Die Jahreszeiten "Metai"

Kristijonas Donelaitis Gottfried Schneider Übersetzer

Metai Donelaitis

Szenen aus dem Leben der litauischen Bauern in Ostpreußen um 1750

Im Januar 2021 gab es eine Neuauflage der 2017 erschienenen Donelaitis Ausgabe von Gottfried Schneider. Schneiders "Metai" Übersetzung wurde bundesweit stark gefeiert. Ich selber habe sie noch nicht gelesen (nur gekauft), stelle sie hier als Alternative der von mir rezensierten Übersetzung der "Metai" von Hermann Buddensieg (1966) vor.
Tatsächlich empfand ich die Lektüre von Donelaitis Jahreszeiten als ziemlich schwer. Umso erstaunlicher las ich dann, dass es auch anderen Lesern so ging.

Gottfried Schneider war Pfarrer in Berlin, ging Anfang der 1990 er Jahre nach Vilnius, um beim Aufbau der lutherischen Gemeinde mitzuhelfen.

Bis 2000 war er dann in Klaipeda an der theologischen Kathedra tätig. Aus Litauen brachte Schneider Donelaitis Buch "Metai" mit und referierte darüber mehrmals an der Humboldt Universität.


In seinen Anmerkungen zur aktuellen Ausgabe der "Jahreszeiten" beschreibt Schneider alle bisherigen Übersetzungen von Donelaitis Buch als wenig zufriedenstellend für heutige Baltisten.
Um seiner Frau Donelaitis Werk nahezubringen, entschloss sich Schneider das Buch neu zu übersetzen. Mit ein bisschen Hilfe entstand aus der anfänglichen holprigen Schneiderschen Prosa "ein Text, der sich fließend lesen und sprechen lässt - fast wie das Original. Das Original ist die schönste Lektüre. Der vorliegende deutsche Text möge als zweitschönste angenommen werden!".



Einen bemerkenswerten Aufsatz über Gottfried Schneiders "Metai" Übersetzung schreibt Prof. Dr. Jürgen Joachimsthaler (der 2018 leider viel zu früh gestorben ist) in literaturkritik.de.

"Endlich ein lesbarer Donelaitis!"

Die erste Übersetzung der "Metai" von Ludwig Rhesa 1818 war gekennzeichnet von Kürzungen und Glättungen der Textstellen, die Rhesa zu ungehobelt erschienen.

1869 erschien eine kritische (zweisprachige) Ausgabe von G.H.F. Nesselmann.
1894 folgte eine Übersetzung von Ludwig Passarge und 1966 die auf dieser Webseite rezensierte Ausgabe von Hermann Buddensieg.

Joachimsthaler schreibt "Das geringe Echo, das Donelaitis bisher in Deutschland gefunden hat, liegt jedoch auch darin begründet, dass der tatsächliche Textbestand nicht recht zu dieser Homogenitätsunterstellung passen will. Zusammenhang muss behauptet werden, wo er nicht unbedingt besteht. Die Übertragungen erhalten dadurch etwas gezwungenes und Gequältes und fügen sich doch nicht zu jenem Ganzen, das sie versprechen. Letztendlich schrecken sie dadurch eher ab".

Gottfried Schneiders fünfte Übersetzung der Jahreszeiten sei "ein Befreiungsschlag!". Der Leser müsse nicht mehr Zusammenhänge suchen, wo keine sind und an seiner eigenen Unfähigkeit verzweifeln, den Text zu verstehen.

Man könne bei Schneiders "Metai" Übersetzungsfehler finden, doch betrachte die moderne Übersetzungswissenschaft die Übersetzung als eigenes Kunstwerk mit Augenmerk, wie es in der Zielsprache funktioniert. "Und da ist Schneider im Vergleich zu seinen Vorgängern ein Maximum an Lesbarkeit zu attestieren."

Die erste Textstelle in "Die Jahreszeiten" übersetzt Schneider so:

Höher stieg die gütige Sonne. Sie weckte die Welt und
schickte sich an, dem lastenden Winter zu Leibe zu rücken.
Schon begann, was frostig und eisig war, zu vergehen.
Überall taute der Schnee auf, schmolz und wurde zunichte.

Nesselmann 1869 so:

Wiederum hob sich die Sonne empor und weckte die Welt auf,
Höhnte die mühsamen Werke des Winters und warf sie in Trümmer.
Schon mit dem Eise begann des Frostes Gebilde zu schwinden,
Und ringsum verwandeltʼ in Nichts der schaumige Schnee sich.

Und Buddensieg 1966:

Schon stieg die Sonne wieder zur Höhe und weckte die Welt auf,
Lachend, da sie vom Winter mühsam Geschaffenes vernichtet.
Denn es begann, was der Frost sich ersann, samt dem Eis, zu zerrinnen,
Brüchig geworden, verwandelt der Schnee überall sich in Nichts jetzt.

Interessant auch Jürgen Joachimsthalers Fazit. Die durch Ludwig Rhesa begonnene, lange anhaltende Rolle der "Metai" als litauisches Nationalgedicht wird durch Schneider endgültig zurückgewiesen.
"Der Sprecher fungiert nicht als Sprachrohr eines litauischen Kollektivs, dem er selbst sich zurechnet, er spricht die ihm untergeordneten Bauern zwar "in der Bauernsprache" an, betont aber zugleich, dass er über weitere Sprachregister verfügt. Er ist ihrer Welt enthoben."

Joachimsthaler sieht in Gottfried Schneiders "Metai" Übersetzung die erste Fassung von Donelaitis Werk, das in Deutschland einem breiteren Publikum zugänglich sein könnte.

 

Meine Rezension zur Übersetzung der "Metai" von Hermann Buddensieg "Die Jahreszeiten"

 

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass mit Gottfried Schneider wieder ein evangelischer Pfarrer die "Metai schreibt".

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