Rimaldas Vikšraitis: Am Rand der bekannten Welt

 

2018 fand im Zephyr Museum Mannheim eine Ausstellung über den litauischen Fotografen Rimaldas Vikšraitis statt.

Der litauische Fotograf lebte mehrere Jahrzehnte in kleinen Orten tief auf dem flachen Land, wo das Leben von Entwurzelung, Armut, Alkoholismus und Promiskuität geprägt war. Er ist durch eine Hirnhautentzündung im Alter von 5 Jahren schwer körper- und sprachbehindert. Seine Aufnahmen erzählen ohne Filter von der Essenz des Lebens, von seiner Härte und den Schmerzen, aber ebenso von unerwarteter und tiefer Freundschaft und Freude.

 

Manche seiner Bilder werden den Litauen-Kenner vielleicht an eigene Erfahrungen erinnern.

"Ich will keine Bilder machen, die den Leuten gefallen, das ist nicht mein Ziel. Mir waren soziale Motive sehr wichtig. Darum beobachtete ich von Anfang an dieses Thema und erforschte das soziale Leben um mich herum. Davon will ich dem Betrachter erzählen".

"Ich versuche immer, die Beziehungen zu allen Fotografierten langfristig zu entwickeln. Ich bemühe mich auch, diese Beziehungen so lange wie möglich zu pflegen. All die Menschen, die ich ablichte, kenne ich in der Regel sehr, sehr lange."

 

Rimaldas Vikšraitis wird vom britischen Fotografen Martin Parr gefördert. Seitdem werden Vikšraitis Bilder weltweit gezeigt.

Hier ein Video des Zephyr Museums mit einer Kostprobe seiner Werke. Achtung: nichts für zarte Gemüter!

Buch-Clip zu "Am Rand der bekannten Welt" von Rimaldas Vikšraitis vom Zephyr Mannheim auf Vimeo.

 

 Der Katalog ist während der Ausstellung im Zephyr Museum in Mannhein, die ja noch bis zum 29.04.2018 läuft, zu einem vergünstigten Preis zu bekommen. Aktuell 35,90, danach 39,90 zzgl. Versand.

 

 

 

Zurück

Vydunas  

 

Wilhelm Storost,

der sich selber Vydunas nannte, war ein preussisch-litauischer Lehrer, Dichter, Philosoph und Verleger. Er wurde 1868 im Kreis Heydekrug (Silute) geboren und starb 1953 in Detmold. Nach seiner Ausbildung zum Lehrer war Storost in Kintai (neben Silute am Kurischen Haff gelegen) angestellt, wo es heute das Vydunas Museum zu seinen Ehren gibt.

Wilhelm Storost Vydunas

Vydunas   Wikipedia

 

Ab 1892 war er 20 Jahre in Tilsit (heute Sowetsk) als Lehrer für Deutsch, Englisch, Litauisch und Sport. Im Alter von 44 Jahren schied er wegen Krankheit aus dem Schuldienst aus und war dann während des I. Weltkrieges Gasthörer an Universitäten in Greifswald, Halle, Leipzig und Berlin. Durch seine schwere Schwindsuchterkrankung widmete er sich vermehrt der Idee, dass Körper und Geist im Gleichgewicht sein sollten. Er trat 1900 der Leipziger theosophischen Gesellschaft bei und gab ab 1905 die theosophische Zeitung "Saltinis" heraus.

Vydunas Kintai Litauen

Vydunas Museum in Kintai

Seine heutige Bekanntheit in Litauen kommt aber eher von seinen Bemühungen, die litauische Kultur wieder zu beleben. Besonders die litauischen Volkslieder und die bäuerlichen Traditionen. Litauen war ja, bis zu seiner Unabhängigkeit 1918, durch die polnischen Teilungen an Russland gefallen und die litauische Schriftsprache war einige Zeit verboten. Deshalb gab es durch Deutsche und in Preußen lebende Litauer Versuche, die litauische Kultur zu bewahren. Berühmt sind die sogenannten Bücherträger, die heimlich litauische Bücher über die Grenze schmuggelten. Durch die litauisch-polnische Personalunion hat die dominantere polnische Kultur ab dem 14. Jahrhundert die litauische Sprache in die Dörfer verdrängt. Die gebildeten Schichten sprachen zunehmend polnisch. Litauische, nicht theologische Bücher, gab es erst mit "Metai" von Donelaitis, ebenfalls ein preußisch-litauischer Einwohner, von Beruf Pfarrer.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einem Erstarken des litauischen Nationalbewusstseins.

Viele Litauer beherrschten ihre Muttersprache aber nicht mehr und so musste z.B. auch der litauische Nationalkomponist Ciurlionis beim Wiedererstehen Litauens erst wieder Litauisch lernen.

In Tilsit war Storost Leiter eines litauischen Chores, schrieb selber Lieder und Theaterstücke. Ab 1933 arbeitete er im damaligen Memel an der Musikschule. Sein 1932 herausgegebenes und heute nur noch sehr schwer zu bekommendes Buch "700 Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" wurde von den Nazis wegen seiner propagierten Völkerverständigung verboten, fast die komplette Ausgabe konfisziert und Storost musste sogar für zwei Monate ins Gefängnis.

Man könnte "propagierte Völkerverständigung" natürlich auch anders umschreiben. Während sich Friedrich der Große noch wünschte, dass alle seiner Untertanen die Bibel in ihrer Muttersprache verstehen sollten, die Pfarrer in Ostpreußen also litauisch und deutsch können mussten, (zumindest theoretisch, siehe hier die kommende Buchbesprechung von "Metai") nahm der Assimiliationsdruck auf die litauisch stämmigen Menschen in Ostpreussen zu. Nach der Reichsgründung 1871 nahm die Toleranz ab und man erwartete von seinen Einwohnern Deutsch als Muttersprache. Vydunas versuchte dagegen zu steuern und rief zu Toleranz und Verständnis auf. Dazu später mehr...

 

Storost Familie war seit Generationen im Memelland ansässig und man kann sie wohl als preußisch-litauisch bezeichnen. Die Familie sang deutsche Lieder und seine Frau Klara Füllhase war Deutsche. (So schrieb auch Vytautas Mykunas in der zweiten Auflage von '700 Jahre' (Chicago 1982), dass er durch seine Bildung zweifelsfrei ein Mensch der deutschen Kultur sei). Vydunas schrieb sein Hauptwerk "700 Jahre Deutsch-Litauischer Beziehungen" auch auf Deutsch, im Gegensatz zu Christian Donelaitis, der sein Buch "Metai" auf Litauisch schrieb.

Die Wahl der Buchsprache hat wahrscheinlich etwas mit den Lesern zu tun, die Vydunas und Donelaitis erreichen wollten. (Mehr dazu später in einer Buchbesprechung).

Letztendlich ist die Nationalität auch ziemlich egal und befragen kann man die beiden auch nicht mehr. Ob Storost, Donelaitis oder Grigoleit, die Zugehörigkeit zum jeweils anderen Land war fließend.

Als 1944 die Bombenangriffe auf Tilsit stärker wurden, siedelte Storost zum Gut Powarben bei Königsberg um und unterrichtete dort die Kinder des Gutsbesitzers Paul Gerhard Goertz. Danach ging es in ein Flüchtlingslager bei Detmold.

Wilhelm Storost Künstlernamen 'Vydunas' soll das Gegenteil vom litauischen "pavydunas" (Neidhammel) sein. So schrieb Storost Großneffe Jürgen Storost 1987: „Viktor Falkenhahn, ein früher Freund, Schüler und Mitarbeiter von Vydunas, berichtet in einem Gespräch, dass er zu dieser Namensproblematik Vydunas einst direkt befragt habe. Vydunas habe daraufhin geantwortet, daß er in anthroposophischer Absicht das Gegenteil eines litauischen 'pavydunas', eines Neiders, Neidhammels, Mißgönners, einer eifersüchtigen Person sein wollte, also ein Mensch, 'der allen alles Gute gönnt'.

Auf Deutsch gibt es folgende Bücher, die allerdings nur schwer zu bekommen sind:

'Die Lebenswelt im Preussisch-Litauen' 

'700 Jahre Deutsch-Litauischer Beziehungen' Tilsit 1932 (Nachdruck USA 1982)

'Litauen in Vergangenheit und Gegenwart'

 

Ich hoffe in einiger Zeit die Bücher zu rezensieren. Hilfe erwünscht ;-)

 

Auch in seiner neuen Heimat Detmold war Vydunas aktiv und schrieb Bücher über Litauen und übersetzte indische Texte ins litauische. 

Er starb 1953 und lange Zeit war er in Detmold unbekannt, bis eine Anfrage aus Litauen kam und den Detmoldern die Bedeutung ihres ehemaligen Mitbürgers Wilhelm Storost bewusst wurde. 1991 wurde sein letzter Wille erfüllt: seine sterblichen Überreste wurden ins nun wieder unabhängige Litauen gebracht, nach Bitenai, nahe dem heiligen litauischen Berg Rombinus.

Storost Vydunas

 

Sein Bild war auf der 200 Litas Banknote zu sehen, die 2015 durch den Euro ersetzt wurde.

 

Zum 150. Geburtstag von Vydunas gab es eine Neuauflage seines Buches:

Sieben hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen: Kulturhistorische Überlegungen. Zum 150. Geburtstages des Autors Gebundene Ausgabe – 5. April 2017

Zurück

Mikalojus Konstantinas Ciurlionis

und die neuromantische Fantasie

Von Stefana Sabin

Zuerst erschienen in www.faust-kultur.de. Verwendung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

 Ciurlionis
Čiurlionis und seine Frau Sofija (Bild im Čiurlionis Museum in Kaunas)
 

Der Vater war Organist in Varena, einer Kleinstadt im Süden Litauens, und erkannte früh die musikalische Begabung seines ältesten Sohns: Mikalojus Konstantinas Ciurlionis, 1875 geboren, konnte – und durfte – schon als Kind die Orgel in der heimatlichen Kirche spielen. Als er mit vierzehn Jahren in die Musikschule des Prinzen Oginski nach Plunge kam, war er ein geschickter Pianist. Oginskis Schule, in der Gegend zwischen Litauen, Polen und Russland gelegen, galt nicht nur als Talentschmiede, sondern war auch eine liberale Enklave, in der Schüler verschiedener Ethnien zusammen lernten und gleichermaßen gefördert wurden. So erlebte Çiurlionis, der zwischen der unterdrückten litauischen Tradition und der aufgezwungenen russischen Kultur aufgewachsen war, eine regelrechte Horizonterweiterung: Dass verschiedene Kulturen sich gegenseitig befruchten und dass folkloristische Muster in die klassische Kunst eingehen, war die ästhetische Ur-Erfahrung, die sein Schaffen prägen wird.

Nachdem er auf dem Konservatorium in Warschau und später in Leipzig eine traditionelle Musikausbildung genoss, entschied sich Çiurlionis gegen die sichere Existenz eines Lehrers und für das Künstlerdasein: Er wollte komponieren. Schon seine ersten Klavierstücke und seine „symphonischen Gedichte“ zeigen ein sicheres Gespür für Struktur und Rhythmus, während eine durchgehende – „fließende“ – Melodie die Rezeption Wagners erkennen lässt. Der Anspruch, Emotionen in Musik zu übersetzen, und der Versuch, das Erlebnis der Natur in der formalen Gestaltung des musikalischen Materials wiederzugeben, machen Çiurlionis zum neoromantischen Komponisten, aber der pathetische Überschwang seiner Tonsprache ist noch ganz romantisch.

Ciurlionis‘ Pathos speiste sich aus der romantischen Tradition einerseits und andererseits aus der lithauischen Folklore. Denn in Warschau formierte sich um 1900 gegen die russische Herrschaft eine intellektuelle Opposition, die ihr Begehren um kulturell-politische Selbstbestimmung ästhetisch formulierte. Der programmatische Rückgriff auf Elemente der Volksliteratur und -musik, der Warschauer Sezessionismus und die Ablehnung der akademischen Landschaftsmalerei sollten eine autochtone und zugleich moderne Kunst begründen, die das Nationalgefühl mit dem Zeitgeist ästhetisch versöhnte.

Bemerkenswerterweise war es in Warschau, dass sich Ciurlionis als Litauer neu erfand. Zwischen litauischen Heldenepen und nihilistischer Philosophie, folkloristischen Gesängen und romantischen Symphonien, klassischer Literatur und kosmologischer Esoterik suchte er nach einem angemessenen künstlerischen Ausdruck, um seine litauische Herkunft zu artikulieren. Es ist vielleicht diese Suche nach neuen ästhetischen Mitteln, die ihn, der schon immer gezeichnet hatte, zur Malerei führte. So schrieb sich Ciurlionis an der gerade gegründeten Kunstakademie in Warschau ein und absolvierte ein traditionelles Kunststudium.

Auf einer Europareise entdeckte er Arnold Böcklin, Max Klinger und Puvis de Chavannes, auf einer Reise in den Kaukasus entdeckte er die Wucht der Natur – beide diese Entdeckungen verschmolzen in einer neoromantischen Naturverherrlichung, die schließlich in Symbolismus überging. In unzähligen Landschaftsbildern und -zeichnungen buchstabierte er das Vokabular des Symbolismus durch: unscharfe Konturen, fließende Farben, archaisierende Vereinfachung der Darstellungsmittel, Flachheit der Bildoberfläche. Eine besondere Leuchtkraft lässt die Gemälde wie von innen leuchten – Ciurlionis erleuchteten Landschaften sind abstrakte Farbspiele, die die Natur nicht darstellen, sondern sie suggerieren. Aber er komponierte immer weiter und verarbeitete dieselben Sujets in Bildern und in musikalischen Stücken – und dass er immer wieder auch Gedichte schrieb, hatte mit der Vorstellung zu tun, dass sich die verschiedenen Künste ineinander widerspiegeln und einander entsprechen.

Ciurlionis malte, was er komponierte, und komponierte, was er malte. „Ich stelle mir die Welt als eine gemalte Symphonie vor,“ schrieb er einmal. Er bezeichnete Bilder als Sonaten oder Préludes und die Klavierstücke als „symphonische Landschaften.“ Auch stilistisch beeinflussten sich Malerei und Musik. Die noble Einfachheit und formelle Strenge seiner früheren Klavierstücke bewegte sich auf eine Polyphonie zu, die an die perspektivischen Überlappungen in den Gemälden erinnern; Harmonien und Rhythmen wurden komplexer, und er fand zu einem musikalischen Reihendenken, dem in der Malerei die Bilderzyklen entsprechen. Wie in den gemalten Serien verwendete Ciurlionis auch in seinen musikalischen Kompositionen ein wiederkehrendes melodisches Motiv als Hintergrund für thematische Variationen.

Der Geist von Ciurlionis‘ Musik ist neuromantisch, aber die Konstruktionsstrenge ist neoklassisch, während die polyphonische Eloquenz mystische Elemente enthält, die symbolistisch sind. Der Geist seiner Malerei, trotz neoromantischen Splittern, ist symbolistisch: ins Phantastische übersteigerte Inszenierungen; rätselhafte Landschaften; visionäre Darstellungen der menschlichen Gestalt. Als Symbolist hat Ciurlionis ein kosmologisches Drama dargestellt: Er hat eine spirituelle Energie hinter der Oberfläche der Wirklichkeit angenommen, die in der Kunst freigelegt werden kann.

So hat Ciurlionis sowohl in seinen musikalischen als auch in seinen malerischen Kompositionen auf mystische und mythologische Elemente zurückgegriffen, und er hat zugleich die folkloristische Tradition seiner Heimat wiederentdeckt. Er hat litauische Volkslieder, „dainos“, gesammelt und selber welche komponiert und hat die volkstümlichen Harmonien in seinen Musikstücken ebenso integriert, wie er die Muster der Volkskunst in seinen Gemälden übertragen hat.

Als er 1911 starb, hatte Ciurlionis durch Ausstellungen und Konzerte in Sankt Petersburg und Warschau der litauischen Kunst und Musik zu einem gewissen Ansehen verholfen. Seitdem ist der Komponist und der Maler Ciurlionis, wenn nicht wirklich anerkannt, so doch nicht mehr ganz unbekannt. Olivier Messiaen beschwor seine „besondere Tonfarbe,“ und in Ausstellungen symbolistischer Kunst ist er stets vertreten. Musik und Malerei hatten ihm als gleichbedeteutende Ausdrucksmöglichkeiten gegolten, um eine ebenso authentische wie moderne litauische Kunst zu begründen – um Nationalismus mit Symbolismus zu vereinbaren.

 

 Ein paar Beispiele von Čiurlionis Bild-Musik Kompositionen von Youtube:

 
 
In Kaunas kann man sich viele seiner fast 300 Bilder und Grafiken anschauen und seine Musik dazu hören.
 
 
In Čiurlionis Wohnhaus in Druskininkai gibt es auch ein schönes Museum.
 
 

Vydunas

 

Skaiste Austeja Budreviciute beschäftigte sich in ihrer Bachelorarbeit 2014 mit dem Werk von Wilhelm Storost "Vydunas" ´Sieben Hundert Jahre Deutsch-Litauischer Beziehungen`.

Wir veröffentlichen ihre Arbeit mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

 

 

Universität Vilnius
Philologische Fakultät
Lehrstuhl für Deutsche Philologie

SKAISTE AUSTEJA BUDREVICIÜTE

  1. Studienjahr

Fachrichtung Deutsche Philologie und eine andere Fremdsprache (Schwedisch)

ZUR REZEPTION DER ABHANDLUNG
"SIEBEN HUNDERT JAHRE DEUTSCH-LITAUISCHER
BEZIEHUNGEN” VON VYDÜNAS
IN DEUTSCHLAND UND LITAUEN

Bacherlorabschlussarbeit

Wiss. Betreuer: Doz. Dr. Saulius Lapinskas

Vilnius 2014

Inhaltsverzeichnis

Einleitung............................................................................................................................................. 3

  1. Vydünas als Symbolfigur der deutsch-litauischen Völkerverständigung und der

Kulturbeziehungen............................................................................................................................... 5

  • Die zweifache Angehörigkeit und das Lebensziel von Vydünas.......................................... 5
  • Die kulturelle Tätigkeit von Vydünas................................................................................... 6
  • Vydünas in den Kriegszeiten: die Zuspitzung der Spannung zwischen Deutschland und

Litauen............................................................................................................................................. 9

  • Die Philosophie und die sozialen Ideen von Vydünas........................................................ 13
  1. "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen": Ein Werk zwischen zwei Feuern ... 16
    • Der kulturhistorische Kontext der Entstehung des Buches................................................. 17
    • Die Hauptideen der Abhandlung und ihre Rezeption durch die Deutschen und Litauer.... 19
      • Die Vydünas'sche Auffassung der deutschen und der litauischen Mentalität und ihre

Kritik.......................................................................................................................................... 19

  • Die Untrennbarkeit der Sprache und des Volkstums: die Idee und ihre Rezeption .... 23
  • Vom bedrohlichen Nebeneinander zum friedlichen Miteinander der Völker: eine

humanistische Sicht................................................................................................................... 29

Schlussfolgerungen............................................................................................................................ 35

Literaturverzeichnis........................................................................................................................... 37

Santrauka............................................................................................................................................ 40

 

Einleitung

Das Thema der vorliegenden Arbeit lautet "Zur Rezeption der Abhandlung "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" von Vydünas in Deutschland und Litauen". Im Zentrum der Arbeit steht der berühmte preußisch-litauische Dichter, Philosoph und Humanist Vydünas (eigtl. Wilhelm Storost) und sein Werk "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen". Im ersten Teil der Arbeit werden das Leben und die Tätigkeit von Vydünas dargestellt und in dem Zweiten wird das oben genannte Werk analysiert, indem das Hauptgewicht auf die wichtigsten Gedanken und Ideen und auf ihre Rezeption seit der Veröffentlichung bis in die heutigen Tage in Deutschland und in Litauen gelegt wird. Die Abhandlung wurde 1932 in Tilsit herausgegeben, 1982 in Chicago nachgedruckt und 2001 ins Litauische übersetzt und in Litauen veröffentlicht.

Die Tätigkeit von Vydünas war vielfältig. Einige Aspekte, nämlich seine dichterischen Werke, sein kultureller Einsatz im Rahmen der Wiederbelebung litauischer Kultur und sein Beitrag zum philosophischen Diskurs Litauens sind relativ gut erforscht worden. Doch seine aus dem damaligen komplexen politisch-kulturellen Kontext resultierende außerordentliche Stellung zwischen zwei Kulturen und Sprachen, nämlich dem Deutschen und Litauischen, supponiert auch eine weitere Forschungsrichtung, die seine Stellung zu historischen Geschehnissen und interkulturellen Beziehungen sowie seine gesellschaftlich-kulturellen Einsichten umfasst. Da es sich nämlich um die Frage deutsch-litauischer Beziehungen handelt, dürfte dieses Thema auch für das germanistische Studium relevant sein.

Das Forschungsziel besteht darin, die grundlegenden Ideen im Buch "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" zu erörtern und ihre Rezeption anhand der Stellungnahmen und Kritik verschiedener Forscher zu analysieren. Dabei sollen historisch-anthropologische und vergleichende Methode zur Anwendung kommen. Aus der Zielsetzung ergeben sich folgende Forschungsaufgaben:

  1. Das Leben, die kulturelle Tätigkeit und die philosophischen Ansichten von Vydünas als Kontext für sein Buch "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" zu beschreiben;
  2. Die Gedanken von Vydünas über die historisch-kulturellen Entwicklungen im Rahmen deutsch-litauischer Beziehungen vorzustellen;
  3. Seine Ansichten kritisch zu analysieren, indem die Berichte der litauischen und deutschen Forscher sowie die damaligen und heutigen politisch-kulturellen Tendenzen berücksichtigt werden;
  4. Die (nicht)stattgefundene Rezeption des Werkes in Deutschland und in Litauen und die Gründe dafür zu erläutern.

Neben dem analysierten Werk "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" werden auch andere Werke von Vydünas zu Hilfe genommen sowie die Beiträge zahlreicher litauischer und deutscher Geisteswissenschaftler, darunter Jürgen Storost, Vacys Bagdonavicius, Kurt Forstreuter und Viktor Falkenhahn.

 

  1. Vydunas als Symbolfigur der deutsch-litauischen Völkerverständigung und der Kulturbeziehungen

Durch seine Persönlichkeit und einzigartige kulturelle Stellung hat Vydünas sowohl die gefährlichen Spannungen als auch den positiven Austausch zwischen zwei Völkern verkörpert. Im Vorwort in "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" berichtet Vytautas P. Mikunas über den Autor dieses Buchs Folgendes: "Durch seine Herkunft ist er untrennbar mit seinem Heimatland und dessen litauischen Ureinwohnern verwachsen. Durch seine Bildung ist er, zweifellos, ein Mensch der deutschen Kultur. Es ist wohl diese zweifache Angehörigkeit, die ihn angeregt hat nach dem tieferen Sinn und Grundlagen des menschlichen Denkens zu suchen" (Mikünas 1982, 487).

Im ersten Teil dieser Arbeit werden die kulturellen und historischen Zusammenhänge im Rahmen der Herkunft, Bildung und philosophischer Ansichten von Vydünas erörtert, indem verschiedene relevante Ereignisse seines Lebens unter dem Schwerpunkt deutsch-litauischer Beziehungen beschrieben und seine grundlegenden weltanschaulichen Gedanken vorgestellt werden.

  • Die zweifache Angehörigkeit und das Lebensziel von Vydunas

Vydünas (bürgerl. Wilhelm Storost) ist 22. März 1868 in dem ostpreußischen Dorf Jonaten (lit. Jonaiciai) im Kreis Heydekrug (lit.Silute) geboren. Er war preußisch-litauischer Denker, Dichter, Philosoph und eine bedeutende Persönlichkeit des kulturellen Lebens in Ostpreußen[1].

Vydünas stammte aus altem litauischen Bauerngeschlecht, sein Vater war Lehrer und hatte die Absicht, ihn dem Beruf des Geistlichen zuzuführen und hatte ihm folglich den ersten Unterricht in Griechisch und Latein gegeben. Da in dem Land Zweisprachigkeit herrschte - das Deutsche allerdings mehr im öffentlichem Diskurs und hatte dadurch einen höheren Status, während das Litauische dem Privaten überlassen wurde und keine Aufstiegsmöglichkeiten in der Gesellschaft bieten konnte - hat Vydünas sehr früh beide Sprachen beherrschen können. Schon in seiner Kindheit hat er mit seinen schrifstellerischen Experimenten angefangen: "Anfangs hatte ich nur

Deutsch geschrieben, später bediente ich mich fast ausschließlich der litauischen Sprache", berichtet er in seinem Lebenslauf vom 18. Dezember 1917 (Storosta 1988, 156). Vydünas' Mutter hat ihn in die litauische Volkskultur eingeführt: Sie kannte viele Volkslieder und Märchen und pflegte litauische Traditionen. In dem Buch "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" erzählt er über ein prägendes Ereignis seiner Kindheit, dass ihn dazu bewegt hat, das Problem des Litauertums in Kleinlitauen festzustellen und sein Lebensziel darin zu erkennen. Er war mit seiner Mutter zu einer befreundeten deutschen Familie unterwegs, als er sie plötzlich bat, während des Besuchs kein Wort mit ihm auf Litauisch auszutauschen. Dass er sich seiner Muttersprache schämte, war natürlich eine Folge der durch die Germanisierungspolitik in Kleinlitauen hervorgerufenen allgemeinen gesellschaftlich-kulturellen Tendenzen. Das Schamgefühl und die Reaktion der Mutterhaben ihm jedoch zum Nachdenken gebracht und er hat sich folglich zur Lebensaufgabe gemacht, "das Litauertum zu Ehren zu bringen" (vgl. Vydünas 1932, 407). Dieses Ziel hat er sein ganzes Leben eifrig verfolgt.

Bagdonavicius bemerkt, dass das Leben und Wirken von Vydünas mit einem recht dramatischen Abschnitt deutsch-litauischer Beziehungen zusammenfiel. Die Kindheit und Jugend des Denkers verlief in der Zeit der Herrschaft Otto von Bismarcks. Die aktuellen Prozesse des politischen, wirtschaftlichen und geistigen Lebens in Deutschland hatten eine enorme Wirkung auf seine geistige Entwicklung, auf die Herausbildung seiner Weltanschauung, auf die Wahl seiner Schaffensmaximen und seines weiteren Lebensweges. Die Vereinigung Deutschlands 1871 hatte u. a. die Assimilation der Minderheiten zur Folge. Der Assimilierungsprozess erfolgte unter der Losung: "Ein Reich, eine Sprache". Vydünas sah sich mit der aggressiven 'Eindeutschungspolitik' konfrontiert und suchte durch seine Tätigkeit nach den effektivsten Wegen für das Überleben und die weitere kulturelle Entwicklung seines Volkes (vgl. Bagdonavicius, 1992, 83-84).

  • Die kulturelle Tätigkeit von Vydünas

1888 hat Vydünas das Studium im Lehrerseminar in Ragnit abgeschlossen, arbeitete anschließend vier Jahre als Lehrer in Kinten (Kintai) und dann bis zu seiner - aufgrund der schwachen Gesundheit - frühen Pensionierung 1912 an der Knabenschule in Tilsit. Im Jahre 1912 schied er aus dem Schuldienst aus, um sich philosophischen Studien zu widmen. Während der Schulferien und später als Pensionär studierte er als Gasthörer an den Universitäten von Greifswald (1896-98), Halle (1899), Leipzig (1900-02) und Berlin (1913-19) u. a. die Fächer Philosophie, Religion und Mythologie verschiedener Völker und Kunst- und Literaturgeschichte.

Sein Lebensziel verfolgend, schloss sich Vydünas der kulturellen Tätigkeit seiner Landsleute an. 1895 gründete er einen Gesangverein in Tilsit und leitete ihn bis zu seiner Auflösung im Jahr 1935 durch die deutschen Nationalsozialisten. In seinem Artikel "Tautine mano amziaus veikla" ("Meine Tätigkeit") schreibt Vydünas, dass die Vereinstätigkeit unter den Deutschen Anklang gefunden habe: Sie haben die Chorsänger oftmals zu ihren Veranstaltungen eingeladen und gerne litauische Lieder gehört. Doch manche Litauer waren darüber empört: "Sie verstehen es nicht zu begreifen, dass Respekt deutscherseits litauischer Kultur gegenüber den Litauern selbst hilft, sich eine positivere Einstellung zur eigenen Kultur zu verschaffen" (vgl. Vydünas 1937, 70). Auch in anderen litauischen Vereinen bzw. Gesellschaften - z.B. "Birute", "Vereinigung preußischer Litauer", "Litauischer Schriftstellerverband" - wirkte er mit, indem er dort viele philosophische Vorlesungen sowie Vorträge über Philosophie und Kulturgeschichte hielt.

Neben seiner vielfältigen kulturellen Arbeit in der Gesellschaft widmete er viel Zeit auch der schriftstellerischen Tätigkeit. Mit seinen Gesinnungsfreunden gab Vydünas mehrere Zeitschriften heraus, die zum größten Teil von ihm verfassten Publikationen enthielten, und zwar "Saltinis" ("Quelle" 1905-06), "Jaunimas" ("Jugend" 1911-14), "Naujove" ("Neue Zeit" 1915) und "Darbymetis" ("Zeit zur Arbeit" 1921-25). Überdies hat er für das Repertoire des Gesangvereins mehr als 30 Dramen, meist allegorischen Charakters, verfasst, in denen der Kampf der ostpreußischen Litauer um ihre nationale Identität dargestellt und die 'Eindeutschung' ironisiert wird. Laut Kuzborska zeichnet damit Vydünas in seiner frühen Schaffensperiode die Nachbarschaft mit den Deutschen noch im Bereich des bedrohlichen Nebeneinanders (Kuzborska 2003, 116). Bagdonavicius betont dagegen einen anderen Aspekt seines Schriftstellertums und nennt Vydünas einen großen "humanistischen Schriftsteller" aufgrund seines Zieles, seine Landsleute zur Entwicklung und Pflege der Menschlichkeit aufzufordern, wobei der Dichter die Menschlichkeit nicht nur als die zuverlässigste Festung im Kampf gegen jegliche Knechtung, sondern auch als Selbszweck, als höchsten Wert, auffasste (vgl. Bagdonavicius 1992, 87).

Die schriftstellerische Erbe von Vydünas ist sehr groß: Dazu könnten sogar über 60 Bücher unterschiedlichen Charakters aufgezählt werden, nämlich schöngeistige, philosophische, historiographische, sprachwissenschaftliche sowie autobiographische. Man könnte dabei zwischen auf Litauisch und auf Deutsch verfassten Werken unterscheiden. Die Litauischen, die die Mehrheit ausmachen, waren dafür bestimmt, die besten Potentiale des litauischen Volkes zu wecken, damit, wie es Vydünas selbst ausdrückte, "sich das Denken und Bewusstsein der Litauer aufhellt und sie in allerlei Hinsicht Respekt verdienen können" (Vydünas 1937, 70). Hier könnten u. A. folgende Werke erwähnt werden: "Visatos s^ranga" ("Der Aufbau des Weltalls" 1907), "Simone" ("Bewusstsein" 1936), "Tautos gyvata" ("Das Leben des Volkes" 1920), "Müs^ uzdavinys" ("Unsere Aufgabe" 1911). Mit seinen deutschen Werken hatte Vydünas die Absicht, den Deutschen die Geschichte Litauens, die Besonderheiten des Litauertums und litauische Traditionen darzustellen, zur Hochschätzung der Kultur seiner Landesleute beizutragen und somit die zwei Völker näher zu bringen. Als Beispiele könnten folgende Abhandlungen über die Geschichte Litauens und die historisch-kulturellen deutsch-litauischen Beziehungen angeführt werden: "Litauen in Vergangenheit und Gegenwart" (1916) und "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" (1932) sowie seine zahlreichen Beiträge über Litauen, das litauische Volk und Sprache in der "Zeitung der 10. Armee", die während des 1. Weltkrieges als Organ der Information und Propaganda diente. Da Vydünas die Sprache für einen äußerst wichtigen kulturellen Wert des Volkes hielt und den einzigartigen Geist seiner Muttersprache besonders deutlich spürte, hat er ein paar Lehrbücher für das Erlernen litauischer Sprache verfasst: Den "Deutsch-litauischen Wortschatz" (1916) und die "Einführung in die litauische Sprache" (1919). Zusammenfassend lässt sich sagen, das Vydünas bestrebt war, mithilfe seiner Schriften die kulturelle Brücke zwischen Völkern zu bauen und zu der Entwicklung des litauischen Selbsbewusstseins beizutragen.

Seine schriftstellerische Tätigkeit an sich lässt sich jedoch als relativ passiv betrachten. Doch wie wir später im Rahmen seiner Lebensphilosophie erfahren werden, war es nicht Vydünas Absicht, ein Beobachter und Theoretiker zu bleiben, sondern sich aktiv in die aktuellen Geschehnisse einzubringen. Er übte seine Lehrtätigkeit nicht nur in Ostpreußen aus, sondern wurde 1917 zum Orientalischen Seminar in Berlin eingeladen, um dort Litauisch zu unterrichten, was er 1917-1919 auch erfolgreich tat. Forstreuter berichtet, dass das Orientalische Seminar eine Gründung Bismarcks aus den Anfängen der deutschen Kolonialpolitik war. Es sollte die Kenntnis der Kolonialsprachen pflegen. Das Interesse für die litauische Sprache ist durch die Ereignisse des Ersten Weltkrieges entstanden, wobei im Jahre 1915 das ganze litauische Sprachgebiet durch deutsche Truppen besetzt wurde (vgl. Forstreuter 1981, 345-347). Laut Vydünas' Großneffen Jürgen Storost, hat sein Großonkel die Einladung angenommen, weil er gewillt war, die deutsche und die litauische Nationen näher zu bringen (vgl. Storost 1988, 153). Hier können Ansätze einer indirekten Polemik zwischen den deutschen Geisteswissenschaftlern, die die offiziellen Standpunkte Deutschlands ca. im Zeitraum der 20er bis 80er Jahre vertreten, und den Verfechtern von Vydünas, die einen persönlichen Kontakt mit ihm pflegten und eine Beziehung zur litauischen Kultur hatten, bemerkt werden, die sich weiter im Rahmen der Rezeption des Buchs "Sieben Hundert Jahre deutsch­litauischer Beziehungen" ausbreiten wird. Hinsichtlich der Motive von Vydünas an dem Seminar teilzunehmen behauptet Forstreuter, dass "das Seminar für ihn vielleicht ein Sprungbrett zu Höherem sein konnte" (Forstreuter 1981, 347). Seine Argumentation beruht auf dem Bericht von dem Leiter des Seminars Eduard Sachau, der Vydünas als "einen der eifrigsten und gewissenhaftensten Mitarbeiter" bezeichnet (Sachau zit. nach Storost 1988, 160). Im Gegensatzt dazu interpretiert Storost und Falkenhahn Sachaus Aussage und die dahinter steckenden Bemühungen von Vydünas nicht als Streben nach persönlichen Vorteilen, sondern als Wunsch, dem litauischen Volk den größten Nutzen zu bringen. Wie es aus dem Briefwechsel zwischen Vydünas und Sachau herausgeht, pflegten die Beiden eine freundschaftliche Beziehung und Sachau wollte aufgrund seines ehrlichen Respekts vor Vydünas mit seinem Lob auch für einen besseren Lohn für seinen Beitrag zum Seminar sorgen (vgl. Storost 1988, 160).

In Litauen haben die Verdienste von Vydünas eine hohe Würdigung erfahren: 1928 wurde ihm der Ehrendoktor für Philosophie der Universität Kaunas zuerkannt, 1925 wählte man ihm zum Ehrenmitglied des PEN-Clubs und 1933 wurde er Mitglied des Litauischen Schriftstellerverbandes. Vydünas war sogar als Kandidat für den Nobelpreis vorgesehen. Deutschland sah in seiner Persönlichkeit und kulturelle Tätigkeit dagegen Gefahr für seine Nationalinteressen ein.

  • Vydünas in den Kriegszeiten: die Zuspitzung der Spannung zwischen Deutschland und Litauen

Vydünas' Tätigkeit war ausschließlich auf kulturelle Angelegenheiten gerichtet. Doch in jener turbulenten Zeit der beiden Weltkriege, wobei sich der Kampf um Macht sowohl auf der politischen, als auch auf der kulturellen Ebene abspielte, blieb es Vydünas nicht erspart, in den grausamen Geschehnissen verwickelt zu werden. Trotz seiner Abneigung gegen politische Vorgehensweisen, blieb er nicht indifferent: Einerseits nahm er die Position eines Beobachters und unaufdringlichen Kommentators ein, andererseits konnte er dem nicht entgehen, aufgrund der Vertretung litauischer Interessen, ins Visier der deutschen Nationalisten gefasst zu werden.

Laut Bagdonavicius betrachtete Vydünas den Krieg an sich als eine Auswirkung einer geistigen Krise der Menschheit. Am Anfang des Ersten Weltkrieges vertrat der Denker die Meinung, diejenige können und sollen den Sieg an seine Fahne heften, die eine höhere Kultur und mehr Geistigkeit besitzen, um dadurch der Entwicklung der Menschheit dienlich zu sein. Er ist zu der Meinung gekommen, dass diese Eigenschaften bei den Deutschen deutlich besser ausgeprägt sind, indem er die disziplinierte, gut versorgte deutsche Armee, die im eigenen Land ein korrektes Verhalten aufwies, mit der Russischen verglich, die - arm und verstreut - im besetzten Territorium rücksichtlos wütete. Außerdem stand Vydünas mit den gebildeten Deutschen in Kontakt, nach denen er über das Deutschtum an sich urteilte. Anfang des Krieges hatte Vydünas keine Ahnung über die eigentlichen imperialistischen Absichten Deutschlands: Er glaubte, Deutschland würde

Litauen in seinen Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützen. Doch als die Besetzung Litauens durch die kaiserlichen Truppen erfolgte und die Kolonisationspläne zu Tage getreten sind, wurde es klar, dass seine Vorstellung falsch war. Vydünas war schwer enttäuscht und brachte nach dem Krieg 1921-1925 seine Ansichten in "Darbymetis" zu Papier: Deutschland wird da nicht mehr als Hüter der Menschlichkeit, sondern als ein räuberischer und expansiver Staat bezeichnet, der matierielle Güter mehr als Menschlichkeit vereehrt. Als Grund dafür gibt er die Gier nach Macht und Materielles, die Ansätze für den Niedergang des Volkes bilden (vgl. Bagdonavicius 2001a, 134-138).

Aus diesem Beispiel könnte man eventuell die Schlussfolgerung ziehen, dass Vydünas keinen besonderen Weitblick und kaum Einsicht hinsichtlich politischer Entwicklung besaß. Doch er selber sah seine Gedankenschwerpunkte in volkserzieherischer Tätigkeit und ethischen Fragen und nicht in einer politischen Analyse. Laut Stepanauskas war Vydünas "ein Ethiker, kein politischer Mensch. (...) Hatte er nun keine politische Meinung, keine direkte Tuchfühlung zu Zeitereignissen? Doch, aber vom Standpunkt des Dichters, des Sehers" (Stepanauskas 1992, 166).

Das Ende des Ersten Weltkrieges stellt einen Wendepunkt im Leben und Wirken von Vydünas dar. Bagdonavicius bemerkt, dass "während er sich vor dem Krieg auf die Herausbildung des nationalen Selbstwertgefühles, einer hohen geistigen und inneren Kultur seiner Landesleute konzentrierte, bemühte er sich in der Nachkriegszeit aufzuzeigen, was für ein Loch sich diejenigen selbst graben, die die anderen Völker knechten und verschlingen wollen" (Bagdonavicius 2001, 140). Dieses Bestreben wird in "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" besonders deutlich. Doch die deutsche Offensive gegen Vydünas hatte noch früher begonnen, als das Buch erschienen ist.

Die wohl wichtigste Ursache für die Spannungen zwischen den Deutschen und den Litauern lag in der Memelfrage. Das Memelgebiet wurde nach dem Ersten Weltkrieg von Deutschland abgetrennt: Es wurde nach Artikel 99 des Versailler Vertrags 1919 ohne Volksabstimmung an die alliierten Mächte abgetreten. Ein Großlitauen mit Einbeziehung des Memelgebiets war den Deutschen das Schreckgespenst, das ihrer wirtschaftlichen Macht ein Ende bereiten würde. Doch Vydünas glaubte, dass das Gebiet Litauen übergeben wird und dass die Litauer als sein Gebietsverwalter die Deutschen besser behandeln werden als die Letzteren die Litauer. Diese Hoffnung hat er in seiner Rede, die er bei einer Veranstaltung zur Begrüßung der Alliierten in Memel 1919 gehalten hat, zum Ausdruck gebracht. Die Rede wurde in der Zeitschrift "Memeler Dampfboot" wiedergegeben, aber so, dass die Alliierten da als Retter des litauischen Volkes erschienen. Vydünas hat um die Korrektur des Artikels gebeten, weil seine Rede somit entstellt wurde. Trotzdem wurde er vor das Außerordentliche Kriegsgericht gestellt. Der Tilsiter Kreisschulrat Christoph Kairies, ein Gegner von Vydünas, berichtet darüber: "Als unsere Feinde das Memelgebiet übernahmen, begrüßte er [Vydünas] sie als die Retter von der Knechtschaft in deutscher, englischer und französischer Sprache, wurde aber vom Gericht in Tilsit zur Verantwortung gezogen und mit 300 Mark bestraft" (Storost 1992, 107). Dieser Vorfall hat eine ganze Reihe von Konfrontationen in dem deutsch­litauischen Spannungsfeld eingeleitet, in dessen Mittelpunkt sich Vydünas selber befand.

"Nach dem Ersten Weltkrieg brach der Hass der Deutschen den Litauern gegenüber aus. Vor allem wurde es dabei auf mich gezielt", berichtet Vydünas in "Tautine mano amziaus veikla". "Mir wurde Vieles vorgeworfen. Ich habe mich jedoch allen Verdächten überlegen gefühlt. Doch ich musste mehr Erniedrigungen erfahren als viele andere. Die deutsche Regierung hat mir teilweise Schutz gewährt, aber den einzelnen Menschen wurde Handlungsfreiheit gelassen" (Vydünas 1937, 70). Man könnte annehmen, dass er die Schlussfolgerung hinsichtlich des "Schutzes" davon abgeleitet hat, dass er keine direkte Verfolgung erlebt hatte. Doch die richtigen Gründe dafür waren, wie es aus den Berichten des Oberpräsidenten der Provinz Preußen 1930 sowie 1932 hervorgeht, wie folgt: "Disziplinare Maßnahmen gegen Storost sind nicht möglich, weil er pensionierter Beamter ist" sowie "In strafrechtlicher Hinsicht konnte gegen Storost in den letzten Jahren mangels ausreichender Beweise nicht eingeschritten werden" (Storost 1992, 140; 116). Das Ausmaß der Maßnahmen gegen Vydünas und seine Tätigkeit war also juristisch beschränkt und sie wurden immer unter Vorwänden verschiedener Art eingeleitet. Dazu musste man aber natürlich die Person unter die Lupe zu nehmen. Somit wurde 1921 die Überwachung von Vydünas durch deutsche Institutionen eingeleitet, indem dem schon oben erwähnten Tilsiter Kreisschulrat Christoph Kairies der Auftrag gegeben wurde, Informationen über die litauische Bevölkerung und ihre Bewegungen in Ostpreußen zu sammeln. Über den litauischstämmigen deutschen Beamten Kairies berichtet Storost, dass er sich durch besonderen Hass gegen alles Litauische und Vydünas auszeichnete (vgl. Storost 1992, 98).

Kairies kritisiert Vydünas wegen seiner Bemühungen, Litauer "national aufzurütteln", wegen seiner Rezepte, wie man seiner Nation dienen kann, und seiner "Unterstützung Großlitauens, woher das litauische Heil erwartet wird" (Storost 1992, 109). Die Denkschrift, die Vydünas 1930 an den Minderheitenkongress in Genf verfasste und in der er die Interessen der litauischen Minderheit in Deutschland vertrat und die Probleme der Verdrängung litauischer Sprache aus den Schulen und Kirchen und die schweren kulturellen und nationalen Arbeitsbedingungen der preußischen Litauer betonte, wurde als ein heftiger Angriff auf die deutsche Regierung betrachtet (vgl. Storost 1992, 136).

Während die Maßnahmen gegen Vydünas in der Zeit der Weimarer Republik juristisch noch eingedämmt wurden, erfuhr der Philosoph nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in

Deutschland Schikane und Erniedrigungen aller Art. Die von Vydünas erwähnte "Handlungsfreiheit der einzelnen Menschen" hat sich in brutalen Formen geäußert. In einem Artikel der Zeitung "Lietuvos Aidas" von 2. November 1932 wird über das Verprügeln von Vydünas durch Hitlerleute berichtet. Darüber hinaus, steht in dem Artikel Folgendes: "Vydünas ist Vorsitzender des Kulturrates der preußischen Litauer. Aus diesem Grunde ist anzunehmen, dass dieser Übergriff der Hitlerleute nicht allein gegen ihn, sondern auch gegen die preußischen Litauer gerichtet war" (Storost 1992, 143). Ein weiterer Angriff 1938 konnte aufgrund der wachsenden Macht der Nationalsozialisten schon auf gerichtlichem Niveau erfolgen: Unter der Anklage vom illegalen Besitz vov Geld wurde Vydünas verhaftet und für ein paar Monate eingekerkert bis die Proteststimmen in der Welt genug Druck für seine Freilassung ausübten (vgl. Bagdonavicius 1988, 185). Parallel zu diesen Ereignissen erfolgte auch das Konfiszieren bzw. Verbot seiner Bücher, was ihm noch schmerzhafter erschien.

Der zweite Weltkrieg hat das Leben in vielen Ländern auf den Kopf gestellt und bereitete auch Vydünas vermehrt Schwierigkeiten. Infolge der russischen Luftangriffe auf Tilsit im Jahre 1944 floh Vydünas über Königsberg, Stettin und Lübeck ins innerste Deutschland. Nach einigen Monaten in Flüchtlingslagern fand Vydünas nach dem Krieg seine neue Heimat in Detmold, die Hauptstadt des Landes Lippe. Stepanauskas berichtet, dass er zu der Zeit gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, ein weiteres Wanderleben zu führen. Als deutscher Staatsangehöriger und bereits pensionierter Pädagoge nutzte er sein gutes Recht und bekam eine kleine Rente (Stepanauskas 1992, 153).

In Detmold hat Vydünas seine letzten Lebensjahre verbracht. Nach den Turbulenzen des Krieges kam endlich eine ruhigere und sinnvolle Zeit für ihn, die er vor allem für das weitere Schaffen ausnutzte. Stepanauskas bemerkt, dass sich dieser Lebensabschnitt Vydünas durch eine erstaunliche geistige Aktivität auszeichnete, wie es aus seinen Briefen an den Freund hervorgeht. Vydunas versucht, seine eigenen Werke wieder in die Hand zu bekommen. Laut Stepanauskas war es der einzige Wunsch des Schriftstellers und Philosophen Vydünas, trotz seines hohen Alters, tätig zu sein (vgl. Stepanauskas 1992, 158-159). Er nahm gerne teil an dem kulturellen Leben der anderen Exillitauer und hat sich dadurch und durch seine sittliche Lebensführung Anerkennung und Respekt sowohl von den Litauern als auch von den Deutschen verschaffen (vgl. Bagdonavicius, 2001, 148­149). Wie er selbst das Leben in Detmold empfand und was ihn zu dieser Zeit am meisten bewegte, kann man einer Karte vom 29. Dezember 1947 entnehmen: "Meine Situation ist erträglich. Nur drücken mich die Sorgen und insbesondere alles das, was dem litauischen und dem deutschen Volk widerfährt" (Stepanauskas 1992, 155-156).

Der Philosoph starb 1953 im Alter von 85 Jahren in Detmold. 1991 wurde sein letzter Wille erfüllt und seine sterblichen Überreste nach Litauen überführt. Sein Grab befindet sich heute in Bitenen (lit. Bitenai).

Das Thema kulturelle Tätigkeit von Vydünas abschließend, werden im Folgenden nochmals einige wichtige Aspekte betont. Sein Lebensziel war "das Litauertum zu Ehren zu bringen". Laut Bagdonavicius "hatte die vielseitige Tätigkeit von Vydünas eine große Wirkung auf die ostpreußischen Litauer und konnte ihre Assimilierung für einige Zeit aufhalten" (Bagdonavicius 1992, 92). Die deutsch-litauischen Beziehungen sind bei der Betrachtung seines Lebens und seiner Tätigkeit insofern von Bedeutung, als sie besondere Verhältnisse darstellen, unter denen sich der Dichter und Philosoph als schöpferische Persönlichkeit entwickelte. Deutschland erwies sich im Rahmen seiner kulturellen und schriftstellerischen Tätigkeit vor allem als eine gegnerische Kraft, deren Wirken einerseits gegen ihn gerichtet war, andererseits doch neue Impulse für die Fortsetzung seiner Arbeit bot, und am Ende seines Lebens sogar zu einer gewissen Ruhestätte wurde.

  • Die Philosophie und die sozialen Ideen von Vydünas

Die Berücksichtigung der philosophischen Gedanken von Vydünas ist im Rahmen dieser Arbeit insofern wichtig, dass seine in dem Buch "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" zutage tretende Weltanschauung und Einstellung zu bestimmten historischen und kulturellen Gegebenheiten eben darauf basieren. Die Gesamtheit der Vydünas'schen Ideen und Gedanken wird von Bagdonavicius als 'Vydünismus' bezeichnet: Ein Phänomen der litauischen Kultur, dessen Grundlage seine Philosophie bildet (vgl. Bagdonavicius 1992, 88).

Bagdonavicius vertritt die Meinung, dass die Besonderheit der Philosophie von Vydünas darin liegt, dass er Antworten nicht auf theoretische, sondern auf praktische Fragen suchte und bestrebt war, auf die Aktualitäten seines Volkes einzugehen (vgl. Bagdonavicius 1988, 188). Der praktische Aspekt seiner Philosophie ergänzt das Bild von Vydünas als wichtige Figur in damaligen kulturellen Ereignissen und erklärt das vorher erwähnte aktive Sich-Einbringen in die aktuellen Geschehnisse.

Bagdonavicius weist darauf hin, dass sich die Philosophie von Vydünas nicht als akademisches System, sondern als ein theoretisches Lebensmodell entwickelte, durch dessen praktische Anwendung die wichtigsten Aufgaben und Herausforderungen bzw. Probleme nicht nur des litauischen Volkes, sondern aller Völker gelöst werden könnten. Das Modell basiert auf der Überzeugung, dass jedes Volk, jeder Mensch von innen her wachsen und sittlich werden müsste.

Der Denker hat verstanden, dass ein radikaler Kampf seiner Landsleute gegen die sie assimilierenden Kräfte kaum möglich war und nur zu einem verstärkten Handeln dieser Kräfte geführt hätte. Aus diesem Grund hat er eine Lehre der geistigen Vervollkommnung des Menschen und der Nation entwickelt, die die Entfaltung der schöpferischen Kräfte fördern und sie in eine Richtung höchster Menschlichkeit lenken könnte (vgl. Bagdonavicius 1992, 88). Die sog. Theorie des 'wahren Menschenseins' sollte den Litauern helfen, sich der 'Germanisierung' zu widersetzen. Aufgrund der Hervorhebung solcher Prinzipien wie sittliche Normen, geistige Kraft des Volkes und Gewaltlosigkeit, wird die Philosophie und das Wirken von Vydünas von Bagdonavicius mit den Ideen und Verdiensten des indischen Unabhängigkeitskämpfers Mahatma Gandhi verglichen (vgl. Bagdonavicius 2001, 292-306). Er meint, diese Verwandtschaft sei kein Zufall, weil die beiden aus denselben Quellen der altindischen Weisheit schöpften und unter vergleichbaren Bedingungen der nationalen Unterdrückung wirkten (vgl. Bagdonavicius 1992, 91).

Zur Grundlage der Philosophie von Vydünas wurde Vedanta, eines von den acht idealistischen altindischen Philosophiesystemen. Darauf bildete er seine humanistische Konzeption von Kultur, wobei Kultur als "Äußerung der Wesenheit der Menschlichkeit in der Welt, als einen Vergeistigungsprozess dieser Welt" bezeichnet und mit der Sittlichkeit gleichgesetzt wird (Bagdonavicius 1987, 217). Während das sittliche Verhalten für die geistige Vervollkommnung des Menschen sorgt, stellt die Nation eine bedeutsame Stufe dieser geistigen Evolution dar, indem sie als eine Art große Gemeinschaft ihrer Mitglieder die Möglichkeit bietet, in ihrem Rahmen bestimmte Tätigkeiten auszuüben und aus einzelnen Individuen zu gesellschaftlichen Wesen zu werden, was weiterhin dazu beiträgt, dass sich die Menschen als Teile der ganzen Menschheit empfinden und schließlich zum Absoluten streben können. Laut Bagdonavicius "seien die Individualität, das Nationalbewusstsein und die Allgemeinmenschlichkeit die Stufen des Bewusstseins, die Vydünas nicht als ein Ergebnis der historischen und sozialen Entwicklung betrachtet, sondern als metaphysisch gegebene Möglichkeiten der Selbstvervollkommnung des Menschen, die ihn vom individuellen zum kosmischen Bewusstsein führen" (Bagdonavicius 1987, 219).

Das Bild Vydünas'scher Weltanschauung wäre unvollständig, wenn der deutsche Einfluss nicht erwähnt bleiben würde. Während seines Studiums als Gasthörer an den Universitäten zu Greifswald, Leipzig, Halle und Berlin machte sich der Philosoph nicht nur mit der altindischen, sondern auch mit der klassischen deutschen Philosophie sowie mit den Konzeptionen einiger Vertreter der deutschen idealistischen Philosophie des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vertraut, u. A. mit denen von A. Riehl, W. Wundt, J. Rehmke, W. Schuppe und R. Eucke. Darüber hinaus hat er sich mit den christlichen Mystikern Thomas von Kempen, J. Böhme und Meister

Eckhart und mit den Werken vom Universalgelehrten der Frühaufklärung G. Leibniz befasst. Bagdonavicius vertritt die Meinung, der Einfluss deutscher Kultur auf die geistige Entwicklung der philosophischen Gedanken von Vydünas sei somit als ein positiver Beitrag zu den deutsch­litauischen Beziehungen zu bezeichnen und zu werten (vgl. Bagdonavicius 1992, 88).

Die Stellung von Vydünas unter den Philosophen im üblichen Sinne erweist sich jedoch als problematisch und sollte deshalb mit ein wenig Kritik "bereichert" werden. Die Aussagen mancher Geisteswissenschaftler und die Tatsache, dass Vydünas außerhalb vom litauischen philosophischen Diskurs kaum bekannt ist, lassen uns annehmen, dass seine philosophische Vorgehensweise angezweifelt wird. Unter anderen Philosophen vorigen Jahrhunderts sieht er ja ungewöhnlich aus: Er hat keinen akademischen Grad, nicht einmal Hochschulabschluss erworben und keine Philosophiesysteme anderer Denker kritisiert bzw. dekonstruiert. Seine Ideen hat er durch sein eigenes Leben verkörpert: Wie ein Denker des Altertums betrachtete er Philosophie nicht etwa als Beruf, sondern als Lebensweise, als den Weg zum Glück und "wahren Menschensein", was sich natürlich auch in seinen Werken widerspiegelte. Laut Bagdonavicius liegt die suggestive Art seiner Betrachtungsweise der Ungewöhnlichkeit und dem nicht akademischen, sondern eher literarischen Stil seines Philosophierens zugrunde (vgl. Bagdonavicius 1988, 188). Die Unklarheit und das Schwachausgeprägtsein seines philosophischen Systems, Mangel an Kritizismus und strengerer logischen Unterscheidung und die dichterische Art des Schreibens gelten als häufige Vorwürfe gegenüber Vydünas als Philosophen. Doch wenn man das Leben und Werk von Vydünas als Einheit betrachtet und sich die ursprüngliche Bedeutung des "Philosophen" als denjenigen, der stets nach Wahrheit trachtet, das Gute und Schöne liebt und begehrt, wie es Platon in der Politea bezeichnet hat , vor Augen hält, dann erscheint der Titel "Philosoph" im Fall von Vydünas als angebracht und genau richtig. Davon zeugt sogar die Wahl seines Schriftstellernamens: Der Großneffe von Vydünas Jürgen Storost berichtet, 'Vydünas' würde als das Gegenteil eines litauischen 'pavydünas', eines Neiders, Neidhammels, Mißgönners, einer eifersüchtigen Person beabsichtigt, also ein Mensch, der allen alles Gute gönnt (vgl. Storost 1988, 155).

Obwohl 'Vydünismus' von der konventionellen bzw. zeitgenössischen Auffassung eines philosophischen Systems ein wenig abschweift, ist er trotzdem als Erfolg zu betrachten, eine Synthese aus altindischen Weisheitslehren und den Ideen deutscher Denker des Idealismus zu bilden und die Samen des humanistischen Denkens in die damaligen litauischen Realitäten zu säen, was auch zur Herausbildung des Nationalbewusstseins seiner Landsleute beigetragen hat.

2 vgl. Platonas. 1981. Valstybe. Vilnius. S. 230-236.

  1. "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen”: Ein Werk zwischen zwei Feuern

Das Problematische an der Rezeption des Werks von Vydünas macht sowohl die damalige ungünstige politische und kulturelle Situation in der unmittelbaren Umgebung aus, die zugleich auch der Anlass der Veröffentlichung war, als auch die Natur des menschlichen Denkens und Handelns. Es ist immer leichter, eine einseitige Position einzunehmen, als zwei scheinbar gegensetzliche Sachen zu vereinbaren zu versuchen, indem man sich auf abstrakte höhere Prinzipien stützt, die zwar ethisch richtig wirken, aber dazu zwingen, seine vorgefassten bzw. von 'Oben' vorgegebenen Meinungen, Denk- und Handlungsrichtungen aufzugeben. Das Motiv, ein solches Buch zu verfassen, war die Suche nach Gerechtigkeit und ein verständnisvolleres Dasein zweier Völker. Doch dass die deutschen Nationalsozialisten das Werk als pro-litauisch verurteilt haben, erscheint in dem Entstehungskontext gar nicht verwunderlich. Dass manche Litauer es damals als pro-deutsch betrachtet haben wundert schon ein wenig mehr. War das Buch also ein Versuch, zwischen zwei Stühlen zu sitzen?

Heutzutage wird das Werk natürlich ganz anders betrachtet. In der Enzyklopädie "Lietuvos filosofines minties istorijos saltiniai" ("Die Enzyklopädie für die historischen Quellen der litauischen Philosophie") wird "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" als ein in philosophischer Hinsicht bedeutendes Werk hervorgehoben (vgl. Bagdonavicius 1991, 375). Es wird auch in "Encyclopedia Lituanica" zusammen mit der Tatsache der darauf gerichteten deutschen Feindlichkeit erwähnt (vgl. Kapocius 1978, 202). In den deutschen Quellen setzt man sich jedoch mit dem Werk mit ein paar Ausnahmen heutzutage nur kaum auseinander.

In diesem geschichtsphilosophischen Werk offenbart sich eine persönliche Meinung zu der Frage der Beziehungen zwischen zwei Völkern, die zwar subjektiv ist, basiert aber auf ein festes philosophisches und ethisches Fundament, das von dem Autor nicht nur postuliert, sondern auch an der eigenen Haut erfahren und geprüft worden ist. Daran liegt teilweise auch die Glaubwürdigkeit des Dargestellten. "Dies ist ein tragisches Buch, über die zweifache Tragödie, die sich im Leben zweier Völker abspielte, die Tragödie, die von einem Menschen gesehen und durchgelitten wurde, von einem Menschen, dessen gesamte Persönlichkeit und Leben mit beiden Völkern verbunden war", schreibt Mikünas im Vorwort zur zweiten Auflage von "Sieben Hundert Jahre deutsch­litauischer Beziehungen" (Mikünas 1982, 487). Einerseits ermöglicht solch eine enge Beziehung eine besonders wahrheitsnahe Darstellung des Sachverhalts, andererseits kann es als Hindernis im Bezug zur wissenschaftlichen Objektivität gelten. Das ist die Spannung, die sich durch den ganzen

Weg der Rezeption dieses Werkes zieht und sich in den im zweiten Teil dieser Arbeit untersuchten Themen widerspiegelt.

Wir wenden uns nun den von Vydünas hervorgehobenen kultur-historischen Zusammenhängen und Problemen in den deutsch-litauischen Beziehungen sowie der damit verbundenen Rezeption durch die Deutschen und Litauer zu.

  • Der kulturhistorische Kontext der Entstehung des Buches

"Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" war nicht das erste geschichtsphilosophische Werk von Vydünas. Ansätze für gewisse Probleme bei der Betrachtung der geschichtlichen Vorgänge am Beispiel von den deutsch-litauischen Beziehungen und Prozessen im litauischen Volk findet man sowohl in seinen Theaterstücken, als auch in philosophischen Werken. Doch Bagdonavicius bemerkt, dass in seinen früheren Werken die Kritik eher auf die nationale Schwachheit und Gleichgültigkeit des Litauers seinen kulturellen Werten gegenüber gerichtet wurde, während in "Sieben Hundert Jahren" derjenige getadelt wird, der den Litauer zwingt, sein Volkstum aufzugeben, und ihn auf dieser Weise der geistigen Degeneration aussetzt. In dem Theaterstück "Der Weltbrand" plädiert der Schriftsteller für das Recht eines Volkes für die Schaffung seiner Kultur und für die Möglichkeiten sie auszudrücken. In "Sieben Hundert Jahren" wird dieser Disput weitergeführt, indem das Ausmaß und die Auswirkungen der deutschen Schulden gezeigt wird - diesmal anhand der historischen Belege, die, um die Beschuldigung wegen der litauischen Ausrichtung durch die Opponenten zu vermeiden, aus den deutschen Quellen genommen werden (vgl. Bagdonavicius 2001b, 45-46).

Als ein geschichtsphilosophischer Vorläufer für "Sieben Hundert Jahre", so Bagdonavicius, gilt auch das Werk "Unsere Aufgabe", dessen Ziel es war, dem Volk zu helfen, seinen Weg in der kulturellen Entwicklung der Menschheit zu finden. Die Geschichte wird als eine Lektion betrachtet, die Meilensteine für die künftige Entwicklung zu legen hilft. In diesem Werk werden die wesentlichen Punkte Vydünas'scher Vorstellung der historischen Prozesse angeführt, auf die sich Vydünas auch in "Sieben Hundert Jahren" stützt (vgl. Bagdonavicius 2001b, 25).

Die geschichtsphilosophischen Bücher von Vydünas hatten eine ganz klare Intention. Bagdonavicius Ansicht nach sind sie eine Erwiderung auf die historischen Begebenheiten hinsichtlich des litauischen Volkes und die aktuellen Ereignisse jener Zeit (vgl. Bagdonavicius 2001b, 23). Man könnte noch hinzufügen, dass an und für sich "die erzieherische Natur des Autors und das Gefühl der Verantwortung für sein Volk" beim Schreiben und Verbreiten seiner Werke eine große Rolle spielten (Prismantiene 2011, 27). Vydünas hatte die Absicht, die kulturellen Werte beider Völker aufzuzeigen und somit zu ihrem friedlichen Zusammenleben beizutragen.

Das Werk wurde unter ganz schwierigen Bedingungen geschrieben. Aufgrund der Feindlichkeit der nationalsozialistischen Regierung gegenüber dem Autor, wurde ihm den Zutritt zu allen deutschen Behörden, Organisationen und Einrichtungen verwehrt. Professor Viktor Falkenhahn, der damals sein treuer Schüler war, berichtet, dass Vydünas ihn um Hilfe bitten musste, Literaturquellen in der Bibliothek für ihn zu erforschen und allen nötigen Informationen für das Werk zu sammeln (vgl. Falkenhahn 1982, 481).

Schon das Verfassen solch eines Buchs bedeutete damals also ein Risiko, bei den Nationalsozialisten in Ungnade zu fallen. Nach der Publikation 1932 in Tilsit wurde es, so Mikünas, "ein Opfer der Unterdrückung. Obwohl es weder politisch noch staatsfeindlich ist, wurde ihre gesamte erste Auflage (...) beschlagnahmt und vernichtet. Nur wenige Exemplare (...) verblieben" (Mikünas 1982, 488). Bagdonavicius erklärt die Situation wie folgt: Das Verbot wurde dadurch begründet, dass in dem Buch das Litauischtum im Ansehen gehoben und das Deutschtum erniedrigt würde. Außerdem schreibe der Autor Falsches über die zwanghafte Germanisation, weil solche überhaupt nicht stattgefunden habe: Die Litauer wählen freiwillig die höhere deutsche Kultur. Die im Buch angeführten Fakten über die Gewaltakte seien lediglich die deutsche Reaktion auf die Ausbrüche der Litauer. Mit der Publikation und Verbreitung des Buchs verfolge Vydünas die Ziele, zu bestätigen, dass das unrechterweise den Litauern geraubte Memelland seit Altertum litauisch sei, und den Anschluss von Ostpreußen zu Großlitauen vorzubereiten. Der ganze Inhalt des Buchs gelte als Gefahr für die Nationalinteressen des deutschen Staates (vgl. Bagdonavicius 2001b, 56).

Zur Lenkung der Aufmerksamkeit der deutschen Behörden auf "Sieben Hundert Jahre" hat auch eine kritische Rezension von Forstreuter beigetragen. Der Behauptung deren Autor nach habe sich Vydünas selbst die zwanghafte Germanisation ausgedacht. Vydünas wurde auch das Fehlen der Faktentreue und der kulturhistorischen Fähigkeiten vorgeworfen. Auch die panbaltische Position, durch die sich das Buch von Vydünas auszeichnet, wurde in der Rezension als absolut falsch und nicht mehr aktuell bezeichnet (vgl. Forstreuter zit. nach Bagdonavicius 2001b, 57). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" als eine konsequente Fortsetzung geschichtsphilosophischer Gedanken von Vydünas entstanden ist. Es wurde deutscherseits feindlich empfangen; seine weitere Verbreitung wurde - mit einer gewissen Verzögerung - verhindert und konnte deshalb die litauische Leserschaft zu der Zeit kaum erreichen.

  • Die Hauptideen der Abhandlung und ihre Rezeption durch die Deutschen und Litauer

"Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" ist eine ausführliche Abhandlung über die Geschichte und das Volkstum Litauens, über den Einfluss des Deutschen Ordens auf die baltischen Stämme und über die Art und Weise weiterer kultureller und sozialer Konfrontationen beider Völker. Vydünas untersucht die Entwicklung des Zusammenlebens von Deutschen und Litauern und setzt sich mit komplexen Begriffen wie Menschsein, Kultur, Heimat, Volkstum, Macht, Minderheit, Religion u. a. auseinander. Laut Bagdonavicius hat Vydünas interessante und immer noch aktuelle Konzeptionen eines Menschen, Volks, der Beziehung der Völker und der nationalen Kultur geschaffen. Das Buch zeichnet sich durch gründliche Überlegungen der Geschehnisse der Vergangenheit und jener Zeit sowie durch eine sorgfältige Analyse aus (vgl. Bagdonavicius 2001b, 6). Angesichts der offentlichen Diskrimination der Kleinlitauer war der Autor bemüht, "mit Hilfe der historischen Tatsachen zu beweisen, warum die Ureinwohner in ihrer eigenen Heimat keinen Platz mehr haben" (Matulevicius 2001, 607). Mikünas Ansicht nach sollte das Buch der deutschen Nation helfen, "die Tragödie der litauischen Nation zu begreifen" (Mikünas 1982, 488).

Aus der Vielzahl der in diesem Buch beschriebenen Themen sind einige ausgesucht worden, die als Leitmotive für das ganze Werk gelten und somit die grundlegenden Probleme und die wichtigsten Aspekte deutsch-litauischer Beziehungen darstellen. Das sind nämlich die Fragen der Mentalität, der Sprache und des Volkstums sowie des Zusammenlebens beider Völker mit Blick auf die aktuellen Geschehnissen und die Zukunft. Die Stellung von Vydünas zu diesen Themen zeichnet sich durch eine stark humanistisch bzw. ethisch geprägte Geisteshaltung, weshalb man in ihnen ein einheitliches Muster erkennen kann, das man als Vydünas'sche intervölkische Ethik bezeichnen könnte.

2.2.1. Die Vydünas'sche Auffassung der deutschen und der litauischen Mentalität und ihre Kritik

Die spezifischen Charaktereigenschaften der Litauer und der Deutschen haben eine wesentliche Rolle in den Beziehungen dieser Völker gespielt, weil sie diese innerlich geprägt haben. In diesem Kapitel setzt man sich mit den Fragen auseinander, wie Vydünas die litauische und die deutsche Mentalität auffasste, welche Motivation er dabei hatte und wie dieses aus der deutschen und der litauischen Sicht bewertet wurde.

Bevor man anfängt, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was Vydünas' Ansicht nach das Litauischtum und das Deutschtum ausmacht, sollte man definieren, was man heutzutage unter Mentalität versteht. Das Wort kommt in dem Werk von Vydünas gar nicht vor, doch die Überlegungen über den Charakter der jeweiligen Völker lassen sich diesem Oberbegriff gut unterordnen. Benthien beschreibt Mentalität als "eine kollektive, kulturübergreifende Weltwahrnehmung, die heterogene Konzepte und Ideen, aber auch unbewusste Motive einer gesamten Epoche umfasst". Mentalitäten sind komplexe Weltbilder und werden in Einstellungen, Verhaltensweisen und Handlungen sichtbar (vgl. Benthien 2002, 65). Vydünas schildert in seinem Werk die typischen litauischen und deutschen Charaktereigenschaften von verschiedenen Standpunkten aus: wie die Deutschen sich selber betrachten, wie sie die Litauer sehen und wie sich das Deutschtum und das Litauertum in den Liedern und Sagen offenbaren. Anschließend fügt der Autor die Zusammenfassung seiner eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zu diesem Thema hinzu.

Die von Vydünas vorgeführten Meinungen der Deutschen über die Deutschen variieren zwischen ziemlich Exaltiertem, Selbstironischem und Selbskritischem. Weiter werden einige Beispiele angeführt.

"Uns Deutschen hat keine Tugend so hoch gerühmt und, wie ich glaube, bisher so hoch erhoben und erhalten, als dass man uns für treue, wahrhaftige, beständige Leute gehalten hat" (M. Luther zit. nach Vydünas 1932, 66)

"Die lieben Deutschen kenne ich schon: erst schweigen sie, dann mäkeln sie, dann beseitigen sie, dann bestehlen und verschweigen sie" (Goethe zit. nach Vydünas 1932,

69)

"Die deutschen Gelehrten glauben immer, dass sie den hassen müssen, der nicht so denkt wie er" (Goethe zit. nach Vydünas 1932, 70)

"Es gibt Völker, welche, indem sie selbst ihre Eigentümlichkeit beibehalten und dieselbe geehrt wissen wollen, auch den andern Völkern die ihrigen zugestehen und sie ihnen gönnen und verstatten. Zu diesem gehören ohne Zweifel die Deutschen" (Fichte zit. nach Vydünas 1932, 72)

"Arbeit und Kampf: das sind die Lebensbedingungen und Daseinszeugnisse der Kultur. Wenigstens entspricht dies dem deutschen Geiste, welcher Welt und Leben nun einmal nicht nur ästhetisch, sondern immer auch sittlich aufzufassen pflegt" (Wolzogen zit. nach Vydünas 1932, 80)

Der Autor selbst erwähnt "die Rastlosigkeit des deutschen Menschen, seine Sucht nach Abenteuern, sein Wandertrieb". Seiner Meinung nach ist der Deutsche von Natur ein Wanderer und ein

Kämpfer. Das könne sich nach der Seite des Guten wie auch der des Schlechten zeigen (vgl. Vydünas 1932, 106). Aus den Aussagen von Vydünas und den berühmten deutschen Personen ergibt sich ein mehrdeutiges Bild der Deutschen, das einerseits von der Sittlichkeit und Kultur, andererseits von der unbändigen Natur der Deutschen zeugt.

In dem Kapitel "Deutsches Zeugnis über Litauer" werden vorwiegend positive Einschätzungen der Litauer angeführt. Es wird u. a. Adam von Bremen zitiert, der Litauer als friedliche, verträgliche Menschen, die stets allen Notleidenden gegenüber hilfsbereit sind, bezeichnet (vgl. Adam von Bremen zit. nach Vydünas 82). Dr. Albert Zwecks Ansicht nach fühlt sich der Litauer mit der Natur innig verwachsen (vgl. Zweck zit. nach Vydünas 1932, 89). Der Verfasser des Buchs vertritt auch die Meinung, dass Litauer ein ganz bestimmtes Verhältnis zur Natur pflegen und sich durch Optimismus, Gutmütigkeit und Verträglichkeit auszeichnen. Im Gegenteil zu den Deutschen führen sie mehr ein Innenleben, wo es kein Gedränge und keine Schwierigkeiten gibt (vgl. Vydünas 1932, 109). Es werden auch einige Gedanken von dem Kriegs- und Domänenrat Heilsberg angeführt, der die preußischen Litauer als gastfreie, edeldenkende, menschenfreundliche und tapfere Menschen sieht (vgl. Heilsberg zit. nach Vydünas 1932, 87). Auffallend ist die Bestrebung von Vydünas, die litauischen kulturellen Interessen durch die Aussagen der Deutschen zu schützen, und zwar soll das folgende Zitat von Heilsberg dazu dienen: "Wer den nachteiligen Einfluss der deutschen Sitten und Sprache auf die Litauer, die an der Grenze und nahe an den Städten wohnen, zu bemerken Gelegenheit gehabt hat, der wird überzeugt sein, dass der Litauer mit seiner Sprache seine Nationalität verliere" (Heilsberg zit. nach Vydünas 1932, 88). Diese Aussage gilt wohl als Befürwortung der Ansichten von Vydünas selbst, der den engen Zusammenhang zwischen der Muttersprache und der litauischen Nationalität betonte und das Aufzwingen einer fremden Sprache und der fremden Sitten auf die Litauer als einen Nachteil betrachtete. Als eine parteiische Haltung könnte auch Folgendes gehalten werden: Bevor Vydünas die Meinung von dem evangelischen Pfarrer und Forscher Theodor Lepner über Litauer darstellt, gibt er einen kurzen Kommentar: "Er ist kein Freund der Litauer. Offenbar hat es ihn tief verletzt, dass er in einem Prozess gegen die litauischen Bauern um 2 Huben Land unterlegen ist. (...) Dennoch schreibt er unter anderem: (...)" und fügt dann eine positive Bewertung des litauischen Volkes von Lepner hinzu (Lepner zit. nach Vydünas 1932, 82-83). Der Kommentar scheint dem ersten Blick nach dazu zu dienen, die Voreingenommenheit und den Mangel an Objektivität von Lepner aufzuzeigen, seine gegnerische Haltung durch einen kleinlichen Grund zu erklären und seine negative Meinung zu relativieren. Doch weiter wird nicht eine negative, sondern eine positive Aussage derselben Person angeführt, wodurch die ganze Argumentation noch mehr des Litauertums zugunsten verstärkt wird. Trotzdem darf es nicht unbemerkt bleiben, dass die Figur eines Gegners der Litauer nicht einfach ausgelassen wird und der Kommentar von Vydünas auch als eine Beleuchtung des Kontexts wichtig ist.

Obwohl aus diesem Kapitel vor allem der Wunsch des Autors sichtbar wird, den Deutschen das Positive an dem Litauertum zu zeigen, werden jedoch auch einige negative litauische Eigenschaften erwähnt, und zwar Stolz, Neigung zur Trunksucht und Spuren des Heidentums (vgl. Vydünas 1932, 85; 89).

Vydünas' Entscheidung, auch die litauische Mentalität aus der Sicht der Deutschen zu beleuchten, erscheint als ein angemessenes Fundament für die Vergleichbarkeit beider Völker. Doch noch wichtiger als das Vergleichen ist das darüber hinausgehende Ziel, die beiden Völker näher zu bringen und die Möglichkeiten für ihr schöpferisches Zusammenspiel zu schildern. Vydünas glaubt an den gegenseitigen Vorteil, den die Deutschen und Litauer gegenseitig schöpfen könnten. In "Tautine mano amziaus veikla" vertritt er die Meinung, dass den Deutschen vieles fehlt, was das litauische Volk ehrenhaft macht. Doch das Deutschtum zeichnet sich durch eine besondere Erhabenheit und der deutsche Verstand durch Größe und Licht aus (vgl. Vydünas 1937, 68). Falkenhahn führt den Gedanken weiter aus, indem er behauptet, Vydünas hätte im Deutschtum ganz spezielle höchste Werte des Menschentums erkannt, auf die das Baltentum zur Ergänzung und damit Vervollkommnung seines eigenen, spezifischen hohen, doch andersartigen Menschentums wartete (vgl. Falkenhahn 1982, 485). Daraus kann man schließen, dass der Denker in den deutsch­litauischen Beziehungen den gegenseitigen Nutzen voraussah und dass er das Menschentum über alles schätzte.

Es ist interessant, dass trotz der allgemein feindlichen Stellung der Deutschen den Vydünas'schen gegenüber, seine Auffassung hinsichtlich der deutschen Mentalität für treffend gehalten wurde. Forstreuter schreibt diesbezüglich, dass Vydünas "eine gute Kenntnis der deutschen Literatur und, bei aller Idealisierung des litauischen Volkstums, auch eine oft treffende Erkenntnis der deutschen Seele besitzt" (Forstreuter 1981, 350). Auf litauischer Seite wurde seine Analyse des Deutschtums ohne Vorbehalt als tiefgründig und die Wesenscharakteristik des Litauertums als klar aufgefasst: Falkenhahn schreibt dem Denker eine von den allgemein herrschenden Denkschemen freie, selbstständig urteilende Intellektualität und ein die Wesenstiefen des Daseins erfassendes intuitives Vermögen zu, die ihn befähigt haben, die wahren treibenden Kräfte und ihre Zusammenhänge zu erkennen (Falkenhahn 1982, 483).

Die Auseinandersetzung mit den deutschen und litauischen Mentalitäten in seiner Abhandlung "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" unternahm Vydünas aufgrund des Wunsches, die Einstellungen und Verhaltensweisen beider Völker zu erschließen. Im Geiste des Kampfes gegen die Unterdrückung seiner Landesleute wollte er den Deutschen vor allem auf die positive Seite des Litauischtums und auf das Wertvolle daran hinweisen. Angesichts des damaligen Ungleichgewichts zwischen den beiden Völkern und der Ungerechtigkeit den Litauern in Kleinlitauen gegenüber erscheint es als absolut verständlich und gerechtfertigt. Die deutsche Beurteilung solch einer Position als "Idealisierung" erscheint in diesem Kontext auch als nicht verwunderlich und zeugt vor allem von der deutschen Unkenntnis des litauischen Volkstums. Die Deutschen haben sich in den Aussagen von Vydünas selbst erkannt und diese folglich als "treffend" anerkannt, während die Aussagen über Litauer abgelehnt wurden, was als eine natürliche Reaktion auf alles Fremde zu betrachten ist.

  • Die Untrennbarkeit der Sprache und des Volkstums: die Idee und ihre Rezeption

In der Vydünas'schen Weltanschauung sind die Sprache und das Volkstum untrennbar miteinander verbunden. Da eine Sprache durch ein Volk innerhalb von hunderten von Jahren geprägt wurde, erkennt man an ihr das Wachstum des Lebensgutes am deutlichchsten, weshalb sie als Erb- und Kulturgut anzusehen ist. Der Reichtum einer Sprache an sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten zeugt von dem Geistesleben des entsprechenden Volkes. Die Ausdrucksstärke hängt also mit dem Inhalt zusammen: je größer der Inhalt, desto reicher der Ausdruck. An dieser Stelle weist Vydünas auf das deutsche Volk hin, indem er behauptet, dass der besondere Reichtum des deutschen Schrifttums in Beziehung mit den menschlichen Werten stehe, die dieses Volk mit den anderen teilen wolle (vgl. Vydünas 1932, 114-115). Obwohl hier seine Hochschätzung deutscher Kultur deutlich zum Ausdruck kommt, entfernt er sich nicht von seinen Zielen und verteidigt die Interessen eines kleinen Volkes. Er führt weiter aus, dass jedes Volk sich entfalten und seinen eigenen Weg gehen soll, indem es seine eigene Sprache verwendet, und bekräftigt seine Aussage mit der Behauptung, dass es eben Deutsche sind, die diese Idee heutzutage am meisten betonen (ebenda). Da weiter kein Zitat folgt, kann man nur zu raten versuchen, woher diese Behauptung kommt. Wahrscheinlich beruht sie auf der Auffassung mancher deutschen Wissenschaftler und Geistlichen, die von Matulevicius in seinem Artikel "Deutsch-litauische Beziehungen in Preußisch-Litauen" erwähnt werden, in dem er sich mit dem Problem der litauischen Sprache in Kleinlitauen auseinandersetzt. Er schreibt über den Widerspruch der anerkannten deutschen Wissenschaftler und Geistlichen gegen die Auffassung, die Verwendung der Sprachen der ethnischen Gruppen stelle ein Hindernis für den Fortschritt in Bildung und Wissenschaft dar und seien deshalb durch das Deutsche zu ersetzen. M. Mörlin, G. Ostermeyer, Ph. Mielke, I. Kant und andere namhafte Persönlichkeiten meinten, jedes Volk sei etwas Einmaliges und in der Sprache äußere sich die

Kultur eines Volkes. Sie suchten Beweise, dass die Litauer eines der ältesten und ehrenvollsten Völker seien. Ihre Sprache sei für Wissenschaft, Bildung und Religion wichtig und überhaupt für die europäische Kultur von großer Bedeutung, deshalb habe sie ein Recht auf Leben und Vervollkommnung (vgl. Matulevicius 1992, 34-35).                                                                                           1852 kam einer der namhaftesten

Indogermanisten August Schleicher nach Preußisch-Litauen, um hier von der einfachen Dorfbevölkerung die litauische Sprache zu erlernen und sie zu erforschen. Später schrieb er mit großem Bedauern, hier ginge eine Sprache unter, die in ihrer Formvollkommenheit mit den griechischen, römischen und indischen Sprachen wetteifern könne (vgl. Schleicher 1856, 3-4). Auch der Königsberger Kriegs- und Domänenrat Heilsberg erklärte Anfang des 19. Jh., dass der Erhalt litauischer Sprache im Interesse Deutschlands insofern liegt, dass die Litauer die Verordnungen der Königlichen Regierung mehr erfüllen und sich an die Gesetze halten würden, wenn sie in ihrer Muttersprache erlassen würden. Seiner Meinung nach trage eine einzige Sprache im Staat weniger zu Kultur und Politik bei, als mehrere (vgl. Heilsberg zit. nach Matulevicius 1992, 34-35). Man kann davon ausgehen, dass eben solche Aussagen Vydünas zu der oben erwähnten Behauptung über die deutsche Unterstützung der freien Entfaltung und sprachlichen Integrität jedes Volkes veranlasst haben.

Vydünas Ansicht nach sind für das Gedeihen des Volkstums auch Einflüsse anderer Völker von großer Bedeutung. Nur dürfen sie das gestaltende Prinzip nicht unterdrücken, das sich sowohl in der Sprache, als auch in der allgemeinen Volksentwicklung offenbart. Laut dem Denker ist es am Besten, wenn "sich ein Volk die fremden Einwirkungen selber aufsucht, wie es das deutsche Volk meist getan hat. Andererseits zeigte sich bei ihm das Bemühen, die Eigenart anderer durch die eigene zu ersetzen" (Vydünas 1932, 115-116). Schon die Absichten der deutschen Kreuzritter, die das litauische Volk mit Gewalt zu christianisieren versuchten, bestätigen diese Aussage. Was die litauische Sprache anbetrifft, so schildert Vydünas in seinem Werk ihre ständige Schwächung in Kleinlitauen aufgrund der Nachlässigkeit und der kolonisatorischen Absichten der deutschen Regierung. Der Wunsch des Königs Friedrich Wilhelm I., dass die litauischen Kinder auch Deutsch lernen und Freude beim Lesen deutscher Büchern haben, wird zwar direkt nicht kritisiert, aber als Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung in Richtung der Verdeutschung der litauischen Umgangsprache und sogar des Geisteslebens genommen (vgl. Vydünas 1932, 320). Als Beispiel für die Austilgung der äußeren Zeichen des Litauischen führt der Autor die verdeutschte Schreibweise der Personen- und Ortsnamen auf (vgl. Vydünas 1932, 318).

Die Entwöhnung der Litauer von ihrer Muttersprache hat nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 eine gesetzliche Basis bekommen und wurde dadurch noch verstärkt: Die Berliner Regierung untersagte den Behörden vor Ort, die litauische Sprache in Ämtern und Schulen zu gebrauchen. Die litauische Sprache sollte aus den Schulen verdrängt werden, denn das Kind musste auf Deutsch lesen, schreiben und denken lernen. Nur der Religionsunterricht in der Unterstufe durfte in der Muttersprache angeboten werden. Folglich musste auch die Kanzleisprache Deutsch werden und die Angestellten mussten nur das Deutsche beherrschen.

Vydünas sah die Verdrängung litauischer Sprache aus den Schulen als Verlust einer wesentlichen Stütze des litauischen Nationalbewusstseins an. Seiner Meinung nach bleibt die Muttersprache immer Hauptsprache und die Fremdsprache hat eine ergänzende Bedeutung. "Die fremde Sprache wird ja nur dann zum Kulturmittel, wenn eine Entwicklung in der angeborenen Sprache bereits bis zu einer gewissen Stufen gediehen ist. Der Unterricht, der den Litauerkindern von Anfang an und auch im 19. zu Teil wurde, war von vornherein auf ein Mindestmaß angelegt. Die deutsche Sprache und das Deutschtum sollte der Lebensausdruck der Menschen litauischer Herkunft sein" (Vydünas 1932, 316). Ein Kind, das eine Schule besucht, wo das Ziel verfolgt wird, die Muttersprache durch die Fremdsprache zu ersetzen, erfährt viele Schmähungen, Beschimpfungen und Strafen, und das verursacht "eine Zerstörung im psychischen Leben, die die Einheitlichkeit des werdenden Menschen unausweichlich vernichtet" (Vydünas 1932, 338). In diesem Kontext hat Vydünas das Deutschtum also als Zwang und Drohung für die natürliche Entfaltung eines jungen Menschens und sogar eines ganzen Volkes aufgefasst.

Solch eine Auffassung, dass sich das Aufzwingen der deutschen Kultur auf die Litauer verhängnisvoll auswirkt, war damals gar nicht neu. Manfred Klein erwähnt in seinem Beitrag über Preußisch Litauen einen Autor, der 1886 einen Vergleich der Litauer mit anderen ausgestorbenen oder vom Aussterben bedrohten Völkern zog, die er als Opfer einer überlegenen Zivilisation sah: "Wie die Cultur die Indianer tödtet, so raffte sie die Preußen dahin und wird auch die Litthauer tödten, ihren Hauch verträgt kein Naturvolk" (Horn zit. nach Klein Grenze, 16). Eine ähnliche Meinung vertrat auch Adalbert Bezzenberger, Mitglied der "Litauischen Literarischen Gesellschaft", indem er, gestützt auf demographische Statistiken des 19. Jh., konstatierte: "Trotz der Schonung, deren die litauische Nationalität sich in Preußen erfreut, steht hier also ihr Aussterben sicher bevor" (Bezzenberger 1915, 2). Vydünas hat auf solche radikale Behauptungen verzichtet, wollte jedoch die Relevanz der Muttersprache durch seinen Gedankengang und zahlreiche Beispiele veranschaulichen.

In der litauischen Rezeption wird die Einstellung von Vydünas unterstützt. Laut Matulevicius bildet die Sprache die Grundlage einer Nationalität. Ein Volk lebe nur so lange, wie seine Sprache im öffentlichen Leben umfassend verwendet wird. Seiner Meinung nach sinkt das Ansehen der Muttersprache und ihre Entfaltungsmöglichkeiten werden geringer, wenn sie nur für den Hausgebrauch genutzt wird. Da die Muttersprache in der Regel in der dritten Generation nicht mehr gesprochen wurde, hat sich die Assimilation in der dritten Generation nach dem Jahr 1872 beschleunigt und sogar die Bemühungen von Vydünas und anderer seiner Gleichgesinnten konnten diesen Prozess nicht aufhalten (vgl. Matulevicius 1992, 34; 37).

Der deutsche Historiker Kurt Forstreuter (1897-1979) betreibte starke Opposition gegen die patriotischen Ideen von Vydünas. In seinem Beitrag "Deutsche Kulturpolitik im sogenannnten Preußischen Litauen" erklärt er, dass "die sentimentalen Klagen großlitauisch eingestellter Schriftsteller, wie Vydünas, sind abwegig, wenn sie behaupten, gerade die deutsche Schule habe die Litauer zur Annahme der deutschen Sprache gezwungen" (Forstreuter 1981, 343). Weiter wird ausgeführt, dass auch Vydünas vor 1872 keine konsequente Verdeutschungspolitik feststellen konnte und dass die neuen Gesetze über die Verdeutschung des Schulwesens nur nachgeholfen haben, die Position der deutschen Sprache in den litauischen Familien zu festigen. Laut ihm waren die Stellung des Litauertums zu dem Zeitpunkt "bereits von innen her untergraben" (vgl. ebenda). Forstreuter sieht also das ständige Dahinschwinden des Litauertums nicht als deutsche Schuld, sondern als einen natürlichen Prozess, der zwangsläufig stattfinden musste. "Die Angleichung ist organisch erfolgt, die Annahme der deutschen Sprache war nur das Ende, nicht der Anfang, keineswegs die Ursache der Verdeutschung" (ebenda).

Seine Einstellung hinsichtlich der Verdeutschung fremder Nationalitäten unterscheidet sich von der von Vydünas ganz stark. Forstreuter behauptet, dass "es allein auf die Annahme der Sprache nicht ankommt (...), weil mit der Gleichheit der Sprache nicht Gleichheit des Geistes erreicht wird" (ebenda). Vydünas vertritt in seinen Schriften dagegen die Meinung, die Sprache sei mit dem Geist eng verbunden. "Die Sprache ist (...) das Merkmal eines Volkstums, wenn sie aus der Gestaltungskraft desselben hervorgeht" (Vydünas 1932, 113). Diese Kraft kommt aus schöpferischen Tiefen und bewahrt sich immer wieder aufs neue. Der Denker versteht sie als das menschliche Prinzip, als das erkennende im Menschen, das Selbsbewusste, das sich in Form von Kunst, Wissenschaft oder Sittlichkeit eines Volkes offenbaren kann. Eine angelernte Sprache kann nie die Muttersprache ersetzen und das Gestaltungsprinzip beseitigen (ebenda).

Obwohl die Einstellungen der beiden Denker aus erster Sicht gegensätzlich erscheinen, kann man bei genauer Betrachtung jedoch bemerken, dass die letztere Aussage von Vydünas der von Forstreuter in gewissem Maße gleicht, und zwar insofern, dass die Annahme einer fremden Sprache den Geist eines Menschens - wenn man den Geist mit dem Gestaltungsprizip gleichsetzen kann - nicht ändern kann. Allerdings sind die beiden Aussagen nicht als eine Übereinstimmung der Meinungen anzusehen, weil Vydünas durch den Zusammenhang Geist-Muttersprache einen Konflikt in der Innenwelt eines Menschens aufzeigen will, der beim Aufzwingen einer Fremdsprache entsteht und ein Hindernis für die Entwicklung - die in diesem Fall dem "Überleben" gleichgesetzt werden kann - eines Volkes bildet. Forstreuter meint hingegen aus seiner pragmatischen Position, durch die Gleichheit der Sprache ist das praktische "Deutsch-Werden" nicht möglich. "Man kann mit der Aufpfropfung einer Sprache einem fremden Volke eben nicht seine Seele rauben. Die Klage, dass dieses bei den Litauern geschehen sein, ist schon deshalb grundlos, weil es gar nicht geschehen kann", führt er weiter aus (Forstreuter 1981, 343). Aus der Sicht von Vydünas wäre der Prozess allerdings nicht als "Raub", sondern eher als "Einsperren der Seele" bezeichnet.

Die litauische bzw. Vydünas'sche Position bezüglich der Rolle der Muttersprache für ein Volk kritisiert auch Dr. W. Markwardt in seinem Artikel über den Vielvölkerstaat und seine Probleme. Er ist der Meinung, dass "nicht die statische Erfassung der Muttersprache, sondern der Wille von Volksgruppe einen bestimmten Volke anzugehören, heute entscheidend für deren Volkszugehörigkeit ist" (Markwardt 1955, 71). Somit negiert er die Konzeption des Gestaltungsprinzips. Die Muttersprache als eine statische Gegebenheit sei nicht der entscheidende Faktor, der ein Volk innerlich prägt. Ein viel wichtigerer Faktor als solche inneren Kräfte ist der Wille: Die Volkszugehörigkeit sei eine willentliche Entscheidung und somit ein dynamischer Prozess. Vydünas' Anschauung ist durch die altindischen Weisheitslehren und die humanistischen Ideen geprägt und deshalb viel komplexer. Er fasst das Volk als einen lebendigen Organismus auf, der einerseits mit der ganzen Menschheit verbunden ist und andererseits in seiner Entwicklung durch bestimmte innerliche Gesetze geprägt wird. Die Muttersprache widerspiegelt die Geisteswelt eines Volkes und ist somit von einer großer Bedeutung.

Ein weiterer Punkt zum Thema Sprache, mit dem sich Vydünas in seiner Abhandlung auseinandersetzt, ist der Zusammenhang zwischen der Sprache und dem Weltbild eines Volkes. Dieser Zusammenhang ist wechselseitig. Einerseits wird durch die Sprache die Innenwelt eines Volkes erkennbar, andererseits vermag die Sprache die Wirklichkeit und das Leben der Menschen zu beeinflussen.

Vydünas Ansicht nach erschaffe jedes Volk seine Umgebung und seine Weltanschauung selbst. Auf den Forschungen von dem Botaniker und Kultur- und Naturphilosophen Raoul H. France beruhend, behauptet er, dass ein Volk seine Umgebung bzw. seine Heimat durch seine Eigenschaften zu beeinflussen vermag. Weiter wird ausgeführt, dass je nachdem, welchem Volk eine Person angehört, sich sich ihre Ausdrucksmöglichkeiten unterscheiden, deshalb sind auch die Sitte und Bräuche sowie Kunst und Wissenschaft bei verschiedenen Völkern unterschiedlich (vgl. Vydünas 1932, 113).

Die Sprache ist wie ein Spiegel des Volkes. Wie es schon früher erwähnt wurde, sei Vydünas' Ansicht nach eine reiche Sprache ein Zeichen für ein reiches Geistesleben. Sogar die Sittlichkeit eines Volkes widerspiegelt sich in der Sprache (vgl. Vydünas 1932, 113). In demselben Sinne behauptete Ostermeyer schon 1817, dass mit der Vernachlässigung der Sprache die Litauer ihre Nationalität verlören, weshalb ihre Moral sinken würde (vgl. Ostermeyer zit. nach Matulevicius 1992, 36). Ein ähnlicher Gedanke wird von Vydünas in "Sieben Hundert Jahren" angeführt, indem er den Kriegs- und Domänenrat Heilsberg zitiert: "Die Vorliebe für die Sprache ist bei den Litauern nicht Starrsinn, sondern Voraussetzung, dass er durch den Wechsel derselben an Sittlichkeit verliere" (Heilsberg zit. nach Vydünas 1932, 88). Die Muttersprache ist also wie ein Band, das einen Menschen an seinen Wurzeln, d.h. an die fundamentalen menschlichen Werte, hält. Durch die Verhaltensweise eines Menschen oder eines ganzen Volkes kommen diese Werte zum Ausdruck. Andererseits könnte man behaupten, dass eine feine und schöne Beschaffenheit einer Sprache von einem guten Charakter des entsprechenden Volkes zeugt.

Die Idee von Vydünas, dass sich in der Sprache ein eigenartiges Weltbild eines Volkes offenbart, stimmt mit den Vorstellungen der heutigen Sprachwissenschaft überein und wird dadurch gestützt. Die Sprache stellt eine Möglichkeit dar, die Erscheinungen und Gegenstände der Realität zu benennen und sie zu bewerten, wodurch die Kultur eines Volkes zum Ausdruck kommen kann. Besonders deutlich ist es bei idiomatischen Ausdrücken zu sehen. Laut Lapinskas spiegelt das Bildhafte in den Idiomen ehemalige Bräuche, Legenden, Volksdichtung eines Volkes wider (Lapinskas 2010, 4). Die Idiome sind untrennbar mit der Kultur der Völker verbunden. „Sie entstehen im Prozess des Begreifens der Notwendigkeit, einen sprachlichen Ausdruck zu finden für bestimmte Ereignisse, Erlebnisse und Situationen, die eng mit dem Menschen selbst verbunden sind, mit seinem Benehmen in der Gesellschaft, mit seinen Beziehungen zwischen den Menschen“ (Cerdanceva zit. nach Lapinskas 2010, 4). Die Metaphern, die die Grundlage der Idiome bilden, sind ein Mittel, die Welt zu erkennen, d.h. der Mensch denkt und erkennt die Welt mit Hilfe der Metaphern, indem er den ganzen Lebensraum konzeptualisiert. Laut Cernyseva ist die phraseologische Nomination "keine rationelle Benennung des Referenten, sondern eine expressiv­wertende, konnotative. In dieser Benennung kommt primär die Stellungnahme des benennenden Subjekts zur Geltung“ (Cernyseva 1984, 18). Jedes Volk verfügt über einen eigenartigen Vorrat an idiomatischen Ausdrücken, in dem sich bestimmte Einstellungen und eine eigentümliche Geisteshaltung widerspiegeln und das ist eben das Weltbild, das auch Vydünas im Sinne hat.

Das Weltbild könnte als ein bestimmter Inhalt eines Volkes aufgefasst werden, der sich ständig offenbart und eben durch die Sprache zum Ausdruck kommt. Vydünas hat den tiefen Zusammenhang zwischen der Muttersprache und dem gestaltenden Prinzip gesehen und meinte, eine Fremdsprache bleibt immer das Angenommene, das dem Ererbten, Angeborenen entgegensteht und es nie ersetzen kann und darum wirkt sie stets wie eine Beschränkung des vollen Ausdruckes des Lebensgehaltes eines Menschen, wenn sie die Muttersprache völlig ersetzt. Deshalb kann der Litauer, der nur die deutsche Sprache erlernt hat, sich beim Ausdruck gewissermaßen nur oberflächlich, nur im allgemeinen kundgeben. Deutscherseits sei allerdings geglaubt, dass das Deutschtum mit seiner reichen Kultur gerade eine innere Belebung des litauischen Menschen bewirke. Und sicher kann der Litauer, der ohne Pflege der angeborenen Sprache aufgewachsen ist, mit der deutschen vieles geläufiger sagen. Aber ein größerer Gehalt an Empfindungen und andern Lebensinhalten wird unmöglich zum Ausdruck kommen (vgl. Vydünas 1932, 336). Das Aufzwingen einer Fremdsprache auf ein Volk bedeutet also das Einsperren dessen Seele bzw. das Zerreissen einer natürlichen Verbindung mit den Wurzeln seines Volkstums.

Die Idee von Vydünas, dass die Sprache in enger Beziehung zum Volkstum und Kultur eines Volkes stehe, dass jedes Volk die objektive Welt anders empfinde und verstehe, stimmt mit den neuesten sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen überein. In der deutschen Rezeption Mitte des 20. Jh. wurde allerdings seine Stellungnahme bezüglich der Rolle der Muttersprache kritisiert. Vydünas selbst baute seine Argumentation auf die Ansichten der Vertreter des deutschen Volkes, die ein aufrichtiges Interesse an der litauischen Kultur zeigten und durch ihre Aussagen die Position der litauischen Sprache in Kleinlitauen unterstützten. Doch der offizielle deutsche Standpunkt war im 20. Jh. gegen den litauischen Denker gerichtet: Man hat die Verdeutschungspolitik verteidigt, und behauptet, die zwangsmäßige Durchsetzung einer Fremdsprache hat zur Entkräftung des Litauertums in Kleinlitauen kaum beigetragen.

  • Vom bedrohlichen Nebeneinander zum friedlichen Miteinander der Völker: eine humanistische Sicht

Das Zusammenleben der Deutschen und Litauer in dem Gebiet Kleinlitauens war schon immer durch kulturelle und soziale Spannungen geprägt. Die für die Entwicklung dieser Beziehung relevanten historischen Gegebenheiten betrachtete Vydünas aus humanistischer Sicht und wollte das schwächere Glied, d.h. das litauische Volk, bestärken, damit das Gleichgewicht wiederhergestellt wird und sich das bedrohliche Nebeneinander der Völker zu einem produktiven und friedlichen Austausch entwickelt.

Der deutsche und der litauische Standpunkt bezüglich des Ursprungs der preußischen Litauer gehen weit auseinander. In seinen historischen Darlegungen versuchte Vydünas zu beweisen, dass die Litauer die Ureinwohner in Ostpreußen waren, d.h. dass sie da gelebt haben, bevor die Deutschen das Land im 12.-13. Jh. eroberten (vgl. Vydünas 1932, 126-128). Forstreuter behauptet dagegen, dass das Gebiet zu der Zeit eine Wildnis war, dass "kein Teil des ostpreußischen Bodens litauisches Stammesgebiet war, als der Orden das Land eroberte" und nennt die Nachnamen einiger Historiker, Philologen und Archäologen, die das festgestellt haben: Mortensen, Karge, Gerullis und Trautmann (vgl. Forstreuter 1981, 334-335). Das Recht der Litauer auf das ostpreußische Gebiet war zu der Veröffentlichungszeit von "Sieben Hundert Jahren" ein brisantes Thema. Der Tilsiter Kreisschulrat Kairies erklärt 1932 in seinem Brief an Reichkanzler Brüning: "Die von Litauen sogenannten 'preussischen Litauer' in Ostpreussen und dem Memellande sind Einwanderer aus den früheren Jahrhunderten, die sich freiwillig (hervorgehoben durch Kairies) der deutschen Kultur erschlossen haben und Glieder der deutschen Nation geworden sind" (Kairies zit. nach Storost 1992, 129). Diese Feststellung hielt Forstreuter für wichtig für die Grundlage einer deutschen Kulturpolitik in diesem Gebiet. Seiner Meinung nach sei es nicht nur die Voraussetzung für die deutschen politischen Ansprüche, sondern auch die Vorbedingung für das kulturelle Einleben und Zusammenleben beider Völker in der Vergangenheit (vgl. Forstreuter 1981, 334). Der hier aufgezeigte Zusammenhang erklärt, warum dieses Thema so wichtig für die Selbstachtung der preußischen Litauer war und warum Vydünas sich so viel Mühe gab, um gegen den offiziellen, kolonisatorisch veranlagten deutschen Standpunkt zu opponieren. Er, wie auch andere Persönlichkeiten litauischer kultureller Bewegung, fühlte sich gezwungen, über die Vergangenheit, Kultur und das Volkstum Litauens zu schreiben, um das bloße Bestehen des Litauertums zu bewahren.

Forstreuter setzt sich auch mit einigen weiteren Punkten auseinander, die im Gegensatz zu Vydünas' Meinung stehen, und zwar hinsichtlich der Beeinflussung der preußischen Litauer durch den deutschen Geist. Er vertritt die Meinung, der deutsche Einfluss war deshalb so groß, weil zunächst eine volkliche Vermischung zwischen Deutschen und Litauern stattgefunden hat (vgl. Forstreuter 1981, 343). Im Gegensatz dazu erklärt der litauische Denker, dem Geblüt nach seien die Bewohner Ostpreußens Litauer (vgl. Vydünas 1932, 318). Weiter behauptet Forstreuter, der deutschen Blutzufuhr entspreche die dauernde Beeinflussung durch den deutschen Geist und solch eine volkliche Vermischung bei der nahen Verwandtschaft zwischen germanischen und baltischen Völkern habe zu einem guten Ergebnis geführt (vgl. Forstreuter 1981, 343). Vydünas hielt die Balten hingegen für ein Volk, das über eine eingentümliche Kultur und Sprache verfügte (vgl. Vydünas 1932, 126; 140-142). Zu diesem Punkt ist noch zu erwähnen, dass seine Auffassung, dass die Balten ein baltisches Volk war und dass ihre Sprachen lediglich Dialekte ein und derselben Sprache waren, fälschlich ist. Laut Matulevicius wollte man durch diese Behauptung die ethnische Einheit und Integrität der Balten trotz der nicht stattgefundenen Vereinigung dieser Völker zu einem starken Staat aufgrund der Aggression des Deutschen Ordens betonen (vgl. Matulevicius 2001, 606). Was die Blutmischung anbetrifft, ist Vydünas der Ansicht, dass in den Menschen mit gemischtem Blut zwei Gestaltungsrichtungen wirken, weshalb an ihrem Gehaben eine Doppelnatur und Zwiespältigkeit zu erkennen ist. Das deutsche Kulturgut berührt die meisten nur an der äußersten Grenze ihres Lebensgefühles. An dem den Litauern zugehörigen Kulturgut haben sie keinen Teil. So sind solche Leute keine Förderer des deutschen Lebensgutes, sondern öfter seine Zerstörer (vgl. Vydünas 1932, 117-121). Das kann auf keinen Fall als ein "gutes Ergebnis" aufgefasst werden und kontrastiert außerdem mit den weiteren Ausführungen von Forstreuter, dass ein Gemeinschaftsgefühl und ein Gleichklang der Seele zwischen den Deutschen und Litauern aufgrund der gemeinsamen Geschichte entstanden ist (vgl. Forstreuter 1981, 343).

Ein harmonischer Zusammenklang der litauischen und deutschen Völker im Sinne eines friedlichen und respektvollen Zusammenlebens war ja das Ziel von Vydünas. Doch "gleich klingen" können zwei verschiedene Völker nicht, und gar nicht, wenn eins sich dem anderen überlegen fühlt und das andere nicht schätzt. Deutscher Ansicht nach mussten die Litauer Deutsch werden, und zwar aus einem pragmatischen Grund, dass "die deutsche Sprache und das Deutschtum die einzige Brücke waren, über die Nichtdeutsche im kulturellen Leben aufsteigen konnten" (Matulevicius 1992, 38). Laut Forstreuter bestand die litauische Intelligenz damals nur aus wenigen Pfarrern und das geistige Leben beschränkte sich nur auf ein Gebiet, die Religion. "Für alle übrigen Gebiete des Geisteslebens war und blieb das Deutsche die einzige Brücke" (Forstreuter 1981, 338). Solch eine nachträgliche Feststellung stellt jedoch schon das Ergebnis dar und kann die deutsche Indifferenz gegenüber der Lage und Entwicklung des litauischen Volkes als ihrer Mitbürger veranschaulichen. Man will sich der Verantwortung entziehen, indem man erklärt, es seien die Umstände, die die Litauer zur Annahme des Deutschtums gezwungen haben.

Während Vydünas die Rolle der ethnischen Zugehörigkeit betont und für die Stärkung des litauischen Volkes plädiert, wird hingegen deutscherseits behauptet, dass "der Streit um ethnische oder historische Grenzziehung die Lösung erschwert und geeignet ist, nur Verbitterung bei allen Beteiligten zu hinterlassen" (Markwardt 1955, 71). Sowohl zahlreiche Beispiele in "Sieben Hundert Jahren", als auch das Leben von Vydünas selbst liefern den Beweis, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Man muss die kulturelle und ethnische Herkunft beachten, um die Spannungen innerhalb eines Staates zu vermeiden und eine friedliche Lösung bei der Grenzziehung zu finden. Heute ist es offensichtlich, dass die damalige deutsche Behauptung, der Wunsch, "den Nationalstaat Westeuropas auf die Verhältnisse im Osten übertragen zu wollen", "unsinnig" sei, gar nicht stimmt: Litauen hat einen nationalen Staat erschaffen, in dem heute im Vergleich mit vielen Ländern Westeuropas eine relativ große sprachliche, kulturelle und ethnische Homogenität herrscht.

Vydünas hatte also Recht, indem er zuversichtlich an die inneren Kultur- und Geisteskräfte des litauischen Volkes glaubte.

Doch es ist nur Großlitauen gelungen, die Selbstständigkeit 1918 zu erlangen und sie später nach den langen Jahren der sowjetischen Okkupation 1990 wiederherzustellen. Hingegen hat sich nur ein Teil von Kleinlitauen - das Memelland - Großlitauen angeschlossen. Man kann dagegen einwenden, wie Forstreuter die Gründe für die Abschwächung der litauischen Kultur in Kleinlitauen erklärt: "Das Einleben des preußischen Litauers in das Deutschtum wurde ja sehr erleichtert, weil das Großfürstentum Litauen, das zunächst russische, dann polnische, dann wieder russiche Einflüsse erfuhr, an besonderen litauischen Werten nichts bieten konnte. Die aus dem litauischen Volksboden hervorgehenden Blüten der Kultur mussten immer in einen fremden Himmel hineinwachsen" (Forstreuter 1981, 343-344). Der Weg zur Selbstständigkeit Großlitauens war natürlich nicht leicht und die fremden Einflüsse haben ihn noch erschwert, aber die Tatsache, dass es doch gelungen ist, beweist, dass man doch über "besondere litauische Werte" verfügt hat. Vydünas hat nach 1918 aktiv an dem kulturellen und geistigen Leben Großlitauens teilgenommen und über die neuen Tendenzen seine Meinung geäußert, u. a. auch in seinem Brief an den Präsidenten Antanas Smetona. Laut Bagdonavicius hat er negative Erscheinungen in der Politik und Gesellschaft Litauens bemerkt und meinte, sie resultieren aus einer falschen Freiheitsvorstellung, nämlich dass man frei ist, uneingeschränkt alle seine Neigungen, Wünsche und Schwächen in Erscheinung treten zu lassen, ohne dafür jegliche Verantwortung zu tragen. Dieses hat er "Selbstständigkeit im Äußeren" genannt, die die Menschen von der wirklichen Freiheit entfernt und die auch die eigentliche politische Selbstständigkeit gefährdet (vgl. Bagdonavicius 2008, 167). Das war eine Warnung, die zu dieser Zeit unerhört blieb: 1940 schien "Stalins Sonne" in Litauen auf, die Selbständigkeit war verloren.

Doch den Volksgeist - das Gestaltungsprinzip des Volkes - konnte man nicht erlöschen. Das Prinzip des "wahren Menschenseins" leuchtete in den litauischen Herzen auch unter den schwierigsten Umständen der völkischen Unterdrückung. Vydünas hat den Exillitauern erklärt, dass derjenige, der die Kraft der Menschlichkeit in sich stark fühlt, über jegliche Unterdrückung steht und sich allmählich davon befreit. Je mehr es solche Menschen in einem Volk gibt, desto freier wird es, weil ihre Menschlichkeit auch auf die Unterdrücker Einfluss ausübt (vgl. Vydünas zit. nach Bagdonavicius 2008, 9). Die Richtigkeit dieser Worten hat sich während der sowietischen Okkupation bewährt: Das Ghandisch-Vydünas'sche Prinzip der Gewaltlosigkeit hat das Volk wieder zur Selbstständigkeit geführt. Man könnte sich an die Worte von Vydünas erinnern, dass die politische Selbstständigkeit Litauens ein Geschenk ist, das sich Litauen dafür verdient hat, dass es sogar während der schwierigen Zeiten seine schöpferische Kräfte bewahrt hat und nicht nur

physisch, sondern auch geistig lebendig geblieben ist (vgl. Vydünas zit. nach Bagdonavicius 2008, 137). Doch darüber hinaus hat er das Volk als einen verantwortlichen Teilnehmer an dem Weltgeschehen gesehen, der durch seinen Beitrag zum Allgemeinwohl, d. h. zur Förderung des "wahren Menschenseins" seiner Existenz Sinn geben muss. Die Nation bzw. das Volk als eine "natürliche Form des Seins" verbinde den einzelnen Menschen mit der ganzen Menschheit (vgl. Kuzborska 2003, 116) und Vydünas als Vertreter des litauischen Volkes hat von den Litauern einen bedeutsamen Beitrag zur Humanisierung der Menschheit erwartet (vgl. Vydünas zit. nach Bagdonavicius 2008, 131-132).

Die Freiheit, die Litauen heute genießen kann, hat Vydünas nicht für einen Wert an sich gehalten, sondern als etwas, das man verdient, um einer größeren, globalen Sache dienlich sein zu können. Sogar die lokalen Vorgänge, die aus erster Sicht nur ein Volk angehen, hat er global betrachtet. Dadurch erscheint auch das Problem des Volkstums in einem anderen Licht: Laut ihm ist die Einstellung zum eigenen Volkstum ein Anzeichen dafür, ob ein Volk zurückbleiben und in der Vergessenheit geraten oder aufblühen wird (Vydünas 1932, 118). Und je stärker die einzelnen Völker, desto stärker die Menschheit. In diesem Sinne war Vydünas damals der Erste im litauischen Kulturraum, der über die Globalisierung gesprochen hat, ohne das moderne Wort zu verwenden. Er sprach über die Vereinigung der Menschheit, die auf geistigen Werten wie Menschlichkeit, Respekt und Verantwortung beruhen soll. Seiner Ansicht nach ergibt sich das Gemeinschaftsgefühl der Völker aus dem Verständnis einer geistigen Gemeinsamkeit (vgl. Vydünas 1994, 71). Das soll die Basis für die zukünftigen Vereinigungsbestrebungen und für ihre Umsetzung in die Praxis bilden. Heutzutage sind zahlreiche Globalisierungstendenzen im Sinne der engen Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Bereichen und Staaten sowie der daraus resultierenden gegenseitigen Abhängigkeiten zu beobachten. Überall auf der Welt gibt es Regionen, wo viele verschiedene ethnische Minderheiten nebeneinander wohnen, die Räume interkultureller Kommunikation darstellen. Darum verlieren die Gedanken von Vydünas ihre Bedeutsamkeit nicht und werden sogar immer aktueller. Die Vereinigung der europäischen Staaten erfolgt heute im Rahmen der EU, aber solche Tendenzen sind auch weltweit zu beobachten: 2011 haben sich beispielsweise 33 lateinamerikanische und karibische Staaten in eine Gemeinschaft zusammengeschlossen (CELAC), 2002 wurde die Afrikanische Union (AU) gegründet. Andererseits wird die Feindlichkeit zwischen den verschiedenen Lagern und Staaten immer größer. Angesichts solcher Entwicklungen muss man sich unbedingt auf die Vorschriften der Sittlichkeit und Menschlichkeit besinnen, denn laut Vydünas resultieren die Konflikte aus einseitiger Orientierung auf materielle Werte (vgl. Bagdonavicius 1987, 220). Eine Neuorientierung der Werte und Handlungsrichtungen ist also heutzutage von großer Notwendigkeit.

Abschließend lässt sich noch in diesem Zusammenhang einiges zum Thema deutsch-litauische Beziehungen sagen. Klein vertritt die Meinung, dass obwohl das Thema "gleichberechtigtes Miteinander der Deutschen und Litauern in Kleinlitauen" schon eine abgeschlossene historische Epoche ist, die historischen Erfahrungen auf diesem Gebiet unbedingt einer Aufarbeitung bedürfen, weil wir in einem zusammenwachsenden Europa leben (vgl. Klein 1992, 22). Gewisse geschichtlich-politische Wenden haben das Gesicht Europas seit Vydünas' Lebzeiten stark verändert, wodurch die Voraussetzungen für eine neue positive Entwicklung geschaffen worden sind. Laut Hermann ermöglichen die Wiedervereinigung Deutschlands und die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Litauens heute einen Neubegin der deutsch-litauischen Freundschaft (Hermann 1992, 5). Vydünas war in seiner Abhandlung "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" voller Zuversicht, dass die deutsch-litauischen Beziehungen eine richtige Richtung einschlagen werden, was heute der Fall zu sein scheint. Im Rahmen verschiedener kultureller Initiativen findet ein produktiver und friedlicher Austausch statt, der durch Respekt und Streben nach gemeinsamen Idealen geprägt wird. Bagdonavicius bemerkt, dass Vydünas schon vor ca. 90 Jahren die Richtung für die künftige Entwicklung Europas, nämlich für die EU, gezeigt hat, indem er behauptete, dass die Einheit der Menschheit nicht nur durch das bloße Zusammenschließen der Staaten und durch Vermeiden der Konflikte verwirklicht wird, sondern vor allem durch die Entwicklung der Menschlichkeit in jedem Menschen und jedem Volk. (URL: http://alkas.lt/2014/05/11/152622/ [Stand: 19. 5. 2014]. Die EU, deren Mitgliedstaaten sowohl Deutschland, als auch Litauen sind, sowie andere neue Unionen auf der ganzen Welt können und sollen den friedlichen Weg des "wahren Menschenseins" auf der Basis der Menschenrechte und der geistigen Gemeinsamkeit gehen.

 

Schlussfolgerungen

In der Bachelorarbeit wurde die Abhandlung "Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" von Vydünas analysiert und ihre Rezeption in Deutschland und Litauen erörtert. Um eine bessere Übersicht über das Werk selbst und über seinen Kontext zu verschaffen, wurden die Persönlichkeit des Autors, seine Tätigkeit und seine Ideen sowie die damalige politisch-kulturelle Situation im Erscheinungsland vorgestellt. Vydünas galt als geistiger Führer der litauischen Bewegung in Kleinlitauen und hatte die Absicht, angesichts der kulturellen und sozialen Unterdrückung der preußischen Litauer, mit seinem Werk zum besseren Verständnis und zum produktiven kulturellen Austausch zwischen den Deutschen und Litauern beizutragen.

In der Arbeit wurden die Gedanken und Auffassungen von Vydünas aus historisch­anthropologischer Sicht analysiert und die Meinungen zweier verschiedener Lager, nämlich der Litauer und der Deutschen, verglichen und analysiert. Durch sein Werk wollte Vydünas das Litauertum "zu Ehren bringen", das litauische Volksbewusstsein wecken und die Deutschen mit dem Litauertum bekannt machen, indem er beide Völker gegenübergestellt und verglichen hat und die historischen und kulturellen Entwicklungen analysiert hat. Doch die Deutschen haben vieles an seinen Ausführungen als historisch falsch betrachtet und ihre Verdeutschungspolitik in Kleinlitauen verteidigt. Er wurde wegen seinen Bemühungen die Litauer "national aufzurütteln" kritisiert und sogar verfolgt.

Litauischerseits wurde das Werk sehr positiv empfangen, obwohl es aufgrund der Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten die Leserschaft zu der Zeit kaum erreicht hatte. Die Bedeutung des Werkes für beide Völker konnte jedoch sogar von den Deutschen nicht unbeachtet bleiben: Laut dem deutschen Forscher und Gegner von Vydünas, Kurt Forstreuter, "wird der Name von Vydunas schon durch dieses Werk in der Geschichte deutsch-litauischer Beziehungen unvergessen bleiben" (Forstreuter 1981, 350).

"Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen" wurde beiden Völkern gewidmet, doch heutzutage haben die Vydünas'schen Ideen eine noch größere Tragweite erreicht. Die Wiedererlangung der Selbstständigkeit Litauens war ein realer Ausdruck seiner Auffassung, dass sich ein Volk durch seine geistige Stärke den Unterdrückern widersetzen kann. Vydünas hoffte, seine Gedanken könnten zum Nachdenken und zum tieferen Verständnis der Existenzfragen anregen. Sein humanistischer Appell gilt auch heute als richtungsweisend sowohl für die Beziehungen zwischen dem litauischen und dem deutschen Volk, als auch für die soziale, kulturelle und politische Entwicklung Europas (EU) sowie der ganzen im Prozess der Globalisierung begriffenen Welt.

 

Literaturverzeichnis

Bagdonavicius, V. 1987. Filosofiniai Vyduno humanizmopagrindai. Vilnius

Bagdonavicius, V. 1988. Pagrindiniai Vydüno veiklos bruozai. In: Silas, V. (Hrsg.) Nuo Mazvydo iki Vyduno: Karaliauciaus krasto sviesuoliai. Vilnius

Bagdonavicius, V. 1991. Vydünas. In: Lietuvos filosofines minties istorijos saltiniai. Band II. Vilnius

Bagdonavicius, V. 2001a. Sugrjzti prie Vyduno. Vilnius

Bagdonavicius, V. 2001b. Dramatiskasis septyni^ simtmeci^ santyki^ akordas. In: Vydünas. Septyni simtmeciai vokieciq ir lietuviq santykip Vilnius

Bagdonavicius, V. 2008. Spindulys esmi begalines sviesos: Etiudai apie Vydünq. Kaunas

Benthien, C./Velten H.-R. (Hrsg.) 2002. Neuere deutsche Literatur. In: Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Reinbek

Bezzenberger, A. 1915. Der Werdegang des litauischen Volkes. In: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Heft 13

Cernyseva, I. 1984. Aktuelle Probleme der deutschen Phraseologie. In: Deutsch als Fremdsprache 1. 17-22

Falkenhahn, V. 1982. Erinnerungen und Ansichten eines Deutschen. In: Vydünas. Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen. Chicago

Forstreuter, K. 1981. Wirkungen des Preußenlandes: 40 Beitr. Köln und Berlin

Hermann, A. 1992. Vorwort. In: Hermann, A. (Hrsg.) Die Grenze als Ort der Annäherung. 750 Jahre deutsch-litauische Beziehungen. Köln

Kapocius, J. (Hrsg.) 1978. EncyclopediaLituanica. Band VI. Boston, Massachusets

Klein, M. 1992. Preußisch-Litauen. Neue Aufgaben für die kulturanthropologische Forschung. In: Hermann, A. (Hrsg.) Die Grenze als Ort der Annäherung. 750 Jahre deutsch-litauische Beziehungen. Köln

Kuzborska, A. 2003. Litauer und Deutscher im Werk von Donelaitis und Vydunas. In: Hundrieser, G./ Pott, H.-G. (Hrsg.) Geistiges Preußen - Preußischer Geist. Bielefeld

Markwardt, W. 1995. Der Vielvölkerstaat und seine Probleme, erläutert am Beispiel der Staatenbildungen in Osteuropa nach dem 1. Weltkrieg. In: Litauen und seine Deutschen. Würzburg

Matulevicius, A. 1992. Deutsch-litauische Beziehungen in Preußisch-Litauen. In: Hermann, A. (Hrsg.) Die Grenze als Ort der Annäherung. 750 Jahre deutsch-litauische Beziehungen. Köln

MikUnas, V. P. 1982. Vorwort zur zweiten Auflage. In: VydUnas. Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen. Chicago

Lapinskas, S. 2010. Stereotype in den phraseologischen Wörterbüchern. Unveröffentlichtes Manuskript

Prismantiene, D. 2011. VydUno knygos kelias pas skaitytoj^. In: J sveikq gyvensenq ir skaidriq bütj Vydüno keliu. Material aus einer wissenschaftlichen Konferenz. Klaipeda

Schleicher, A. 1856. Handbuch der litauischen Sprache. Band I. Prag

Stepanauskas, L. 1992. Wilhelm Storost-VydUnas in seinen letzten Lebensjahren. Briefe aus Detmold. In: Hermann, A. (Hrsg.) Die Grenze als Ort der Annäherung. 750 Jahre deutsch­litauische Beziehungen. Köln

Storost, J. 1988. VydUnas Berlyne. In: Pergale. Heft 6. S. 152-162

Storost, J. 1992. VydUnas im Spiegel zeitgenössischer Behörden und Presseorgane. Eine Dokumentation. In: Hermann, A. (Hrsg.) Die Grenze als Ort der Annäherung. 750 Jahre deutsch-litauische Beziehungen. Köln

VydUnas. 1932. Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen. Kulturhistorische Darlegungen. Tilsit

VydUnas. 1937. Tautine mano amziaus veikla. In: Aukuras. S. 168-172 VydUnas. 1982. Sieben Hundert Jahre deutsch-litauischer Beziehungen. Chicago VydUnas. 1994. Rastai. Band IV. Vilnius

VydUnas. 2001. Septyni simtmeciai vokieciq ir lietuviq santykiq. Vilnius

Internetquellen:

Bagdonavicius V. Vyduno idejinispalikimas Europai. URL: http://alkas.lt/2014/05/11/152622/ (Stand: 19. 5. 2014)

 

Santrauka

Bakalauriniame darbe nagrinejamas filosofo, rasytojo, kultüros veikejo ir humanisto Vydüno veikalas "Septyni simtmeciai vokiecip ir lietuvip santykip" ir jo recepcija Lietuvoje ir Vokietijoje nuo jo isleidimo 1932-aisiais iki sip dienp. Pirmoje darbo dalyje pristatoma Vydüno biografija, atskleidziant jo glaudzius rysius tiek su lietuviskpja, tiek su vokiskpja kultüra, apzvelgiami svarbiausi filosofijos bei veiklos bruozai, o antroje analizuojamas pats kürinys bei tai, kaip jis buvo ir yra vertinimas vokiecip bei lietuvip mokslininkp. Isskiriamos trys germanistikos studijp kontekste svarbiausios veikalo temos: vokiecip ir lietuvip mentaliteto klausimas, kalbos ir tautiskumo spsaja bei vokiecip ir lietuvip sugyvenimo problemos praeityje ir jo ateities perspektyvos. Su siomis temomis susijusios Vydüno idejos aptariamos ir kritiskai vertinamos XX a. politinio bei kultürinio gyvenimo jvykip sviesoje. Isryskeja aiski priespriesa tarp oficialiosios vokiecip, atstovaujancip germanizacijos politikai, ir lietuvip, remiancip Vydüno veiklp, pozicijp. Remiantis lietuvip bei vokiecip mokslininkp teiginiais (Bagdonavicius, Falkenhahn, Forstreuter bei kt.), gilinamasi j veikalo parasymo motyvus, vokiecip ir lietuvip nuomonip skirtumus, aiskinamasi to priezastys. Galiausiai daromos isvados, kokj vaidmenj Vydüno veikalas vaidina lietuvip ir vokiecip santykiuose bei platesniame kultüriniame bei politiniame kontekste.

 

[1]Ostpreußen war eine Provinz des Staates Preußen, der 1871 im Deutschen Reich aufging. Um die in dieser Arbeit zu analysierenden, historisch-kulturellen Zusammenhänge besser zu verstehen, soll ein weiterer Begriff erklärt werden, nämlich 'Preußisch Litauen'. Als Preußisch-Litauen, oder Kleinlitauen, wird gemeinhin eine historische Region in Ostpreußen bezeichnet, die sich durch einen großen Anteil an litauischer Bevölkerung auszeichnete. Allen seinen Bewohnern versprach der Staat religiöse Toleranz. Luthers Regel folgend, gewährte er den litauischen Bauern dazu das Privileg, ihre Sprache und Kultur zu erhalten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts begann allerdings der Staat Druck auf seine fremdsprachigen Bürger auszuüben. Eine 'Germanisierungspolitik' setzte ein, gegen die sich Vydünas mit seinen Ideen sträubte.

 

 

 

Kommentierungen folgen...

 

Zurueck

Donalitius und die Deutschen 

 

Von Lutz F. W. Wenau

 

Dieser interessante Artikel über Christian Donalaitis erschien zuerst in den Annaberger Annalen. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung von Lutz Wenaus Tochter. Herr Wenau ist leider 2007 verstorben.

Hervorhebungen durch A. Kuck

 

Seit der überraschenden Öffnung des Ostblocks bot sich für mich eine Möglichkeit, die ostpreußische Heimat meiner Vorfahren persönlich kennenzulernen, eine Gelegenheit, die wohl nicht nur bei mir wenige Jahre zuvor zu den unerfüllbaren Wünschen zählte. Wie in einem Traum erschien mir somit ein erster Besuch in Gumbinnen und den umliegenden Dörfern im Jahre 1991. Zwar suchte ich vergeblich nach dem Gasthaus „Zur deutschen Eiche„ in Stannaitschen, in dem sich die Großeltern vor über hundert Jahren kennengelernt hatten, doch die vorbeifließende Pissa führte mich zur gesuchten Stelle. Mit der Großmutter Donalies war auch zugleich der besondere Wunsch verbunden, die Lebensstätten meines großen Ahnen Christian Donalitius aufzusuchen. Sein naheliegender Geburtsort Lasdinehlen vor den Toren von Gumbinnen wurde zusammen mit zahlreichen Mitgliedern unserer Reisegruppe zumindest bei mir mit großen Erwartungen aufgesucht. War es für mich wie der Besuch eines Wallfahrtsortes, stieß mein Wunsch bei meinen Begleitern auf Unverständnis, zumal von dem einstigen Gut nur noch Steinreste übrig waren. Ein Wegweiser mit russischer und litauischer Beschriftung an der ehemaligen Reichsstraße 1 wies uns den Weg, daß 300 m abseits einstmals der gesuchte Ort war. Meine Begleiter, darunter ein früherer Gutsbesitzer, dessen Vorfahr um 1900 das Gut Lasdinehlen besaß und einstige Abiturienten der Friedrichsschule in Gumbinnen wie überhaupt ausschließlich frühere Bewohner des Kreisgebietes wußten zumeist mit dem Namen Donalitius nichts anzufangen. Dabei war wenige Monate zuvor im Heimatblatt der Gumbinner ein mehrseitiger Artikel „Christian Donalitius aus Lasdinehlen, ein bedeutender Dichter unserer Heimat„1 erschienen. Eine ähnliche Erfahrung mußte ich beim Besuch des Kirchspielortes Tollmingkehmen machen. Bei Gesprächen mit Landsleuten, die nach dem Besuch des Kirchenmuseums ihre Bewunderung über das wiedererrichtete Gotteshaus ausdrückten und mit Stolz sich daran erinnerten, daß sie dort konfirmiert wurden, wurde wie schon in Lasdinehlen deutlich, daß die früheren Bewohner in diesen Dörfern und deren Umgebung um 1920, 1930 kaum etwas bzw. gar nichts mehr über Donalitius wußten oder jemals gehört hatten. Befragt danach erhielt man Antworten wie: „Sie meinen Donaleitis oder so ähnlich, den Litauer, der hier mal Pfarrer gewesen sein soll!„ Aber auch der Besuch in der Kirche konnte Vergessenes nicht auffrischen, da man ja die Texte in den Schaukästen nicht lesen konnte.

Doch auch in den folgenden Jahren bei den alljährlichen Besuchen in Lasdinehlen und Tollmingkehmen wurde diese enttäuschende Feststellung immer wieder aufs Neue bestätigt. Das wiederholte sich so bei der Teilnahme an den Bundestreffen der Kreise Gumbinnen, Stallupönen und Goldap, denn mein mit viel Sorgfalt zusammengestellter Informationsstand fand nur geringe Beachtung. Ähnliche Erfahrungen gab es bei Vorträgen in Bremen, Braunschweig, Lüneburg und anderen Orten.

Doch es wurden auch zunehmend Meinungen einzelner Besucher bei solchen Vorträgen laut; man bedauerte, bislang nichts darüber gehört zu haben. Man sah aber auch keine Möglichkeit, die Verse des Donalitius 2 nachzulesen.

Dagegen gestalteten sich Begegnungen, Gespräche und Vorträge im Gymnasium, der Deutschen Schule, einer Mittelschule und im Simon-Dach-Haus in Memel wie auch in Heydekrug, wie ich sie in den letzten Jahren erleben konnte, zu wahren Donalitius- Feiern.

So wird wohl verständlich, daß ich das Angebot dieser Jahresschrift, über Donalitius zu schreiben und damit meinen deutschen Landsleuten diese Persönlichkeit näher zu bringen, gern angenommen habe. Im Unterton wird der Leser sicherlich aber auch eine gewisse Enttäuschung über eine mir unverständliche Einstellung aber auch vorhandene Unkenntnis zu Donalitius spüren.

Zwangsläufig entsteht bei einem ersten Kennenlernen eines Menschen das Interesse, mehr über ihn zu erfahren. Handelt es sich dabei sogar um eine bedeutende Persönlichkeit, dürfte das Begehren noch größer sein, zumal dann zumeist umfangreichere Informationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Bei mir steigerte sich eine solche Wißbegierde auf die Charaktergestalt des Christian Donalitius jedoch dadurch in eine Art Leidenschaft aber auch Stolz, weil ich bei der Wurzelsuche über meine Großmutter väterlicherseits, Auguste Donalies (1865 - 1941), auf verwandtschaftliche Verbindungen stieß.

Meine ersten Nachforschungen begannen somit in Archiven und Bibliotheken in der Überzeugung, daß Donalitius bereits zu seinen Lebzeiten bekannt gewesen sein mußte und damit über ihn in einschlägigen Schriften zu seiner Zeit berichtet wurde. So waren zumindest Hinweise auf ihn in einer preußischen Literaturchronik 3 aus dem Jahre 1781 zu erwarten, also ein Jahr nach dem Tode von Donalitius. Schließlich ist in diesem Werk des Feldpredigers Goldbeck aus einem Königlich-Preußischen Regiment, das dieser auf eigene Kosten und im eigenen Verlag herausgab, auch der im gleichen Jahr wie Donalitius, nämlich 1714, geborene Emanuel Kant gebührend darin gewürdigt worden. Somit wird die These bestätigt, daß Christian Donalitius selbst nichts dazu getan hat, seine handwerklichen Fertigkeiten als Nebenerwerbsquelle bekannt zu machen beziehungsweise seine literarischen Werke zu veröffentlichen.

Dagegen wird durch den Historiker L. von Baczko berichtet, daß in Königsberg ein Friedrich Doneleitis 4 lebte, der das erste Fortepiano in Preußen herstellte; bekannt und nachgewiesen ist hierzu, daß es sich um einen der Brüder des Christian Donalitius handelt. Derselbe Friedrich, Juwelier und Goldarbeiter, ab 1742 Meister, wird auch in einer Verkaufsurkunde 5 aus dem Jahre 1747 genannt und damit dokumentiert, daß Friedrich die Urkunde mit seinem Familienwappen besiegelte, es handelte sich dabei jedoch nicht um ein Meisterzeichen.

Einen weiteren Hinweis über den zu seiner Zeit unbekannten Christian Donalitius liefert der preußische Chronist Hennig,6 der von 1701 bis 1800 die denkwürdigsten Begebenheiten und Todesfälle bekannter Persönlichkeiten beschrieb. Für das Jahr 1757 nennt Hennig darin zwar die Fluchtgeschichte des königlichen Amtsrats Georg Albrecht Donalitius, nachweislich ein Verwandter des Christian Donalitius, auch wird 1758 die Huldigung der russischen Kaiserin Elisabeth erwähnt, ungenannt bleibt jedoch die mutige Haltung des Tollmingkehmischen Pfarrers Donalitius in seiner Predigt zum Alexandertag. Darüber wurde zwar 1833 geschrieben, ohne jedoch den Namen des tapferen Dorfpfarrers zu nennen.7 Der Chronist weist ebenso in seiner Rubrik Todesfälle denkwürdiger Personen im Jahre 1792 auf den 20. Oktober hin und schreibt dazu: „Auf seinem Gute Kurschen bei Ragnit, der kgl. Amtsrath Georg Albr. Donalitius, 73 J. alt. Die Verdienste dieses Mannes und seine traurigen Erfahrungen bei der Ruß. Invasion, hat der Erzpr. Krüger in Ragnit in den Pr. Anal. 1793. III. geschildert,,.

Natürlich ist das vorstehende Untersuchungsergebnis für den interessierten Forscher sehr enttäuschend, doch eine intensivere Suche führt zu anderen Erkenntnissen. So lassen sich aus vorhandenen Quellen ableiten, daß sich Christian Donalitius bereits in seiner Studienzeit ein umfassendes, fundiertes Wissen aneignete. Für seine 37jährige Tätigkeit als Pfarrer in Tollmingkehmen gibt es zahlreiche Hinweise darauf, daß sein Handeln weit über die geforderten seelsorgerischen Arbeiten hinaus für die ihm anvertraute Kirchspielgemeinde mit großem Verantwortungsgefühl und Herzensgüte ausgefüllt war. Unter seinen Amtsbrüdern genoß er hohes Ansehen und war bekannt für seine Hilfsbereitschaft und Kollegialität. Bei seinen Vorgesetzten fand er damit Anerkennung und lobenden Zuspruch. Man rühmte seine konsequente Haltung als ein Verfechter des wahren Christentums, dabei kümmerte er sich nicht um Standesunterschiede, letztlich stellte er sich jedoch stets auf die Seite der Schwächeren.8

Um einer notwendigen Beweispflicht nachzukommen, sollen nachstehend die aufgestellten Thesen durch Quellenangaben bestätigt werden. Als im Jahre 1740 der Stallupöner Magistrat eine vakante Lehrerstelle zu besetzen hatte und an den König schrieb, damit „die Schuljugend nicht länger in der Irre gehen dürfte,, wurde der Theologiestudent Christian Donaleitis empfohlen. Zwei Jahre später verstarb der Schulrektor Gehrich9.und daraufhin erhält man in Stallupönen ein zustimmendes Schreiben der Universität Königsberg 10 für die besondere Eignung des Christian Donalitius,11 es hieß: „Zu der vacanten Schul-Rector-Stelle daselbst unser Zeugnis wohl ertheilen können„. Nicht zuletzt wird der besondere Fleiß und Wissensdurst des Theologiestudenten Donalitius später mit der Feststellung unterstrichen, daß er außer seiner Muttersprache fünf weitere Sprachen wie u. a. griechisch, hebräisch, französisch so gut beherrschte, daß er seine Versdichtung auch darin hätte schreiben können.12

Zur Charakterisierung des Pfarrers Donalitius und seine seelsorgerische Tätigkeit in Tollmingkehmen ließen sich die Bemerkungen seines ärgsten Widersachers, des Amtmanns Ruhig, als besonders glaubwürdig heranziehen, der 1775 eingestand, die Leute im Kirchspiel „hörten nur auf ihren Pfarrer und plapperten ihm Alles nach".

Auch die handwerklichen Fertigkeiten des Donalitius wie die seines Bruders Friedrich wurden bereits zu Lebzeiten gepriesen; in einer Veröffentlichung im Jahre 1782 heißt es dazu: „Die beyden Brüder Donaleitis, davon der eine als Prediger zu Tolmingkemen gestorben, der andere als Goldarbeiter und Juwelier in Königsberg lebet, sind hier im Lande durch Verfertigung der sonderbarsten musikalischen, ärometrischen, hydraulischen und anderer physicalischen Instrumente, Uhren u. dergl. einem jeden bekannt.„13

In den umfassenden Veröffentlichungen des Dr. Tetzner aus Leipzig teilt uns der Donalitiusforscher auch hierzu seine Ansicht mit und stellte fest: „Aber diese recht reichliche mechanische Arbeit, wie auch seine musikalische Bethätigung waren seinem regen Geist und seiner gewaltigen Arbeitskraft noch nicht genug. Kein Wort findet sich in den reichlichen kirchlichen Aufzeichnungen aus seiner Feder über seine litauischen Dichtungen. Aber man erkennt aus jenen, wie fleißig er jederzeit war, wie er die Kirchenbücher immer wieder durchsah, sich tadelte, wenn er früher einen Fehler gemacht oder schlecht geschrieben hatte. Selbst sein ihm eng befreundeter Präcentor Schulz weiß im Todtenregister bei allem Lob Nichts davon zu erzählen. „Er war ein geschickter Mechanikus„, das fiel ihm am meisten in die Augen. - „14

Doch insbesondere diese kirchlichen Aufzeichnungen des Donalitius, seine Anmerkungen und Ratschlage an seine Nachfolger in den Kirchenbüchern, deren Reichhaltigkeit Tetzner bei seinen Besuchen in Tollmingkehmen am Ende des 19. Jahrhunderts bewunderte und nicht zuletzt die Versdichtung „Die Jahreszeiten„ bieten allein dem historisch interessierten Forscher eine Fülle an Einsichten und Erkenntnissen. Sie vermitteln ein vielfältiges Sittenbild des kulturellen Lebens im östlichsten Zipfel des Königreichs Preußen im 18. Jahrhundert. Allerdings hat Donalitius selbst, wie zuvor bereits darauf hingewiesen wurde, anscheinend kein Interesse daran gehabt, sein Geschichtsbuch in Versform der Nachwelt mitzuteilen. Daraus läßt sich ableiten, daß er allein aus Freude am Dichten seine Verse schrieb, und es ist zu vermuten, daß er sich damit begnügte, sie gelegentlich im Freundeskreis vorzutragen.

Aus allem, was uns heute aus der Feder des Donalitius überliefert und später veröffentlicht wurde, kann man aber nicht nur über das ländliche Leben im 18. Jahrhundert in seiner bunten Vielfalt vieles erfahren, sondern ebenso auch die Ansichten und Meinungen des Pfarrers und Dichters Donalitius kennenlernen. Bei einer oberflächlichen Betrachtung kann es dabei leicht zu Fehlurteilen kommen, wie ich sie in Gesprächen mit Landsleuten bereits mehrfach erfahren habe. An einigen Beispielen soll es nachfolgend demonstriert werden.

Nicht nur in dem Versepos des Donalitius, sondern gleichfalls in Chroniken und anderen Schriften in dieser Zeit über den nordöstlichen Teil von Ostpreußen, das seit dem 18. Januar 1701 ein Teil des Königreichs Preußen war, nannte man es Litauen. Im 19. Jahrhundert sprach man dann auch vielfach von Preußisch-Litauen und nennt es heute in der litauischen Geschichtsschreibung auch Kleinlitauen. Selbst die preußischen Könige, Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II., benutzten diese Bezeichnung, wenn sie z. B. Goldap in Litauen besuchten. Auch noch 1835 errichtete man ein Denkmal auf dem Platz vor dem Regierungsgebäude in Gumbinnen mit Friedrich-Wilhelm I. und schrieb auf den Sockel „Litauens Wiederhersteller,, und in dieser Stadt gab es noch im 20. Jahrhundert die „Preußisch-Litauische Zeitung,,. Bei der 2. und 3. Veröffentlichung bzw. Übersetzung der „Jahreszeiten,, von Donalitius betitelten Schleicher 1865 und Nesselmann 1869 ihre Ausgaben mit „Lit(t)auische Dichtungen,. Somit könnte man sich die Meinungen der Besucher an der Kirche in Tollmingkehmen, Donalitius einfach als Litauer zu bezeichnen, erklären. Nach dieser vereinfachten Auslegung wären aber auch der Amtmann Ruhig oder Baering, der Präzentor Sperber oder der Kruginhaber Schlicker , alles Zeitgenossen des Donalitius in Tollmingkehmen, als Litauer zu bezeichnen. Diese simple Ableitung kann also einer historischen Nachprüfung nicht standhalten genauso wie auch allein aus den Familiennamen eine nationale Zugehörigkeit zu Fehleinschätzungen führen kann.

Überhaupt ist die Nationalitätenfrage im Zusammenhang mit der Donalitius-Zeit nicht einfach auf unsere heutige Betrachtungsweise zu übertragen, auch mit Hinblick auf den Aspekt im vorangegangenen Absatz. So ließen sich auch hier die Bewohner der 36 Dörfer im Kirchspiel Tollmingkehmen nach der Beschreibung in den „Jahreszeiten„ in die Alteingesessenen, mithin die sogenannten Litauer und in die Eingewanderten, die Kolonisten, kurz die Deutschen, Franzosen und andere einteilen. Zur ersten Gruppe gehörten vor allem die Dorfbewohner, die nach der furchtbaren Pestzeit 1709/10 überlebt hatten, nach amtlichen Quellenangaben waren das weniger als 1000 Menschen im Kirchspiel. Die Ortsnamen sprechen dafür, daß die ersten Siedler in diesem Gebiet vorwiegend litauischer Herkunft waren. Die Litauer waren es aber auch, die in erster Linie ein Opfer der Pest wurden. Für die Zeit um 1743, als Donalitius das Pfarramt in Tollmingkehmen antrat, wurde dann durch Tetzner und andere Forscher eine Einwohnerzahl von ca. 4000 angegeben, so daß in den zurückliegenden drei Jahrzehnten etwa 3/4 der Bewohner in dieses Litauen eingewandert sind. Diese Kolonisten kamen aus einem anderen Kulturkreis, zumeist auch Menschen wie die Franzosen, Schweizer und Holländer, die auf einer fortgeschrittenen Entwicklungsstufe einer vorrevolutionären Epoche standen, denen eingerichtete Bauernhöfe mit zusätzlichen Privilegien und Versprechungen auf Freijahre usw. angeboten wurden. Schon allein daraus läßt sich ableiten, daß die Alteingesessenen, somit die Litauer, sich benachteiligt fühlten und in ihrem Pfarrer einen Hüter der Gerechtigkeit suchten und auch fanden.

Bestätigend sei hier aus meiner eigenen Familiengeschichte eine urkundlich belegte Episode eingeflochten. Als ein solcher Einwanderer wird in der Generaltabelle und in den Prästationstabellen 15 ein Endrig Wehnau genannt, der in dem Dorf Dargutschen im Kirchspiel Enzuhnen 1 Hufe und 19 Morgen Land zugewiesen bekam. Für dieses Retablissement des Preußenkönigs beauftragte dieser bereits 1727 eine Kommission damit, den derzeitigen Bevölkerungsstand in den litauischen Dörfern zu ermitteln. In Erfüllung der königlichen Order kam der beauftragte Generalleutnant Peter von Blanckensee mit seinen Helfern auch in das kleine Dorf Dargutschen und schrieb daraufhin nieder: „Im Dorf wohnen ein Alt-Litauer und zwei Kolonisten und zwar: Heinrich Wöhner, Plathe und Keteluhns.„16

Diese drei Dorfbewohner wurden auch in der Generaltabelle genannt, allerdings hatten die preußischen Beamten den litauisch klingenden Vornamen in Heinrich umgewandelt und für die geänderte Schreibweise des Familiennamens suchte ich mir die plausible Erklärung, daß die Kommission meinen Endrig vielleicht gerade bei Tische antraf und somit seine Namensangabe mit vollem Munde etwas unverständlich klang. Doch auch hier wird Endrig Wehnau, der Vater einer siebenköpfigen Familie, als Alt-Litauer angegeben, da er wohl schon früher in diesem Dorf lebte, während die anderen beiden Bewohner erst jüngst nach Litauen eingewandert sind.

In den „Jahreszeiten,, wird deutlich, wie Donalitius diese Zeit des anfänglichen Gegeneinanders in den Dörfern, des allmählichen Aneinandergewöhnens und der späteren „Vermischung„17 miterlebte und das in seinen Versen darstellte. Um es chronologisch aufzuzeigen, sollen die Erinnerungen des Selmas an die frühesten Zeiten, als sich die ersten Siedler in diesem Gebiet niederließen, vorangestellt werden:

Ach wo seid ihr geblieben, ihr Tage der littau’schen Vorzeit

Als noch die Preußen nicht wußten in deutscher Sprache zu reden,

Als sie noch keine Schuhe, noch teure Stiefel nicht kannten,

Sondern, wie’s Bauern geziemt, einherstolzierten in Bastschuh’n.

Damals brauchte noch keiner der ehrbaren Wirte und Nachbarn

Sich zu schämen, noch wagt es kein Mensch sie verächtlich zu machen. 18

Über die Zeit nach der Pest und der darauf folgenden Einwanderung nach Litauen legte Donalitius dann dem Lauras die nachstehenden Worte in den Mund:

Freilich, nahm Lauras das Wort, so ziemt’s rechtschaffenen Wirten,

wollen mit Klugheit sie wirtschaften und füllen die Scheunen.

Mögen die Deutschen nur immer für dumme Thoren uns halten,

Und der schlecht’ste Franzos mit höhnischer Miene uns anschaun;

Schämt sich keiner von ihnen uns Littauer zu verhöhnen.

O du französischer Maulaff‘, und du vierschrötiger Schweizer,

Oder wer sonst noch kam nach unsrem Lande gelaufen.

Wer hat euch denn erlaubt uns Littauer so zu verachten? 19

Dagegen zeugen die nachfolgenden Verszeilen nicht nur von einer versöhnlicheren Tonart, vielmehr sprechen hieraus bereits erste Ansätze zum Miteinander, wenn der Selmas sagt:

Ist es doch allen bekannt, wie jeder dies Littauen hoch hält.

Und wie der Fremden viel, bloß um uns kennen zu lernen,

Hier zusammen sich fanden von allen Ecken und Enden.

Nicht bloß Deutsche kamen hierher, um uns zu beschauen,

Nein, auch viele Franzosen, und haben so lieb uns gewonnen,

Das sie nicht bloß littauisch sprechen und littauisch essen,

Sondern auch hier und da sich kleiden in unsere Trachten.20

Auch zu der vorstehenden Thematik ließe sich erneut ein urkundlicher Nachweis einbringen. Da wird die Heirat eines Christoph Donelaitis21 (* 1719) mit Maria Dodillet, der Tochter einer eingewanderten Schweizer Familie am 30.11.1752 in der reformierten Kirche zu Gumbinnen bestätigt; die zahlreichen Nachkommen dieser Donelaitis-, später Donalies-Familie sind noch heute weitverzweigt in Deutschland anzutreffen.

Der Pfarrerdichter in Tollmingkehmen hatte jedoch die Befürchtung, daß das bald darauf folgende Aufeinanderzugehen und Vermischen der Litauer mit den Salzburgern, Schweizern oder Franken die Gefahr mit sich bringt, die sich aus der charakterlichen Schwäche vieler Menschen erklären läßt. Sie übernehmen nur zu gern die Laster, als daß sie sich das Positive abschauen. Überlegungen dieser Art spricht dann auch der Christian in der Dichtung aus:

Doch als später die Welt aufs Prahlen sich legte und Dickthun,

Und sich das Littauervolk mit dem Deutschen vermischte, da schwand auch,

Haben wir’s doch gesehn, Bescheidenheit, Sitte und Anstand,

Daß nun die Burschen verschmähn die alten ehrlichen Bastschuh‘,

Und die Mädchen nicht mehr in gefärbte Marginnen sich kleiden.

Burschen scheuen sich nicht, wie die Herrchen in zierlichen Stiefeln,

Und leichtfertige Mädchen in vielgefälteten Kleidern,

Gleich als wären sie Fräuleins, sich vor den Leuten zu zeigen.

So ging leider verloren des Littauers einfache Sitte.22

Ebenso aber zeigt Donalitius an anderer Stelle in seiner Dichtung, daß er sehr wohl auch um die Schwächen seiner Litauer wußte und ganz gewiß ist anzunehmen, daß der altväterliche Pfarrer dieses Thema nicht nur in den „Jahreszeiten,, behandelte, vielmehr dürfte er es häufig auch in seinen Predigten, für die Deutschen vormittags und für die Litauer am Nachmittag, mit besonderer Strenge vorgetragen haben. Im Poem ist es der Dotschys, dem Donalitius damit den Spiegel vorhält:

Aber ihr wisset wohl nicht, warum der Dotschys keine Ruh‘ hat,

Warum jahraus jahrein er so heftig schlägt mit dem Flegel?

Viele von jenem Volk, die in seinem Brote gestanden,

Sagen, er schinde nur darum so sehr die verfallene Scheune,

Um sich nur bald zum Zechen und Schmausen das Geld zu verschaffen.

Schlägt er zu Michael auf seine Garben, so blickt er,

Immer die Lippen sich leckend, mit wässrigem Munde zum Krug schon.

Hat er mit seiner Frau nur erst ein paar Lagen gedroschen,

Worfelt er alles geschwind, füllt einige Säcke mit Körnern,

Und in den Krug geht’s hin zum Jubilieren und Saufen;

Doch Liebmütterlein trägt auch einige Hände voll Flachs fort,

Die sie heimlich verkauft, und stillt die Begier ihres Herzens.

Aber noch nicht genug; sie nimmt auch die Kinderchen mit sich,

setzt sie dem Väterchen auf den Schoß und betrinkt sich im Winkel.23

Die Dichtungen des Donalitius wie auch seine Randbemerkungen in den Kirchenbüchern könnten zu zahlreichen weiteren Ansichten und Lebensbildern herangezogen werden. So könnte die Geschichte über den „Alexandertag„ zu der Auffassung führen, Donalitius habe aus patriotischen Gründen und einem Treuepflichtgefühl gegenüber dem preußischen Monarchen so gehandelt.

Doch schon in seinen „Jahreszeiten, finden sich mehrfach Äußerungen seiner Versgestalten, die recht respektlos gegenüber den Herren auftreten und sie als geizige und unsoziale Nachbarn im Dorf, aber vor allem als ungläubige, gotteslästernde Schmarotzer bezeichnen. Wenn man allerdings die Akten des Donalitius mit dem umfassenden Schriftverkehr einsieht, die Tetzner in dem Paket „wegen des Ackerlärms„ bei seinen Besuchen in Tollmingkehmen vorfand, erklärt sich dazu manches. Donalitius gesteht darin selbst ein, daß er sich im Streit mit den Amtsleuten zu unflätigen Ausdrücken hat hinreißen lassen. Dieser Ackerstreit wurde nicht nur vor die ostpreußischen Gerichte getragen, sondern veranlaßte Donalitius schließlich sogar, sich an den Preußenkönig zu wenden.24 Als dieser selbst noch nach Jahren nichts von sich hören ließ, schrieb der enttäuschte Pfarrer 1773 die Bemerkung in sein Taufbuch:

Meinen König Friedrich den großen werde ich einmal vor dem

Göttlichen Gericht sehen, denn in dieser Welt habe ich [ihn]

nicht gesehen 25

und an einer anderen Stelle mahnte der furchtlose Pfarrer die Obrigkeit und zeigt uns mit dieser Ansicht seine höchste Aktualität :

Gott gebe allen Fürsten und Königen zu erkennen, daß sie auf

Rechnung setzen und einmal Rechenschaft geben müssen.26

Als dann Donalitius in seinem 67. Lebensjahr in Tollmingkehmen verstirbt, wird auch durch seinen Nachfolger erneut bestätigt, daß man von den Dichtungen seines Vorgängers kaum etwas wußte. So schrieb der neue Pfarrer in das Taufbuch: „In diesem Taufbuche haben 3 Prediger eingezeichnet, ... und endlich Donalitius, welcher 36 Jahre allhier gedienet, und seinen Nachfolgern in allen Taufbüchern sehr viele gute Lehren nachgelassen. Er wird sie doch wohl auch zu seiner selbsteigenen Vorschrift gemacht haben? Ich sein Nachfolger habe ihn nicht gekannt, obgleich er als ein sehr großer Künstler bekannt gewesen, wovon ich mich nach seinem Tode durch seine künstlichen Werke überzeuget. Mehr weiß ich nicht zu seinem Ruhme.„ - 27 Mit dem letzten Satz bestätigte der Pfarrer Wermke, daß er von den „Jahreszeiten„ nichts wußte.

Für das Thema dieses Beitrages ist nach den vorstehenden Ausführungen das folgende 19. Jahrhundert von besonderer Bedeutung. Nach dem Tode des Christian Donalitius im Jahre 1780 sorgt seine Witwe Anna Regina dafür, daß der Dichter Donalitius über den Kreis einiger seiner Amtsbrüder hinaus bekannt wird. Bevor sie die Versdichtungen an den befreundeten Pfarrer Jordan in Walterkehmen weitergibt, erlaubt sie dem Pfarrer Hohlfeld in Iszdaggen eine Abschrift der Gedichte, was sich später als besonders glückliche Fügung herausstellen wird.

Für die deutsche Literaturgeschichte wird das ausgehende 18. und das beginnende 19. Jahrhundert das Zeitalter der Klassik. Darauf hier näher einzugehen, ist nicht Gegenstand der Betrachtungen. Zumeist jedoch unbeachtet und wenig bekannt ist für diese Zeit, daß sich selbst der deutsche Dichterfürst Goethe und auch Lessing für die litauische Sprache lebhaft interessierte. Im Herzogtum Weimar hatte sich im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts ein literarisches Quartett der deutschen Klassiker mit Goethe, Schiller, Herder und Wilhelm von Humboldt zusammengefunden. Wilhelm von Humboldt (1767 - 1835), einer der vielseitigsten deutschen Wissenschaftler, Literaten und auch zeitweilig preußischer Staatsmann, widmete sich besonders erfolgreich der Sprachwissenschaft.

So erklärt es sich, daß es Humboldt war, der durch das zuvor genannte Interesse für die litauische Sprache bei den deutschen Klassikern nicht nur die Schönheiten dieser indogermanischen Sprache in den litauischen Dainos untersuchte, sondern auch in Erfahrung brachte, daß es ein Vierteljahrhundert zuvor in einer weitöstlichen Pfarrei einen Prediger gab, der diese ausdrucksvolle Sprache benutzte, um den Jahreslauf in abgelegenen litauischen Dörfern in stimmungsvollen Hexametern zu beschreiben. Humboldt machte den Theologieprofessor Rhesa an der Universität Königsberg auf diesen kostbaren Fund aufmerksam und sorgte damit dafür, daß die „Jahreszeiten,, des Donalitius nicht in der Lade eines Dorfpfarrers vergilbten.

Ludwig Martin Rhesa (1767 - 1840), durch seine Geburt im später verschütteten Nehrungsdorf Karweiten mit dem Litauischen verbunden, selbst Dichter und Sammler der Dainos, ging jedoch nur zögerlich an eine Veröffentlichung der Verse von Donalitius. In seinem Vorbericht zu seiner Ausgabe gestand er ein: „... Lange war ich bei mir selbst zweifelhaft, ob dieses Nationalgedicht, welches ursprünglich bloß für die Bewohner von Litthauen geschrieben worden, wegen seines örtlichen Inhalts, es auch verdiente, an das Licht hervorgezogen und den Geisteswerken anderer Nationen an die Seite gestellt zu werden...28

Mit der Veröffentlichung des ländlichen Epos „Das Jahr in vier Gesängen. des Christian Donaleitis, genannt Donalitius im Jahre 1818, wie der Herausgeber es betitelte und darin das Original einer ersten Übersetzung ins Deutsche gegenüberstellte, hat Rhesa zweifelsohne dafür gesorgt, daß damit die erste Dichtung in litauischer Sprache aus der Verborgenheit gezogen wurde. Allerdings war diese erste Ausgabe mit dem Mangel behaftet, daß der Poet Rhesa das Werk eines „Berufskollegen„ nach eigenem Ermessen um 16% kürzte und damit „durch die Streichung kräftiger Ausdrucksformen bzw. durch Ersetzen mit abgeschwächten Redensarten den Original-Versen ihre realistische, urwüchsige Eigenart genommen und ihr den kulturhistorischen Wert entzogen„29 hat.

Aus der oben angegebenen unentschlossenen Haltung von Rhesa läßt sich vielleicht auch erklären, weshalb der Königsberger Theologieprofessor auf nähere Recherchen verzichtete, seine Lebens- und Wirkungsstätten aufzusuchen und ins Vorwort schreiben mußte, daß man „Weniges aus der Lebensgeschichte des Dichters weiß, der„ - wie Rhesa darin nun gestand - „seinem Volk ein werthes Denkmal vieljährigen Fleißes und herrlicher Geisteskraft hinterlassen hat.„ So sind Rhesas biographische Angaben zu Donalitius nicht nur äußerst lückenhaft, sondern auch mit Fehlern behaftet und konnten erst später durch Tetzner und Passarge, die beide in Tollmingkehmen waren, ergänzt und berichtigt werden.

Trotz dieser Mängel liegt das große Verdienst des Wilhelm von Humboldt und Rhesas darin, für eine erste Veröffentlichung dieses literarischen Kunstwerkes gesorgt zu haben und damit Donalitius in deutschen Landen bekannt gemacht zu haben. Das findet noch im Ausgabejahr 1818 seine volle Bestätigung, denn in der Jenaischen Allgemeinen Literatur Zeitung wird die Arbeit von Rhesa gewürdigt, das Werk des Donalitius ausführlich besprochen und somit dem deutschen Leser nun erstmalig vorgestellt: „Er war ein großer Freund der Gartenkunst, schliff optische Gläser, verfertigte Thermometer und Barometer, die in ganz Preußen berühmt waren, baute Forte-Pianos, auf denen er selbst vortrefflich spielte; aber noch mehr Reiz als die Musik hatte für ihn die ihr verschwisterte Dichtkunst. Unter seinen nachgelassenen Papieren finden sich Hebräische, Griechische, Lateinische, Französische und Deutsche Gedichte. Aber sein Meisterwerk bleibt das hier zum ersten Mal abgedruckte Gedicht über die vier Jahreszeiten. Der Dichter, dem Dichten so sehr zum Naturbedürfnis geworden war, dass er auch oft mit seinen Freunden in Versen correspondirte 30 hier sehen wir, was die Sprache in den Händen eines Mannes vermag, der mit völliger Kenntnis derselben vollendete Geistercultur verbindet. Durch dieses Gedicht erhält die Landessprache ein bleibendes Denkmal ... es kann für ein Muster und Vorbild Litthauischer Dichtkunst und Beredsamkeit um so viel mehr gelten, da der Stempel der Originalität ihm aufgedrückt, und nichts aus fremder Literatur hineingetragen ist. Alle darin herrschenden Gedanken sind kräftig und wahr; die Empfindungen athmen den Geist reiner Sittlichkeit, häuslichen Glücks und treuer Vaterlandsliebe. Die Gleichnisse sind sehr wohl gewählt, die Schilderungen getreu und darstellend, und kurze hier und da eingestreute Sittensprüche reden zum Herzen, und sind gemacht, tief in selbiges einzudringen.,, 31

Die unter Anmerkung 29 ausgelassene Stelle bringt den Beweis, daß der Korrespondent Penzel für seinen Beitrag nicht nur die Originalverse und die Hohlfeldtsche Abschrift verwendet hatte, sondern ebenso in Tollmingkehmen gewesen sein muß, um die Gedichte des Donalitius in anderen Sprachen nennen zu können. Heute ist uns nur noch durch Tetzner ein deutsches Gedicht bekannt gemacht worden, das der Pfarrer 1760 in das Taufbuch eintrug.32

Im 19. Jahrhundert gab es nach der Ausgabe von 1818 noch weitere drei Veröffentlichungen, nachdem der Theologieprofessor Rhesa an der Universität Königsberg Vorlesungen über Donalitius hielt und 1824 die Fabeln des Pfarrerdichters aus Tollmingkehmen veröffentlichte. So brachte 1865 August Schleicher (1821 - 1868) die Originalverse des Christian Donalitius heraus und fügte hinzu, daß es sich um die erste vollständige Ausgabe mit einem Glossar handelte. Mit der Betonung auf „erste, übte Schleicher Kritik an den eigenmächtigen Kürzungen der Dichtungen durch Rhesa. Schleichers Veröffentlichung wurde nun auch jahrzehntelang als Lehrbuch an russischen Gymnasien und Universitäten verwendet, damit wurden erstmalig junge Litauer z. B. in Mariampole und Suwalki mit dem Werk ihres Literaturklassikers bekannt, da Litauen zu dieser Zeit dem russischen Zarenreich einverleibt worden war.

Vier Jahre danach, also 1869 brachte der Königsberger Mathematikprofessor und Sprachforscher Georg H. F. Nesselmann (1811 - 1881) eine weitere Ausgabe der Donalitius-Verse heraus. So wie Rhesa stellte er der Originalfassung seine Übersetzung gegenüber und betitelte es wie schon Schleicher „Littauische Dichtungen,. Nesselmann hatte sich mehr und mehr der Baltistik zugewandt und auch 1850 ein Wörterbuch der litauischen Sprache herausgegeben, dennoch haftet seiner Übersetzung der Makel eines mathematisch-denkenden Wissenschaftlers an.

1894 veröffentlicht der Reiseschriftsteller Ludwig Passarge (1825 - 1912) seine Übersetzung der „Jahreszeiten,,, wie er erstmalig die Verse des Donalitius benennt. Passarge hatte sich zuvor bereits durch sehr gute Übersetzungen von Ibsen und Björnson der Fachwelt bekannt gemacht. Auch hatte er vor seiner Ausgabe von 1894 die Wirkungsstätte des Donalitius besucht und 1878 in seinem Werk „Aus baltischen Landen", darüber berichtet.

Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts war es dann der Leipziger Professor Dr. Franz Tetzner, der sich besonders intensiv mit Donalitius beschäftigte. Ähnlich wie Passarge berichtete Tetzner in seinem Buch „Die Slawen in Deutschland, über seine Besuche in Tollmingkehmen und veröffentlichte über die dabei im Pfarrhaus vorgefundenen Schriften und Akten des Donalitius in verschiedenen Publikationen wie in der Altpreußischen Monatsschrift.33

Trotz aller vorstehenden Darstellungen, aus denen deutlich wird, wie deutsche Wissenschaftler und Literaten im 19. Jahrhundert darum bemüht waren, für das Litauische als Sprache seinen bedeutenden Stellenwert zu erhalten und damit zugleich den Dichter Donalitius und sein literarisches Werk „Die Jahreszeiten„ entsprechend zu würdigen und bekannt zu machen, gab es auch solche Bedenken, es würde dafür nicht genug getan. In einem Aufruf des Göttinger Professors Bezzenberger, der 1879 in den Tilsiter Blättern veröffentlicht wurde und von weiteren Professoren wie Nesselmann und Passarge wie auch Gymnasiallehrern wie Gisevius und Toeppen unterschrieben, kamen diese Befürchtungen sehr deutlich zum Ausdruck. Noch im gleichen Jahre kam es daraufhin zur Bildung einer Litauischen Litterarischen Gesellschaft in Tilsit. Die Wirksamkeit dieser Gesellschaft, der in den folgenden fünf Jahrzehnten ihres Bestehens unzählige namhafte Persönlichkeiten angehörten, würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen und läßt sich ohnehin in seiner geistigen Größe nicht erfassen. Bekannt ist, daß mehrfach Vorträge über Donalitius gehalten und in den Jahresberichten und Mitteilungsblättern der Gesellschaft Beiträge enthalten waren.

Der deutsch-französische Krieg und die Reichsgründung brachten in Deutschland eine nationale Bewegung hervor und Bismarck, der eiserne Kanzler handelte nach dem Motto „Ein Reich, eine Sprache, ein Gott!„ Dagegen trat der äußerst sprachbegabte Dr. Georg Sauerwein, ein großer Litauerfreund, an und drückte es unumwunden in seinen Gedichten aus: „Ich bin aus Deutschland hergekommen, doch neugeborener Litauersohn, Bin lieb von Litauen angenommen - im Herzen bin ich Litauer schon.,, Im Gegensatz zur Satzung der Litauischen Litterarischen Gesellschaft ermahnte Sauerwein die Litauer, ihre Muttersprache selbst zu verteidigen und blieb dieser Vereinigung mit dem Vermerk „Ich bin meine eigene Gesellschaft,, fern. Daraus könnte sich das Zusammenwirken des Leipziger Professors Tetzner und Sauerwein erklären, die eine Ehrung des litauischen Literaturklassikers Donalitius in seinem Geburtsort Lasdinehlen vorbereiteten. So kam es dann auch zu einer solchen Donalitius-Feier am 8. April 1896 im Park von Lasdinehlen, wo ein Gedenkstein gesetzt wurde. Tetzner verfaßte dazu ein Gedicht, das Sauerwein ins Litauische übersetzte; das kleine Monument trug die ersten Verszeilen des Gedichtes.

Das nachstehende Foto zeigte dann auch einige der Teilnehmer an dieser Donalitius- Ehrung.

 Donelaitis Tetzner Litauen

Foto von Tetzner zur Donalitiusfeier in Lasdinehlen am 8.4.1896 34

 
1.Herr v. Below auf Lasdinehlen, 4. seine Brüder : Rittergutsbesitzer, 5. seine Mutter, 6. deren Gesellschaftsdame 2. Pastor Freyberg - Tolminkemen, 5. seine Kinder 3.Martin Jankus, Bitenen 7.Frau v. Below, geb. Freiin v. d. G. 8.Sohn des Herrn v. Below - Serpenten - 9. Rittergutsbesitzer v. X.                                                                                                                                                                                                                                                                          Ich fehle, weil ich photographierte.

Auch in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts gibt es mehrere Hinweise dafür, daß bedeutende Persönlichkeiten immer wieder auf den Dichter der „Jahreszeiten,, hinwiesen und dafür sorgten, daß der Pfarrerdichter aus Tollmingkehmen nicht in Vergessenheit geriet.

Zum Neujahrstag des Jahres 1914 jährte sich damit der 200. Geburtstag von Christian Donalitius. Der nebenstehende Artikel aus der Beilage einer ostpreußischen Zeitung vom 8. 1. 1914 berichtete von dem Vorhaben, Christian Donalitius auf dem Rombinus eine Gedenkstätte zu errichten. Der herannahende I. Weltkrieg verhinderte jedoch diese vorgesehene Wür-digung des Dichters der „Jahreszeiten,. In diesem Zeitungsartikel wird auch noch einmal auf das besondere Interesse von Goethe und Lessing an der litauischen Sprache erinnert und in dem Zusammenhang von einer Verbindung zwischen Goethe und Rhesa gesprochen.

Tetzner Bunte Zeitung Donelaitis

Die Kriegsjahre und die folgende Zeit in den zwanziger Jahren brachten für Deutschland und seine Nachbarn allein durch den Versailler Vertrag ausreichend Zündstoff für Unruhen, insbesondere im Nordosten Deutschlands. Allein die zunehmenden wirtschaftlichen Probleme stellten das kulturelle Leben völlig ins Abseits. Mit den beginnenden dreißiger Jahren wurde dann alles Leben in Deutschland der Ideologie des tausendjährigen Reiches unterworfen.

Sicherlich wußten manche von den alten Menschen im Kirchspiel Tollmingkehmen noch etwas vom dem Dichterpfarrer Christian Donalitius zu erzählen, doch der jungen Generation wurde ein anderes Bild von ihm gezeichnet. So konnte man in einem Heimatkundebuch lesen, das schon im Vorwort begann „Der gesamte Heimatgedanke ist im Deutschland Adolf Hitlers neu belebt und gestärkt worden,, und vom Lehrer Lemke aus Insterburg damit ergänzt wurde: „Pfarrer Donalitius lebte 37 Jahre als ein origineller Mann in Tollmingen. Er war Pfarrer und Dichter. Seine Gedichte vertraten bei ihm die Stelle eines Tagebuches, in dem er seinem Herzen Luft machte. Für die Litauer, die heute noch keine höhere Geisteskultur haben, hat seine Dichtung einen hohen Wert. Doch kann von größerem dichterischem Meisterwerk keine Rede sein.„35

Als nach 1945 die Menschen in Deutschland aus den Ruinen krochen und die ersten Nachkriegsjahre mit den materiellen Sorgen bald überwunden waren, entwickelte sich auch zunehmend der Wunsch nach einem kulturvollen Leben. Schriftsteller und Dichter kehrten aus der Emigration zurück. Ernst Wiechert, gebürtiger Ostpreuße, 1938 KZ- Häftling in Buchenwald, ging 1948 in die Schweiz. Im gleichen Jahre wurde Wiechert gebeten, für eine geplante Wiederauflage der „Jahreszeiten, in der Übersetzung von Passarge das Vorwort zu schreiben. Während die Ausgabe aus unbekannten Gründen nicht erschien, ist das Vorwort des 1949 verstorbenen Dichters erhalten, in dem er schrieb: „Dieses litauischen Dichters zu gedenken, nicht mit Kränzen oder Denkmälern, sondern mit der Herausgabe seines Lebenswerkes, war uns allen eine schöne Verpflichtung, die wir gleichzeitig dem Wesen der Dichtung wie jener Erde verbunden sind. ... Wir aber haben dieses Land nicht vergessen und nicht des Dichters, bei dem kein Geringerer als Goethe an den Sänger der Ilias und der Odyssee gedacht hat.„36

Allein das Vorhaben war ein ermutigender Anfang nach zwölfjähriger kultureller Finsternis. Im Jahre 1966 erschienen dann die „Jahreszeiten,, als neue Übersetzung ins Deutsche nach Rhesa, Nesselmann und Passarge nun von Hermann Buddensieg. Der Literaturkritiker Baldus wertet diese vierte deutsche Übersetzung, die als erste Ausgabe mit Illustrationen litauischer Künstler ausgestattet war, so: „Hermann Buddensieg hat mit seiner Neuübertragung der „Jahreszeiten„ des alten Kristijonas Donelaitis eine deutsche Nachdichtung geschaffen, die in jeder Weise der Größe und dem Wert des litauischen Originals entspricht. Und das vor allem, weil sich hier, unverwechselbar und wohl kaum auch wiederholbar, die wissenschaftliche Exaktheit bei der Übernahme des Stoffes ganz und gar mit der künstlerischen Kraft und Schönheit des Sprachstils verbindet, das National-Litauische in seiner Eigenart und Besonderheit also mit feinstem Gespür für unser eigenes deutsches Sprachempfinden.„37 - Besondere Bedeutsamkeit erhält diese Ausgabe auch dadurch, daß sie in beiden deutschen Staaten erschien,38 einem Phänomen gleichkommend, das nur wenige Bucherscheinungen in jener Zeit der absoluten Trennung beider Staaten durch den Mauerbau erlebten.

Der nachfolgenden, getrennten Nennung weiterer Erscheinungen für die beiden deutschen Staaten bis zur historischen Wiedervereinigung im Jahre 1989 sollte keine Wertung durch die Reihenfolge entnommen werden.

In der Bundesrepublik war es den einstigen Bewohnern von Ostpreußen und damit den Nachkommen des Christian, Selmas oder Dotschys, der Grete, Pimme oder Jeke aus den „Jahreszeiten,, durch die Freiheiten einer demokratischen Entwicklung möglich, über ihre frühere Heimat zu schreiben. So entstanden zahlreiche Bücher in großen Auflagen, Briefe, teilweise in monatlicher Folge und die zentrale Wochenzeitung „Das Ostpreußenblatt„, in denen auch der Dichterpfarrer Donalitius immer wieder gebührend genannt wurde. 39

In der DDR beschäftigten sich Baltisten an der Berliner Humboldt-Universität unter der Leitung von Prof. Falkenhahn mit Donalitius und organisierten im Gedenkjahr 1964 zum 250. Geburtstag eine Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden. Zu dieser Zeit wurde auch eine Volksausgabe der Passarge-Übersetzung der „Jahreszeiten, in der DDR geplant, jedoch leider nicht verwirklicht. 40 Falkenhahn nahm außerdem 1964 an den in diesem Jahr stattgefundenen Feierlichkeiten in der damaligen Litauischen Sowjetrepublik in Vilnius teil. Diese Arbeit der Baltisten in Berlin wurde aber auch nach dem Tode von Falkenhahn fortgesetzt, so trifft sich noch immer ein Kreis interessierter Wissenschaftler unter der jetzigen Leitung von Professor Dr. Eckert von der Universität Greifswald halbjährig auf einer Konferenz. In Greifswald arbeitet inzwischen auch wieder die neugegründete Deutsch-Litauische Literarische Gesellschaft, deren Zweck nach ihrer Satzung in der Förderung der Völkerverständigung und wechselseitigen Verbindung in Bezug auf Litauen und Deutschland besteht.

Für den Ostberliner Lyriker Johannes Bobrowski (1917 - 1965), ein gebürtiger Tilsiter, war Donalitius ein wichtiges Thema in seinen Gedichten; kurz vor seinem Tode entstand der Roman „Litauische Claviere„41, in dem Donalitius in den Visionen Potschkas als Zentralfigur erscheint.

Nach der deutschen Wiedervereinigung und der damit verbundenen Öffnung der osteuropäischen Länder entwickelte sich im starken Maße für die ehemaligen Bewohner Ostpreußens eine Art Heimattourismus. Für viele bedeutete die 50jährige Abwesenheit ein enttäuschendes Wiedersehen mit ihrer einstigen Heimat, doch der Besuch in der Kirche in Tollmingkehmen mußte dagegen auf sie wie das Eintreffen einer Touristengruppe in einer Oase inmitten der Wildnis wirken. Doch - wie schon erwähnt - war diese erste Begegnung mit Kristijonas Donelaitis für viele deutschsprachige Besucher vorerst ein Problem.

In dieser Zeit wurden aber auch die nun möglichen Begegnungen und Gespräche mit kulturhistorisch interessierten Landsleuten und vor allem auch mit Litauern, bei denen Donalitius als ihr Literaturklassiker eine besondere, ja außergewöhnliche Ehrung erfährt, wichtig. Die Seminare in der Ostsee-Akademie in Travemünde, der Ostakademie in Lüneburg, im Ostheim in Pyrmont und in den deutsch-litauischen Begegnungen in Wetzlar wurden nicht nur zu bedeutsamen Foren des Gedankenaustausches, sondern boten für alle Teilnehmer eine Möglichkeit, die in den zurückliegenden Jahrzehnten entstandenen national-begrenzten Barrieren zu überwinden, die Vorhaben zum Aufbau eines europäischen Hauses zu fördern und damit die Werke des Donalitius als ein internationales Kulturgut zu verstehen.

Dieser Gedanke läßt sich inzwischen auch aus den jüngsten deutschsprachigen Publikationen über Donalitius herauslesen wie zum Beispiel bei Dietmar Albrecht 42 oder der Mannheimer Journalistin Ulla Lachauer.43 Nicht zuletzt hoffe auch ich, mit meinen Veröffentlichungen 44 einen bescheidenen Anteil daran zu haben, daß nunmehr Christian Donalitius auch in Deutschland die ihm gebührende Anerkennung erfährt.

Für mich darf in dieser Reihe der Name eines Schriftstellers nicht unerwähnt bleiben: Hans-Jürgen Zierke aus Stralsund.45 In seinen Novellen über Donalitius ist es ihm gelungen, uns nicht nur durch seine poesievollen, einfühlsamen Darstellungen um 250 Jahre zurückzuversetzen, sondern vor allem das Porträt eines Donalitius als einer herausragenden Persönlichkeit in unser Herz zu pflanzen und darin zu verewigen. Ein wahrhaft zukunftsweisender Ausblick, der die anfänglichen Gedanken in diesem Beitrag rasch schwinden läßt.

  • 1.Heinz Baranski / Gawaiten „Gumbinner Heimatbrief„, Nr. 76 1/91, Seite 22 - 25
  • 2.Wie schon in der Überschrift so auch im fortlaufenden Text wurde vom Verfasser bewußt diese Namensform „Donalitius,, verwendet, die von Christian Donalitius (17141780) urkundlich nachweisbar selbst benutzt wurde.. Bei den familienkundlichen Forschungen im Hauptamt Insterburg, vom späteren preußischen Königreich auch als Litauen bezeichnet, im 17. und 18. Jahrhundert erfährt der Genealoge Probleme mit der Namensgebung, das sogar für Familien- und gleichermaßen für Ortsnamen. Während bei der hier behandelten Familie galt noch im 17. Jahrhundert zumeist der Name Donaleitis, aber auch in unterschiedlichen Schreibweisen wie Donelaitis usw. Bereits zu dieser Zeit gaben sich aber auch Mitglieder dieser Familie, die studierten, den latinisierten Namen Donalitius (1706), auch Donalaitius (1679). Für Christian Donalitius gibt es 1743 den ersten urkundlichen Beweis, das er sich so nannte und auch so schrieb. Doch schon um 1714 gibt es den Nachweis, daß Mitglieder dieser Familie auch schon die Namensform Donalies, Donalys, Donelis u. ä. benutzten. Auch bei Christian Donalitius muß dieser Name bereits bekannt und genutzt worden sein, denn in einer Prästationsliste von Tollmingkehmen aus dem Jahre 1782, also 2 Jahre nach dem Tod von Donalitius, schrieb man als Bewohnerin des Pfarrwitwenhauses ein: Pfarrwitwe Donalies. Die vorstehenden Angaben wurden in den „Neuen Donalitiana„ dargestellt und belegt.
  • 3. F. Goldbeck „Litterarische Nachrichten von Preußen, in 2 Theilen- Eigenverlag Leipzig und Dessau 1781
  • 4. L.von Baczko „Geschichte und Beschreibung Königsbergs,,, 1. Auflage - S. 658.   Der gleiche Verfasser nennt jedoch auch den Bruder Christian Donalitius als Dichter der „Jahreszeiten, in seiner Veröffentlichung „Versuch einer Geschichte der Dichtkunst in Preußen, - Königsberg 1824
  • 5. in „Altpreußische Geschlechterkunde, Jg., 1930 - Seite 113/14 - Königsberg
  • 6. Hennig „Chronologische Übersicht der denkwürdigsten Begebenheiten, Todesfälle und milden Stiftungen in Preussen, vorzüglich in Königsberg, im achtzehnten Jahrhundert,, - Elbing 1803
  • 7. Preuß „Friedrich der Große,, , II - Seite 159/60 (oder: Preuß I - S. 272) - Berlin 1833. Ebenda: Hasencamp „Preussen unter dem Doppelaar„, Seite 498 -Königsberg 1866 geschildert.,, Der Tod des Dichterpfarrers im Jahre 1780 bleibt allerdings auch hier unbeachtet.
  • 8. Für die vorstehenden 13 Zeilen hat der Verfasser aus den verschiedensten Quellen vielfältiges Beweismaterial zusammengetragen und in den bisher zusammengestellten vier Ausgaben unter dem Titel „Neue Donalitiana„
  • 9. Hierfür kann der Verfasser den Nachweis erbringen, daß Christian Donalitius am 11. Oktober 1744 die Witwe dieses Schulrektors, Anna Regina, geb. Ohlefant, Tochter eines Richters aus Goldap heiratet.
  • 10. Dieses Schreiben enthält die Unterschriften des Universitätsdirektoren Langhausen und Kypke sowie der Professoren Schultz, Salthenius und Arnoldt
  • 11. Spätestens für das Jahr 1743 gibt es den urkundlichen Nachweis in dem Stallupöner Taufbuch, in dem am 25.5.1743 bei einer Familie Böhm als Taufpate eingetragen wurde: „Rect. Donalitius„, seitdem gibt es weitere Beweise für die ausschließliche Verwendung dieser Namensform. Siehe auch dazu die Anmerkung 2
  • 12. Rhesa „Das Jahr in vier Gesängen - Vorbericht,, - Seite VIII - Königsberg 1818
  • 13. Bock „Wirtschaftliche Naturgeschichte Preußens, I. Teil, - S. 199 - 1782
  • 14. Tetzner „Christian Donalitius und seine Zeit, in Zeitschrift >Nord und Süd<, Nr. 80, Leipzig 1897
  • 15. Kenkel „Amtsbauern und Kölmer im nördlichen Ostprezußen um 1736„ , Sonderschrift Nr. 23 des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen e. V. - Hamburg 1995
  • 16. Siegfried Hungerecker „Die Untersuchungen der litauischen Ämter durch die Kommission Blanckensee im Jahre 1727
  • 17. der hier verwendete Begriff drückt sicherlich nicht die Realität aus, denn in der Tat kennt wohl jeder forschende Ostpreuße in seiner Genealogie solche „Vermischungen,, deutscher, litauischer, polnischer und anderer Familien miteinander und weiß um die segensreichen Wirkungen, doch habe ich diese Bezeichnung einer familiengeschichtlichen Schrift entnommen, nach der unter dem Titel „Mischehen, 1744 ein Sohn vom zuvor genannten Endrig Wehnau, mit dem Namen Heinrich Wenau (also auch ein Litauer) eine Maria Schwalbe, Tochter eines deutschen Bauern heiratete.
  • 18. Christian Donalitius „Die Jahreszeiten, in der Übersetzung von Ludwig Passarge, Seite 94 - Nachauflage, Lilienthal 1999
  • 19. ebenda, Seite 129
  • 20. ebenda, Seite 111
  • 21. Sein Vater, Christoph Donelaitis, Kölmer aus Wilkoschen, nahm u. a. an der Zusammenkunft in Gumbinnen am 26.8.1719 zur Einführung des Generalhufenschoßes teil. Im Protokoll darüber wurde er eingetragen mit: Christoph Donelis von Wilkoschen. Dieser und ein weiterer Sohn Hans sind nachweislich die Vorfahren meiner Großmutter, in Kirchenbuch-Eintragungen fand ich auch bereits für ihn die Namensform Hans Donalys. Der Genealoge Kurt Donalies aus Mannheim (1909 - 1994) schrieb in seinen Stammtafeln über diese Vorfahrenfamilie, der auch er entstammt: „Vorfahren sollen schon in der Ordenszeit Wildnisbereiter gewesen sein„.
  • 22. Christian Donalitius „Die Jahreszeiten,, in der Übersetzung von Ludwig Passarge, Seite 188 - Nachauflage, Lilienthal 1999
  • 23. ebenda, Seite 89/90
  • 24. F. Tetzner „Christian Donalitius,, in Altpreußische Monatsschrift, Band XXXIV, Heft 3 und 4 - 1897
  • 25. Lutz Wenau „Neue Donalitiana IV„
  • 26. F. Tetzner „Die Tollminkemischen Taufregister des Christian Donalitius,, in Altpreußische Monatsschrift, Band XXXIII, Heft 1 und 2 - 1896
  • 27. Lutz Wenau „Neue Donalitiana IV„
  • 28. Rhesa „Das Jahr in vier Gesängen - Vorbericht,, - Seite III - Königsberg 1818 oder: Christian Donalitius „Die Jahrszeiten, in der Übersetzung von Passarge - Vorwort von Lutz Wenau, Seite II - Lilienthal 1999
  • 29. ebenda im Vorwort von Lutz Wenau, Seite VI - Lilienthal 1999
  • 30. An dieser Stelle wurde u. a. über die Einsichtnahme der Originalverse sowie der Abschriften von Hohlfeldt durch den Schreiber des Artikels gesprochen
  • 31. Jacob Penzel „Die erste Würdigung der Dichtung des Donelaitis„ in Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung Nr. 152, III. Band, S. 297 ff. - Augusts 1818
  • 32. Nach der letzten Eintragung im Taufbuch des Jahres 1760 trug Donalitius dieses Gedicht ein, in dem er sich erneut an seinen Nachfolger wandte: Unschuld sey mein ganzes Leben / und mein Wandel Redlichkeit, / Wohl zu thun und gern zu geben / Sey mein ganzes Herz bereit. / Klugheit, - Ernst - und viel Geduld / Gott und Menschen ohne Schein zu lieben; / Niemand auch im gringsten zu betrüben, / Dieses sey nur meine Schuld. - confer Galat. 6. 9. 10.
  • 33. Eine Zusammenstellung und kurze Beschreibung der Veröffentlichungen von Tetzner in: Lutz Wenau „Neue Donalitiana II, Seite 21 ff. - 1998
  • 34. Domas Kaunas „Gesichter und Ansichten aus Kleinlitauen,, - Seite 26, Bild Nr. 16, Vilnius 2000
  • 35. Karl von Buchka / Willi Lemke „Heimatbuch des Kreises Goldap„ - Druck 1939 in Insterburg
  • 36. Original liegt bei der Internationalen Ernst-Wiechert-Gesellschaft e. V. - Veröffentlicht in Christian Donalitius „Die Jahreszeiten„ in der Übersetzung von Passarge, im Vorwort von Lutz Wenau, Nachauflage Lilienthal 1999, Seite XVI - ebenso: Lutz Wenau „Neue Donalitiana III, 1998, Seite 42/43
  • 37. Alexander Baldus „Die Jahreszeiten des Donelaitis. Zur Neuausgabe des litauischen Nationalepos„ in „Begegnung,, 4, Köln 1968
  • 38. Ausgabe in der Bundesrepublik Deutschland: Kristijonas Donelaitis „Die Jahreszeiten,, - Wilhelm Fink Verlag München, 1966. Ausgabe in der DDR: Kristijonas Donelaitis „Die Jahreszeiten - ein litauisches Epos„ - Insel-Bücherei Nr. 928, 1970 (jedoch ohne Illustrationen und mit einem neuen Geleitwort von H. Buddensieg). - ebenso: Lutz Wenau „Neue Donalitiana III, 1998, Seite 44/45
  • 39. Einige Beispiele für Bücher sind: Grenz „Gumbinnen,,, Marburg 1971; Grenz „Die Geschichte des Kreises Stallupönen„, Marburg 1981; Toffert „Goldap in Ostpreußen,, Leer 1992 - Briefe: Gumbinner Heimatbrief, seit 1963; Ebenroder Heimatbrief, seit 1965; Die Heimatbrücke (Kreis Goldap), seit 1948 - im Ostpreußenblatt Beiträge von Forstreuter, Baranski, Wenau u.a.
  • 40. Victor Falkenhahn „Zum Gedenken an Kristijonas Donelaitis,, - in Zeitschrift für Slawistik 9 / 1964, S. 798 ff.
  • 41. Johannes Bobrowski „Litauische Claviere„ - Berlin 1967
  • 42. Dietmar Albrecht „Wege nach Sarmatien zehn Tage Preussenland„, Lüneburg 1995
  • 43. Ulla Lachauer „Tollmingkehmen - ein Ort der Weltliteratur,, in Annaberger Annalen 2
  • 44. Lutz Wenau „Der Pfarrerdichter von Tollmingkehmen und seine Zeit„ - Lilienthal 1996; Christian Donalitius „Die Jahreszeiten in der Übersetzung von Passarge„ - Nachauflage 1999; Lutz Wenau „Neue Donalitiana I- IV„ - 1996-99 (Verlagsinterne Veröffentlichungen)
  • 45. Heinz-Jürgen Zierke „Ana Regina Vaziuoja i Miesta„ (litauisch) - Kaunas 1998; Novelle „Gottesmorgen in Tolmingkehmen„ (deutsch) in Annaberger Annalen 6 / 1998 

Litauische Seite über Donelaitis auf englisch. Kristijonas Donelaitis: The Cycle of Seasons and Writings

 

Zurück

 

Tomas Venclova    "Ich ersticke"

 

Tomas Venclova

Tomas Venclova


Litauen auf nationalistischen Irrwegen

 

Dieser Text von Tomas Venclova erschien in der Zeitschrift Osteuropa (01/2011), der Deutschen Gesellschaft Osteuropa, Berlin.

Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Übersetzerin Andea Huterer.


Wir leben in einer Zeit des Skeptizismus, des freien, kritischen Denkens
und des globalen Denkens. In Litauen jedoch beklagt die geistige Führungsriege
Euro-Kollaboration und Indoktrination im Zeichen der Globalisierung.
Sie predigt Intoleranz gegen Minderheiten und verschanzt sich
hinter einer Mauer aus Fremdenhass und vermeintlichem Nationalstolz.
Polen, Juden, Russen und neuerdings auch die USA gelten als feindliche
Mächte. Diese Haltung ist auch ein Erbe der Sowjetzeit, als den
Menschen eine primitive Mentalität eingeimpft wurde, die Xenophobie
und Hass auf „Kosmopoliten“ beinhaltete.

 

Im Jahre 423 v. Chr. wurde Aristophanes’ Stück Die Wolken bei den Großen Dionysien
in Athen uraufgeführt. Die Komödie errang nur den dritten Preis hinter dem Sieger,
Kratinos’ Die Flasche, und einem Stück von Ameipsias. Die anderen beiden Komödien
sind in Vergessenheit geraten, während Die Wolken bis heute gelesen und gespielt werden.
Es ist wohl Aristophanes’ literarisch bedeutendstes Werk, und dabei unbestreitbar
komisch.
Im Zentrum der Handlung steht der Großbauer Strepsiades, neben dessen Haus der
Philosoph Sokrates (der zu jener Zeit noch lebte und das Stück vermutlich sah) eine
Denkerschule errichtet hat. Strepsiades ist ein patriarchaler, aufrechter Landwirt,
dessen Sohn sich, wie es so geht, neuen Moden verschrieben hat und seinen Vater
dadurch in Schwierigkeiten bringt. Stellt er Strepsiades auch als leicht komische Figur
dar, so macht Aristophanes doch zugleich deutlich, dass nach seiner Überzeugung
ohne einen solchen Menschenschlag Gesellschaft und Staat schnell zusammenbrechen
würden. Für Strepsiades sind die wichtigsten Dinge die Sitten und Gebräuche der
Vorfahren und die nationalen heiligen Stätten. Er weiß, dass es richtig ist, an die alten
Götter zu glauben oder, genauer gesagt, Rituale zu deren Ehren abzuhalten. Alles ist
klar für ihn, er kann genau zwischen Gut und Böse, zwischen Schwarz und Weiß

unterscheiden. Demgegenüber ist Sokrates nach Aristophanes ein Skeptiker und Relativist,
der Dinge und Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Er sagt
nicht, dass Eltern immer Recht haben. Er zweifelt an den Göttern, das heißt an den
traditionellen Werten, wagt es gar, sie zu leugnen. Für ihn ist das denkende Individuum
wichtiger als das Kollektiv, die Gemeinschaft oder die Nation. Zudem beschränkt
sich sein Interesse, wie das von Strepsiades, nicht auf Attika, auf seinen
eigenen dēmos, sondern richtet sich auch auf andere Länder, ja auf das Universum –
Sokrates ist klar ein Globalist und Kosmopolit.
Heutzutage würden viele mutmaßen, Sokrates wäre Jude oder hätte zumindest eine
jüdische Mutter, oder aber seine Frau Xanthippe wäre Jüdin. Aber zu jener Zeit gab es
in Athen keine Juden, und es ist unwahrscheinlich, dass dort irgendjemand von ihnen
gehört hat. Schlimmer stehen die Dinge, wenn es um Homosexualität geht. Mochten
die alten Athener darin generell nichts besonders Verwerfliches sehen, so betrachtete
Aristophanes sie doch als obszön und abscheulich. Sokrates wiederum scheint ungeachtet
dessen, dass er verheiratet war, Abenteuern mit dem attraktiven Alkibiades und
anderen Männern nicht abgeneigt gewesen zu sein.
Strepsiades versucht erfolglos, an der Denkerschule zu studieren. Schnell kommt er
zu dem Ergebnis, dass Sokrates all das, was am heiligsten ist, entweiht, die Moral
untergräbt, das Denken vergiftet, die Jugend belästigt und somit das Rückgrat der
Nation schwächt, und dies zu einer kritischen Zeit, nämlich während des Peloponnesischen
Krieges. Am Ende der Komödie setzt er die Denkerschule mit Sokrates und
seinen Anhängern in Flammen. Sokrates’ letzte Worte im Stück sind: „Ich ersticke!“
Der Autor ist klar auf Strepsiades’ Seite, und Sokrates bekommt, was er verdient. Die
Komödie ist letzten Endes eine Denunziation, oder wie wir zu sowjetischer Zeit zu sagen
pflegten, ein donos (донос). Wie allgemein bekannt, wurde Sokrates von den Athenern
verurteilt und musste den Schierlingsbecher trinken . . . Dies geschah zwar viel später,
doch seine Ankläger wiederholten im Wesentlichen Strepsiades’ Argumente.

 

———
• Tomas Venclova (1937), litauischer Lyriker, Professor für Slavische Sprachen und Literaturen
an der Yale University, New Haven, Conn.
Von Tomas Venclova ist in OSTEUROPA erschienen: Die in der Kälte wohnten. Litauische
Dissidenz 1953–1980, in: Freiheit im Blick. 1989 und der Aufbruch in Europa [= OE, 2–
3/2009], S. 41–50. – Über den „Königsberg-Text“ der russischen Literatur und die Königsberg-
Gedichte von Iosif Brodskij, in: Die Zukunft Kaliningrads. Konfliktschichten und Kooperationsfelder
[= OE, 2–3/2003], S. 159–177. – Unabhängigkeit, in: Litauen zu Gast. Vom
Mythos der Mitte ins Zentrum des Interesses [= OE, 9–10/2002], S. 1209–1216.
Der vorliegende Text ist eine erweiterte Fassung des Textes: Aš dūstu, in: Bernardinai.lt.
Interneto dienraštis, 14.7.2010. Die Anmerkungen stammen von der Redaktion.

 


Unsere sokratische Welt des kritischen, globalen Denkens


In einem guten Drama ist eine Seite nie völlig im Unrecht. Dies gilt auch für den
Konflikt zwischen Strepsiades und Sokrates (oder, genauer gesagt, zwischen Aristophanes
und Sokrates). Einige von Strepiades’ Gedanken enthalten durchaus Wahres.
Aber was immer man auch sagen mag, es gibt doch einen entscheidenden Unterschied:
Sokrates hätte nicht Strepsiades’ Haus niedergebrannt und hätte ihn nicht bei
der Obrigkeit angezeigt.
Wie wir wissen, hat die Geschichte Sokrates zum Sieger erklärt. Aufs Ganze gesehen
leben wir in seiner Welt, einer Welt des Skeptizismus, der Gedankenfreiheit, der
kritischen Beurteilung traditioneller Werte und des globalen Denkens. Natürlich
schließt dies nicht den gesamten Globus ein – man denke an die islamischen Staaten –,
doch könnten in nicht allzu weiter Ferne auch Letztere mit eingeschlossen sein. Für
diese Welt haben wir teures Lehrgeld gezahlt – und zahlen es immer noch –, und doch
ist diese Welt mir lieber, oder ich finde sie zumindest interessanter als Strepsiades’
Welt. Hätte Strepsiades oder genauer gesagt seine Idee gesiegt, wir würden bis heute
in Gemeinschaften moralischer, hart arbeitender, patriarchaler Bauern leben, die ihre
Heimat lieben und nichts wissen, nichts wissen wollen über ferne Länder oder das
Universum und die im Übrigen von verhassten und wirklich gefährlichen barbarischen
Stämmen umzingelt sind. In Sokrates’ Welt haben Strepsiades und seine Werte
bis zu einem gewissen Grade überlebt – zumindest das, was wirklich wertvoll an
ihnen war, hat überdauert. Geblieben ist Aristophanes, weil er gut schreiben konnte
(wie Auden sagen würde: die Zeit hat ihm deswegen Vergebung gewährt, weil er gut
schreiben konnte).1 In Strepsiades’ Welt gäbe es nicht die geringste Spur von Sokrates,
ja nicht einmal von Aristophanes.
Die Wahrheit ist, Strepsiades konnte gar nicht gewinnen. Wenn eine Denkerschule –
ein Ort von Denkern – einmal entstanden ist, wird sie nie wieder verschwinden, und
möge man sie Hunderte Male niederbrennen. Sie wird immer wieder erstehen.
Unser Sokrates war Vytautas Kavolis.2 Niemand von uns ist Plato, Aristoteles oder
Xenophon. Aber es ist vielleicht nicht zu vermessen zu sagen, dass wir litauische Phaidons,
Phaidrosse oder Kritos sein müssen – Schüler, die dafür verantwortlich sind, das
Gedankengut ihrer Lehrer zu verbreiten und die Erinnerung an sie zu bewahren.


Litauens Intellektuelle auf Strepsiades’ Pfaden


Traurigerweise verspüre ich im heutigen Litauen, wie schon zu sowjetischer Zeit, dieses
brennende Verlangen, die Worte des Sokrates aus Aristophanes’ Komödie zu wiederholen:
„Ich ersticke!“ Vytautas Kavolis würde sie vermutlich ebenfalls wiederholen. Fast
all unsere bekannten Intellektuellen haben sich heute auf Strepsiades’ Weg statt auf den
des Sokrates begeben oder sind dabei, es zu tun, ungeachtet dessen, dass über die ganzen
2500 Jahre hinweg, die zwischen damals und heute liegen, Sokrates’ Weg als der
einem Intellektuellen angemessenere betrachtet wurde. Da ist die Rede von traditionellen
litauischen Werten, als Gegenstück zu und Anathema gegen die dubiosen Werte
Europas und der Globalisierung. Globalisierung ist vermeintlich ein bloßes Deckmäntelchen
und Pseudonym für skrupellosen Raubkapitalismus, und die einzigen, die von
diesem Raubkapitalismus profitieren, sind dunkle internationale Mächte. In der Regel
wird es nicht laut ausgesprochen, aber man gibt doch recht deutlich zu verstehen, dass
damit die Juden (etwa George Soros) gemeint sind.
Diese Mächte zerstören vorsätzlich Nationen, allen voran die litauische Nation, die sie
mehr als alle anderen hassen. Je mehr Toleranz, desto weniger Litauen, so der Philosoph
Arvydas Juozaitis: Wenn wir tolerant sind, werden wir von fremden Kulturen
und Rassen überschwemmt, alle möglichen Eindringlinge werden unsere geheiligten
Bernsteinstrände in Beschlag nehmen, Eindringlinge, gegen die wir uns zur Sowjetzeit
verzweifelt und mehr oder weniger (wenn auch nicht gänzlich) erfolgreich verteidigt
haben. Der Philosoph Vytautas Radžvilas spricht von globalistischer Indoktrinierung,
Gehirnwäsche und Euro-Kollaboration.


———
1 Der Schriftsteller W.H. Auden (1907–1973) verfasste 1939 ein Gedicht zum Gedenken an
den verstorbenen Dichter W.B. Yeats (In Memory of William Butler Yeats), in dessen Urfassung
er die Zeit als Instanz anruft, die über das Bleiben von Dichtung und den Nachruhm
von Dichtern urteilt. Danach zählt vor der Zeit allein die Sprachkunst eines Schriftstellers,
nicht aber seine möglicherweise bedenkliche politische Haltung: „Time [. . .] | Pardoned
Kipling and his views, | And will pardon Paul Claudel, | Pardons him for writing well.“
2 Vytautas Kavolis (1930–1996), Soziologe und Kulturwissenschaftler, floh 1944 aus Litauen
nach Deutschland und ging 1950 in die USA.

 

 Aristophanes Radzivilas

Über den Wolken: Aristophanes, Vytautas Radžvilas (o. rechts) und Arvydas Juozaitis (u. rechts)


Für viele unterscheidet sich diese Euro-Kollaboration nicht von der Kollaboration mit
den Sowjets, nur dass sie vielleicht noch schlimmer ist, weil die Nation nun in schnellerem
Tempo verschwindet. Der Philosoph Romualdas Ozolas erteilt xenophoben Gruppen
seinen Segen. Diese Gruppen geben sich nicht damit zufrieden, die Landesbewohner
in Litauer und Nicht-Litauer zu unterteilen, sie unterteilen die Litauer weiter in Gute
und Böse, Authentische und Kosmopoliten, ja sogar in „genetische Patrioten“ und „genetische
Verräter“. Ein echter Litauer ist ausschließlich der, der Russen, Polen, Juden
und auch Leute aus dem Westen nicht mag, ja besser noch hasst. Die einzigen, die er
vielleicht mag, sind Palästinenser (übrigens fällt es nicht schwer sich vorzustellen, was
unsere Patrioten über Palästinenser zu sagen beginnen würden, wenn sie ihnen routinemäßig
begegneten, wie es ihnen mit den Tschetschenen ergangen ist).
Das Parlament macht sich zum Gespött Europas – löst aber ebenso häufig Horrorgefühle
in Europa aus, indem es ein Gesetz verabschiedet, das den Buchstaben W aus
Pässen verbannt und einen Bann gegen Informationen über Sex verhängt, während
Personen, die sich selber als Freiheitskämpfer betrachten, Steine auf Teilnehmer einer
„Schwulenparade“ werfen (aber Gott behüte niemals auf solche eines Aufmarsches
von Neonazis). Warte nur ein Weilchen, und du wirst wahrscheinlich Parlamentsabgeordnete
sehen, die sich am Niederfackeln von Denkerschulen beteiligen.


Sowjetisches Erbe: Xenophobie und Isolationismus


Einmal las ich – nicht in der litauischen Presse – ein Interview mit einer jungen Frau
aus einem anderen europäischen Land, die auf die Frage antwortete, was der Unterschied
zwischen der politischen Szene in Ost- und in Westeuropa sei. „Sehen Sie, ihr
habt keine Linke“, sagte sie. „Diejenigen, die ihr Linke nennt, nennen wir Rechte.
Und die, die ihr Rechte nennt, nennen wir Bekloppte.“
Leonidas Donskis, einer unserer wenigen Intellektuellen, die den sokratischen Eid
nicht gebrochen haben, stellt offen die Frage: Was ist mit uns geschehen? Leider ist
nichts Besonderes geschehen: Ähnliche Tendenzen kamen schon zur Zeit der litauischen
Unabhängigkeitsbewegung Sąjūdis in der Sowjetunion auf, wenngleich damals
das Freiheitsstreben so dominierend und das Freiheitsversprechen so verlockend waren,
dass man eher versuchte, sie nicht wahrzunehmen. Das sowjetische System musste
man aus drei Gründen ablehnen. Erstens war es ökonomisch dysfunktional; es
drängte das Imperium und damit auch Litauen in eine verarmte, hoffnungslose Rückständigkeit.
Zweitens unterdrückte es auf schändliche Weise die Rede-, Gedankenund
Gewissensfreiheit und ermutigte Lügen und Konformität. Drittens isolierte es uns
von der Welt und somit von neuen Ideen, von Errungenschaften in den Bereichen
Wissenschaft und Konsum.
Gleichzeitig gab es keine echten Bedrohungen für die Nation, zumindest nicht nach
dem Ende der Stalinära. Dies wird eindrücklich dadurch belegt, dass Nation und
Sprache nicht ausgestorben sind und in über 50 Jahren nicht einmal Schwunderscheinungen
zeigten. In der Stalinzeit dachten die Sowjets weniger in Kategorien von
Ethnizität denn von Klasse, und später, nach Stalin, in vollkommen pragmatischen
Kategorien: Solange du dich unserer Herrschaft nicht entgegenstellst, wirst du nicht
zerstört werden und kannst eine Karriere verfolgen, ungeachtet deiner ethnischen
Zugehörigkeit. Deine Mentalität und deine Moral sind etwas Anderes: Wir werden sie
in eine Richtung lenken, die uns nutzt.
Worauf die Sowjets wirklich bedacht waren, das erreichten sie: Sie demoralisierten
ernsthaft die von ihnen Beherrschten, ohne Ansehen der Sprache, die sie sprachen,
oder ihrer Selbstauffassung. Darüber hinaus impften ihnen die Sowjets eine beschränkte,
primitive Mentalität ein, die auch Xenophobie und Hass auf alle Arten von
„Kosmopoliten“ beinhaltete. Im Wesentlichen konservierten sie auf perfekte Weise
exakt die Sorte litauischer Nation, die unsere Pseudo-Intellektuellen so lieben.
In der Sąjūdis-Zeit ließen sich die Massen am einfachsten mobilisieren, indem man das
nationale Moment betonte, da dies keine tiefere Reflexion voraussetzte: Die Mehrheit
der Menschen reagierte automatisch oder halbautomatisch auf nationalistische Appelle;
Nationalstolz ist an sich eine ehrenhafte Sache. Der Enthusiasmus jener Zeit war wunderbar,
und die Opfer, die damals gebracht wurden, verdienen großen Respekt.
Doch heute sehen wir die andere Seite der Medaille nationalistischer Parolen. Seit
mindestens 50 Jahren, ja vielleicht länger (bezieht man die autoritäre Smetona-
Periode mit ein)3 fehlt es Litauen an einer normalen, „sokratischen“ intellektuellen
Kultur. Die Menschen sind daran gewöhnt, ausschließlich in ethnischen Kategorien
zu denken, und haben das Verlangen und die Fähigkeit verloren zu erkennen, dass es
noch andere Kategorien und andere Arten von Werten gibt, die manchmal sogar wichtiger
sein können. Ein primitiver, unreflektierter Nationalismus ist ans Ruder gekommen,
den ich einen „strepsiadischen“ Kult des eigenen dēmos nennen würde; das
Verlangen, Isolation und Provinzialität zu verewigen.
Die Tatsache, dass Litauen die längste Zeit seiner Geschichte eine Agrargesellschaft
von Kleinbauern war, verleiht dieser Art von Nationalismus Rückhalt und Stärke.
Verstärkt wird er zudem durch neue historische Phänomene wie eine wachsende Ungleichheit,
verbreitete Korruption, die globale Wirtschaftkrise und die zunehmende
Enttäuschung von Konsumerwartungen (also genau solche Erscheinungen, wie sie
seinerzeit zum Aufstieg des Nationalsozialismus – wie im Übrigen auch des Kommunismus
– beitrugen). Ich sage es nur ungern, aber man kann wohl kaum mehr bezweifeln,
dass viele unserer Intellektuellen, die sich nun auf den Strepsiades-Weg begeben
haben, in Wirklichkeit nie richtige Intellektuelle waren; sie waren wohl eher Karrieristen,
denen es nicht gelang, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, der ihren Vorstellungen
entsprach, und deren Frustration perfekt mit derjenigen großer Bevölkerungsgruppen
korrespondiert.
Es ist leicht zu erkennen, dass wir nicht die Einzigen in einer solch misslichen Lage
sind. Aggressive Fremdenfeindlichkeit, Isolationismus und ein ausgesprochen finsterer
Klerikalismus sind auch in Polen klar erkennbar, vielleicht sogar noch stärker
ausgeprägt als in Litauen (unsere Kirche ist nicht so einflussreich, ist dabei aber auch
nicht so stark nach rechts abgedriftet). Es ist wahr, dass Polen über eine lebendigere
Protestkultur gegen diese Phänomene verfügt – dort gibt es eine starke, mächtige
Gruppe von Intellektuellen von Adam Michnik bis Andrzej Wajda, welche die Dinge
ausgezeichnet analysieren und bremsend wirken. Schlechter ist die Lage wohl in
Ungarn und der Slowakei, wo faschistoide Tendenzen den Machtapparat tief durchdrungen
haben und es nur eine schwache Opposition dagegen gibt. Man könnte ebenso
einige Probleme erwähnen, die unsere baltischen Nachbarn betreffen. Doch beschränken
wir uns auf Litauen.

 

———
3 Antanas Smetona (1874–1944), 1919/20 und 1926–1940 litauischer Staatspräsident, errichtete,
gestützt auf den Bund der litauischen Nationalisten, einen totalitären Einparteienstaat, floh
nach dem Einmarsch der Roten Armee 1940 über Deutschland und die Schweiz in die USA.


Litauische Intellektuelle als Jünger Carl Schmitts


Es ist recht und billig, seine Heimat, seine Nation und seine litauische Identität zu
lieben. Ich füge hinzu, dass für mich persönlich das Gedeihen der litauischen Nation
und Sprache außerordentlich wichtig ist, weil ich nicht nur ein Publizist bin, sondern
in erster Linie ein Dichter: Das Schicksal des litauischen Wortes wiegt viel für mich.
Ich möchte ganz einfach einen Leser haben, nicht nur heute, sondern auch in Zukunft.
Und doch stimme ich nicht damit überein, dass es richtig wäre, nur die spezifische
Heimat, Nation und litauische Identität zu lieben, die sich viele unserer Philosophen
und Nicht-Philosophen vorstellen: „Als ob du sie liebst und fertig! Und nie darüber
reflektierst.“ Die Nation ist nach der Vorstellung dieser Philosophen und Nicht-
Philosophen unerhört schwach und hilflos: Wenn du sie nicht mit einem stabilen Zaun
einhegst, idealerweise mit Stacheldraht, droht ihr der sofortige Untergang. Sie muss
natürlich auch einen Feind haben.
Die Doktrin eines Denkers, der den Nazis nahe stand, nämlich Carl Schmitt, ist in
Litauen recht populär, ohne dass die Befürworter dieser Doktrin unbedingt dessen
Namen kennen. Dieser Doktrin zufolge lassen sich Nation und Gesellschaft nur durch
das Bild eines Feindes integrieren und zusammenhalten. Die Sowjets waren Musterschüler
von Schmitt, obwohl auch sie nicht immer von ihm gehört hatten. Auch wir
können oftmals nicht glauben, dass Litauen unter den Bedingungen der Freiheit über
leben kann, ohne Feinde zu haben oder solche zu fabrizieren. Es will nicht in unsere
Köpfe hinein, dass die Welt vielleicht doch nicht so böse ist oder dass globale Politik
nicht unbedingt zu unserem Schaden betrieben wird.
Vytautas Radžvilas spricht vom Verlust der litauischen Eigenstaatlichkeit, von Denationalisierung
und der Dekonstruktion von Staat und Nationalbewusstsein in der
Europäischen Union. Es mag befremdlich wirken, aber ich stimme in Teilen mit ihm
überein. Ja, der anachronistische Staat und das nationale Bewusstsein des 19. Jahrhunderts
und der Smetona-Zeit, welches die Sowjets konservierten, sind dabei, dekonstruiert
zu werden, und sie hätten schon vor langer Zeit dekonstruiert gehört. Ein neuer
Staat und ein neues nationales Bewusstsein müssen erstehen, wie sie heutzutage bei den
Deutschen, Engländern oder Franzosen zu sehen sind, nicht aber wie die von Radio
Maryja in Polen oder von Aleksandr Dugin und Aleksandr Prochanov in Russland.
„Meine Adresse ist kein Haus und keine Straße, meine Adresse ist die Europäische
Union“, sagt Radžvilas ironisch. Das stimmt, meine Adresse ist nicht irgendein unbedeutendes,
isoliertes Litauen, das voller Hass und Angst um sich blickt, sondern ein
Litauen in Europa, ein Litauen in der Welt. Es ist im Interesse des litauischen Staates,
sich in das globale Kommunikationsnetzwerk zu integrieren – in das sich, nebenbei
bemerkt, auch unsere traditionellen Feinde allmählich integrieren –, statt sich davon
abzuzäunen. Die Europäische Union, was immer sie auch sein mag und was für Krisen
auch immer sie durchmacht, verändert sich und wächst, sie ist auf der Seite von
Sokrates, nicht von Strepsiades. Sie mit der Sowjetunion zu vergleichen, ist böswillige
Demagogie – so oder so kennt jeder Litauer den Unterschied zwischen Kolyma auf
der einen und Dublin oder London auf der anderen Seite.


Atavistischer Nationenbegriff und Unabhängigkeitsfetischismus


Wir leben in einer Epoche, in der das Konzept der Nation selbst sich zu wandeln
beginnt. Zum ersten wird in Zeiten des Internets und des internationalen Flugverkehrs
die Verbindung zwischen Nation und Territorium schwächer. Heutzutage kann man
auch dann Litauer sein und produktiv am Leben in Litauen teilhaben, wenn man seinen
Hauptwohnsitz auf einem anderen Kontinent hat. Natürlich muss hierfür das
Problem der litauischen Staatsbürgerschaft vernünftig gelöst werden. Zum zweiten
wird Nation mehr zu einer Sache der freien Wahl als zu einer der Abstammung. Viele
Menschen erliegen dem Schreckgespenst des Rassismus, wenn sie sich vorstellen
sollen, dass eine Person aus Vietnam oder mit dunkler Hautfarbe als Litauer bzw.
Litauerin gelten soll, wenn sie in Litauen lebt, die litauische Staatsbürgerschaft hat,
ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllt und Litauisch spricht – und dass ihre Kinder
umso berechtigter als Litauer gelten können (und müssen). Doch dies ist die einzige
humanistische und moderne Haltung hierzu, und somit die einzig akzeptable.
Im Übrigen ist all dies nichts Neues. Die Mehrzahl der Juden wie auch der Iren lebt in
der Diaspora, und dies fügt Israel und Irland keinerlei Schaden zu. Auch die italienische
Diaspora ist groß, ebenso wie die griechische und andere, aber weder Italien
noch Griechenland sind daran zugrunde gegangen. Zudem haben europäische Staaten
traditionell viele Immigranten aufgenommen und tun es weiterhin. Trotz der Probleme,
die es in diesem Zusammenhang gibt, und trotz der Versuche von Rassisten, diese
Probleme zu überzeichnen, hat bislang keine Nation innerhalb der Europäischen Union
Symptome gezeigt, die auf einen Verlust ihrer Ethnizität hindeuten würden. Mehr
noch, viele von ihnen wären ohne ihre Immigranten schon lange wirtschaftlich und
somit auch als Staaten und ethnische Gemeinschaften ruiniert.
Dann ist da auch noch ein psychologischer Komplex, den ich „Unabhängigkeitsfetischismus“
nennen würde. Autarke, uneingeschränkte Eigenstaatlichkeit wird als absoluter,
primärer Wert betrachtet, ungleich wichtiger als Demokratie, menschliche Würde
und gesunder Menschenverstand. Mit Emotionen und ekstatischen Liturgien wird
diese Haltung zu untermauern versucht. Versuche, sie zu modifizieren oder in Frage
zu stellen, werden als Hochverrat aufgefasst, auf den die schwersten Strafen bis hin zu
standrechtlicher Erschießung stehen, entweihen sie doch vorgeblich die in Jahrhunderten
vollbrachten bzw. durchlebten Heldentaten und Leiden der Nation.
Aber Unabhängigkeit ist kein Selbstzweck; sie ist ein Weg, um das Wohl der Nation
sicherzustellen. Sicher ist sie der geeignetste Weg, und dies ist der Grund, warum ich
mich mein ganzes bewusstes Leben hindurch für ein unabhängiges Litauen ausgesprochen
habe. Aber eine Unabhängigkeit ohne jede Einschränkung ist praktisch unmöglich,
und wenn sie möglich wäre, so wäre sie schädlich. Sie ist ein anachronistisches, von den
Träumern des 19. Jahrhunderts ererbtes Gedankenkonstrukt. Schon möglich, dass in
(recht ferner) Zukunft an die Stelle unabhängiger Staaten eine globale Union tritt – eine
Weltordnung, deren Umrisse bereits erkennbar sind –, doch dies würde keineswegs
bedeuten, dass ethnische Unterschiede, Sprachen und Traditionen verschwinden würden.
Gegenwärtig gibt es keine völlig unabhängigen Staaten, außer vielleicht Nordkorea.
Alle anderen Länder, einschließlich der USA und Russlands, begrenzen ihren eigenen
Handlungsspielraum in mehr oder weniger hohem Maße, unter Berücksichtigung
der Interessen Anderer (es kommt zwar vor, dass diese Interessen nicht berücksichtigt
werden, aber dafür werden die entsprechenden Staaten dann – zu Recht – scharf kritisiert).
Wenn jemand im perfekt unabhängigen Nordkorea leben möchte – bitte sehr, aber
er möge dies bitte nicht für die litauische Nation vorschlagen.


Das „litauische Bermudadreieck“ – Konflikte mit Russen, Polen, Juden


Es ist generell eine inakzeptable Praxis, den Staat zum Fetisch oder Idol zu erheben,
denn dies verstößt gegen das Erste Gebot wie auch gegen den gesunden Menschenverstand.
Emotionen und ekstatische Rituale sind eine recht gefährliche Angelegenheit;
sie zählen zu den Methoden, derer sich auch Nationalsozialismus und Stalinismus
bedienten. Heutzutage legitimieren Staaten ihr Existenzrecht nicht mit den heroischen
Taten und Leiden ihrer Urahnen, sondern mit einer funktionierenden Wirtschaft,
Justiz, Administration und Selbstverwaltung. In diesen Bereichen haben wir
leider immer noch nicht viel, auf das wir stolz sein könnten. Fremdenfeindlichkeit
und Isolationismus beeinträchtigen klar die Beziehungen zu unseren Nachbarländern.
Ich habe wiederholt über das gefährliche „litauische Dreieck“ (oder sollte ich sagen,
das „litauische Bermudadreieck“) gesprochen: über die Konflikte mit Russen, Polen
und Juden bzw. mit Russland, Polen und Israel.
In der Sąjūdis-Zeit und in den ersten Jahren der Unabhängigkeit schienen zuweilen
diese Konflikte langsam, aber sicher bereinigt zu werden. Leider aber ist dies nicht so,
und heute gewinnen die Konflikte wieder deutlich an Schärfe. Man mag mir antworten:
„Wir tragen daran nicht allein die Schuld.“ Dem stimme ich zu, aber die Tendenz,
sich lauthals über die Schuld der anderen zu beklagen, macht, und sei es auch eine
noch so verständliche psychologische Reaktion, die Dinge nur schlimmer. Über seine
eigene Schuld zu sprechen (was innere Reife und ein gewisses Maß an Anstrengung
erfordert), kann dagegen Besserung bringen.
Ein tragischer Rückkopplungsmechanismus hat in den Beziehungen zu Wilna-Polen
eingesetzt: Die mangelnde Flexibilität der einen Seite verstärkt die der anderen. Dieser
Mechanismus ist wohl seit 1939 im Gange. Als Vilnius an Litauen zurückfiel, konnten
viele Bewohner noch recht einfach auf die litauische Seite überwechseln. Oftmals waren
sie damit einverstanden oder wünschten es sogar, Litauer genannt zu werden, wenn
auch Litauer anderer Art, die Polnisch sprachen und ihre Bindung an die polnische
Kultur aufrechterhalten wollten. Dies war schlicht eine komplexere Form der ethnischen
Identität, wie sie typisch für Menschen wie Mykolas Riomeris war.4 Anderen fehlte es,
wie wir wissen, an einer klaren ethnischen Identität. Eine weitere Gruppe waren Polen
nicht-lokaler Abstammung, und gegen diese gab es Formen der Diskriminierung.
1939 setzte dann eine aggressive, resolute Lituanisierung des Gebiets ein, ohne Rücksicht
auf dessen spezifische Natur, auf komplexe oder auch weniger komplexe Formen
der ethnischen Identität. Dies wurde, soweit möglich, auch unter der nationalsozialistischen
Besatzung fortgesetzt, was wiederum zu einer litauerfeindlichen Stimmung
unter der lokalen Bevölkerung führte; viele entschieden sich für ein Bekenntnis
zum Polentum anstelle des Litauertums. Es gab auch andere Gründe, aber ich denke,
es kann kein Zweifel bestehen, dass unsere engstirnigen Patrioten in hohem Maße mit
verantwortlich für diese Entwicklung waren.
Heute ist es vermutlich weit schwieriger als damals, diese Animositäten auszurotten.
Ich kann nur empfehlen, kein Öl ins Feuer zu gießen. Manche unserer Politiker betrachten
Polen und andere ethnische Minderheiten als illoyal ex definitione, ganz zu
schweigen von Führungspersonen innerhalb solcher ethnischer Gemeinschaften, die
schlicht als fünfte Kolonne gelten. Selbst wenn man sich dieser Haltung anschließt –
was mir abwegig erscheint –, so ist es im Interesse des Staates, dieser fünften Kolonne
keinen Zuwachs zu verschaffen, sondern sie auszudünnen, andere ethnische Minderheiten
nicht wegzustoßen, sie nicht ständig zu attackieren, ihre Feindseligkeit nicht
herauszustreichen und nicht ihre vermeintlichen Komplotte und Verschwörungen
aufzudecken, sondern genau das Gegenteil zu tun, nämlich sie einem mit verschiedenen
rationalen Methoden, einschließlich Konzessionen, näher zu bringen.
Die litauisch-jüdischen Beziehungen stagnieren. Auf litauischer Seite hält sich der
Ärger auf Efraim Zuroff,5 und weiterhin gibt es Versuche, eine Theorie des „doppel-

ten Genozids“6 zu fundieren, während gleichzeitig gefordert wird: „Wagt es nicht, uns
eine Nation von Judenmördern zu nennen.“
Zweifellos sind die Litauer keine Nation von Judenmördern. Doch unglücklicherweise
hat es in jüngster Zeit Aktionen gegeben, die Argumente dafür liefern, die Litauer
eine Nation von Fürsprechern von Judenmördern zu nennen. Was immer man über
Efraim Zuroff denken mag, er hat Recht, wenn er sagt, dass die Litauer, anders als die
Kroaten, keinen einzigen Judenmörder verurteilt haben. Im Gegenteil gibt es, auch
wenn dies in der Öffentlichkeit und von den Gerichten so nicht artikuliert wird, eine
deutlich wahrnehmbare Haltung, dass es vollkommen richtig sei, solche Verfahren
stillschweigend zu sabotieren. Wir sind nicht reif genug zu verstehen, dass es unzulässig
ist, einen Schwerverbrecher zu rechtfertigen oder zu unterstützen, nur weil er
ein ethnischer Litauer ist (der sich selbst als Patrioten betrachtet) und seine Opfer oder
Ankläger keine Litauer sind.

 


———
4 Mykolas R(i)omeris (Michał Pius Römer), 1880–1945, litauischer Verfassungsrechtler und
Richter aus einer polonisierten Familie von Baltendeutschen.
5 Efraim Zuroff (geb. 1948), Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem und Koordinator
der „Operation Last Chance“ zur Aufspürung der letzten noch lebenden NSVerbrecher.
Zuroff vertritt die These, dass es in Litauen nach wie vor Bemühungen gibt, die
Geschichte des Holocaust umzuschreiben. Die massenhafte Mittäterschaft von litauischen
Kollaborateuren werde weiterhin verdrängt und vertuscht, Massenmörder in Diensten der
Nazis seien nach dem Ende der Sowjetunion rehabilitiert worden.


Fehlbeurteilung der Provisorischen Regierung und falscher Genozid-Begriff


Ich habe mehr als einmal gesagt und sage weiterhin, dass auf diesem Gebiet zwei
schwere Fehler gemacht worden sind, die früher oder später korrigiert werden müssen.
Der erste Fehler betrifft die Provisorische Regierung von 1941. Es muss offen
und ohne Vorbehalte erklärt werden, dass das neue Litauen es kategorisch ablehnt,
diese Episode unter seine ruhmvollen, hochzuhaltenden Traditionen einzuordnen. Die
Provisorische Regierung unterschied sich nicht essentiell vom Tiso-Regime in der
Slowakei oder Pavelićs Ustaša-Staat in Kroatien, zwei Regimen, die kein ernstzunehmender
Historiker als positive Erscheinungen beurteilen würde.
Wir dagegen bezeichnen Mitglieder der litauischen Provisorischen Regierung als
Patrioten, was sie subjektiv betrachtet auch waren; aber wir können keine Patrioten
ehren, die ihrem Land einen so großen Schaden zugefügt haben, dass wir es bis auf
den heutigen Tag nicht geschafft haben, ihn zu tilgen. Sie haben Litauens Prestige
mehr geschadet als mancher Feind des Landes. Wenn es gestattet ist, einmal ein „alternatives
historisches Gedankenexperiment“ durchzuführen, so stellen wir uns bitte
vor, die westlichen Alliierten hätten Litauen 1944 befreit und Stasys Lozoraitis, das
damalige nominelle Staatsoberhaupt, wäre zurückgekehrt. Zweifellos hätte es dann
(wie widerwillig auch immer) einen Prozess gegen die Provisorische Regierung geben
müssen, wie es den Pétain-Prozess in Frankreich gab.7 Auch Pétain war ein Patriot,
der sich auf dem Schlachtfeld um Frankreich verdient gemacht hatte, und er tat sein
Bestes, um Frankreichs Unabhängigkeit zu bewahren, aber um den Preis eines Bünd-
nisses mit Hitler. Einige der Mitglieder der Provisorischen Regierung wären möglicherweise
freigesprochen worden, aber sicherlich hätte keiner von ihnen einen Verdienstorden
erhalten, und keiner wäre zum Patriarchen der Nation erklärt worden. Es
sei daran erinnert, dass sich nach dem Krieg Lozoraitis und einige Zeit lang auch die
VLIK (das Oberste Komitee zur Befreiung Litauens) ziemlich deutlich von der Provisorischen
Regierung distanzierten.
Der zweite Fehler war die Ausweitung des Konzepts des Genozids, das die Unterschiede
zwischen dem Holocaust und anderen totalitären Verbrechen verwischte (übrigens
förderten die litauischen Emigranten noch vor der Wiedererlangung der Unabhängigkeit
diese begriffliche Ausweitung). So sollte das „Museum der Opfer des
Genozids“ im Zentrum von Vilnius eher „Museum der kommunistischen Verbrechen“
heißen. Ansonsten wird es immer eine Quelle für Spannungen und Konflikte sein,
entgegen nicht nur dem gesunden Menschenverstand, sondern auch dem Interesse des
litauischen Staates.

 

———
6 Im Zusammenhang mit dem Bedürfnis vieler Litauer, als Opfer des sowjetischen Regimes
wahrgenommen zu werden, ist oft vom sogenannten „doppelten Genozid“ die Rede: Die nationalsozialistischen
Verbrechen, der Völkermord an den Juden, werden dabei gleichgesetzt
mit den sowjetischen Verbrechen am litauischen Volk; die litauische Kollaboration mit den
NS-Besatzern wird dadurch gerechtfertigt, dass „die Juden“ angeblich die sowjetische Okkupation
und die Deportationen von litauischen Staatsbürgern nach Sibirien 1940/41 unterstützten.
7 Im August 1945 wurde Marschall Henri Philippe Pétain (1856–1951) von einem französischen
Gericht wegen Hochverrats und Kollaboration mit dem Feind zum Tode verurteilt;
Charles de Gaulle wandelte das Urteil in lebenslange Festungshaft um.

 


Russland – (kein) Inbegriff des Bösen


Am kompliziertesten gestalten sich die Beziehungen zu Russland, denn jenes bietet
dieser Tage viel Anlass zu Misstrauen. Aber man sollte nicht übertreiben, schließlich
könnten die Dinge durchaus auch eine andere Wendung nehmen. Dutzende unserer
Politikexperten und Journalisten haben sich darauf spezialisiert, Russland zu demaskieren
(wie im übrigen auch Wilna-Polen und „falsche jüdische Ansprüche“). Dem
liegt ein Denken zugrunde, demzufolge Russland gegenüber Litauen grundsätzlich
feindliche Interessen verfolgt, was gar nicht anders sein könne. Die Russen sind danach
keineswegs Opfer des Stalinismus, sondern vielmehr seine bewussten Verfechter
und Nachfolger (gleichzeitig geben dieselben Leute ihren Zuhörern zu verstehen, dass
der Stalinismus hundertmal schlimmer ist als der Nationalsozialismus).
Was immer Russland auch tut, nach dieser Auffassung hegt es immer böse Intentionen.
Jeder Feind Russlands, wie unverantwortlich, inkompetent oder wenig zivilisiert
er auch sein mag, ist danach automatisch Litauens Freund. Hat Russland Erfolg, ist
dies schrecklich, erleidet es einen Rückschlag, ist dies ein wahrer Segen. Ein florierendes
Russland, das eine wirtschaftliche und kulturelle Wiedergeburt erlebt, wäre
das schlimmste aller Dinge, die Russlands Nachbarn und der Welt zustoßen könnten.
Und der naive oder selbstsüchtige Westen, der dabei ist, sich mit Russland zu arrangieren,
und uns damit zu einem unsicheren, aber zweifelsohne düsteren Schicksal
verdammt, versteht dies nicht. All dies erinnert an eine Karikatur, die ich kürzlich in
einer polnischen Zeitschrift gesehen habe. Zwei Bauern sitzen auf dem Dach eines
Hauses inmitten einer Überschwemmung. Sagt der eine: „Du liebe Güte, was wird
sich dieser Putin wohl als Nächstes ausdenken?“
Meine Prognose ist eine andere. Ich schließe mich eher der Meinung Zbigniew Brzezinskis
an, dass wirtschaftliche und demographische Faktoren Russland zu einer Destalinisierung
zwingen werden und bereits zwingen, wenngleich dies für die Russen auch
in Zukunft ein Weg voller Hindernisse sein wird. Es gibt Grund genug für die Annahme,
dass Russland zu einer ähnlichen Lösung kommen wird wie seinerzeit Mustafa
Kemals Türkei. Alles in allem träumt die Türkei heute nicht mehr vom Imperium, sie ist
für niemanden mehr eine tödliche Bedrohung, weder für die Bulgaren noch für die
Serben oder Griechen, ja nicht einmal für die Armenier. Zudem ist die Türkei NATOMitglied
– gemeinsam mit Griechenland, gegen das sie noch vor nicht allzu langer Zeit
gekämpft hat und mit dem es immer noch Meinungsverschiedenheiten in der Zypern-
Frage gibt (so wie Russland territoriale Auseinandersetzungen mit Georgien hat).
Ein Russland, das Kemal Atatürks Türkei ähnlich wäre, käme unseren Interessen
entgegen, wenn auch nicht den Interessen unserer ewig die Konfrontation suchenden
Politiker, die keine andere Sprache sprechen. Wir sollten nicht zulassen, dass unser
permanenter Mangel an Vertrauen und unser beständiges Pochen auf unsere Ansprüche
das Entstehen eines solchen Russland behindern. Abgesehen davon hat die Mehrheit
der Litauer das endlose Begleichen von Rechnungen und das Demonstrieren alter
Wunden inzwischen wohl leidlich satt.


USA – vom besten Freund zum Feind?


Eine gesonderte Frage ist das Verhältnis zu den USA. Sogar hier ist in letzter Zeit ein
eigenartiger Umschwung zu beobachten. In den Jahren der sowjetischen Okkupation
war Amerika für die Litauer das einzige Land, das sie, wenn auch insgeheim, ohne
Vorbehalte liebten. Zwar erinnerten sie immer wieder daran, dass sie in Jalta von den
Amerikanern ebenso wie von den anderen westlichen Alliierten Stalin ausgeliefert worden
seien. Das sei natürlich nicht schön, doch immerhin betrachte Amerika, im Unterschied
zu den anderen Alliierten, die Annexion Litauens weiterhin als unrechtmäßig.
Und so brüstete sich jeder damit, dass wir in Washington nach wie vor eine Botschaft
hatten und der litauische Botschafter zu diplomatischen Empfängen eingeladen wurde.
Kaum ein Litauer hatte keinen Verwandten in Amerika – das Land hatte Zehntausenden
von Nachkriegsflüchtlingen Zuflucht geboten. Dabei lebten diese dort einfach
fantastisch, jedenfalls im Vergleich zu jenen, die daheim geblieben waren. Die amerikanische
Prosperität war legendär (die Tatsachenberichte darüber blieben freilich
überaus vage). Ebenso legendär war die amerikanische Massenkultur (die nur mit
großer Mühe nach Litauen vordrang). Wie auch die amerikanische Demokratie legendär
war (über die man überhaupt nichts wusste).
In den ersten Jahren nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit hielt sich dieser
„Mythos Amerika“. Alle Hoffnungen ruhten auf den USA und nur auf den USA. Als
George W. Bush 2002 in Vilnius verkündete, jeder, der sich Litauen zum Feind wähle,
mache sich damit auch die USA zum Feind, rief dies Begeisterungsstürme hervor:
Endlich brauchen wir uns nicht mehr vor einer Rückkehr Russlands zu fürchten!
Amerika wurde im Massenbewusstsein dem „kraftlosen“ Europa gegenübergestellt,
doch die bedingungslose Loyalität gegenüber Amerika stieß an ihre Grenzen, als dort
höchst zweifelhafte politische Entscheidungen getroffen wurden. Dies änderte sich
schlagartig, als Barack Obama an die Macht kam. Allein die Tatsache, dass ein Afro-
Amerikaner zum Präsidenten gewählt worden war, erschien unseren vielen Strepsiadessen
unerhört und verhieß in ihren Augen nichts Gutes. Umso mehr entsetzte sie
Obamas Wunsch, mit Russland normale Beziehungen zu pflegen: Dass, sagen wir,
Angela Merkel dies tut, ist Eines; etwas völlig Anderes ist es, wenn es um den Präsi-
denten des mächtigsten Staates der Erde geht. Den Xenophoben und Isolationisten
schien der Boden unter den Füßen weggezogen zu werden.
Heute ist nicht nur der „Antieuropäismus“, sondern auch der „Antiamerikanismus“ in
weiten Kreisen Mode geworden. Vom „Gift der amerikanischen Kultur“ ist da die
Rede, von erbarmungslosen Ausbeutern, wobei die Ausdrücke, die benutzt werden,
verdächtig an die der sowjetischen Propagandisten erinnern. Die litauische Präsidentin
erklärte – als einziges Staatsoberhaupt der Europäischen Union –, dass das New-
START-Abkommen schädlich für ihr Land sei und sie es daher nicht begrüßen könne.
So verwandelt sich das „Bermudadreieck“, von dem oben die Rede war, allmählich in
ein Viereck: Es hat sich noch ein Feind gefunden, und dazu noch ein ziemlich mächtiger.
Dies kann schwerlich in Litauens Interesse sein.


Fazit: Noch ist Litauen nicht verloren


Zurück zu Aristophanes. Was bleibt uns in der gegenwärtigen, nicht allzu froh anmutenden
Situation zu tun? Unsere Meinung zum Ausdruck zu bringen und sie zu verteidigen,
auch dann, wenn die Mehrheit der Nation oder der Intellektuellen dieser Nation
dagegen ist. Wir brauchen kleine, aber unbeirrbare Zirkel, kleine, aber moralisch
anständige „Denkschulen“. Es ist durchaus möglich, dass die Antwort darauf lauten
wird: „Ihr fordert Toleranz, seid aber uns, den wahren Patrioten Litauens, gegenüber
intolerant.“
Dies ist nicht so: Wir verbieten nur das Verbieten, wir verbieten Zwang. Wir sind für
normale demokratische Praktiken. Du magst Bedenken gegen Homosexuelle haben, sie
vielleicht sogar nicht mögen, aber du darfst sie nicht verunglimpfen oder sie mit Steinen
bewerfen. Du magst gegen Immigration eintreten, aber du darfst keine Immigranten
beschimpfen, verprügeln oder brutal deportieren. Du magst deine eigenen politischen
Ansichten haben, aber du darfst deine politischen Gegner nicht Tag und Nacht Verräter
nennen oder sagen, dass für sie kein Platz in Litauen sei. Du kannst gerne mit uns diskutieren
(und wir wollen nicht verhehlen, dass wir deine Meinung für falsch und anachronistisch
halten), aber du darfst nicht diskriminieren. Und wenn du versuchst, eine faschistoide,
neototalitäre Ordnung einzuführen, wirst du nicht nur auf Unzufriedenheit in
Brüssel stoßen, sondern auch auf zivilen Ungehorsam und Widerstand.
Summa summarum bleibe ich Optimist: Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit,
nach wirtschaftlicher und politischer Transformation wird auch die Zeit für eine
geistige Transformation kommen. Aber hierzu müssen wir selber beitragen, anstatt
uns denen auszuliefern, die versuchen, rückständiges Denken zu perpetuieren.


Aus dem Englischen von Andrea Huterer, Washington DC

Christian Donalitius

 

Das Bild Preussisch Litauens im 18. Jahrhundert im Werk von K. Donelaitis

 

"Die Sichtweise von Donelaitis war die eines Konservativen. Er dokumentiert das unpoetische Leben der Litauer, denn er selbst gehört dieser Ethnie an. Er gehörte aber auch zu den "Fremden" durch die Bildung und den Freundeskreis. Die Dichtung von Donelaitis ist im ideellen Sinn sehr wichtig: Der Dichter spricht in einer vornationalen Zeit über nationale Gegensätze, die erst Ende des 19. Jahrhunderts in diesem Teil Europas zum Vorschein kommen werden."

 

Alina Kuzborskas Aufsatz über Kristijonas Donelaitis reißt die komplizierte Geschichte Litauens und Kleinlitauens an, die Gegensätze in Kleinlitauen zwischen Stadt und Dorf, Deutschen und Litauern, der Moderne und dem Festhalten an alter Tradition.

Er macht neugierig auf Donelaitis und die damalige Zeit. Der aufmerksame Leser wird die Ähnlichkeiten zwischen der hier geschilderten stärkeren deutschen Kultur mit der Polonisierung Litauens nach der litauisch- polnischen Personalunion erkennen. Auch dort wurde die dominierende polnische Kultur schnell in Litauen adaptiert.

Dr. Alina Kuzborska wurde in Trakai, Litauen geboren und arbeitet an der Universität Ermland-Masuren in Olsztyn, Polen.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

 

Von Dr. Alina Kuzborska

 

 
Kristijonas Donelaitis (1714-1780) wird heute für den Begründer der litauischen Nationalliteratur gehalten. Er lebte und arbeitete in einer Region Ostpreußens, die Preußisch Litauen bzw. Klein Litauen(1) genannt wurde. Donelaitis hielt sich für einen Litauer, beherrschte perfekt Litauisch, das im 18. Jahrhundert fast ausschließlich von Bauern gesprochen wurde. Andererseits war er Ostpreuße, ein loyaler Untertan des preußischen Königs. Auch seine Ausbildung verdankte er dem preußischen Schulwesen. Er studierte Theologie an der Königsberger Universität, war aber auch verpflichtet, als künftiger Pfarrer einer litauischen Gemeinde die Kenntnisse seiner Muttersprache am Litauischen Seminar (2) zu erweiten. Deutsch war die Sprache, in der Donelaitis sich die Welt der Bildung erschloß. Als Theologe beherrschte er außerdem Latein und Griechisch. Mit seinem ausgeprägten Bekenntnis zur litauischen Sprache und zur litauischen Ethnie schritt er ein Jahrhundert den Litauern aus Groß Litauen voran, die erst Ende des 19. Jahrhunderts ihr nationales Bewußtsein entdeckt und intensiv entwickelt haben.
Donelaitis nahm im literarischen Kontext der Länder, die man heute als Mitteleuropa bezeichnet, eine besondere Position ein. Er gehörte zur Epoche der Aufklärung, deren Ideen sich auch in seiner Heimat, in Klein Litauen, verbreiteten. Ein Nationalgefühl existierte jedoch in Preußen nicht mehr als anderswo (3), und in dieser Hinsicht erscheint Donelaitis' litauische Dichtung als ein innovatives, zugleich aber auch widerspruchsvolles Werk. Neben einer bedingungslosen Loyalität gegenüber dem König und der Tätigkeit als Pfarrer einer deutschen und litauischen Gemeinde sprach der Dichter offen Probleme der Koexistenz vieler Ethnien in Ostpreußen an. Er schrieb litauisch in einem deutschen Staat (4), seine Schriften waren die ersten literarischen Texte, die in dieser Sprache entstanden. Das Werk von Donelaitis vereinigt Elemente aus verschiedenen literarischen Epochen: seine deutsche Gelegenheitsdichtung wurzelt noch stark in der Tradition der Barockliteratur, sechs litauische Fabeln gehören zur Aufklärung. Sein Hauptwerk Die Jahreszeiten schrieb er im Hexameter, dabei verwendete er aber ein neues metrisches Prinzip, das in der für die litauische Sprache üblichen freien Akzentuierung gründete.
 
Kristijonas Donelaitis
 
Kristijonas Donelaitis

I.
DONELAITIS -

EINE PERSÖNLICHKEIT DER HETEROGENEN KULTUR.
ZUM LEBEN UND WERK DES DICHTERS
Kristijonas Donelaitis wurde 1714 in Lasdinehlen bei Gumbinnen in der Familie eines Kölmers (Freibauern) geboren. Sein Leben und Werk wurde den Litauern erst ein Jahrhundert nach seinem Tode bekannt. Das ganze 19. Jahrhundert dagegen interessierten sich für das Werk von Donelaitis deutsche bzw. ostpreußische Forscher: in dieser Zeit wurde seine Dichtung viermal in deutscher Sprache herausgegeben(5). Groß Litauen hat Donelaitis erst Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt, seit dieser Zeit sieht man in ihm den Begründer der litauischen Nationalliteratur.
Der litauische Bauernsohn Donelaitis bekam, was damals selten war, eine gute Ausbildung an deutschen Lehranstalten. Die Grundschulbildung bekam er in Kneiphof an der Domschule, in die er vermutlich 1731 eintrat. Am 27. September 1736 wurde er an der Albertina immatrikuliert. Er wählte die Theologische Fakultät, die sich damals unter einem starken pietistischen Einfluß befand. An der Universität besuchte Donelaitis auch das Litauische Seminar, das Pfarrer für die Kirchspiele ausbildete, in denen der Gottesdienst neben der deutschen auch in der litauischen Sprache abgehalten wurde. Hier soll er unter der Leitung von F. Schulz die Regeln der litauischen Grammatik gelernt haben.
Nach dem Abschluß des Universitätsstudiums begann für Donelaitis die berufliche Tätigkeit in Stallupönen und später in Tollmingkehmen. Diese preußisch-litauischen Kirchspiele wurden von Deutschen und Litauern bewohnt, deswegen hielt Donelaitis den Gottesdienst in zwei Sprachen ab. Er lebte in einer Umgebung von heterogenem Charakter: er sprach litauisch mit den Bauern, deutsch mit den Vertretern der ostpreußischen Verwaltung sowie mit den Freunden und zu Hause. Seine Frau war eine Deutsche. In den "Allerley zuverlässigen Nachrichten...", die an einen Successor gerichtet waren, schrieb Donelaitis über seine ersten Jahre nach dem Studium: "Anno 1740 kam ich als Cantor nach Staluppenen; dieses geschähe mit dem Ende des Julius. Anno 1742 wurde ich daselbst Rector und Ao. 1743 bekam ich die Vocation nach Tolm. vor Pfingsten. Aus Mitleyden gegen die Schuljugend blieb ich in Stalupp. bis an die Hundstage; und den ersten Hundstag ging ich nach Königsberg. Den 17. Oktober wurde ich examiniert; den 21. ordinirt; den 24 November am 24. Sonntag nach Trin. wurde ich in Tolm. introducirt; den 1. Advent trat ich in der alten Kirche mein Amt an. Den 11. Oktob. 1744 heiratete ich. Ich hatte keine Kinder, worüber ich mich immer gefreut habe, denn der Dienst ist mittelmäßig schlecht"(6). Diese knappen Informationen erklären nur wenig aus dem Leben von Donelaitis in Stallupönen, einem kleinen Städtchen, dem erst 1722 Stadtrechte zuerkannt wurden. Während der großen Pest 1710-1711 starb der größte Teil der Bevölkerung aus, die neuen Einwohner in Stallupönen waren die Salzburger Emigranten (7). Da in Ostpreußen die Stadtbevölkerung in der Regel aus Deutschen bestand, kann man annehmen, daß Donelaitis zunächst drei Jahre in einer deutschen Umgebung verbrachte.
Als Pastor einer deutsch-litauischen Gemeinde blieb Donelaitis in Tollmingkehmen 36 Jahre bis zu seinem Tod. Da in Ostpreußen das Amt des Pfarrers doppelt so lange wie in Westpreußen bekleidet wurde (8), war die lebenslange Anstellung von Donelaitis in der Gemeinde keine Ausnahme.
Donelaitis war eine vielseitige Persönlichkeit. Außer der dichterischen und seelsorglichen Tätigkeit, interessierte er sich für die praktischen Angelegenheiten des Lebens: er machte Thermometer und Barometer, schliff optische Gläser, baute Fortepianos, spielte auch darauf, war außerdem ein tüchtiger Gärtner. Heute ist Donelaitis vor allem als Autor des Epos Metai bekannt. Der erste Herausgeber und Übersetzer ins Deutsche, Ludwig Rhesa, nannte es "Das Jahr in vier Gesängen", der Untertitel lautete "Ein ländliches Epos".Von dieser Ausgabe bürgerte sich der Titel "Metai" in der litauischen Literaturgeschichtsschreibung ein. Donelaitis selbst gab seinem Werk keinen Titel, die vier dargestellten Jahreszeiten hießen bei ihm: Pavasario linksmybés (Frühlingsfreuden), Vasaros darbai (Sommermühen), Ruderas gerybés (Herbstfülle), Ziemos rüpescai (Wintersorgen). Es wird in der Forschung angenommen, daß es in den Jahren 1760 bis 1775 entstand. Herausgegeben wurden "Die Jahreszeiten" jedoch erst 38 Jahre nach dem Tode des Dichters. Sie müssen aber in Ostpreußen bereits vorher bekannt gewesen sein, denn G. Pisanski erwähnte das Werk in seinem Entwurf einer preußischen Literärgeschichte in vier Büchern. 1790: "Christian Donalitius, Pfarrer in Tolmingkemen, der in einem, nachher in das Deutsche übersetzten Gedichte von 659 Versen in ungereimten Hexametern, die vier Jahreszeiten besungen, hat mit dieser Arbeit bey Kennern der Litauischen Sprache und Poesie viel Beyfall gefunden" (9). Das Schicksal der erwähnten 659 Verse ist bis heute nicht geklärt, es ist zu vermuten, daß Donelaitis sein Epos viel früher abschloß und es noch vor dem Tode herausgegeben sehen wollte.
Donelaitis schrieb Gelegenheitsgedichte in deutscher Sprache, von denen nur drei erhalten geblieben sind: Ihr Schatten schneller Zeit .... Der Gott der Finsterniß .... Unschuld sei mein ganzes Leben .... Diese Gedichte sowie Donelaitis' Briefwechsel (erhalten sind zwei Briefe: jeweils in deutscher und in litauischer Sprache) sind ein Beweis für seine Anteilnahme am kulturellen Leben Preußisch Litauens und Ostpreußens. Sechs Fabeln, die für eine Vorarbeit am Hauptwerk gehalten werden, sind auch ein Teil der literarischen Kultur der Region. Als Pfarrer und Dichter soll Donelaitis auch litauische geistliche Lieder geschrieben bzw. aus dem Deutschen übertragen haben. Anfang des 19. Jahrhunderts waren sie aber nicht mehr auffindbar. Erwähnt wurden sie nur von Ludwik Rhesa im Vorwort zu dessen Ausgabe der "Metai".(10)
II.
"METAI", "DAS JAHR", "DIE JAHRESZEITEN"
EIN LITERARISCHES ZEITDOKUMENT DER PREUISSISCH LITAUISCHEN KULTUR

1. Die Dorfgesellschaft in Preußisch Litauen

In den Jahreszeiten wurden Episoden aus dem Leben litauischer Bauern dargestellt. Es erschienen hier Knechte, Mägde, Landarbeiter und Hirten, die bei den Gutsbesitzern und Domänenverwaltern, im Text die "Herren" genannt, arbeiten müssen. Neben der sozialen Differenzierung wurde im Text der Jahreszeiten die ethnische hervorgehoben: die Herren waren Deutsche, die Scharwerker Litauer.
Donelaitis malte ein realistisches Bild der preußisch litauischen Dorfgesellschaft, die aus drei sozialen Schichten bestand: den größten Teil machten die litauischen Scharwerker aus, zugleich waren sie die untersten in dieser Gradierung. Zu der mittleren Schicht gehörten mehr oder weniger selbständige Bauern, sie kamen in der Dichtung oft zu Wort, es waren Litauer. Die dritte, am besten situierte Gruppe in den Jahreszeiten, bildeten die "Herren": Amtsräte und Gerichtsherren, es waren ohne Zweifel Deutsche. Die wichtigsten staatlichen Repräsentanten, die Amtsräte, wurden in der Dichtung nicht immer positiv dargestellt. Damit wollte aber Donelaitis keine soziale Verallgemeinerung vornehmen. Der amtierende Amtsrat in den Jahreszeiten war geizig und brutal - "Denn der Geiz dieses Amtsrats kannte keinerlei Grenzen" (S. 106) (11) er ließ den armen Prickus wegen Kleingeld totschlagen. Dies bedeutet jedoch nicht, daß die Repräsentanten des preußischen Staates die Untertanen straflos zum Tode verprügeln durften. In dieser Episode kam zum Vorschein die bei Donelaitis beliebte Darstellungsweise - die Übertreibung: da ein Schilling fürs verkaufte Getreide fehlte, ließ der geizige Amtsrat den Bauern Prickus und auch andere, denen er am Verlust die Schuld gab, verprügeln:
Daß der Arme, nachdem kaum drei Tage verstrichen, dahinschied. Aber der Wachtmeister auch, den schlug er aufs Ohr derart heftig, Daß er gleichfalls fünf Tage lang krank im Bett liegen mußte (...) (S. 107-108).
Den verstorbenen Amtsrat jedoch ließ der Dichter seine preußisch litauischen Bauern beweinen. Aus ihren Mitteilungen erfahren wir, daß der selige Amtsrat die Litauer niemals duzte, gut zu ihnen war., und wenn er sie loben wollte, er das in ihrer bäuerlichen litauischen Sprache sagte. Die Erinnerung an den guten Herrn blieb bei den Dorfbewohnern lebendig:

Ach, Herr Amtsrat, ach, warum bist du uns vorjahrs gestorben! Ach, mit dir sind auch unsere Freuden alle gestorben! (S. 42)

Anläßlich des Prozesses gegen den frechen und faulen Docys, den die Bauern wegen seiner dummen Taten und des ihnen zugefügten Schadens anklagten, wurde zweimal eine staatliche Einrichtung, das Gericht mit den Gerichtsherren in Königsberg, erwähnt. Der erste Streitfall wurde von den Gerichtsherren bagatellisiert. Donelaitis sah die Ursache eines solchen Unrechts nicht in der Arbeitsweise der preußischen Behörden, sondern in der Verdorbenheit der Epoche: "...unsere Zeit jetzt/Alle vergossenen Tränen mißachtet, höhnisch nur grinsend" (S. 83). Auch als Docys das zweite Mal vor dem Königsberger Tribunal erschien, wurde trotz des ordentlichen Prozesses mit den Zeugen kein Urteil gefällt. In seiner "Verteidigungsrede" beschuldigte Docys die Herren, seine Worte klangen wie ein sozialer Protest:
"Habt doch ihr Herren uns Bauern öfter schon derart gepiesackt, Daß wir künftighin Ratten und Mäuse zu fressen gezwungen".
(S. 104)
Im Zusammenhang mit dem Gericht wurde auch mehrmals der preußische König als Staatsoberhaupt erwähnt. In der Zeit der Tollminkehmer Lebensperiode von Donelaitis regierte Friedrich der Große, der die Politik seines Vaters, Friedrich Wilhelm I., fortführte. Der König erschien im Werk von Donelaitis ausschließlich als guter Verwalter des Landes, der sich um dessen wirtschaftliche Angelegenheiten kümmerte. Weiterhin wurde er auch bei Abgaben erwähnt, die die Schulzen nach Königsberg bringen sollten. Donelaitis zeigte eine echte, keinesfalls vorgetäuschte Treue zum preußischen König: "die Geschäfte des Königs und jeder gebotenen Arbeit/Soll ein jeder sich annehmen, wie es die Pflicht ist der Dieners" (S. 42). Vom König hing auch die materielle Existenz der Bauern ab:

Was aber wird dann aus uns, wenn wir nicht mehr fürs Tagewerk taugen
Und für den König nicht mehr, was nötig, zu schaffen vermöchten (S. 109).

Eine besondere Gruppe, die in der Dichtung auftrat, wenn auch sehr klein und nur am Rande erwähnt, war die Dorfintelligenz: die Lehrer und Pfarrer. Sie selbst kamen nicht zu Wort. Über sie unterhielten sich einige Bauern, unsympatische und ungebildete Leute. Ihre Kritik war jedoch unbegründet. Donelaitis gab dem Leser zu verstehen, es seien Leute, die selbst nicht lesen konnten.
Zu den öffentlichen Vertretern der Dorfgemeinschaft, die die oberste und mittlere Bauernschicht bildeten, gehörten die Dorfschutzen, Förster, Forstwarte und Wachtmeister. Der Schulze Prickus war einer der wichtigsten Personen der Jahreszeiten. Seine Amtspflicht bestand darin, die Scharwerker auf dem Feld zu beaufsichtigen, ihnen Ratschläge und Anordnungen zu geben. Der Wachtmeister führte die Befehle seines Vorgesetzten aus, gehörte zu den untersten Repräsentanten des Staates.
Als die größte gesellschaftliche Gruppe erschienen aber die Scharwerker. Das Scharwerk, eine harte Fronarbeit auf Feldern und Wiesen, auch in Stall und Scheune, die von den Männern und Frauen zu jeder Jahreszeit geleistet wurde, bestimmte die Lebensweise der Preußisch Litauer. Jede Arbeit wurde geleistet: Mist gefahren und gestreut, gemäht und gedreht - bei Hitze und Kälte und noch beim kargen Essen. P.D. Girdzius äußerte sich in einem Essay über die Lebensweise der Donelaitischen Bauern: "Das Scharwerk war wie Elend, einheitlich und organisch. Aus dem Scharwerk entstand Poesie. Das Scharwerk war das Leben"(12). Donelaitis schilderte oft die Szenen des Essens: üppiges Mahl während der Hochzeit bei Krizas, als 3 Kühe, 2 Ochsen, viele Schweine und Schafe geschlachtet wurden und vom Geflügel kaum ein einziges Huhn geblieben war (vgl. auch das Tauffest bei Plauciünas). Diese realistischen, ja sogar naturalistischen Szenen wirkten als Kontrast zu dem kargen Essen der Scharwerker, wenn während des schwierigen Arbeitstages wohl wegen Hungers die Nahrungsmittel gestohlen wurden. Mit Ekel sprachen die litauischen Bauern über die Eßgewohnheiten der Herren, die solche Speisen wie Frösche (so nannten sie die Austern) und andere ihnen unbekannte Tiere aßen. Mit Stolz ließ sie Donelaitis aber über ihre litauischen Speisen sprechen, die zu Nationalgerichten geworden waren: Kissel, Erbsengemenge, Alus, schmackhaftes Brot und Würste, die auch die Ausländer zu schätzen wußten.

2. Die Preußisch Litauer und die Fremden in der Dichtung

Donelaitis griff in seinem Werk ein damals schon aktuell gewordenes Thema des Verhältnisses der Litauer zu anderen Ethnien auf, in erster Linie zu den Deutschen, aber auch zu den Schweizern und Franzosen, die als "Kolonisten" apostrophiert wurden. In diesen "Fremden" sah der Dichter eine Bedrohung für die einheimische litauische Bevölkerung. Es war für den Pfarrer Donelaitis ein äußerst wichtiges Problem, darum vertraute er die Äußerungen zu dieser heiklen Frage den positiven Helden der Dichtung: Selmas, Krizas, Lauras u.a. Das litauische Volkstum wurde durch das stärkere deutsche, das höher in der Zivilisationsgradierung stand, verdrängt.
Den Gegensatz zwischen den preußisch litauischen Bauern und den Deutschen schilderte Donelaitis auf zwei Ebenen: 1. auf der ethnisch-moralischen, geprägt durch die Eigentümlichkeit der Sprache und der Sitten, 2. auf der sozialen, die sich in den OppositionenBauer-Herr und Dorf-Stadt äußerte.
Bei Donelaitis wurde die Gefahr der Entnationalisierung der Litauer auf der unpolitischen Ebene signalisiert, es hieß "sich von den Fremden nicht beeinflussen zu lassen". Die Distanz zu den Fremden entstand also auf der sittlich-moralischen Ebene, sie betraf die Sprache, Bräuche, Haus-, Kleidungs- und Eßkultur. Die erste Gefahr bestand in der Annäherung der Litauer an die Deutschen, wenn man bemüht war, ihre Sitten zu übernehmen. Hier bedeutete der Verzicht auf litauische Trachten viel mehr als nur Mode, es war das Aufgeben des Litauertums:

Aber als dann die Welt sich aufs Blenden und Protzen verlegte
Und die Litauer sich mit den Deutschen zu mischen begannen,
Sieh, da verwandelten sich in Nichts alsbald auch die Sitten,
So daß die Litauer Burschen die Bastschuh, die sorglich gefertigt,
Unsere Mädchen auch nicht die bunten Marginnen mehr mochten. (S. 45-46).

Im strengen Konservatismus erblickte Donelaitis die Rettung für die Litauer. Anstatt jeden Tag Fleisch zu essen, sollten sie typisch litauische Speisen kochen. Der Bauer Selmas sehnte sich auch nach den vergangenen "lieben Altlitauer Zeiten, da die Pruzzen noch nicht die deutsche Sprache verstanden" (S. 85). Seiner Ansicht nach ging das böse Beispiel aber nicht nur von den Deutschen aus, sondern auch von den Schweizern und Franzosen. Die frühere Frömmigkeit der Litauer, der Kirchenbesuch und das Leben nach religiösen Vorschriften, wurden jetzt von der französischen bzw. deutschen Mode verdrängt. Dazu rechnete Donelaitis Kneipenbesuch, Spiel, Tanz, Trunk, Zank und Streit. Selmas sah den Grund des sittlichen Verderbens in der Zeit, "seit der Schweizer und auch der Franzose Litaun bekamen" (S. S3). Besonders scharf wurden aber Deutsche als Fremde in der preußisch-litauischen Heimat von Donelaitis kritisiert. Prickus beschuldigte sie der Gottlosigkeit, wobei manch Deutscher "sich erdreist, die Herrn wie die Bauern stets überzulegen", es sei aber normale Sache für sie, denn "das steckt von Geburt her in ihnen" (S. 97). Außerdem sahen sie auf die armen Litauer herab, hielten sie für Lümmel. Selmas' Kritik war noch schärfer, er beschuldigte die Deutschen, daß sie stehlen und fluchen (S. 88), bezeichnete sie als "dumm" (S. 53). Diese Kritik wußte als ein Versuch von Donelaitis gewertet werden, zur Selbstbehauptung der litauischen Bauern beizutragen. Lauras warnte seine Landsleute, nicht den unchristlichen Gewohnheiten der Deutschen zu folgen. Leider fand sich mancher Litauer,

Der zwar litauisch spricht, auch tanzt nach Litauer Weise,
Aber gleich einem waschechten Deutschen uns Schande bereitet.
Wohl gibts auch viele bei uns, die wenn sie voll sich gesoffen,
Deutsche Lieder zu singen und deutsch zu schimpfen gewohnt sind
Und wie Deutsche stets Tag für Tag in die Kneipe spazieren. (S. 75)

So war die Gefahr, die die Deutschen für die Litauer darstellten, nicht nur auf die Kultur (Sprache) beschränkt, sie galt auch der Moral. Die Unmoral ging von den Fremden aus. Fremd waren aus der Sicht eines Preußisch Litauers diejenigen, die sich sprachlich unterschieden, sich anders kleideten und eine andere Lebensweise führten. Die Distanz wurde immer größer, wenn andere Gegensätze thematisiert wurden: das bäuerliche Litauertum und die Deutschen als Herren und Stadtbewohner. Deutsche Bauern beschrieb Donelaitis mit einer gewissen Zurückhaltung, aber nicht immer negativ. Die Wertung der deutschen Bauernsfrauen war bei ihm zwiespältig: einerseits sollten die Litauerinnen sie nicht nachahmen oder ihnen ähnlich zu sein versuchen:

Ach wohin seid ihr geschwunden, ihr unsere ehrwerten Zeilen,
Da die Litauer Frauen noch deutsche Kleider nicht trugen
Und sie die deutschen Worte noch nicht zu sprechen verstanden? (S. 54)

An der anderen Seite war das Bild der deutschen Frauen, im Gegensatz zu dem der Männer, positiv. An ihnen sollten sich die Litauerinnen Beispiel nehmen; sie halfen bei der Feldarbeit, sie zogen fleißig Flachs und verarbeiteten ihn im Winter am Spinnrocken und Webstuhl zu Hemden, Hosen und Röcken. Sie verstanden es auch, die Gaben des Waldes zu sammeln, sie für den Hausgebrauch richtig zu nutzen und mit manchem Profit in Königsberg zu verkaufen.
Scharf kritisiert wurden neben den Deutschen auch die Franzosen. Lauras nannte sie voll Wut "Franzosengesindel", denn sie grinsten und scherzten ständig über die biederen Litauer. Er warf ihnen Undankbarkeit vor, aßen sie doch gerne litauisches Brot, Speck und geräucherte Würste und tranken Bier. Am liebsten sähe sie Lauras, daß sie geblieben wären, woher sie kämen, wo sie "Kröten und Frösche zu fressen" lernten. Auch die Litauerinnen eiferten dem französischen Beispiel nach, indem sie "auf Französischparlieren verfielen", wodurch sie ihre Arbeit ganz vergaßen. Merkwürdigerweise erwähnte Donelaitis die Salzburger Protestanten nicht, die in Preußisch Litauen angesiedelt wurden. Sie konnten von Donelaitis nicht unbemerkt geblieben sein, man kann aber vermuten, daß er sie wegen der Sprache für Deutsche hielt.
Andere Nationalitäten, wie Polen, Russen, Juden, wurden nur am Rande erwähnt, Donelaitis kritisierte sie nicht, nur manchmal nannte er sie "Gauner". Sie waren keine Einwanderer, sie trugen zusammen mit den Litauern zum eigenartigen Kolorit der Region bei. Diese Gruppen waren nicht so zahlreich wie die Litauer, konnten sie nicht beeinflussen, waren für sie also nicht gefährlich.
Fremd waren nicht nur die ethnischen Nichtlitauer, sondern auch die Stadtbürger. Diese soziale Differenzierung verstärkte die Tatsache, daß die deutschen Städter auch einer Herrenschicht angehörten. In Preußisch Litauen war das große Grundeigentum schwach vertreten. Die Litauer kamen also vorwiegend mit der preußischen Verwaltung in Berührung, die sie als "Herren" auffaßten. Der Schultheiß Prickus, der in Ausübung seines Amtes oft in der Stadt war, erzählte über sein Erlebnis in der Küche des obersten Rates, dem er einen Brief überbringen mußte. Er war über die Eßgewohnheiten der Herren erschrocken, denn sie aßen verschiedene ekelhaften Speisen, wie Kröten, Habichte, Hasen mit den Würmern u.a. Prickus konnte es nichts anders als mit dem Ausruf bewerten: "Aufgedunsene Dickbäuche, o ihr gottlosen alle" (S. 72). Von der Stadt ging die Verdorbenheit der Menschen aus, die neue Mode, neue Ideen, die der lutherische Pfarrer nicht verstand und deshalb heiß bekämpfte. Diese Übel bezeichnete Donelaitis als Folge der "gottlosen Zeiten", wenn die Diener, dem Beispiel der Herren folgend, "zur Hölle rannten". Mit der Epoche der Aufklärung kam ein neues Denken und eine neue Lebensweise in die Häuser der gebildeten Städter: die tradierte Frömmigkeit blieb im Schatten der Bildung und der weltlichen Literatur, die Hofkultur ließ mehr Freiräume für den einzelnen zu, die Rolle des Theaters wuchs. Den neuen Geist der Zeit verurteilte Donelaitis besonders stark:
Gott und sein Wort und alle die Schönheiten unserer Kirchen, Fromme und liebe Lieder, dazu unsere guten Gebete, Stinken solch bösen Gesellen wie der Gestank auf dem Misthof. L'hombrespiel und Komödien haben die Herren verblendet, Und seine Diener lachen und freun sich bei zuchtlosem Huren. (S. 72)
Das Bild der Stadt erschien Donelaitis wie ein apokaliptisches Geschehen. Er glaubte den Grund für zwei verheerende Brände in Königsberg genau zu wissen: "Wegen des Übermuts, schweren Sünden des Volkes" (S. 101). Die Stadt beeinflußte die Bauern nur negativ. Sie änderten ihr Aussehen und ihre Lebensweise. Aus der Stadt kam die Mode der Gottlosigkeit. Die Stadt übte auf die Bauern einen Reiz aus, es war aber nur ein äußerer Glanz:
Denn solche Maulaffen, wenn sie die bunten Häuser nur sehen Und die glänzenden Chaisen sodann vorbeirattern hören, Denken, daß jeder Herr, der stattlich gekleidet einhergeht, Wie ein Engel im Himmelsich täglich würde vergnügen. (S. 19)
Die Dorfleute und die Stadtbürger kannten sich kaum, doch schon entstanden die Stereotypen, die die Distanz vergrößerten. Die Städtler ekelten sich vor den Bauern, die ihnen dumm und schmutzig vorkamen. Donelaitis verteidigte die Bauern, unter denen es manchmal einen gab, der "oft einen großen Herrn überragt an Verstand, ja an Weisheit" (S. 51).
Die Litauer betrachtete Donelaitis als einheimische Einwohner des Landes. Den autochthonen Charakter der Litauer erklärte Selmas, indem er sie einmal in die Gruppe der gebürtigen Preußen, ein andermal in die der Litauer einordnete. Diese auf den ersten Blick zwiespältige Teilung erklärte sich aus der regionalen Zugehörigkeit der Litauer. Sie waren Preußisch Litauer, hier geboren, sie sprachen und beteten in der Kirche in ihrer Muttersprache, waren dem König von Preußen ergeben und gegenüber dem Staat völlig loyal. Prickus` Klage über das Verschwinden der "Altlitauer Zeiten" war ein Protest gegen Wandlungen, die sich in ihrer tradierten Lebensweise vollzogen, gegen fremde Elemente, die alte Sitten und Bräuche der Litauer verdrängten und die Menschen demoralisierten. Donelaitis selbst identifizierte sich, trotz seiner deutschen Bildung, aber wohl dank seiner litauischen Herkunft, mit den Litauern. Er sprach von "unserem Litauen", "uns Litauern", in den Ansprachen nannte er sie "liebe Litauer Landsleute und Freunde", emotionell gefärbt - "Herzensbrüder".
Zusammenfassend muß gesagt werden, daß die Kritik an den Fremden und den Litauer zur Warnung vor einem Leben diente, das die christlichen Gebote verletzte. Die Unmoral der Litauer und der Deutschen war verschieden: den Litauern eigneten Merkmale des materiellen Übels (Sauferei, Fluchen, Faulheit, u.a.), während die Deutschen sich starke "geistige Sünden" zuschulden kommen ließen: wegen der "Freigeisterei" und der Gottlosigkeit. Der Hauptgedanke der Dichtung war das moralische Regulativ des Lebens. Im letzten Abschnitt der Wintersorgen hielt der weise Selmas eine Art AbschluBpredigt, in der man Donelaitis selbst erkennt, der hier seine Gedanken über Gott, den Menschen und das Leben formulierte:
Aber ohne Dich, Du unser liebe Vater der Himmel Können wir nichts empfangen, was wir vom Frühling erwarten. (...) Sorg weiter, Vater im Himmel, für alles, was wir bedürfen, Sorg wie ein Vater, wenn nur der Frühling wieder zurückkehrt Und wir wieder auf Feldern redlich schuftend uns quälen. (S. 114).
So schilderte Donelaitis das Leben der preußisch litauischen Bauern. Das ganze Jahr arbeiteten sie, kämpften gegen Hunger und Kälte, denn sie waren größtenteils arm, sie gingen zur Kirche, weil sie fromm waren. Manchmal feierten sie die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens, wie Hochzeit bzw. Taufe, wobei man unangemessen viel aß und trank. Sie kritisierten die deutschen Herren und gleichzeitig waren sie dem preußischen König ergeben. Versuchten sie sich von den "Fremden" zu isolieren, waren sie doch von ihnen stark beeinflußt. Die fremde (nicht litauische) Kultur war für die Preußisch Litauern sehr attraktiv: sie konnten deren Teil werden, denn sie begannen die Sprache der Fremden zu beherrschen. Gleichzeitig bereuten sie den Untergang der alten litauischen Traditionen. Die Sichtweise von Donelaitis war die eines Konservativen. Er dokumentierte das unpoetische Leben der Litauer, denn er gehörte selbst dieser Ethnie an. Er gehörte aber auch zu den "Fremden" durch die Bildung und den Freundeskreis.
 
Die Dichtung von Donelaitis ist im ideellen Sinne sehr wichtig: Der Dichter spricht in einer vornationalen Zeit über nationale Gegensätze, die erst Ende des 19. Jahrhunderts in diesem Teil Europas zum Vorschein kommen werden.

ANMERKUNGEN


1
Preußisch Litauen bzw. Klein Litauen ist eine historische Region in Ostpreußen, die sich immer durch einen großen Anteil der litauischen Bevölkerung auswies. Diese Region entwickelte ihre eigene Kultur, insbesondere das litauische Schrifttum. Die Bezeichnung enthält aber auch eine gewisse Opposition zum eigentlichen Litauen, das als Groß Litauen (das GroBfürstentum Litauen) bzw. Russisch Litauen genannt wurde: nach der Teilung des polnisch-litauischen Staates wurde Grob Litauen Rußland einverleibt. Die beiden Teile Litauen verband nur die gemeinsame Sprache; Unterschiede waren zu verzeichnen nicht nur im politischen Bereich, sondern auch in der Denk- und Lebensweise.

2
Das Litauische Seminar wurde 1718, das Polnische Seminar 1728 an der Theologischen Fakultät der Albertina gegründet; beide Seminare haben fast bis zum Ende der Universität Königsberg bestanden.

3
H. Brunschwig, Gesellschaft und Romantik in Preußen im 18. Jahrhundert, Frankfurt/M - Berlin-Wien 1976, S. 24.

4
Es sei dabei vermerkt, daß die Litauer in Großfürstentum Litauen sich für Polnisch als Literatursprache entschieden.

5
L. Rhesa, Das Jahr in vier Gesängen, Königsberg 1818; A. Schleicher, Christian Donelaitis Littauische Dichtungen, St. Petersburg 1865; G.H.F. Nesselmann, Christian Donalitius Littauische Dichtungen nach Königsberger Handschriften, 1869; L. Passarge, Christian Donalitius Littauische Dichtungen, Halle 1894.

6
Allerley zuverlässige Nachrichten, in: Kristijons Donelaitis, Ras"tai, Vilnius 1977, S. 412-413.

7
V. Kuzmickas, Kristijonas Donelaitis, Vilnius 1983, S. 110.

8
Vgl. L. Rhesa, Kurzgefaßte Nachrichten von allen seit 1775 an den evangelischen Kirchen in Ostpreußen angestellten Predigern als die Fortsetzung der Arnoldtschen Presbyterologie auf Veranstaltung des Königlichen Consistorium, Königsberg 1834, Vorbericht, S. IV: "Wenn in Ostpreußen während 300 Jahren etwa 15 bis 20 Prediger bei einer Kirche gestanden haben, so beläuft sich die Zahl der Geistlichen bei mancher Gemeinde in Westpreußen während derselben Zeit auf 30 bis 40 Prediger".

9
G.C. Pisanski, Entwurf einer preußischen Literârgeschichte in vier Büchern, Königsberg 1886, S. 663.

10
L. Rhesa, Das Jahr... Vorbericht, S. XIX: "Es befanden sich noch vor einigen Jahren derer
Einige in der Hand eines Freundes in Litthauen, dem sie aber durch Ausleihen verloren gegangen
sind".

11
Kristijonas Donelaitis, Die Jahreszeiten, Nachdichtung von Hermann Buddensieg, Wilhelm Fink Verlag München 1966. Die weiteren Zitate stammen aus dieser Ausgabe.

12

P. D. Girdzius, Tos pacios motinos sùnùs. Trys graudulingi essai - Kristijonas. Antanélis. Adomas, Chicago 1981, S. 27.
 
Hervorhebungen durch A. Kuck
 

             Tomas Venclova             Aš dustu    

423 metais prieš Kristaus gimimą, per Didžiųjų Dionizijų šventę, Atėnuose buvo pastatyta Aristofano komedija „Debesys“. Konkurse tada ji užėmė tik trečią vietą: pirmąją gavo Kratinas už komediją „Butelis“ (apie paties dramaturgo kovą su alkoholizmu), antrąją Amipsijus, apie kurį beveik nieko nežinome.  Jų komedijos neišliko, tuo tarpu „Debesys“ skaitomi ligi šiol. Literatūriniu požiūriu tai bene geriausias Aristofano veikalas – su puikiais poetiškais chorais, be to, nemeluotai juokingas.

 

Tomas venclova Litauen

Tomas Venclova

 

 Balys Sruoga

 

Balys Sruoga

Balys Sruoga war ein litauischer Schriftsteller. Geboren am 2. Februar 1896 in der Nähe von Birzai Litauen. Nach dem Studium in St.Petersburg, Moskau und München lehrte Sruoga in Litauen an der Universität Vilnius russische Literatur und Theater. Er schrieb Literatur- und Theaterkritiken sowie verschiedene Dramen.