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Litauen

Marianna Butenschön
Marianna Butenschön Litauen
becksche reihe 2002


Marianna Butenschön ist eine Autorin, Journalistin und Historikerin mit einem breiten Spektrum an Buchveröffentlichungen, besonders auf den Gebieten Russland und Baltikum. Ihren ersten Litauen-Reiseführer in der Reihe "Marco Polo" veröffentlichte sie 1998.

Das vorliegende Buch ist ja schon ein paar Jahre alt und man darf fragen, ob eine Rezension überhaupt Sinn macht.

Bei der Recherche für verschiedene Artikel stiess ich immer wieder auf Marianna Butenschön und ihr Buch "Litauen". Die Auszüge, die Google zur Verfügung stellte waren sehr interessant, also bestellte ich das Buch.

Marianna Butenschöns Buch habe ich gerne gelesen. Sie hat einen guten Überblick über Litauen und einen sehr angenehmen Schreibstil. Viele ihrer Informationen konnte ich für meine eigenen Texte in Form von Zitaten verwenden.

Von den Intellektuellen, die noch eine Hand am Pflug haben, der obligatorischen ersten Erwähnung Litauens in den Quedlinburger Annalen, dem Aufstand im Memelland (das Interesse der litauischen Memelländer auf Befreiung aus Kaunas war gering) bis zur jüdischen Geschichte Litauens (mit seinem Ende 1941), viele interessante Details der litauischen Geschichte werden angesprochen.

Die geographischen Regionen Litauens werden jeweils mit Karte, Eigenarten und Gedichten beschrieben. Die Entstehung einer litauischen Literatur war nur durch die Unterstützung aus Kleinlitauen (also dem Memelland) möglich, obwohl diese "Auf ihre katholischen Landsleute in Groß-Litauen, die 'Zemaiten' ... von oben herab" sahen.

Durch Frau Butenschön erfährt der geneigte Leser, dass Wilna im 16. Jahrhundert eine der größten Städte Europas war.

Das Vilnius 1897 nur 2-3 % litauische Einwohner hatte, wissen die Besucher meiner Webseite oder Leute, die Tomas Venclova schätzen (und seine Bücher gelesen haben). "Das polnische und das jüdische Wilna existierten nebeneinander, ohne sich zu kennen, 'Im Grunde genommen zwei Städte, zwei Kulturen' (Milosz)".

Auch Marianna Butenschön erwähnt die Bevölkerungszusammensetzung/vielfalt im damaligen Litauen (wobei man immer die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse bedenken muss. 1897 gehörte Litauen zum zaristischen Russland.

Ich freute mich beim Lesen an vielen Stellen über ihren etwas respektlosen Ton, der auch unangenehme Wahrheiten nennt. Vilnius als Wasserkopf für Litauen zu bezeichnen, der das Land überfordert — gut beobachtet!

"'Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Jude Teil der litauischen Landschaft', sagt Emanuelis Zingeris, Literaturwissenschaftler und Direktor des Jüdischen Museum in Wilna, 'wohin man auch kam, man fand eine Kuh, einen Bauern, ein Pferd, einen Juden und ein Fahrrad'". So stellt auch Frau Butenschön die spekulative Frage:
"Was hat der Verlust des städtisch-jüdischen Elements für das Land zu bedeuten? Welches kulturelle Potential ist mit den Menschen verloren gegangen, die in Litauen entstandene Literatur, die Musik, die Kunst?"

Ausführlich werden auch die litauischen Großfürsten behandelt, ihre Bündnispolitik (von Palanga bis zum Schwarzen Meer) und die Probleme durch die Union mit Polen. Und das alles in einer sehr freundlichen, verständlichen Sprache, die man mit Freude liest.

Ausgesprochen interessant auch die Stellen über Smetona und seine faschistischen Widersacher des "Eisernen Wolfs". "Manche Historiker sind sogar der Ansicht, Smetona habe das Abgleiten Litauens in eine faschistische Ordnung verhindert".

Textstellen, wie die Schilderung, als die Sowjetunion Basen in Litauen eröffnen durften, Litauen dafür Vilnius als Hauptstadt zurück bekam: "Vilnius musų — Lietuva Rusų" (Vilnius gehört uns, wir den Russen) oder Molotow zum litauischen Außenminister Kreve-Mickevicius sagte:

«Kleine Völker werden verschwinden»
«Sie müssen die Realität sehen und verstehen, daß kleine Nationen in Zukunft verschwinden werden. Ihr Litauen und die anderen baltischen Nationen, Finnland eingeschlossen, werden sich der ruhmreichen Familie der Sowjetunion anschließen. Deshalb sollten Sie jetzt anfangen, Ihr Volk an das Sowjetsystem zu gewöhnen, das in Zukunft überall, in ganz Europa, herrschen wird, an manchen Orten früher, wie im Baltikum, an anderen später.»

sind bemerkenswerte Details, die über einen Reiseführer weit hinausgehen.

Eine einzige Stelle hat mir beim Lesen des Buches missfallen. Als es um den Holocaust in Litauen geht, schreibt Butenschön:
"Der Anteil [am Holocaust] der von 'Generalräten' geleiteten litauischen 'Selbstverwaltung' und der unter deutschem Oberkommando stehenden paramilitärischen Mördertrupps bleibt Sache der Litauer...".

Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Einstellung ist. Die Erfahrungen, die Ruta Vanagaite mit ihrem Buch "Musiskiai" gemacht hat, sind ja nicht sehr ermutigend. Wer sich für diese Thematik interessiert, der kann in der Rubrik "Geschichte" stöbern.


Als gut lesbare Lektüre, um Litauen in vielen Facetten kennenzulernen (die aktuelle Politik in Litauen naturgemäß nur bis 2002),

sehr zu empfehlen.

Bei ebay und amazon gebraucht erhältlich.

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