Paradiesstrasse  Grigoleit

Lena Grigoleit Litauen

Lebenserinnerungen der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit

Von Ulla Lachauer   Rowohlt Verlag 1997  (8.99 Euro kostet die Ausgabe 2007 bei Amazon)

 

 

Ulla Lachauer ist eine Journalistin und Filmemacherin. In der Wendezeit um 1990 versuchte sie die Umwälzungen in Osteuropa zu erfassen. 1989 war Frau Lachauer mit einem Fernsehteam des WDR im ehemaligen Memelland unterwegs. Da begegnete ihr im Örtchen Bittehnen, dem heutigen Bitenai, die Lena Grigoleit. 

 

 
Für uns Leser ist diese Begegnung ein Glücksfall, denn Lena Grigoleits Erinnerungen geben einen komprimierten Überblick über fast einhundert Jahre deutsch-litauisch-russische Geschichte.

 

Beginnend mit dem I. Weltkrieg, erzählt Grigoleit (geboren 1910), wie ihre Mutter die Kinder nach Tilsit zu Verwandten bringt und selber bei der Rückkehr nach Bittehnen von der russischen Armee verschleppt wird. Erst nach vier Jahren darf sie wieder zur Familie nach Bittehnen zurück.

Grigoleit berichtet vom Leben in der deutsch-litauischen Grenzregion an der Memel, wo die Menschen zwar einen deutschen Pass haben, in der Familie aber meist litauisch sprechen.

Lena ist in ihrer Jugend eine "Kaisertreue Bewohnerin von Ostpreußen", auch Kleinlitauen genannt. Das Zusammenleben von Deutschen, Litauern und Juden ist problemlos. Es herrscht ein guter Zusammenhalt und jeder hilft jedem.

Das schöne Leben im Memelland hörte eigentlich mit der deutschen Besetzung auf, als Hitler Kleinlitauen (im Rahmen des Hitler-Stalin Paktes) wieder "heim in Reich" holte. Die Deutschen standen jetzt direkt an der litauischen Grenze. Die Gestapo versuchte Lena und ihren litauischen Mann für ihre Dienste zu gewinnen, sie konnten sich aber erfolgreich widersetzen. Damals hat sie sich das erste Mal als richtige Litauerin gefühlt.

 

Besonders erschütternd ist ihre Schilderung vom Beginn des II. Weltkrieges. In den soeben besetzten litauischen Gebieten werden die Juden zusammengetrieben:

"Nie im Leben werde ich das Geschrei vergessen in diesen ersten Tagen des Krieges. Ein Geschrei, ach Vater im Himmel, du konntest verrückt werden! Von jenseits der Grenze schrieen die Juden, sie schrieen, schrieen, von Jurbarkas und all den kleinen Dörfern dorten. Sie haben sie zusammengetrieben. Sie mußten selber ihre Gruben graben, und dann wurden sie lebendig reingeschmissen. Auch unsere Schmalleningker Juden, die auf der anderen Seite Quartier bezogen hatten.

Die Clara Berlowicz, von der wir das Haus gekauft hatten, war dabei. Ihre Schwester, die Frau Simon, die immer so lustig war wegen nichts. Sie hatten einen Tuchladen schräg gegenüber von uns und so ein liebes Töchterlein, Ewa. Der Simon ist ein deutscher Krieger gewesen, hat viel gespendet für das Deutsche Reich. Das hat alles nichts gezählt. Von Schmalleningken mußten etliche Beamte vom Zoll und von der Polizei mitschiessen. Die wurden gezwungen, einfach abkommandiert und fertig. Einer, der zurückkam, hat alles erzählt unter Tränen. "Ich kann aus dem Verstand gehen. Ich bin schon ganz dumm davon."  Er hatte die kleine Ewa gesehen, wie sie vor die Grube geschleppt wurde. "Lauf weg Mädchen, lauf, ich werde dich nicht sehen."- "Nein", sagte sie, "wo meine Mutter ist, bleibe ich auch." Sie haben sich umfaßt und fielen gemeinsam ins Grab."

 

Später wird die Familie auf der Flucht von der Roten Armee eingekesselt und wieder nach Bittehnen geschickt. Kurze Zeit später werden alle mit Viehwagons nach Sibirien deportiert.

 

Für mich ist diese Darstellung von Sibirien besonders interessant, da litauische Schilderungen von Sibirien immer viel drastischer  und tödlicher sind. Lena beschreibt zwar auch die Menschenverachtung der sowjetischen Führung, aber eben auch den Zusammenhalt der Balten in der sibirischen Kälte.

Nach ein paar Jahren konnten sie auf ihren Hof in Bittehnen zurückkehren.

Litauische Partisanen suchen nun den Hof heim und man bekommt die andere Seite der Medaille des Partisanenkrieges mit. Die Familie hat nichts zu teilen und möchte sich auch nicht an Kämpfen beteiligen.

 

Durch die beginnende Kolchosisierung schwindet der dörfliche Zusammenhalt. Die Deutschen verlassen das Memelland, Lena Grigoleit ist bald die einzige Ureinwohnerin.

Es häufen sich Anfragen aus dem Westen und Lena beginnt einen regen Briefverkehr mit ehemaligen Freundinnen.

Als sie Ulla Lachauer trifft, ist es wie vorbestimmt. Lena und sie vertrauen sich sofort und sie beginnt ihre Geschichte zu erzählen.

Der NDR schreibt:

"Ein wunderbares Buch. Es entfaltet einen Zauber, dem man sich nicht entziehen kann, weil es von einer Welt erzählt, die es nicht mehr gibt."

 

Lena Grigoleit lebte in der Interviewphase in ihrem alten Haus mit Holzofen in der Küche und Plumpsko hinterm Stall, wie auch heute noch viele alte Litauer auf dem Land leben müssen (was die meisten Touristen natürlich nicht sehen).

Aber trotz dieses harten, arbeitsreichen Lebens, hat sie sich gegen eine Ausreise und bewusst für das Leben auf ihrem Hof entschieden.

 

Dieses Buch ist für alle die Litauen Reisende geeignet, die sich für die Kultur und die Geschichte Litauens (und Deutschlands) interessieren.

Die gemeinsame Geschichte wird in Kurzform und durchaus humorvoll geschildert. Ab und zu hatte ich aber auch (und das ist selten) eine Träne im Auge.

Vielen Dank an Ulla Lachauer für ihre Arbeit!

Es gibt verschiedene "Paradiesstrasse" Ausgaben. Ich habe mittlerweile ein Taschenbuch ohne Fotos, ein Buch mit Fotos und eine Ausgabe mit anderen Texten von Ulla Lachauer mit einem neuen Nachwort. 

 

 Grab von Lena Grigoleit

Grabstein von Lena Grigoleit auf dem Rombinus (© Roland Begenat)

 

Über den Rombinus mit vielen Fotos: Rombinus

 

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