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Zali

Von Marius Ivaskevicius

Aus dem Litauischen von Markus Roduner   Athena Verlag 2012

"Am einfachsten wäre die Aussage, dass die Litauer mit den Russen Krieg führten.

 Aber die Russen waren nicht reinrassig, es waren auch Litauer unter ihnen." Aus dem Vorwort.

 

Durch eine Mail oder durch Werbung im Internet wurde ich im November 2013 aufmerksam auf den Roman von Marius Ivaskevicius, einem (laut Werbung) Vertreter der jüngsten litauischen Schriftstellergeneration und einer der bedeutendsten Gegenwartsautoren Litauens.

Der Roman: "Die Grünen" (Zali), handelt vom litauischen Partisanenkrieg der 1950er Jahre, den so genannten Waldbrüdern, die aus den dichten Wäldern heraus die sowjetischen Besatzer bekämpften. Lange hielt sich unter den Kämpfern die Hoffnung auf Hilfe aus den USA und auf eine Vertreibung der Sowjets. Heute wissen wir mehr über den Verlauf der Geschichte und über Sinn und Unsinn des Partisanenkriegs (auf den viele Litauer sehr stolz sind) werden wir an anderer Stelle (Geschichte) diskutieren.

Laut verschiedener Zeitungsartikel, die bei einer Lesereise durch Deutschland und die Schweiz 2013 entstanden sind (und die wahrscheinlich auf den Klappentext des Buches beruhen), beschreibt Ivaskevicius die Partisanen nicht nach dem bislang üblichen litauischen Schema: Partisanen sind gut - die Besatzer sind schlecht, sondern "als Soldaten, die müde geworden sind und keine andere Wahl haben, als Widerstand zu leisten. Dafür wird er von den Patrioten und einigen kritischen Stimmen Litauens als ‚Nestbeschmutzer‘ beschimpft" (Argauer Zeitung).

Ein kritischer Roman über die Waldbrüder also! Ich war erfreut und habe mir das Buch gleich bestellt.

Leider hat sich die Freude (gelinde gesagt) mittlerweile verflüchtigt, und das Buch auszulesen wurde immer mehr zur Qual.

 

Wobei ich keinesfalls sagen möchte, dass das Buch schlecht ist. Nur: Ich habe es einfach nicht verstanden.

Nach einem guten, interessanten Vorwort,  konnte ich vom nun folgenden Text bis zur Seite 214 eigentlich nichts verstehen. Der Text war so durcheinander gewürfelt und fragmentiert und sinnleer, dass (mir) das Lesen zur Qual wurde. Die Erwähnung vom Versteck im Erdloch und der Verrichtung der Notdurft in demselben, die Schilderung von der Belagerung eines Dorfes (natürlich auch total verworren geschrieben), sowie die Zerstörung von Familien (S. 160) liessen zumindest ab und zu erinnern, worum es angeblich in diesem Roman ging.

Ab Seite 214 konnte ich der Handlung dann wieder halbwegs folgen (was dem Buch aber leider auch nicht mehr half). Hier blitzte sogar etwas Humor auf (Straße nach Ventspils), wobei die Geschichte nun mit Partisanen nichts mehr zu tun hatte.

Auf Seite 276 kommt Ivaskevicius wieder auf die Partisanen zurück. Es wird, in der diesem Buch typischen "Regietheatertypischen"  Erzählweise, die Verhaftung, Folter und Tod der Partisanen erzählt.

 

 

Mittlerweile bezweifelte ich an meinem Buchverstand und suchte nach anderen Rezensionen, fand aber nur die folgende bei Lovelybooks.de:

"Jetzt ist es passiert! Was in vier Jahrzehnten treuer Leserei niemand geschafft hat, der "Autor" Marius Ivaskevicius aus Litauen auf nur wenigen Seiten hinbekommen... Ich habe ein Buch nach ca 50 Seiten mit einem Laut des Grauens aus der Hand gelegt und nicht wieder angefaßt. Ich lese immer zuende.. normalerweise.. diesmal nicht! Der "Autor" soll ein Vertreter der jüngsten Schrifstellergenerations Litauens sein und gilt als bedeutendster Gegenwartsautor seines Landes. Sorry, dann nie wieder Litauen oder der Übersetzer war ständig auf Droge! So ein zusammenhangloser Schrott,  ein Aneinandergereihe von willkürlich gewählten Satzfetzen, mit einem Hauch vom Handlungsstrang, dem zu folgen sehr schwer fällt ist mir noch nicht untergekommen. Mag sein das dies sogenannte anspruchsvolle Literatur ist?? Für mich ist das Müll. Salvatore Dali als printausgabe- surrealismus auf Papier.. mir ist noch schlecht!"

 

Wenn das Buch wirklich einfach nur aus zusammenhanglosen Wortfetzen besteht (so habe ich es empfunden), ist das schade für die Aussenwirkung der litauischen Autoren auf das ausländische Publikum, aber auch für den Übersetzer Markus Roduner (der in Siauliai wohnt), dem ich ein verständlicheres Buch gewünscht hätte.

 

Leider wurde die Chance einer verständlichen, kritischen Betrachtung der "Waldbrüder", wie sie noch im Vorwort anklingt, vertan.

Schade!

 

Falls Sie abweichende Ansichten über dieses Buch haben, würde ich mich über eine Kritik freuen. Mich lässt das Buch jedenfalls ratlos zurück.

 

Eine sehr ausführliche Besprechung gibt es auch von Prof. Dr. Christina Parnell (Dank an R.B.). Christina Parnell lebt in Weimar und forschte auf dem Gebiet der slawischen Literaturwissenschaften an verschiedenen Universitäten. Ihr Aufsatz (kurz auf Deutsch S.232, ausführlich auf Englisch) ist etwas akademisch, zeigt aber die Wertschätzung, die sie Ivaskevicius und seinem Buch entgegenbringt.

 

 

Vor kurzem habe ich das Buch "Der Streit um den Sergeanten  Grischa" von Arnold Zweig gelesen. (Auf Empfehlung von A.F. Kelletat)

Auch hier geht es um Litauen, Partisanen, Juden und Krieg (I. WK). Aber Zweig schafft es, dass man lange über dieses Buch nachdenkt und und man sieht eigentlich immer Parallelen zum heutigen Leben.

 

 

Folgende interessante Reaktion auf unsere Buchkritik erreichte uns einen Tag nach Veröffentlichung (leicht gekürzt):

 

 

 
Als ich gestern Ihre Lektüreeindrücke über "Die Grünen" von Marius Ivaškevičius las, bin ich einigermaßen erschrocken. 2002 veröffentlicht der damals erst 29jährige Autor einen wunderbaren und für die litauische Literatur geradezu revolutionären Roman und dann so etwas. Immerhin waren Sie so fair anzumerken, dass es auch sein könnte, Sie haben ihn nur nicht in angemessener Weise verstanden. Die von Ihnen zitierte "Rezension" bei lovlybooks.de wäre nicht nötig gewesen. Dummes und v. a. unverschämtes Geschwätz eines gedankenlosen Viellesers von westlicher Unterhaltungsliteratur, der sich offensichtlich nie ernsthaft mit Literatur, insbesondere der des Ostens auseinandergesetzt hat. Zu unerheblich und selbstgerecht, um näher darauf einzugehen.
 
...
 
Aber ein paar Gedanken zur Rettung von Ivaškevičius will ich doch aufschreiben. So wie Sie in Ihrem Text zu "Die Grünen" schreiben, hatten Sie offensichtlich eine bestimmte Erwartung an das Buch, als Sie es bestellten: Aufklärung und neue Gedanken/Informationen zu einem für Sie wichtigen Kapitel litauischer Geschichte. Und bekommen haben Sie ein Sprachkunstwerk, dass sich nicht aus den Realismusquellen speist, die hierzulande allzu oft für die einzig legitimen Quellen des Romans gehalten werden.
 
Ivaškevičius selbst erwähnt Dostojewski und Tschechov als seine Prägungen, lehnt Realismus als künstlerisches Mittel für seine Arbeit ab und beschäftigt sich mit der sprachlichen Gestaltung von Metaphern und Symbolen. Das direkte Sprechen interessiert ihn nicht. Nur wenn man diesen speziellen und reichen Kulturraum, aus dem dieser junge Autor schreibt, mitberücksichtigt - und schätzen kann! - wird man seinem Roman gerecht werden.
 
 
 
Die Motivik und Metaphorik dieses Romans zeigen das Widernatürliche und Absurde dieses Partisanenkrieges. Die litauischen Leser haben das verstanden, viele haben es dem Autor übel genommen, weil er ihnen durch seine Arbeit ihre Helden genommen hat. Die Fronten von Gut und Böse lösen sich durch die Sprachkunst von Ivaškevičius in der existentialistischen Erfahrung des Absurden auf, der Heldenmythos verflüchtigt sich. Großartig und neu in der jüngeren litauischen Literatur. 
 
...
 
Was Sie mit regietheatertypischer Erzählweise meinen, weiß ich nicht, aber dieser Roman beinhaltet sehr wohl eine Erzählung, nur eben keine nach den Regeln gewohnter realistischer Erzählweisen, wie sie v. a. in der Unterhaltungsliteratur verwendet wird.
 
 
...
 
 
Nun hoffe ich, Sie nehmen mir meine konträre Haltung zu Ihrer Buchbesprechung nicht als vorlaut übel, sondern Sie nehmen es so, wie es gemeint ist: als den Versuch der Rettung eines wichtigen Romans. Dass dieses Buch in Deutschland nie ernsthaft rezensiert wurde, hat sprachliche und thematische Gründe. Wer interessiert sich hier schon für den Kampf der Waldbrüder? Wer weiß überhaupt von diesem Kapitel europäischer Geschichte und wer kann darüber hinaus genügend Litauisch, um diesen Roman gerecht zu bewerten?
 

 

Ich habe leider noch keinen Litauer getroffen, der das Buch gut findet.

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