Die Chroniken des Suedviertels

Rimantas Kmita Roman Litauen

Rimantas Kmita - Mitteldeutscher Verlag - Aus dem Litauischen übersetzt von Markus Roduner

Rimantas Kmitas Roman ist 2016 in Litauen erschienen und 2019 in einer hervorragenden Übersetzung von Markus Roduner auf Deutsch.

 

Die "Chroniken des Südviertes" ist der erste Roman von Rimantas Kmita und könnte seine Autobiographie sein. Erschienen 2016 wurde es in Litauen zum Buch des Jahres in der Kategorie Erwachsene gewählt.
Der Protagonist Rimantas ist ein Jugendlicher im litauischen Siauliai, den meisten Besuchern als Großstadt beim Berg der Kreuze bekannt, eines der litauischen Haupttouristenatraktionen.

Rimantas erlebt seine Jugend in den Wirren der 1990 er Jahre, als Litauen unabhängig wurde von der Sowjetunion und wirtschaftlich alles am Boden lag.

Durch Schmuggel von allem möglichen Kram nach Polen, Lettland und sogar nach Russland versuchten die Menschen über die Runden zu kommen. In Lettland wurde litauisches Brot verkauft, weil es in Litauen billiger zu bekommen war. So entstanden riesige Märkte. Bei einer Verkaufstour nach Lettland konnte man mit etwas Glück einen ganzen damaligen Monatslohn verdienen. Hatte man aber Pech, die illegalen Verkäufer waren ja der Polizei und lokalen Schlägern ausgeliefert, war schnell alles weg.
Die anfängliche Scheu verflog bei Rimantas schnell, als er seine strenge Lehrerin sah, wie sie am Markt Wollsocken verkaufte.

Kmita schafft es, uns Leser an seinem Leben teilnehmen zu lassen, in dem er nicht nur einen amüsanten Roman liefert, sondern vielmehr ein Geschichtsbuch über Litauen nach der Unabhängigkeit. Wenn man Litauen schon länger kennt, wird man im Roman an viele Dinge erinnert, die sich die Besucher, wahrscheinlich auch die jungen Litauer selber, gar nicht mehr vorstellen können. Die Grenzkontrollen, selbst aufgenommene Kassetten, gekaufte Fake Kassetten, Verkäuferinnen die nie lächelten, das der Rugby spielende Rimas keine vernünftigen Rugbyschuhe hatte (man bekam schlicht keine in Litauen), das alles in Dollar gehandelt wurde und die Talonas, das erste litauische Geld nach der Unabhängigkeit von den Russen, wie Spielgeld aussah.

Auch der erste Auslandsbesuch von Rimantas nach Hannover zu einem Rugbyspiel, wo die mitgereisten Trainer die Jungs alleine ließen, um Autos zu kaufen, die deutschen Jungspieler, die sich um die litauischen Gäste kümmern sollten, sich das Geld nahmen und alleine ausgaben und die Litauer in die Röhre guckten (was mir als deutschem Leser ein schlechtes Gewissen bereitet), zeigt die ersten Ausflüge der nun freien Litauer in die westliche Welt.

Eine andere, neue, ungewohnte Welt in denen sich die Einkaufsläden mit automatischen Glastüren öffneten, es Rolltreppen, "Neger" und Mett gab. Mett, rohes Fleisch, aber der Hunger triebs es rein und niemand starb.

Rimantas lernt seine erste Liebe kennen, Monika. Aber auch Jurga läuft ihm über den Weg und ich hoffte bis zum Schluss des Buches...

Kmita schafft es immer wieder die Veränderungen in Litauen philosophisch zu betrachten. Als die erste echte italienische Pizza in Siauliai aufmacht, lädt Rimas seine Monika ein. Statt der üblichen litauischen Pizza mit dick Soße, Wurststücken und Ketchup konnten die beiden kaum die Speisekarte lesen. Sardellen, Miesmuscheln, Oliven und Paprika, alles neu.
"Seltsam diese Pizzeria, die war so echt, aber wir waren das Echte nicht gewöhnt. Das heißt, wir wollten uns nicht ernsthaft eingestehen, dass wir meistens nur Fälschungen in den Händen halten....Vielleicht hatte ich mich schon damit abgefunden, dass es bei uns nur Fakes gab. Echte Dinge verwirren uns ja. Zum Beispiel diese echte Pizza. ...Lieber ein bisschen abändern, damit sie zu uns passen."

Nett war auch die Szene, in der Rimantas Lehrerin ihn zum Lesen animieren will:
"Das Lesen lässt den Menschen begreifen, wozu er lebt, und nicht, was rundherum geschieht...Das Bücherlesen erweitert euren Horizont, ihr werdet etwas finden, was euch sonst nicht einmal im Traum einfiele und das euch Freude bereitet. Das Lesen bringt uns zum Lachen, hebt die Stimmung, fuhr sie fort."
"Meinen Sie damit vielleicht den Hain von Anyksciai? Was meinen Sie, welche Note Sie mir geben, wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich beim Lesen dieses Buches laut lache?"

Die Antwort der Lehrerin könnt ihr ja selber lesen.

Ein schönes Buch, mit Humor, Weisheit und viel Geschichte über Litauen.
Das Einzige, was mich etwas gestört hat: Rimantas Kmita hat das Buch im Siauliaier Dialekt geschrieben. Und diese Slang Sprache nervt ein bisschen.

Fazit: Kaufen und lesen. Die Chroniken des Südviertels sind kurzweilig und voller Geschichte über Litauen Anfangs der 1990 er Jahre.

 

Zurück