Karait fauchte. Aber der Rebbe hat die Judenrechte empfangen.
Weit durch die Mickiewiczastraße fährt man zu ihrem Tempel, an einem weiten Marktplatz, einem neuen Gerichtsgebäude vor bei. Dann kommt der Fluß. Dünner Fadenregen trübt seinen Spiegel. Jenseits der Brücke im welligen und waldigen Gelände steht frei eine große weit ausladende Kirche von fremdländischem Typus, eine russische mit Goldkuppeln.

Und nicht fern ganz im Grünen der kleine Tempel der Karaiten. Byzantinische Kuppeln, ein völlig neues Gebäude. Zur Seite trete ich ein, bin in einem sehr hellen nüchternen Kirchenraum: wirklich, protestantische, puristische Kühle und Nüchternheit. Eine Reihe von Tischbänken rechts und links. Daran stehen etwa 50-60 Menschen, Männer und Frauen durcheinander, die Gesichter nach vom. Die Männer haben die Hüte auf, eine Anzahl trägt über den Schultern einen weißen schmalen und kurzen Gebetsschal, den Rest des Gebetsmantels. Sie blicken nach vom, wo oben in der Wand goldene hebräische Lettern die zehn Gebote vortragen. Eine Altarerhebung ist da; ein blaugedeckter einfacher Tisch steht in der Mitte vom, über den man einen rotgestickten Läufer gelegt hat. Ein sehr dickes rotgebundenes Buch liegt auf dem Tisch; es wird die Bibel sein. Ganz im Hintergrund schließt die Wand ein goldgewirkter Vorhang ab. Und vom singt einer, liturgiert. Ein großgewachsener Mann; ich sehe ihn von hinten. Er steht unterhalb des Altars in einem schwarzblauen Talar, darüber ein weißes Hemd nach Art der katholischen Chorhemden. Jetzt dreht er sich um; rechts auf der Vorderbank lösen ihn im Gesang zwei gewöhnlich gekleidete Männer ab. Die Gemeinde fällt manchmal ein mit einem singenden Amen. Keine Orgel, kein Chor. Die Bücher, in denen die Männer und Frauen lesen, haben hebräische Quadratschrift; in den Fächern der meisten Bänke liegen noch andere Bücher. Ganz ruhig stehen alle, niemand bewegt den Oberkörper, einige halten die Hände zusammengelegt vor der Brust. Nun tritt ein Mann aus seiner Bank hervor, fällt vor dem Altartisch auf die Knie, beugt sich ganz auf den Boden, steht auf und hebt das dicke rotgebundene Buch vom Tisch auf. Er trägt es unter dem Gesang der Gemeinde tiefer in den Hintergrund, schiebt es in einen Schrank. Dann ist der Gottesdienst zu Ende. Langsam packen sie ihre Bücher zusammen, stecken die Gebetsschärpen in kleine Sack- und Ledertaschen. Wie sie jetzt an mir vorüber durch den Gang wandern, kann ich sie betrachten. Viele haben Mützen auf, sehen wie Handwerker, Arbeiter, Kleinhändler aus. Sie sprechen untereinander russisch, manche polnisch. Niemals höre ich Jiddisch. Sie sind der Herkunft nach verschieden. ; die anderen sind Russen oder Polen, haben slawische Backenknochen, breite kurze Nasen, allerhand Mongoloides. Langsam wandert, wie sich der Tempel leert, der Prediger oder Vorsänger zwischen ihnen im Mittelgang. Eine flache runde Mütze hat er auf, dunkel wie sein Mantel, aber mit einem umlaufenden weißen Streifen. Weißbärtig ist er; ein typisch slawisches Gesicht.


Beim Herauswandern entsteht eine heftige Debatte. Auf dem Hof hinter dem Tempel steht eine geräumige Laubhütte, aus Brettern und auf gewöhnliche Art grün gedeckt. Eine Anzahl der Fremden will mit den Karaiten über den Hof in die Laubhütte gehen. Das lassen die aber nicht zu. Ein Karait, ein einfacher Mann, fährt einen auf russisch an, er habe hier überhaupt nichts zu suchen; man legt sich nicht in ein fremdes Bett. Andere Karaiten, besonders eine Frau, mischen sich ein. Die Fremden müssen sich zurückziehen. Von der Tür sehe ich noch, wie die ganze Gemeinde sich über den grünen Hof bewegt und langsam mit dem Priester in der großen gemeinsamen Laubhütte verschwindet.
Meine Begleiter sind erregt, verblüfft über den Haß, der ihnen da entgegenströmte. Im Weggehen erzählen sie, die Karaiten hier sprechen fast nur russisch, aber unter sich reden sie ein «Tötörisch», tatarisch. Wie sie zu der Sprache kommen, wissen sie nicht."
 

 

 

 

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Quellen: Gabriele Anderl  "...wesentlich mehr Fälle als angenommen"

            Thomas Schmidinger

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