Zeit für einen Schlussstrich! Nein! Doch! Warum?

 

Diese interessante Diskussion über deutsche Befindlichkeiten führte der "Reisende Reporter" Andreas Moser auf seinem Reiseblog https://andreas-moser.blog/ . Wir verwenden diesen herausragenden Text mit freundlicher Erlaubnis von Andreas Moser.

Leider werden diesen Text die Leute, die sich mit dem Inhalt auseinandersetzen sollten, nicht lesen. Für alle anderen ist er ein Lesegenuss!

 

Von Andreas Moser

Pünktlich zum 75. Jahrestag des 8. Mai 1945 läuft zum 75. Mal die Diskussion, ob es ein Tag der Befreiung und/oder/auch ein Tag der Niederlage war, wie man (sich) daran erinnern soll und ob der 8. Mai ein Feiertag werden soll. Letzteres ist für mich die einfachste Frage. Feiertag ist immer besser als kein Feiertag.

Und dann gibt es noch diejenigen, die gar nicht erinnert werden wollen, sondern finden, dass es Zeit für einen Schlussstrich sei. Mit denen muss ich, auch weil ich mich auf diesem Blog oft mit deutscher Geschichte beschäftige, manchmal diskutieren. Um Euch das entweder zu ersparen oder Euch für ähnliche Diskussionen zu rüsten, gebe ich den Verlauf solcher Diskussionen im Folgenden wörtlich wieder.

Ich: Heute, am 75. Jahrestag der deutschen Kapitulation…

Schlussstrich-Mensch: Nicht schon wieder! Irgendwann muss doch mal Schluss sein.

Naja, es war doch Schluss am 8. Mai 1945. Zumindest offiziell. Das ist ja genau das, was wir jetzt feiern oder in Erinnerung rufen.

Spreung Hakenkreuz Nuernberg

Sprengung des Hakenkreuz auf dem Parteitagsgeländer in Nürnberg



Scheiß auf die Erinnerung. Wie lange sollen wir uns denn noch schämen für das, was passiert ist, als meine Großeltern Jugendliche waren? Nimmt das denn nie ein Ende?

Es verlangt doch gar niemand, dass Sie sich schämen. Sie können sich fühlen, wie Sie wollen. Wenn Sie Grund zum Schämen verspüren, dann ist das Ihre persönliche Entscheidung.

Überhaupt nicht schäme ich mich! Ganz im Gegentum. Auch wir Deutsche können stolz auf unsere Geschichte sein.

Worauf denn genau?

Auf Goethe und Schiller.

Das waren Schriftsteller. Was haben die mit Geschichte zu tun?

Auf Luther.

So, so, gerade auf den alten Antisemiten.

Auf Barbarossa.

Oh, da könnte ich jetzt einiges zum Angriffskrieg, zum rassistisch motivierten Vernichtungskrieg, zu Kriegsverbrechen und zum Holocaust sagen.

Aber ich nehme mal zu Ihren Gunsten an, dass Sie den Typ mit dem Bart meinten.

Kreuzzug Barbarossa

Ja, den meinte ich.

Der im Fluss ertrunken ist, weil er zu doof war, die Ritterrüstung auszuziehen? Aber egal, ich will auf etwas Ernstes hinaus:

Merken Sie, dass Sie nur Beispiele gewählt haben, die sehr lange zurück liegen?

Na und? Deutschland hat eben eine tausendjährige Geschichte. Mindestens.

Das liegt aber alles viel länger zurück als der Nationalsozialismus. Wenn Sie also einen Schlussstrich verlangen, weil es „schon so lange her“ sei, dann muss der Schlussstrich doch erst recht für Goethe, Schiller, Luther und dubiose Kaiser aus dem 12. Jahrhundert gelten.

Aber darüber hört man nie etwas! Immer nur Nazis und Krieg, ständig und überall.

Also, für das, was Sie lesen, hören und sehen, sind Sie doch selbst verantwortlich. Es gibt ja nun wirklich keine Knappheit an Informationen. Jede Bibliothek hat genügend Bücher übers Mittelalter oder über Bismarck, da können Sie Ihr ganzes Leben lang lesen, ohne über ein einziges Konzentrationslager zu stolpern.

Aber schalten Sie doch mal den Fernseher an. Was sehen Sie? Immer die gleiche Nazischeiße. Ich kann es nicht mehr hören!

Ich sehe im Fernsehen auch viel, das ich kaum ertragen kann: Fußball, Volksmusik, Autorennen, Karneval, Börsenberichterstattung und allerhand anderen Unfug. Dann schalte ich halt ab oder um. Welche Artikel aus der Zeitung ich lese, entscheide ich. Welches Buch ich aus der Bibliothek hole, entscheide ich. Mit welchem Thema ich mich befasse, entscheide ich.

Und den Lesern, die sich beschweren, dass es hier oft um schwere Geschichte anstatt um leichte Geschichten geht, muss ich sagen: Ja, ich studiere Geschichte, ich interessiere mich dafür, und deshalb ist das hier auch ein Geschichtsblog. Wenn Euch das nicht gefällt, geht halt zu einem Reiseblog, zu einem Fußballblog oder meinetwegen zu einem Katzenblog.

Aber es fängt ja schon in der Schule an. Unsere Kinder werden indoktriniert. Sie werden regelrecht zum Selbsthass erzogen. Wir sind das einzige Volk, dass sich bis zur Selbstzerstörung moralisch im Dreck suhlt, weil wir einen Krieg verloren haben.

Niemand wird zum Hass erzogen, sondern zum Nachdenken. Und wie unser Gespräch zeigt, können Menschen, die durchs gleiche Schulsystem gegangen sind, durchaus mit ganz anderen Auffassungen dabei herauskommen. Das spricht gegen die These von der Indoktrination.

Ich sehe auch keine „Selbstzerstörung“ und kein „im Dreck suhlen“. Da gilt das Gleiche, was ich vorher zum Schämen gesagt habe. Wenn Sie denken, dass Sie Anlass dazu haben, dann liegt das bei Ihnen. Im Übrigen, das ist ein großes Missverständnis, geht es nicht darum, dass das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg verloren hat. Es geht darum, dass es ihn begonnen hat, wie es ihn geführt hat, und es geht vor allem um den Holocaust.

Warum hackt die ganze Welt immer nur auf Deutschland herum? Alle anderen haben auch schlimme Sachen gemacht.

Erstens nicht alle. Zweitens ist nichts mit dem Holocaust vergleichbar. Drittens gehen der Zweite Weltkrieg und der Völkermord nun wirklich unbestreitbar auf das Konto Deutschlands.

Und dieses angebliche „Herumhacken“ auf Deutschland erkenne ich auch nicht, weder im politischen Rahmen, noch persönlich, wenn ich in andere Länder fahre. Selbst in Ländern, wo erst vor 80 Jahren deutsche Soldaten eingefallen sind und gemordet und geplündert haben, hat mir das noch nie irgendjemand persönlich vorgehalten. Überall, von Polen über Litauen bis in die Ukraine und Jugoslawien bin ich herzlich empfangen worden.

Ha, sehen Sie: Sie machen schon wieder unsere Soldaten herunter!

Wieso „unsere“? Sie sehen gar nicht so alt aus, wie wenn Sie zur Generation Volkssturm gehören. Und ja, ich sehe tatsächlich nicht ein, wieso Soldaten, die einem verbrecherischen Regime gedient haben und dabei verbrecherische Taten begangen haben, Respekt verdienen.

Einsatztruppen ermorden

Die haben nur ihre Befehle befolgt.

Ach, die alte Eichmann-Verteidigung.

Ich weiß, dass sich beides in der Bevölkerung hartnäckig hält (und halten will), aber sowohl der Mythos von der sauberen Wehrmacht als auch der Mythos vom Befehlsnotstand sind widerlegt.

Die einzigen, die Respekt verdienen, sind Deserteure, Widerständler und diejenigen, die menschlich blieben. Dafür gibt es ja auch Beispiele, wenn Sie schon auf irgendjemanden stolz sein wollen.

Sehen Sie, es war nicht alles schlecht!

Genau. Auch im Frühjahr 1945 schien die Sonne und sangen die Vögel, trotz 12 Jahren Nazi-Herrschaft.

12 Jahre, Sie sagen es! Das ist doch ein Fliegenschiss in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.

Keine Ahnung, wie Sie gerade auf 1000 Jahre deutscher Geschichte kommen. (Obwohl, doch, eine gewisse Ahnung habe ich.) Und das mit dem „erfolgreich“ geht mir auch nicht so ganz ein.

Aber das Zitat des AfD-Fraktionsvorsitzenden belegt, dass absolut keine Zeit für einen Schlussstrich unter die Geschichte ist. Denn in allen deutschen Parlamenten sitzen wieder Faschisten. Angehörige von Minderheiten werden wieder bedroht, angegriffen und ermordet. Rechtsradikale unterwandern Polizei und Militär. Der Antisemitismus ist überhaupt nicht zurückgedrängt. Menschenverachtende Rhetorik breitet sich aus. Und die ständige Forderung nach einem „Schlussstrich“ gehört zu dieser nationalistischen Ideologie. Und was soll so ein Schlussstrich eigentlich für die noch Lebenden signalisieren, die als Kinder in Konzentrationslagern oder in Gestapo-Gefängnissen waren?

Aber mit dem „Denkmal der Schande“ hat Höcke doch Recht. Warum gibt es keine Mahnmale für die Verbrechen der Alliierten?

Stellen Sie halt eins auf, wenn Sie wollen.

Dieser Ausspruch zeigt übrigens ganz deutlich, dass es um Geschichtsrevisionismus geht. Eine Verfälschung der Tatsachen. Da soll eine künstliche Version von Geschichte erschaffen werden, wo alles funkelt und glänzt, so wie man es im 19. Jahrhundert machte, um Nationalgefühl zu schaffen. Das ist eine vollkommen antiquierte, überholte, unwissenschaftliche Auffassung von Historiographie. Das ist Geschichte auf Kindergartenniveau.

Und was ist das eigentlich für ein Patriotismus, der die Geschichte des eigenen Landes bis zur Unkenntlichkeit verkürzen und verfälschen muss, um es erträglich zu finden?

Holocaust Denkmal Berlin

Wieso darf ich nicht einfach sagen, dass ich stolz bin, Deutscher zu sein? Alle anderen Nationen auf der Welt können das sagen, ohne dass man ihnen gleich einen Nazi-Vorwurf macht.

Natürlich dürfen Sie das sagen. Ich glaube, das mit dem Nazi-Vorwurf bilden Sie sich wieder nur ein.

Es ergibt nur keinen Sinn, auf etwas stolz zu sein, wozu man nichts beigetragen hat. Ich nehme an, Sie wurden als Deutscher geboren.

Natürlich!

Tja, dann ist das keine Leistung. Stolz kann man sein, wenn man einen Marathon läuft. Meinetwegen auch einen Halbmarathon. Stolz kann man vielleicht sein, wenn man ein schönes Bild gemalt hat. Oder wenn man nach langem Üben den slawonischen Tanz Nr. 8 von Dvořák fehlerfrei spielen kann. Oder wenn man den Ärmelkanal durchschwimmt. Ich bin manchmal stolz, wenn mir ein Artikel gelungen ist, aber selbst das finde ich schon fraglich. Denn kann ich etwas für mein Talent? Vielleicht ist es einfach nur Glück, so wie Ihr und mein deutscher Pass.

Wenn überhaupt jemand stolz darauf sein kann, Deutscher zu sein, dann derjenige, der sich auf den langen Weg aus Afghanistan hierher gemacht hat, durch die Ägäis geschwommen und über die Alpen gewandert ist, Deutsch gelernt hat und dann nach vielen Jahren Deutscher wird. Das ist eine Leistung! Bei uns beiden war es nur Zufall. Hundert Kilometer weiter südlich, östlich, nördlich oder westlich, und wir wären Dänen, Schweizer, Luxemburger oder Polen.

Dann könnte ich wenigstens stolz sein auf mein Land!

Ah, dann geht es also gar nicht um Deutschland? Ihnen liegt am Stolz auf die Nation als solches, (fast) egal welche?

Jawohl!

Dazu hat der große National- und Vaterlandsphilosoph Schopenhauer schon das Wichtigste gesagt:

    Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.

So ein Verräter!

Übrigens, eine Sache wollte ich noch zum Ihrem „12 Jahre“-Zitat sagen. Das ist auch eine bewusste Verfälschung, die nahelegen soll, dass bis 1933 alles super war in Deutschland und dann, wie aus heiterem Himmel, Herr Hitler vorbeikam, die Deutschen irgendwie verführte oder zwang, und nach 12 Jahren war wieder alles gut. Ein Ausrutscher gewissermaßen.

Das ist natürlich vollkommen falsch. Der Nationalsozialismus begann lange vor 1933. Der Antisemitismus begann lange vor dem 20. Jahrhundert. Der Rassismus gegen Sinti und Roma hatte eine Tradition über Jahrhunderte. Ebenso das Überlegenheitsgefühl gegenüber Slawen. Der Nationalsozialismus fiel nicht „auf fruchtbaren Boden“, wie man so verharmlosend sagt, er entstand aus der Breite der Gesellschaft.

Und dass der Mythos von den 12 Jahren als Ausnahmezeit so viel Anklang findet, zeigt dass wir noch viel mehr über die Geschichte sprechen müssen.

Noch mehr? Es läuft doch schon jeden Abend etwas auf N24.

Ich meine nicht den oberflächlichen, sensationsheischenden Klimbim über „Hitlers Wunderwaffen“ oder „Hunde an der Front“.

Viel wichtiger fände ich die Hintergründe und Zusammenhänge, die bis heute relevant sind. Wie entsteht Faschismus? Was sind die ersten Warnzeichen? Warum hält sich Antisemitismus in einem Land, in dem dessen schlimmste Auswüchse jedem bekannt sind? Warum finden selbst Leute, die keine Rassisten sein wollen, nichts dabei, abfällig über „Zigeuner“ zu sprechen? Was lernen wir für die Flüchtlingspolitik aus den Millionen von Deutschen und Österreichern, die vor zwei oder drei Generationen fliehen mussten? Warum werden in sozialpolitischen Debatten Nazi-Begriffe wie „asozial“ oder „arbeitsscheu“ verwendet? Gibt es geistige Kontinuitäten vom T4-Programm zu denjenigen, die die Alten dem Coronavirus opfern wollen, damit die Wirtschaft boomt?

Also, das wird mir jetzt alles zu kompliziert.

Und es wird noch schlimmer für Sie. Auch wenn Sie Ihren Nationalstolz aus anderen historischen Epochen ziehen wollen, so werden Sie da allerhand dunkle Flecken finden. Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg, Kreuzzüge. Kolonialismus. Völkermorde in Afrika.

Ach, mir reicht’s. Sie haben mir den Nationalstolz so versaut, ich besinne mich jetzt nur mehr auf meine christlich-abendländische Identität.

Aber feiern Sie bitte kein Weihnachten! Dabei geht es nämlich um ein Ereignis von vor 2000 Jahren. Und da ist wirklich mal ein Schlussstrich angebracht, nicht wahr?

Tja, irgendwann führt so ein Gespräch nicht mehr weiter. Wenn Ihr mit so Leuten sprecht, werdet Ihr ziemlich bald merken, dass sie objektive Aufarbeitung der Geschichte für ein ärgerliches Hindernis auf dem Weg zu nationaler Größe halten. Dabei ist ironischerweise gerade die etwas kritische Herangehensweise an die eigene Geschichte das, worauf man noch am ehesten stolz sein könnte.

Wann hat diese Schlussstrichdebatte eigentlich angefangen? Ich vermute, und das meine ich nicht einmal ironisch, es war am Morgen des 9. Mai 1945. Der deutsche Opfermythos ward geboren, noch bevor alle Toten aus den Konzentrationslagern begraben wurden. Schon zur ersten Bundestagswahl plakatierte die FDP so:

 

FDP Schlussstrich 1945

 

© Text und Fotos vom Blog Andreas Moser

 

 

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