"Der Ju­gend gehört die Zukunft"

 

, ist ebenfalls unfassbare Heuche­lei, eine unschlagbar hohle Phrase!

Dieser Leserbrief aus der Marler Zeitung vom 12.12.2019 beschäftigt sich mit der aktuellen deutschen Bildungspolitik. Ich kann das nicht besser schreiben.

 

Verwendung mit freundlicher Genehmigung durch den Autor, Herrn Kaschel. Herrn Kaschel war bis zu seiner Pensionierung Oberstudienrat in Recklinghausen. Danke!

  • Peter Kaschel, Recklinghausen

  • Betr.: Bericht über den neuen PISA-Bericht

  • vom 4. Dezember

Ich unterrichtete gern, mit ste­ter Freude und weitgehend stressfrei bis zum Alter von 69 Jahren, führte zum einen als Klassenlehrer ganze Schüler­generationen durch die SEK I, zum anderen ebenso viele durch die SEK II zum Abitur, bis ich - wie viele andere be­reits pensionierte, aber weiter­hin unterrichtende Pädagogen urplötzlich und mitten im Schuljahr von unserer damali­gen Bildungsministerin, Frau Löhrmann, dienstlich entsorgt wurde.

42 Jahre in meiner Berufs­zunft offenbarten mir vielerlei, und ich werde nie müde wer­den, dies in Reden, Abhand­lungen und sonst wie öffent­lich gebetsmühlenartig zu wiederholen:

1) Es gab nie einen PISA-Schock (2001). Dieses „Huch! So schlecht sind wir?!"-Eingeständnis von vermeintlich Ver­antwortlichen ist bodenlose Heuchelei, denn schon seit Jahrzehnten beklagen namhaf­te Experten das nicht schlech­te, sondern ka-ta-stro-pha-le deutsche Bildungssystem.

2) Nein! Nach diesen hem­mungslos geweinten Kroko­dilstränen wurde NICHTS bes­ser in der Schule! Im Gegen­teil: Das Anspruchsniveau wurde - Ei des Columbus - er­heblich gesenkt. (Mit den In­halten, mit denen ich als Schü­ler (!) in Klasse 10 (!) konfron­tiert wurde (Französisch: Exis- tentialisten wie Camus, Sartre, Englisch: Shakespeare-Dra­men, Deutsch: „Faust I"), wä­re heute jeder durchschnittli­che Abiturient sichtlich über­fordert.) Zudem wurde zeit­gleich damit begonnen, den Schüler/innen gute Noten, be­sonders die Einsen, geradezu inflationär hinterher zu wer­fen, denn - oh Gott - es hob an die Epoche der Klassen-, Kurs- und Schul-Rankings.

3) Wer zum Teufel hatte je die absurde Behauptung er­funden, Deutschland wäre (nicht: sei!) eine Bildungsnati­on?! Und vor allem: warum? Etwa, weil wir vor gefühlten Ewigkeiten einige große „Dichter und Denker" hatten, wie sie jede Nation hat(te)? Ich denke nur an England, Frank­reich, Italien.

4) Unser Land ist, was die Schulbildung betrifft, in einem miserablen Zustand und wird es immer bleiben, denn der viel beschworene Satz „Der Ju­gend gehört die Zukunft", ist ebenfalls unfassbare Heuche­lei, eine unschlagbar hohle Phrase! Konstruktive Vorschlä­ge, um diesem Tal zu entkom­men, machte ich über vier Jahrzehnte lang.

Übrigens: Meine Abitur-Klas­se (Kurse gab es noch nicht.) bestand aus ELF Schülern.

 

 

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