Kollaboration

 

 ... "das auch hunderte Litauer am Holocaust beteiligt waren".

 

Ist die Kollaboration, oder anders ausgedrückt, die Zusammenarbeit von Litauern mit Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion gleich verwerflich? Was waren die Gründe für die jeweilige Zuneigung zu den Diktaturen - Idealismus, Freiheitswille, Hass, Gier, Angst? Kann man beide Seiten verstehen? Kann man heute Verständnis haben für die Zusammenarbeit und Hilfe vieler Litauer mit  den Nazi Besatzern? Oder ...

 Juden Stalin Abkommen

Birzaier Juden begrüßen das Abkommen mit Stalin (Sela Museum Birzai  Propaganda ist nicht auszuschließen)

 

... für die Unterstützung für Stalin und den Kommunismus, dessen Verbrechen alleine in der Ukraine 1932 7-10 Millionen Menschen den Hungertod brachte? Ab 1940 wurden viele Litauer (wie überall im Baltikum, aber auch in allen anderen Teilen der Sowjetunion) in unwirtliche Gegenden Sibiriens deportiert. Überproportional viele Juden waren damals in den sowjetischen Sicherheitsorganen tätig. Aber es wurden auch überproportional viele litauischen Juden deportiert.

 

Der Autor dieser Zeilen wurde so sozialisiert, dass für ihn jegliche Zusammenarbeit mit den Nazis verwerflich war (und ist). Natürlich war nicht jeder Anhänger Hitlers ein Verbrecher.

Aber Nazis, SS und SA Leute, die schon von Anfang an Rassenhass und Herrenmenschentum lebten. Die — von der Richtigkeit überzeugt — die Invasion im Westen und Osten befürworteten, die bewußt Verbrechen begingen und diese Verbrechen als rassisch gerechtfertigt ansahen. Eben, weil die deutsche Rasse in ihren Augen höherwertiger war, als die slawische und jüdische.

Dagegen war für mich die Sowjetunion eine grausame Diktatur, mit ebenso vielen Toten wie unter Hitlers Regime (anfänglich sogar viel mehr, was Hitler 1941 aber schnell aufholte), die aber Nazi Deutschland besiegte und somit die Welt vor dem schlimmsten Irren, den man sich denken konnte, bewahrte (Hitler).

 

Ins Wanken kam dieses Weltbild im März 2018 bei einem Treffen von Litauern und Deutschen bei Bonn. Dort sprach der litauische Botschafter in Deutschland Darius Jonas Semaška ein kurzes Grußwort.

Anschließend fragte er in die Runde (2018 war das Jahr, in dem der litauische Partisan Adolfas Ramanauskas trotz litauischer und internationaler Proteste geehrt werden sollte), ob wir denn alle stolz auf die litauischen Partisanen seien.

Da ich gerade erst von einer Untersuchung gelesen hatte, die belegte, dass fast alle litauischen Partisanenführer in irgendeiner Form mit den Nazis kooperiert hatten, sagte ich das so in der Runde. "Stolz nur auf die, die nicht an Verbrechen der Nazis beteiligt waren". Womit nicht das austragen von Briefen gemeint ist. Und nicht nur eine direkte Beteiligung an der deutschen Judenvernichtung (die deutschen Sonderkommandos haben viele Einheimische — Partisanen oder Weißarmbändler genannt — als Helfer bei den Erschießungen eingesetzt) sondern militärische oder verwaltungstechnische Kooperation.

 

Jonas Noreika zum Beispiel, ein in Litauen hochgeachteter Partisan, geehrt mit öffentlichen Denkmälern und einer nach ihm benannten Schule, wurde nach Beginn der deutschen Besatzung 1941 Chef der litauischen Distriktverwaltung in Šiauliai. Er war dort u.a. für die Arisierung jüdischen Eigentums verantwortlich. Er setzte die Befehle der Deutschen in seinem Verwaltungsbereich um. Zum Beispiel den Bau von Gettos.
  

 

Sofort kam aus der versammelten Gruppe der Vorwurf, dann müsse man aber auch die Kooperation mit den Bolschewisten für ebenso verwerflich halten. Mal davon abgesehen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat (denn niemand (vernünftiges außerhalb Russlands) will heute für Stalinisten ein Denkmal errichten) und dieses Aufwiegen von Nazi- mit Sowjetischer Schuld ziemlich nervt, machte mich der Einwand sprachlos und ließ mich später darüber nachdenken, ob an dieser Gleichsetzung nicht vielleicht doch was dran ist.

 

Was wollte Botschafter Semaška eigentlich damit ausdrücken, als er auf meine Kritik an der Kollaboration mit den Nazis, mit ebensolcher Kritik über die Unterstützer von Stalins Sowjetunion antwortet? Warum sagt er nicht einfach ja, stimmt, Erschiessungen für die Nazis zu machen war unmoralisch, für die Nazi-Besatzer das Land und die Ghettos zu verwalten war auch unmoralisch (manchmal konnte man sich eben nicht entziehen). Der Antisemitismus mancher Partisanen und der LAF war ein Fehler und man bedaure das.

Nein, für solche Litauer möchte man keine Denkmäler

 

Stattdessen kommt dieses Totschlagargument, die Anderen waren ja genauso schlimm.

 

Ich kenne Botschafter Semaška  nicht näher und will ihm nichts unterstellen. Auf einer Gedenkveranstaltung in der Litauischen Botschaft in Berlin am 12. Juni 2019 sagte er laut Webseite der Botschaft in einer Rede, "das auch hunderte Litauer am Holocaust beteiligt waren".

Dazu ein Zitat von Ruta Vanagaite, die sich mit dem Thema Nazikollaboration in Litauen beschäftigt, von der Webseite des MDR:

Viele Litauer haben bei der Ermordung der Juden eifrig mitgeholfen. "20.000 Menschen waren als Wachleute und als Mitglieder von Erschießungskommandos daran beteiligt. 36.000 Menschen wirkten in der Verwaltung mit".

 

Kann man Geschichte wirklich so unterschiedlich sehen? 

 

Versuch einer vergleichenden Betrachtung von Anhängern der Bolschewisten und der Nationalsozialisten und ihre Motive (bezogen auf Litauen)

 

In Litauen benutzt man die Aufrechnung "du hast mir das angetan, dafür hast du anschließend die Quittung  bekommen", den sogenannten 'Doppelten Holocaust', als Rechtfertigung für die Beteiligung von Litauern am Holocaust. Tatsächlich gehen Historiker heute davon aus, das die meisten Juden in Litauen von ethnischen Litauern, die die Drecksarbeit für die Deutschen übernommen hatten, erschossen wurden. In den Verwaltungen gab es wenig Deutsche, denn die Arbeit (siehe oben Noreika) wurde gewissenhaft von Litauern erledigt. Erst als die Litauer das Nahen der Ostfront bemerkten, ihre Hoffnung auf einen unabhängigen Staat vollends gescheitert war und sie sich nicht von den Deutschen an der Front außerhalb Litauens verheizen lassen wollten, begann ihre Kooperation nachzulassen. 

Oder wie Raul Hilberg (in Vernichtung der europ. Juden) schrieb:

"Allmählich begriffen die einheimischen nichtjüdischen Zeugen des Vernichtungsprozesses die wahre Natur der deutschen Rassenleiter. Die unterste Sprosse war bereits beseitigt worden, und schon auf der nächsten Sprosse sassen sie selbst."

Wenn am Anfang der deutschen Besatzung die Registrierung von litauischen Juden durch die litauische Verwaltung noch reibungslos ablief, kam es 1944 zum Widerstand. Versuche der Deutschen, litauische SS-Verbände aufzustellen und die Litauische Heimatarmee (LTDF) auch außerhalb der Heimat einzusetzen, führte zum Widerstand der Litauer. Hochrangige Litauer wurden daraufhin zur Strafe ins KZ Stutthof verschleppt, Soldaten der LDTF erschossen. Unter den Verschleppten war der bisher willig kooperierende Jonas Noreika. Damit galt er als Widerständler gegen die Nazis.

 Denkmal der LTDF Soldaten

Denkmal für die erschossenen LTDF Soldaten in Paneriai

 

I. Die Nationalsozialistische Ideologie

 

Wir wissen alle nicht, auf welcher Seite wir damals gestanden hätten. Solche festlegenden Aussagen sind Quatsch. Vorwürfe an die Menschen, die damals dabei waren und Hitler zugejubelt haben, sollte man sich überlegen, da man seine eigene Position nicht kennt. Etwas anderes ist es, wenn man als gläubiger Nazi theoretisch und/oder praktisch an Hitlers Mordpolitik teilnahm.

Zu Hitlers Plänen steht bei Timothy Snyder in "Bloodlands":

"Der Holocaust überschattete deutsche Pläne, die zu noch größerem Blutvergießen geführt hätten. Hitler wollte nicht nur die Juden auslöschen; er wollte auch Polen und die Sowjetunion als Staaten vernichten, ihre Führungsschichten liquidieren und viele Millionen Slawen (Russen, Ukrainer, Weißrussen, Polen) umbringen. Wäre der Krieg gegen die UdSSR wie geplant gelaufen, so wären 30 Millionen Zivilisten im ersten Winter verhungert und danach viele weitere Millionen vertrieben, ermordet, assimiliert oder versklavt worden. Obwohl diese Pläne nie verwirklicht wurden, waren sie der gedankliche Rahmen für die deutsche Besatzungspolitik im Osten. Während des Krieges ermordeten die Deutschen ebenso viele Nichtjuden wie Juden, vor allem durch Verhungernlassen sowjetischer Kriegsgefangener (über drei Millionen) und der Einwohner belagerter Städte (über eine Millionen) oder durch die Erschießung von Zivilisten bei "Vergeltungsmaßnahmen" (fast eine Million, vor allem Weißrussen und Polen)."

Hitlers Hauptziel war die Vernichtung der europäischen Juden. Und nach den Juden waren die slawischen "Untermenschen" dran.

Auch wenn Hitler seine radikaleren Absichten verbarg: "Die katastrophalen Visionen waren von Anfang an im Nationalsozialismus angelegt." (T. Snyder)

Schon im Parteiprogramm der NSDAP von 1920 standen die Hauptpunkte, die Hitler mit seinem Krieg gegen die Sowjetunion durchsetzen wollte:


Das 25-Punkte-Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

[vom 24. Februar 1920]

 

1. Wir fordern den Zusammenschluß aller Deutschen auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zu einem Groß-Deutschland.

3. Wir fordern Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses.

4. Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.

5. Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast in Deutschland leben können und muß unter Fremden-Gesetzgebung stehen.

6. Das Recht, über Führung und Gesetze des Staates zu bestimmen, darf nur dem Staatsbürger zustehen. Daher fordern wir, daß jedes öffentliche Amt, gleichgültig welcher Art, gleich ob im Reich, Land oder Gemeinde nur durch Staatsbürger bekleidet werden darf.
Wir bekämpfen die korrumpierende Parlamentswirtschaft einer Stellenbesetzung nur nach Parteigesichtspunkten ohne Rücksichtnahme auf Charakter und Fähigkeiten.

7. Wir fordern, daß sich der Staat verpflichtet, in erster Linie für die Erwerbs- und Lebensmöglichkeit der Bürger zu sorgen. Wenn es nicht möglich ist, die Gesamtbevölkerung des Staates zu ernähren, so sind die Angehörigen fremden Nationen (Nicht-Staatsbürger) aus dem Reiche auszuweisen.

8. Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern. Wir fordern, daß alle Nicht-Deutschen, die seit 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des Reiches gezwungen werden.

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Daher fordern wir:

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Brechung der Zinsknechtschaft!

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18. Wir fordern den rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemein-Interesse schädigen. Gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber usw. sind mit dem Tode zu bestrafen, ohne Rücksichtnahme auf Konfession und Rasse.

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23. Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen die bewußte politische Lüge und ihre Verbreitung durch die Presse. Um die Schaffung einer deutschen Presse zu ermöglichen, fordern wir, daß
a) sämtliche Schriftleiter und Mitarbeiter von Zeitungen, die in deutscher Sprache erscheinen, Volksgenossen sein müssen.
b) Nichtdeutsche Zeitungen zu ihrem Erscheinen der ausdrücklichen Genehmigung des Staates bedürfen. Sie dürfen nicht in deutscher Sprache gedruckt werden.
c) Jede finanzielle Beteiligung an deutschen Zeitungen oder deren Beeinflussung durch Nicht-Deutsche gesetzliche verboten wird und fordern als Strafe für Uebertretungen die Schließung einer solchen Zeitung sowie die sofortige Ausweisung der daran beteiligten Nicht-Deutschen aus dem Reich.
d) Zeitungen, die gegen das Gemeinwohl verstoßen, sind zu verbieten. Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen eine Kunst- und Literaturrichtung, die einen zersetzenden Einfluß auf unser Volksleben ausübt und die Schließung von Veranstaltungen, die gegen vorstehende Forderungen verstoßen.
24. Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen.
Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und ist überzeugt, daß eine dauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage:

Gemeinnutz vor Eigennutz

25. Zur Durchführung alles dessen fordern wir die Schaffung einer starken Zentralgewalt des Reiches. Unbedingte Autorität des politischen Zentralparlaments über das gesamte Reich und seine Organisationen im allgemeinen.

Soweit das Programm der NSDAP. Ziemlich aktuell. Und interessant, vom Moralgefühl der germanischen Rasse zu lesen.

 

Expliziter wird hier Daniel Goldhagen: 

1.    Der eliminatorische Antisemitismus war Dreh- und Angelpunkt seiner [Hitlers] Weitsicht, die er nicht nur in Mein Kampf immer wieder vertreten hat. Er war der Aspekt eines politischen Denkens und Handelns, den er am konsequentesten und leidenschaftlichsten verfolgt hat.
2.    Nach der Machtübernahme hielten sich Hitler und sein Regime an seine früheren Verlautbarungen. Sie setzten den eliminatorischen Antisemitismus in beispiellos radikale Maßnahmen um und führten sie mit unermüdlichem Eifer durch.
3.    Vor Kriegsausbruch verkündete Hitler seine Prophezeiung, ja sein Versprechen, das er im Laufe des Krieges mehrfach wiederholen sollte: Der Krieg würde ihm die Gelegenheit verschaffen, die europäischen Juden zu vernichten.
4.    Als der Augenblick gekommen und die Gelegenheit günstig war, verwirklichte Hitler seine Intention und ließ etwa sechs Millionenjuden ermorden.
Noch einmal: Der Genozid ging also nicht aus Hitlers Stimmungen, nicht aus örtlichen Initiativen oder aus unpersönlichen Strukturen hervor; er entsprang vielmehr Hitlers Ideal, den vermeintlichen jüdischen Einfluss zu beseitigen, ein Ideal, das in Deutschland weit verbreitet war. Selten hat ein Staatschef seine apokalyptischen Absichten so offen, so beständig und so emphatisch verkündet und sein Versprechen so buchstabengetreu erfüllt. Es ist bemerkenswert und beinahe unerklärlich, dass Hitlers Prophezeiung heute oft metaphorisch oder als leeres Gerede gedeutet wird. Hitler selbst betrachtete seine »Prophezeiung« vom 30. Januar 1939 als feste Absichtserklärung und hat dies wiederholt betont, als wollte er sicher gehen, dass niemand ihn missverstand. Statt sich über Hitlers Worte hinwegzusetzen, spricht alles dafür, Hitlers Verständnis seiner Intentionen und die Übereinstimmung zwischen den klar geäußerten Vernichtungsabsichten und der »vollbrachten« Tat ernst zu nehmen.
Vor Ausbruch des Krieges hatte Hitler zwei Gruppen benannt, die er im Kriegsfall vernichten würde: die Juden und die Erbkranken. Bereits 1935 teilte er dem Reichsärzteführer mit, daß er im Falle eines Krieges die »Euthanasiefragen aufgreifen und durchführen werde«. Dieser Gleichklang zwischen erklärter Absicht und späterem Handeln belegt - in beiden Fällen - nicht nur Hitlers Vernichtungswillen, sondern auch seine Geduld, den geeigneten Augenblick abzupassen, um ihn in die Tat umzusetzen. Wie ließe sich ein Vorsatz überzeugender beweisen?
Daniel Goldhagen "Hitlers willige Vollstrecker" S.199 3.

 

II. Die Kommunistische Ideologie

 

Die Anhänger Lenins hatten auch eine Vision. "Diese Vision, das angestrebte Endziel ihrer Revolution, war der Kommunismus. Es war die klassenlose Gesellschaft, geschaffen nach einer Transformationszeit der „Diktatur des Proletariats“, der Klasse der Arbeiter und mindestens in Russland der Bauern. Eine Gesellschaft der absoluten Gleichheit und, um mit Marx zu sprechen, das Ende der „Vorgeschichte“ der Menschheit. Von Russland aus, hofften Lenin und die Bolschewiki, würde das Signal zur Weltrevolution ausgehen." Der Tagesspiegel 7.11.2017

 

Und wieder ein Zitat von Timothy Snyder in "Bloodlands":

"Unter den Revolutionären ... herrschte der Traum, das Blutvergießen könne weitere radikale Veränderungen rechtfertigen, die dem Krieg eine Bedeutung geben und seinen Schaden wettmachen würden. Die wichtigste politische Vision war die kommunistische Utopie. Bei Kriegsende war es 70 Jahre her, dass Karl Marx und Friedrich Engels ihre berühmtesten Zeilen geschrieben hatten: "Proletarier aller Länder vereinigt euch!" 1.

Der Marxismus hatte Generationen von revolutionären durch eine Vision politischer und moralischer Umwälzung inspiriert: ein Ende des Kapitalismus und der Konflikte, die der Privatbesitz mit sich zu bringen schien, und ihre Ersetzung durch einen Sozialismus, der die arbeitenden Massen befreien und die gesamte Menschheit seelisch erneuern würde."

Intellektuelle weltweit folgten der Linie Stalins. Sie glaubten an eine "Vision einer vernunftgetragenen, gebildeten und wissenschaftlichen Gesellschaft, die auf der besten Ausnützung aller Kräfte und der stetigen Verbesserung ... der menschlichen Natur beruht, so wie sie objektiven, vorurteilslosen Geistern vorschwebte.". 2.

 

Viele westliche Intellektuelle pendelten in die Sowjetunion. George Bernhard Shaw sah das "Land der Hoffnung" (obwohl die Schauprozesse schon begonnen hatten), der spätere französische Literaturnobelpreisträger Andre Gide meinte "Ich möchte meine Liebe zu Russland in die Welt hinausschreien, ich möchte, daß mein Ruf gehört wird und Bedeutung hat."

Heinrich Mann schrieb: "Zu wissen, daß es einen solchen Staat gibt, macht mich glücklich." Die grauenhaften Moskauer Prozesse sahen manche noch als die "Intellektualität der Revolution" an. Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Romain Roland, Frederic und Irene Joliot-Curie, Jean Paul Sartre, Paul Langevin, Sean O'Casey, Stephen Spender, Theodor Dreiser, Upton Sinclair, John Dos Passos, Lois Fischer, J. Robert Oppenheim, Bert Brecht, Cecil Day Lewis waren nie Mitglied der Kommunistischen Partei. Aber sie sympathisierten, trotz Terrors, mit der Sowjetunion. 2.

 

Jean-Paul Sartre leugnete die Existenz der sowjetischen Gulags und meinte nach einer Reise in die UdSSR tatsächlich, dass dort Redefreiheit herrschte. 4. 

Und der französische Philosoph Michael Focault brachte die westliche intellektuelle Nachsicht mit Stalin auf den Punkt: "Das Proletariat führt nicht Krieg gegen die herrschende Klasse, weil es diesen Krieg als gerecht ansieht. Das Proletariat führt den Krieg gegen die herrschende Klasse, da es zum ersten Mal im Laufe der Geschichte die Macht ergreifen will. Hat das Proletariat einmal die Macht ergriffen, so ist es durchaus möglich, daß es über die Klassen, über die es triumphiert hat, eine gewaltsame, diktatorische und sogar blutige Macht ausübt. Ich wüsste nicht, was dagegen einzuwenden wäre."  4.

Stephan Hermlin distanziert sich sogar in den 1980er Jahren nicht von seinen Gedichten, die er aus Bewunderung an Stalin in den 1950er Jahren schrieb.

Viele dieser linken Intellektuellen, früher und heute, sehen irgendwo im Kommunismus eine philosophische Kultur, ein faszinierendes theoretisches System, eine Überwindung der menschlichen (kapitalistischen) Fesseln. Ein Ideal. 4. Kollateralschäden nimmt man dafür in Kauf.

  

"Das sowjetische Programm wurde im Namen universaler Prinzipien durchgeführt; der nationalsozialistische Plan war eine gewaltige Eroberung zum Nutzen einer Herrenrasse." Snyder S. 40

 

Die Konsequenzen für die Menschen in beiden Systemen waren gleich.

 

Vor diesem Hintergrund zurück nach Litauen. Das Land war nach der 3. Polnischen Teilung 1791 von Russland besetzt und bekam seine Freiheit erst 1918 wieder. Während die litauische Landbevölkerung weiter litauisch sprach, die Vilniuser Polen polnisch, lernten die litauischen Juden russisch.

Die Gründe, warum überproportional viele Juden für die Sowjets bei ihrem Einmarsch 1940 arbeiteten, sind vielfältig. Sie konnten russisch, durften in der litauischen Republik nicht in öffentlichen Ämter tätig sein, viele Juden werden die Gefahr durch die Deutschen wahr genommen haben und, wie wir bei den westlichen Intellektuellen gesehen haben, verlockt der Sozialismus mit der Theorie auf eine bessere Welt. Späne wurden beim Hobeln akzeptiert.

 

Lange Rede, kurzer Sinn: Auch wenn der Horror für die Menschen durch Stalin (betroffen war die gesamte Sowjetunion) und Hitler (betroffen waren die deutschen Juden, Behinderte, Andersdenkende und besonders die Juden und Slawen der besetzten Gebiete) ähnlich waren, erscheint mir angesichts des Holocaust die Kollaboration mit den Nazis als besonders verwerflich.

 

Der Hinweis von Botschafter Semaška, die Kommunisten waren genauso schlimm wie die Nazis, hinterlässt deshalb einen üblen Beigeschmack. 

 

 

Susanne Hennig-Wellsow, Thüringer Landeschefin der Linken, beglückwünscht den FDP Politiker Kemmerich für die Kooperation mit der Höcke AfD

 

Gibt es einen Unterschied zwischen der litauischen Kollaboration mit Stalin und Hitler? Wie unterscheidet sich moralisch das Engagement der Menschen für die Nazis und für Stalins (Nachfolge-) Organisationen?

Schreiben Sie mir Ihre Meinung!

 

1. "Bloodlands" Timothy Snyder

2. "Anatomie des Mitläufers" R. Lucas

3. "Hitlers willige Vollstrecker" D. Goldhagen

4. "Stalin und seine intellektuellen Bewunderer" Rainer Zitelmann

 

 

 

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