Lithuania

Lithuania Awakening 

"The Awakening of a Nation" "Ein Volk wacht auf"
Age Meyer Benedictsen 1895  248 Seiten


„They are indianrubber or stone on the surface, but inwardly they are human beings, living souls more free perhaps than their oppressors, they have no political ideas nor parties for who they have to cringe – they have only their God and their loved ones.”
„Es wäre ein Fehler den litauischen Widerstand gegen die russische Herrschaft als einen bewussten Kampf gegen das Böse anzusehen.  Den Menschen fehlt dafür völlig die Fähigkeit und die Konzeption.“

Age Meyer Benedictsen Awakening
Age Meyer Benedictsen (1866-1927) war ein dänischer Autor, Ethnologe, Dozent und Historiker. Er setzte sich für die Freiheit von bedrängten Völkern ein, hat fast die ganze Welt bereist und sprach 27 Sprachen.
1895 war er auf der Suche nach dem aufkeimenden Nationalbewusstsein der Litauer und besuchte sie im nördlichen Ostpreußen (auch Kleinlitauen/Memelland genannt) sowie in Russisch Litauen. Das Leben der ca. 30% ethnischen Litauer in Preußen beschreibt Benedictsen ausführlich in sechs von den sieben Kapiteln seines Buches.
Die Reise nach russisch-Litauen scheint beschwerlicher gewesen zu sein. Die Russen sind misstrauisch und Benedictsen braucht ein Empfehlungsschreiben des dänischen Königs, sowie die Fürsprache seines jüdischen Kutschers um nach Vilnius zu gelangen.
Er geht nicht zimperlich mit allen Protagonisten seines Buches um. Jeder bekommt sein Fett ab, besonders das Christentum, die Litauer selbst, die Russen, Polen, die Deutschen und die im Russisch Litauen häufigen Juden.
Sein Buch erschien in Dänemark 1895. Eine englische Übersetzung erschien 1924, initiiert durch den litauischen Diplomaten J.Savickis.. In Litauen erschien das Buch nach der Unabhängigkeit in einer litauischen Übersetzung.
 
Trotz des Alters, oder gerade durch das Alter des Buches, bekommt der Leser einen einmaligen Eindruck der damaligen Situation im nördlichen Ostpreußen und im seit 1795 von Russland besetzten Litauen.
 
Kleinlitauen gehörte seit dem Frieden vom Melnosee 1422 über den Deutschen Orden zu Preußen/Deutschland. Benedictsen beschreibt die zunehmend nationalistische Haltung der Deutschen nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870-71) und den wachsenden Druck auf die Litauer sich zu assimilieren. Zunehmend wurden sie gezwungen die deutsche Sprache zu lernen und immer weniger hatten sie von ihrer litauischen Kultur. „Kultureinerlei“ prangert er im Vorwort an.
Die Welt kann immer schneller bereist werden. Schiff, Zug und Telefonverbindungen bringen die Menschen immer näher zusammen. Man kann anhand der Mode und der Architektur nicht mehr erkennen, in welchem Land man gerade ist. Geschäfte haben die gleichen Waren.
"It will soon be impossible to decide, wether the shop window one is admiring is located in London, Copenhagen, Budapest, Rome or Moscow." Viele seiner Beobachtungen kann man im heutigen Litauen nachempfinden. Tatsächlich haben sich die Geschäfte seit der Unabhängigkeit verändert und auch die Menschen sind internationaler (oder modisch austauschbarer) geworden.  Exkurs: Ich dachte beim Lesen an Donelaitis Klagen gegen die Versuche "seiner" Litauer deutsche Kultur aufzunehmen (oder negativ ausgedrückt: nachzumachen). Litauer wollten plötzlich nicht mehr die üblichen Bastschuhe tragen, sondern die deutschen Lederschuhe.
 
Aber das Festhalten an überholten Kulturtechniken (wie dem Bastschuh) kann doch nichts Positives sein. Es kann doch keine Nation überleben, indem sie sich auf ihre uralten Traditionen zurückzieht. Aber Benedictsen spricht auch nicht von Schuhen, sondern von der Wichtigkeit der Sprache und dem Festhalten an der litauischen Kultur. Exkurs Ende.
Auch wenn er bemängelt, dass ein gesellschaftliches Hochkommen der Litauer nur über den Gang aus dem Dorf in die Städte und somit über die Beherrschung der (hier Ostpreußen) deutschen Kultur (Sprache, Bildung, Kleidung) funktioniert. Im russischen Litauer gilt das gleiche für die polnische und russische Kultur.


Mit viel Anteilnahme werden die Unterdrückung und das aufflammende Nationalgefühl der Litauer beschrieben:
"This little volume refers to one of the unhappy peoples of Europe, unhappy viewed as people. It refers to a couple of millions, the exact number is not known, who belongs to the Lithuanian nation. This people, ancient in name and origin, has lived where it now lives as far as history records, at the south eastern corner of the Baltic ...and on both shores of the Niemen [Nemunas/Memel]. It was once a strong and free people, its princes in the 14th-15th century were the mightiest rulers of Eastern Europe. Now it is divided between two masters, Prussia and Russia, cowed and powerless. For ages it was looked upon as a dying people, even the scientists of Europe who still study its language have thought it safe to prophecy its complete extinction. But suddenly...it has awakened...in spite of contemptuous suppression.
 
This people of peasants, of whom barely one seventh can read or write, are about to discover that they are a nation after all, that they possess a language and a country to love." S.10
Meyer-Benedictsen hat sich für viele unterdrückte Völker eingesetzt. Island, die Heimat seiner Mutter, Armenien und Litauen waren aber seine besonderen Anliegen. Die Freiheit der Litauer liegt ihm wirklich am Herzen. Trotzdem nimmt er kein Blatt vor den Mund, sondern bezeichnet die Situation der Litauer, Russen und Juden wie er sie damals gesehen hat. Und wie man das (auch) nach dem Holocaust heute nicht mehr sagen würde.
 
Umfangreich werden die reichen litauischen Lieder und Gedichte mit vielen Beispielen auf Englisch beschrieben. Dazu das Land...die schönen litauischen Mädchen ("Die den Geist mit Entzücken erfüllen"), die Dorfhäuser ("Man hat das Gefühl vor tausend Jahren seine Familie zu besuchen"), die litauische Lieblingspflanze — die Raute, Mode.


So leben die Litauer auf dem Land (tatsächlich wurde Litauisch nur in den Dörfern gesprochen. Die Stadtbevölkerung und der Adel sprach Deutsch, Jiddisch oder Polnisch.
"In these surroundings … live the Lithuanian people. No great events take place, they have no wide horizon, their life is passed in a quiet, modest, work a day fashion, some fairly well to do, others struggling with sickness and poverty, many have a certain moody dislike for any change, which make them adverse to reform of any kind, and contents them with their small way of living."
Die Litauer im Dorf haben also keinen allzu großen Horizont. Ihre Welt ist klein. Man kämpft gegen Armut und Krankheiten und lehnt jede Änderung ab. Ihr Land bestellen sie mit den ältesten primitiven Methoden, lassen ihr Vieh in der Wildnis weiden und brauchen deshalb eine Menge Hirten, die darauf aufpassen.
Neben der Landwirtschaft ist auch die Literatur (es gab fast keine klassische litauische Literatur) und die Sprache ein Problem. Die Regionen hatten alle einen eigenen Dialekt und die Reformer orientierten sich an den reinen Dialekt aus dem preußischen Ragnit. Von dort wurden viele Bücher während des russischen Bücherverbots (Druckerzeugnisse mit litauischen Buchstaben waren 1865 bis 1904 im russischen Litauen verboten) unter großer Gefahr von den Knygnešiai (Bücherträgern) über die Deutsch-Russische Grenze geschmuggelt. Allerdings waren wohl nicht alle Schmuggler Idealisten. So manches Buch wurde beim Transport um einige teurer.
 
Kapitel 2 behandelt die litauischen Mythen, Legenden und das litauische Heidentum.
Krive Krivaitis war der Hohepriester des Feuers. Das heilige Feuer wurde von Jungfrauen bewacht, sogenannten vaidelutes („rein und unschuldig genug für diese Aufgabe“). Krive Krivaitis opferte einmal im Jahr ein weißes Pferd. Wohnte zufällig ein Fremder dieser Zeremonie bei, wurde er sofort getötet, um die Götter milde zu stimmen. (S.55).
Kapitel 3 Bräuche und Feste der Litauer
Zahlreiche heidnische Bräuche muten heute seltsam an. Auch der Aberglaube, ein brennendes Haus nicht zu löschen, sondern das Feuer als Gast zu sehen (eine alte Dame musste dann nackt um einen Tisch tanzen), der Umgang mit dem Symbol für die Sonne, das Hakenkreuz, war auch für den Juden Age Meyer Benedictsen noch ungezwungen. (Weihnachten 2020 wurde der Weihnachtsbaum von der ehemals jüdischen Stadt Kedainiai mit Hakenkreuzen geschmückt. Natürlich nannte man die Hakenkreuze „alte litauische Sonnensymbole“, als ob das eine Rolle spielt).


Immer wieder werden litauische Jungfrauen erwähnt, die verschiedene religiöse Dienste versehen müssen.
Gesang und Tanz gehörten zu den größten Freuden auf litauischen heidnischen Festen und das blieb auch so nach der Christianisierung. Wieder gibt es viele Beispiele für Lieder und Gedichte.
 
Bei Feiern wurden so viele Gäste wie möglich eingeladen. Die litauische Gastfreundschaft war immer beachtlich. Jeder Gast brachte etwas zur Feier mit, aber:
„Still there is, as a rule, no great extravagance about the food and drink, they make more of their food and drink in their songs than in reality”).
Die beschriebene litauische Hochzeit erinnert an die von Vilius Karalius.

 Es ist nicht unbedingt Liebe, wegen der man heiratet, sondern Geld und Vorteile. Um das zu ändern, bedarf es aber einer höheren Zivilisation.
Die Braut wird von ihren Freundinnen mit einem Lied verabschiedet:
„Early I arose this morning.
Wandered sadly in our garden,
For the green rue I was looking,
Sweet green leaves of rue, Green and fresh and fragrant.
I at last farewell would bid them.
 
On the carriage step I lingered,
Sat me down with saddened feelings;
Oh my God so tender
Comfort me, poor maiden!
Bidding farewell to my mother.
 
When I entered through the gateway
Of my husband’s mother’s farmstead
Woe and grief me threatened,
Lurking grey and dreary
High above the massive portals.
 
Then I prayed my brothers gentle,
Brothers faithful, clover blossoms,
Hasten hither quickly
Ere the hour is over,
Hither fly weapon sharpened!”
 
 
In Kapitel 4 gehts um die litauische Folklore, wobei die litauische Poesie nicht an die slawische heranreicht. Die Litauer haben in Variationen 200.000 Dainos (Lieder). Ob jung oder alt, jeder kennt seine Lieder. Christliche Dinge findet man in den Dainos gar nicht. Jesus wird nie erwähnt. Dafür sind sie voll von heidnischer Symbolik. Wieder gibt es sehr viele Liedbeispiele, Märchen und Sagen.
 
Kapitel 5.   Kampf gegen die Christianisierung
 
 
Während die Christianisierung für fast alle Länder Europas Festigung des Staates, organisierte Macht und Fortschritte bedeutet, ist sie für Benedictsen ein würgendes Leichentuch und nicht nur ein Unglück für das Volk, sondern sogar seine Vernichtung.
„The hole history of the Lithuanian people is centred in “the fight against christianity.” S.123 (Vielleicht weil die Christianisierung durch die Polen kommt, in der Umklammerung Litauens durch den polnisch-litauischen „Rzeczpospolita“ gemeinsamen Staat?“
 
Nach Kämpfen und Siegen gegen die Kreuzritter kann Litauen durch Erbschaft und Krieg (Gediminas) bis in tatarisch-russische Gebiete gelangen. Das alte Land Litauens blieb aber das Gebiet um den Nemunas. Gediminas blieb innerlich ein Heide und gründete den heidnischen Tempel in Vilnius.
 
Gediminas fiel in einem Gefecht. Sein Sohn Jogaila, den Benedictsen als griechisch -orthodox (S. 128) bezeichnet, wird König von Polen und damit beginnt die Union zwischen Litauen und Polen:
„…and this laid the foundation of the union of the two countries, a union which to begin with was anything but close, but which ended in Poland bodily and spiritually swallowing up Lithuania; almost all this country’s proper rights, and the whole of its social structure broke down and disappeared.”
Siehe oben.
 
Während ich Jogailas Kooperation mit Polen als Versuch der beiden Länder sich vor den Deutschen zu schützen ansah, schreibt Meyer-Benedictsen, dass Jogaila in seinem blinden Machthunger alles tat, um die Krone von Polen zu gewinnen. Eine Schar von Mönchen und Priestern kamen aus Polen zurück nach Litauen und als erstes wurde der heidnische Schrein in Vilnius zerstört und eine Kirche errichtet.
 
Somit war das letzte heidnische Land Europas für das Christentum gewonnen- „die litauischen Menschen waren aber zur politischen Vernichtung verdammt“.
Meyer-Benedictsen beschreibt eindrucksvoll wie Polen Litauen übernimmt. (Poland now consisted of the two main parts Korona (the original country) and Litwa.”)  Bald ist der Adel, die komplette Führung, Intellektuelle und Priester polnischsprachig. Das gemeine Volk, also meist die Bauern, sprachen Litauisch und die Juden in den Städten Russisch und natürlich Jiddisch.


Litauisch ist zur Sprache der Leibeigenen geworden.


Interessant hier auch die Bedeutung der Weißrussischen Sprache im litauischen Staatsgebiet vor der Polonisierung. Das wird heute auch nicht mehr erwähnt: die ethnischen Litauer waren in dem riesigen Gebiet Litauens von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer nur eine kleine Fraktion der Bevölkerung. Weißrussisch war viel verbreiteter und es war einfacher mit den slawischen Nachbarn zu sprechen.
 
Spannend auch die Geschichte von Vytautas, Kestutis und die Verbannung von Birute (sie war Priesterin des Feuers) nach Palanga.
Mit dem Christentum hatte es Age Meyer-Benedictsen nicht so:
„The people gave everything they had for Christianity. They gave up the dignity of the nation, they gave up their political independence, their own peculiar civilization, their fields and forests, and in the end their personal liberty. The people were transformed into a non-possessing host of serfs whose language and customs were held in derision, and where victory for the individual only became possible if he denied his mother and became the oppressor of his brothers.”
(Siehe meine Bemerkung zur Rzeczpospolita).
 
Die Geschichte nahm ihren Lauf. Entwaffnet und ohnmächtig sanken die Litauer tiefer und tiefer. S.135
Mit der 3. Polnischen Teilung 1795 fällt Litauen an Russland.
 
Kapitel 6. Litauen Am Beginn des heutigen Jahrhunderts
 
„Bei der Bahnfahrt von Deutschland nach Russland merkt der Reisende kaum, dass er Gediminas Erbe bereist.“
Auf der deutschen Seite Bahnhöfe mit seltsamen (nicht wirklich deutsch klingenden Namen), im Zug alles Deutsch, die Passagiere, die Zugbegleiter, die gedruckten Anweisungen, die Bahnhöfe sehen aus wie die im Rheinland oder Hannover. Es gibt den Vorstand mit der roten Kappe und die gleichen eingebildeten Bardamen im „Alldeutschen Speisesaal“ [😉]. Kommt man an die Grenze, sieht man ein letztes Mal die schwarz-weiß-rote Fahne, die Pickelhauben und die „deutsche Ordnung“. An der Grenze werden Pässe gezeigt, Plakate sind beschrieben mit seltsamen Buchstaben, die man nicht lesen kann. Dunkelblaue Gendarmen patrouillieren auf dem leeren Bahnsteig. Die Züge werden getauscht.
 
Draußen haben die Stationen jetzt etwas russisch klingende Namen, aber nur, wenn man nicht genau aufpasst. Nun geht die Beschreibung der litauischen Juden los.
Hier sieht man auch den für “uns Westler neuartig, der gefeierte polnische Jude, seine zusammengesetzte Figur in eigentümlicher schäbiger Kleidung mit seinen krummen Händen und dem ungepflegten Bart, diese Ansammlung von Hässlichkeit, die auf den ersten Blick alles zu erklären scheint – seinen Charakter, seine Lebensweise und sein Paria Dasein.“  S. 141


Age Meyer-Benedictsens Vater war Jude. Warum er das so schreibt…? Und in dem Tenor kommt später noch mehr. Allerdings wie schon oben angesprochen, geht er mit niemandem zimperlich um.
 
„The alien peoples under German yoke generally sigh under a severe and petty administration, under bureaucracy and a strictly legal order of things, prying into every corner. In Russia it is just the opposite; there the terror of the suppressed arises from disorder and excessive arbitrariness, sometimes unreasonable and violent persecution, when that suits the authorities in question, sometimes dilatoriness and carelessness, if that is considered more expedient and advantageous.”
S. 145
Kurze Rückkehr nach Preußen: Der Autor beschreibt, dass er Schwierigkeiten hat, überhaupt ethnische Litauer zu finden.
Gestartet in Ragnit, ehemals ein litauisches Fischerdorf (hier hörte Meyer-Benedictsen zu seinem Leidwesen kein Wort Litauisch) fährt er ins Herz von Preußisch-Litauen.
„We arrived at the very heart of Prussian Lithuania, and what I saw was a little german town, the surroundings were delightful enough, but where were the Lithuanians? Little by little I discovered them, in the outskirts of the town, in the poorest huts, or in the service of Germans…”.

Litauische Dorfbewohner

Litauische Dorbewohner


“The little town had already outgrown everything Lithuanian, only the humblest, the meanest and poorest remained Lithuanian.” S 146
Donelaitis Bemühungen für seine Litauer werden erwähnt (Erweckung von Nationalgefühl) und der deutsche „Drang nach außen“, der Germanisierungsprozess in Preußen, das Wort Pan-Slawen für ethnische Litauer als unzuverlässige Grenzbevölkerung war in aller Munde.
„If a Lithuanian has the last ambition, and wants to go out in the world to make money or try his fortune in other ways, what chance will he have without knowing German; he cannot acquire knowledge, cannot obtain a situation without knowing German; only the dullest and poorest still keep to Lithuanian, and these “die dummen Lithauer” as the German call them, have often lost the best side of their national character. They became suspicious, mean and avaricious, and are no longer hospitable as of old; they have learnt too well that money is everything. Their poverty and apathy often cause them to be dirty and slovenly, in striking contrast to the neatness of the Germans.”


Ich finde das recht einseitig. (Wie schon am Anfang des Textes geschrieben).
Um sich zu behaupten, muss jede Kultur die guten Seiten von anderen Kulturen annehmen. Verweigert man sich, geht man unter. Die Litauer in Ostpreußen sind wahrscheinlich ein besonderer Fall, da sie in einem Land lebten, dass 500 Jahre zu Deutschland gehörte. Verwaltung war Deutsch…Amtssprache Deutsch. Da wird es schwer ohne Sprachkenntnisse. (Das sieht man im heutigen Deutschland doch auch sehr gut). Was bei den Litauern in Preußen nicht unbedingt heißen musste, auf ihre Kultur zu verzichten. Etwas anderes war es in Russisch–Litauen, wo ich das Gefühl habe, dass Age Meyer-Benedictsen dort nicht so reisen konnte, wie in Kleinlitauen. Schon die Einreise war nur unter Schwierigkeiten möglich.
Im Jahre 1831 lebten in Kleinlitauen etwa 125.000 Litauer und der Germanisierungsprozess war noch nicht forciert. Schlimmer für die Litauer wurde es nach dem Deutsch–Französischen Kriegen mit einer Zunahme von Deutschem Nationalismus.
Aber es gibt auch deutsche Unterstützung für die litauische Sache:
„It must be admitted that linguistic science owes to the Germans the greater part of that rich material which the Lithuanians have yielded towards the solution of obscure questions. It is the Germans who first unearthed the wonderful language of Lithuania. Men like Schleicher, Nesselmann, Brugman, Leskien and Bezzenberger, far famed linguists and ethnologists, have worked indefatigably to collect material from Lithuania. The “Litthauische litterarische Gesellschaft” under the leadership of Bezzenberger confine their labours entirely to gather in material from the Lithuanian field” whilst there is yet time” as the program state.”


Einer der deutschen Unterstützer der Litauer in Kleinlitauen war Dr. Georg Sauerwein. Angeblich sprach er fast alle europäischen Sprachen (laut Wikipedia 73) und lernte auch schnell Litauisch.
Meyer-Benedictsen berichtet hier von einer Petitionstour mit einer litauischen Delegation nach Berlin die sich zu einem kleinen Fiasko entwickelte. Schon spannend zu lesen!
 „Die Regierung in Berlin wird einer nationalen Bewegung, die direkt an der russischen Grenze aufkeimt, wahrscheinlich nicht mit Wohlwollen entgegensehen, und in Berlin war sie bisher eher darauf bedacht, Zwang anzuwenden, als ihre Gegner zu gewinnen. Aber die Erfahrung mag die Deutschen gelehrt haben, klüger zu handeln.
Die besten und nachdenklichsten unter den Litauern in Preußen, beginnen eher nach Osten zu schauen, um zu sehen, was los ist unter den Litauern unter russischer Herrschaft, denn dort sind auch Symptome eines nationalen Erwachens. Die moralische Hilfe muss von dieser Seite kommen, wenn die Litauer in Preußen Hoffnung in die Zukunft haben sollen.
Auf russischem Boden [AK: Russisch besetzt] lebt die Masse der Menschen und auch ihr Kern.“

Kapitel 7. Russisches Litauen
Geht es den Litauern in Ostpreußen schlecht, geht’s ihnen in Russisch-Litauen miserabel. Der Statthalter des Zaren Michail Nikolajewitsch Murawjow-Wilenski griff mit harter Hand gegen polnisch-litauische Rebellionen ein. Hier gibt es seit zwei Jahrhunderten keinen Hinweis auf Kampf und Kraft, sondern nur die Erinnerung an Leibeigenschaft und Unterwerfung.
Neben den Litauern gibt es ein anderes Volk hier, geduldet, auch weil sie nirgends anderes hinkönnen. Age Meyer-Benedictsen beschreibt hier die zahlreichen Juden in den Städten.
„Neither by soul nor by body do they belong to Lithuania – but all the same they dwell here, live, slave, and die here, for they must walk the earth, and kinship, employment or poverty chain them to the place where thy first saw the light. They live hundreds or thousands huddled together in small miserable wooden townlets all over the country. They let the great haggle and fight for power, laugh equally all the victor and vanquished, only strive to carry on their wretched existence under changing conditions, bowed down in foul weather, slowly straightening their backs in fine. They are indianrubber or stone on the surface, but inwardly they are human beings, living souls more free perhaps than their oppressors, they have no political ideas nor parties for who they have to cringe – they have only their God and their loved ones.”
“Geschäfte machen”, die Beschreibung von Vilnius aus seiner damaligen Sicht, als der Holocaust noch in der Zukunft lag und Juden die litauischen Zentren dominierten ist sehr interessant.  
Wobei Meyer-Benedictsen mit weniger Zuneigung beschreibt, wie einige Jahre später Alfred Döblin (Reise in Polen).
 
„Das vierte Volk in Vilnius, die Litauer, trifft man nur unterwegs oder auf dem Markt. Aber selbst dort immer weniger, da die Märkte von den Weißrussen erobert worden sind.“
 
Interessant hier seine Darstellung des Kampfes zwischen Russland und Polen, Litauen dazwischen.

Auch seine Interpretation der Zuwanderungspolitik der Litauisch-Polnischen Rzeczpospolita differiert von den üblichen Darstellungen.
„The few big men who with their free followers constituted that complex of power which was called Poland in their palmy days troubled but little about what kind of humble folks inhabited the land whose fate they shared. There must be somebody to plough and harvest, to buy and to sell, to tan the hides and timber the houses, to all this low toiling which was a necessity in order that the flower of the land might flourish. As to wether these people spoke Polish or Russian or Lithuanian or German was altogether a matter of secondary importance.  This was why Poland hospitably opened the doors for Germany’s tormented Jews; they were diligent and hardworking people so why not use them. Therefore, the Polish kings called in numbers of Germans and filled the towns of the country with foreigners.”
 
Polen brauchte also nur die litauische Oberschicht gewinnen und kontrollierte das Land. Die Arbeit machten Ausländer (Juden), die Litauer saßen in den Dörfern.
Allein und ohnmächtig flüchteten sie sich in die Religion, auch wieder kontrolliert von Polen. Tatsächlich scheinen alle Kirchen in Litauen von Polen gebaut worden zu sein. Oder von polnischen (litauischen) Großgrundbesitzern, die ihre Leibeigenen befrieden wollten.
 
„Die litauische Sprache jedenfalls hatte hinter den niedrigen Fachwerkmauern und in den grasbewachsenen Obstgärten, hinter dem Pflug, und am Spinnrad keine fremde Einmischung, kein Versuch der Ausrottung von Sprache und Tradition. Das war das goldene Zeitalter der Folklore. Gerade in dieser Unterdrückung, in dieser schmerzlichen Lage, besaß das Volk jene himmlische Verantwortungslosigkeit, die die wahre Mutter des lyrischen Konzepts ist. Die Litauer hatten einen Seelenfrieden, der sie befähigte, bei ihrer Arbeit zu singen.“ S.185
Jeder Litauer der durch Geld, Können oder Glück zu Aufstieg und mehr Kultur kommt, war für das Volk verloren. Diese aufstrebenden Söhne von Bauern mussten ihre Vergangenheit hinter sich lassen und auf polnischen Grund ihr Leben neu aufbauen.  S.186
 
Meyer-Benedictsen berichtet über das „Königreich“ Rietavas der Familie Oginski (eine bedeutende litauische Familie, obwohl die Herkunft Smolensk ist), mit guten Straßen, Schulen und Büchereien. Nur Juden waren da nicht erlaubt. Die durften noch nicht einmal die Straßen benutzen. Informationen darüber sind heute rar.
 
Auch die Republik Pavlovo (Paulava) wird erwähnt. Faszinierend, was Age Meyer-Benedictsen alles auf seiner Reise erfahren hat.
„Almost all the Roman Catholic churches in Lithuania are old and tumble down, they are nearly all of wood, hurriedly built by Polish landowners for their peasant serfs.“
 
Die steinerne, wunderschön neu renovierte Kirche in Zapyškis, ist ein Ausdruck der aufstrebenden Region Zapyškis, da steinerne Kirchen fast nur in Städten standen. (Ein Äquivalent steht in Kaunas). Bei Meyer-Benedictsens Besuch war sie am verfallen. Reparaturen waren durch die russische Verwaltung verboten.
Age Meyer Benedictsen Zapyskis

Meyer-Benedictsens Besuch in Zapyskis


„Of a free national life, the people know nothing. Its ancient history prior to Christianity and serfdom has entirely vanished from their vision. Their spiritual life, a literature of their own, an art of their own, was tiny and weak as a naked nestling. Any enlightenment outside Roman Catholicism, the meanest knowledge of reading and figures was a treasure for but the few.“
 
Die russischen Gendarmen durchsuchten Häuser nach Büchern und konfiszieren sie dann. Oft würden diese Bücher aber bei Juden landen und wieder verkauft. Trotz des enormen Drucks gäbe es kaum einen litauischen Hof ganz ohne Bücher (meist natürlich religiöser Art).
Das Bücherverbot hat Russland mehr geschadet als genutzt. Statt Litauen als Freund zu gewinnen, hat die harte Knute der russischen Besatzung eher die Verbindung der Litauer mit Polen bestärkt.
Das russische Schulwesen bestand aus Lehrkräften aus allen Teilen Russlands. Selten für das Lehramt qualifiziert, ohne Landes- und Sprachkenntnisse. Dabei musste ich an Justas Palezkis Buch LINNNNNNNNNNNNNNNNNNNNK und den darin enthaltenen Vorwurf denken, dass so viele Litauer vor dem Sowjetischen Einmarsch ungebildet waren. Laut Meyer-Benedictsen waren die Russen daran nicht unschuldig. Die Litauer konnten durch die russischen Bildungsversuche gar nicht erreicht werden. Wegen den Sprachproblemen und Abneigung gegen die Besatzer. (S. 204).
Die Litauer ertragen alle russischen Drangsalierungen stoisch, bis ihnen die Kirchen geschlossen werden. Mit Aktionen wie in Kražiai schafften sich die russischen Besatzer ihre eigene Opposition.

Langsam wachten die Litauer auf.
Age Meyer Benedictsen Litauer 
S.204:
„Es wäre ein Fehler den litauischen Widerstand gegen die russische Herrschaft als einen bewussten Kampf gegen das Böse anzusehen.  Den Menschen fehlt dafür völlig die Fähigkeit und die Konzeption.“
Schlechte Aussichten im Jahre 1895!
„Die große Masse des Volkes begreift nicht, was für einen Feind sie in der polnischen Oberschicht hat, und auch nicht, unter welchem geistigen Druck und Mangel an Verantwortung der litauische Geist darunter leidet. Das Polnische hat allmählich das Litauische erobert und erobert es immer noch, besonders in den kleinen Städten des Landes; es ist unmöglich, in solchen Orten etwas zu führen, was man ein intelligentes litauisches Leben nennen kann, alles, was nicht jüdisch ist, wird polonisiert. Die Kirchensprache im Bezirk Wilna, in  den Teilen, wo die litauische und die weißrussische Nation zusammenkommen, zeigt eine seltsame Verwirrung; polnische Gemeinden sind unter den litauischen verstreut; in Bezirken, wo die polnische Sprache wirklich keinen Fuß fasst und wo sie nicht von einer bedeutenden intellektuellen Aristokratie gestützt wird, bestehen verblendete polnische Priester darauf, weiterhin auf Polnisch zu predigen; Sie glauben, polnische Propaganda zu betreiben, aber in Wirklichkeit spielen sie nur Russland in die Hände, denn wenn die Bauern sehen, dass ihre eigene Sprache verachtet und vernachlässigt wird, und sie keine andere Möglichkeit haben, sich am Leben zu erhalten, gewinnen die Schulen und das Militär, sowie die russische Polizei und der staatliche Einfluss die Oberhand über sie; das Ergebnis von all dem sind die armen Halbrussen, der erste Schritt auf dem trostlosen Weg zu einem Wechsel der Nationalität. Litauischen Zeitungen zufolge sind Gemeinden, die Litauen nahestehen, und in denen der Priester Litauer ist, viel weniger von dieser russischen Infektion betroffen als die Ersteren.“

Es gab kaum wirtschaftliche Entwicklung und auch die Befreiung der Leibeigenen brachte nicht das erhoffte Ergebnis, da die Polen zwar die Abschaffung der Leibeigenschaft befürworteten, aber ohne den Menschen Land zu, geschweige denn Macht abzugeben.

Für Age Meyer-Benedictsen waren aber die Juden das größte Hindernis zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Sie machten zwischen sechzehn und zwanzig Prozent der Bevölkerung aus, beherrschten aber nahezu die gesamte Wirtschaft:
„Das größte Hindernis für den wirtschaftlichen Fortschritt unter den Litauern ist in der jüdischen Bevölkerung des Landes zu finden.
Die Juden machen zwischen einem Zwölftel und einem Sechstel der gesamten Bevölkerung aus. Die Russen halten die litauischen Bauern in politischer Unterdrückung und ohne jedes Mitspracherecht, die Polen machen das gleiche mit den Menschen in geistigen Dingen, und der dritte Weg zur Macht, der Weg zur materiellen Unabhängigkeit, wird von den Juden stark blockiert. Die Juden leben in Litauen seit der frühesten Zeit, über die wir zuverlässige Aufzeichnungen haben, aber sie sind weder willens noch fähig, sich mit den Bewohnern des Landes zu assimilieren. Ihre große Zahl, ihre Vorurteile, ihr religiöser Fanatismus und ihre alten Sondergesetze, haben ihre Position als ein ganz und gar fremdes Element im Land gefestigt. Die vielen Jahrhunderte haben sie eher von der einheimischen Rasse entfremdet, als sie mit ihr zu vereinen. Sie sprechen unter sich nicht die Landessprache, sondern benutzen ihren eigenen hebräisch-deutschen Dialekt, sie kleiden sich nicht wie der Rest des Volkes; obwohl man ihnen verboten hat, ihre eigenartige Kleidung zu tragen, gelingt es ihnen, sich durch ihre Kleidung von anderen Menschen zu unterscheiden. Sie haben weder Freunde noch Feinde noch Interessen mit dem Volk gemeinsam. Die Politik der Juden war in der Hauptsache opportunistisch, und zwar notgedrungen; sie waren nie bereit, echte Freundschaften zu schließen, weil sie befürchteten, sich dadurch Feinde zu machen.
Sie haben sorgfältig ausgelotet, von welcher Seite sie vorläufig den größten Schutz zu erwarten haben...
 Noch heute sagt der litauische Jude mit der gleichen Zuversicht wie vor Jahrhunderten:
"Er kommt sicher und Er kommt bald".“

Wenn man sich aber den Juden ohne dumme Vorurteile nähert, sieht man das Gute in ihnen, die besten menschliche Qualitäten, Sympathie und Hilfsbereitschaft zeigen sich.

Ages Beschreibung der litauischen Juden ist enorm spannend, zumal sie vor dem Holocaust entstanden sind und man heute nicht mehr so schreiben würde, auch weil es seit dem deutschen Einmarsch keine Juden mehr in Litauen gibt. Die Kneipen in jüdischer Hand, die Lebensumstände, der Handel, die Beziehungen zwischen Litauern und Juden.
Ages Fazit ist, die Polen kontrollieren Litauens Seele, die Juden die Wirtschaft und die Litauer hätten keinen Plan, wie sie dagegen ankommen könnten.

Vielleicht sollte man über diese ethnische Gemengelage nachdenken, wenn wir uns wieder wundern, warum die litauische Unterstützung für die Deutschen 1941 so groß war.
Für viele Litauer waren Juden Fremdkörper und eben keine ethnischen Litauer. Und nur denen sollte das Land gehören. Liest man sich heute (2021) litauische Facebook Foren über Geschichte durch, sieht man solche Ansichten sehr oft. (Litauen ist natürlich kein Einzelfall, dass gibt es bestimmt in jedem Land. Mehr oder weniger. Aber hier geht’s um Litauen).

Jonas Basanavicius zitiert er in dessen Zeitung „Ausra“:
„Was war unser Volk während der polnischen Ära: Nichts.
Was können unsere Sprache und unsere nationale Sache von einem neuen Polen erwarten? Nichts.
Lasst uns das gleiche Unglück und die Unterdrückung durch die Russen nutzen, um unsere Sprache von der polnischen Herrschaft zu befreien, es ist jetzt einfacher, denn die Ehre und der Vorteil, polnisch zu werden, ist nicht so verlockend wie in vergangenen Tagen. Der Zustand unserer Bauernschaft hat sich geändert, sie ist jetzt frei und der größte Teil des Bodens ist frei; unsere Sprache hat keine Rechte, aber die polnische Sprache hat auch nur wenige. Russisch kann unsere Kultur nie werden, der Weg zum Polnischen ist schwerer geworden, vom rein menschlichen Standpunkt aus gesehen gibt es nur einen Ausweg, dass sie Litauisch wird, was auch die natürlichste Lösung ist! Rütteln wir uns auf und arbeiten, arbeiten wir für die geistige Befreiung unseres misshandelten Volkes und unserer Sprache, dann muss und wird der Rest folgen.“

Age Meyer Benedictsen beschreibt „Litauens Nationales Erwachen“ in einer Zeit, als es noch ein sehr kleines Pflänzchen war. Ziemlich schonungslos in der Schilderung der beteiligten Menschen…Litauer unwissend und apathisch, Juden, das Land ökonomisch beherrschend und ein Fremdkörper im Lande. Die Polen, die Litauen kulturell (und materiell, da sie die größten Landbesitzer waren) unterdrückten, sollten gehen.
Eine Russifizierung der Menschen könnte nur gelingen, wenn man die jungen Leute deportiert und in ganz Russland verteilt (was Russland 1940 ja dann auch machte).
Die Juden müssten die Freunde des Volkes werden, oder das Land verlassen. Als ob er die Zukunft geahnt hätte.

Lithuania „Awakening of a Nation“ ist heute ein ziemlich unbekanntes Buch. Im Buchhandel nur auf Dänisch und auf Englisch im Antiquariat für 200 Euro zu bekommen.
Man kann es aber bei Gyan Books Indien als Nachdruck (Books on Demand) bestellen. Kostet nicht viel.

Ein faszinierendes (mit kritischen Denkansätzen gefülltes) Buch aus einer anderen (vor Holocaust) Zeit. Sehr zu empfehlen.

 

Eine Untersuchung über Age Meyer-Benedictsens Buch im literarischen Bereich gibt es von Ieva Steponavičiūtė (hier ist die Politik ausgeklammert).

AGE MEYER BENEDICTSEN AND THE IMPORTANCE OF CULTURAL DIPLOMACY

Ieva Steponavičiutė ist außerordentliche Professorin und Leiterin des Zentrums für Skandinavische Studien an der Vilnius Universität.
Professor Steponavičiutė ist eine der Wenigen, die sich heute noch mit Age Meyer Benedictsen beschäftigen, auch wenn es in ihren Untersuchungen hauptsächlich um Fragen der diplomatischen und kulturellen Beziehungen zu Dänemark geht.
Meyer Benedictsens vor dem Holocaust durchaus diskutablen Thesen der Umsiedlung von Litauern (zur Russifizierung) und Deportationen von allen Juden, sind nach 1945 natürlich anrüchig. Ich stimme Professor Steponavičiutė allerdings bei ihrer Aussage, nach dem Holocaust und der Fremdenfeindlichkeit heute wäre Meyer Benedictsen seiner Zeit durch Ablehnung von Nationalismus voraus gewesen, nicht unbedingt zu. Gerade seine Thesen, die litauischen Juden müssten entweder ein Freund der Litauer werden oder man müsste sie deportieren, stellt den ethnischen Nationalismus höher, als das Anrecht des jüdischen Volkes auf ein Leben in dem Land, in dem sie seit Jahrhunderten lebten. Age Meyer Benedictsens Thesen, wie Litauen wieder erwachen könnte, machen für mich das Buch interessant.
Ieva Steponavičiutė Mutter Svetlana (1936-1919) hatte schon eine Leidenschaft für Dänemark und begann über Benedictsen zu forschen und Professor Steponavičiutė Artikel und Bilder beruhen größtenteils auf Material, das ihre Mutter gesammelt hat.

Download des Textes bei Lietuvos Mokslo Tarybas.

Eine Überarbeitung mit Fotos IMPORTANCE OF CULTURAL DIPLOMACY



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