Litauen und der Zweite Weltkrieg

Von Ekaterina Makhotina

Erinnerungen an den Krieg-Krieg der Erinnerungen

Rezension von Tomaš Nenartovič, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors

Ekaterina Makhotina: Erinnerungen an den Krieg - Krieg der Erinnerungen. Litauen und der Zweite Weltkrieg. (Schnittstellen, Studien zum östlichen und südöstlichen Europa, Bd. 4.) Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2017. 478 S., III. ISBN 978-3-525-30090-9. (€ 90,—.)

 

Die Historikerin Ekaterina Makhotina widmet sich in dem vorliegenden Band, einer überarbeiteten Fassung ihrer 2015 an der LMU München verteidigten Dissertation, mit der musealen Darstellung des Zweiten Weltkriegs in Litauen - sowohl in der sowjetischen Periode als auch nach 1990 - einem in der litauischen Geschichts- und Erinnerungskultur vernachlässigten Thema. Litauer werden in der nationalen Geschichtsschreibung bislang grundsätzlich als Opfer dargestellt, und einige Aspekte des Zweiten Weltkriegs, wie z. B. die litauisch-jüdischen Beziehungen, nur am Rande behandelt.

Das auf dem Buchumschlag abgebildete Denkmal „Mutter von Pirciupis“ von 1960, das an die Vernichtung dieses Dorfes durch die SS 1944 erinnert, zeigt, wie emotionsgeladen die museale Geschichte des sowjetischen Litauens war und wie sensibel die Erinnerungskultur des Landes immer noch ist, weil Pirciupis in der nachsowjetischen Zeit im Zuge der nationalen Geschichtspolitik in Vergessenheit geriet. Die nationale Geschichtspolitik verdrängte alle während der Sowjetzeit erstellten Symbole und Denkmale.

Der Autorin gelingt es in sieben chronologisch angeordneten Kapiteln, die Geschichte der Erinnerungskulturen in Litauen auf eine neue Art und Weise, und zwar aus der Perspektive der Museen, Gedenkstätten und Denkmäler, neu zu erforschen. Hierfür behandelt sie Erinnerungskulturen und Geschichtspolitik als zwei miteinander verflochtene Dimensionen.

Die Medien der Erinnerung machen demnach einen wichtigen Teil der Erinnerungskultur aus und wirken als ein Bestandteil der Geschichtspolitik wegweisend auf die Gesellschaft. Die Erinnerungskultur der sowjetischen Epoche bezeichnet M. als offensiv, propagandistisch und totalitär. Vor allem die Kommunistische Partei Litauens und das Institut für Parteigeschichte kontrollierten diesen Bereich der Geschichte, und vorherrschend waren Denkmale der Befreiung, um die sowjetische Herrschaft zu legitimieren.

Durch Museen und Denkmale wurde nach 1945 eine antiwestliche, antiklerikale und antikosmopolitische Haltung Litauens propagiert. Seit 1960 erfolgte eine Folklorisierung der Denkmalpolitik, die den litauischen Charakter der Denkmale betonte. Das Revolutionsmuseum der LSSR in Vilnius wurde zur wichtigsten geschichtspolitischen Institution mit der stärksten staatlichen
Unterstützung. Der Holocaust und die jüdische Geschichte wurden kaum thematisiert, weil die Beteiligung der Litauer am Judenmord ein sensibles Thema darstellte. In den 1990er Jahren wurde die Sowjetzeit als Periode der Verfolgung und Okkupation dargestellt. Die musealen Narrative wurden entsowjetisiert und nationalisiert.

Denkmale wie in Pirciupis verloren aufgrund ihrer sowjetischen Konnotation die staatliche Finanzierung.
Stattdessen wurde in Vilnius das Museum der Opfer des Genozids (heute: Museum der Okkupation und der Freiheitskämpfe) eröffnet. Die Erforschung des Holocausts hat in der nachsowjetischen Zeit deutlich zugenommen.
Bemerkenswert ist, wie breit M. die jüdische Thematik der Nachkriegszeit in Litauen beleuchtet; insbesondere die Geschichte des Museums und Denkmals in Paneriai (Ponary) wurde bislang nicht derart präzise erforscht. Die Monografie stellt die Entwicklung, die Umstrukturierung sowie den Um- und Abbau der Erinnerung im sowjetischen Litauen und in der Republik Litauen einleuchtend dar. Das Werk wird zukünftig sicherlich eine starke Referenz für weitere Arbeiten solcher Art bilden.


Tomaš Nenartovič arbeitet an der Justus-Liebig-Universität in Giessen und stammt aus Vilnius.

Ekaterina Makhotina, geboren 1982 in Sankt Petersburg, ist promovierte Osteuropahistorikerin. Sie studierte Geschichte und Bohemistik in Sankt Petersburg, Karlsruhe, Regensburg und München. Von 2011 bis 2016 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für Geschichte Ost- und Südosteuropas der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist seit 2016 wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte der Universität Bonn.

 

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