Reise in Polen   Alfred Döblin 

 Alfred Döblin

Alfred Döblin 1878-1957, studierter Mediziner, Psychiater und linksliberaler Schriftsteller, assimilierter Jude, konvertierter Katholik. Sein bekanntestes Werk war "Berlin Alexanderplatz".

Nachdem es 1923 im Berliner Scheunenviertel zu Pogromen kam, wurde Döblin mit seiner eigenen jüdischen Herkunft konfrontiert.

Drei Jahre zuvor hatte er sich bereits in einer Glosse der Neuen Rundschau vom Standpunkt eines assimilierten Juden zum Antisemitismus geäußert: „Ich las einmal, daß die Juden als abgestorbenes Volk einen gespenstigen Eindruck machten und Dämonenfurcht auslösten; der Judenhaß gehört tiefer zu den kulturhistorischen Dämonopathien, in eine Reihe und in dieselbe seelische mit Gespensterfurcht, Hexenglauben.“


1924 begann er eine zweimonatige Reise durch Polen. Sein Ziel war, dass "richtige Judentum" zu erleben. Das richtige Judentum gab es nur noch im Osten. Seine Eindrücke beschrieb er in seinem Reisebericht "Reise in Polen".

1924 gehörte Vilnius, damals Wilno, noch zu Polen. Deshalb war die heutige litauische Hauptstadt einer der Stationen seiner Reise. Diese Rezension handelt nur von Alfred Döblins Halt in Wilno. (Der für den Leser leider viel zu kurz war!).

 

Schon bei der Anreise fällt Döblin die viele Armee und die Sicherungsposten auf, die sensible Punkte der Stadt, wie Eisenbahntunnel, sichern.

"Unruhe ist im Land. Die Zeitungen berichten von bolschewistischen und unklaren Bandenüberfällen; ich habe plötzlich das Gefühl: es ist mehr als bloße Bandenräuberei; hier ist Kriegsbewegung." 

Dabei ist Wilno schon 1920 von der polnischen Armee besetzt worden.

Döblin, von Hause aus "assimilierter Jude", er beherrschte Jiddisch, beschreibt das damalige Wilno und besonders seine jüdischen Einwohner, als diese noch die Hälfte der damaligen Bevölkerung ausmachten. Deshalb gilt sein Buch auch als wichtiger Beitrag zur Geschichte der litauischen Juden, denn ein paar Jahre nach Döblins Reise (Döblin selber emigrierte über Frankreich in die USA), begann mit dem deutschen Einmarsch im Juni 1941 das Ende der jüdischen Kultur in Litauen.

 

Seine Stadtbeschreibungen von den schmalen Gassen, den jüdischen Läden, der europäischen Kleidung der Juden, aber auch der Gediminas Burg, der Kathedrale ("polnisches Stadttheater") oder der Madonna im "Tor der Morgenröte" sind nicht nur interessant, sondern auch stellenweise ironisch und manchmal keck, besonders wenn er Damen beschreibt.

 

Döblins Reise führt ihn ins damalige Polen. Er beschreibt seine Eindrücke. Wilno gehörte zu Polen, die Bevölkerung war polnisch (oder russisch), der Gründer der Universität, Stefan Bathory, polnischer König kam aus Siebenbürgen, der allerdings nur schlecht polnisch konnte, die drei großen Kreuze auf dem Hügel neben dem Gediminas Burgberg wurden von Polen in Erinnerung an ein Massaker des russischen General Murawjew 1863 an...Polen gebaut. 

Irgendwie fehlt in Alfred Döblins Schilderung von Wilno der litauische Teil. Gab es ihn nicht?

Interessant auch seine Bemerkung über die Bolschewisten:

"Arme Leute, die zur Macht gelangen, schlagen nur Reiche."  (1924 starb Lenin, der große Terror sollte noch kommen).

Zumindest in Wilno hat Alfred Döblin gefunden, was er auf seiner "Polnischen Reise" suchte: 

"Welch imposantes Volk, das jüdische. Ich habe es nicht gekannt, glaubte, das, was ich in Deutschland sah, die betriebsamen Leute wären die Juden, die Händler, die in Familiensinn schmoren und langsam verfetten, die flinken Intellektuellen, die Zahllosen unsicheren unglücklichen feinen Menschen. Ich sehe jetzt: das sind abgerissene Exemplare, degenerierende, weit weg vom Kern des Volkes, das hier lebt und sich erhält. Und was für ein Kern der solche Menschen produziert wie den hinflutenden reichen Baal-schem, die finstere Flamme  des Gaon von Wilno. ...

Was ging in diesen scheinbar kulturlosen Ostlandschaften vor. Wie fließt alles um das Geistige."

Und zehn Jahre später schrieb er:

"Als ich vor einem Jahrzehnt die alte, geschlossene Judenheit in Polen aufsuchte und zum ersten Mal, staunend, ergriffen, tief bewegt und noch ohne Ahnung von dem, was kommen sollte, jüdisches Volk und Leben sah, öffneten sich mir die Augen: Ostjuden können Juden sein, Westjuden können nicht Juden sein."  

 

Lesenswert!

 

Dieser Text enthält Zitate aus Wikipedia und "Reise in Polen" von Alfred Döblin.

 

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