Litauen in Vergangenheit und Gegenwart

Wilhelm Storost „Vydunas“ Tilsit 1916

Vydunas Litauen

Der deutsch (preußisch)-litauische Autor, Gelehrte, Musiker und Philosoph Wilhelm Storost schrieb dieses Buch schon 1902. Es wurde überarbeitet erst 1916 veröffentlicht.

Die Litauer im Memelland - Storost wurde im Kreis Silute geboren - lebten zwischen der litauischen Kultur und der Deutschen. Ihre familiäre Herkunft war litauisch, der Staat, in dem sie lebten, deutsch.

Storost war Zeit seines Lebens ein Verteidiger der litauischen Welt, die durch äußere Einflüsse stark gefährdet war.
Zum Verständnis für den Leser: in Litauen muss man immer die politischen Begleitumstände berücksichtigen. Ganz kurz, um 1400 gehörte Litauen zu den größten Staaten Europas und beherrschte durch Einheirat Länder von Vilnius bis Moskau und dem Schwarzen Meer. Welche Sprache man da mehrheitlich sprach, ist mir nicht ganz klar, aber die Herrschaft ging von den litauischen Fürsten aus. Dann wurde Litauen (die Umstände sind in Geschichte beschrieben) immer mehr polonisiert. Durch die 3. Polnische Teilung fiel Litauen an Russland. Russland versuchte jegliche eigene Kultur der Litauer zu unterdrücken und (es gibt heute leider viele Parallelen) setzte auch Gewalt ein. Vydunas beschreibt übrigens extra die Kulturlosigkeit der Russen: „Am stärksten zeigte sich diese Absicht aber bei den Russen. Diese hatten eigentlich keine Kultur, die sie den Litauern aufzwingen konnten. So wollten sie wenigstens, dass die Litauer die Sprache der Russen redeten. Jede kulturelle Regung der Litauer, alles, was nur irgend die Existenz der litauischen Nation hätte sichern können, alles das wurde gestört. Man wünschte, es mit der Wurzel auszurotten.“

Russland setzte seine Interessen in Litauen mit harter Hand durch.

Im russisch besetzten Litauen wohnten Litauer, Polen, Weißrussen und Juden, im sogenannten Memelland Deutsche, Kuren, Prußen, Letten und Zemaiten. Das Memelland war ursprünglich kurisch. Dann wurde es vom Livländischen Schwertbrüdern erobert und von Riga aus verwaltet. 1328 abgetreten es an den Deutschen Orden, dann kam es zu Preußen, danach zum Deutschen Reich. Das hatte mit Litauen seit 1422 eine anerkannte Grenze. Es war die zweitlängst existierende Grenze in Europa.

Bis zum verlorenen 1. Weltkrieg. (Ich bin ja der Meinung, dass auch der Deutsch-Französische Krieg von 1871 damit zu tun hat).

Storost lebte, als er mit diesem Buch begann, im ostpreußischen Tilsit, dem heutigen Sowetsk.
Er beschreibt das damalige Litauen, seine Bedeutung in der Welt, die litauische Kultur, Kleidung, den litauischen Menschen und die Sprache.
Das Buch ist gut zu lesen und recht spannend, bietet es doch einen guten Überblick über das damalige Litauen. Was auffällt, ich habe das auch aus einem anderen Werk Vydunas in Erinnerung (700 Jahre deutsch-litauischer Beziehungen), dass preußisch-Litauen von Deutschland besetzt sei. Auch die Kurische Nehrung zählt er zu Litauen, ebenso Ragnit, Tilsit und Klaipeda.

Für mich waren das bis 1923 immer deutsche Städte, mit einer vielleicht überwiegend litauischen (oder vielleicht besser prußischen, zemaitischen, kurischen) Landbevölkerung, aber zu Deutschland gehörend. Die Bezeichnungen „Kleinlitauen“ (für Ostpreußen/Memelland) und Großlitauen fand ich immer sonderbar.

Auffallend ist zudem, dass Storost meist über die Litauer in „Preußisch-Litauen“ schreibt, aber kaum über die im russisch besetzten Litauen. Wahrscheinlich waren die Reisemöglichkeiten und somit die Informationen nach Russland zu schwierig.

Noch etwas fällt auf, kann aber mit den fehlenden Reisemöglichkeiten zu tun haben, Storost erwähnt die litauischen Juden erst ganz am Schluss (obwohl im russischen Litauen die Juden die Mehrheit aller Städter in russisch-Litauen ausmachten. Und schon Age Meyer Benedictsen die Juden als Haupthindernis für das litauische Erwachen ansah ("The Awakening of a Nation"1895). Im preußischen Gebiet dagegen war die Anzahl der Juden gering.

Wahrscheinlich wegen der drohenden deutschen Militärzensur ruft Storost nicht zur Schaffung eines litauischen freien Gesamtstaates auf (also preußisch und russisch Litauen), sondern verklausuliert seinen Wunsch nach litauischer Freiheit so:
„Indessen wird die dem Litauertum innewohnende Kraft weiterstreben. Und je edler und höher sein Ziel sein wird, desto höher wird seine Kulturbedeutung, desto sicherer wird seine Existenz begründet sein. Aus dem Zusammenwirken aller der beteiligten Kräfte wird sich die Zukunft des Volkes gestalten. Über dieselbe zu sinnen, ist eine müßige Sache. Schaffen muss der Mensch, tätig sein und um das Höchste und edelste ringen. Das weitere ergibt sich als naturnotwendige Folge.“

Ich kann das Buch sehr empfehlen, weil es einen kurzweiligen breiten Überblick über Litauen bietet. Vydunas geht auf die Geschichte ein, erwähnt den russischen Statthalter in Vilnius Murawiew, die Kulturlosigkeit der russischen Besatzer, die polnische Dominanz, die Abgeschiedenheit der Litauer, die Herkunft der Sprache und die Anfänge der litauischen Bücher. Interessant ist auch seine Sicht auf Donelaitis, die ich in litauischen und deutschen Kreisen einzigartig finde.

Falls sich Fehler in diesen Text eingeschlichen haben sollten, werde ich die gerne auf ihren Hinweis hin verbessern.

Falls ich sie aber ermutigt habe, sich mit dem Werk Wilhelm Storosts, genannt Vydunas, zu beschäftigen, dann hatte ich Erfolg.

In Kintai bei Ventes Ragas (Kreis Silute) gibt es das interessante Vydunas Museum, in dem auch Bücher von ihm gekauft werden können.

Über das Vydunas Museum: https://alles-ueber-litauen.de/ziele-in-litauen/memeldelta-silute/vydunas-museum

Über Vydunas: https://alles-ueber-litauen.de/litauen-kultur/vydunas

Über Vydunas Hauptwerk: https://alles-ueber-litauen.de/litauen-kultur/vydunas/vydunas-sieben-hundert-jahre

 

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