Ich war in Memel

und besuchte die Kurische Nehrung

Helmut Peitsch   Rautenberg Verlag 1987

Memel Nehrung Peitsch

 

Dieses alte Schätzchen aus dem damals äußerst aktiven Rautenberg Verlag habe ich durch Zufall auf einem Bücherflohmarkt gesehen und gekauft. Es half mir etwas aus der mich sehr fordernden Lektüre des Vydunas heraus.

Dieser "Erste Reisebericht aus Nord-Ostpreußen", so der Text auf der Umschlagseite, bringt dem heutigen Reisenden natürlich keine aktuellen Erkenntnisse über sein Reiseziel Litauen. Trotzdem ist die Lektüre einigermaßen spannend, wird man doch an vielen Stellen an eigene Erfahrungen der damaligen Zeit erinnert, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann.

Herbert Peitsch, der 1925 geborene Autor des Buches, stammt aus Preußisch Eylau und gelangte Ende des Krieges nach Westdeutschland. Er arbeitete als Chefredakteur für Hamburgs älteste Zeitung, den Harburger Anzeigen und Nachrichten.

Als einer der ersten deutschen Journalisten durfte Peitsch in die damalige Sowjetunion reisen, um Litauen zu besuchen. Über Leningrad ging es natürlich mit Reiseleitung nach Vilnius und ins Memelland. Die von den Reisenden gewünschte Fahrt nach Tilsit und Königsberg wurde allerdings verwehrt.

Natürlich waren alle Reisenden Heimattouristen, die als letztes Andenken an ihre ehemalige Heimat rasselnde Panzer und Flucht in Erinnerung hatten.

Die Reisenden erleben einen ärmlichen Osten, Schlangen vor den Geschäften und Mangel an Waren.
In Vilnius werden sie im Hotel Lietuva untergebracht. Ein damaliger Prachtbau:

"... und wir sind voll des Lobes über die gradlinige Architektur und die geschmackvolle Innenausstattung. Viel Holz und gepflegte Zweckmäßigkeit".

Nach der Unabhängigkeit hatte das Hotel keine Chance mehr am Markt. Es war ein Relikt aus der Sowjetzeit. Erst die Privatisierung und die Übernahme durch Radisson Gruppe änderte das.

Interessant der Kontrast zwischen den damaligen Bewegungsmöglichkeiten und der heutigen Situation. Helmut Peitsch musste quasi um jedes Reiseziel feilschen, wobei ihm, wie gesagt, das Kaliningrader Gebiet (also Königsberg) versagt blieb.

"Ich würde gerne nach Heydekrug fahren, sagte ich zu ihm ..." (dem begleitenden Intourist Chef). "Heydekrug? Das ist doch Silute. ... Was wollen Sie denn da?"

Letztendlich wurden Peitsch alle seine Wünsche betrefflich seiner Ziele im Memelland erfüllt. Die Gruppe fährt sogar die wunderschöne Strecke von Kaunas an der Memel entlang nach Jurbarkas. Immer wieder kommen die Reisenden durch ehemalige deutsche Dörfer und die Aufregung ist gross, besonders wenn es das Heimatdorf eines der Mitfahrenden war. Die Erinnerung wird mit dem Istzustand verglichen.

Ausfühlich beschreibt Peitsch einen Besuch in Jugnaiciai, einer damaligen Vorzeigekolchose. Bei meinem ersten Besuch in Litauen existierte die Kolchose noch und ich hatte die Wahl zwischen einer Unterkunft in deren Hotel oder einer Privatunterkunft. Die Hotelzimmer galten als sehr luxuriös, mit offenen Kamin und Sauna. Nach der Unabhängigkeit ist hier alles schnell zerfallen und das Hotel abgebrannt. Damals wurde die Kolchose noch stolz gezeigt als sowjetisches Erfolgsprojekt, was auch so in meinem ersten Reiseführer steht.

Bei Peitsch Reise war das dann so:
"Dies ist eine Sowchose (Staatsgut). Wir wollen sie besichtige, damit sie einen Eindruck von unserer Art der Landwirtschaft haben."
Junge Mädchen mit litauischer Tracht begrüßen die Deutschen mit Brot und Salz und Blumen und singen Volkslieder.
Jugnaiciai zeigt sich von seiner (sowjetischen) guten Seite: Veranstaltungssaal, Cafe-Raum, Bibliothek und Stätte der Besinnung ... alles da. Es macht auf die Besucher (den gewollten) guten Eindruck.

Daten und Fakten der sowjetischen Landwirtschaft werden beschrieben, kritische Fragen gestellt und auch beantwortet. Wohl schon Zeichen für die kommende Freiheit. Ein Detail ist (für mich) interessant, vermutlich weil einer dieser Türme auch auf dem Weg nach Birzai steht und ich mich immer fragte, wofür der wohl sei. Der Kolchosenleiter ist nämlich stolz auf seine Grasmehlproduktion. Heu, auch feuchtes, wird in Türme eingefüllt und durch seitlich angebrachte Heißluftgebläse getrocknet. Ich glaube, von diesen Geräten ist seit der Wende keiner mehr in Betrieb, weil niemand die horrenden Energiepreise dafür bezahlen konnte. Aber im Sozialismus musste man darauf eben nicht achten. 

Wie die Musterkolchose mit der harten Realität kollidiert, erleben die Reisenden noch oft auf ihrer weiteren Reise.
"Musterhaftes und Verwahrlostes liegen dicht beieinander. Was die staatliche Planung fördert, gedeiht, manchmal sogar prächtig; was nicht in dieses Programm passt, verkümmert, verkommt oft."

Und immer wieder beschäftigt sich Peitsch mit dem Kriegsende, der Flucht und den ankommenden sowjetischen Soldaten (Weißrussische Front).

"Die Memeldeutschen hingegen fanden bei den Litauern eher Gnade und Verständnis. Das mag daran gelegen haben, dass man dort schon immer, vor allem auf dem Lande, Seite an Seite gewohnt hatte und es zwischen Balten und Deutschen keinen Hass gab. So wuchsen beide Bevölkerungsteile bald zu einer Gemeinschaft zusammen, nur daß die politischen Vorzeichen jetzt ausgetauscht waren. Möglicherweise rückten sie auch deswegen zusammen, weil die neue Oberhoheit sowjet-russisch war, ein Element, das hier wie anderswo stark gemacht werden sollte.
Für uns war es - das vorweg - vielleicht das schönste Erlebnis, zu sehen, wie deutsche und Litauer einträchtig miteinander leben. Nichts ist zu spüren von Unterschieden, ja immer noch andauernden Spannungen wie etwa zwischen Deutschen und Polen im südlichen Ostpreußen.. Ja, das Memelland könnte ein Beispiel für viele sein."

Kurz vor Memel (Klaipeda), die Spannung wächst. Das große Ziel ist nah. Und der erste Eindruck der Deutschen ist gut, ihnen gefällt der Baustil, die Einwohner sind gut angezogen, Bier und Essen sind vorzüglich. Interessant, wie die "Heimat" nach so langer Zeit die Menschen noch beeinflusst.

"Überwältigend! Und immer wieder das Glücksgefühl: Wir sind wirklich in Memel! Und die wachsende Erkenntnis: Diese Stadt hat auf uns gewartet!"

Nett auch die Wahrnehmungen der Deutschen: ist ein Hausflur dreckig, befindet man sich in einem sozialistischen Haus. Auch würden die Litauer an Zebrastreifen nicht gerne stoppen, was sich übrigens erst jetzt langsam ändert.

Der Besuch auf der Kurischen Nehrung lässt die Besucher überschwänglich werden:

... "Dies ist noch Urnatur, heile Welt, erhaltene Schöpfung. Nicht schwärmerische Nostalgie lässt das empfinden, sondern beseligende Wirklichkeit. ...
An Schlaf ist an diesem Abend nicht zu denken. Wir sind zu aufgewühlt, überglücklich. Ein 40 jähriger Traum ist wahr geworden, ein Wunsch aus Kindheitstagen hat sich erfüllt. Wir waren wirklich auf der Kurischen Nehrung. ... Heute sind wir im Paradies gewesen".

Vieles hat sich glücklicherweise in Litauen getan. Das Reisen ist viel einfacher geworden. Durch Helmut Peitsch Reisebericht von seinem frühen Litauen Besuch haben wir eine Erinnerung daran, wie schwer es in den 80'er Jahren war, im Baltikum zu reisen.

Vielleicht für den einen oder anderen eine geeignete Lektüre um das freie Europe wieder mehr zu schätzen!

 

 

Nicht mehr neu im Handel aber gebraucht überall zu bekommen.

 

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