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Kaunas Garagenmorde 1941 

 

auch bekannt als Morde vom Vytautas Prospect in Kaunas oder Morde an der NKVD Garage Kaunas

 

Hier die Zeugenaussagen zu dem Massaker

Und ein 2016 aufgefundener Feldpostbrief vom 29. Juni 1941

English translation of the letter of soldier Heinrich Sandt

 

"Aber wir müssen über das, was geschehen ist, sprechen...ohne innere Zensur, ohne propagandistische Verzerrung, ohne völkischen Komplex, ohne Angst.

Wir müssen für alle Zeit verstehen, dass die Vernichtung der Juden unsere eigene Vernichtung ist, die Erniedrigung der Juden unsere eigene Erniedrigung ist, und die Zerstörung der jüdischen Kultur ein Angriff auf uns selbst ist."

Tomas Venclova  (Zydai ir lietuvai 1975)

 

 

Ein berühmtes Foto: der Totschäger von Kaunas (hinten rechts)

 

Als am 22. Juni 1941 der deutsche Angriff auf die Sowjetunion begann, startete zeitgleich ein Aufstand der Litauer und der LAF (Litauische Aktivisten Front) gegen die abziehende Rote Armee. Gleichzeitig kam es zu Auschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Die von Deutschland aus gesteuerte LAF hatte den Nationalsozialistischen Antisemitismus verinnerlicht. Ziel war ein deutscher Sieg über die Sowjetunion und ein freies Litauen. Außerdem sollte Litauen reinrassig - und die ca. 8,5 % litauischen Juden, die sogenannten Litvaks, ins russische Kernland umgesiedelt werden. Am 23.6.1941 rief die LAF eine Provisorische Regierung aus, die allerdings nur ein sehr kurzes Dasein hatte, denn natürlich war ein unabhängiges Litauen in den Plänen der Nazis nicht vorgesehen. Als am 25.6.1941 die Wehrmacht ohne Gegenwehr in Kaunas einmarschierte, liefen die Pogrome gegen Juden schon an.

Wie Walter Stahlecker, Führer einer der Vernichtungsgruppen (Partisanenbekämpfung oder genauer gesagt Judenvernichtung) sagte (siehe weiter unten), kamen vom 25.6. auf den 26.6.1941 etwa 1500 Juden durch litauische Partisanen, auch Weissarmbändler genannt, ums Leben.

Waren die Pogrome auf den litauischen Hass gegen die Juden zurückzuführen, oder mussten die Deutschen nachhelfen?

"Stahlecker drängte die Partisanen dazu, ihre Einheiten nicht allein gegen Kommunisten und Aktivisten einzusetzen, sondern auch gegen die Juden von Kaunas, was die Partisanen nicht als vordringlich angesehen hatten." (Knut Stang: Kollaboration und Massenmord)

Das Treffen von Stahlecker mit den Anführern der Partisanen kann frühestens am 26.6.1941 stattgefunden haben. Da waren schon viele Juden tot. Wie und was auf dem Lietukis Garagenhof passierte ist aber bis heute nicht völlig geklärt. Die litauische Sicht differiert teils stark von der Sicht internationaler Historiker, russischer Seite und natürlich der jüdischen Sicht.  Schon die überlieferten Zeiten variieren vom 25.6. bis zum 27.6.1941.

 

Dazu schreibt Christoph Dieckmann in "Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944"

" An dieser Stelle sei jedoch daran erinnert, dass Deutsche und Litauer in den Monaten vor Kriegsausbruch mit Pogromen rechneten. Die deutsche Sicherheitspolizei hatte spätestens fünf Tage vor Kriegsbeginn den konkreten Auftrag, Pogrome auszulösen. Am 17. Juni 1941 hatte der Chef des RSFLA, Reinhard Heydrich, die Führer der Einsatzgruppen und -komandos versammelt, wie aus Schreiben hervorgeht, die Heydrich kurz nach Kriegsbeginn verschickt hat. Heydrich schrieb am 29. Juni 1941 an die Chefs der  Einsatzgruppen, er bringe unter »Bezug auf meine bereits am 17. VI. in Berlin gemachten mündlichen Ausführungen« in »Erinnerung«: »Den Selbstreinigungsbestrebungen antikommunistischer oder antijüdischer Kreise in den neu zu besetzenden Gebieten ist kein Hindernis zu bereiten. Sie sind im Gegenteil, allerdings spurenlos auszulösen, zu intensivieren, wenn erforderlich, und in die richtigen Bahnen zu lenken, ohne dass sich die örtlichen >Selbstschutzverbände< später auf Anordnungen oder auf gegebene politische Zielsetzungen berufen können. [...] Die Bildung ständiger Selbstschutzverbände mit zentraler Führung ist zunächst zu vermeiden; an ihrer Stelle sind zweckmäßig örtliche Volkspogrome, wie oben dargelegt, auszulösen«. Bei diesem Fernschreiben handelte sich somit nicht um einen Befehl, der erst eine Woche nach Kriegsbeginn die Leiter der Einsatzgruppen erreichte, sondern um die Erinnerung an eine gemeinsame Besprechung zwölf Tage zuvor."

C.Dieckmann "Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944"

 

Immer wieder umstritten ist, ob Frauen und Kinder als Zuschauer dem Massaker beiwohnten. Auf dem folgenden Bild kann man auf der rechten Seite recht gut einige Frauen und Jugendliche sehen.

Lietukis Morde Kaunas Frauen

Schätzungsweise neun Frauen sind zu sehen. Am rechten Rand scheinen zwei Kinder/Jugendliche zu stehen. Auf den Originalfotos würde man die Personen besser erkennen können.

 

 Lietukis Garagen Morde Litauen

Auf dem Garagenhof wurden Juden aus der Umgebung zusammengetrieben und von Weissarmbändlern, also den litauischen Partisanen der LAF, mit allen möglichen in der Garage vorhandenen Gegenständen erschlagen. Vorher mussten sie mit bloßen Händen Mist wegschaffen und wurden danach mit Wasserschläuchen abgespritzt. Dann begann das Morden. Einigen Opfern wurden die Wasserschläuche in den Mund gesteckt und Wasser in die Körper geleitet, bis sie platzten. Die Angaben über die Opferzahlen variieren von 10 bis 70, wobei sich das Litauische Institut für Völkermord und Widerstand scheinbar auf 50 Opfer einpendelt, Schon auf den vorhandenen Fotos, die von mehreren Wehrmachtssoldaten aufgenommen wurden, kann man mehr als 10 Opfer sehen.  Nach der Mordorgie soll einer der Weissbändler mit einem Akordeon auf die Leichen gestiegen sein und die litauische Nationalhymne gespielt haben.

 

Mit der Zeit sammelten sich immer mehr Schaulustige an, wie man auf den Fotos erkennt, darunter Frauen und Kinder. Dabei sind auch Wehrmachtsoldaten, unter anderem einer Bäckerkompanie. Die Deutschen greifen aber nicht ein. Sie melden den Vorfall ihren Vorgesetzten, wo die Vorfälle schon bekannt sind. Einer dieser Soldaten machte private Fotos. Sein Film wird voll, er kann die Rolle gerade noch aus der Kamera nehmen, als ein anderer Soldat seine Kamera konfisziert. Aber der Film ist gerettet und die Bilder tauchen nach dem Krieg in verschiedenen Archiven auf. Ein Fotograf der Wehrmacht macht ebenfalls Fotos, weigert sich aber der Aufforderung der SS nachzukommen, seine Kamera abzugeben. Dafür müsste man seinen Vorgesetzten um Erlaubnis fragen.  

 

Diese Darstellung stützen fast alle Historiker. (Siehe Zeugenaussagen Lietukis Garagenmorde).

 

Eine andere Sicht der Dinge stammt von Aleksandras Bendinskas, der in der litauischen Zeitung "Gimtasis Krastas" 1989 eine ganz andere Version präsentiert.

Demzufolge hatten sich die LAF Partisanen (Bendinskas war Mitglied im Stab der LAF, später Chef des Stabes, selbst aber angeblich nicht vor Ort) in fünfer Gruppen aufgeteilt. Diese Gruppen sollten litauische Einrichtungen vor Zerstörungen durch die abziehende Rote Armee schützen. Eine dieser Gruppen wollte den Fuhrpark der Lietukis Garage schützen (von diesem Garagenhof wurden bis vor dem Krieg Deportationen durchgeführt), als sich das letzte Personal des russischen Sicherheitspersonals in Sicherheit bringen wollten. Die Partisanen nahmen die Flüchtenden gefangen und sperrten sie in die Garagen ein. Seltsamerweise waren alle Gefangenen Juden, obwohl der prozentuale Anteil von Juden in den Sicherheitsorganen ein ganz anderer war. 

Die Bolschewisten waren der Hauptfeind der Partisanen, hatten die Sowjets doch mehr als ein Jahr in Litauen gewütet und Tausende Litauer nach Sibirien deportiert. Durch die Nationalsozialisten und der von Kazys Skirpa aus Berlin gesteuerten LAF  machte das Gleichnis vom Juden=Kommunist=Bolschewist die Runde.

Als aus den KGB Gefängnissen freigelassene Litauer ihre Peiniger in der Garage erkannten, nahmen sie blutige Rage und erschlugen sie. Wobei die Opferzahlen bei "ein paar mehr als Zehn, vielleicht weniger..." lagen.

(Quelle: Bitter Legacy von Zvi Gitelman) 

Natürlich stimmt diese Version überhaupt nicht mit anderen Berichten überein. Ich verstehe auch nicht (siehe unten angefügte Links) wie man Bendinskas Version als die wahrscheinlichste ansehen kann.

 

Den kompletten Text von Bendinsaks gibt es unter Zeugenaussagen Lietukis!

 

Leonid Olschwang schrieb 1984 im Spiegel (Die Mörder werden noch gebraucht):

 

"...In Kaunas wurden die Juden besonders grausam geschlachtet- von Litauern. So wurden an einem Tag Juden in dem großen Garagenhof der Genossenschaft "Lietukis" an der Strasse Vytauto Prospektas zusammengetrieben. Manche zwang man ebenfalls, Mist zu essen; anderen stopfte man einen Schlauch in den Mund und pumpte Wasser hinein, bis die Körper platzten. Die meisten wurden mit Eisenstangen erschlagen..."

 

Der gesamte Artikel von Olschwang ist interessant und weiter unten verlinkt.

 

"Im Dienste der SS" von J.Vicas aus dem Jahre 1961 gibt die Zeugin N. Goldsteinas  etwa 100 Opfer an.

M.Eglinas schildert im Buch "Festung des Todes" die schon genannten Szene, bei der ein Weissarmbändler mit einem Akkordeon auf den Leichen Musik spielt. (Siehe auch die Zeugenaussage von Gunsilius). Andere tanzen betrunken um die Leichen.

 

 

Interessant und gleichzeitig traurig ist die unterschiedliche Darstellung der Lietukis Morde von jüdischer und litauischer Seite. Ich habe das Gefühl, das die litauische Darstellung die Opferzahlen minimiert (Bendinskas nennt 10) und die Taten gleichzeitig als Rache an Peinigern darstellt. Zufällig alles Juden, na ja. (Siehe hier auch die verlinkte Diskussion im Axis Geschichtsforum).

 

Ganz anders und viel detaillierter die Darstellung der jüdischen Seite, die sich natürlich als Opfer mit dem Holocaust eingehend beschäftigt hat, ganz anders als die Litauer, die erst unter sowjetischer Besatzung schweigen mussten (es waren keine Juden ermordet worden, sondern Sowjetbürger) und nach der Unabhängigkeit den Holocaust lieber aussparte und eine eigene Schuld verneinte.

 

Alex Faitelson schreibt in seinem Buch "Truth and nothing but the truth" ein umfangreiches Kapitel über die Lietukis Morde. 

Er beschuldigt die litauische Presse wiederholt die Morde dadurch zu rechtfertigen, dass die Mörder sich an den jüdischen NKVD Mitarbeitern gerächt haben, die sie im Jahr der Besatzung gequält und deportiert hatten. Sein Bericht ist umfangreich und gut recherchiert. Er nennt die Zeugenaussagen von anwesenden deutschen Soldaten aus Verhörprotokollen aus Deutschland von 1959, die Namen der Fotografen und Aussagen von Nachbarn der Lietukis Garage. Außerdem verweist er auf einen Artikel in der SPD Zeitung "Vorwärts" von 1958, der mit Fotos von den Morden in Litauen berichtet.

 

In deutschen Archiven fand er 2000 die Verhörprotokolle der Soldaten.

 

Das Verhör des Soldaten Karl Röder, der in der Bäckerkompanie eingestzt war und an der Lietukis Garage Fotos machte, fand 1959 in Düsseldorf statt.

Röder war im Sommer 1941 in der Bäcker Kompanie Nr. 562, die zur 16. Armee gehörte. Laut seiner Aussage fuhr er auf dem Weg zu seinem neuen Quartier an der Lietukis Garage vorbei und sah eine Ansammlung von Leuten. Neugierig stieg er auf sein Auto um wegen der Menschenmenge besser sehen zu können. Er sah litauische Zivilisten, die andere Zivilisten mit allen möglichen Dingen bis zur Leblosigkeit schlugen. Im Unverständnis was dort ablief, fragte er einen deutschen Soldaten, der ihm die Auskunft gab, dass hier aus der Stadt eingesammelte Juden umgebracht würden. Sie würden getötet von eben aus dem Gefängnis entlassenen Litauern. Als Röder den Garagenhof erreichte, waren etwa 15 Menschen ermordet und weitere wurden herangeführt. Man konnte auch Mitglieder der LAF mit ihren Armbändern sehen. In den zehn Minuten an der Garage, sah er wie etwa zehn bis fünfzehn Juden erschlagen wurden. Alle Wehrmachtsangehörigen, die vor Ort waren, kamen durch Zufall dahin und haben sich an den Taten nicht beteiligt. Auch SS und SD war nicht zu sehen. Als Röder den Morden zuschaute, war der auf späteren Fotos zu sehende Weissarmbändler mit der langen Eisenstange noch nicht da.

 

Stahlecker-Bericht (Auszug)

Walter Stahlecker, Führer der Einsatzgruppe A, zu den Pogromen im Juni 1941 in Kowno (Kaunas/Kauen)

"Auf Grund der Erwägung, dass die Bevölkerung der baltischen Länder während der Zeit ihrer Eingliederung in die UdSSR unter der Herrschaft des Bolschewismus und des Judentums auf Schwerste gelitten hatte, war anzunehmen, dass sie nach der Befreiung von dieser Fremdherrschaft die nach dem Rückzug der Roten Armee im Lande verbliebenen Gegner in weitgehendem Maße selbst unschädlich machen würde. Aufgabe der Sicherheitspolizei musste es sein, die Selbstreinigungsbestrebungen in Gang zu setzen und in die richtigen Bahnen zu lenken, um das gesteckte Säuberungsziel so schnell wie möglich zu erreichen. Nicht minder wesentlich war es, für die spätere Zeit die feststehende und beweisbare Tatsache zu schaffen, dass die befreite Bevölkerung aus sich selbst heraus zu den härtesten Maßnahmen gegen den bolschewistischen und jüdischen Gegner gegriffen hat, ohne dass eine Anweisung deutscher Stellen erkennbar ist.
In Litauen gelang dies zum ersten Mal in Kauen durch den Einsatz der Partisanen. Es war überraschenderweise zunächst nicht einfach, dort ein Judenpogrom größeren Ausmaßes in Ganz zu setzen. Dem Führer der oben bereits erwähnten Partisanengruppe, Klimaitis, der hierbei in erster Linie herangezogen wurde, gelang es, auf Grund der ihm von dem in Kauen eingesetzten kleinen Vorkommando gegebenen Hinweise ein Pogrom einzuleiten, ohne dass nach außen irgendein deutscher Auftrag oder eine deutsche Anregung erkennbar wurde. Im Verlaufe des ersten Pogroms in der Nacht vom 25. zum 26. 6. wurden über 1.500 Juden von litauischen Partisanen beseitigt, mehrere Synagogen angezündet oder anderweitig zerstört und ein jüdisches Wohnviertel mit rund 60 Häusern niedergebrannt. In den folgenden Nächten wurden in derselben Weise 2.300 Juden unschädlich gemacht. [...]
Durch Unterrichtung der Wehrmachtsstellen, bei denen für dieses Vorgehen durchweg Verständnis vorhanden war, liefen die Selbstreinigungsaktionen reibungslos ab. Dabei war es von vornherein selbstverständlich, dass nur die ersten Tage nach der Besetzung die Möglichkeit zur Durchführung von Pogromen boten. Nach der Entwaffnung der Partisanen hörten die Selbstreinigungsaktionen zwangsläufig auf."



(Aus: Stahlecker-Bericht über die Tätigkeit der Einsatzgruppe A. vom 22. Juni bis 15. Oktober 1941, 15. 10. 1941, zit. nach: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Nürnberg 1949, Bd. XXXVII, S. 682 f.)

 

 

 

Quellen:

Leonid Olschwang: "Die Mörder werden noch gebraucht"

Solomonas Atamukas "The hard long road to the truth"

Axis History Forum "What really happened at the Lietukis garage in 1941"

Elisabeth Boeckl-Klamper "Pogrome in Kaunas 1941" im DÖW (Dokumentationsarchiv des österreich. Widerstandes)

Klee, Dreßen, Rieß "Schöne Zeiten" Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer

Zvi Gitelman "Bitter Legacy     Confronting the Holocaust in the USSR"

 

Die Fotos kann man sehen beim Bundesarchiv

 

 

 

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Herrscher und Präsidenten Litauens

 

In seiner wechselhaften Geschichte, hatte Litauen viele Herrscher und Präsidenten. Allerdings nur einen König, Mindaugas. Eine Übersicht über diese ist spannend, veranschaulicht sie uns doch die Entwicklung Litauens.

Viele (aber nicht alle) litauischen Herrscher waren Helden für nachvolgende Generationen, besonders in der sowjetischen Besatzungszeit und während der Unabhängigkeit 1990. Algirdas, Zygimantas, Kestutis, Mindaugas,

Casimir, Vytautas (Kosename Vytuk), aber auch Antanas und Kazys sind gebräuchliche Namen. 

Eher unbeliebt scheinen die Namen der Herrscher aus der polnisch dominierten Zeit, sowie der sowjetischen Besatzung zu sein. 

 

 
 

Zweig Mindaugas

1236-1268

   
1236-1263 Mindaugas König von Litauen Mindaugas Eigentlich Großfürst , wurde er 1253 König von Litauen. Nachdem er von seinem Neffen Treniota ermordet wurde, startete ein Kampf um die Macht in Litauen. Er einigte erfolgreich die verschiedenen litauischen Stämme zu einem Staat.
1263-1265 Treniota Herrscher von Litauen Treniota  
1265-1268  Vaisvilkas Litauen Vaisvilkas Sohn von Mindaugas. Gab den Thron freiwillig ab für seinen Stiefbruder Svarnas
 

Zweig Monomakhovichi

1268-1269

   
 1268-1269  Svarnas Grossfuerst von Litauen Svarnas   
 

Zweig Mindaugas

1269-1285

   
 1270-1282  Grossfuerst Traidenis Traidenis   
 1282-1285   Daumantas   
 

 Zweig Gediminas

1285-1440

   
 1285-1291    Butigeidis

 Gründer der Gediminen Dynastie

 

1291-1295   Butvydas

Bruder des Butgeidis. Vater von Vytenis und Gediminas.

1295-1316  Grossfuerst Vytenis Vytenis

Sohn des Butvydas

1316-1341  Grossfuerst Gediminas Gediminas

Sohn des Butvydas. Unter ihm wurde Litauen wirklich mächtig. Durch Erbe und Krieg übernahm er Land von den Tataren und von Russland . Man sagt ihm nach, intelligent, religiös tolerant und ein gutherziger Großfürst gewesen zu sein. Fremde hieß er in seinem Reich willkommen. Seine Tochter Aldona wurde erste lit. Königin von Polen. Er blieb Heide und baute den grossen Tempel in Vilnius. Bei einem Einsatz gegen die Kreuzritter starb er durch einen Armbrustbolzen.

1341-1345                                        Jaunutis

Sohn des Gediminas. Abgesetzt von seinen Brüdern Algirdas und Kestutis.

1345-1377  Grossfuerst Algirdas Algirdas

Sohn des Gediminas. Er teilte sich die Macht mit seinem Bruder Kestutis. Algirdas war im Osten aktiv während Kestutis den Westen verwaltete.

Ab 1349 flüchteten deutsche Juden vor den dort verübten Pogromen nach Litauen und wurden hier willkommen geheissen.

 

Bei einer Expedition gegen die Kreuzritter starb er. 

1377-1381  Grossfuerst und Koenig Jogaila Jogaila

Sohn des Algirdas. Wurde durch Heirat mit der poln. Königin Jadwiga zum König von Polen gekrönt und begründete so die Personalunion zwischen Litauen und Polen, die heute in Litauen sehr umstritten ist, da die polnische kulturelle Dominanz die litauische Kultur dezimierte. Nach seiner Krönung kam ein Heer von poln. Mönchen und Priestern nach Litauen und der heidnische Tempel in Vilnius durch eine Kirche ersetzt. Somit fiel das letzte heidnische Land Europas! Und die Litauer wurden politisch bedeutungslos (A.M. Benedictsen)

1381-1382  Grossfuerst Kestutis Kestutis

Sohn des Gediminas, herrschte zusammen mit Algirdas. Sein Gebiet in Litauen war der Westen mit seiner Hauptstadt Trakai. Er setzte Jogaila 1381 ab und übernahm ganz Litauen. Jogaila  nahm Kestutis ein Jahr später gefangen und ließ ihn wahrscheinlich ermorden. Kestutis Frau Birute wurde nach Palanga verbannt.

 

1382-1392  Koenig Jogaila Jogaila

König von Polen. Statthalter in Litauen war Skirgaila.

1392-1430  Grossfuerst Vytautas

Vytautas

der Große

Sohn des Kestutis. Während er erst den Kampf von seinem Vater Kestutis gegen Jogaila unterstützte, wechselte er die Seiten und wurde 1392 Großfürst von Litauen. Er sollte zum König von Polen gekrönt werden, aber die Krone wurde von den Polen aufgehalten und eingeschmolzen. Bevor eine zweite Krone ankommen konnte, verstarb er.

Vytautas ist für viele Litauer ein großer Held. Er versammelte die gesamte westslawische Welt und zerschmetterte endgültig die Macht der Ordensritter mit einem Sieg bei Grunwald 1410.

Er wollte Litauisch zur Staatssprache machen, scheiterte aber. (A.M.B.)

 

1388 und 1389 gab er den litauischen Juden formale Rechte.

 1430-1432  Grossfuerst Svitrigaila Svitrigaila  Sohn des Algirdas, Bruder von Jogaila. Wurde abgesetzt von Anhängern des Zygimantas, Sohn des Kestutis. 
1432-1440  Grossfuerst Kestutaitis Sigismund Kestutaitis Sohn des Kestutis, Bruder von Vytautas. Wurde von Anhängern des Svitrigailas getötet.
 

Zweig der Jagiellonen

1440-1569

  Obwohl die Litauisch-Polnische Personalunion, also das Teilen eines gemeinsamen Königs, schon 1385 vereinbart wurde, kam es zu einem kontinuierlichen gemeinsamen Herrscher erst mit Casimir IV Jagiellon 1440
 1440-1492  Casimir IV. Jagiellon Andreas Casimir IV. Jagiellon Andreas Sohn des Jogaila. Gewählter und gekrönter König von Polen 1447, nach dem Tod von König Wladyslaw III. (Wladyslaw III war auch ein Sohn Jogailas und der ruthenischen Prinzessin Sophie Holzanska).
 1492-1506  Grossfuerst Alexander I. Alexander I.  Sohn des CasimirIV. Gwählter und gekrönter König von Polen in 1501 nach dem Tod von Johann I. Albrecht 
 1506-1548  Sigismund I. der Alte Sigismund I. der Alte  Sohn des Casimir IV. und Elisabeth von Habsburg. Während seiner Herrschaft erreichte Polen seine größte Machtfülle. 1518 heiratete er Bona Sforza. Die war eine italienische Prinzessin, Herzogin von Bari. Sie beanspruchte auch das Königtum Jerusalem.
 1548-1569  Sigismund II. Augustus Sigismund II. Augustus   Sohn des Sigismund I. der Alte. War eigentlich schon der Herrscher seit 1529. Deshalb der Name Sigismund I. der Alte.
 1569-1572  Sigismund II. Augustus Sigismund II. August 

Ab 1530 König von Polen. Er blieb kinderlos womit die Linie der Jagiellonen erlosch. In Polen wurde dann die Wahlmonarchie (bis dahin gab es die Erbmonarchie) eingeführt und ein französischer Prinz wurde als Heinrich I. König von Polen.

Sigismund war drei mal verheiratet. Elisabeth, Barbara Radziwill und Katharina hiessen seine Ehefrauen, die alle auffallend jung starben. Barbara Radzwiwill war angeblich eine der schönsten Frauen ihrer Zeit, auch die schöne Barbora genannt. Sie ist beerdigt in der Katakomben vom Vilniuser Dom. Sehr interessant zu besichtigen! 

  Diverse Zweige    
     

Abschaffung der Erbmonarchie zugunsten einer Wahlmonarchie.

Mit dem Wahlkönigtum kam es zu einer Verschmelzung Litauens mit Polen, der Rzeczpospolita.

An der Wahl zum König konnte jeder teilnehmen und es wurde zu einem Ereignis des europäischen Hochadels. Da der polnische Adel viel zu sagen hatte, wurde er durch Schmierung günstig gestimmt...was zu einem "Stellvertreterkrieg" der europäischen Erbfeinde in Polen führte. Da der Adel die Beschlüsse des Reichstags blockieren konnte (eine Gegenstimme reichte...ups, ist das nicht in der EU auch so?), wurde Polen unregierbar, handlungsunfähig und führte so zu seinem Niedergang.

 

Kritiker warfen dem so auf ihre eigenen Vorteile beharrenden Adligen ihre fehlende Toleranz gegenüber Andersdenkenden und ständischen Egoismus vor,  sowie  für den Niedergang des Doppelstaates Litauen-Polen mitverantwortlich zu sein.

 1573-1575  Henry Valoir  Koenig von Polen Henry Valois 

 Alexandre-Édouard, Herzog von Anjou, auch Henri von Valois genannt, sollte mit Sigismund Schwester verheiratet werden, hielt es nicht lange in Polen-Litauen aus und verliess den Thron schon nach einem Jahr. Die Polen waren wohl nicht sehr traurig, da Henry die meiste Zeit im Bett oder beim Tanz verbrachte.

 

 

1575-1586/1596  Anna I. Jagiellon Koenigin von Polen Anna I. Jagiellonica Tochter von Sigismund I. dem Alten.
 1576-1586  Stephan Batory Koenig von Polen Stephan Batory  Fürst von Siebenbürgen, König von Polen und Großfürst von Litauen. Als Anna I. Jagiellonica Herrscher von Litauen und Poen wurde, stellte man fest, dass sie unverheiratet war. Kurzerhand suchte man Batory als Ehemann für die 53 jährige aus. Wie die Landkarte sich verändert sieht man an Batorys Daten: geboren im damaligen Ungarn, heute Rumänien, gestorben in Grodno, dem damaligen litauisch-polnischen Königreich, heute Weißrussland.
 1588-1632  Koenig von Polen Grossfuerst Litauens  Sigismund III. Vasa

Sigismund

III. Vasa

 War auch König von Schweden. Sein königlicher Titel war: „Sigismund III., durch Gottes Gnaden König von Polen, Großfürst von Litauen, Rus, Preußen, Masowien, Samogitien, Livland, ebenso Erbkönig der Schweden, Goten und Vandalen.“ Viel zu tun also.

 

Sein Herz ist in den Katakomben der Kathedrale von Volnius beerdigt.

 1632-1648   Ladislaus IV Vasa Koenig von Polen und Schweden

 Wladislaw

IV Wasa

Wladislaw war König von Polen, Erbkönig von Schweden und gewählter Zar Russlands. Das kann man als engagiert bezeichnen. Persönlich lief es schlechter. Seine drei Kinder starben sehr jung, seine Frau auch.

Seine königliche Titulatur lautete: "Władysław IV., durch Gnaden Gottes König von Polen, Großfürst von Litauen, Rus, Preußen, Masowien, Samogitien, Livland, Smolensk, Sewerien, Czernihów, ebenso Erbkönig der Schweden, Goten und Vandalen, erwählter Großfürst von Moskau"

 1648-1668  Johann II. Kasimir Wasa Koenig von Polen  Johann II. Kasimir Wasa  König von Polen und Großfürst von Litauen. Titularkönig von Schweden. Stammt auch aus der schwedischen Wasa Dynastie. Seine königliche Titulatur hiess: „Johann Kasimir, von Gottes Gnaden König von Polen, Großherzog von Litauen, Rus, Preußen, Masowien, Samogitien, Livland, Smolensk, Sewerien, Czernihów, ebenso erblicher König der Schweden, Goten und Vandalen.“
 1669-1673  Michael Korybut Wisniowiecki Koenig von Polen Michael Korybut Wiśniowiecki Michael Korybut Wiśniowiecki. Seine königliche Titulatur (man beachte das etc.) „Michael I, durch Gottes Gnaden König von Polen, Großfürst von Litauen, Rus, Preußen, Masowien, Samogitien, Livland, Smolensk, Kiew, Wolhynien, Podolien, Podlachien, Sewerien, Czernihów etc.“
 1674-1696  Koenig von Plen Johann III. Sobieski

Johann III. Sobieski 

Polnischer

Adel

 Polnischer Adliger, der als Retter Wiens bei der 2. türkischen Belagerung gilt.
       Polen hatte militärische Erfolge, wie hier in der Türkenabwehr vor Wien. Diese Schlacht erschöpfte seine Truppen sehr und Polen wurde zu einem leichten Speil für seine Nachbarn. Insgesamt kostete das polnische militärische Engagement in den Kriegen mit Schweden, Kosaken, Moskowitern, Siebenbürgen und Brandenburgern etwa 25% Bevölkerungsreduzierung. 
1697-1706  August II. der Starke Koenig von Polen

August II.

der Starke

Auch Friedrich August I. von Sachsen, ab 1697 in Personalunion König von Polen und Litauen. In der polnischen Wahlmonarchie durften sich aus Ausländer um die Krone bewerben. Für August war der polnische Königstitel überaus wertvoll, da er seinen Stand bei Verhandlungen verbesserte. Er verwickelte Polen in den Nordischen Krieg, der Einfluss Ruusslands in Polen nahm zu. Theoretisch reichte das Königreich Poen-Litauen bis zum Schwarzen Meer. Die Umständer seiner Wahl liessen Unstimmigkeiten aufkommen, die nach einer Niederlage gegen die Schweden zu seiner Absetzung führte. Er wurde allerdings drei Jahre später erneut gewählt.
 1706-1709  Koenig von Polen Stanisław Bogusław Leszczyński

 Stanisław Bogusław Leszczyński

Polnischer Adel

 Die Wahl zum polnischen König gegen starke Mitbewerber wie François-Louis de Bourbon, Jerzy Dominik Lubomirski und des litauischen Fürsten Radziwiłł gewann er durch die Unterstützung Karls XII., dem König von Schweden, der während seiner Herrschaft die Nordischen Kriege "betreute".
 1709-1733  Koenig von Polen August II. der Starke

August II.

der Starke

Das Engagement Augusts in Polen kostete die Sachsen viel Geld, da er den Adel und Klerus schmierte, um deren Stimmen zu bekommen.
 1733-1736  Koenig von Polen Stanisław Bogusław Leszczyński  Stanisław Bogusław Leszczyński  Polnischer Thronfolgekrieg. Stanislaw wurde von einer Koalition aus Österreich, Russland, Kursachsens und teile des Adels gestürzt.
 1733-1763  Koenig von Polen August III. Wettin  August III. Wettin König von Polen und Großfürst von Litauen, Sohn August des Starken. Er führte Sachsen in den Siebenjährigen Krieg. Seine Wahl zum polnischen König (mit den üblichen Bestechungen) löste den Polnischen Thronfolgekrieg aus. Erst der Abzug von Leszczyńskis Unterstützern aus Warschau (er war der Wahlkandidat von Schweden und Frankreich) und das Auftauchen von russischen Truppen an der Weichsel, beendete die Wahl. Nach seinem Tod endete die Personalunion Sachsen/Polen.
1764-1795   Stanislaw August II. Poniatowski Wurde durch massive Unterstützung von Zarin Katharina der Großen König von Polen. Er war der letzte der polnischen Wahlkönige! Starb im russischen Exil.
     1795-1914  

 Besetzung Litauens 

durch Russland

(Dritte polnische

Teilung)

    1914-1918  

Besetzung Litauens

durch deutsche

Truppen im

I. Weltkrieg

Juli-November 1918  Koenig von Litauen Mindaugas II. Wilhelm Karl Mindaugas II. Wilhelm Karl

Willi hatte Ambitionen zum König und versuchte es in Monaco, Elsass-Lothringen, Albanien, Polen und Württemberg. Nachdem sich die Niederlage Deutschlands im I. Weltkrieg abzeichnete, versuchte Deutschland sich Litauen als Vasallen, durch einen ihnen genehmen König abhängig zu machen. 

Wilhelm Karl von Urach wurde von der Taryba, dem litauischen Landesrat, zum König von Litauen gewählt – als solcher sollte er den Namen Mindaugas II. tragen. Er nahm die Krone jedoch nicht an, da die deutschen Behörden die Wahl nicht anerkannten. Bis November 1918 widerrief auch die Taryba die Wahl.  Litauen wurde Republik (zumindest kurz).

April 1919-Juni 1920  Praesident Antanas Smetona Antanas Smetona Gewählt durch den litauischen Staatsrat.
Juni 1920-Juni 1926  Aleksandras Stulginskis Litauen Praesident Aleksandras Stulginskis Komissarisch im Amt. Wurde nach Sibiren verschleppt und von Snieckus bei der Wiederkehr nach Litauen verhöhnt.
Juni-Dez. 1926  Praesident Kazys Grinius Kazys Grinius Durch einen Militärputsch gestürzt.
18.-19. Dez. 1926  Litauen Uebergangspraesident Jonas Staugaitis Jonas Staugaitis Nur formal als Vorsitzender des Seimas ein Tag im Amt.
19. Dez. 1926  Alexandras Stulginskis Litauen Aleksandras Stulginskis Formal, als Chef des Seimas, für einige Stunden.
Dez 1926-Juni 1940  Antanas Smetona Zweite Amtszeit Antanas Smetona Durch einen Militärputsch an die Macht gekommen. Nach dem sowjetischen Ultimatum 1940 reiste er über Deutschland und die Schweiz in die USA. Er unterschrieb keinerlei sowjetische Dokumente und blieb auch nicht, wie Kazys Skirpa, in Nazi-Deutschland. Er hatte die Hoffnung in den USA eine litauische Exilregierung zu bilden. 1944 starb er bei einem tragischen Unglück.
 15.-17.Juni 1940  Litauischer Praesident Antanas Merkys  Antanas Merkys Nachfolger von Smetona, der aber nicht anerkannt wurde, da Smetona weder zurück getreten war oder starb.
 Juni-August 1940  Praesident Justas Paleckis

 Justas

Paleckis

Durch litauische Kommunisten und die Sowjets aufgestellter Präsident. Natürlich nicht international anerkannt.
 

Deutsche Besetzung

1941-1944

   
 Februar 1949-Nov. 1954  Partisanenfuehrer Jonas Zemaitis  Jonas Zemaitis Wurde 2009 offiziell als vierter Präsident Litauens ernannt. War Partisanenführer der litauischen Partisanen. Seine Ernennung war rein symbolisch.
Nov. 1954 -Nov. 1957  Waldbrueder Adolfas Ramanauskas Adolfas Ramanauskas 2018 wurde Ramanauskas nachträglich zum Staatsoberhaupt ernannt. Ramanauskas war auch Partisanenführer. Er wurde von den Sowjets gefangen und grausam gefoltert. Seine Rolle beim litauischen Aufstand 1941 ist umstritten.
 

Sowjetische Besetung

1944-1990

   
Juli 1940-Juni1941  Praesident Antanas Snieckus Litauen Antanas Snieckus

 Snieckus war schon früh für den Kommunismus aktiv. Mehrfach von den Litauern verhaftet, führte er als Parteisekretär die Befehle Stalins in Litauen aus und schuf eine Atmosphäre des Terrors. Er organisierte die ersten Deportationen von 1940 nach Sibirien mit, bei der auch sein eigener Bruder verschleppt wurde und im Gulag starb.

Als Aleksandras Stulginskis nach dem Tod Stalins aus Sibirien wieder in die Heimat durfte, wurde er von Snieckus verhöhnt.

Snieckus war Vorsitzender der LKP (Litauische Komm. Partei)

 Dez. 1987-Okt. 1988  Ringaudas Bronislovas Songaila Litauen  Ringaudas Bronislovas Songaila Erster Parteiführer, der vorzeitig seines Amtes enthoben wird. Die anderen blieben bis zu ihrem (nicht vorzeitigem) Tod.
 Okt. 1988-März 1990  Praesident Algirdas Brazauskas Litauen Algirdas Brazauskas Verlor sein Amt durch Litauens Unabhängigkeit.
 

Litauen Unabhängigkeit

seit 1990

   
März 1990-Nov. 1992  Litauen Praesident Vytautas Landsbergis Vytautas Landsbergis Anführer der litauischen Unabhängigkeitsbewegung Sajudis. Kommissarischer Präsident.
Nov. 1992- Febr. 1998  Praesident Algirdas Brazauskas Algirdas Brazauskas Erster postkommunistischer Präsident.
1997-1998  Litauen Praesident Valdas Adamkus Valdas Adamkus  Schon 2007, sieben Jahre bevor Russland die Krim annektierte, warnte Adamkus davor, dass dies in nicht ferner Zukunft geschehen würde.
2002-2003  Gestuerzter Praesident Rolandas Paksas Rolandas Paksas Von seinem Amt enthoben wegen Bevorteilung eines russischen Unterstützers, der Verbindungen zur russischen Mafia hatte.
April 2004-Juli 2004  Arturas Paulauskas Litauen Arturas Paulauskas Übernahm als Chef des Seimas übergangsweise das Amt des Präsidenten.
Juli 2004-Juli 2009  Valdas Adamkus Litauen Praesident   Valdas Adamkus

Gehörte zur Kriegsgeneration. Er wurde 1940 Mitglied im aktiven Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer. Scheinbar nicht gegen die Deutschen. 1944 flüchtete seine Familie vor der nahenden Roten Armee nach Deutschland, machte dort Abitur  und ging dann in die USA. Dort arbeitete er, der 5 Sprachen beherrschte, für den Nachrichtendienst.

Adamkus Pate war Augustinas Voldemaras. Daher auch sein Vorname. Voldemaras gehörte zu den rechtsextremen Politikern Litauens und lehnte den liberalen Kurs von Smetona ab: "Von den Tautininkai (gemeinsame Partei Voldemaras und Smetonas) spalteten sich die Rechtsextremen um Voldemaras ab. Sie gründeten die 'Gelezinis Vilkas' (Eiserner Wolf), in dem sich vor allem Luftwaffen- und Heeresoffiziere in der Illegalität organisierten." 

Juli 2009-Juli 2019  Dalia Grybauskaite Praesidentin von Litauen Dalia Grybauskaite Sie war die erste litauische Präsidentin, und das zweite wiedergewählte Staatsoberhaupt.
Juli 2019-  Praesident von Litauen Gitanas Nauseda Gitanas Nauseda

Er war Doktorand in der Uni Mannheim und spricht mehrere Sprachen.

 

 

 

 

 

 

Karäer in Trakai

 

Wenn man die Burg in Trakai besucht, berichtet jeder Reiseführer von der Gemeinschaft der Karäer die hier in Trakai ihr litauisches Zentrum haben und von deren Kultur die Häuser rund um die Trakaier Burg zeugen.

 

Die Karäer (die Tora Leser) sind eine alte jüdische Sekte aus der Gegend des heutigen Irak, die nur die Tora (also den ersten Teil des Alten Testaments) als heiliges Buch anerkennen und jede weitere religiöse Quelle wie Talmud oder rabbinische Tradition ablehnen.

Karäisch ist die einzige Turksprache der Welt, die mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird.

Im Jahre 1397 brachte Großfürst Vytautas die Karäer als Palastwache von der Krim mit nach Trakai. Litauen beherrschte damals große Teile Osteuropas bis zum Schwarzen Meer. Auf die Krim sind die Karäer wahrscheinlich aus dem Irak oder Konstantinopel gekommen und nahmen dort eine Turksprache an.

kenesa karaimen trakai litauen

Kenesa, Synagoge der Karäer in Trakai. Eine zweite steht in Vilnius.

 

Im Jahre 2007 sollen noch 257 Karäer (darunter 16 Kinder) in Litauer gelebt haben. Angesichts der Bevölkerungsflucht wird diese Zahl wahrscheinlich heute schon viel kleiner sein. Alleine in Trakai, des karäischen kulturellen Zentrums Osteuropas sollen 60 Karäer wohnen. Auch aus den anderen großen Karäischen Gemeinden wie  Ägypten, Russland, Irak und Syrien sind fast alle Mitglieder in die USA oder Israel (wo sie als nichtreligiöse Juden angesehen werden) ausgewandert.

 

Die Nationalsozialisten befassten sich zum ersten Mal mit den Karäern, als sie die Durchführungsverordnungen der Nürnberger Gesetze  veröffentlichten.

Anfang 1939 entschied die Reichsstelle für Sippenforschung in Berlin, dass die Karäer nicht als Teil der jüdischen Religionsgemeinschaft zu betrachten seien, sondern vielmehr jedes Mitglied einzeln nach seinem Stammbaum betrachtet werden sollte.

Im Frankreichfeldzug waren die Deutschen mit den Karäern konfrontiert, akzeptierten aber deren Behauptung, keine Juden zu sein. Im Russlandfeldzug stießen die Einsatztruppen auf die Karäer auf der Krim und in Litauen. Sie baten um Stellungsnahme aus Berlin. Doch schon bevor diese vorlag, hatten die Einsatztruppen an vielen Orten im Osten Karäer ermordet. Himmler entschied, dass die Karäer als sowjetfeindliches Turkvolk nicht ermordet werden sollten, weil sie türkisch-mongolischer und nicht genuin jüdischer Herkunft seien.

 

Im Sommer 1942 schickten deutsche Stellen Anfragen an jüdische Gelehrte in den Ghettos von Warschau, Vilnius und Lemberg, ob die Karäer Juden seien. Wider eigener Überzeugung, also um den Karäern das Schicksal der europäischen Juden zu ersparen, erklärten die Gelehrten sie für nicht jüdisch.

 

Im Mai 1943 kam das Ministerium für die besetzten Ostgebiete zu der Überzeugung, dass die Karäer türkisch-tatarisch-mongolischer Herkunft und somit keine Juden waren. Rassenkundliche Untersuchungen an Karäern untermauerten diese Einschätzung.

Für die Karäer in Litauen waren diese Einschätzungen der nationalsozialistischen Rassenkundler großes Glück, denn nur so konnten sie den Rassenwahn der Jahre 1941 bis 1945 überleben.

Dies ist also der Grund warum wir bei einem Besuch in Trakai die schönen Karäer- (auch Karaimen) Häuser anschauen können und warum es auch nach dem Wüten  der Sonderkommandos in den Kriegsjahren jüdische litauische Karäer gibt.

Wer denkt beim Anblick der schönen Wasserburg darüber nach?

Eine Beschreibung der litauischen Karäer gibt es von Alfred Döblin, der 1924 Polen, darunter das damalige Wilno, besuchte. Seine Erlebnisse beschrieb er in seinem Buch "Reise in Polen"- Hier ein Auszug zu den Karaiten:

 

"Es gibt eine Karäer-Gemeinde hier; in Troki [Trakai] soll eine große sein, dann in Halicz in Galizien und bei Lodz. Sie sagen nicht Karäer, sondern Karaiten. Ist eine Abspaltung des Judentums. Erst haben die Juden, landlos, staatlos, tempellos, in Palästina und Babylonien den Talmud ausgebildet; die Arbeit war im vierten Jahrhundert nach Christus beendet. Dann erfolgte, was ein Historiker beschreibt: «Das Talmudstudium sank zu einer trockenen Gedächtnissache herab und ermangelte der geistigen Befruchtungsfähigkeit.»

Der Sohn eines jüdischen Fürsten im ehemaligen Babylonien leitete eine talmudfeindliche Bewegung ein, drängte zurück auf die Bibel: ein Luther im Judentum. Er verschärfte Bestimmungen, die er glaubte aus der Bibel zu lesen, hob andere auf. Die alte und neue jüdische Gruppe verketzerten sich gegenseitig. Das Karäertum lebt noch heute, in heftigster Feindschaft zum talmudgebundenen Judentum. An der Peripherie Wilnos haben sie sich einen neuen Tempel gebaut; ich will ihn sehen.


Auf dem Wege erzählt mir ein Begleiter: Die Karaiten besaßen früher in Wilno große Macht. Der Haupttempel war in ihrer Hand. Einmal kam es zu einem schweren Konflikt. Ein großer polnischer König, Kasimir, wolllte den Juden Privilegien verleihen, und es entstand die Frage, wer die echten Juden seien und in wessen Hand er die Macht legen sollte, in karaitische oder «rabbanitische». Es handelte sich um alle Gewalten, Kultus, Schule, Selbstverwaltung.

Der König lud Vertreter der Gruppen vor sich. Ein Rabbanit und ein Karait erschienen vor Kasimir. Der Karait, wie er in den Saal trat, zog die schmutzigen Schuhe aus. Auch der Rabbanit neben ihm zog sie aus. Dann nahm er sie aber unter den Arm und stellte sich vor den König auf am Thron. Der große Kasimir wunderte sich: «Was tust du da, Rabbi? Du trägst deine Schuhe unter dem Arme Warum läßt du sie nicht draußen stehen wie die anderen?»

Der Rabbanit: «Ich weiß, wir klagen nicht um Schuhe, Herr König. Aber ich habe nicht gewagt, sie draußen zu lassen. Ich hab’s nicht gewagt. Ich möchte dir antworten aus unserer Heiligen Schrift. Da steht: Als Moses die Schafe Jathros, seines Schwähers, des Priesters in Midia, weidete, kam er an den Berg Gottes des Allmächtigen, Horeb. Der Engel des Herrn erschien in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und Moses ging näher heran. Aber Gott rief ihm zu: Mose, Mose, der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land. Zieh dir die Schuhe aus von den Füßen. Moses, unser Führer, sein Andenken sei gesegnet, hat getan, wie der Herr befahl. Ich erzähle dir aus der Heiligen Schrift. Als er aber aus dem Dornbusch zurückkam, Herr König, und seine Schuhe suchte, fand er sie nicht. Es war einer hinter ihm gewesen, ein Karait - und hatte sie gestohlen.»

Der Karait, wie gestochen, fuhr auf den Rabbi los: «Was sagst du? Was wagst du dem großen König Kasimir zu erzählen. Was unterstehst du dich, mit Lügen vor den großen König zu treten. Lügen, ja Lügen, Herr König! Ein Karait soll Mose die Schuhe gestohlen haben! Ein Karait! Schlägst dich ja selbst, Rabbi. Mose stand allein am Dornbusch! Ganz allein. Gab es denn Karaiten, als Mose am Horeb stand?»

Der Rebbe lachte, verneigte sich vor dem König, verneigte sich vor dem Karaiten, drückte seine Schuhe zärtlich an sich: «Hör ihn an, Herr König. Hör, was er selbst sagt, nicht ich, und urteile. Er sagt: Es gab keine Karaiten, als Mose, unser Führer, sein Andenken bei Gott, am Horeb stand. Er sagt es selbst. Es waren nur die Leute Jathros, des Priesters in Midia, bei ihm. Er kennt unsere Schrift gut. Und da tritt er auf, er, der Karait, und will gegen mich sprechen. Er will die Rechte von dir empfangen. Weil er vornehmer, echter ist. Wer ist vornehmer? Ist ein Kind vornehmer als der Vater? Wo ist ein Kind vornehmer, echter als sein Vater. Ein Kind, sage ich; sage ich ein Kind? Wer weiß, wer kann feststellen, was für ein Kind es ist, ein echtes oder bewahre mich ein unechtes, ein untergeschobenes, von dem der Vater nichts wissen will.» Der große Kasimir hob die Hände. Er lachte mit dem Rabbi und den Hofleuten. Der Karait fauchte. Aber der Rebbe hat die Judenrechte empfangen.
Weit durch die Mickiewiczastraße fährt man zu ihrem Tempel, an einem weiten Marktplatz, einem neuen Gerichtsgebäude vor bei. Dann kommt der Fluß. Dünner Fadenregen trübt seinen Spiegel. Jenseits der Brücke im welligen und waldigen Gelände steht frei eine große weit ausladende Kirche von fremdländischem Typus, eine russische mit Goldkuppeln.

Und nicht fern ganz im Grünen der kleine Tempel der Karaiten. Byzantinische Kuppeln, ein völlig neues Gebäude. Zur Seite trete ich ein, bin in einem sehr hellen nüchternen Kirchenraum: wirklich, protestantische, puristische Kühle und Nüchternheit. Eine Reihe von Tischbänken rechts und links. Daran stehen etwa 50-60 Menschen, Männer und Frauen durcheinander, die Gesichter nach vom. Die Männer haben die Hüte auf, eine Anzahl trägt über den Schultern einen weißen schmalen und kurzen Gebetsschal, den Rest des Gebetsmantels. Sie blicken nach vom, wo oben in der Wand goldene hebräische Lettern die zehn Gebote vortragen. Eine Altarerhebung ist da; ein blaugedeckter einfacher Tisch steht in der Mitte vom, über den man einen rotgestickten Läufer gelegt hat. Ein sehr dickes rotgebundenes Buch liegt auf dem Tisch; es wird die Bibel sein. Ganz im Hintergrund schließt die Wand ein goldgewirkter Vorhang ab. Und vom singt einer, liturgiert. Ein großgewachsener Mann; ich sehe ihn von hinten. Er steht unterhalb des Altars in einem schwarzblauen Talar, darüber ein weißes Hemd nach Art der katholischen Chorhemden. Jetzt dreht er sich um; rechts auf der Vorderbank lösen ihn im Gesang zwei gewöhnlich gekleidete Männer ab. Die Gemeinde fällt manchmal ein mit einem singenden Amen. Keine Orgel, kein Chor. Die Bücher, in denen die Männer und Frauen lesen, haben hebräische Quadratschrift; in den Fächern der meisten Bänke liegen noch andere Bücher. Ganz ruhig stehen alle, niemand bewegt den Oberkörper, einige halten die Hände zusammengelegt vor der Brust. Nun tritt ein Mann aus seiner Bank hervor, fällt vor dem Altartisch auf die Knie, beugt sich ganz auf den Boden, steht auf und hebt das dicke rotgebundene Buch vom Tisch auf. Er trägt es unter dem Gesang der Gemeinde tiefer in den Hintergrund, schiebt es in einen Schrank. Dann ist der Gottesdienst zu Ende. Langsam packen sie ihre Bücher zusammen, stecken die Gebetsschärpen in kleine Sack- und Ledertaschen. Wie sie jetzt an mir vorüber durch den Gang wandern, kann ich sie betrachten. Viele haben Mützen auf, sehen wie Handwerker, Arbeiter, Kleinhändler aus. Sie sprechen untereinander russisch, manche polnisch. Niemals höre ich Jiddisch. Sie sind der Herkunft nach verschieden. ; die anderen sind Russen oder Polen, haben slawische Backenknochen, breite kurze Nasen, allerhand Mongoloides. Langsam wandert, wie sich der Tempel leert, der Prediger oder Vorsänger zwischen ihnen im Mittelgang. Eine flache runde Mütze hat er auf, dunkel wie sein Mantel, aber mit einem umlaufenden weißen Streifen. Weißbärtig ist er; ein typisch slawisches Gesicht.


Beim Herauswandern entsteht eine heftige Debatte. Auf dem Hof hinter dem Tempel steht eine geräumige Laubhütte, aus Brettern und auf gewöhnliche Art grün gedeckt. Eine Anzahl der Fremden will mit den Karaiten über den Hof in die Laubhütte gehen. Das lassen die aber nicht zu. Ein Karait, ein einfacher Mann, fährt einen auf russisch an, er habe hier überhaupt nichts zu suchen; man legt sich nicht in ein fremdes Bett. Andere Karaiten, besonders eine Frau, mischen sich ein. Die Fremden müssen sich zurückziehen. Von der Tür sehe ich noch, wie die ganze Gemeinde sich über den grünen Hof bewegt und langsam mit dem Priester in der großen gemeinsamen Laubhütte verschwindet.
Meine Begleiter sind erregt, verblüfft über den Haß, der ihnen da entgegenströmte. Im Weggehen erzählen sie, die Karaiten hier sprechen fast nur russisch, aber unter sich reden sie ein «Tötörisch», tatarisch. Wie sie zu der Sprache kommen, wissen sie nicht."
 

 

 

 

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Quellen: Gabriele Anderl  "...wesentlich mehr Fälle als angenommen"

            Thomas Schmidinger

Birzai und seine Juden

 

Die kleine Stadt Birzai hatte im Jahr 1897  4413 Einwohner, wovon 57 % Juden waren (davon mehr unter "jüdische Geschichte Birzais").

 

Der alte jüdische Friedhof in Birzai ist der größte in ganz Litauen.

Im "Sela Heimatmuseum", beheimatet in der Birzaier Burg, erinnert eine einzige kleine Vitrine an die jüdische Kultur Birzais.

In der Abteilung über den Hitler-Stalin-Pakt, der sowjetischen Besatzung und den Deportationen der Jahre 1941 nach Sibirien, gibt es ein Foto von Juden , die die Regierung Paleckis und den Pakt mit der Sowjetunion bejubeln.

 

Ich versuche die "Rolle" der Juden in den Jahren 1940 und 1941 zu untersuchen und würde mich über Anregungen und Unterstützung freuen.

 

astravas-gedenkstätte birzai litauen

Am 8. August 1941 kam das Aus für die Litauer jüdischen Glaubens. Die deutschen Einsatzkommandos ließen mit Hilfe litauischer Freiwilliger (oft Partisanen oder Weißarmbindler vom Aufstand gegen die sowjetische Besatzung) die Juden von der Stadt in den Astravas-Wald nordöstlich vom Sirvenos-See laufen. Zuvor hatten jüdische Männer Gruben ausheben müssen.

 

In der United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos steht zu den Morden in Birzai :

"On July 26, 1941 the town authorities ordered all Jews to move into the ghetto, for which purpose they have designated several small streets in the vicinity of the synagogue. Any Lithuanians living in this area were also forced to move out, exchanging houses with Jews  who moved in. Barbed wire surrounded the area and armed Lithuanian policemen guarded it.  A lack of resources caused widespread hunger in the ghetto. The birzai ghetto existed only about two weeks. On August 4, 1941, a group of about 500 Jewish men were sent out of the ghetto with spades, while the women, children and elderly  were locked up in the synagogue, guarded by Lithuanian auxiliary police (wearing white armbands). The men dug a ditch more than 30 meters longand 2 meters wide, which took them three day. Then on August 8, German forces of Einsatzkommando 3, assisted by Lithuanian auxiliaries, surrounded the ghetto. The Jews were told that they would be send to Palestine and were ordered to assemble. The men were marched out to the ditches first and were beaten and cursed on the way. Dr. Levin, a local phycician, refused to go and was shot on the spot. They were taken to the ditches in the Astravas Forest, about 3 kilometers outside the town.


About one hour later, the women and children were marched off in the same dicection, weaving good-bye to local aquaintances. At this time the sound of shooting could allready be heard in the distance. Jews from the hospital were taken to the killing site on trucks. At the ditch the Jews were made to undress and then shot in the graves in groups of 10, piled up on top of each other. Some of the Jews had their gold teeth ripped out of their mouths. The murderers drank heavily during the Aktion [sic].
In total about 2.400 Jews (720 men, 780 women and 900 children) were murdered. Several days later about 90 Lithuanians were shot into the same mass grave for alleged collaboration with the Soviets. After the Aktion [sic], local Lithuanians looted property from the empty ghetto, handing only the most valuable items on to the Germans. In September 1941, Einsatzgruppe A reported that Kreis Birsen was "cleansed of Jews" (judenrein).
One Jewish girl, Helena Nosowa, is known to have escaped from the murder Aktion and survived with the aid of local Lithuanians until the arrival of the Red Army. After the war, Jewish survivors and returnees to Birzai placed a memorial at the site of the mass killings."

Sources
Information on the fate of the Jews of Birzai during the Holocaust can be found in the following publications: (z.B. Henry Tabakin: Only Two Remained (1973) und viele weitere Quellen)

 

Die einzigen Überlebenden dieser Zeit waren die von den Sowjets (bei den Massendeportationen) im Jahre 1940 nach Sibirien Deportierten und Juden, die in der russischen Armee dienten. Über das Leben von Šeftel Melamed später mehr.

 

Am Ort des Massakers ist heute eine Gedenkstätte

gedenkfeier melamed birzai

Šeftel Melamed, seine Tochter Leta Vainoriene und Antanas Seibutis

gedenkfeier deutsche botschaft  birzai

Bürgermeisterin I. Varziene, Vertreter der deutschen Botschaft in Vilnius und Birzaier Schüler

 

Heute ist dort eine Gedenkstätte. Im Sommer 2011, als eine Gruppe engagierter Christen aus Deutschland den jüdischen Friedhof in Ordnung brachten, wurde dort im Beisein von Sheftel Melamed, der Birzaier Bürgermeisterin Varziene und Vertretern der deutschen Botschaft ein Kranz niedergelegt.

 

 

Unvollständige Liste der Mörder am Massaker in Birzai und Umgebung:

 

Moerder in Birzai Holocaust

 

(Quelle der Namen: Josef Rosin oder bei Gordi_Zionelder gibts weitere Listen)

 

Den kompletten Text über die Zeit der Juden in Birzai lesen sie auf deutsch bei Jüdisches Leben in Birzai

 

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Juden in Litauen


Auf https://alles-ueber-litauen.de steht viel über die litauisch-jüdische Geschichte.


Manchen Leser könnten Bemerkungen irritieren, wie die Unterscheidung "Litauer und Jude" (oder Litwak, was auch nur Jude aus Litauen heißt), die Dominanz der jüdischen Bevölkerung in den Städten bis 1941 und die Anmerkungen zur Bevölkerungszusammensetzung von Wilna (Vilnius – 1900 etwa 2 % Litauer, restliche Bevölkerung Polen und Juden). Sind nicht alle Bewohner Litauens Litauer, egal welcher Religion sie angehören? Theoretisch ja ... praktisch wünschen sich die Juden explizit diese Unterscheidung. Zudem macht es die wechselhafte Geschichte Litauens schwierig, eine eindeutige Zuordnung der jüdischen Bevölkerung zur Nation "Litauen" zu erkennen. 

"Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Jude Teil der litauischen Landschaft", sagte Emanuelis Zingeris, Literaturwissenschaftler und Direktor des Jüdischen Museums in Wilna, "wohin man auch kam, man fand eine Kuh, einen Bauern, ein Pferd, einen Juden und ein Fahrrad."   (Butenschön S.56)

Hier möchten wir "kurz" und möglichst einfach die Geschichte der litauischen Juden schildern. Von ihren Anfängen, als sie von Vytautas und Gediminas in deren litauisches Reich eingeladen wurden, bis zum Holocaust 1941, bei dem leider ziemlich viele Litauer den deutschen Besatzern halfen und über 90 % der litauischen Juden umgebracht wurden. Übrigens einer der höchsten Quoten in den von Deutschland besetzten Ländern.


Mittelalter

1323 gründet Großfürst Gediminas die litauische Hauptstadt Vilnius (auch Wilna). Angeblich bekamen die litauischen Juden schon damals Privilegien.

1386 heiratet der litauische Großfürst Jagiello die polnische Thronerbin Jadwiga und wird somit polnischer König. Litauen wird nun von seinem Cousin Vytautas regiert. Vytautas sicherte den Juden die gleichen Rechte wie den Christen zu und wirbt um ihre Ansiedelung auf litauischem Boden. Die damaligen litauischen Herrscher waren religiös tolerant (Jagiello tritt erst 1386 aus machtpolitischen Gründen zum Christentum über) und weitsichtig genug, den Nutzen der jüdischen Zuwanderer (und natürlich anderer westeuropäische Handwerker) zu erkennen.
Vytautas siedelt sogar Juden von der Krim in Trakai (der damaligen Hauptstadt) an, die Karäer. Die 100 Männer sollen für seinen Schutz sorgen. Die mit Frauen und Kindern etwa 480 Karäer lebten allerdings getrennt von den etwa 6.000 damaligen Juden Litauens.

 

18. Jahrhundert

Wilna Gaon


Vielleicht der Höhepunkt des Judentums in Litauen war das Wirken von Elijah ben Solomon Zalman, bekannt als Gaon (der Weise!) von Wilna!
Gaon von Vilnius Litauen

Gaon von Vilnius ®Wikipedia


Er wurde in Sialiec (damals Litauen-Polen) geboren. Heute gehört die Stadt zu Weißrussland (an der polnischen Grenze – zwischen Litauen und der Ukraine). Gestorben ist er in Vilnius, damals gehörte die Stadt zum Zarenreich. So verwirrend ist die litauische Geschichte. Er gilt als bedeutender jüdischer Gelehrter und seine Kommentare zu Thora und Talmud sind heute Standardwerke jüdischer Gelehrsamkeit. Mit vier Jahren konnte er angeblich die Tanach (hebräische Bibel) auswendig. Mit sieben wurde er vom Kedainier Rabbi Moses Margalit unterrichtet. Mit acht Jahren studierte er Astronomie in seiner Freizeit. Ab zehn Jahren setzte er seine Studien alleine fort ... er hatte seine Lehrer im Wissen alle überholt. Mit elf kannte er den Talmud auswendig.

Elijah Ben Salomon Salman verfügte über eine überdurchschnittliche Gelehrsamkeit. Er sprach mindestens zehn Sprachen und war gewandt in Mathematik und Naturwissenschaft. Für ihn waren die Naturwissenschaften die Grundvoraussetzung zum Verständnis der Thora und er ermutigte seine Schüler Naturwissenschaften zu studieren. Er übersetzte sogar Geometriebücher ins Jiddisch- und Hebräische.
Elijah war zweimal verheiratet und hatte mit seiner ersten Frau acht Kinder. Enkel sind 43 namentlich bekannt. Urenkel 143. Laut Wikipedia vervielfachten sich die Nachkommen in jeder Generation um das Vierfache. Alle seine überlebenden Söhne wurden Rabbis, seine Töchter heirateten Rabbis.

Solomon Zalman lehnte das in seiner Zeit aufkommenden Chassidentum ab (er gehörte somit zu den "Misagdim": Gegnern) und bestand auf einer wortgetreuen Auslegung der Thora. Die Chassiden dagegen lebten ein mehr mystisches Judentum. Der Gaon verbot daraufhin Ehen mit Chassiden und es kam zu Exkommunikationen.  

Der Gaon von Vilnius war einer der einflussreichsten Rabbis. Sein Wirken machte Vilnius berühmt.

 

Der deutsche Schriftsteller und Arzt Bruno Alfred Döblin berichtet über einen Besuch in Wilna 1924:

"Wer war der Gaon? Meine jüdischen Führer wissen alles gut... Der Gaon hat Mathematik und Astronomie getrieben, wurde dann durch anderes wichtig. Eine jüdische "Irrlehre" kam in der Ukraine auf. Ein einzelner Mann trug sie vor, ein schwacher Kenner von Talmud und Thora. Der fing an, auf  dem flachen russischen Lande, in den Dörfern und Städtchen, den armen jüdischen Massen allerlei zu erzählen. Der schwache Talmudist war Rabbi Israel Baalschem-tob. Er bewegte sich nicht in den Beßmedresch, den Lernstuben, sondern draußen im Freien, lernte, so erzählte man, die Stimmen der Vögel und Reden der Bäume. 'Ach' , sagt er, 'die Welt ist voller Strahlen und wunderbarer Geheimnisse. Und die kleine Hand liegt vor den Augen und verhindert, daß die großen Lichter erblickt werden.' Dann: 'Was ist die Thora anderes als Leiterin zum Dienst Gottes und Vermittlerin zur Vereinigung mit Gott. Die Rabbiner aber verfolgen nicht dieses Ziel, sondern prahlen mit ihrer Gelehrsamkeit. Jeder kann groß und rechtschaffen sein ohne Kenntnis des Talmuds.'  Die ungebildeten Leute liefen ihm zu ... Sogar Rabbiner folgten ihm ... Fromme, Chassidim, nannten sich diese Leute.'  [AK: Die Gegenbewegung zu den Chassidim waren dann die Misagdim]

Der Gaon war eine Zeit ins Exil gegangen, um sich von seinen Sünden zu reinigen, wanderte durch Polen, Deutschland, bettelte, rang, seine Pflicht gegen Gott zu erfüllen. In Wilno saß er, kasteite sich, studierte Talmud, Kabbala. Nicht einmal seine Angehörigen wollte er sehen. Er war ein Fanatiker des Wissens, ein strenger Kritiker ... Päpstliche Autorität war in dem Gaon. Als es zu wild wurde, belegte er die Chassidim und ihre Führer mit einem Bann. Eine Berührung mit ihnen lehnte er ab, reiste aus Wilno fort, als man ihn drängte, den neuerer zu hören ... Mit siebenundsiebzig Jahren fluchte er ihnen zum letztenmal. Inzwischen hatte sich die neue Lehre, die kaum neu, kaum eine Lehre war, ausgebreitet ... Bücherverbrennungen - von Chassidischen Schriften-, Verfolgungen nahmen zu. Der große Gaon konnte die Bewegung nicht aufhalten, die sogar in seiner Residenz sich einnistete."

Butenschön S60.

 

 

Litauen ist in Westeuropa nicht wirklich bekannt. Aber sogar in Israel Reiseführern (hier "Israel und Palästina" vom Reise Know How Verlag 2018) kann man von Litauens jüdischer Vergangenheit lesen:

"Es handelt sich um die litauischen Juden, auf Jiddisch Litvish oder auch Litvak oder von den Chassidim, Mitnagdim, Gegner, genannt. Sie stammen ursprünglich aus dem Bereich des Großherzogtums Litauen, das im späten Mittelalter bis ans Schwarze Meer reichte. Die Gegnerschaft zu den Chassidim geht auf den Gaon von Wilna, Elia ben Shlomo Salman (1720-1797) zurück, der die mystische Suche der Nähe zu Gott im Chassidismus als pantheistisch einstufte und demgegenüber eine höchst gelehrsame, wortgetreue Tora-Auslegung hochhielt. Gaon, wört­lich Herrlichkeit, war vor dem vom 1. bis 11. Jh nC der Titel der führenden Talmudgelehrten im Zweistromland. Die Litvak wirken durch moderne schwarze Anzüge und weißes Hemd insgesamt eleganter und einheitli­cher als die Chassiden und tragen über der Kippa meist einen breit­krempigen Borsalino; die Schläfen­locken werden oft dezent getragen, z.B. hinter die Ohren gelegt. Die Frau­en können sehr modisch mit überraschend kurzen Röcken gekleidet sein. Sie tra­gen meist Perücken ohne Kopftuch."

 

Im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte sich Litauens Hauptstadt Vilnius (1573 entstand die erste Synagoge in Vilnius) zum berühmten "Jerusalem des Ostens". Während die ethnischen Litauer meist in Dörfern wohnten, lebten die Juden überwiegend in den Städten.

Anfang des 20. Jahrhunderts lebte in keiner der wenigen litauischen Städte eine ethnisch litauische Mehrheit. Obwohl Juden 1920 nur 7 % der Bevölkerung ausmachte betrieben sie 75 % des Handels (die Polen weitere 21%). Götz Aly S. 231

Dementsprechend waren die Besitztümer verteilt. Meist besaßen die Juden die steinernen Häuser der Städte und die Polen waren die Großgrundbesitzer. Trotzdem war auch die Not vieler litauischer Juden groß.

"Alle anderen Stände, alle anderen Klassen der Bevölkerung leben unter besseren Verhältnissen als die Juden". (Siehe Juden in Russland)


Litauens Eigenstaatlichkeit

Litauen war in seiner Geschichte nur relativ kurze Zeit eigenstaatlich. Nachdem 1386 Großfürst Jagiello König von Polen wird, kommt es zu einer Union von Litauen und Polen. Die viel dominantere polnische Kultur (alleine der Unterschied in der Zahl der Einwohner und die Größe der Länder) gewann in Litauen immer mehr an Einfluss. Litauisch wurde nur noch in den Dörfern gesprochen, in den Städten sprachen die Menschen Ruthenisch, Polnisch und immer mehr Jiddisch.

Mit der 3. Polnischen Teilung 1795 besetzte das zaristische Russland ganz Litauen.

 


Juden in Russland

Mit den polnischen Teilungen kamen plötzlich Hunderttausende Juden zum russischen Staat.

Vorher gab es fast keine jüdische Bevölkerung. Im Großfürstentum Moskau, dem Kerngebiet des künftigen Russlands, waren Juden nicht geduldet.  Man hatte vor ihnen Angst, wie vor allen Fremden, und verdächtigte sie der Tätigkeit für fremde Mächte.

Im 18. Jahrhundert war Kaiserin Elisabeth I. feindlich gegenüber den Juden eingestellt. 1742 befahl sie die wenigen im Russischen Reich lebenden Juden des Landes zu verweisen. Als der Senat versuchte, ihren Ausschaffungsbefehl zu widerrufen und darauf hinwies, dass der Handel in Russland und der Staat dadurch in Mitleidenschaft gezogen würden, entgegnete die Kaiserin: „Ich will keinen Nutzen von den Feinden Christi.“ 

 

Die russischen "Neubürger" verpflichtete man in einem sogenannten "Ansiedlungsrayon" zu siedeln, das in etwa dem Gebiet des ehemaligen litauisch-polnischen Staates entsprach. Dieses reichte grob von Palanga an der litauischen Ostseeküste bis zum Schwarzen Meer. Die Verpflichtung im Ansiedlungsrayon zu leben wurde ab 1835 mehrfach gelockert, 1882 von Alexander III. aber wieder strenger angewandt.

Eine Kommission unter Leitung des deutschbaltischen Grafen Konstantin von der Pahlen berichtet Zar Alexander III. 1885:

"Fast neun Zehntel der gesamten jüdischen Bevölkerung sind eine Masse, deren Dasein durch nichts gesichert ist, die tagein, tagaus im Elend unter schlechtesten Bedingungen lebt. Alle anderen Stände, alle anderen Klassen der Bevölkerung leben unter besseren Verhältnissen als die Juden." Aly S. 78

Alexander III. war seinen jüdischen Untertanen wohl nicht sehr zugetan, denn seine "böswillige Lösung für die jüdische Frage war die Konversion [Konvertierung] eines Drittels der Juden, die Auswanderung eines weiteren Drittels und den Hungertod für das verbleibende Drittel". Sutten S. 7

Die Juden konnten die neue Zeit der Moderne im Ansiedlungsrayon aber besser nutzen als die Mehrheit der Bevölkerung. Fleiß und Wissensdurst trieben sie an die Universitäten, wo sie bald überall überproportional vertreten waren. 1886 begann Russland den Zugang seiner Juden zu den Universitäten zu beschränken. Der jüdische Anteil an Studenten (es seinen nur die größten genannt) betrug in Charkow 28 und in Odessa fast 30%.

 

Es kam zu immer mehr Restriktionen. So durften Juden nur noch eine Anwaltspraxis eröffnen, wenn das Justizministerium zustimmte. 15 Jahre wurden fast keine Bewilligungen erteilt, weil "... die Hälfte der Nachwuchsjuristen im Gerichtsbezirk St. Petersburg Juden waren...."

Jsaak Rülf, eine Rabbiner aus Memel, berichtete folgendes von einer Zugfahrt von Vilnius nach Minsk:

Er "... unterhielt sich mit einem Kaufmann über die Pogrome, die sich im Vorjahr ereignet hatten, und fragte nach den Gründen. "Das ganze Unglück des Juden besteht darin," so sein Gegenüber, "dass er unendlich besser, geweckter, brauchbarer, strebsamer und moralischer ist als der Russe." (Aly S. 98)

1914 waren in den nordwestlichen russischen Gebieten nur 8% der Angestellten Russen. Die anderen waren Juden (35%), Polen und Deutsche.

Anfang des 20. Jahrhunderts lebten somit mehr als 90 % der mehr als fünf Millionen "russischen" Juden im Rayongebiet. Beim Widerstand gegen das zaristische System waren Juden in Führungspositionen überproportional beteiligt. Eine Überwindung des alten Systems mit seiner Unterdrückung von Juden und nicht-orthodoxen Christen schien verlockend. Eine bemerkenswert große Zahl der Führung der Bolschewiken waren Juden.

Während es überall im Russischen Reich zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung kam (der Historiker Orlando Figes geht von 1200 Pogromen mit 150.000 Toten zwischen 1919 und 1920 aus) versuchte Lenin den Antisemitismus in Russland einzudämmen:

"The Tsarist police, in alliance with the landowners and the capitalists, organised pogroms against the Jews. The landowners and capitalists tried to divert the hatred of workers and peasants who were tortured by want against the Jews...Only the most ignorant and downtrodden people can believe the lies and slander that are spread about the Jews...It is not the Jews who are the enemies of the working people. ... Among the Jews are working people, and they form the majority. They are our brothers, who, like us, are oppressed by capital; they are our comrades in the struggle for socialism. Among the Jews there are kulaks, exploiters and capitalists, just as there are among the Russians, and among people of all nations...

Rich Jews, like rich Russians, and the rich in all countries, are in alliance to oppress, crush, rob and disunite workers...Shame on accursed Tsarism, which tortured and persecuted the Jews. Shame on those who foment hatred  towards the Jews, who foment hatred towards other nations." W. Lenin auf Schallplatte 1919

 

Lenin kennzeichnete den Antisemitismus als ekelhaften Überrest aus den alten Zeiten der Leibeigenschaft und stockfinsterer Unwissenheit. Seiner Partei gehörten 5 % Juden an, allerdings 30 % dem Zentralkomitee.

Jüdische Elemente seien eine Reserve vernünftiger, des Lesens und Schreibens kundiger Arbeitskräfte, mit derer Hilfe es gelungen sei, die Revolution in schwieriger Zeit zu retten. Aly S.212 

Und der jüdische Historiker Zvi Gitelmann meint dazu: "Never before in Russian history – and never subsequently has a government made such an effort to uproot and stamp out antisemitism." 

(Gitelman: Antisemitism in the Contemporary World) 

Es gab sogar eine jüdische autonome Zone im russischen Fernen Osten (in Birobidzhan, als russische Alternative zu Palästina) die aber nie mehr als 30 % jüdische Einwohner hatte. Ab den 1930er Jahren führte der zunehmende Zwang zur Russifizierung zu einem Aus für die jüdische Sektion (Yevsekstia) in der Bolschewistischen Partei. In Weißrussland wurden alle jüdischen Schulen geschlossen. 

 

 Litauen auf dem Markt von Vabalninkas

Juden auf dem Markt

 

Hier sieht man, dass die jüdische Bevölkerung in den Gebieten von Litauen, Polen und Weißrussland noch mehr nationalstaatliche Wirren durchleben mussten, wie z.B. die ethnischen Litauer, die in den Dörfern zumindest weiter ihre litauische Sprache und Geschichte hatten. Wahrscheinlich lernten die Juden in den Städten schneller russisch. Immerhin gehörten sie von Beginn der Polnischen Teilungen bis zur litauischen Unabhängigkeit 1918  zu Russland. Wer nachlesen möchte, wie das Leben der Juden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russisch-Litauen war, dem sei die Lektüre von Grigori Kanowitsch "Ein Zicklein für zwei Groschen" empfohlen.

Machen fast 140 Jahre Leben in Russland jemanden zum russischen Staatsbürger? Interessante und komplizierte Frage. Für Juden und Litauer gab es da sicher unterschiedliche Nuancen.

Am Ende der 1930er Jahre sah die Lage folgendermaßen aus:

Durch den Hitler-Stalin Pakt schob sich das deutsche Machtgebiet bis an die russische Grenze. Für die osteuropäischen Juden war das eine Katastrophe, nämlich der sichere Tod!

 

 

Litauen ab 1918 

Um 1900 kam es zu einem wiedererstarken der litauischen Identität. Menschen, die gar kein Litauisch konnten, besannen sich ihrer Wurzeln, lernten Litauisch und setzten sich für einen unabhängigen Staat ein (Ciurlionis zum Beispiel).

"Eingeklemmt zwischen Russen, Polen, Deutschen und Letten lebten die allermeisten der Litauisch-sprechenden, wenig gebildeten und armen Einwohner in den Dörfern." Aly S. 229

Die Juden störten dieses Projekt Litauen. So nannte der Arzt Jonas Sliupas 1884 (ihm ist heute eine nationale Gedenkstätte in Palanga gewidmet): " Juden sind Blutegel; Schlafende saugen sie aus und lassen sie ausgelutscht zurück".

Besonders die katholische Kirche agitierte gegen die jüdischen Mitbürger. "Wer Gott liebt, der wird uns vor den Juden retten" und "Die Juden würden Litauen bald verlassen, würden wir Litauer uns mehr im Handel engagieren, selbst einzelne und gemeinschaftliche Geschäfte gründen und alles nur bei den Unsrigen kaufen." Und der christdemokratische Politiker Antanas Stugaitis meinte: "Wer den nationalen und sozialen Fortschritt der litauischen Massen wolle, der müsse die wichtigste Blockade beim Namen nennen und mit dem Finger auf die Juden zeigen." (Aly S.230)

Im Februar 1918 erklärte Litauen, noch unter deutscher Besatzung, seine Unabhängigkeit. Es gelang diese gegen die Rote Armee und gegen die Polen durchzusetzen. Das litauische Sprachgebiet beschränkte sich auf Kaunas und die Dörfer. Vilnius gehörte durch den Schachzug von  Josef Pilsudski wieder zu Polen. In der Stadt lebten Juden und Polen und es gab nur knapp 3 % Litauer. In keiner der wenigen litauischen Städte waren Litauer in der Mehrheit. Aly S. 231

 

Der Handel lag zu 75% in jüdischer Hand, knapp 46% der Immobilien in den Städten gehörten Juden (zu 7% Litauern). Durch die Agrarreform von 1922 wurde den Großgrundbesitzern (Deutschen, Polen und Russen) Land genommen und an Landlose verteilt. Die Juden betraf das nicht. Sie litten auf andere Weise. Staatliche Stellen wurden nicht an Juden vergeben. In Kaunas, wo Juden ein Drittel der Bevölkerung ausmachte, gab es gerade mal elf jüdische Angestellte. Mit der 1940 erfolgten erneuten Besetzung Litauens durch die Sowjetunion, durften Juden wieder in staatlichen Organen arbeiten und fielen durch ihre vorherige Abstinenz auf. 

Die nun (wie gesagt, Litauen ist ja erst 1918 unabhängig geworden, nach langer polnischer Dominanz und anschließend 140 Jahren russischer Besetzung) zu Litauen gehörenden Juden, sprachen sehr gut Polnisch, Russisch und Deutsch. Das in den Städten unübliche Litauisch aber nicht. Aly S. 232

 

Age Meyer Benedictsen, ein dänischer Ethnograf,  berichtet über seine Reise nach Litauen in den frühen 1890er Jahren in seinem 1924 erschienenen Buch "Lithuania...Awakening of a Nation" [1890 gehörte Litauen natürlich noch zu Russland]  (Zitat aus Lamonis Briedis Buch "Vilnius...City of Strangers"):

Die Juden waren seit der frühesten Zeit, über die wir zuverlässige Aufzeichnungen haben, in Litauen, aber sie waren weder willens noch fähig, sich mit den Einheimischen des Landes zu assimilieren. Ihre große Zahl, ihre Vorurteile, ihr religiöser Fanatismus und ihre uralte Sondergesetzgebung haben dazu beigetragen, ihre Position als ein völlig fremdes Element im Land zu festigen. Die vielen Jahrhunderte haben sie eher von der einheimischen Rasse entfremdet, als sie mit dieser zu vereinen, sie sprechen untereinander nicht die Landessprache, sondern benutzen ihren eigenen hebräisch-deutschen Dialekt, sie kleiden sich nicht wie das übrige Volk; obwohl man ihnen verboten hat, ihre alte eigentümliche Kleidung zu benutzen, schaffen sie es durch ihre Kleidung, anders auszusehen als andere Menschen. Sie haben weder Freunde noch Feinde oder gemeinsame Interessen mit dem Volk. Die Politik der Juden war in der Hauptsache opportunistisch, und sie war es aus Notwendigkeit; sie waren nie gewillt, sich wirkliche Freunde zu machen, aus Angst, sich dadurch Feinde zu machen  [AK: !]. Sie haben sorgfältig gewittert, von welcher Seite sie vorläufig den größten Schutz zu erwarten haben, und sie haben nie gewagt, sich darauf zu verlassen, in Sicherheit zu leben; sie haben wahrscheinlich nicht so das Interesse daran gehabt, dort zu leben, das sie gehabt hätten, wenn sie das Gefühl gehabt hätten, in einem eigenen Land zu leben. Litauen ist der Ort gewesen, an dem die Juden den einfachsten und aufrichtigsten Glauben an den Messias gehabt haben. Nirgendwo waren sie mehr bereit, den Erlöser zu empfangen, als in dieser abgelegenen Ecke, wo die Umgebung ihnen erlaubte, alle Erinnerungen, ihre Traditionen und Bräuche in ihrer ganzen mystischen Unklarheit zu bewahren. Bis zum heutigen Tag sagen die litauischen Juden mit derselben Zuversicht wie vor Jahrhunderten: 'Er kommt gewiss und Er kommt bald.'
Man sollte den litauischen Juden im Lichte dieses festen Glaubens, oder jedenfalls der erblichen Neigungen, die in diesem Glauben gründen, betrachten, um ihn zu verstehen zu versuchen, denn nur dann kann man ihm seine ganze Lebensweise verzeihen; man kann sogar etwas Großes in diesem Volke erkennen, das einem sonst unfreiwilig ungünstig beeindruckt.
Die litauischen Juden fühlen sich als Fremde, halb heimatlos inmitten eines Volkes, das sie meidet, ihr ganzes Dasein ist ein einziges ständiges Bestreben, auf dem einfachsten Wege eine Gleichgewichtslage zu halten, das nötige Brot zu finden, auf ihre eigene zwielichten Weise möglichst viel Macht zu erlangen, und es kümmert die jüdische Auffassung wenig, ob diese Macht zum Guten oder zum Bösen des Landes ist, in dem sie leben. So demütig und erbärmlich der Jude oft erscheint, der Stolz der Rasse wohnt noch in ihm. Was kümmert ihn die Grobheit und Verachtung der Ungläubigen, er verschenkt nur, wenn er dazu gezwungen ist, sein geistiger Stolz leidet nicht darunter.... Schmutzig, gemein und gierig von einem oberflächlichen Standpunkt aus betrachtet, besitzt der Jude noch das Gold der Seele, das zur rechten Zeit glänzen kann, und wenn man sich ihm ohne jedes dumme Vorurteil nähert, kann man das Gute in ihm sehen, dann werden die besten menschlichen Eigenschaften, Sympathie und Hilfsbereitschaft sichtbar.
Dieser zweiseitige Zustand ist die Ursache für jene falsche Stellung, unter der die Juden in Litauen seufzen, und es gibt viele unter ihnen, die das Ziel aus den Augen verloren haben, weil sie sich mit den Mitteln beschäftigen, wie sie es erreichen können.

Besser kann man auch die Situation (Beziehungen der ethnischen Litauer und litauischen Juden) vor dem II. Weltkrieg nicht beschreiben.

 

Einen Eindruck über das litauische Judentum der Zwischenkriegszeit vermittelt der schon oben erwähnte Alfred Döblin in seinen Aufzeichnungen über einen Besuch in Wilna 1924:

"Ich kann mich nicht enthalten zu denken, wie ich hinausgehe: Welch imposantes Volk, das jüdische. Ich habe es nicht gekannt, glaubte, das, was ich in Deutschland sah, die betriebsamen Leute wären die Juden, die Händler, die in Familiensinn schmoren und langsam verfetten, die linken Intellektuellen, die zahllosen unsicheren unglücklichen feinen Menschen.Ich sehe jetzt: Das sind abgerissene Exemplare, degenerierende, weit weg vom Kern des Volkes, das hier lebt und sich erhält. Und was ist das für einen Kern, der solche Menschen produziert wie den hinflutenden reichen Bal-Schem, die finstere Flamme des Gaon von Wilno. Was ging in diesen scheinbar kulturarmen Ostlandschaften vor. Wie fließt alles um das Geistige. Welche ungeheure Wirklichkeit misst man dem Geistigen, Religiösen zu?"

Alfred Döblin  Reise in Polen (1924)

Und in einer Zusammenfassung 1934 schrieb er:

"Als ich vor einem Jahrzehnt die alte, geschlossene Judenheit in Polen aufsuchte und zum ersten Mal, staunend, ergriffen, tief bewegt und noch ohne Ahnung von dem, was kommen sollte, jüdisches Volk und Leben sah, öffneten sich mir die Augen: Ostjuden können Juden sein, Westjuden können nicht Juden sein". A. Döblin Ende und Wende der Emanzipation (1934)

 

Der Anteil der jüdischen Studenten im Vergleich mit den Litauern war viel höher. Litauer begannen Einschränkungen für Juden zu fordern und mehr "einheimische Intelligenz" zu unterstützen. Der Staat begann seine jüdischen Einwohner zu diskriminieren. Juden wurden 1934 aus der Holzwirtschaft, dem Transportgewerbe, dem Handel mit Tabak, Flachs, Streichhölzern, Kohle und Zucker ausgeschlossen. Öffentliche Aufträge gingen an "christliche" Unternehmen. Litauen sollte wieder den Litauern gehören.

Litauen den Litauern

Litauen den Litauern

 

Besonders unrühmlich empfinde ich die Arbeit des Nationalen Schützenverbandes, der sogenannten "Šiaulisten", die sich stark an der antisemitischen Agitation beteiligten und auch während des späteren litauischen Holocaust eine unrühmliche Rolle spielen sollten. (Mitglieder der Šiaulisten saßen auch in Telsiai im Gefängnis (Rainiai Massaker)).

So attackierten Redner der Šiaulisten das "destruktive jüdische Gebaren", wollten "die Juden aus der Wirtschaft [zu] eliminieren, um so die Positionen der Litauer zu unterstützen".

Der wirtschaftliche und geistige Aufstieg der Litauer sollte auf Kosten der Juden stattfinden. Aly S. 233 

 

Während die Regierung Smetona noch eine relativ liberale Judenpolitik betrieb (Smetona und Außenminister Urbsys sollen auch die Sowjetische Dominanz als das kleinere Übel angesehen und den Deutschen einen Sieg gegen den mächtigen Anglo-Amerikanischen Gegner nicht zugetraut haben [Suziedelis Lithuanian Collaboration zit. Liudas Truska "Smetona"], stachelte die von Augustinas Voldemaras gegründete Organisation "Eiserner Wolf" (Gelezinis Vilkas) zum Judenhass auf. 

Christoph Dieckmann beschreibt die Gelezinis Vilkas als "radikale faschistische Gruppe", die 1927 als geheimer paramilitärischer Verband nach dem Vorbild der italienischen Faschisten gegründet wurde. Voldemaras benutzte sie, um die Regierung Smetona zu bekämpfen.

"Der Verband hatte kein politisches Programm, sondern verstand sich als aktive politische Wache des litauischen Volkes, der alle »antivölkischen« und »antistaatlichen« Aktivitäten bekämpfen wollte, um eine neue Ordnung nach italienischem Vorbild zu schaffen. Seine Hauptgegner sah er in Polen und Juden. Er behauptete, seine Ziele seien "die Ehre des Volkes und das Wohlergehen des Staates". In Kaunas hatte der Gelizinas Vilkas 1930 etwa 1.000 bewaffnete Mitglieder. 

Nach dem litauisch-sowjetischen Beistandspakt von Oktober 1939 kam es in Kaunas zu wilden pro-sowjetischen Demonstrationen, bei denen überdurchschnittlich viele Juden teilnahmen. (Suziedelis)

Juden in Litauen begruessen  die Rote Armee und Stalin

Litauische Juden begrüßen den Beistandspakt mit der Sowjetunion  (Foto Sela Museum Birzai) und 1940 die sowjetischen Truppen mit Blumen. Ein Jahr später begrüßen die Litauer die Wehrmacht mit Blumen.

 

Laut Frieda Frome lebten Litauer, Juden, Russen und Deutsche unter Smetona friedlich und mit gegenseitiger Toleranz zusammen. Das änderte sich nach dem litauisch-sowjetischen Beistandsabkommen von 1939 mit der Einrichtung von sowjetischen Basen. 

"As the Communists became more active after the establishmet of Soviet bases in October 1939, she recalls, "little by little my thoughts were channeled into the Russian stream of ideology ... so strongly that my parents were horrified at the opinions I expressed."  (Suziedelis)

 

Saulius Suziedelis meint, die zunehmende antisemitische Haltung der LAF Führung in Berlin könnte durchaus aus Litauen und der dortigen Stimmung selbst gekommen sein und hätte kaum einen Anstoß von außen gebraucht. Das Programm der LAF, die "Richtlinien zur Befreiung Litauens" nehmen die Geschehnisse im Sommer 1941 ziemlich präzise vorweg (auch wenn sich wahrscheinlich von den Litauern kaum jemand die tatsächlich folgende Brutalität so vorgestellt hatte) .

In den "Lietuvai islaisvinti nurodymai" (Richtlinien zur Befreiung Litauens) vom 24. März 1941 steht über den weiteren Umgang mit den litauischen Juden:

"It is very important on this occasion to shake off the Jews. For this reason it is necessary to create within the country such a stifling atmosphere against the jews that not a single Jew would dare to even allow himself the thought that he would have even minimal rights or, in general, any possibility to earn a living in the new Lithuania. The goal is to force all the Jews to flee Lithuania together with the Red Russians. The more of them who leave Lithuania at this time, the easier it will be to finally get rid of the Jews later. The hospitality granted to the Jews during the time of Vytautas the Great is hereby revoked for all time on account of their repeated betrayal of the Lithuanian nation to its oppressors." (Suziedelis Lithuanian Collaboration)

 

Noch am 14-17. Juni 1941 kam es zu Deportationen von 20.000 Menschen (Litauer, Polen, Juden) nach Sibirien. Welches Leid diese Menschen erlebten, kann man bei der Lektüre von Dalia Grinkeviciute's Buch "Aber der Himmel...grandios" erahnen.

Unter den 20.000 Deportierten befanden sich weniger als 2.000 Juden, (Suzieldelis "Lithuanian Collaboration") damit aber immer noch überproportional viele im Vergleich zur ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung.

 

87 % der in der Vorkriegs-UdSSR lebenden Juden waren urbanisiert. Im Ansiedlungsrayon sogar 90 %! (Raul Hilberg S. 305)

Anteil der Juden in den von Deutschen besetzten Orten im Osten:

Stadt und Jahr                        Jüdische Bevölkerung
der Volkszählung                (Anteil an der Gesamtbevölkerung in Klammern)
Odessa (1926)                         153200(36,4)
Kiew (1926)                            140200 (27,3)
Lemberg (1931)                       99600(31,9)
Dnjepropetrowsk (1926)           83900 (36,5)
Charkow (1926)                         81100(19,4)
Chisinau (1925)                         80000 (60,2)
Wilna (1931)                            55000 (28,2)
Minsk (1926)                             53700 (40,8)
Cernauti (1919)                        43700 (47,7)
Riga (1930)                              43500 ( 8,9)
Rostow (1926)                         40000(13,2)
Bialystok (1931)                        39200 (43,0)
Gomel (1926)                           37700(43,6)
Witebsk (1926)                        37100 (37,6)
Kirowograd (1920)                    31800 (41,2)
Nikolajew (1923)                      31000 (28,5)
Krementschug (1923)               29400 (53,5)
Zitomir (1923)                          28800 (42,2)
Berditschew (1923)                    28400(65,1)
Cherson (1920)                        27600 (37,0)
Kaunas (1934)                         27200 (26,1)
Uman (1920)                           25300 (57,2)
Stanislaw (1931)                      24800 (51,0)
Rowno (1931)                         22700 (56,0)
Poltawa (1920)                        21800 (28,4)
Bobruisk (1923)                       21600 (39,7)
Brest Litowsk (1931)                21400 (44,2)
Grodno (1931)                        21200(43,0)
Pinsk (1931)                           20300 (63,6)
Winniza (1923)                        20200 (39,2)

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion begann einer der Wunschträume Hitlers in Erfüllung zu gehen. Das Ende des Judentums. Litauische Organisationen wie die LAF (Litauische Aktivistische Front) wurden über den Angriffstermin informiert und sollten der Wehrmacht beim Einmarsch in Litauen helfen. Es kam zu einem antisowjetischen Aufstand, bei der sich litauische Freiwillige in ganz Litauen organisierten, Güter und Infrastruktur vor den abziehenden Sowjets schützten – (Adolfas Ramanauskas soll so einer Schutzeinheit angehört haben) oder, wie Skeptiker meinen, den Sowjets in den Rücken zu schießen.

Es kam aber auch überall in Litauen zu Übergriffen gegen vermeintliche Bolschewisten, die aber fast immer Juden waren. Die Sowjets waren auf der Flucht. Die Nationalsozialistische Gleichsetzung von Jude=Bolschewist wurde besonders von der LAF verinnerlicht. Beispielhaft ist die Jagd auf Juden (=Bolschewisten) in Kaunas an der Lietukis Garage, bei der Juden vor vielen Zuschauern (auch Frauen und deutschen Soldaten) erschlagen wurden.

Dazu einige Zeilen aus einem Feldpostbrief des Soldaten Heinrich Sandt an seine Frau:

"Während ich meine Schritte diesem Platz zu lenkte, hörte ich schon von weitem ein Geschrei und Gestöhne, ein Lachen und Johlen, ein Fluchen und Kreischen. Da sah ich, wie Eisenstangen, Gewehrkolben, lange Holzknüppel u. andere Gegenstände mit Macht nach unten sausten, so als man mit Wut und Ingrimm auf irgend etwas nieder schlug. Und richtig. Die Juden waren hier zusammen getrieben und wurden einfach niedergeschlagenEs war ein Bild, das in seiner Schauderhaftigkeit und Grausamkeit nicht übertroffen werden konnte. 

Kaunas Pogrome Vytautas Prospect 1941

Originalbild des Briefes vom Soldaten Sandt (jetzt YadVashem)

Daher will ich Dir keine Einzelheiten hierüber schreiben. Des Abends feierte die ... [AK: unleserlich] Volksseele ein Volksfest auf den Leichen der erschlagenen Juden. Ein Akkordeon spielte und johlend und schreiend tanzte der Mob auf den Leichen umher. Die Frauen waren die Schlimmsten. Sogar hochschwangere Frauen ergötzten sich leidenschaftlich an diesem Totentanz. Jetzt hat die Feldgendarmerie eingegriffen. Die Juden wurden hinfort humaner behandelt, d.h. sie wurden nach wie vor in Waffen zu Hunderten zusammengetrieben und dann erschossen; vorher aber müssen sie ihr Grab geschaufelt haben. So grausam kann eben nur der Slawe [sic!] sein."

Vielleicht war das Lietukis Massaker von den Deutschen angezettelt. Genau weiß man das nicht. Es kam ihnen aber entgegen und sie haben es nicht verhindert.

Die litauischen Partisanen, die sich von den Deutschen eine Befreiung vom sowjetischen Joch und einen eigenen Staat erhofft hatten, wurden entwaffnet und als Hilfskräfte in der Partisanenbekämpfung eingesetzt. Da ja jeder Jude ein Bolschewist war, galt es alle Juden auszuschalten. Man begann (die Wannseekonferenz lag noch in weiter Ferne!) zuerst die jüdischen Männer zu ermorden, bald folgten Frauen und Kinder.

 

Somit begann der Holocaust...auf litauischem Boden.

 

 

Götz Aly beschreibt eine der vielen überall in Litauen erfolgten Ermordungsaktionen  beispielhaft mit einem Einsatz des "Rollkommando Joachim Hamann in Rokiskis wie folgt:

"Den Kern des Rollkommandos bildeten neben einigen fallweise hinzugezogenen Deutschen litauische Hilfspolizisten, die zuvor zum Teil antisowjetischen Partisaneneinheiten angehört hatten. Über die unter deutschem Kommando ausgeführte Massenerschießung heißt es im abschließenden Bericht: "In Rokiskis waren 3208 Menschen 4,5 Kilometer zu transportieren, bevor sie liquidiert werden konnten. Um diese Aufgabe bewältigen zu können, mussten von 80 zur Verfügung stehenden litauischen Partisanen (Hilfspolizisten) über 60 zum Transport beziehungsweise zur Absperrung eingeteilt werden. Der verbleibende Rest, der immer wieder abgelöst wurde, hatte zusammen mit meinen Männern die Arbeit zu verrichten." Mit Arbeit war die Erschießung der Juden gemeint.

Hamanns Kommando verübte an 45 Tagen 62 Erschießungsaktionen und ermordete dabei 52.922 Menschen, fast alles Juden.

Insgesamt beteiligten sich laut dem Historiker Alfredas Ruksenas 6.000 Litauer direkt an den Judenerschießungen.

Vom staatlichen litauischen Vilnius Gaon Museum (dem jüdischen Museum von Vilnius, siehe Litauen Geschichte) gibt es eine interaktive Karte von allen Massakerorten in Litauen. Beispielhaft sei hier die Erschießung der Juden von Birzai genannt:

“On August 8, 1941, the Jews of Biržai were killed en masse. On the eve of the massacre, prisoners from Biržai prison and Jews dug 2 large pits in Astravas grove (3 kilometers from Biržai). On the day of the massacre a former lawyer from Pasvalys, then a representative of the Gestapo of Šiauliai, Petras Požėla arrived in Biržai with a number of German security police and SD officers. The Jews were told to gather in the synagogue. All precious jewelry was taken from them. Then white armbanders took people in groups of 100–200 to the Astravas grove where they were shot. The massacre lasted from 11 A.M. to 7 P.M. On that day all Biržai Jews were shot. According to data from a Soviet Special Commission, in all about 2.400 Jews were killed (900 children under 14, 780 women and 720 men). The massacre was carried out by Gestapo officers, Linkuva white armbanders (about 30 people) and Biržai white armbanders and policemen (about 50 people).”

Oder bei Christoph Dieckmann S. 813:

"Am 8. August 1941 ermordeten unter der Leitung des Rechtsanwalts und späteren Gebietsrats Pozela litauische Polizisten aus Siauliai, 30 Aufständische aus Linkuva, 50 Polizisten und Aufständische aus Birzai 900 jüdische Kinder, 780 Jüdinnen und 720 Juden im Wald Astravas, 3,5 km nördlich des Städtchens. Die 2.500 Opfer waren am 26. Juli 1941 in ein Ghetto in der Stadt gesperrt worden.
Das Kriegsende erlebten nur drei Juden aus dem Amtsbezirk Pasvalys.
Insgesamt starben im Kreis Birzai über 5.600 Juden, über 200 Litauer und 27 Russen."

Private Bereicherung nach den Erschiessungen war bei manchem Litauer verpönt. So wurde der oben genannte Rechtsanwalt Požela von Staatsanwalt Krygeris angezeigt, weil Požela 300.000 Rubel und zwei Koffer mit Gold und Silber nicht registriert hatte. (Dieckmann S. 864)

Interessant im englischen Text die Aussage, dass der Gestapo Repräsentant von Siauliai (ein Litauer) mit ein paar Deutschen in Birzai ankommt. Dreissig Weissarmbändler (die Aufständigen gegen die Sowjets am Tag des deutschen Einmarsches in Litauen trugen weiße Armbinden als Erkennungszeichen) aus Linkuva und Weißarmbändler aus Birzai halfen den Deutschen.

Laut Auskunft eines der Projektteilnehmer des Holocaustkartenprojektes waren höchstens zehn Deutsche dabei. Gewöhnlich waren es nur drei. Also drei bis zehn Deutsche und achtzig Litauer. Wer waren die litauischen Teilnehmer an diesen Erschiessungen? Was machten sie, als die Deutschen Litauen verlassen mussten? Dazu Dieckmann:

Was "... in den Kreisen Birzai mit den sehr frühen Morden und Zarasai, wo es augenscheinlich keine Ghettoisierung gab, geschah, erscheint nur noch in Ansätzen rekonstruierbar. Ebenfalls reichen die wenigen verfügbaren Quellen und Erinnerungen nicht aus um die Perspektive der verfolgten Juden mehr als nur anzudeuten. Es gab in dieser Region – wie fast überall in der litauischen Provinz – schlicht keine Zeit, um Tagebuch zu führen oder andere Dokumente zu hinterlassen. Ganz ohne Zweifel war die Situation der Juden hier ausweglos, und nur wenige konnten fliehen. Noch weniger konnten in diesem Umfeld überleben."

[Noch einmal in aller Deutlichkeit: es geht nicht um die Leugnung der deutschen Schuld. Der litauische Holocaust ist vollständig von den Deutschen zu verantworten. Ohne den Einmarsch der Wehrmacht würden die litauischen Juden noch leben. Es geht mir lediglich darum der litauischen Tendenz zu begegnen, jegliche Beteiligung zu leugnen und sich nur als Opfer zu sehen (der berühmte doppelte Genozid).]

Birzai Sela Museum Judenmörder

 Sela Museum Birzai

Die alte Ausstellung im Sela Heimatmuseum in Birzai. Hier waren noch bekannte Mörder an den litauischen Juden auf Bildern zu sehen. Geachtete Birzaier Bürger. Mittlerweile sind die Bilder zu meinem Leidwesen abgehängt.

Auf der rechten Seite im abgebildeten Ausstellungsraum hingen die Bilder der nach Sibirien deportierten Litauer. Auch heute werden die Juden noch manchmal für die von der Sowjetunion durchgeführten schrecklichen Deportationen nach Sibirien verantwortlich gemacht. (Dalia Grinkeviciute beschreibt den Schrecken sehr eindrucksvoll.) 

 

877 Litauer tragen den Titel "Gerechter unter den Völkern" im Vergleich zu 569 Deutschen! Allerdings war es für die Retter manchmal besser, falls sie die deutsche Besatzung überlebten, ihren Nachbarn nichts darüber zu verraten, dass sie Juden geholfen hatten. Aly S. 334

 

 

Von den 240.000 litauischen Juden haben die deutsche Besatzung nur diejenigen überlebt, die entweder vorher von den Sowjets deportiert wurden (wie Grinkeviciute schreibt und die Historiker immer wieder betonen, sind auch überproportional viele Juden 1941 nach Sibirien deportiert worden) – oder die sich in Litauen versteckten bzw. als Partisanen kämpften. So überlebten etwa 20.000 Menschen.

Viele der Überlebenden haben nach dem Tod Stalins die Lockerung der Auswanderungspolitik genutzt und sind in die USA und Israel ausgereist. 

 

 

Am Schluss zwei Gedanken:

-Wie würde Litauen heute aussehen, wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte? Hätten Juden (Marianna Butenschön beschreibt sie als städtisch-jüdisches Element) und Litauer es gemeinsam geschafft, Litauen zu einem entwickelten modernen Industriestaat zu machen?

-Was würden die Litauer heute darüber denken, wenn es in "ihrem" Land eine große "klar abgrenzbare, anders sprechende, sich anders verhaltende, andersgläubige Menschengruppe" [Aly S. 364)  geben würde?

Interessante und heikle Fragen.

 

Mit dem Einmarsch der Deutschen hatte das Judentum in Litauen praktisch aufgehört zu existieren.

 

Juden heute 

Heute gibt es wieder positive Ansätze die jüdische Gemeinschaft in Litauen zu beleben. Die große Choral Synagoge lädt zum Gottesdienst und zum Besuch ein. Es gibt viele Bestrebungen das gemeinsame schwere Erbe aufzuarbeiten. Private Organisationen wie DefendingHistory kämpfen gegen das Vergessen, der aus Oxford stammende Professer Dovid Katz bietet seit 1998 jiddisch Kurse an und 2001 wurde das Vilnius Yiddish Institute gegründet.

Und es gibt sogar eine Ryanair Verbindung zwischen Vilnius und Tel Aviv. 

 

Wird fortgesetzt.

Zurueck

 

 

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Quellen:

Götz Aly: Europa gegen die Juden 1880-1945

Wikipedia "Juden in Russland" "Gaon von Wilna"

Christop Dieckmann: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944 Band 1-2

Saulius Suziedelis "Lithuanian Collaboration during the Second World War" in "Kollaboration in Nordosteuropa"

Raul Hilberg "Die Vernichtung der europäischen Juden 1-3"

Karen Sutton "The Massacre of the Jews of Lithuania"

Marianna Butenschön "Litauen"

 

 Litauen Geschichte

 

"Menschen, welche die Geschichte nicht kennen, bleiben immer Kinder".

Jonas Basanavicius im Vorwort seiner Zeitung "Ausra"

 

Litauens Haupstädte:

  1. Kernavė (bis etwa um 1316)
  2. Trakai (etwa um 1316-1323)
  3. Vilnius (etwa um 1323-1920)
  4. Kaunas (1920-1940)  hier mehr über den Wechsel Vilnius-Kaunas-Vilnius
  5. Vilnius (seit 1940).

 

 

Kernave wird für den Sitz des sagenumwobenen Großfürsten Mindaugas gehalten. Trakai war nur 7 Jahre Hauptstadt.

Vilnius ist und war die kulturelle Hauptstadt Litauens, abgelöst 1920 von Kaunas, als Vilnius von Polen besetzt wurde. Ethnisch war Vilnius eine jüdisch und polnisch dominierte Stadt. Der Anteil an Litauern betrug Anfang des 20. Jahrhunderts nur etwa 3%.

Der Name Litauen könnte vom litauischen Wort für Regen, "Lietus" kommen, zumindest meinen das manche Besucher. Die älteste Erwähnung Litauens stammt aber aus den Quedlinburger Annalen als lateinisches "Litua" aus dem Jahre 1009. Hier ist die Rede von einem Erzbischof Bruno, der beim Missionieren in "Litua" mit seinen Gefährten geköpft wurde. Die meisten Historiker leiten den Namen ab auf einen Nebenfluss der Neris, der "Lietauka" (wird heute Lietava genannt).

 

Litauische Herrscher       

(in Arbeit)

Vytautas 1392-1430 Vetter vom polnischen König Jogaila. Als einziger der litauischen Herrscher erhielt er den Beinamen "der Große". Während seiner Regierungszeit erreicht das Großfürstentum Litauen seine größte Ausdehnung von Palanga an der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. 

 

 

2000 v. Chr. Baltische Völker (Letten, Litauer, Pruzzen) wandern bis in das Gebiet des heutigen Baltikums ein.

Die baltischen Sprachen gehören zur indo-europäischen Sprachgruppe, wobei das Litauische dem Sanskrit am nächsten steht.

 

500 v. Chr. Beginn des Bernsteinhandels; Kontakte mit anderen südwesteuropäischen Völkern.

1009  Bruno von Querfurt erlitt am 9. März 1009 den Märtyrertod. Vermutlich hatte er einen Missionierungsauftrag von Adalbert von Prag übernommen, nachdem dieser 997 am Frischen Haff ermordet worden war. Es gelang ihm, Fürst Nethimar zum Christentum zu bekehren, doch die Brüder des Fürsten verurteilten diesen Schritt und töteten den Missionar.

1300 Jh. Die Litauer setzten sich vehement und erfolgreich gegen den Deutschen Orden zur Wehr.

1238 Mindaugas wird von den litauischen Adligen die Herrschaft Litauens angetragen.

1253 Taufe und Krönung des Königs Mindaugas. Mindaugas gehörte zu einer bedeutenden litauischen Fürstenfamilie. Er soll die fünf litauischen Fürstentümer zu einem Staatswesen vereinigt haben.

Durch seine Christianisierung erhoffte er sich Rückhalt durch den livländischen Orden gegen seine inner-litauischen Widersacher. 

1261 löst er sich von der Katholischen Kirche

1263 Mindaugas wird von seinem Schwager Daumantas und seinem Neffen Treniota ermordet. Mindaugas Sohn Vaisalga übernahm die Staatsführung, wurde aber auch ermordet.

1316 – 1341 Gediminas Großfürst von Litauen. Er gilt als geschickter Taktiker und baute Litauen zu einer europäischen Großmacht auf. Durch kluge Bündnispolitik und Heiratspolitik reichte der litauische Einfluss bis Kiev. Gediminas nannte sich "König der Litauer und Ruthenen". Er starb im Kampf mit dem 'Deutschen Orden' an der Bayerburg (Plokščiai – Unterlauf der Memel bei Raudone) an einem Armbrustpfeil.

Das Wappen der Gediminas Dynastie war eine stilisierte Burg auf rotem Grund.

Auf der Staatsflagge vor dem II. Weltkrieg war der litauische Ritter Vytis auf der Vorderseite, die Gediminasburg auf der Rückseite der Staatsflagge.

1362 Gedimina's Sohn Algirdas besetzt Kiew, die "Mutter der russischen Städte". Ethnische Litauer machen nun nur noch etwa 10 % der Bürger des Großfürstentums aus.

1377 Jogaila (Fürst von Kiew) wird Großfürst von Litauen

1385 Vertrag von Kreva (Krewo). Großfürst Jogaila verpflichtet sich, sein litauisches Land "auf ewig" der Krone Polens anzugliedern und sein Volk taufen zu lassen.

1386 Mit der Taufe des litauischen Fürsten Jogaila und seiner Heirat mit Jadwiga, der Königin von Polen, beginnt die Union Litauens mit Polen, die 400 Jahre Bestand haben soll (bis zur dritten polnischen Teilung 1795), wobei die Litauer mit der Zeit immer mehr von den Polen dominiert werden. Jogaila herrscht mit seiner Frau als König Wladyslaw II. Jagiello bis 1434.

Litauischer Ritter mit Schwert und Doppelkreuz

Das litauische Doppelkreuz

Über das Geschlecht der Jagiellonen gelangte das ungarisch/slowakische Doppelkreuz - in der Form dem Lothringer Kreuz ähnelnd - auch in das Wappen Litauens, als es 1386 als angebliches Kreuz des Heiligen Ladislaus von Władysław II. Jagiełło angenommen wurde.

Zusammen mit dem neuen litauischen Großfürsten Vytautas (seinem Vetter) gründet er die polnisch-litauische Union.

Heute gibt es Stimmen, die Jogaila diese polnisch-litauische Union übel nehmen. Lieber hätte mancher Litauer einen rein litauischen Staat, da die Nähe zu Polen rasch zu einer Polonisierung der litauischen Kultur führte. Es gab einfach mehr Polen und die polnische Kultur war weiter entwickelt, als die litauische, obwohl Litauen das dreifach größere Staatsgebiet mitbrachte. (Aber der größte Teil davon ohne ethnische Litauer). Die Christianisierung Litauens erfolgte von Polen aus, was die Verbreitung der polnischen Sprache, Sitten und Gebräuchen noch forcierte. Die litauische Sprache wurde bald nur noch in den Dörfern gesprochen. Ob Litauen weitere Auseinandersetzungen mit Russland und den Deutschen Orden standgehalten hätte, ohne die Zusammenarbeit mit Polen, das kann man bezweifeln, bleibt aber Spekulation. Litauen alleine hätte in der –

1410 Schlacht bei Tannenberg keine Chance gehabt und die Verbündeten erreichten damit den endgültigen Sieg über den Deutschen Orden. Der Sieg bei Grunwald (lit. Zalgiris) war Vytautas größte militärische Leistung.

1413 Im Vertrag von Horodlo akzeptiert Vytautas die Union. Beide Seiten vereinbarten, das der litauische Großfürst und der polnische König fortan mit Zustimmung beider Seiten gewählt werden soll. 

1422 kam es im Frieden von Melnosee zu einem Vertrag Litauen/Polens mit dem Deutschen Orden. Man einigte sich auf Frieden, tauschte Gebiete aus und definierte die Grenzen zwischen Ordensland und Litauen neu. Diese  Grenze von Palanga bis zur Memel sollte die am zweitlängsten gültige Grenze Europas sein und galt bis 1923, als litauische Freischärler das Memelland besetzten.

1430 Nach Vytautas Tod wird Jogailas Bruder Švitrigaila litauischer Großfürst, kurz darauf aber durch Vytautas Bruder Zygimantas ersetzt.

1434 Tod Jogailas.

1444 Kasimir IV. Andreas wird Großfürst von Litauen und 1447 König von Polen.

1500 In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts schwand die Macht Litauens, da das Großfürstentum Moskau immer stärker wurde.

1569 Durch die Stärke Moskaus und immer mehr Auseinandersetzungen an der Ostgrenze, kam es zur Vereinigung Litauens mit Polen im Unionsvertrag von Lublin, wodurch Litauen den größten Teil seiner Selbständigkeit verliert. Der König von Polen wird in Personalunion litauischer Großfürst.

Im Vertrag stand ausdrücklich, dass es sich beim gemeinsamen Staat um ein einziges, unteilbares Ganzes handelt, eine einheitliche und untrennbare Republik, die aus zwei Völkern und zwei Staaten zusammengefügt worden ist.

Polnische Bestrebungen diesen Status nach dem I. Weltkrieg beizubehalten, kann man in diesem Zusammenhang zumindest verstehen. Ein polnisches Heiligtum, die Aušros Vartai (Tor der Morgenröte) liegt in Vilnius. Berühmte Polen, wie Staatspräsident Pilsudski sind in Vilnius geboren.

1575 Stefan Bathory wird litauischer Herrscher

1579 Gründung der Universität von Vilnius

1587 Sigismund der III. Wasa wird Großfürst.

1697 von nun an ist polnisch die Kanzleisprache (die Sprache der staatlichen Institutionen)

1700-1721 Großer Nordischer Krieg, den die Russen zuungunsten Schwedens für sich entscheiden und sich somit die Vormachtstellung im Baltikum und Polen sichern.

1737 es wird in den Kirchen nicht mehr litauisch gepredigt.

1795 Durch die dritte polnische Teilung kommt Litauen das erste Mal zu Russland: Verwaltungsbezirke Kowno (lit. Kaunas) und Wilna (lit. Vilnius). Mit Litauen kommen plötzlich auch Millionen Juden ins russische Zarenreich. 

Für die Menschen änderte sich allerdings nicht viel. Weiterhin waren die Polen die Großgrundbesitzer, die Juden lebten in der Städten und beherrschten den Handel und die Litauer lebten meist in den Dörfern.

1818 Mit dem Buch "Metai" erscheint das erste weltliche Buch in litauischer Sprache.

1830/31 Erster Aufstand gegen den Zaren, ausgehend von Polen. 1832 wird die Universität in Vilnius als Strafe geschlossen.

19.Jh. Während der 120 Jahre dauernden ersten russischen Besatzung (1795-1915) Beginn der Lösung von Polen - Besinnung auf die eigene Sprache und Identität. (Bücherschmuggel aus Kleinlitauen und Königsberg).

 

1863/64 Starke Beteiligung der Litauer am 2. Polen-Aufstand gegen Russland - hauptsächlich aufgrund sozialer Missstände. Beendet wurde der Aufstand vom Generalgouverneur  Michail Murawjow, der damit in die Geschichte als "Henker von Wilna" einging (Butenschön). Nach der Niederschlagung dürfen Bücher nur noch kyrillisch gedruckt werden. 

 

1883 Die litauische Zeitschrift „Ausra“, mit herausgegeben vom späteren Unterzeichner der litauischen Unabhängigkeitserklärung , Jonas Basanavičius erscheint in Königsberg und wird nach Litauen geschmuggelt. Struktur der litauischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert: Adel = Polen (bzw. polonisierte Litauer), städtisches Bürgertum = Deutsche und Juden, Beamte = Russen, Bauern = Litauer. Enges Verhältnis der Litauer zur katholischen Kirche.

Litauer besinnen sich ihrer ethnischen Herkunft und sprechen litauisch. Keiner wollte mehr "litauischer Mensch einer polnischen Nation" sein (Butenschön). Das sahen die Polen anders: für sie waren die Litauer "anderssprechende Polen" und untrennbarer Teil des polnischen Volkes (Zenonas Namavicius).

1904 Mai 7.  Das Druckverbot von Büchern und Zeitungen in litauischer Schrift wird aufgehoben.

Dez. 1905 Großer Litauischer Seimas, bei dem die Litauer die Ziele der Revolution in Russland (vom Januar 1905) gut heißen. Russische Diplomatie dringt auf Spaltung zwischen Litauern und Polen. Die litauischen Teilnehmer des Treffens fordern von Russland Autonomie und Selbstverwaltung. Intern wird schon von Unabhängigkeit gesprochen.

 Siedlung Litauen Weltkrieg

 Litauische Siedlung im I. Weltkrieg       Alte Postkarte

 

1915 Frühjahr Litauen wird im 1. Weltkrieg vollständig von Deutschland besetzt. Deutschland errichtet das Land "Ober Ost". Da Russland seine Verwaltung abgezogen hat, entsteht eine komplett neue Verwaltung. Auch die litauische Wirtschaft ist jetzt von der russischen gekappt, was dem Land später bei der Unabhängigkeit hilft.

1915 Sommer Als Russland seine Niederlage bemerkt, macht es verzweifelte Versuche die Polen und Litauer auf ihre Seite zu bekommen. Zar Nikolaus II. schlug eine Restauration des Litauischen-Polnischen Staates an der Seite von Russland vor. Polen, oft genug von Russland getäuscht, trauten dem Angebot nicht.

 

1917 Oktoberrevolution in Russland. Gründung einer nationalen Interessenvertretung, erlaubt von den Deutschen, die "Taryba"

 

1918 Februar 16. : Unabhängigkeitserklärung Litauens. Zuvor kam es zu einer Unabhängigkeitserklärung, in der noch von unauflösbarer Bindung zu Deutschland die Rede war. Deutschland sah Litauen immer noch als Kriegsbeute. Der Wunsch Deutschlands war es, in Litauen eine konstitutionelle Monarchie unter einem deutschen Fürsten zu errichten.

 

1918 – 1920 Überlassung von Material der ehemals deutschen Besatzer zum Aufbau eines eigenen Heeres. Vertreibung der Roten Armee mit deutscher Hilfe.

1918 16. Dezember Ausrufung der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik (litauisch: Lietuvos Tarybų Socialistinė Respublika) durch die „Litauischen Provisorische Revolutionären Regierung der Arbeiter und Bauern“ und deren Vorsitzenen Vincas Mickevičius-Kapsukas. Mickevičius sollte in der Heldenverehrung der Litauischen Kommunisten nach dem 2. Weltkrieg eine große Rolle spielen.

1919 5. Januar Die "Rote Armee" besetzt Vilnius. Bereits am 7. Januar 1919 nimmt die kommunistische Regierung unter Vincas Mickevičius-Kapsukas in Vilnius ihre Tätigkeit auf.

1919 27. Februar Zusammenlegung der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik mit der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik zur Litauisch-Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Mickevičius-Kapsukas war Chef des Rats der Volkskommissare und somit quasi Regierungschef.

1919 21. April Polnische Truppen erobern Vilnius, die Regierung unter Mickevičius-Kapsukas verlegt ihren Regierungssitz zunächst nach Minsk. Nachdem auch dieses von polnischen Truppen besetzt worden war, amtierte die Regierung in Smolensk.

1919 25. August Da das gesamte Territorium der Litauischen-Weißrussischen Sowjetrepublik unter polnischer Kontrolle steht, wird sie aufgelöst.

1920 Juli Sowjetische Truppen besetzen erneut Vilnius

1920 Juli 12. Beendigung des Kriegszustands mit der Sowjetunion durch Unterzeichnung eines Friedensvertrages, in dem die Sowjetunion "für alle Zeiten" ( ;-) )  )auf seine Souveränitätsrechte über das litauische Volk und das Land Litauen verzichtet.

1920 Oktober 9. : Besetzung der litauischen Hauptstadt Vilnius durch polnische Truppen unter General Lucjan Zeligowski. Coup von Pilsudski. Die litauische Regierung residiert seit 1919 in Kaunas. Bis 1938 gab es deshalb keine diplomatischen Kontakte mehr zwischen Polen und Litauen.

 

1922 De-jure-Anerkennung des litauischen Staates durch die Westmächte. Landreform, Einführung einer neuen Währung. Das Wilnaer Gebiet bleibt weiterhin unter polnischer Herrschaft.

 

1923 Litauische Freischärler besetzen das Memelgebiet.

 

1926 Dezember 17. Staatsstreich in Litauen. Beginn der Diktatur von Smetona.

1927 April Smetona löst den Seimas (Parlament) auf.

 

1939 Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der UdSSR. (Hitler Stalin Pakt) Im „Zusatzprotokoll“ kommen die baltischen Staaten und Finnland zur sowjetischen Interessensphäre. Auch Litauen wird ein „Beistandspakt“ aufgezwungen. Im Oktober 1939 übergibt Stalin das von Polen annektierte Vilnius an Litauen. Dafür muss Litauen der Sowjetarmee Stützpunkte einräumen. Im litauischen-sowjetischen Beistandspakt steht explizit, dass die litauische Unabhängigkeit und soziale Ordnung nicht angetastet wird. 

 

1940 Juni 15. Einmarsch der sowjetischen Truppen in Litauen.

         Litauische Soldaten müssen den Weg säumen, den die sowjetischen Panzer rollen und grüßen die einmarschierenden Truppen. Befehl Nr. 107 vom Oberbefehlshaber der litauischen Streitkräfte General Vincas Vitkauskas (interessante 

         Biographie) und dem Generalstabschef General Stasys Pundzevičius.

         Smetona flieht. („Wahlen“ mit kommunistischen Einheitslisten) in Folge des Hitler – Stalin Paktes. Nach einem Jahr waren 650.000 Soldaten in Litauen stationiert.

         Juni 17.  Eine moskaufreundliche "Volksregierung" unter dem Journalisten Justas Paleckis wird gebildet In manchen Orten gab es ein Wahlergebnis von 130 %. 

         August 3. Die Aufnahme Litauens in die UdSSR erfolgt auf "Bitte" des Parlaments (Seimas)

"Kleine Völker müssen verschwinden"

Sie müssen die Realität sehen und verstehen, dass kleine Nationen in Zukunft verschwinden werden. Ihr Litauen und die anderen baltischen Nationen, Finnland eingeschlossen, werden sich der ruhmreichen Familie der Sowjetunion anschließen. Deshalb sollten Sie jetzt anfangen, ihr Volk an das Sowjetsystem zu gewöhnen, das in Zukunft überall, in ganz Europa, herrschen wird, an manchen Orten früher, wie im Baltikum, an anderen später." Molotow zum lit. Außenminister am 30.6.1940  (Misiunas: The Baltic States)

1940 Oktober 10.  Litauen unterschreibt mit der Sowjetunion einen Beistandspakt. Molotow und Stalin versichern, keine kommunistische Propaganda in Litauen zu unterstützen und der Regierung helfen, falls die Kommunisten doch "etwas" versuchen sollten. S. Mylliniemi "Die baltische Krise"

          September 17.  Litauen bekommt Vilnius von Stalin wieder zurück. Es entsteht die Redewendung: "Vilnius musu – Lietuva Rusu" (Vilnius ist unser – Litauen gehört Russland)

1941 Juni 14.   1. Deportationswelle in allen drei baltischen Staaten. Ca. 50.000 Menschen allein am 14. Juni, davon ca. 17.000 Litauer (darunter 2.045 Juden) werden nach Sibirien abtransportiert.

                        (Quelle der 17.000 Litauer ist Arunas Bubnys "Litauen unter rotem Terror, die 2.045 Juden M. Butenschön "Litauen") 

 

1941 Juni 22. Besetzung des Baltikums durch die deutsche Wehrmacht.

"Nichtjüdische Litauer konnten den Abzug der Sowjets als Befreiung empfinden, Juden sahen die Ankunft der Deutschen anders." T.Snyder Bloodlands

Beginn der Vernichtung fast der gesamten jüdischen Bevölkerung.

 

1945 Besetzung des Baltikums durch die Sowjetunion. Beginn des Partisanenkampfes (Waldbrüder).

 

1949 2. Deportationswelle im Baltikum (3 % der Bevölkerung, etwa 190.000 Menschen, davon 80.000 Litauer). Etwa die Hälfte davon stirbt in den Lagern. Die anderen kehren nach 5-10 Jahren in der Regel völlig mittellos wieder zurück.

 

1987 Erste öffentliche Proteste gegen die sowjetische Herrschaft in allen 3 baltischen Staaten.

 

1988 Gründung der Volksfronten in Lettland, Litauen und Estland.

 

1991 13. Januar: OMON-Einheiten (Spezialtruppe des sowjetischen Innenministeriums) besetzen den Fernsehturm und schießen auf die Bevölkerung (14 Tote). 20. August: nach dem Putsch in Moskau gegen Michael Gorbatschow werden die baltischen Staaten wieder unabhängig.

 

1992 Algirdas Brazauskas wird Präsident der Republik Litauen.

 

1993 Abzug der letzten sowjetischen Soldaten aus Litauen.

 

1998 Valdas Adamkus wird Präsident der Republik Litauen.

 

2000 15.02. : Aufnahme von formellen Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union.

 

2004 Mitgliedschaft in EU und Nato

 

2007 Schengener Abkommen tritt in Kraft, der Euro sollte eingeführt werden. Wegen zu hoher Inflation gestoppt. Neuer Termin nicht vor 2014

 

2012 März  Litauen schließt einen Vertrag über ein KKW mit Hitachi. Fertigstellung soll zwischen 2020 und 2022 sein

 

2014 Juni   EU Finanzminister stimmen der Einführung des EURO in Litauen zu

 

2015   Am 1. Januar wird der Euro eingeführt. Der litauische Vytis (Ritter), mit dem Schwert auf einem Pferd, ist auf allen Münzen geprägt. Die Scheine sind in Europa alle gleich.

 

2017 Heftige Diskussionen in Litauen über die litauische Beteiligung am Holocaust (Ruta Vanagaite "Musiskiai")

2018 Das litauische Parlament macht das Jahr 2018 zum Erinnerungsjahr an Adolfas Ramanauskas, Kampfname Vanagas. Es kommt zu internationalen Protesten, da Ramanauskas einen Trupp Partisanen in Druskininkai beim antisowjetischen Aufstand, oder anders gesagt, beim Einmarsch der Deutschen am 22.6.1941 anführte. Wie überall in Litauen kam es da zu Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung und zu Toten. 

 

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Litauen – Geschichte und der Holocaust

 

 „ Į  krūmus žemaičiai,  į  krūmus aukštaičiai,  į  krūmus visa Lietuva!“

(„In die Büsche Žemaiter, in die Büsche Aukštaiter, in die Büsche ganz Litauen“. A. Bartusevicius. Aufruf sich vor den Nazi-Rekrutierern in Sicherheit zu bringen. Annaberger Annalen 21/2013)

 

Im Sela Museum in Birzai gibt es einen Ausstellungsraum (links vom Haupteingang), in dem an die drei Besetzungen von Litauen im 20. Jahrhundert erinnert wird.
Das Thema ist so interessant und umfangreich, dass ich es aus der rein touristischen Betrachtung von Birzai /Litauen und dem "Sela-Museum" herausnehmen wollte. Eigentlich entstand so die Webseite "alles-ueber-litauen.de" mit seinem Fokus auf die litauische Geschichte. In der sowjetischen Besatzungszeit ist der Holocaust und die Beteiligung von Litauern daran weitgehend ausgeklammert worden. Auf den Mahnmalen in Paneriai und anderen Stätten, an denen die örtliche jüdische Bevölkerung erschossen wurde, gab es den Sowjetstern. Aber nie den Davidstern. Opfer waren sowjetische Bürger. Jüdische Opfer durfte es nicht geben. Versuche, den Holocaust auch in der Sowjetunion publik gemacht, wurden von Stalin (Mord an Solomon Michoels) unterbunden.
 
Eine interessante Betrachtung steuert Timothy Snyder in "Bloodlands" bei (S. 378):
"Der Stalinismus hatte die osteuropäischen Juden aus ihrer historischen Stellung als Opfer der Deutschen verdrängt und sie stattdessen in ein Konzept der imperialistischen Verschwörung gegen den Kommunismus eingefügt. Von dort war es nur noch ein kleiner Schritt dahin, sie selbst als Teil einer eigenen Verschwörung darzustellen. Und so tendierte das Zögern der Kommunisten beim Herausarbeiten und Definieren von Hitlers größtem Verbrechen im Lauf der Jahrzehnte dazu, einen Teil von Hitlers Weltbild zu bekräftigen."
 
 
Nach der litauischen Unabhängigkeit kam es dann (nach 51 Jahren sowjetischer Indoktrination) zu einer Neuinterpretation der eigenen Geschichte. Dabei halfen auch viele Exillitauer und deren Nachkommen, die 1944 vor der Roten Armee mit den Deutschen aus Litauen flüchteten und sich u.a. in Amerika ansiedelten. Das litauische Leid unter Stalin wurde überhöht. Stalins Deportationen nach Sibirien schienen nur die Litauer getroffen zu haben, obwohl in der gesamten Sowjetunion deportiert wurde. Partisanen waren Helden, die meist gegen die Nazis und gegen die Sowjets kämpften. Leider stimmt das nicht.
 
Dr Violeta Davoliūtė schrieb im Dezember in einem Artikel für die Universität Jena:
"Approximately one hundred thousand Lithuanians fled the Soviet advance towards the end of the Second World War, maintaining a high level of cultural and political activity throughout the Cold War in North and South America, Western Europe and Australia. As the Soviet Union collapsed, they played an important role in reshaping the native Lithuanian discourse on the past, including the re-emphasis and re-valorisation of the anti-Soviet partisans who had continued, after the war, to fight the Soviet occupation and who had been denigrated as petty criminals by Soviet propaganda for over fifty years."
 
Vorweg ist zu sagen:
 
Deutschland ist für den Holocaust verantwortlich.

Der Antisemitismus hat auch in Deutschland eine sehr lange "Tradition" und besteht sicher auch in seiner blutigen Ausprägung nicht erst seit 1933. Mit der Machtübernahme Hitlers begann zwar seine radikalste Ausprägung, aber begonnen hat dieses Gedankengut und deren praktische Anwendung schon sehr viel früher.

 Orte des Holocaust in Litauen

Karte mit Massakererorten in Litauen des Vilnius Gaon Staatsmuseum

Laut Milda Jakulyte-Vasil gibt es bis heute 234 entdeckte Holocaust Massengräber. Und es können noch mehr werden. Ironischerweise wird darüber gestritten, was als Holocaust Massengrab gilt. Gehören die Erschiessungen von Kommunisten vor dem deutschen Einmarsch (bei dem Litauer vor allem Juden töteten) schon zum Holocaust? Seltsam und schade, laut Frau Jakulyte-Vasil, auch das geringe Interesse an den vom Vilnius Gaon State Museum besonders für Lehrer bereitgestellten Informationen zu den Massenerschiessungen. Die meisten Zugriffe auf die Informationen kommen von ausserhalb Litauens. Hier stellt sie den Holocaust Atlas von Litauen vor: Holocaust Atlas Litauen  S. 209

 

Und leider, wie der amerikanische Yale Professor Timothy Snyder in seinem Buch "Black Earth" schreibt (er verglich 2010 in "Bloodlands" den Stalinismus mit dem Nationalsozialismus):

"Wir haben wenig Grund zu der Annahme, dass wir den Europäern der 1930er und 1940er Jahre moralisch überlegen sind", schreibt Snyder - denn im Ernstfall "würden sich nur wenige von uns anständig verhalten".

Und Snyder mahnt: "Den Holocaust zu verstehen ist unsere Chance, vielleicht unsere letzte, um Menschheit und Menschlichkeit zu bewahren."

 

JOHANNES BOBROWSKI

Bericht

Bajla Gelblung,
entflohen in Warschau
einem Transport aus dem Ghetto,
das Mädchen
ist gegangen durch Wälder,
bewaffnet, die Partisanin wurde ergriffen
in Brest-Litowsk,
trug einen Militärmantel (polnisch),
wurde verhört von deutschen
Offizieren, es gibt
ein Foto, die Offiziere sind junge
Leute, tadellos uniformiert,
mit tadellosen Gesichtern,
ihre Haltung
ist einwandfrei.

Wer möchte, kann nach dem besagten Foto und nach Andreas F. Kelletats Kommentar zu diesem Gedicht googeln.

 

Warum der Massenmord an den europäischen Juden in Litauen losging, warum die litauischen Juden keine Chancen hatten zu entkommen, warum 95 % der Juden umgebracht wurden, und warum die Beteiligung der Litauer an diesen Verbrechen bisher in Litauen kaum diskutiert wurde - dies soll in "Litauen Geschichte" diskutiert werden.
 
Als die litauischen Juden schon vernichtet waren, begann es auch bei den Litauern zu dämmern:
 
"Allmählich begriffen die einheimischen nichtjüdischen Zeugen des Vernichtungsprozesses die wahre Natur der deutschen Rassenleiter. Die unterste Sprosse war bereits beseitigt worden, und schon auf der nächsten Sprosse saßen sie selbst."  Raul Hilberg Die Vernichtung der europ. Juden S. 336
 
 
 
Litauen den Litauern
Foto aus der Altstadt von Vilnius. Darunter das Symbol für Litauens Freiheit: die stilisierte Burg von Gediminas. 
"Litauen den Litauern" (Natürlich, das findet man in jedem Land)
 
Laut der österreichischen Zeitung "Der Standart" hat ein Gericht in Klaipeda das Hakenkreuz als Symbol der Sonne zum Teil des litauischen nationalen Erbes erklärt. Der Trend dieser Diskussion geht in diese Richtung (natürlich nicht nur in Litauen, wir haben in Deutschland ja sogar die "NSU")  Hier ein Video von einer 1. Mai Demo aus Vilnius, bei der die Teilnehmer sich über drei Deppen mit Hakenkreuz Plakaten beschwerten. Das mittlere Plakat zeigt die Birute (Freiheitsstatue aus Rokiškis). Die Statue wurde aber wirklich schon 1930 gebaut.
 
Tomas Venclova (geb. 1937, litauischer Lyriker, Professor für Slavische Sprachen an der Yale Universität, USA) schreibt dazu:
"Die litauisch-jüdischen Beziehungen stagnieren. Auf litauischer Seite hält sich der Ärger um Efraim Zuroff, und weiterhin gibt es Versuche, eine Theorie des "doppelten Genozids" zu fundieren [die Verbrechen an den Juden werden hier gleichgesetzt mit den sowjetischen Verbrechen am litauischen Volk. Man wurde also von den Juden provoziert, die angeblich die Sowjets unterstützten], während gleichzeitig gefordert wird:" Wagt es nicht, uns eine Nation von Judenmördern zu nennen." 
Zweifellos sind die Litauer keine Nation von Judenmördern. Doch unglücklicherweise hat es in jüngster Zeit Aktionen gegeben, die Argumente dafür liefern, die Litauer eine Nation von Fürsprechern von Judenmördern zu nennen. Was immer man über Efraim Zuroff denken mag, er hat Recht, wenn er sagt, dass die Litauer, anders als die Kroaten, keinen einzigen Judenmörder verurteilt haben. Im Gegenteil gibt es, auch wenn dies in der Öffentlichkeit und von den Gerichten so nicht artikuliert wird, eine deutlich wahrnehmbare Haltung, dass es vollkommen richtig sei, solche Verfahren stillschweigend zu sabotieren. Wir sind nicht reif genug zu verstehen, dass es unzulässig ist, einen Schwerverbrecher zu rechtfertigen oder zu unterstützen, nur weil er ein ethnischer Litauer ist (der sich selbst als Patrioten betrachtet) und seine Opfer oder Ankläger keine Litauer sind".
(Mehr über T. Venclova unter "Litauen, EU und Nationalismus"  und "Ich ersticke" Osteuropa Zeitschrift Januar 2011) 
 
 
 
Warum haben die Litauer über ihre Beteiligung am Holocaust, ihre Kollaboration mit den Nazis, lange Zeit geschwiegen?
 
 
Meine Gegenfrage: Warum konnte es bei uns eine Protestbewegung bürgerlicher Kreise gegen die Wehrmachtsausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" geben? (Peter Gauweiler, einer der Anführer der konservativen Protestler ist stellvertretender CSU Vorsitzender).
Für die Beteiligung der Wehrmacht am Massenmord im Osten und das Wissen der meisten Soldaten über die Gräueltaten, die sie nicht nur den Juden , sondern der ganzen Bevölkerung antaten, gibt es so viele Belege in der Literatur, dass ich hier nicht darauf eingehen kann. 
 
Ralph Giordano nennt die arbeitsteilige Täterschaft der Wehrmacht im Vorwort zu einem Buch über Karl Jäger (Wolfram Wette: "Nur seine Pflicht getan") so: "Wobei der Radius des Vernichtungsapparates stets identisch war mit dem der deutschen Fronten, ob Vormarsch oder Rückzug - der territoriale Machtbereich der Wehrmacht bildet die Voraussetzung für den Holocaust".
 
 
Der Katalog der Wehrmachtsausstellung ist sehr empfehlenswert. Gibt's beim Buchhändler ihres Vertrauens.
Ohne die Wehrmacht und den ihr folgenden SD - Truppen (Sicherheitsdienst des Reichsführer SS, stellten die Einsatzgruppen zur Ermordung der Juden in den besetzten Gebieten auf) hätte es keinen Holocaust gegeben.
 
Etwas aus dem Zusammenhang, trotzdem interessant, ist die Argumentation zur Präventivkriegstheorie. Hitler sei mit seinem Krieg Stalin nur zuvor gekommen. Das der vorher alle seine Offiziere umbrachte, muss dann wohl geniale Taktik gewesen sein. 
 
deutscher panzer
Bildquelle Wikipedia
 
Litauen wurde 1940 im Rahmen des Hitler-Stalin Paktes von sowjetischen Truppen besetzt. In Litauen kam es zu antisemitischen Strömungen, von der LAF in Berlin unterstützt. Vom 14-17 Juni 1941 deportierten die Sowjets 20.000 Litauer  (aber auch überproportional viele Juden) nach Sibirien. Männer, Frauen und Kinder. Die Leiden dieser Deportierten (kann man eindrucksvoll nachlesen in Dalia Grinkeviciute's Buch "Aber der Himmel...grandios") waren unglaublich. Allerdings wurden alle Menschen in der Sowjetunion so behandelt.
In dieser aufgeladenen Situation kam es beim deutschen Angriff zu einem Machtvakuum, dass schnell von wütenden litauischen Männern (Saulius Suziedelis "Lithuanian Collaboration") und den Deutschen gefüllt wurde. Die litauische Bevölkerung jubelte über die vermeintliche Befreiung – eine nicht unerhebliche Minderheit wurde von Furcht und Panik befallen: Kommunisten und Juden.(Wobei bei den Letzteren die politische Haltung egal war. Für die neuen Herrscher Litauens war jeder Jude schlecht).
 
Die Mehrheit der litauischen Juden hat den Einmarsch der Roten Armee 1940 begrüßt, und als kleineres Übel hingenommen. Von Russland erhofften sie sich Schutz vor den Nazis. Bis heute wirft man den Juden vor, Litauen damit verraten zu haben. Vergessen wird dabei, dass auch die ethnische-litauische Linke die Sowjetmacht begrüßte. M. Butenschön "Litauen"
 
Am 24. Juni 1941 nahm die Wehrmacht die litauischen Städte ein und begannen Hitlers Mordpläne zu vollbringen.
 
1944 eroberten russische Truppen Litauen von den sich zurückziehenden deutschen Truppen zurück.
 
Litauen hatte unter allen Besatzungsmächten zu leiden.
 
Hinweistafel über die Taten der sowjetischen Besatzer
1944-1951 haben hier die Besatzer gewirkt. Natürlich die sowjetischen. Schilder über die deutsche Besatzung findet man nicht.
 
 
Die Juden waren auch im I. Weltkrieg die Sündenböcke, diesmal für die russische Seite
 
 
Im ersten Weltkrieg befahl die russische Heeresleitung die Deportation der Bevölkerung im besetzten Polen und Litauen vor den sich nähernden Deutschen.
Da die flüchtenden Menschen aber zu einem großen Problem der russischen Versorgung wurden (die Wege waren verstopft), stoppte man die Deportation am 23.Juni 1914.
Dazu :
 
„Am 23. Juni wurde diese Lage im Stabe des Heeres schon als sehr ernst beurteilt und die Unterbrechung der Deportationen beschlossen, aber mit Ausnahme der Juden, denen man die Schuld für die russischen Schlappen an der Front weiterhin zuschieben wollte. Mit dem Ausschluss der Nichtjuden von den Deportationen suchte man ein Gefühl der Schadenfreude und Bosheit der litauischen Bevölkerung gegenüber den Juden hervorzurufen.
Dazu dienten auch verschiedene verleumderische Beschuldigungen. Die berüchtigtste war die Erfindung des „Verrats der Juden“ in dem litauischen Flecken Kuziai, Kreis Siauliai (Schawli), wo sechs jüdische Familien lebten. Ihnen wurde unterstellt, sie hätten den deutschen Soldaten geholfen, eine russische Truppe zu vernichten. Diese Gräuelgeschichte wurde im ganzen russischen Reich sehr intensiv verbreitet ... Sie verursachten dort gefährliche Ausschreitungen gegen die Juden ...„
Eine Kommission der russischen Duma stellte bei einem Besuch in Litauen fest, dass die beschuldigten jüdischen Familien zur „Tatzeit“ schon evakuiert waren, sie also gar nicht beteiligt sein konnten.
 
 
Aus Abba Strazhas "Deutsche Ostpolitik im Ersten Weltkrieg" 1993
 
 
 
 
Einige Schlagworte: Jäger Report     ("Wird trotzdem eine Jüdin schwanger, so ist sie zu liquidieren!",
 
Koniuchy Massaker, Waldbrüder, Partisanen, LAF, PG (Erläuterungen siehe unten im Text)  
 
 
Lietukis Garage Killings (Morde an der Lietukis Garage) Die Massaker an der Lietukis Garage fanden am 26. Juni 1941 in Kaunas statt.
(Die Operation "Barbarossa", der Angriff gegen die Sowjetunion, begann am 22. Juni 1941).
Bei dieser Lynchaktion wurden Juden dafür bestraft, dass sie Juden sind. Der offizielle Grund war ihre Kooperation mit den russischen Besatzern.
Nicht zum letzten Mal wurde die deutsche Propaganda angewandt:
 
Jude = Kommunist= Partisan
 
 
Die Wehrmacht, der SD und die SS waren scheinbar nicht aktiv involviert, wussten aber Bescheid und ließen es geschehen.
 
Zeugenaussagen von deutschen Soldaten, unter anderem ein 2016 gefundener Feldpostbrief: Lietukis
 
 
Heute werden ehemalige jüdische Partisanen angeklagt, die gegen die deutsche Besatzung kämpften. Koniuchy Massaker
Über die Problematik dieser Anklagen: hier (Litauische Kollaborateure wurden kaum verfolgt. Obwohl 212.000 Juden getötet wurden, sind bisher drei Litauer wegen Kriegsverbrechen angeklagt worden. Zwei wurden verurteilt, aber alters - und krankheitsbedingt nicht festgenommen).
 
 
Yitzhak Arad sagte in einem Interview, mit den Ermittlungen der litauischen Staatsanwaltschaft konfrontiert:
 
 
"It is easy for you to pose such questions, when you sit in a reclined position in a comfortable armchair in a fully airconditioned office. We were fighting there to survive. It was a jungle. Without food from the peasants we would not be able to survive in the forests even one day".
Aus "Litauen und die jüdischen Partisanen" von Burkhard Schröder hier der Text
Vertiefung folgt.
 
Der heutige Besucher hat das Glück, eine Ausstellung zu betrachten, die noch das etwas einseitige Geschichtsbild der Wendezeit widerspiegelt.
 
 
Man kann noch sehen, wie viele Litauer nach der Unabhängigkeit gedacht haben, und ich persönlich hoffe die jetzige Ausstellung später als Teil eines ausgewogeneren Konzeptes wiederzufinden.
 
Für Litauen war der "Molotow-Ribbentrop-Pakt" (deutsch-russischer Nichtangriffspakt), mit der darauf folgenden russischen Besetzung des Landes und dem Verlust seiner Unabhängigkeit ein Trauma, das bis heute nachwirkt.
 
 
Nach dem russischen Einmarsch wurde sofort die litauische Intelligenz nach Sibirien deportiert. Dieser Verlust an Menschen und die zweite russische Besatzung 1944 bis 1990 führten zu den heutigen Lebensbedingungen.
Dagegen beherrschte das Großfürstentum Litauen in Personalunion mit dem Königreich Polen um 1600 riesige Gebiete bis zum Schwarzen Meer. Vor dem Krieg hatte Litauen einen hohen Enwicklungsstand.
 
 
Litauen und Estland sagten ihre Teilnahme an den Feiern zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes in Moskau ab.
 
Klick zum vergrößern
 
Gruppe Kommunisten 1940: "Ich war in der UdSSR" (Dank an das "Sela Museum")
 
 
Einige litauische Juden arbeiteten wegen ihrer russischen Sprachkenntnisse, andere aus Idealismus, für die Besatzungsmacht.
 
Versetzt man sich in die Lage der litauischen Juden dieser Zeit - Hitler seit 1933 an der Macht, die Wehrmacht stand schon in Polen, hatte man neben der Emigration oder den Bolschewisten (hier meine ich keine russischen Anhänger von irgendeiner Dialektik, Lehre von Marx oder Lenin, sondern die Vollstrecker von Stalins Staatsterrorismus) keine Alternative. In diesem Zusammenhang sei an die Deutschen im "Hotel Lux" erinnert.
Im Gegensatz zu den Mitgliedern der LAF (Litauischen Aktivistischen Front), hatten sie ob den Zielen Hitlers keine Zweifel.
 
 
 

Judenmord in Telsiai

 

Sehen Sie auch Telsiai (Bilder der Stadt und die Kapelle in Rainiai sowie der Ort des Massakers an den Juden).

Rainiai Massaker 1941

 

Die Deutschen erreichten Telsiai am Mittwoch den 25. Juni 1941, drei Tage nach Ausbruch des Krieges. Die Litauer hatten die Stadt schon seit Kriegsbeginn unter ihrer Kontrolle gebracht. Die Sowjets flüchteten vor der Wehrmacht, aber auch vor dem litauischen Aufstand, der zeitgleich mit dem deutschen Angriff begann.  Seitdem ging es den litauischen Juden an den Kragen. Inhaftierungen, Raub, Prügeleien, Vergewaltigungen und weitere Demütigungen wurden zum Alltag.

 

Der Einmarsch der Wehrmacht in die Stadt beruhigte die Situation zunächst. Gefangene wurden entlassen und die Belästigungen der Juden liessen nach. Die Juden hatten sich von den Deutschen eine Wiederherstellung der Ordnung erhofft, doch gingen die Quälereien und Verhaftungen bald wieder los.

 

Während dieser Tage versuchten die Telsiaier Juden Hilfe durch Bischof Staugaitis zu bekommen. Staugaitis war ein Führer der Christdemokratischen Partei und Vorsitzender des Seimas (litauisches Parlament) während der litauischen Unabhängigkeit gewesen. Seine Antwort lautete: "Das ist der Preis den ihr dafür zahlt, dass ihr die Bolschewisten nach Litauen gebracht habt" (Confronting the Holocaust in the USSR, Z.Gitelman).

 

Am Freitag den 27. Juni 1941 begannen litauische "Aktivisten" (siehe LAF), zusammen mit Deutschen, die Telsiaier Juden von Haus zu Haus einzusammeln und auf den Marktplatz zu bringen. Von dort ging es zum Mastis See, wo die Juden in Hütten eingesperrt wurden. Nachts durften die Frauen und Kinder zurück in ihre Häuser, die sie geplündert vorfanden.

 

Ein paar Tage später kam das nächste Unheil über die Juden. Das Grab der von den Sowjets ermordeten Häftlinge des örtlichen Gefängnisses wurde im Wald von Rainiai gefunden. (Es hält sich in Litauen die Legende, dass die Juden der bolschewistischen Sicherheitsdienste alleine an diesem Massaker schuld waren. Das die Sowjets eigentlich Atheisten waren, Juden nur eine Minderheit darstellten und mir nicht klar ist, ob überhaupt Juden an dem Massaker beteiligt waren, wird in dem Rainiai Artikel beschrieben).

 

Die litauischen Verantwortlichen mit Bischof Staugaitis an der Spitze, hatten die Sündenböcke für das Massaker schnell gefunden (obwohl natürlich unter den in den Hütten eingesperrten Juden keiner in Rainiai dabei war). Die Inhaftierten Juden mussten die Leichen in Rainiai ausgraben und in Särge legen. Details erspare ich mir hier, bei Interesse kann man das in den Quellen nachlesen. Tageland wurden sie in Rainiai gequält und dort auf einer Farm gefangen gehalten.

 

Der Tag der Bestattung der Ermordeten Gefängnisinsassen am 13. Juli, wurde von Staugaitis zum "Heiligen Sonntag" erklärt, zum Sieg über die Sowjets. Jüdische Männer wurden während der Beerdigungszeremonie zum Friedhof gebracht, wo Litauer sie anspucken und schlagen durften.

 

Ab dem 14. Juli holten die litauischen Aktivisten zusammen mit den Deutschen die Juden von der Farm und führten sie zum Wald von Rainiai. In Paaren mussten sie zu den ausgehobenen Gruben gehen, sich ausziehen, und wurden dann von den Deutschen und Litauern erschossen.

 

Nach wenigen Tagen strömte aus den Gruben ein schrecklicher Gestank. Die noch nicht getöteten jüdischen Frauen und Kinder mussten in ein Lager bei Geruliai gehen. Sie wurden durch Hunger und Typhusepidemien dezimiert und die Überlebenden im August und September bei Telsiai ermordet.

 

 

Die sowjetischen Sicherheitsorgane töteten in Rainiai etwa 76 Litauer auf bestialische Weise. Für die von den Nazis aufgewiegelten Litauer waren die Telsiaier Juden die Verantwortlichen. Etwa 2.600 Juden mussten sterben.

 

Frauen, Kinder, Männer und Alte. 

 

 

Quellen:

Z.Gitelman: Confronting the Holocaust in the USSR

Gordi Zionfelder Blog

Juden in Telsiai von J. Rosin

Rainiai Massaker

 

Keinesfalls möchte ich die deutsche Verantwortung für den Holocaust reduzieren. Deutschland ist uneingeschränkt für die Ermordung der europäischen Juden verantwortlich. Nazi Deutschland hat die litauische LAF vor dem Einmarsch instruiert und instrumentalisiert. Leider haben nicht wenige Litauer mitgemacht.

(Arunas Bubnys in Holocaust in Litauen S.128: "Als Zwischenfazit bleibt festzustellen , dass praktisch alle 1941 aufgestellten Polizeibataillone am Judenmord beteiligt waren, wobei der Grad ihrer Involvierung variierte. ... Das 1. und 2. Bataillon pervertierten zu regelrechten Killerkommandos, die in Litauen und Weissrussland Zehntausende von Juden ermordeten".

 

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Die jüdische Schuld 1940/41

 

In Teilen der litauischen Gesellschaft hält sich bis heute hartnäckig die Meinung, dass die litauischen Juden selber an ihrem Schicksal 1941 schuld waren. Damals sind 200.000 Juden (mit 95% der höchste Prozentsatz an getöteten Juden in allen von den Nazis besetzten Ländern) getötet worden. Schon bevor die deutschen Truppen eintrafen, ging das Morden los.

 

Die Juden waren es, die den sowjetischen Besatzern 1940/41 halfen, die Litauer zu drangsalieren, ihnen ihr Eigentum wegzunehmen und sie massenweise nach Sibirien zu deportieren.

Sie stellten den höchsten Anteil des Personals in den russischen Sicherheitsorganen dar, waren verantwortlich für die brutalen Verhöre und die von den Sowjets verübten Massaker bei ihrer Flucht vor den Deutschen.

 

So die weit verbreiteten Vorurteile, die man in Internetforen, politischen Diskussionen, aber auch unterschwellig in litauischen Museen sieht. 

Juden Bolschewisten

Propagandaplakat der LAF (für die Übersetzung anklicken)

 

Das von Hitler geprägte Synonym, ein Jude sei immer ein Kommunist, wurde von den meisten Litauern aufgenommen und nach dem Abzug der Roten Armee grausame Rache genommen. Teilweise, wie beim Massaker an der Lietukis Garage in Kaunas am 25.6.1941 noch ohne deutsche Anleitung.

 

Dies alles widerspricht natürlich dem gesunden Menschenverstand. Die Wahrheit ist komplexer.

 

1. Für die litauischen Juden war ein deutscher Einmarsch in Litauen das Todesurteil. 1941 war das jedem klar. Für die Juden war demnach die Wahl zwischen Pest und Cholera, zwischen Hitler und Stalin klar.

   Schon am 6.2.1940, also 1,5 Jahre vor dem Einmarsch in Litauen, schreibt der Oberbefehlshaber Ost, Johannes Blaskowitz, über den Irrsinn der deutschen Gräueltaten im besetzten Polen:

   "... Es ist abwegig, einige 10000 Juden und Polen, so wie es augenblicklich geschieht, abzuschlachten; denn damit werden angesichts der Masse der Bevölkerung weder die polnische Staatsidee totgeschlagen noch die Juden beseitigt. Im                   Gegenteil, die Art und Weise des Abschlachtens bringt größten Schaden mit sich, kompliziert die Probleme und macht sie viel gefährlicher, als sie bei überlegtem und zielbewußtem Handeln gewesen wären".                                                           Quelle: Schöne Zeiten-Judenmord aus Sicht der Täter und Gaffer                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                

2. Für die religiösen Juden kam ein Engagement bei den atheistischen Bolschewisten natürlich nicht in Frage. 

3. Die litauischen Juden waren überprozentual Besitzer von Unternehmen, besaßen Häuser und Mühlen. Nicht gerade das Klientel des Kommunismus.

 

Der deutsche Historiker Christoph Dieckmann schreibt in einer Rezension über das Buch "The Myth of Judeo-Bolshevism" von Paul Hanebrink:

"In order to understand how this thinking materialized, I would like to remind us of the work by German sociologist Klaus Holz. In his discursive analysis, he brilliantly showed that in a national order of the world it was impossible to define a Jewish position unequivocally. Jews were not really foreigners, and at the same time they were not supposed to be nationals. Contact between Jews across state borders nourished the suspicion that they might constitute something of a unit as “the Jews,” and tend to cosmopolitan theories of socialism or liberalism. All of this combined, predestined Jews to be seen not only as harmful to the build-up of a non-Jewish nation-state, but also as traitors of the nation in a moment of crisis, as well as destroyers of nationhood in a moment of apocalyptic crisis. Having studied the development of antisemitism in Lithuania in the twentieth century, I would argue that this was exactly how perception developed: Jews were allegedly harming the nation, then betraying it, then destroying it."

 

Neben dem Menschenverstand, der ja manchmal aussetzt, hier ein paar Fakten von Liudas Truska (aus Holocaust in Litauen):

"Über einige Jahrhunderte hinweg gewöhnten sich die Litauer an eine Opferrolle, und es ist heute für sie schwer zu verstehen, dass auch sie anderen Unrecht getan haben sollen.

Zu einem charakteristischen Kennzeichen der litauischen Mentalität ist eine Art von nationaler Rechthaberei geworden, d.h. die Meinung, dass Litauer den Inbegriff aller Tugenden verkörpern oder zumindest sich als solche darstellen müssten.

'Schlecht' sind immer nur "die anderen" - Juden, Zigeuner, Polen, Russen, Deutsche, d.h. Angehörige derjenigen Völker, mit denen die Litauer oft aneinander gerieten.

...

Versuche intellektuell mutiger Historiker, die vielschichtigen Ereignisse in der Mitte des 20. Jahrhunderts differenzierter darzustellen, eingefahrene Stereotype zu durchbrechen, liebgewonnene Mythen zu zerstören, die unangenehmen Ereignisse der jüngeren Vergangenheit ans Licht zu bringen, stoßen in der heutigen litauischen Gesellschaft, vor allem in ihren konservativen Schichten, auf wenig Gegenliebe".

 

Diese Historiker (wie Venclova oder Suziedelis) werden dann nicht selten verunglimpft als Dissidenten, Juden und Landesverräter.

 

Vielleicht kam der Hass auf die litauischen Juden (vergleichbar natürlich auch in Deutschland) wegen "deren unendliche (r) Überlegenheit über die kriegführenden Parteien, ihre äonenweite Weisheit und ihre tiefe Philosophie.",  wie Kurt Tucholsky in einer Buchrezension über das Buch "Der Streit um den Sergeanten Grischa" von Arnold Zweig über die Ostjuden schreibt. Vielleicht waren die Juden den einheimischen ethnischen Litauern einfach überlegen, was Hass und Neid schürte? 

 

Für den historisch interessierten Litauenfreund, sind die folgenden Fakten aber verblüffend.

 (Wobei Informationen aus jüdischen Quellen von litauischen Konservativen meist abgelehnt oder zumindest skeptisch gesehen werden).

Truska schreibt:

"Die fast durchgängig in der litauischen Literatur verbreitete Auffassung von der Schuld der Juden in den Jahren 1940 und 1941 hat mich bewogen, die damaligen Ereignisse in Litauen, insbesondere die Kaderpolitik der Sowjetregierung, zu untersuchen. Die Ergebnisse der Untersuchungen haben mich als Litauer tief bewegt: ich konnte während der Okkupation und Annexion Litauens keinen Verrat der Juden finden, sondern musste eher ein unschönes Verhalten der Angehörigen meines eigenen Volkes feststellen.

Die Regierung Litauens, die am 15. Juni 1940 uneingeschränkt ... das Ultimatum der UdSSR annahm, bestand ausschließlich aus Litauern, in ihr war kein Jude vertreten. 

...

Zu der am 17. Juni gebildeten Marionettenregierung (Volksregierung), die mit ihren Erklärungen die Okkupation verschleierte und damit die Bevölkerung täuschte, gehörte ein einzige Jude - der Gesundheitsminister.

...

Im sogenannten Volksseimas, der am 21. Juli Litauen zur Sowjetrepublik erklärte und Moskau ersuchte, Litauen in den Verband der UdSSR aufzunehmen, waren 67 Litauer, vier Juden, drei Polen, zwei Weißrussen und ein Lette.

 

Bis zur Okkupation machten Juden in der Tat den größten Teil der Kommunistischen Partei Litauens (KPL) aus. Ende 1939 war 1/3 ihrer Mitglieder Juden.

Doch nachdem massenweise Beamte aus Russland in Litauen eingesetzt wurden und in die Kommunistische Partei zunehmend Litauer eintraten, veränderte sich die nationale Zusammensetzung massiv.

 

Im Juni 1941 waren von 4.700 Parteimitgliedern der Litauischen KP 46,4% Litauer, 12,6% Juden und sogar 41% Russischsprechende ... 

Zur gleichen Zeit befanden sich unter den 47 Mitgliedern des Zentralkomitees der LKP 24 Litauer, 5 Juden und 18 Russischsprechende ...

 

Das gleiche Bild ergibt sich für die repressiven Organe. Im Frühjahr 1941 waren unter den 519 Mitarbeitern des NKGB der Litauischen SSR (nicht gerechnet das technische und das Verwaltungspersonal) 55 Juden (10,6%) und unter den 94 Personen der obersten Ränge nur 5 (5,3%).

 

Unter der Sowjetmacht hatten die Juden vielleicht mehr zu leiden als die Litauer. Von den 986 verstaatlichten Industrieunternehmen waren 560 (57%) in jüdischer Hand und von den 1.600 verstaatlichten Handelsunternehmungen sogar 1.300 (83%)".

 

Von den Deportationen nach Sibirien im Juni 1941 lag der jüdische Anteil bei 13,5%, also höher als ihr Anteil an der Bevölkerung in Litauen.

 

Angenehm überrascht war ich von Dalia Grinkeviciutes Buch 'Aber der Himmel - grandios', in der sie ein differenzierteres Bild der Litauer und Juden zeichnet.

 

Inwieweit Habgier (wie in Deutschland, waren die litauischen Juden oft wohlhabender als ihre litauischen Mitbürger), über Jahre gewachsene Spannungen oder einfach nur die Nazipropaganda der Deutschen und ihrer litauischen Helfer (LAF) zur litauischen Unterstützung am Holocaust beigetragen haben, werden hoffentlich weitere Untersuchungen zeigen.

 

Verstörend finde ich das Mauern und Abstreiten von manchem Konservativen in Litauen. Die Angriffe auf Historiker und Intellektuelle, die ihre Sicht der Geschichtsforschung darlegen, auch wenn sie für Litauen beschämend sind.

 

Die historische Realität der über 200.000 ermordeten litauischen Juden, mit 95% Auslöschung die höchste Rate aller von Deutschland besetzten Ländern und die Forschungsergebnisse der letzten Jahre kann man nicht wegdiskutieren.

 

Das ist Geschichte.

  

Auch heute scheint die Existenz von Juden für so manchen Erdenbürger der Grund von fast allem Übel auf der Welt zu sein.

 

Es ist Zeit für mehr Vernunft!

 

 

 

 

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Vilnius auf litauisch, Wilna auf polnisch.

 

Vilnius war seit seiner Gründung durch Balten immer eine internationale Stadt. Eine litauische, polnische, ruthenische  und jüdische Stadt.

Sie war und ist weltoffen und ihr Charme ist anders als die vom Deutschen Orden gegründeten anderen baltischen Hauptstädte. Trotzdem gibt es seit der litauischen Staatsneugründung 1918 immer wieder Spannungen zwischen Polen und Litauen.

Beiträge dazu finden hier in dieser Rubrik ihren Platz.

 

Dazu ein Zitat aus einem Brief von Czeslaw Milosz (litauisch-polnisch-amerikanischer Dichter *1911 im litauischen Sateiniai) an Tomas Venclova

 

Lieber Tomas,

 

Zwei Dichter, Litauer der eine, Pole der andere, sind in der gleichen Stadt aufgewachsen. Das dürfte eigentlich Grund sein, daß sie über ihre Stadt sprechen, und das sogar öffentlich. Zwar gehörte die Stadt, die ich kannte, zu Polen, hieß Wilno, und auf den Schulen und in der Universität wurde polnisch gesprochen: Deine Stadt war die Hauptstadt der Litauischen SSR [A.K.: Sozialistischen Sowjet Republik], hieß Vilnius, und Du hast die Schule und Universität in einer anderen Epoche, nach dem Zweiten Weltkrieg besucht.


Dennoch ist es ein und dieselbe Stadt, und ihre Architektur, die Landschaften ihrer Umgebung und ihr Himmel haben uns beide geformt. Gewisse, sozusagen tellurische [A.K.: die Erde betreffend] Einflüsse sind nicht auszuschließen. Außerdem habe ich den Eindruck, daß Städte ihren Geist und ihre Aura haben, und manchmal, wenn ich die Straßen von Wilna entlanggegangen bin, kam es mir so vor, spürte ich diese Aura auf beinahe sinnliche Weise.
(...)

Im 20. Jahrhundert war das Programm der polnischen Nationalisten für die ethnisch nichtpolnischen Gebiete dumm, da Wilna oder Lemberg [A.K.: heimliche Hauptstadt der Ukraine] Enklaven waren.Ich denke, daß es jungen Leuten heute recht schwer fällt, diesen Enklaven-Charakter des Vorkriegs-Wilna zu verstehen: das war weder Polen noch Nicht-Polen, weder Litauen noch Nicht - Litauen, weder Provinz noch Hauptstadt, obwohl doch vor allem Provinz.
Und natürlich war Wilna, wie ich es aus der Perspektive sehe, absonderlich, eine Stadt mit vermischten, einander überlappenden Gebieten wie Triest oder Czernowitz.


Dort aufgewachsen war nicht das gleiche wie in ethnisch einheitlichen Gebieten aufzuwachsen. Die Sprache selbst wurde anders empfunden. Es gab keinen volkstümlichenstädtischen oder dörflichen Dialekt mit rein polnischen Wurzeln, es gab die "hiesige" lustig wirkende Sprache, die vielleicht dem Geist der weißrussischen näher war als dem der polnischen, obwohl sie freilich viele polnische Worte bewahrt hatte, die im 16. und 17. Jahrhundert üblich, in Polen jedoch aus dem  Sprachgebrauch verschwunden waren. Die Grenze zwischen der "hiesigen" Sprache und der Sprache der adligen Gemeinde (die Mickiewicz sowohl in der Kindheit als auch später in Paris mit dem inneren Ohr hörte) war natürlich fließend, genauso wie die zwischen der Sprache des Kleinadels und der des Hofes oder auch der vom Hof kommenden Intelligenz. All das war jedoch dem polnischen Bauern-Dialekt wirklich fremd.

In der "hiesigen" Sprache sprach das Proletariat von Wilna, sie hatte keine Ähnlichkeit mit der Warschauer Volkssprache, wo sich wahrscheinlich ein gewisses bäuerliches Substrat erhalten hat. Für mich ist zum Beispiel ein Dichter wie Miron

Bialoszewski exotisch. Diese Sprachquellen habe ich nicht. Ich riskiere die Feststellung, daß unsere Sprache empfänglicher war für Korrektheit und auch für rhythmische Prägnanz, deshalb empfinde ich das klare Polnisch der Dichter des 18. Jahrhunderts wie Krasicki oder Trembecki als "das meine". Es ist schwierig, das zu analysieren. Was mich betrifft, so würde ich sagen, meine Sprache wurde davon beeinflußt, daß ich der Versuchung der ostslwischen Sprachen, in erster Linie des Russischen, widerstanden und ein Register gesucht habe, in dem ich - in Bezug auf die rhytmische Modulation - mit den ostslawischen Elementen wetteifern konnte.

 

Ich weiß nicht, wie sich der Widerstand gegen das Russische auf Dein Litauisch ausgewirkt hat. Ich weiß, daß es für mich und für jeden, der ein empfindsames Ohr für das Russische hat, schädlich ist, dem starken Beat des russischen Jambus nachzugeben, und daß dies nicht die Hauptrichtung des Polnischen ist.

 

Das Wilna Problem in der Polnischen Aussenpolitik

 

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Józef Piłsudski

 

Von Vilija Handschin

 

Jozef Pilsudski

Jozef Pilsudski ©Wikipedia

 

Józef Piłsudski wurde 1867 im Gutshof Zalavas (polnisch: Zułów), 60km von Vilnius entfernt, geboren.

Seine Eltern gehörten dem litauischen Adel an. Paradoxerweise war Józef Piłsudski, der grosse Reanimator der polnischen Republik, gar kein richtiger Pole.

Gleich wie der Dichter Adam Mickiewicz, hielt er sich für einen Menschen aus dem Grossfürstentum Litauen. Bei seiner Geburt waren Litauen und Polen noch von Russland annektiert.

Józef Piłsudski besuchte das Erste Gymnasium in Vilnius, später studierte er an der Universität Charkow. Wegen seiner antizaristischen Haltung musste er die Universität 1885 verlassen. Im März 1887 wurde er wegen der Teilnahme an der Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags gegen Zar Alexander III verhaftet und in St. Petersburg inhaftiert und später zu fünf Jahren Verbannung in Sibirien verurteilt.

 

Polnische Truppen ib Vilnius

Polnische Truppen in Vilnius

 

1892 kam er wieder zurück nach Vilnius und beteiligte sich an der Bildung der Polnischen Sozialistischen Partei.

Im Jahr 1900 wurde er in Łódź verhaftet und in der Zitadelle Warschau gefangen gehalten. Indem er eine psychiatrische Krankheit simulierte und sich nur noch von gekochten Eiern ernährte, die ihm seine Mutter schickte, konnte er die Überweisung in die Psychiatrische Klinik in St. Petersburg erwirken.

1901 floh er aus der Psychiatrie nach Galizien. Später reiste er noch Tokio, um dort für die Unterstützung des Kampfs gegen das Russische Reich zu werben. Stets auf der Flucht gelang es ihm terroristische Überfälle auf Banken und Postzüge durchzuführen. 1914 rief Piłsudski in Galizien zur Bildung polnischer Legionen auf, die später die Grundlage der polnischen Armee bildeten, zu deren Oberbefehlshaber Piłsudski im November 1918 ernannt wurde.

 

Pilsudski Ausros  Vilnius

Polnische Truppen unter Pilsudski marschieren triumphierend durch das Ausros Tor in Vilnius ein (1919)

 

Für die Polen ist Józef Piłsudski eine wichtige Persönlichkeit, ähnlich wie Jonas Basanavičius für die Litauer.

Denn Piłsudski gilt als der geistige Vater des unabhängigen Polens und Retter Europas gegen die Rote Pest. Bis an sein Lebensende hielt er an seiner Vision fest, einen Staat mit den alten Dimensionen des ehemaligen Polnisch-Litauischen Reichs (Rzeczpospolita) zu schaffen.

Kurz vor seinem Tod 1935 sagte er im Hinblick auf sein diesbezügliches Scheitern: «Ich habe mein Leben verloren.»

Sein Traum stand allerdings im Widerspruch zur Freiheitsliebe der Litauer, die einen eigenen Staat gründen wollten. 1920 nutzten die Polen die Schwäche des noch jungen, neugegründeten Litauens und besetzten Vilnius im Handstreich. Damit brachen sie den erst zwei Tage zuvor geschlossenen Vertrag von Suwałki, in dem Polen auf den grössten Teil des strittigen Gebiets von Vilnius mit seiner polnischen Bevölkerungsmehrheit verzichtet hatte.

 

Das haben die Litauer Piłsudski bis heute nie verziehen.

Der Leichnam von Józef Piłsudski wurde in der Krypta der Wawelkathedrale in Krakau beigesetzt. Piłsudski hatte testamentarisch verfügt, dass sein Herz auf dem Rasos-Friedhof in Vilnius die letzte Ruhe fände – als Ausdruck seiner Zugehörigkeit zu Litauen.

Die Herzbestattung fand ein Jahr nach Piłsudskis Tod statt, gleichzeitig mit der Beisetzung seiner Mutter.

 

Zulov Geburtsort Pilsudski

Eine Eiche erinnert an das Geburtshaus von Josef Pilsudski in Zulow (Zalavas, Litauen)  Foto © wspolnota-polska.org.pl

 

 

Mehr über Pilsudskis Rolle bei der Einnahme von Vilnius: Pilsudski Wilno

 

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 karl jäger einsatzkommando 3 

  Karl Jäger

 

 

 

 

Auf meine Anordnung und meinen Befehl durch die lit. Partisanen durchgeführten Exekutionen...137.346 !

 

Karl Jäger war SS-Standartenführer und nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Litauen für die Ermordung der litauischen Juden zuständig. Bekannt wurde er durch eine detaillierte Aufstellung aller in Litauen ermordeten Juden (aufgeteilt in Männer, Frauen und Kinder), Kommunisten und sowjetische Gefangene. 

Den sogenannten "Jäger Report"

 

Jäger wurde am 20. September 1888 in Schaffhausen (Schweiz) geboren. Er nahm am I. Weltkrieg teil, zeichnete sich durch Tapferkeit aus und bekam mehrere Auszeichnungen. Schon 1923 gründete er die NSDAP Ortsgruppe Waldkirch-Breisgau, 1932 nahm ihn die SS auf.

 

1938 wurde er zum SS-Führer im SD-Hauptamt ernannt, 1939 Leiter des SD-Abschnitts Münster.  (SD=Sicherheitsdienst)

Wenige Wochen vor dem deutschen Einmarsch bekam Jäger den Befehl das Einsatzkommando 3 aufzubauen. Dies erfolgte in der Polizeigrenzschule Pretzsch. Es wurden ca. 100 Männer in drei Zügen aufgenommen.  

Bei einem Termin im RSHA in Berlin und anschließend nochmals in Pretzsch, wurden die SS-Offiziere auf ihre Rolle in den besetzten Gebieten vorbereitet:

 

Heydrich erklärte in Berlin: "... daß im Falle eines Krieges mit Russland die Juden im Osten alle erschossen werden müssten".

Ein Offizier der Gestapo fragte daraufhin: " Wir sollen die Juden erschießen?". Worauf Heydrich geantwortet habe: "Selbstverständlich".

(Raul Hilberg "Die Vernichtung der europäischen Juden"  Band 2 S. 304)

Bei seiner späteren Vernehmung sagte Jäger aus, er hielt Heydrichs damalige Rede als bindenden Befehl, alle Juden in seinem Tätigkeitsgebiet im Osten zu erschießen.

Im September wurde er zudem Kommandeur der Sicherheitspolizei in Kaunas. 

Noch bevor Jäger mit seiner Arbeit in Litauen begann, brachten die sogenannten Partisanen bereits bis zu 10.000 Juden um.

 

Ob die Einsatzgruppen mit den ersten Massakern in Litauen immer in Verbindung standen, wird wahrscheinlich nicht mehr zweifelsfrei aufgeklärt werden. Über die Lietukis Garagenmorde in Kaunas wurde reichlich diskutiert. Hier wurden beim Einmarsch der Wehrmacht auf einem Garagenhof bis zu einhundert Juden von Litauern erschlagen. Wehrmachtsoldaten schauten zu, griffen aber nicht ein.

Wenn man die Taktik der Einsatztruppen bei Raul Hilberg liest, dass die Vortrupps der Einsatzgruppen direkt hinter den vordersten Verbänden der Wehrmacht in die eroberten Städte einmarschierten und ihre Tätigkeit (der Judenvernichtung) aufnahmen

Jäger baute in Litauen (mit Helmut Albert Rauca) einen effektiven Trupp unter Leitung von SS-Obersturmführer Hamann und unter Verwendung lokaler Verwaltungsstrukturen, Militär und den litauischen Partisanen (die am 22. Juni den von Berlin gesteuerten Putsch gegen die Rote Armee durchführten) auf, die von Kaunas aus zu den einzelnen litauischen Städten aufbrachen und dort jeweils in kurzer Zeit alle Juden umbrachten.

 

Insgesamt wurden vom Sommer bis Herbst 1941 in Litauen 137.346 Juden ermordet, davon ca. 20 - 30 % Kinder.

 

Dabei kann man Litauen durchaus als Experimentierfeld für den Holocaust sehen. Man testete die Einheimischen auf Kollaboration oder Widerstand.

Außerdem war man sich nicht sicher, wie sich die Wehrmacht verhalten würde.

Die Tötungen erfolgten noch mit Maschinengewehren (Xyklon-B wurde im September erst in Auschwitz ausprobiert). Während anfänglich Frauen und Kinder verschont wurden, machten die Rollkommandos bald keinen Unterschied mehr.

  

Dazu hier Jäger selbst (Jäger Report Seite 7): "Das Ziel, Litauen judenfrei zu machen, konnte nur erreicht werden, durch die Aufstellung eines Rollkommandos mit ausgesuchten Männern unter Führung des SS-Obersturmführers Hamann, der sich meine Ziele voll und ganz aneignete und es verstand, die Zusammenarbeit mit den litauischen Partisanen und den zuständigen zivilen Stellen zu gewährleisten.".

 litauen ist judenfrei

Karte aus dem Bericht von Stahlecker an Heydrich vom 31. Januar 1942

 

Rollkommando Hamann

Das "Rollkommando Hamann" (Hamanno skrajojantis burys) bestand aus SS-Sturmbannführer Joachim Hamann und bis zu 10 Männern aus Karl Jägers Einsatzkommando und 50- 58 Männer aus litauischen Einheiten. Er galt als fanatischer Judenhasser und beging nach dem Krieg Selbstmord.

Hamann kümmerte sich in Absprache mit den lokalen Polizeibehörden um die Konzentrierung der Juden (und sonstigen Opfer), um den Ort der Exekution und um genügend Hilfskräfte (Partisanen) für Transport und Überwachung der Massaker.

Dann erst "rollte" das Rollkommando aus Kaunas an und begann mit den Erschießungen.

 

Am 1. Dezember konnte Jäger stolz verkünden:

"Ich kann heute feststellen, dass das Ziel, das Judenproblem für Litauen zu lösen, vom EK 3 erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden mehr, außer den Arbeitsjuden incl. ihrer Familien".

Jäger hätte auch gerne diese Arbeitsjuden und ihre Familien getötet, wurde davon aber von der Verwaltung abgehalten, da die Arbeitskräfte dringend gebraucht wurden.  Als im Herbst 1943 auf Befehl Himmlers alle Gettos im "Reichskommissariat Ost" aufgelöst wurden, kamen die überlebenden Juden in andere Konzentrationslagen und wurden dort ermordet.

 

95 % aller Juden in Litauen sind somit umgebracht worden. Die höchste Opferzahl in allen von Deutschland besetzten Gebieten.

Paradoxerweise hatten die überlebenden Juden ihr Leben den Deportationen durch Stalin im Sommer 1941 und dem Dienst in der Roten Armee zu verdanken (siehe unter Rote Armee zum Vergleich).

 

Interessant am Jäger Report sind auch die Hinweise auf die Zusammenarbeit von deutschen Einsatzkräften (also EK3) und der Zivilverwaltung sowie besonders den litauischen Partisanen. (Siehe auch die Vorgehensweise vor dem Ausrücken des Rollkommandos).

Dazu hier wieder Jäger S. 8:

"Die Aktion in Kauen selbst, wo genügend einigermaßen ausgebildete Partisanen zur Verfügung stehen, kann als Paradeschiessen betrachtet werden, gegenüber den oft ungeheuerlichen Schwierigkeiten die außerhalb zu bewältigen waren. Sämtliche Führer und Männer meines Kommandos in Kauen [A.K.:Kaunas] haben an den Großaktionen in Kauen aktiv teilgenommen".

 

Zu den Arbeitsjuden, die er verschonen musste, meinte er:

"Ich bin der Ansicht, dass sofort mit der Sterilisation der männlichen Arbeitsjuden begonnen wird, um eine Fortpflanzung zu verhindern. Wird trotzdem eine Jüdin schwanger, so ist sie zu liquidieren".

 

Ein Hinweis auf die überwiegende Verwendung litauischer "Partisanen" in den Rollkommandos findet sich im Jäger Report auf Seite 5.:

2.10.41 Zagare "633 Juden, 1107 Jüdinnen, 496 J.Ki [A.K.: Jüdische Kinder] beim Abführen dieser Juden entstand eine Meuterei, die jedoch sofort niedergeschlagen wurde. Danach wurden 150 Juden sofort erschossen. 7 Partisanen wurden verletzt".

 

In "The Vanished World of Lithuanian Jews" schreibt der Historiker Gershon Greenberg, dass zum Telsiai Massaker ein LKW mit 8 Deutschen kam. Den Rest übernahmen lokale Hilfskräfte. Eine Aussage zum Vorgehen bei den Erschießungen findet sich auch dort.

 

Unklar ist, ob wirklich alle Aktionen des Einsatzkommandos 3 im Jäger Bericht wieder gegeben werden. So ist in der Enzyklopädie des  Holocaust Museum der USA über Camps und Gettos bis 1945 ein "Besuch" des Einsatzkommandos 3 in Birzai verzeichnet (8. August 1941 Astravas Massaker). Laut Jäger Report ist das EK 3 aber an diesem Tag im 50 km entfernten Panevezys gewesen. Natürlich ist es möglich, dass sich das Rollkommando geteilt hat.

Hier der Jäger Report (Quelle www.holocaust-history.org  und "Holocaust in Litauen" (Bartusevicius, Tauber, Wette von 2003).

 

 jaeger report1      jaeger report2

 Seite 1                                 Seite2

jaeger report3      jaeger report4 

 Seite 3                                  Seite 4

jaeger report5     jaeger report6

 Seite 5                                  Seite 6

jaeger report7     jaeger report8

 Seite 7                                  Seite 8

jaeger report9

 

 Seite 9

 

Im September 2011 erschien von Wolfram Wette (deutscher Historiker, der auch den Bericht über Karl Jäger in "Holocaust in Litauen" geschrieben hat) ein Buch über "Karl Jäger: Mörder der litauischen Juden". Es gibt bei Amazon noch einige Exemplare.  Hier die Rezension.

 

Offiziere der Einsatzgruppen und Kommandos:

Einsatzgruppe A Stahlecker
Sonderkommando 1a Sandberger
Sonderkommando 1b Ehrlinger
Sonderkommando 2 Batz
Sonderkommando 3 Jäger
   
Einsatzgruppe B Nebe
Sonderkommando 7a Blume
Sonderkommando 7b Rausch
Sonderkommando 7c Bock
Sonderkommando 8 Bradfisch
Sonderkommando 9 Filbert
Vorkommando Moskau Six (Nebe...)
   
Einsatzgrupppe C Rasch
Einsatzkommando 4a Blobel
Einsatzkommando 4b Herrmann
Einsatzkommando 5 Schulz
Einsatzkommando 6 Kröger
   
Einsatzgruppe D Ohlendorf
Einsatzkommando 10a Seetzen
Einsatzkommando 10b Persterer
Einsatzkommando 11a Zapp
Einsatzkommando 11b Müller
Einsatzkommando 12 Nosske

 

Wer die Geschichte von Karl Jäger kennt wird sich wundern, dass Arthur Nebe, den H.B. Gisevius als Widerstandskämpfer schildert, sich in dieser Runde der wohl schlimmsten deutschen Kriegsverbrecher und Menschenverachtern befand.

 

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 Juden in Birzai

 

Jüdischer Friedhof Birzai

 

 

 Juedisches Leben in Birzai-Litauen              

 

Wenn man heute in Birzai ist, erinnert fast nichts mehr an die Zeiten, in denen der jüdische Bevölkerungsanteil fast 57 % betrug .

Rainiai-Massaker 1941

 

»Es fällt nicht leicht, in diesem Abgrund des Bösen zu graben. [...] Man ist versucht, sich erschaudernd abzuwenden und sich zu weigern, zu sehen und zu hören: Das ist eine Versuchung, der man widerstehen muss.«

Primo Levi

 

Als der deutsche Vernichtungskrieg gegen Russland am 22.Juni 1941 begann, kam es in Litauen gleichzeitig zu bewaffneten Angriffen der "LAF" gegen die sich zurückziehende Rote Armee. Mit der litauischen "LAF" (Litauische Aktivisten Front) und deren Führung in Deutschland (Kazys Škirpa) war ein gemeinsames Vorgehen mit der Wehrmacht abgesprochen. Die Litauer versprachen sich mit dem deutschen Einmarsch endlich ihre Unabhängigkeit wieder zu bekommen und die brutale russische Besatzung loszuwerden.

 

Der Vormarsch in Litauen fiel der Wehrmacht leicht. Sie stieß auf keinen großen Widerstand und so marschierte man schon am 25.6.1941 in Kaunas und Vilnius ein.

 

Die Sowjets waren auf den Angriff trotz vielerlei Warnungen allerdings nicht vorbereitet. Wie wir wissen, war sogar noch ein mit Getreide beladener Zug auf dem Weg ins "Reich", als Hitler seine Armee in Bewegung setzte.

 

Die sowjetische Besatzungsmacht war in Litauen nicht gerade beliebt. Wie überall in der Sowjetunion kam es zur Verstaatlichung von Bauernhöfen (zu Kolchosen) und Privatfirmen. Jeglicher Widerstand, auch passiver, wurde brutal unterdrückt. So kam es kurz vor dem deutschen Einmarsch zu massiven Deportationen von vermeintlichen Staatsfeinden nach Sibirien. Nach den hier verwendeten Unterlagen von V. Landsbergis (Forgotten Soviet War Crime) wurden ca. 20.000 Menschen in den Jahren 1940-41 nach Sibirien deportiert. Darunter waren 12.560 Litauer (nicht wundern, beide Seiten unterscheiden gewissenhaft zwischen Litauern und Juden), 2.202 Juden, Polen und andere. Beim Rückzug der Roten Armee wurden zudem 595 Gefangene getötet.

Nachdem Hitler (wie schon vor ihm Napoleon) an Russland gescheitert war, wurden diese Deportationen wieder in grossem Stil aufgenommen. 

 

Natürlich waren die Gefängnisse damals voll von Verdächtigen (Verdächtige waren Landbesitzer, Antikommunisten, Mitglieder in verbotenen litauischen Organisationen. wer sich in dieses Thema vertiefen möchte, der kann im Jäger Report lesen, wie die litauischen Patrioten ihre Gefangenen behandelt haben). Als die Sowjets und ihre litauischen Verbündeten [1] nach dem 22. Juni 1941 Hals über Kopf nach Osten flüchten mussten, wollten sie ihre Gefangenen nicht einfach laufen lassen und es kam in ganz Litauen zu brutalen Massakern. Während die einfachen (z.B. Diebstahl) Gefangenen freigelassen wurden, urteilten über die politischen Häftlinge so genannte Dreiertribunale. Das Ergebnis war immer die Todesstrafe.

 

Eines dieser Massaker, das Rainiai Massaker, passierte in der Nacht vom 24. auf den 25.6.1941 in einem Wäldchen bei Telsiai, im heutigen Zemaitija Nationalpark. Es ist ein Massaker von vielen, die damals in Litauen von den Sowjets durchgeführt worden sind. Obwohl es nicht die meisten Opfer aufweist, ist es aufgrund der enormen Brutalität und extremen Folterungen, wohl das bekannteste Massaker der Sowjets in Litauen.

Der bei dem Rainiai-Massaker ausgelebte Sadismus ist fast unbeschreiblich und ich konnte nicht glauben, dass es tatsächlich so stattgefunden hat, wie in der offiziellen litauischen Geschichtsschreibung verzeichnet ist.

 

Die Geschehnisse sind bei Wikipedia und in einer Faktensammlung von Vytautas Landsbergis, Mitglied des Europa-Parlaments (bis 2014), ehemaliger Ministerpräsident und Vorsitzender der Unabhängigkeitsbewegung Sajudis, umfangreich dokumentiert.

 

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion begann am 22.6.1941. Schon am 23.6. nahm die Wehrmacht die Stadt Plunge ein, die etwa 30 Kilometer von Telsiai entfernt ist.

 

Die Telsiaier Angehörigen der sowjetischen Sicherheitsorgane (inklusive des verbliebenen litauischen Personals - die "normalen" Litauer waren mehrheitlich sofort desertiert, einige waren aber überzeugte Kommunisten oder Juden, denen blieb keine andere Wahl) mussten sich beeilen, um mit der Roten Armee abzuziehen.

Die litauische Führung des Gefängnisses von Telsiai machte sich Gedanken, was man mit den 76 vermeintlich politischen Gefangenen machen sollte. Sie baten den sowjetischen Geheimdienst NKWD und die Rote Armee um Hilfe, mit dem Wissen, dass die Deutschen in wenigen Stunden einmarschieren würden (Seite 23). Am Morgen des 24.6. kehrten die Sowjets nach Telsiai zurück und übernahmen das Gefängnis. Es wurde eine Liste mit zu tötenden Gefangenen gemacht.

Nachdem der Gefängniskeller als zu klein für Erschießungen befunden wurde, wählte man den nahen Wald bei Rainiai aus. Da man keine Schaufeln hatte, mussten diese im nächsten Herrenhaus organisiert werden, um Gruben zum Verscharren der Leichen zu schaufeln.

Am 24.6. begann man abends, die Gefangenen zu fesseln und zu knebeln und mit LKWs nach Rainiai zu bringen.

Im Morgengrauen des 25.6. kamen die in Rainiai eingesetzten Soldaten zum Gefängnis zurück, die litauischen Wärter wurden eingesperrt und alles Militär und NKWD Personal flüchtete nach Osten.

Während des Massakers und der Folterungen liefen die Motoren der Kraftwagen, um die Schreie der Gefolterten zu übertönen.

 

An den Toten wurden folgende Folterungen festgestellt:

 

- Verbrennungen der Opfer durch Feuer und Strom

- Verbrühungen von Händen und Füssen mit kochendem Wasser

- Schläge mit Gewehrkolben und mit Bleikugeln

- Schnitte und Stiche mit Messern und Bajonetten in Fußsohlen, Rücken, Schultern und Bauch

- gebrochene Arme und Beine

- Häutungen von verschiedenen Körperstellen bei lebendigem Leibe (die Zeitung i'Laisve [2.] berichtet 1942 über einen ganzen Haufen mit Hautfetzen von Armen und Beinen)

- abgeschnittene Ohren, ausgestochene Augen, herausgerissene Zungen.

- die Schädel der meisten Opfer waren gesplittert

 

In dem von Landsbergis verwendeten Bericht aus dem Jahre 1942 steht außerdem:

 

Die Folterer waren nahezu verrückt und übermannt von einer Art makabrem sexuellen Sadismus:

- bei nahezu allen Opfern wurden Verletzungen im Genitalbereich festgestellt, einigen die Genitalien sogar in den Mund gestopft (Seite 32).

 

Am 28. Juni wurden die Gräber geöffnet. Die Arbeit mussten Juden aus der Umgebung machen (S. 86). Wenig später sind an dieser Stelle dann etwa 800 Juden ermordet worden.

(Der deutsche Einmarsch war für die litauischen Juden das Todesurteil!).

 

Von den 76 Toten waren die meisten in so schrecklichem Zustand, dass nur ein kleiner Teil von ihnen von Angehörigen identifiziert werden konnte.

Auf Seite 88 berichtet der überlebende Zeuge J. Šapalas (bisher wurde gesagt, dass es keine Überlebenden gab):

"Beim Erreichen von Rainiai wurden die ersten zehn Gefangenen in den Wald geführt, von NKWD Offizieren festgehalten (Schreie ertönten) und ihnen wurden die Zungen und Genitalien abgeschnitten. Šapalas ist dann im Dunkeln geflohen."

 

 

Ich gebe zu, dass mich dieser Landsbergis-Report nicht überzeugt hat. Natürlich muss man die Aussagen der NKWD-Leute bezweifeln, aber auch die litauischen Partisanen sind zumindest für mich nicht viel vertrauenswürdiger, wenn man bedenkt, was damals in Litauen los war. Deshalb habe ich mich (als Nicht-Historiker) an ein Forum bei Facebook gewandt, dass heißt "Club der litauischen Geschichtssuchenden" (frei übersetzt).

 

Die Antworten, sicherlich nicht repräsentativ, weil sich nur wenige der über 2.000 Angemeldeten beteiligten, waren beängstigend. Nicht, dass es in Deutschland nicht ähnliche Antworten auf so eine Frage gegeben hätte. Wenn ich sehe, was da in den Foren los ist ...  Aber hier geht es eben um Litauen!

 

Befriedigt hat mich eine Antwort eines leitenden Mitarbeiters eines Museums in Litauen, der mir schon vorher Fragen beantwortet hatte. Er schrieb auf meine Frage einfach unaufgeregt:

 

"Labas, Andreas,

The most terrible things which are said about Rainiai is true. It is
hard for us to understand how it was possible and how it was
possible do "spend the time" like this when Germans were approaching.
But that is the fact. They did this. Later on in the same forest several
thousand Jews were killed."

 

Deshalb habe ich die kurze Diskussion unten angefügt. Die dort erwähnten Exil-Litauer sind sehr interessant zu lesen. Kostproben gibt es hier von T. Venclova und S. Suziedelis.

 

 

Im Landsbergis-Report gibt es einige Unklarheiten, weswegen ich anfänglich Probleme hatte, die Schilderungen uneingeschränkt zu glauben.

1. Auf S. 11 steht, dass das Rainiai-Massaker das einzige in Litauen ohne Zeugen ist und der Tathergang nur anhand der exhumierten Leichen rekonstruiert werden konnte.

2. Ein Mann wird als Zeuge angeführt, der seinen ermordeten Vater als Fünfjähriger gesehen hat und beschreibt die schlimmen Folterungen.

3. Auf Seite 87 gab es plötzlich doch einen überlebenden Zeugen (J. Šapalas).

4. Die Zeugenaussage des litauischen Gefängniswärters A. Žutautas hört sich nicht sehr überzeugend an.

5. Im Wikipedia gibt es einen Eintrag, in dem es heißt, dass die deutschen SS-Offiziere Taten ihrer eigenen Vorkommandos als litauische Aktionen aussehen ließen:

"There is controversy over who is primarily responsible for initiating the massacres, local Lithuanians or Nazi officials.

Lithuanians cite Franz Walter Stahlecker's report of October 15 to Heinrich Himmler. Stahlecker wrote that he had succeeded in covering up actions of the Vorkommando German vanguard unit and made it look like an initiative of the local population."

6. Neben dem Unverständnis, warum jemand mit solcher Brutalität Gefangene behandelt, die alle zum Tode verurteilt sind, kam noch mein größter Zweifel:

7. Die Zeit. Die Erschießung fand in der Nacht vom 24.6. auf den 25.6.1941 statt und der Transport war improvisiert. Die Wehrmacht nahm die 30 Kilometer entfernt liegende Stadt Plunge am 23.Juni ein. Warum sich die Soldaten Zeit nahmen, einen Wasserkocher und Strom zu installieren und die Gefangenen zu malträtieren statt zu flüchten, war und ist für mich unverständlich.

8. Handschriftlich musste sich einer der maßgeblichen Verantwortlichen des Massakers P. Raslanas gegenüber dem Vorsitzenden der KP Litauens, A. Snieckus, im Oktober 1942 äußern. Er schrieb, dass die Deutschen die Verteidigungslinien von Telsiai durchbrachen, während die Offiziellen im Gefängnis noch die Urteile der Gefangenen besprachen. Die Flucht wurde in Eile vollzogen und nach seinen Aussagen die 76 Gefangenen im Wald von Rainiai erschossen.

 

 

[1]  Zu den litauischen Verbündeten zählen Litauer und litauische Juden. Nach dem russischen Einmarsch von 1940 bekamen die Juden erstmals die Chance in den Staatsdienst einzutreten. Deshalb, und weil die meisten Juden Russisch konnten, war ihr Anteil in den Sicherheitsorganen anfänglich überproportional hoch. Darüber wurde schon viel geschrieben und ich will hier nicht weiter darauf eingehen. Für die Bestialität in Rainiai ist das natürlich keine Erklärung und auch kein Grund.

[2]  Zur politischen Ausrichtung der Zeitung i'Laisve

 

Der Landsbergis-Report   "Forgotten Soviet War Crime"  oder bei alles-ueber-litauen.de

Die schriftliche Aussage von P.Raslanas (von Archyvai.lt)  Dokument   1 2 3 4 5 6

 

Meine (absolut nicht provokativ gemeinte) Frage im Forum des Litauischen Historischen Clubs:

 

 

 

Zu diesem Thema schreibt Liuda Truska in Holocaust in Litauen auf S. 266:

"Ende der 79er Jahre wurden in der liberalen litauischen Exilpresse in den USA als populärste Stereotypen der im Westen lebenden Litauer über den Holocaust genannt:

...

3. Bei der Behandlung der Frage nach der litauischen Beteiligung am Holocaust dürfe nicht vergessen werden, dass die Juden sich bei der sowjetischen Vernichtung des litauischen Volkes hervorgetan hätten. Der sowjetische Sicherheitsdienst (NKWD, NKGB) in Litauen habe vorwiegend aus Juden bestanden. Sie seien verantwortlich für die Ermordung von Litauern während der ersten Kriegstage in Rainiai, Pravieniskes und anderen Orten."

 

Und gibt auf diese Anschuldigung auch gleich die Antwort:

"...  Die Mordaktion der Rotarmisten leiteten der Leiter der NKGB Sektion des Kreises Telsiai, P. Raslanas (Litauer), sein Stellvertreter Jermolajev (Russe), der Vorsitzende des Exekutivkommitees des Kreises Telsiai, D. Rocius (Litauer), und der Mitarbeiter der politischen Abteilung der 8. Armee, Kompanec. ..."

 

Scheinbar kein Jude in leitender Funktion, aber ich glaube, bei der Diskussion um die "jüdische Schuld" geht es auf litauischer Nationalistenseite längst nicht mehr um Vernunft und die Wahrheit. (Natürlich ist Litauen da in guter Gesellschaft).

 

 

Um die damalige Lage in Litauen besser zu verstehen, hier noch ein Textauszug von Gershon Greenberg aus dem Buch:

The Vanished World of Lithuanian Jews 

In August 1948 the chimney sweeper Kazys Zavalys (born 1901 in Libavy, Latvia) stated:

  • "I joined the partisans on the second day of the German occupation ... My duty was to guard the arrested people who were held in the basement of the partisans' headquaters. At the beginning of July 1941 I was one of those guarding the arrested Jews. They were gathered in the Telsiai market square. I was also in the Rainiai camp, where Soviet citizens of the Jewish nation was kept (AK: was für eine bescheuerte Umschreibung. Natürlich waren das litauische Juden). While I was there, the partisans killed about 80 from the Jewish nation...I did not shoot anyone. But I did bring six-eight people to the pits... I received twenty-five Reichmark for the entire period of service to the Germans. At the end of June or beginning of July 1941 I escorted two groups of Jews, six to seven people each from the barracks in Rainiai camp [to the killing site]. Later I was a guard at the killing site for about two days. My job was to stop those to be shot from fleeing... All the people imprisoned in the Rainiai camp had to be killed, because they were Jewish... I carried a German gun."

 

Interessant ist hier auch die Aussage, dass zu dem Judenmassaker von Telsiai im Juli 1941 acht Deutsche in einem LKW kamen. Die restliche "Unterstützung" bekamen sie von Kräften vor Ort. Das entspricht dem Vorgehen der Rollkommandos von Karl Jäger.

 

 

Auf der Website Kehialinks steht ausführlich, wie es den Juden von Telziai nach dem deutschen Einmarsch ergangen ist. Hier kurz eine Textstelle zu Rainiai:

"After eight days the men (AK.: Juden) were taken to work, their first task being to dig up from their graves the corpses of 73 political prisoners who had been imprisoned in Telz prison and had been murdered by Soviet security men before they withdrew. Under the pretext that Jews had taken part in that murder, the Telz men were forced to wash the corpses, to kiss them and lick the decayed wounds. The thirty men who were the victims of this abuse, having been beaten and wounded, were forced later to kneel in the street during the funeral of the murdered. The Catholic Bishop Staugaitis proclaimed the day of the funeral, July 13, as "Holy Sunday", to symbolize victory over Soviet Rule."

 

Richard J. Evans schreibt in "Das dritte Reich: Krieg"  (2008) über ähnliche Vorgänge in der Ukraine (S. 283):

"Tatsächlich hatte der sowjetische NKWD in Lemberg wie in anderen Städten versucht, 'konterrevolutionäre Elemente' noch vor dem Eintreffen der Deutschen aus den Gefängnissen zu holen, und hatte alle umgebracht, die nicht gehfähig waren. [In Telsiai sollten alle ermordet werden, zweifellos] Unter den Ermordeten befanden sich auch einige deutsche Kriegsgefangene. Viele der Opfer waren zu Tode geprügelt worden, und bei ihrer Exhumierung stellte sich heraus, dass man ihnen auch die Knochen gebrochen hatte, während umlaufende Gerüchte, man habe ihnen die Augen ausgestochen oder die Genitalien verstümmelt, wahrscheinlich auf das Werk von Ratten und anderen Aasfressern anspielten. Zudem spricht einiges dafür, dass ukrainische Nationalisten in Lemberg Leichen an die Gefängniswände genagelt, gekreuzigt oder Brüste und Genitalie abgeschnitten hatten, um den Eindruck zu erwecken, dass die sowjetischen Greuel noch viel schlimmer gewesen waren, als es tatsächlich der Fall war."

Die Entdeckung der Leichen hatte natürlich eine Gewaltorgie zur Folge, an der Wehrmacht, Ukrainische Nationalisten und Einsatzkommandos beteiligt waren.

 

 

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Kaempfe der 215. ID in Nordlitauen

Im Sommer 1944 kämpfte die 215. Infanteriedivision in Lettland und Litauen um Birzai und Bauskas.

Viele Zerstörungen sind heute noch zu sehen.

Die Hauptkampflinie war ziemlich flexibel und zog eine Zerstörung durchs ganze Land.

Weitere interessante Berichte über den Kurlandkessel sind weiter unten verlinkt.

Augenzeugen der Pogrome auf dem Lietukis Garagenhof Kaunas 1941

 

 

Die Aussagen sind zufällig angeordnet!

 

 

Zeugenaussage Bischoffshausen

Zeugenaussage des ehemaligen Adjutanten beim Stab der Heeresgruppe Nord, von Bischoffshausen, vom 19. April 1959 betreffend dem Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in Kaunas (Kovno)

"Der Stab der Heeresgruppe Nord - Generalfeldmarschall Ritter von Leeb - lag vor Beginn des Rußlandfeldzuges (vom 21.6. bis 1.7.41) in »Wald­frieden«, einem etwa 10 km von Insterburg entfernten Luftkurort.

Als Adjutant (IIa) dieses Stabes erhielt ich den Befehl, den Stab der in Kowno liegenden 16. Armee aufzusuchen und in Verbindung mit diesem für den Stab der Heeresgruppe dort Quartier vorzubereiten. Am Vormit­tag des 27. Juni traf ich dort ein. Auf der Fahrt durch die Stadt kam ich an einer Tankstelle vorüber, die von einer dichten Menschenmenge umla­gert war. In dieser befanden sich auch viele Frauen, die ihre Kinder hochhoben oder, um besser sehen zu können, auf Stühlen und auf Ki­sten standen. Der immer wieder aufbrausende Beifall - Bravo-Rufe, Händeklatschen und Lachen - ließ mich zunächst eine Siegesfeier oder eine Art sportliche Veranstaltung vermuten. Auf meine Frage jedoch, was hier vorgehe, wurde mir geantwortet, daß hier der »Totschläger von Kowno« am Werk sei. Kollaborateure und Verräter fänden hier end­lich ihre gerechte Bestrafung! Nähertretend aber wurde ich Augenzeuge wohl des furchtbarsten Geschehens, das ich im Verlaufe von zwei Welt­kriegen gesehen habe.

Auf dem betonierten Vorplatz dieser Tankstelle stand ein mittelgroßer, blonder und etwa 25jähriger Mann, der sich gerade ausruhend auf einen armdicken Holzprügel stützte, der ihm bis zur Brust reichte. Zu seinen Füßen lagen etwa 15 bis 20 Tote oder Sterbende. Aus einem Wasser­schlauch floß ständig Wasser und spülte das vergossene Blut in ein Abflußgully. Nur wenige Schritte hinter diesem Manne standen etwa 20 Männer, die-von einigen bewaffneten Zivilisten bewacht-, in stummer Ergebenheit auf ihre grausame Hinrichtung warteten. Auf einen kurzen Wink trat dann der Nächste schweigend vor und wurde auf die bestia­lischste Weise mit dem Holzknüppel zu Tode geprügelt, wobei jeder Schlag von begeisterten Zurufen seitens der Zuschauer begleitet wurde.

Beim Armeestab erfuhr ich sodann, daß diese Massen-Exekutionen dort bereits bekannt waren, und daß diese selbstverständlich das gleiche Ent­setzen und die gleiche Empörung wie bei mir hervorgerufen hatten. Ich wurde jedoch darüber aufgeklärt, daß es sich hier anscheinend um ein spontanes Vorgehen der litauischen Bevölkerung handle, die an Koll­aborateuren der vorausgegangenen russischen Besatzungszeit und an Volksverrätern Vergeltung übe. Mithin müßten diese grausamen Ex­zesse als rein innerpolitische Auseinandersetzungen angesehen wer­den, mit denen - wie auch »von oben« angeordnet worden sei - der litauische Staat selber, daß heißt, ohne Eingreifen der deutschen Wehr­macht, fertig zu werden hätte. - Die öffentlichen Schau-Hinrichtungen wären bereits verboten worden, und man hoffe, daß dieses Verbot aus­reiche, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. - Am gleichen Abend (27.6.) war ich Gast des Armeestabes. Während des Abendessens trat ein Offizier des Armeestabes an den Oberbefehlsha­ber (Generaloberst Busch) heran und meldete diesem, daß die Massen­morde in der Stadt erneut begonnen hätten. General Busch erwiderte hierauf, daß es sich hier um innerpolitische Auseinandersetzungen han­dele, daß er momentan machtlos sei, dagegen vorzugehen, zumal ihm dies verboten worden sei, daß er aber hoffe, schon in Kürze andere Anweisungen von oben in Händen zu haben. - Die ganze Nacht hin­durch waren Gewehr- und M.G.-Salven zu hören, die auf weitere Er­schießungen außerhalb der Stadt, wahrscheinlich in den alten Fe­stungsanlagen, schließen ließen.

Am nächsten Tag sah ich keine solchen Hinrichtungen mehr in den Straßen, wie ich diese am Vortage erlebt hatte. Stattdessen aber wurden lange Kolonnen von jeweils 40 bis 50 Männern, Frauen und Kindern, die man aus ihren Wohnungen zusammengetrieben hatte, von bewaffneten Zivilisten durch die Straßen getrieben. Aus einer dieser Kolonnen trat eine Frau heraus, warf sich vor mir auf die Knie, und bat mit erhobenen Händen, bevor sie in rüdester Weise zurückgestoßen werden konnte, um Hilfe und um Erbarmen. Man sagte mir, daß diese Menschen in das Stadtgefängnis geführt würden. Ich nehme jedoch an, daß deren Weg unmittelbar zur Hinrichtungsstätte geführt hat.

Bei meiner Abmeldung vom Armeestab beauftragte mich der Oberbefehlshaber, die in Kowno herrschenden Zustände der Heeresgruppe zu melden. Ich erinnere mich, mit welcher Empörung, aber auch mit welcher Besorgnis meine dementsprechende Meldung bei der Heeresgruppe aufgenommen wurde. Aber auch hier glaubte man noch hoffen zu können, daß es sich tatsächlich um rein innerpolitische Angelegenheiten handelte. Im übrigen erfuhr ich nun auch hier, daß es von oberer Stelle verboten sei, von militärischer Seite aus irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen. Dies sei ausschließlich Aufgabe des »SD«.

Nachdem der Heeresgruppenstab am 1.7. in Kowno Quartier bezogen hatte, war es in der Stadt selber ruhiger geworden. Das tägliche Zusammentreiben und Abführen von Zivilisten gehörte jedoch zur täglichen Erscheinung. Die Wachmannschaften trugen jetzt eine Art Milizuniform deutscher Herkunft. Unter diesen befanden sich auch Angehörige des »SD«, der - wie ich später erfahren habe - seine Tätigkeit schon am 24.6. in Kowno aufgenommen haben soll."

 

 

 

Bericht des Fotografen Wilhelm Gunsilius

Zu Beginn des Rußlandfeldzuges am Morgen des 22.6.1941 bin ich mit meiner Einheit nach Gumbinnen verlegt worden. Dort verblieben wir bis zum kommenden Dienstag, den 24.6.1941. An jenem Dienstag wurde ich mit einem Vorkommando von Gumbinnen aus nach Kowno in Marsch gesetzt. Dort kam ich mit der Spitze einer Heereseinheit im Laufe des Mittwoch vormittags (25.6.1941) an. Meine Aufgabe bestand darin, Quartier für die nachfolgende Gruppe zu machen. Meine Aufgabe wurde mir dadurch wesentlich erleichtert, weil wir auf vorher gemachten Luftbildern in Kowno bereits schon bestimmte Häuserblocks für unsere Einheit festgelegt hatten.

Wesentliche Kampfhandlungen in der Stadt fanden nicht mehr statt. In der Nähe meines ausgemachten Quartiers stellte ich am Nachmittag eine Menschenansammlung fest in einem nach drei Seiten umfriedeten Hof einer Tankstelle, der nach der Straße durch eine Menschenmauer abgeschlossen war. Dort fand ich folgendes Bild vor: In der linken Ecke des Hofes war eine Gruppe von Männern im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Es müßten etwa 45-50 Personen gewesen sein, die von einigen Zivilisten zusammengetrieben und im Schach gehalten wurden. Die Zivilisten waren mit Gewehren bewaffnet und trugen Armbinden, wie sie auf den Bildern, die ich damals machte, abgebildet sind. Ein junger Mann, es muß sich um einen Litauer gehandelt haben [...], mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, war mit einer eisernen Brechstange bewaffnet. Er zog jeweils einen Mann aus der Gruppe heraus, erschlug ihn mit der Brechstange durch einen oder mehrere Hiebe auf den Hinterkopf. Auf diese Weise hat er innerhalb einer dreiviertel Stunde die ganze Gruppe von 45-50 Personen erschlagen. Von diesen Erschlagenen machte ich eine Reihe von Aufnahmen. [...]                                                               

Nachdem alle erschlagen waren, legte der Junge die Brechstange beiseite, holte sich eine Ziehharmonika, stellte sich auf den Berg der Leichen und spielte die litauische Nationalhymne. Die Melodie war mir bekannt, und ich wurde von Umstehenden belehrt, daß es sich um die Nationalhymne handle. Das Verhalten der anwesenden Zivilpersonen (Frauen und Kinder) war unwahrscheinlich, denn nach jedem Erschlagenen fingen sie an zu klatschen, und bei Beginn des Spiels der Nationalhymne wurde gesungen und geklatscht. Es standen Frauen in der vordersten Reihe mit Kleinkindern auf den Armen, die den ganzen Vorgängen bis zum Ende beigewohnt haben. Ich erkundigte mich bei Deutschsprechenden, was hier vorginge, dabei wurde mir folgendes erklärt: Die Eltern des Jungen, der die anderen erschlagen hat, seien vor zwei Tagen aus dem Bett verhaftet und sofort erschossen worden, weil sie als Nationalisten verdächtig waren, und das hier sei jetzt die Rache des jungen Mannes. Ganz in der Nähe lag eine Reihe toter Menschen, die nach Aussage der Zivilpersonen zwei Tage vorher von abrückenden Kommissaren und Kommunisten getötet worden waren.

Solange ich mich noch mit Zivilpersonen unterhielt, wurde ich von einem SS-Offizier angesprochen, der mir meine Kamera abverlangte. Ich konnte ihm dies verweigern, da ich erstens eine Dienstkamera hatte, und zweitens einen Sonderausweis vom Armeeoberkommando 16, der besagte, daß ich überall fotografieren durfte. Ich erklärte dem Offizier, daß er diese Kamera nur über Generalfeldmarschall Busch erreichen könnte. Daraufhin konnte ich ungehindert gehen.

 

Aussage Gefreiter Karl Röder Bäckerkompanie 562

Ich gehörte im Sommer 1941 als Gefreiter der Bäckereikompanie 562, Feldpostnummer 07048, an, welche der 16. Armee zugeteilt war. Kurz vor Kriegsbeginn mit Rußland lagen wir in Rastenburg. Dortselbst erlebten wir auch am Sonntag, den 22. 6.1941, den Beginn des Rußlandfeldzuges. Am 23.6.1941 überschritten wir bei Wirballen die deutsch-russische Grenze. Noch am gleichen Tage kamen wir spät nachmittags in Kowno an, wo wir in einer russischen Kaserne, deren Namen mir nicht bekannt ist, Quartier bezogen. Während der Fahrt durch die Stadt Kowno, noch bevor wir unser Quartier erreicht hatten, sah ich auf einem Platz innerhalb der Stadt eine Menschenansammlung. Ich hielt mein Fahrzeug an, um nachzusehen, was dort los sei. Wegen der Menge der umherstehenden Personen und einer Mauer, mußte ich auf mein Fahrzeug klettern, um den Schauplatz überblicken zu können. Dabei sah ich dann, wie von litauischen Zivilpersonen mit verschiedenen Schlagwerkzeugen auf eine Anzahl von Zivilisten eingeschiagen wurde, bis diese keine Lebenszeichen mehr von sich gaben. Da ich nicht wußte, warum diese Personen auf solch grausame Weise erschlagen wurden, fragte ich einen neben mir stehenden Sanitätsfeldwebel, welcher mir persönlich nicht bekannt war. Er sagte mir, die erschlagenen Personen seien alle Juden, welche von den Litauern in der Stadt aufgegriffen und zu diesem Platz gebracht worden seien. Bei den Schlägern handelte es sich um entlassene litauische Zuchthäusler. Warum diese Juden erschlagen wurden, habe ich nicht erfahren. Ich konnte mir damals auch keine eigenen Gedanken über Judenverfolgungen machen, weil ich davon noch nichts gehört habe. Bei den zuschauenden Personen handelte es sich fast ausschließlich um deutsche Soldaten, welche aus Neugierde dem grausamen Geschehen zuschauten.

Als ich damals zu dem Platz kam, wo die Juden erschlagen wurden, mögen etwa 15 Leichen oder Schwerverletzte auf dem Platz gelegen haben. Es waren etwa 5 entlassene litauische Zuchthäusler gerade dabei, weitere Juden zu erschlagen. Die Zuchthäusler trugen, soweit ich sie erkennen konnte, teils weiße Oberhemden und dunkle Hosen, teils dunkle Trainingsanzüge. Da ich Fotoamateur war, habe ich von diesem einmaligen Ereignis, auf meinem Fahrzeug stehend, 2 Aufnahmen gemacht. Da der Film gerade durchbelichtet war, habe ich denselben dem Apparat entnommen, um einen neuen einzulegen. Im gleichen Augenblick wurde ich von einem Wehrmachtsbeamten im Offiziersrang, vermutlich ein Zahlmeister, gestellt und darauf hingeweisen, daß man von solchen Ereignissen keine Aufnahmen machen dürfe. Ich mußte ihm meine Personalien und meine Einheit angeben, und er hat mir den Apparat abgenommen. Die Lichtbilder konnte ich nur dadurch retten, daß ich den Film bereits entnommen hatte. Auf den von mir gefertigten Lichtbildern [...] sind deutlich 5 litauische Zuchthäusler zu erkennen, welche die Schlagwerkzeuge in den Händen tragen und gerade auf die am Boden liegenden Juden einschlagen. Teilweise sind auch noch Angehörige des litauischen »Freikorps« abgebildet, welche am linken Arm eine Armbinde trugen. Diese brachten laufend weitere Juden zu dem Platz, wo sie ebenfalls von den Zuchthäuslern erschlagen wurden. Die auf dem Boden liegenden Juden waren nicht alle gleich tot. Sie wurden, nachdem sie zum Platz geführt waren, ganz wahllos auf den Kopf oder ins Gesicht geschlagen, so daß sie zunächst benommen waren und zu Boden stürzten. Dann wurde von den Zuchthäuslern solange auf sie eingeschlagen, bis sie kein Lebenszeichen mehr von sich gaben. Dann wurden wieder andere Juden zu dem Platz geführt und diese auf die gleiche Weise ebenfalls erschlagen. Ich hielt mich insgesamt etwa 10 Minuten am Ort des grausamen Geschehens auf und ging dann weiter bzw. setzte meine Fahrt fort. Solange ich mich an dem Platz aufhielt, war ich Zeuge, wie etwa 10 bis 15 Juden erschlagen wurden. [...]

Bevor sie erschlagen wurden, haben die Juden gebetet und vor sich hingemurmelt. Auch die schon auf dem Boden liegenden schwerverletzten Juden haben teilweise noch vor sich hingebetet.

 

 

Hauptfeldwebel Lesch Bäckerkompanie 562

Ich war zu Beginn des Rußlandkrieges im Jahre 1941 Hauptfeldwebel der Bäckereikompanie 562, welche der 16. Armee unterstand. Im Frühjahr 1941 wurden wir von Frankreich nach Ostpreußen verlegt. Kurz vor Kriegsbeginn lagen wir in Rastenburg. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir am 23. oder 24.6.1941 bei Stallupönen die Grenze überschritten und sind dann Richtung Kowno (Kaunas) gefahren. Das genaue Datum unseres Einrückens in Kowno kann ich heute nicht mehr sagen, doch sind wir vermutlich 2 oder 3 Tage nach der Einnahme der Stadt in Kowno eingetroffen. Die gesamte Einheit rückte meines Wissens in Kowno ein, ein besonderes Vorkommando war nicht erforderlich. Wir haben in einer alten russischen Kaserne Quartier bezogen und gleich angefangen, Brot herzustellen, um die Truppe zu versorgen. Vermutlich 1 Tag nach unserem Einrücken in Kowno wurde ich von einem Kraftfahrer meiner Einheit davon unterrichtet, daß auf einem ganz in der Nähe befindlichen Platze innerhalb der Stadt Juden erschlagen würden. Daraufhin begab ich mich zu dem beschriebenen Platze, wo sich nach meiner Erinnerung noch weitere Angehörige unserer Einheit eingefunden hatten, bzw. mit mir dorthin gegangen waren. Es war ein Platz in der Größe von etwa 20 Metern im Quadrat, der gepflastert war. Eine der Seiten des Platzes grenzte direkt an die Straße an, 2 Seiten waren von Häusern umgeben. Die Hinterfront des Platzes schloß an freies Gelände, vielleicht an einen Park, an.

Ich sah, daß dort Zivilisten, teilweise in Hemdsärmeln, teilweise in anderer Oberbekleidung, mit Eisenstangen bewaffnet andere Zivilisten totschlugen. Ob es sich bei den Opfern um Juden handelte, konnte ich nicht unterscheiden. Es ist aber damals die Bemerkung gefallen, es wären Juden, welche vor dem Einmarsch der Deutschen bei Geschäften die Litauer betrogen hätten. Von den in der Nähe befindlichen Soldaten, welche ich befragte, hörte ich, daß die Opfer aus persönlichen Rachegelüsten erschlagen worden seien. Als ich zu dem Platz kam, lagen dort schätzungsweise 15-20 Leichen. Diese wurden dann von den Litauern weggeräumt, und der Platz wurde mit einem Wasserschlauch von den Blutlachen gesäubert. Auf meine Frage, wo die Leichen hingebracht würden, erfuhr ich, daß diese zum Friedhof gebracht würden. Ich sah, wie die Litauer die Leichen an Händen und Beinen anfaßten und wegschleppten. Anschließend wurde wieder eine Gruppe von Delinquenten auf den Platz getrieben und gestoßen und von den mit Eisenstangen bewaffneten Zivilisten ohne größere Umstände einfach totgeschlagen. Ich habe bei der Erschlagung einer Gruppe von Delinquenten zugesehen und mußte mich dann wegwenden, weil ich dies nicht mehr mit ansehen konnte. Mir erschien dieser Vorgang äußerst grausam und brutal. Solange diese Personen erschlagen wurden, haben viele deutsche Soldaten und auch Litauer zugeschaut. Die Soldaten mischten sich in das Geschehen nicht ein, weder durch Zustimmung noch durch Ablehnung. Von den litauischen Zivilisten hörte man Zustimmungs- und Aufforderungsrufe.

 

Aussage Schmeink Bäckerkompanie 562

In der Mitte des Platzes war eine Senke zum Waschen der Wagen. Seitwärts spritzte einer mit einem Schlauch Wasser auf die am Boden liegenden Menschen, die sich teilweise wieder aufrichten konnten, dann aber erneut mit einem Eisengegenstand geschlagen wurden. Ich habe beobachten können, wie man mit Federblättern zuschlug.

Ich bin [...] hinzugekommen, als die Menschen am Boden lagen und bespritzt wurden. Dann kam die Forttragung der Leichen. Es wiederholte sich dann alles erneut. Aus der Gruppe der etwa 70 Männer waren die Leichenträger nun die neuen Opfer. Sie mußten sich um die Senke stellen und zwar im Halbkreis. Sie wurden dann von allen Seiten erschlagen. Es können 6 Personen gewesen sein, die geschlagen haben. [...] Ich habe natürlich gefragt, wer die Männer wären, die zuschlugen. Es sollte sich um lettische Freiheitskämpfer handeln. Ich konnte dies nicht begreifen. Die umstehenden Absperrleute hatten Armbinden an und trugen Karabiner. Geschossen wurde auf keinen Fall. Der Platz war umstellt mit neugierigen Wehrmachtsangehörigen, so war es auch mit mir. Wir konnten dies nicht fassen und haben uns nach einiger Zeit entfernt.

Ich habe den Vorfall soweit beobachten können, daß ich ankam, als die Leichen dort lagen und dann die nächsten erschlagen worden sind. Ich mußte dann den Platz verlassen, weil ich nicht mehr zusehen konnte. Meine Kameraden sind mitgegangen.

 

Die Aussagen wurden 1959/60 von der ZSt. der Landesjustizverwaltung  aufgenommen.

 

Aussage von Laimonas Noreika (Lietukis Augenzeuge)

 

“I can’t remember whether we left work early that day (my elder brother Albertas and I) or whether we went home at our usual time.  Opposite the Kovno cemetery at the corner of Greenwald St and Vytautas Boulevard there was a small garage, which serviced light vehicles.  A large crowd had gathered alongside the perimeter fence of the garage yard.  So we also went over to see what was happening. I keep asking myself whether I just imagined it all but I know I did not. 

 

Those horrific events have been burned onto my memory and will remain there until my dying day.  In the middle of the yard, in broad daylight and in full view of the assembled crowd, a group of well dressed, spruce intelligent looking people held iron bars which they used to viciously beat another group of similarly well dressed, spruce, intelligent people.  It was obvious the yard also served as a horse stable as animal droppings were littered everywhere. 

 

The assailants yelled the word “norma” (move it) repeatedly as they relentlessly battered the Jews until they fell to the ground and began gathering feces.  They kept hitting them until finally they lay inert.  Then, using a hosepipe for washing cars, they doused them with water until they came round following which the abuse would start all over again.  And so it went on and on until the hapless victims lay dead.  Bodies began to pile up everywhere.  I stood next to the fence and watched it all until finally, my brother Albertas pulled me away…”

 

 

Viera Silkinaite – Litauische Augenzeugin

 

Viera Silkinaite was interviewed by the BBC as she witnessed the brutal massacre at the garage:

“A man was being beaten, he was from a group of Jews. I could also hear Lithuanian spoken and swearing in Russian. I then realised that something serious was going on.

Some people stayed and watched, they screamed “Beat the Jews, beat the Jews.”

 

 

Alex Faitelson

 

Alex Faitelson  widmet in seinem Buch "The Truth and Nothing But the Truth" ein ganzes Kapitel den Morden an der Lietukis Garage.

 

Die Aktion sei klar von Litauern organisiert worden und widerspricht damit Spekulationen, dass die Einsatzgruppe A hinter den Morden steckt. Es seinen auch keine Racheaktionen von Litauern an KGB Personal, sondern Pogrome an unschuldige Juden, die  wahllos auf den Strassen von Kaunas aufgegriffen wurden.

 

Neben den oben genannten Zeugen, nennt Faitelson noch weitere Augenzeugen:

 

"Neighbours living over the Garage also gave evidence of all they had seen in the garage. Julius Vainiliavichius, who was seventeen at the time, gave an account on August 1, 1959 and Leonardas Survila, who was twenty-one at the time, confirmed his account an January 21, 1961:

 

The jews where ordered to collect hose manure in one heap  and when they had done this, they were ordered to wash. They washed in turn. Everybody who washed was forced to take the rubber hose into his mouth and rinse his mouth with the powerful Jet.

The jews refused and ran to one side.That's when the killing began. There were about ten to fifteen men with White armbands and they began to beat the Jews with anything at Hand: rifles, spades, heavy sticks and iron bars. Fifty wounded People lay on the ground and moaned and sceamed with pain. So they were hosed down with water and whoever came-to was killed. A truck with Jews drove into the Yard. They loaded the corpses into the truck and drove off."

 

Faitelson schreibt über die Suche nach den Mördern nach dem Krieg. Jonas Barshketis (sein Bruder Vytautas war Bodyguard von Antanas Sniečkus, Chef der litauischen KP), identifiziert Juozas Lukša als einen der Täter der Lietukis Massaker.

Lukša hatte ein bewegtes Leben, kämpfte bei den Waldbrüdern als "Daumantas" gegen die Besatzer und wurde als Fallschirmspringer 1950 wieder in Litauen abgesetzt. Er gilt in Litauen als Nationalheld. Und tatsächlich gibt es auch heute noch eine Straße in Kaunas, die nach ihm benannt ist. Im Jahre 2016 wurde in Litauen darüber diskutiert auch eine Straße in Vilnius nach Luksa zu benennen. Litauische Persönlichkeiten (Venclova) haben sich  in den Medien zu Wort gemeldet und davor gewarnt, Straßen nach Leuten zu benennen, die den Nazis in den Hintern gekrochen sind.

Nicht weit vom 9. Fort entfernt!  (In diesem Zusammenhang sollte die Lektüre von Juozas Lukšas Buch "Partisanen" interessant sein).

 

 

Zvi Gitelman nennt in "Bitter Legacy   Confronting the Holocaust in the USSR"

die Aussagen von Aleksandras Bendinskas, Stabschef der LAF, über die Morde an der Lietukis Garage.

Bendinskas, um es mit einfachen Worten zu sagen, bestätigt mein negatives Urteil über die LAF. Seine Aussagen sind dermassen geheuchelt ("thou shalt not kill"  und "...mit gebrochenen Fingern" und "...sie wurden getötet als Funktionäre und nicht als Vertreter einer Nation" [AK: Judentum], dass es mich anwidert! Alleine die existierenden Fotos zeigen, dass die Opferzahlen weit höher lagen, als die 10 von Bendinskas genannten.

 

Certain security services even today treat in a one-sided way the upris­ing of June 22-25, be., before the entry of the Germans into Kaunas, and the events of June  26-30 (already after the Germans had occupied Lithu­ania).

The uprising which was prepared and carried out by the LAF andpeople who joined them, was doomed. The majority paid for their involve­ment with their lives.

What took place in the Lietukis garage? I hereby testify and assert that there were killed a few more than ten people, or perhaps fewer. The people were murdered cruelly. The very fact that people were killed with­out sentencing by any court, without accusation, by people who were fol­lowing only their passions, cannot be justified either legally or morally.

The fifth commandment says: “Thou shalt not kill.” In regard to how it happened there are no documents on either the one or, apparently, on the other side. Those who prepared the uprising and participated in it can present several facts which explain the prehistory and circumstances of / this painful event.

On June 13, 14, and 15, during the deportation of people from Lithu­ania, trucks were employed from Lietukis and other facilities,. People’s moaning had not yet ceased when on June 17-18 a rumor began circulat­ing about the preparation of still another deportation of people to Siberia on even a grander scale. We staff members of LAF gathered to consider what to do. At that time, at all enterprises and transport facilities groups of “fives” were organized; their task was not to allow the Red Army to blow up water pipes, the power station, telephone exchange, railway bridge, bread bakery, etc., and not to allow the pillaging of enterprises, stores, or the appropriation of means of transport.

What was to be done if war did not break out and the deportations were repeated? It was decided to resist by force. [. . . ] The order was given to the transport “fives” to sabotage as many vehicles as possible.

The fatal day, June 22. The primary evil was Bolshevism, which we already knew. With our own eyes we had seen the mass arrests, the depor­tation of families without trial or accusation. The secondary evil was war.

We had to choose war, i.e., the lesser evil. Although the nucleus of the staff of the LAF consisted of military personnel, in the event of war it did not have strategic plans, maps, and hardly had any weapons. Follow­ing orders, the members of the staff who were responsible for enterprises, institutions, and other facilities, acted automatically. Some “fives” were autonomous. From the beginning of the war they acted independently, in accordance with local circumstances and depending on the situation at the moment. [. . . ]

What occurred on the “side of the Bolsheviks” I and others did not know. But already on the evening of June 22 in the general commotion the Bolsheviks began to flee en masse. But not everyone fled on the first day. Some top security, police, Party and government officials remained to de­stroy documents which testified to their crimes and their scope, the lists of their agents, the direct involvement of Moscow in provocations of that time. Among these zealous ones were Russians, Lithuanians, and Jews. Toward evening on June 23, security personnel (the majority of whom were investigators) also decided to save themselves. They ran to the Lie­tūkis garage for cars. They were caught by one of the “fives,” disarmed and locked up in the garage, since the prison and security departments were not yet fully in our hands. Furthermore, street battles were going on. In some plants and institutions the security departments were broken into and lists were used to find out the names of their heads. Some of these were caught and they also were put into the garage. On June 25, some political prisoners liberated from Soviet jails found out that security personnel were being held in the garage. They came to check this out and recognized some of them. There began something which no one could have foreseen in advance: filled with malice, their backs bloody, driven by revenge, with broken fingers, some had lost their families carried off in train caars to Siberia, the former prisoners killed those held in the garage. They beat them with whatever they found in the garage—with metal bars, with spades, etc. It was a terrible sight! The Lord’s commandment “Thou shalt not kill” was broken. There are people still alive who saw this exe­cution. They are known to me. Neither I nor others whom I know find any justification for this bacchanalia of death.

What kind of people were killed in the Lietūkis garage? Most authors who wrote about this event have presented it as a pogrom of Jews. Was it that in fact? According to my information, the majority of those killed were investigators of the security organs and heads of the “special depart­ments” of enterprises and institutions; they were killed as officials rather than as representatives of a certain nationality. It turned out that a major­ity of the victims were Jews (documents found show this).

One is amazed by the manipulations of authors who in describing this crime continually inflate the figures. At the time of the uprising, people spoke of more than ten killed. Later the Soviet press reported thirty, sub- sequently forty, and recently the respected E. Zilberis’ already mentioned seventy. Only competent legal organs can establish the number killed, the identity of the victims and the circumstances of this horrible event; if necessary—with the participation of foreign observers. All the spots in this ugly incident of our country—the white ones, the black ones, and the red ones—must be clarified.

 

 

Feldpostbrief vom 29. Juni 1941

 

Im Jahre 2016 tauchte eine Sammlung von Feldpostbriefen auf, die der Soldat Heinrich Sandt an seine Frau schrieb. In einem dieser etwa 500 Briefe berichtet Sandt über das Massaker in Kowno und bestätigt alle kontrovers diskutierten Einzelheiten.

Die Anwesenheit von Frauen, schwangere Frauen mit Kindern im Arm, das spielen des Akkordeons. Die Jagd nach Juden in Zusammenarbeit von Litauern und Weißrussen war dagegen neu.

Zum Feldpostbrief geht es ... Feldpostbrief Kaunas 1941.

 

 

 

Da die Wahrheit eine zarte Blüte ist, lohnt es sich, die unterschiedlichen Interpretationen über Luksha in Wikipedia zu lesen. Einmal litauisch im Vergleich zu russisch. Schon erstaunlich!

 

 

 

Quellen: "Schöne Zeiten" Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, Holocaust in Litauen, Holocaust Research Project, Alex Faitelson "The Truth and Nothing But the Truth", Bitter Legacy "Confronting theHolocaust in the USSR"

 

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Der Krieg und die Juden in Litauen

 

 

Dieser ausgezeichnete Artikel von Andreas F. Kellatat beleuchtet die Situation der litauischen Juden in den beiden Weltkriegen. War das deutsch-jüdische Verhältnis während des ersten Weltkrieges noch durchaus positiv, schlug die Stimmung nach 1918 völlig um und führte zum litauischen Holocaust des Jahres 1941. Vielleicht hat die relativ humane Behandlung der Juden in Ober Ost des I. Weltkrieges sogar zu der hohen Todesrate von 1941 beigetragen. Wer sich noch an die deutsche Besatzung von 1915-1918 erinnerte, konnte sich nicht vorstellen, was Deutschland mit den litauischen Juden machen würde. Über Auswanderung wurde oft (zu) spät gesprochen und außerdem:

"Wir wollten-wie so viele-einfach nicht glauben, daß die Deutschen in Litauen einfallen könnten".

 

Dr. Kelletat arbeitet an der Johannes-Gutenberg Universität Mainz mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Germanistik.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Annaberger Annalen. Erstabdruck in den Annaberger Annalen 19/2011.

 

  

 

 Der Krieg und die Juden in Litauen

 Deutsche Schriftsteller in Kowno/Kaunas 1915-1918 und 1941-1944.

 Eine Bestandsaufnahme  

Andreas F. Kelletat

 

 

Das 20. Jahrhundert wird vielleicht als das „kurze“ Jahrhundert in die Geschichte eingehen. Denn seine Zäsuren erhält es zum einen durch die Jahre 1989/91, als die Ost-West-Spaltung überwunden wurde und die Völker östlich der Elbe Freiheit und Selbstbestimmungsrecht gewannen – was von vielen ihrer Repräsentanten auch als Auftakt einer „Rückkehr nach Europa“ beschrieben wird –, zum anderen durch das Jahr 1914, als mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs das lange 19. Jahrhundert endete. Dieser Krieg wird im kollektiven Gedächtnis der Deutschen (falls es so etwas gibt) vor allem als Krieg zwischen Deutschland und Frankreich in Erinnerung gehalten und für diesen wieder mag das Massensterben in der Schlacht von Verdun im Jahre 1916 am deutlichsten präsent sein. Dass der Erste Weltkrieg auch im Osten geführt wurde, dass zwei oder drei Millionen deutsche Soldaten dort kämpften bzw. als Besatzungsmacht stationiert waren, ist weniger geläufig. Große Gebiete in den heutigen Staaten Polen, Litauen, Lettland, Estland, Weißrussland, Ungarn, Rumänien und in der Ukraine wechselten zwischen russischer und deutsch-österreichisch/ ungarischer militärischer Herrschaft. Die Folgen des sich wiederholt verschiebenden Frontverlaufs waren für die Zivilbevölkerung verheerend. Besonders betroffen waren die Juden – und in dem östlichen Kampfgebiet lebte damals die deutliche Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung. Als die russischen Armeen nach großen Anfangserfolgen in Ostpreußen und Galizien erste Niederlagen einstecken mussten, konnte sich die russische Führung dies nur durch Verrat erklären. „Und die Verräter waren schnell gefunden: die Juden“ (Schuster Wenn der Zar 126). Die lebten zum einen in großer Zahl im Kampfgebiet und sie sprachen zum anderen Jiddisch und konnten so mit dem deutschen Feind kommunizieren – Grund genug, sie sehr hart anzufassen. Systematisch wurden Rabbiner und angesehene Gemeindemitglieder als Geiseln genommen und deportiert, die russische Armeeführung ließ auch komplette jüdische Gemeinschaften binnen 24 oder 48 Stunden aus frontnahen Ortschaften ausweisen, so dass 1914/15 ca. 600.000 jüdische Flüchtlinge im Kriegsgebiet umherirrten (ebd.). „Die Russen haben Kowno ausgeleert,“ heißt es in Arnold Zweigs Weltkriegsroman Einsetzung eines Königs von 1937, „als sie die Stadt räumten, nahmen sie an vierzigtausend Einwohner mit, ausnahmslos Juden; in die leergelassenen Häuser aber zogen andere Juden ein; die Dörfer und Städtchen rund um die Festung ergossen sich in sie.“ (59) 1915 gelang es den deutschen und österreichischen Truppen, die Front weit nach Osten vorzuschieben. Das unter ihre militärische Herrschaft geratene Gebiet wurde in drei Besatzungszonen eingeteilt – den Südosten bekam Österreich („Generalgouvernement Lublin“), die Region um Warschau übernahmen die Deutschen und ebenfalls unter deutsche Militärverwaltung gelangte der Nordosten, also Teile der heutigen Staaten Weißrussland, Litauen und Lettland. 1917 wurden dann auch noch Riga und Estland erobert, Regionen, in denen bisher – unter Oberherrschaft der Zaren – der baltendeutsche Adel das Sagen hatte. Ihre von der Memel bis zur Düna reichende, ca. 112.000 qkm umfassende und von knapp drei Millionen Menschen bewohnte Besatzungszone nannten die Deutschen Ober Ost.

Herbert Eulenberg

Herbert Eulenberg

 

Von einem jüdischen Ober Ost-Heimatvertriebenen aus Kowno/Kaunas berichtet auch der nicht-jüdische Schriftsteller Herbert Eulenberg (1876-1949) in seinem Text Jüdischer Maurer, der zu einer gleichnamigen Steinzeichnung des 1923 nach Palästina ausgewanderten Berliner Malers und Radierers Hermann Struck (1876-1944) entstand. Bild und Text erschienen 1916 in dem seiner „Exzellenz dem Herrn Ersten Quartiermeister General der Infanterie Ludendorff“ gewidmeten Prachtband Skizzen aus Litauen, Weißrussland und Kurland, „hergestellt in der Druckerei des Oberbefehlshabers Ost“ (vgl. Rusel 176- 83):

Jüdischer Maurer

„Ich bin Schmerl, der Muler. Ich kann malen, mauern und tünchen. Was

soll ich Euch sonst noch von meinem Leben erzählen? Meine Frau ist

mir gestorben im Krieg. Meine drei Söhne sind bei der russischen Armee.

Ob gefallen, ob gefangen, ich weiß es nicht […] Die Russen sind

gekommen und haben uns gesagt: „In vierundzwanzig Stunden müßt Ihr

aus Kowno sein. Wer morgen Nachmittag nach vier Uhr noch angetroffen

wird, wird totgeschossen.“

„Hab ich drei leibliche Söhne bei Eurer Armee stehen“, hab’ ich gesagt.

„Kannst Du darum nicht für die verdammten Deutschen Spionagedienste

tun?“ hat es geheißen.

„So wahr ich meine Kinder liebe, hab’ ich nie einen Deutschen gesehen“,

hab’ ich beschworen.

„Ihr verfluchten Juden seid alle selber halbe Deutsche“, hat man mich

angeschrien.

„Meine Frau ist schwanger im achten Monat“, hab’ ich wieder gesagt.

„Sie kann sterben mitsamt dem Kind auf der Flucht.“

„Schon recht! So sind zwei Juden weniger auf der Welt!“ haben sie

mich ausgelacht. Also sind wir abgezogen in vierundzwanzig Stunden:

Greise, Kranke, Schwangere, Kinder, Tolle, Säuglinge. Alles durcheinander,

wie ein Rudel Hunde, die man einfängt und verjagt. Eso viel

Jammer ist noch nicht dagewesen auf der Welt. Was uns unsere Lehrer

erzählt haben von der Austreibung unseres Volkes aus Spanien in früheren

Jahrhunderten, ist ein Kinderspiel gewesen gegen die Schrecken und

die Verzweiflung, die wir durchgemacht haben. Und wenn ich tausend

Jahre alt würde, das könnt’ ich den Russen nie vergessen, was sie uns

angetan haben!“

Und Schmerl, der Muler, weint, und seine Tränen tropfen in die Lehmspeise,

und er streicht und schmiert mit seinen Tränen die Wände zu neuen Häusern.

(Struck / Eulenberg o.S.)

 

Eulenbergs, die Sympathien seiner deutschen Leser für die im Osten bedrängten Juden weckender Text war keine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Kriegspublizistik. Vergleichbare Töne finden sich z.B. in einem dem Thema „Ostjuden“ gewidmeten „Kriegsheft“ der einflussreichen Süddeutschen Monatshefte vom Februar 1916. Starke Sympathien für das kaiserliche Deutschland gab es weltweit in den jüdischen Gemeinschaften. In das Kapitel über den Ersten Weltkrieg seiner 1960 erschienenen Monographie Die Juden in Deutschland hat H.G. Adler zwei Strophen eines Gedichts aufgenommen. Die lauten so:

 

Ich bin ganz fremd zum Teuton,

Es ist der Jid in mir, wo redt –

Doch wünsch ich Segen Deitschlands Fohn,

Wos flattert über Rußlands Stedt. ...

Mein Lied der deitschischen Nation,

Hoch for dem Kaiser und sein Land,

Hoch for sein Mut und seine Fohn!

Und hoch for sein gesegnet Hand! (Adler 136)

 

 

Die Verse mit dem Segenswunsch für Kaiser Wilhelm II. stammen von Morris Rosenfeld, dem 1862 in Boksze bei Suwalki geborenen und 1882 via England in die USA ausgewanderten und 1923 in New York verstorbenen jiddischen Dichter. Sie lassen ahnen, wie weit die Parteinahme für Deutschland unter den Juden ging, auch in den bis 1917 neutralen Vereinigten Staaten, wo jiddische Zeitungen nach dem Kriegseintritt Amerikas vorzensurpflichtig wurden – wegen ihrer notorisch deutschfreundlichen Haltung (Adler 135). Und hatten die Juden der „new immigration“ nicht Grund zu der Erwartung, dass sich unter „Deitschlands Fohn“ die Lage ihrer in Osteuropa zurückgebliebenen Verwandten und Glaubensgenossen bessern werde? Die in Eulenbergs Jüdischem Maurer anklingende Euphorie der ersten Begegnung zwischen „Ostjuden“ und kaiserlich-deutscher Armee beschreibt Sammy Gronemanns Ober Ost-Erinnerungsbuch Hawdoloh und Zapfenstreich von 1924 freilich in leicht sarkastischem Ton:

 

In den ersten Kriegszeiten […] herrschte eitel Jubel und Begeisterung

ob der Entdeckung der Ostjuden als Wahrer deutscher Art und Sprache.

Es entstanden begeisterte Lobgesänge auf ihre Treue und eine Reihe

deutscher Literaten, beileibe nicht nur Juden, bewiesen in tiefgründigen

Abhandlungen, daß die Ostjuden eigentlich echte und rechte Deutsche

seien, Träger deutscher Kultur, die in unerhörter Zähigkeit und Anhänglichkeit

ihr germanisches Volkstum durch die Jahrhunderte slawischer

Unterdrückung gewahrt hätten. Im kaiserlichen Hauptquartier wurde

eine in Prachtband gefaßte, wundervoll ausgestattete Denkschrift über

diese Materie huldvollst entgegengenommen. – Kaiser Wilhelm wollte

im ersten Impuls die sofortige Entlassung aller ostjüdischen Kriegsgefangenen

verfügen, ein Entschluß, der noch glücklich verhindert wurde

– er hätte Tausenden russisch-jüdischer Soldaten das Leben gekostet –,

die Namen Silberfarb und Mandelstamm, einst das Objekt ironischer

Bemerkungen des Reichskanzlers Bülow, galten jetzt als Symbole jüdisch-

deutscher Mannentreue und das Wort „Ostjude“ war wohlgefällig

in den Augen deutschnationaler Patrioten. Es wurde eine richtiggehende

politische Aktion veranstaltet; der Feldmarschall Hindenburg und Exzellenz

Ludendorff ließen Proklamationen, sogar durch Flugzeuge, in

jiddischer Sprache an die Juden in Litauen und Polen verbreiten, in denen

die Befreiung der armen russischen Juden vom zaristischen Joch

durch die freiheits- und judenfreundlichen Heere angekündigt und die

enge Zusammengehörigkeit und geistige Verwandtschaft von Deutschen

und Juden dargelegt wurde. Kurz – es sah fast so aus, als ob Kaiser Wilhelm

seinen Heerbann eigens zur Rettung seiner vielgeliebten Ostjuden

aufgerufen hätte. (Gronemann, Hawdoloh 32 f.)

 

 

Die durch Berichte über das judenfreundliche Vorgehen der deutschen Armee befestigte deutschfreundliche Haltung der amerikanischen Juden wurde getragen von jenen über zwei Millionen jüdischen Auswanderern, die zwischen 1881 und 1914 aus Osteuropa in die USA gelangten. Man kann diese Auswanderung osteuropäischer Juden als Teil jenes transatlantischen Massenexodus sehen, der aus dem sich von einer Agrar- zur Industriegesellschaft wandelnden Europa in den Jahrzehnten 1850 bis 1920 an die 60 Millionen Europäer in die USA führte (die Bevölkerung Irlands schrumpfte damals von 8 auf 4,5 Millionen), aber auch nach Südamerika (11 Millionen), nach Australien, Neuseeland und nach Südafrika. Verlauf und Ursachen dieser gigantischen Ost-West-Migration hat Klaus Bade in seiner Gesamtdarstellung Europa in Bewegung (2000) benannt: der rapide Geburtenanstieg in Europa, dessen Bevölkerung im 19. Jahrhundert trotz der Auswanderung nach Übersee von ca. 180 auf knapp 490 Millionen wuchs, die Ernährungsprobleme, der soziale Wandel, die verkehrstechnischen Revolutionen (Dampfschiff und Eisenbahn), der „Menschenhunger“ der Neuen Welt mit ihrer dem Ansturm der Europäer nicht gewachsenen autochthonen Bevölkerung.

 

Die jüdische Auswanderung aus Russland setzte allerdings vergleichsweise spät ein, um 1880. Und ihre Ursache war zwar gewiss auch der soziale und wirtschaftliche Druck, der auf den jüdischen Gemeinschaften lastete, ihr Auslöser allerdings waren die judenfeindliche Politik der russischen Regierung nach der Ermordung Alexanders II. im März 1881, Auslöser waren die Pogrome und das Zusammenpferchen im seit 1804 bestehenden sog. Ansiedlungsrayon. 500.000 Juden wurden 1882 gezwungen ihre Heimatorte zu verlassen und aus ländlichen Siedlungsgebieten in Städte und Schtetl zu ziehen, 250.000 trieb man von der Westgrenze Russlands ins Innere des Rayons, 700.000 wurden aus östlichen Regionen in den Rayon zurück gezwängt, darunter die 20.000 Moskauer Juden (vgl. Dubnow und Hildermeier).

 

Arnold Zweig

Schon in den 80er Jahren herrschte in Jüdisch-Russland jene „reibungsvolle Enge“, die (auf den Leser je nach Disposition abstoßende oder sein Mitleiden provozierende Weise) Arnold Zweig 1919 in Das ostjüdische Antlitz

 

…an den Fischkästen großer Speisehäuser veranschaulicht […], wo zwischen

engen Glaswänden so viele Fische eingepfercht sind, daß sie nur

gerade noch vom Wasser […] umspült sind, sonst aber, Fisch an Fisch

gepreßt, gegen die durchsichtige unnachgiebige Schranke gedrückt, mit

dem Maule an der Oberfläche des Kastens hängen oder am sandigen

Grunde festhalten – nicht anders drängt sich der Jude in den kleinen und

größeren Städten des Ostens zusammen […] (Zweig, Antlitz 19)

 

 Die russische (aber auch rumänische) Politik der Nicht-Gewährung bürgerlicher Rechte für die jüdischen Bewohner kontrastierte dabei scharf mit der Situation in den westlichen Regionen Europas und in den USA, wo die formalrechtliche Gleichstellung der Juden schon 1776 (Religions- und Gewissensfreiheit in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung) erfolgt war bzw. 1789 in Frankreich, 1831 in Belgien, 1858 Großbritannien, 1866 Österreich, 1867 Ungarn, 1870 Italien, 1871 Deutsches Reich, 1873 Schweden, 1874 Schweiz, 1891 Norwegen, 1910 Portugal. Die Jahreszahlen markieren jeweils den Abschluss des rechtlichen Gleichstellungs- bzw. Emanzipationsprozesses, wobei es viele Vor- und Zwischenstufen gab, etwa im 18. Jahrhundert die sog. Toleranzpatente, die den Juden gewisse Rechte einräumten, ihnen andere aber weiterhin versagten, z.B. den Zugang zum Beamtentum und zur Offizierslaufbahn, das aktive und passive Wahlrecht usw.    Die Emanzipation der Juden in West- und Teilen Mitteleuropas war allerdings mit einem schon für die Aufklärung charakteristischen Vorbehalt versehen: Den Juden als Nation sei nichts zu geben, dem einzelnen Juden als Individuum hingegen alles. Der Preis für die Emanzipation war die Assimilation bzw. Akkulturation, oft bis zum Austritt aus der jüdischen Gemeinschaft, bis zur Taufe, dem „Entréebillet zur europäischen Kultur“, wie Heine seine Taufe von 1825 genannt hat. Die Lorelei habe er „aber sicher nach der Taufe gemacht“, lässt Spötter Sammy Gronemann in seinem in Ober Ost-Tagen entstandenen Roman Tohuwabohu (1920) Frau Pastor Marie Bode im deutsch-protestantischen Pfarrhaus von Borytschew plappern, jene wiedergeborene Daja aus Lessings Nathan, die freilich weniger an Engel glaubt denn daran, „daß die Juden in ihr Osterbrot Christenblut hineintun“ (Gronemann, Tohuwabohu 154 f.). Viel wurde im Jahrhundert der Emanzipation darüber gesprochen, was die Juden für ihre Gleichstellung alles aufzugeben hätten (ihr sonderbares Juden-Deutsch, ihre auffällige Kleidung, ihre traditionelle Rechtsprechung, ihre befremdenden Gottesdienstformen usw.), nur sehr selten wurde von christlicher Seite überlegt, ob man selbst im Verhältnis zu den Juden vielleicht auch etwas aufgeben müsste (z.B. den Gottesmordvorwurf oder das Hostienschänden- und Ritualmordgeglaube), und fast nie wurde gefragt, was die Juden denn als Juden der europäischen Kultur vielleicht zu geben hätten (vgl. Scholem 40). Indirekt findet sich diese Grundhaltung gegenüber den Juden des besetzten Gebiets auch in jener knapp 500 Seiten umfassenden amtlichen Darstellung Das Land Ober Ost, in der die Pressabteilung Ober Ost im Herbst 1917 die „deutsche Arbeit in den Verwaltungsgebieten Kurland, Litauen und Bialystok-Grodno“ dokumentierte und in der sie Interessantes über litauische Volkspoesie und litauische Ornamentik und „weißruthenisches Volksrecht“ mitzuteilen hat, in der das Jiddische dann aber mit einem deutsch-jiddischen Mischmasch-Text (Eine „Gebitte“) präsentiert wird, der im deutschen Leser allenfalls ein schmunzelndes westliches Überlegenheitsgefühl zu wecken vermag (Das Land Ober Ost 70 f.). Auch in den Kapiteln Land und Leute sowie Wilna – Ein Kultur- und Städtebild dominiert ein Ostjuden-Bild, das kaum freundliche Züge enthält, dafür ausführlich von Schmutz und Enge und Lärm und „Überbleibseln finstersten Mittelalters“ spricht (ebd. 18 f., 45-50). Eher am Rande erwähnt wird das „schon reich entwickelte jiddische Schrifttum [, das] auch den Ärmsten der Armen wenigstens einen Blick in ihnen unbekannte Welten erschließt“ (ebd. 19). Am gründlichsten wird in der Ober Ost-Anthologie über die jüdischen Kultusgemeinden informiert, im Kapitel Glaubenszwang und Gewissensfreiheit, das mit der beruhigenden Feststellung schließt:

 

Nach Besetzung des Landes durch die Deutschen hat natürlich jede Verfolgung

aufgehört; religiöser Friede herrscht in dem schwer heimgesuchten

Lande, dessen Verwaltung jede Konfession schützt und alles tut,

um die kirchlichen Bedürfnisse jedes Landeseinwohners zu befriedigen.

(ebd. 368)

 

 

Wenn also im Ersten Weltkrieg der amerikanisch-jiddische Dichter Rosenfeld dem deutschen Kaiser und dem deutschen Heer den Sieg wünschte, so lässt sich dieser Wunsch mit der Erwartung erklären, dass der Sieg der Kulturnation Deutschland über das brutal-barbarische Russland eine Verbesserung der Lage der Juden bringen werde – so die Überzeugung der nach Amerika ausgewanderten osteuropäischen Juden. „Ich bin ganz fremd zum Teuton“, schrieb Rosenfeld, so dass ein anderes Motiv für seine prodeutsche Haltung hier nicht in Betracht kommt, das Gershom Scholem in seinem Vortrag Deutsche und Juden 1966 als das „sehnsüchtige Schielen nach dem deutschen Geschichtsbereich“ charakterisiert, fast möchte ich sagen: denunziert hat. „Aus den Objekten aufgeklärter Duldung“, heißt es bei Scholem, „wurden nicht selten lautstarke Propheten, die im Namen der Deutschen selber zu sprechen sich anschickten“ (26).

Thomas Mann

Thomas Mann

 

Thomas Mann hat das Problematisch-Gefährliche, ja Mörderische dieser mentalitätsgeschichtlichen Konstellation im Sommer 1946 im Fitelberg-Monolog seines Doktor Faustus aufbewahrt:

 

 

Nun, ich bin Jude, müssen Sie wissen, – Fitelberg, das ist ein eklatant

jüdischer Name. Ich habe das Alte Testament im Leibe, und das ist eine

nicht weniger ernsthafte Sache als das Deutschtum […] man ist als Jude

im Grunde skeptisch gesinnt gegen die Welt, zugunsten des Deutschtums,

auf die Gefahr hin natürlich, Fußtritte einzuhandeln für seine Neigung.

Deutsch, daß [sic!] heißt ja vor allem: volkstümlich – und wer

glaubte einem Juden Volkstümlichkeit? Nicht nur, daß man sie ihm

nicht glaubt, man gibt ihm ein paar über den Schädel, wenn er die Zudringlichkeit

hat, sich darin zu versuchen. Wir Juden haben alles zu

fürchten vom deutschen Charakter […] Volkstümlichkeit wäre für uns

eine den Pogrom herausfordernde Frechheit. Wir sind international –

aber wir sind pro-deutsch, sind es wie niemand sonst in der Welt, schon

weil wir gar nicht umhinkönnen, die Verwandtschaft der Rolle des

Deutschtums und des Judentums auf Erden wahrzunehmen. Une analogie

frappante! Gleicherweise sind sie verhaßt, verachtet, gefürchtet, beneidet,

gleichermaßen befremden sie und sind befremdet. Man spricht

vom Zeitalter des Nationalismus. Aber in Wirklichkeit gibt es nur zwei

Nationalismen, den deutschen und den jüdischen, und der aller anderen

ist Kinderspiel dagegen […] Die Deutschen sollten es den Juden überlassen,

pro-deutsch zu sein. Sie werden sich mit ihrem Nationalismus,

ihrem Hochmut, ihrer Unvergleichlichkeitspuschel, ihrem Haß auf Einreihung

und Gleichstellung, ihrer Weigerung, sich bei der Welt einführen

zu lassen und sich gesellschaftlich anzuschließen, – sie werden sich

damit ins Unglück bringen, in ein wahrhaft jüdisches Unglück […] Die

Deutschen sollten dem Juden erlauben, den médiateur zu machen zwischen

ihnen und der Gesellschaft, den Manager, den Impresario, den

Unternehmer des Deutschtums – er ist durchaus der rechte Mann dafür,

man sollte ihn nicht an die Luft setzen, er ist international, und er ist

pro-deutsch ... (Mann 544-47)

 

 

„Unternehmer des Deutschtums“ – waren das nicht auch jene wackeren preußenfreundlichen jüdischen Gelehrten (vgl. Morgenstern) wie Joseph Carlebach oder Leo Deutschländer, die in Kowno, Bialystok und anderen Orten von Ober Ost ein Zusammengehen von deutscher und jüdischer Kultur anstrebten? Wie man solche „Symbiose“ sich als Bildungsprogramm, als „jüdisches Erziehungswerk“, vorzustellen hat, zeigt Leo Deutschländers „jüdisches Lesebuch“ Westöstliche Dichterklänge, dessen Vorwort auf „Hauptquartier Ost, März 1918“ datiert ist. Für den „deutschen (Mittelstufen-) Unterricht in den jüdischen Schulen Polens und Litauens“ hat Deutschländer seine Anthologie konzipiert, für ein „bildungsdürstendes Geschlecht, das sehnend über die Tore des Gettos hinweg nach fremden Geisteshallen geschaut“ (Deutschländer, IV; vgl. Gronemann Erinnerungen an meine Jahre in Berlin 263-267).

 

Gershom Scholem analysierte in seiner Rede von 1966 auch, woher das „Schielen“ nach der deutschen Kultur rührte. Zum einen war es eben diese deutsche Kultur, der die Juden in Deutschland, Österreich-Ungarn und in Osteuropa als erster begegneten, als sie ihr Ghetto nach 1750 verließen. Und sie brachen zum anderen in die deutsche Kultur auf, als diese ihre erstaunlichste Entfaltung erlebte – mit Gestalten wie Lessing, Herder, Goethe oder Schiller. Die Verehrung der Juden für diese Großen war immens, besonders für Schiller, der zugleich im 19. Jahrhundert der wirkliche Nationaldichter der Deutschen war. „Die Begegnung mit Friedrich Schiller war für viele Juden realer als die mit den empirischen Deutschen“ (Scholem 30). In ihrer Intensität und ihrem Umfang hat der Übertritt der Juden ins Deutsche „keine Parallele in den Begegnungen der Juden mit anderen europäischen Völkern“ (ebd. 29). Aber den Deutschen war dieser Ansturm der aus dem Ghetto ins Deutsche (und nach Deutschland) strebenden Juden auch unheimlich. Der von den Deutschen gewährten politischen Emanzipation „stand keine gleiche Bereitschaft zur rückhaltlosen Aufnahme in die kulturell aktive Schicht gegenüber“ (ebd. 39), so dass es von Anfang an ein „falscher Start“ war, der die Beziehungen der beiden Gruppen, der Juden und der Deutschen, prägte.

 

Scholems zionistischer Interpretation des deutsch-jüdischen Verhältnisses ist schwer zu widersprechen. Hatte also Victor Klemperer unrecht, der – schon eingepfercht ins Dresdner „Judenhaus“ – im Sommer 1941 nach der Lektüre von Sammy Gronemanns Hawdoloh und Zapfenstreich seinen eigenen Aufenthalt in Kaunas 1916 erinnert und seine eigene Identität überdenkt? Gronemanns Verherrlichung der Ostjuden und seine Polemik gegen den „haltlosen und verräterischen Assimilationsjuden Deutschlands“, sein Ruf zum Aufbruch nach Zion, „das auch das eigentliche Vaterland der deutschen Juden sei,“ waren Klemperer ein Gräuel (Klemperer 481). Mit dem „ostjüdischen Volk“, den schreienden Zeitungsverkäufern, Droschkenkutschern, Friseuren und spielenden Kindern in den Straßen von Kowno oder den „’Lernenden’ in einer Wilnaer Talmudschule“ habe er als Deutscher nicht mehr „Gemeinschaft“ als mit den Kutschern, Zeitungsjungen, Kindern oder Fischern in Neapel (ebd.). Juden in Russland bzw. in Osteuropa und Juden in Deutschland lebten für Klemperer durch ihre völlig unterschiedliche kulturelle Prägung in geschiedenen Welten, auch wenn Klemperer in Kaunas durch die Erzählungen eines Angehörigen des Presseamtes, im Zivilberuf Berliner Börsenmakler, bewusst wurde, welche „Verflochtenheit“ zwischen den Juden „diesseits und jenseits der Grenze“ Deutschlands bestand (ebd. 484). Diese „Verflochtenheit“ hat Gronemann in seinem 1920 erschienenen Roman Tohuwabohu zur beißenden Satire auf das Berliner assimilierte Judentum der Kaiserzeit benutzt.

Viktor Klemperer

Victor Klemperer

 

„Ließ sich die Trennung behaupten, die mir so wesentlich war?“, erinnerte sich Klemperer 1941 an die ihn in Kaunas bewegende Frage aus dem Ersten Weltkrieg (vgl. Faber 145- 166):

 

Aber ich fand meine Sicherheit wieder. Für mich bestand die Kluft. Ich

war in Deutschland geboren, ich hatte nichts anderes eingeatmet als

deutsche Luft, als deutsche Geistigkeit; ich konnte nichts anderes sein

als Deutscher. Ich notierte in meinen Tagebuchbriefen: „’Wäre ich in

Paris geboren, ich wäre Christin geworden’, sagte die Mohammedanerin

Zaire. Die kulturelle Atmosphäre entscheidet, nicht das Blut. – Nein,

auch das ist mir zu materialistisch, zu unfrei gedacht. Es stimmt vielleicht

für die meisten Menschen, für alle nicht. Wenn mein Ich es will,

kann mich die Umgebung so wenig halten wie das Blut. Gibt es einen

besseren Deutschen als Franzos’ Pojaz, den die Sehnsucht aus Halbasien

nach Deutschland führt? Der Geist entscheidet von sich aus ...“ (Klemperer 484 f.)

 

 

Hat Klemperer hier – so lässt sich zynisch fragen – die Rechnung ohne den Wirt gemacht? Oder ohne das „Wirtsvolk“, um den bösen an Schmarotzer, Parasiten und Krankes gemahnenden Terminus aufzugreifen, mit dem Scholem seine Hörer erschreckt (Scholem 32). Denn ohne Anerkennung durch die Autochthonen kann ich nicht Teil des anderen Kollektivs werden, oder – wie Theodor Herzl 1896 formulierte: „Wer der Fremde im Lande ist, das kann die Mehrheit entscheiden“ (Judenstaat 16). Natürlich hatte Klemperer recht – aus heutiger Sicht: Wer wollte es einer 35-jährigen verwehren, die in die USA ausgewandert ist und sich dort 15 Jahre später als Amerikanerin fühlt, wie die Amerikaner denkt und argumentiert und ihr schon halbvergessenes Deutsch nur noch mit amerikanischem Akzent spricht, sich als Amerikanerin zu bezeichnen? Und wünschen wir uns nicht von dem türkischen Nachbarsbuben, dass er Fan des FC Bayern wird, deutsche Manieren annimmt und sich von seinen Klassenkameraden möglichst rasch nur noch durch Haar- und Augenfarbe unterscheidet, aber nicht mehr durch eine andere Mentalität? Würden wir der neugebackenen Amerikanerin deutschen Selbsthass vorwerfen, dem Schulbuben türkischen Selbsthass? Von gelungener Integration oder Akkulturation sprächen wir (vgl. Hansen 160). Und wächst nicht sogar die Einsicht, dass sich Identitäten im Verlauf eines Lebens verändern können, dass sie sich auch aus unterschiedlichen Ingredienzien zusammensetzen, dass sie „hybrid“ sein können, dass ein Kollektiv vielleicht gar nicht das Recht hat, einen Einzelnen voll und ganz für sich zu beanspruchen, zu vereinnahmen? Das 19. und das 20. Jahrhundert haben darüber zumeist anders gedacht.

 

Vielleicht sollten wir – auch in unserer Beschäftigung mit Ober Ost – beim Thema Identität jenen mehr Aufmerksamkeit schenken, die ich – in Ermangelung eines glücklicheren Terminus – als „Überläufer“ aus der „großen“ bzw. dominanten in die „kleine“ bzw. unterlegene Gruppe bezeichnen möchte. Denn auch das ist ja eine Reaktion, die die Begegnung mit (angeblich) Schwächeren in mir auslösen kann: den Wunsch, zu ihnen, zu den Opfern, zu gehören. Das scheint z.B. auf Victor Jungfer zuzutreffen, Offizier in der Presseabteilung von Ober Ost, der 1919 den „Kulturroman“ Das Gesicht der Etappe veröffentlichte, dessen Held sich angesichts der brutalen und heuchlerischen deutschen Okkupationspolitik (Jungfer 233-263: Schilderung eines KZ-artigen Gefangenenlagers!) Schritt für Schritt in einen Litauer zu verwandeln versucht ... (vgl. Liulevičius 239 ff.). Oder man denke an Alfred Brusts (auch er war bei der Presseabteilung von Ober Ost) mir immer noch rätselvollen Roman Die verlorene Erde von 1926, in dem ein Graf aus altem Pruzzengeschlecht zum Judentum übertritt und bei einem Pogrom in Wilna ums Leben kommt. Welche Ober Ost-Erfahrungen könnten Brust zu dieser Romankonstruktion veranlasst haben? Oder ist für den pruzzisch-jüdischen Grafen jener Walentyn Graf Potocki Vorbild, der sich in Amsterdam „zum Judaismus bekehrte und trotz Folter dem neuen Glauben nicht abschwor“ und der 1749 als Häretiker in Wilna auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde? (Miłosz 47 f.) Ein drittes und letztes Beispiel für die Figur des „Überläufers“ auf die Seite der (scheinbar) Unterlegenen bietet mir Bertin, der Schipper aus Zweigs Roman Junge Frau von 1914, den der Krieg u.a. nach Üsküb auf dem Balkan verschlägt.

 

 

Hier verschwinden, sich umkleiden […] und als würdevoller spaniolischer

Jude mit Lammfellmütze und gekreuzten Beinen in einem kleinen

Laden sitzen und Tabak verkaufen, türkischen Honig oder Goldschmiedewerk! (229 f.)

 

 

Es bleibt in Zweigs Roman bei diesem orientalistischen Tagtraumbild, aber dies Bild zeigt Bertins Sehnsucht (und die des Autors wohl auch) nach einer anderen, vormodernen, orientalisch-mediterranen, ungebrochen jüdischen Identität (vgl. Hermand 81, Claussen 319).

 

* * *

 

 

Avraham Barkais 2002 erschienene Studie über den 1893 gegründeten „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, die vielleicht zu einer Rehabilitierung des jahrzehntelang als „Centralverein jüdischer Staatsbürger deutschen Glaubens“, als rückgratloser Assimilantenclub, geschmähten C.V. in der jüdisch-zionistischen Historiographie beitragen wird, hat ebenso wie Ulrich Siegs weithin gerühmte Marburger Habilitationsschrift Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg (2001) auf breiter Materialbasis die Kriegserfahrungen deutscher Juden ab dem „Burgfrieden“ und „Augusterlebnis“ von 1914 – den „Flitterwochen des Krieges“ (Gronemann Erinnerung an meine Jahre in Berlin 159) –, über die „Judenzählung“ im Oktober 1916 bis zum Kriegsende und zur Revolution rekonstruiert, wobei in beiden Untersuchungen auch das Thema „Ostjudentum“ breiten Raum einnimmt, ähnlich wie schon 1997 im dritten Band der von Michael M. Meyer herausgegebenen Deutschjüdischen Geschichte in der Neuzeit. Veijas Gabriel Liulevičius’ 2002 auch auf Deutsch erschienene, durch eine litauische Perspektive geprägte Studie War Land on the Eastern Front. Culture, National Identity, and German Occupation in World War I (2000) fragt u.a. nach dem „Ostfronterlebnis“ der deutschen Soldaten, nicht nur der jüdischen, und untersucht, wie die „Kolonisierung“ von Ober Ost funktionierte und wie die betroffenen ethnischen Gruppen auf die deutsche Militärherrschaft und deren „Kulturarbeit“ reagierten. Wir wissen allerdings auch nach Liulevičius’ gewichtiger Untersuchung immer noch viel zu wenig über das Bild der Weltkriegs-Deutschen in litauischen, lettischen, polnischen, russischen oder jiddischen zeitgenössischen Quellen. Trotz dieser in den letzten Jahren entstandenen breiten Forschungsbasis, zu der auch mehrere Beiträge zur Potsdamer Arnold-Zweig-Konferenz von 1999 (Bernhard/Schlör 2004) oder die Dissertationen von Eva Raffel über das „östliche Judentum im Werk von Joseph Roth und Arnold Zweig“ (2002) sowie von Frank Schuster über die „Lebenswelten“ osteuropäischer Juden während des Ersten Weltkrieges (2004) zu zählen sind, will es mir nicht gelingen, die im Ersten Weltkrieg, in den 20er und 30er Jahren oder auch später entstandenen Essays, Tagebücher, Erinnerungen, Romane von Alfred Brust, Richard Dehmel, Herbert Eulenberg, Paul Fechter, Hans Frentz, Sammy Gronemann, Viktor Jungfer, Victor Klemperer, Hermann Struck oder Arnold Zweig umstandslos in den wissenschaftlich solide ausgeleuchteten politik-, ideen-, mentalitäts und sozialgeschichtlichen Kontext einzuordnen. Davon halten mich – wenn diese Selbstbefragung gestattet ist – neben anderen Hemmungen vor allem all die Echos ab, die aus jenem Abgrund tönen, der uns von den deutsch-jüdischlitauischen Begegnungen im Ersten Weltkrieg trennt. Daraus resultiert ein methodisches Problem. Die vom Ersten Weltkrieg und Ober Ost handelnden Texte werden von uns Späteren vielleicht zu beharrlich auf Signale des kommenden Unheils abgehorcht, des „Weltuntergangs“ (vgl. Taterka). Das zeigt: Keiner dieser Texte kann mehr so gelesen werden, als habe es Auschwitz und die Shoah nicht gegeben.

 

* * *

 

 

Sammy Gronemann behauptet in der Warnung! überschriebenen Einleitung zu Hawdoloh und Zapfenstreich, dem zweifellos aufschlussreichsten Text über die „ostjüdische Etappe“, dass er niemanden „belehren“ werde und auch „kein pädagogisches Talent“ in sich „verspüre“. Aber gerade Gronemann – und Victor Klemperer hat das 1941 sehr genau und voll Abneigung wahrgenommen – exemplifiziert sehr zielstrebig eine ganz bestimmte Lehre am Beispiel   von Ober Ost, die Lehre Theodor Herzls nämlich, wonach die „Judenfrage“ weder eine soziale sei, noch eine religiöse, sondern eine nationale: „Wir sind ein Volk, ein Volk“, hatte Herzl in seiner „Staatsschrift“ Der Judenstaat 1896 proklamiert (Herzl 16). Wie weit sich der jüdische Nationalismus zwanzig Jahre später in Kaunas durchgesetzt hatte, lässt Gronemann u.a. in seiner Beschreibung des von Joseph Carlebach geleiteten Kownoer Gymnasiums erkennen, einer „durch und durch hebraistisch-nationaljüdischen Institution“ (Gronemann, Hawdoloh 210), einer Schule, an der auch „Intellektuelle“ von Ober Ost Vorträge hielten, u.a. Sammy Gronemann selbst, Arnold Zweig und Hermann Struck, dessen in Ober Ost entstandene jüdische Porträts nicht wenigen Betrachtern als ebenso authentische Bilder authentischen Ostjudentums erscheinen wie Roman Vishniacs Fotographien aus den Jahren 1935 bis 1939. 1916 nahm Gronemann am Chanukkafest des Gymnasiums teil:

 

 

Die Kinder hatten durch allerhand Darbietungen in Hebräisch, Jiddisch

und Deutsch ihre Fähigkeiten gezeigt und das offizielle Programm war

erledigt. Das Publikum, das den Saal bis auf den letzten Platz füllte –

auch die Behörden, der Stadthauptmann, der Schulrat, der Feldrabbiner

waren anwesend – klatschte freudig Beifall und die Mitwirkenden verbeugten

sich auf dem Podium. Da wurde auf der Bühne plötzlich die

Hatikwah angestimmt. Alle erhoben sich – zuletzt auch der Rabbiner –

fielen in den Gesang ein oder hörten ihn doch respektvoll an. Nachher

gabs einen Mordskrach: Carlebach hielt den Schülern […] eine Standpauke,

dahingehend, daß seine Schule nicht zionistisch und nicht national-

jüdisch sei. Er verbiete das Singen der Hatikwah in den Räumen der

Schule. (Gronemann, Hawdoloh 212 f.)

 

 

Ein Jahr später, zu Chanukka 1917, war Gronemann erneut in der Aula des Gymnasiums, aber dieses mal war es der Agudist Joseph Carlebach selbst, der die Versammelten zum Schluss aufforderte,

 

 

„sich von Ihren Plätzen zu erheben und unsere Hymne, die nationale

Hymne des jüdischen Volkes, die Hatikwah, anzuhören!“

Das war ein Umschwung und ein Erfolg, in gleicher Weise ehrenvoll für

Schüler und Lehrer. Carlebach hat mir oft gesagt, wieviel er in jener

Zeit in Kowno gelernt und wie er sich davon überzeugt hat, daß die nationale

Begeisterung und der nationale Wille der jüdischen Jugend anzuerkennen

sind und daß daran vorüberzugehen blöd und verbrecherisch

sei. (Ebd. 213; vgl. Carlebach)

 

 

Von 1915 bis 1920 war Carlebach am Kownoer Gymnasium, das sich zu einer „schülerorientierten Hochburg“ entwickelte und mit seiner Synthese aus traditionellen religiösen Elementen, säkularem Wissen und modernen Lehrmethoden als Vorbild für die jüdischen Gymnasien in Memel, Riga und Wilna diente. Ab 1921 leitete der große Pädagoge Carlebach die Talmud-Tora-Schule in Hamburg; er wurde 1926 Oberrabbiner der Altonaer, 1936 der Hamburger Gemeinde. Am 6. Dezember 1941 wurde er ins KZ Jungfernhof bei Riga deportiert, wo er „im Geheimen für Schulunterricht und Erwachsenenbildung (sorgte), für Gottesdienst, für leuchtende Chanukkakerzen und für würdige Worte für jeden Einzelnen der so vielen Toten“ (Gillis-Carlebach 11). Am 26. März 1942 wurde er in einem Wald bei Riga mit seiner Frau und seinen dreizehn, vierzehn und fünfzehn Jahre alten Töchtern Sara, Noemi und Ruth ermordet.

 

 

Darf man, muss man fragen, ob die Hatikwah-Sänger im Kaunas der Jahre 1916/17 und die ihr die Stichworte und die Begeisterung gebende jüdische Nationalbewegung die Bedrohung der Juden Europas richtiger eingeschätzt hatten als Joseph Carlebach, der letzte orthodoxe Rabbiner Deutschlands? Was soll solches Fragen? Steckt dahinter nicht doch ein Versuch des nachgeborenen deutschen Lesers dieser Zeugnisse, zur eigenen Entlastung den jüdischen Opfern selbst noch Mitverantwortung an ihrer Vernichtung aufzubürden? „Lauft, Leute“, heißt es in Johannes Bobrowskis Erzählung Rainfarn von 1964 über die aus Tilsit über die Luisenbrücke ins noch litauische Memelgebiet flüchtenden Familien, die „erst wieder stehn bleiben (können) und atmen, wo Deutschland zuende ist“ (Bobrowski IV 116) – sie hätten ja alle fortlaufen können ... Aber wohin denn? (vgl. Kieffer) Zev Birger, Direktor der Internationalen Buchmesse Jerusalem, 1926 in Kaunas geboren, auch er Schüler des jüdischen Gymnasiums und sehr zionistisch und ohne jede Assimilationstendenzen aufgewachsen, erzählt in seiner Autobiographie Mein Weg von Kaunas nach Jerusalem (1997), dass in seiner Familie erst 1939 über Auswanderung gesprochen wurde. „Aber da war es eigentlich schon zu spät […] Wir wollten – wie so viele – einfach nicht glauben, daß die Deutschen in Litauen einfallen könnten“ (Birger 23).

 

 

Und als die Deutschen dann doch kamen, im Juni 1941, werden manche Juden in Kaunas sich erinnert haben an die Jahre 1915 bis 1918, als es so schlimm doch gar nicht war, mit diesen deutschen Besatzern und den eigens für jüdische Belange verantwortlichen deutschen Soldaten, und die litauischen Juden werden auch deshalb gezögert haben, ins russisch/sowjetische Hinterland zu flüchten. Ob dieses verhängnisvolle Zögern nicht auch als eine fatale „Spätfolge“ des ostjüdischen Engagements von Hermann Struck und des Dezernats für jüdische Angelegenheiten bei der Militärverwaltung von Ober Ost bewertet werden müsse, fragt 1982 der – auch sonst gegenüber Struck und seinen Aktivitäten sehr kritische – Historiker Stražas von der Universität Haifa. Wie ein Echo aus den Tagen der „ostjüdischen Etappe“ zumindest klingt, was am 10. Juli 1941 das Jüdische Komitee von Kaunas an die deutsche Sicherheitspolizei schreibt, um die angeordnete Ghettoisierung aller jüdischen Einwohner im Stadtteil Vilijampole/Slobodka abzuwenden: Wir hoffen und sind überzeugt, dass Sie die Vertreter eines so kultivierten und starken Volkes mit uns Unglücklichen schon vorher von der Sowjetmacht entrechteten und beraubten Menschen Erbarmen haben werden und uns eine menschenwürdige Lebensmöglichkeit garantieren. (Benz u.a. 181) Das taten die Deutschen nicht.

Karl Jäger

Karl Jäger

Was sie stattdessen im Sommer und Herbst 1941 in Kaunas und ganz Litauen taten und durch ihnen unterstellte litauische Kollaborateure („Partisanen“) tun ließen, hat der SS-Standartenführer Karl Jäger in seiner in „Kauen, am 1. Dezember 1941“ verfertigten, neun Blätter umfassenden „Gesamtaufstellung der im Bereich des EK. 3 bis zum 1. Dez. 1941 durchgeführten Exekutionen“ akribisch bilanziert:

 

4.7.41 Kauen – Fort VII 416 Juden, 47 Jüdinnen  [Gesamt] 463

6.7.41 Kauen – Fort VII Juden [Gesamt] 2.514

7.7.41 Mariampole Juden  [Gesamt] 32

8.7.41 Mariampole 14 Juden und 5 komm. Funktionäre  [Gesamt] 19

8.7.41 Girkalinei komm. Funktionäre 6

9.7.41 Wendziogala 32 Juden, 2 Jüdinnen, 1 Litauerin, 2 lit. Komm.,

1 russ. Kommunist [Gesamt] 38

9.7.41 Kauen – Fort VII 21 Juden, 3 Jüdinnen  [Gesamt] 24

1.9.41 Mariampole 1763 Juden, 1812 Jüdinnen, 1404 Judenkinder, 109  Geisteskranke, 1 deutsche Staatsangehörige, die mit einem Juden verheiratet war, 1 Russin  [Gesamt] 5.090

[…]

4.10.41 Kauen-F.IX- 315 Juden, 712 Jüdinnen, 818 J-Kind. (Strafaktion, weil im Ghetto auf einen deutsch. Polizisten geschossen wurde) [Gesamt] 1.845

29.10.41 Kauen-F.IX- 2007 Juden, 2920 Jüdinnen, 4273 Judenkinder (Säuberung des Ghettos von überflüssigen Juden) [Gesamt] 9.200

[…]

25.11.41 Kauen-F.IX- 1159 Juden, 1600 Jüdinn., 175 J.-Kind. (Umsiedler aus Berlin, München u. Frankfurt a.M.) [Gesamt] 2.934

[…]

(Jäger 52 f.)

 

 

Blatt um Blatt füllte Karl Jäger mit den Schreckenstaten seines „Einsatzkommandos 3“. Und jeweils wurde der „Übertrag“ bilanziert: 3.834, 16.152, 66.159, bis die „Summa 137.346“ erreicht war und Jäger auf Blatt 7 formulieren konnte:

 

 

Ich kann heute feststellen, dass das Ziel, das Judenproblem für Litauen

zu lösen, vom EK. 3 erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden

mehr, außer den Arbeitsjuden incl. ihrer Familien.

Das sind

in Schaulen ca. 4.500

in Kauen ca. 15.000

in Wilna ca. 15.000

Diese Arbeitsjuden incl. ihrer Familien wollte ich ebenfalls umlegen,

was mir jedoch scharfe Kampfansagen der Zivilverwaltung (dem

Reichskommissar) und der Wehrmacht eintrug und das Verbot auslöste:

Diese Juden und ihre Familien dürfen nicht erschossen werden! […]

Die Durchführung solcher Aktionen ist in erster Linie eine Organisationsfrage.

Der Entschluss, jeden Kreis systematisch judenfrei zu machen,

erforderte eine gründliche Vorbereitung jeder einzelnen Aktion und Erkundung

der herrschenden Verhältnisse in dem betreffenden Kreis. Die

Juden mussten an einem Ort oder an mehreren Orten gesammelt werden.

Anhand der Anzahl musste der Platz für die erforderlichen Gruben ausgesucht

und ausgehoben werden. Der Anmarschweg von der Sammelstelle

zu den Gruben betrug durchschnittlich 4 bis 5 km. Die Juden wurden

in Abteilungen zu 500, in Abständen von mindestens 2 km, an den

Exekutionsplatz transportiert. Welche Arbeit dabei zu leisten war, zeigt

ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel:

In Rokiskis waren 3208 Menschen 4 ½ km zu transportieren, bevor sie

liquidiert werden konnten. Um diese Arbeit in 24 Stunden bewältigen zu

können, mussten von 80 zur Verfügung stehenden litauischen Partisanen

über 60 zum Transport, bzw. zur Absperrung eingeteilt werden. Der

verbleibende Rest, der immer wieder abgelöst wurde, hat zusammen mit

meinen Männern die Arbeit verrichtet. Kraftfahrzeuge stehen zum

Transport nur selten zur Verfügung. Fluchtversuche, die hin und wieder

vorkamen, wurden ausschließlich durch meine Männer unter eigener

Lebensgefahr verhindert. (Jäger 59 f.)

 

Karl Jäger lebte nach dem Krieg viele Jahre unbehelligt in seiner Heimatstadt Waldkirch bzw. in Heidelberg. Erst im April 1959 wurde er verhaftet. In seinen Vernehmungen durch die Ludwigsburger Holocaust-Experten leugnete er jede Mittäterschaft an der Auslöschung der litauischen Juden. Seinem Gerichtsverfahren entzog sich der inzwischen 73-jährige durch Selbstmord in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1959 (Wette 87).

 

 

* * *

 

 

In der Literatur zu Ober Ost wird immer wieder auf aus assimiliert deutschjüdischen Familien stammende Soldaten hingewiesen, die durch ihren Aufenthalt in Kowno, Wilna, Grodno oder Bialystok ihre jüdische Identität neu entdeckt hätten. Für den 1875 in Pommern geborenen Sammy Gronemann gilt das nur mit Einschränkungen, denn mit jüdischen Gemeinschaften des östlichen Europa war er schon seit seiner Kindheit und Jugend vertraut. Als Primaner war er „einmal einen Tag in Kowno […], um den berühmten Kownoer Raw Rabbi Jizchak Elchanan Spektor meine Ehrfurcht zu erweisen“ (Gronemann Erinnerungen an meine Jahre in Berlin 208 f.) und in Hawdoloh und Zapfenstreich beschreibt er einen Kindheitsbesuch bei seiner Großmutter und Urgroßmutter 1883 in Jurbarkas nahe Schmalleningken an der Grenze zwischen Preußisch-Litauen und dem Russischen Reich. In der Synagoge von Jurbarkas/ Jurburg/Georgenburg erlebte er als Kind einen Festgottesdienst zu Ehren des Zaren Alexander III. sowie dessen Gemahlin Maria Feodorowna:

 

Der alte Kantor schlug seine schönsten Triller, als er die Gesetzesrolle

im Arm zwischen dem Stadtkommandanten und dem Polizeichef stehend

das Gebet für das Kaiserpaar sprach. Aber die Triller wollten gar

kein Ende nehmen, als er am Namen der Kaiserin angelangt war, – minutenlang

ging sein immer jammervoller werdendes Tremolieren, sein

Ai–ai–ai–ai–ai, seine Augen rollten hin und her und mit den Armen

schlug er wie hilfeflehend um sich; man wurde ängstlich, als er gar nicht

zum Schluß kam, aber es dauerte recht lange, bis man bemerkte, daß er

den Namen der Kaiserin vergessen hatte, und ihm ihn soufflierte. Mit

unendlicher Verzückung und diesmal sicher echter Freude schmetterte

er dann sein „Maria Feodorowna“ heraus. (Gronemann, Hawdoloh 40;

vgl. Erinnerungen 37)

 

 

Zwischen Jurbarkas und Schmalleningken, beide am rechten Ufer der Memel gelegen, verlief 1883 die Grenze zwischen dem Deutschen und dem Russischen Reich. 1919 wurde Schmalleningken mit dem Memelgebiet nach 500jähriger Zugehörigkeit zu Preußen von den Alliierten von Deutschland abgetrennt und von französischen Truppen besetzt, 1923 wurde es von Litauen annektiert, im März 1939 wurde die Region von Hitler „heim ins Reich“ geholt. Mittsommer 1941 kam der Krieg über die beiden kleinen Orte (vgl. Tauber). „Es ist schrecklich in einem Grenzort, wenn du beide Sprachen kennst,“ sagt fünf Jahrzehnte später die ostpreußisch-litauische Bäuerin Lena Grigoleit im Gespräch mit der Historikerin Ulla Lachauer über diese Schreckenszeit in ihrer kleinlitauischen Heimat (Lachauer 42). Und über die Juden, die Sammy Gronemann als Kind 1883 bei der Zarenfürbitte in der Synagoge von Jurbarkas erlebt hatte, erzählt sie 1992:

 

Nie im Leben werde ich das Geschrei vergessen in diesen ersten Tagen

des Krieges. Ein Geschrei, ach Vater im Himmel, du konntest verrückt

werden! Von jenseits der Grenze schrieen die Juden, sie schrieen,

schrieen, von Jurbarkas und von all den kleinen Dörfern dorten. Sie haben

sie zusammengetrieben. Sie mußten selber ihre Gruben graben, und

dann wurden sie lebendig reingeschmissen. Auch unsere Schmalleningker

Juden, die auf der anderen Seite Quartier bezogen hatten. Die Clara

Berlowicz, von der wir das Haus gekauft hatten, war dabei. Ihre

Schwester, die Frau Simon, die immer so lustig war wegen nichts. Sie

hatten einen Tuchladen schräg gegenüber von uns und so ein liebes

Töchterlein, Ewa. Der Simon ist ein deutscher Krieger gewesen, hat viel

gespendet für das Deutsche Reich. Das hat alles nichts gezählt. Von

Schmalleningken mußten etliche Beamte vom Zoll und von der Polizei

mitschießen. Die wurden gezwungen, einfach abkommandiert und fertig.

Einer, der zurückkam, hat alles erzählt unter Tränen. „Ich kann aus

dem Verstand gehen. Ich bin schon ganz dumm davon.“ Er hatte die

kleine Ewa gesehen, wie sie vor die Grube geschleppt wurde. „Lauf

weg, Mädchen, lauf, ich werde dich nicht sehen.“ – „Nein“, sagte sie,

„wo meine Mutter ist, bleib ich auch.“ Sie haben sich umfaßt und fielen

zusammen ins Grab. (Lachauer 44 f.)

 

* * *

 

 Sammy Gronemann

Sammy Gronemann

Mit dem „eigentlichen Ostjudentum“, wie Gronemann in seinen Erinnerungen formuliert, kam er vor den Ober Ost-Jahren nicht nur durch die Kindheitsreise nach Jurbarkas in Kontakt. 1905 etwa besuchte er die Heimatstadt seiner Frau, das wolhynische Shitomir, und erlebte dort zum Pessach-Fest jene „Stimmung vor einem Pogrom“, wie er sie dann in seinem 1920 erschienenen, auch heute noch sehr lesenswerten Roman Tohuwabohu wiedergab (Erinnerungen 283). Um die selbe Zeit, um 1905, organisierte er in Hannover mit seiner zionistischen Sportgruppe Hilfeleistungen für „einige zehntausend Auswanderer“ nach Amerika (Erinnerungen 294 ff.), die in plombierten Viehwaggons aus der Ukraine nach Rotterdam geschafft wurden. Durch die Hilfsaktionen am Bahnhof von Hannover wuchs das „Solidaritätsgefühl“ der tatenhungrigen jungen Zionisten, „sie lernten aus eigener Anschauung das Elend der Massen im Osten kennen und kamen der Mentalität unserer Brüder im Osten allmählich näher“ (Erinnerungen 297). Wie gesagt: an die 2,5 Millionen Juden emigrierten zwischen 1881 und 1914 aus Osteuropa, über zwei Millionen allein in die USA, 150.000 in den (heute übrigens durch und durch muslimischen) Londoner Stadtteil Whitechapel, wo Gronemanns Roman Tohuwabohu einsetzt mit dem unvergesslichen Satz: „Berl Weinstein hatte sich wieder einmal taufen lassen, und diesmal mit besonderem Erfolg.“

 

Ob es beim Oberbefehlshaber Ost in Kaunas im Frühjahr 1916 tatsächlich Überlegungen gab, diese Massenauswanderung in die USA „organisiert wieder aufzunehmen“ (Zweig, Junge Frau 274), um eine – trotz der „Ludendorff-Küchen“ (Gronemann, Hawdoloh 144) – drohende Hungerkatastrophe unter den Juden in Litauen abzuwenden, weiß ich nicht. Arnold Zweig schildert es so in seinem 1931 erschienenen Weltkriegs-Roman Junge Frau von 1914: Der jüdische Bankier Hugo Wahl, der – ohne es selbst zu bemerken – Generalmajor Schieffenzahn (alias Ludendorff; vgl. Frentz 1972, 211-215) 1915 schon aus der „Pulverkrise“ herausgeholfen und damit die Fortführung des Krieges im Westen ermöglicht hatte (Zweig, Junge Frau 23-31), wird im Frühjahr 1916 überraschend von Berlin ins Hauptquartier nach Kaunas gerufen. Diese Reise löst eine schwere Identitätskrise bei Hugo Wahl aus. Sieht er sich zunächst in seinen Hoffnungen auf Aufnahme in die führende Schicht des Deutschen Reiches, als Mitarbeiter der „Kaste der Offiziere“ (ebd. 256), bestärkt, so muss er im Gesprächsverlauf erkennen, dass er und seine beiden prominenten jüdischen Begleiter nur dazu benutzt werden sollen, der Militärverwaltung bei ihren leichtfertigen Aussiedlungsplänen für die Juden „einen Teil der Verantwortung und das ganze Odium“ abzunehmen (ebd. 276). Geplant war, die Juden aus Ober Ost mehr oder minder freiwillig nach Amerika zu schaffen, auf Auswandererschiffen, ungeachtet der völkerrechtlichen Verpflichtung, „die Bevölkerung des besetzten Gebietes zu ernähren“ (ebd. 277), ungeachtet der deutschen, englischen und russischen Minensperren in der Bucht von Libau und anderswo, ungeachtet der zu erwartenden internationalen Proteste. Nachdem der Sprecher der jüdischen Delegation auf all diese bisher nicht bedachten Aspekte der bei Ober Ost erwogenen Auswanderung hingewiesen und alternative Möglichkeiten zur Überwindung der akuten Versorgungskrise aufgezeigt hat, beendet Schieffenzahn die Sitzung. Nach seiner Rückkehr von Kaunas nach Berlin schildert Hugo Wahl seinem Vater Markus den Schluss der Besprechung zwischen den Repräsentanten der deutsch-jüdischen Oberschicht und der deutschen Heeresleitung:  

 

 

Ich jubelte innerlich, als er [Schieffenzahn] zusammenfaßte: auch er

könne sich den vorgetragenen Bedenken nicht verschließen, man müsse

den Plan fallenlassen […] Aufstand, Scharren, alles reckte sich, sprach

plötzlich laut, und wir – waren Luft. Das war das Zerschmetternde.

Diese Leute hatten von uns Deckung ihrer Verrücktheiten erwartet. Statt

dessen brachten wir ihnen vernünftige Einwände und besseren Ausweg.

Und zum Dank dafür befanden wir uns für sie nicht mehr im Raume.

Die Ordonnanzen räumten die Stühle weg, sammelten die Blätter ein,

die Herren Offiziere blickten aus den Fenstern, ein Kreis bildete sich um

Generalmajor Schieffenzahn, man gab einander Feuer. Es wurde vergnügt

in der oberen Ecke des Saales; wir wirkten wie vergessene Kleiderständer

[…] Wir waren ja nur Zivil, nicht wahr? Null und nichts.

Nicht für möglich hätte ich das gehalten, nicht für möglich. Eine

freundliche Redensart, eine Einladung, den Abend gesellig zu verbringen,

ein paar vernünftige Gespräche bei einem Glas Wein... war das zu

viel verlangt? Offenbar.

 

 

[…] Fast fünfzig Jahre lang habe ich unser Preußen bewundert, den Soldatenrock

für das beste Kleid der Welt gehalten, die Leute abgelehnt,

die von Militarismus sprachen, dich auch, Vater. Es ist nicht zu spät,

umzulernen. Verstand ist die beste Vaterlandsliebe, und Militarismus

kein gutes Prinzip. Es wird Deutschland zugrunde richten, wenn man

ihn nicht zwingt, die Pfähle zurückzustecken. (Ebd. 278 f.)

Nicht der sehr flüchtige Blick auf die Ostjuden von Kaunas („Durch die engen

Gassen drängten Juden in schwarzem Kaftan, Frauen in Umschlagtüchern,

spielende Kinder“, ebd. 272) führt zu Hugo Wahls Umdenken, sondern die

gesellschaftliche Zurückstoßung durch Schieffenzahn und seine Offiziere.

Hugo Wahl, der seine Familie im feinen Potsdam schon bis an den Zaun derer

von Ducherows hinaufassimiliert hat (ebd. 53), so dass seine an dem „Mangel

an menschlichen Beziehungen zu Gesellschaft und Nachbarn“ leidende Frau

(ebd. 42) sich endlich eine Verbindung mit der höchsten preußischen Kaste

„zuträumen“ konnte (ebd. 181), der mit dem Krieg und Kaiser Wilhelms Versicherung

vom August 1914, dass er jetzt keine Parteien und Konfessionsunterschiede

mehr kenne sondern nur noch Deutsche, die Gewissheit verband,

dass die deutschen Juden „endlich als gleichberechtigte Staatsbürger angenommen

werden“ (ebd. 28), muss in Kaunas erkennen, dass er als Jude trotz

strammster deutschnationaler Haltung stigmatisiert bleibt. Jetzt erst ist er bereit,

in die nicht standesgemäße Hochzeit seiner Tochter mit dem schriftstellernden

jüdischen Armierer Bertin einzuwilligen, dem – Folge der demütigenden

„Judenzählung in den Schreibstuben“ (ebd. 327) – für seinen Hochzeitsurlaub statt der im Heer üblichen 14 nicht einmal vier Tage zugestanden werden.

„Ober-Ost hatte [Hugo Wahl] einen Stoß in die Eingeweide versetzt; dies hier

warf ihn um. Seine Tochter – und bloß noch dreieinhalb Tage“ (ebd. 320).

 

 

* * *

 

 

„Nur einigen Tausend“ Juden sei während des Krieges die Auswanderung aus Ober Ost in die USA möglich gewesen, berichtet Sammy Gronemann im Kapitel Staatsgefährliche Andachtsbücher (Hawdoloh 37). Wobei neben allerlei anderen Schikanen vom Auswanderungsamt der deutschen „Okkupationsbehörde“

 

 

vor der Abreise nach Amerika sorglich die mitgenommenen Gebetbücher

kontrolliert und überall aus ihnen die gefährlichen Texte [die „Zarenfürbitte“;afk]

entfernt wurden. Wer weiß, ob nicht Chaim Schloime

aus Bialystok oder Sore Riwka aus Mariampol drüben in New York eines

Tages dieses Gebet aufschlagen und verrichten würden. Die Folgen

waren gar nicht abzusehen. (Ebd. 41)

 

 

 

Der „Entzarungsschein“, der für die Militärs in Ober Ost angeblich „ebenso wichtig war, wie der berühmte Entlausungsschein“ (ebd.; vgl. Zweig, Junge Frau 278), ist dem Satiriker Gronemann eins seiner zahllosen Beispiele für jenen (jetzt von Liulevicius akribisch dokumentierten) „Zusammenstoß verschiedenartiger Kulturen“ in Ober Ost (Gronemann, Hawdoloh 239), für den „Krieg im Krieg“ (ebd. 50), an dem auch der Kownoer „Intellektuellenklub“ (ebd. 46) beteiligt war,

 

 

nämlich den Krieg zwischen Zivilisation und Kultur – zwischen der Zivilisation

des Westens, wie sie im Gefolge des siegreichen deutschen

Heeres einmarschierte, und der Kultur des Ostens, wie sie von den Völkern

dort, den Litauern, Weißrussen, später Weißruthenen genannt, den

Polen und vor allen Dingen den Juden vertreten wurde. (Ebd. 50)

 

 

Hatte im französisch-deutschen Diskurs die deutsche Seite (etwa Thomas Mann in seinen Gedanken im Kriege von 1914) den Gegensatz zwischen oberflächlicher französischer Zivilisation und mehr in die Tiefe gehender deutscher Kultur herausgestellt, so drehte Gronemann den Spieß nun geschickt um. Den Deutschen mit ihrer grotesken Überbetonung der bürokratisch-militärischen Organisation – ihre Verästelungen werden auch von Zweig in Einsetzung eines Königs mit deutlich ironischem Unterton beschrieben – wird das aus deutschnationalistischer Sicht negative Etikett „Zivilisation“ angeheftet, während für die „Ostvölker“ und vor allem für die Ostjuden der positiver besetzte Begriff „Kultur“ reserviert wird, mit dem die schöpferischen Kräfte einer lebendigen Gemeinschaft konnotiert werden sollen (vgl. Beßlich).

 

Richard Dehmel

Richard Dehmel

Der Versuch, durch eine preußisch organisierte Militärbürokratie „deutsche Kultur“ in den Osten zu tragen, ist auch Thema in Richard Dehmels Kriegstagebuch Zwischen Volk und Menschheit (1919). Aber Dehmel, der sich 1914 als schon 51jähriger freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, konnte dem „haarsträubenden Unfug“ der Militärverwaltung in Kaunas bei weitem nicht jene humoristisch-satirischen Seiten abgewinnen, die Gronemanns Hawdoloh (und auch seine in den 40er Jahren in Tel Aviv aufgezeichneten Erinnerungen an Ober Ost) fast durchgehend prägen. Die „Kanzleiseelen“, nicht nur des „Buchprüfungsamtes“ sondern der ganzen Administration, „bilden sich tatsächlich ein, sie könnten dem Volk mit Aktenbündeln den Mund verstopfen“ und dadurch den polnischen und litauischen „Unabhängigkeitswillen“ schwächen (Dehmel 459). „So vertreibt man den russischen Teufel mit dem preußischen Beelzebub und macht überall böses Blut, ohne durchzudringen mit der Fuchtel“ (ebd. 460). Die deutsche Verwaltung in Kaunas hatte nach Dehmels Einschätzung alle Sympathien der Bevölkerung und sogar jeden Respekt eingebüßt: „Und das deutsche Heer hat da gründlich mitgeholfen, nach allem was unsre Offiziere abends im Kasino erzählen. Unsre Kolonnen haben hier genau so gehaust wie die Kosaken in Ostpreußen, besonders auf dem flachen Land“ (ebd. 460). An der „Untertanenverstands-Dressur“ (ebd. 466) wollte Dehmel nicht mitwirken. Knapp zwei Monate hielt es der Schriftsteller im Herbst 1916 in Kaunas aus, dann beantragte er seine Versetzung „mit der ausdrücklichen Begründung, daß sich meine kulturpolitischen Ansichten mit den mir obliegenden Amtsgeschäften nicht vertragen“ (ebd. 467). Dem Gesuch wurde statt gegeben. Die zwei Monate reichten Dehmel freilich aus, um zu kräftigen Beurteilungen von Land und Leuten zu gelangen: Vom „Russentum“ sei wenig zu bemerken, „weder in den Schaufenstern noch auf dem Krammarkt; einheimischen Eigenwert haben nur die sehr geschmackvollen litauischen Webereien und Töpfereien […] Das wirkliche Rußland fängt erst in Wilna an, der Stadt der hundert Kirchen und tausend Bordelle“ (ebd. 450). Der Kutscher sei „meistens ein Jude, außerdem auch im übeln Sinn russisch, d.h. schmutzig und schmierig zum Grausen, wie überhaupt das ganze untere Volk.“ Volkstrachten seien wenig zu sehen, höchstens mal ein „alter Jude im Kaftan (die jüngeren sind schon alle verwestlicht)“. Weiter beklagt Dehmel, dass er

 

 

die Rassen hier kaum unterscheiden (könne), es sieht alles nach Mischpoche

aus; die Juden wie Russen, die Russen wie Polacken, die Polacken

wie Letten und umgekehrt. Bloß die Litauer scheinen für reineren

Schlag zu sorgen; man trifft da manchmal rührende Mädchengesichter

wie an schwäbischen Dorfmadonnen, oder einen kühnen hellblonden

Burschen wie eine friesische Siegfriedsgestalt. (Ebd. 451)

 

 

Von Litauern und litauischer Kultur ist bei Gronemann nur einmal die Rede, als er eine Dehmel-Anekdote erzählt, in der es um dessen Bewunderung für litauische Volkskunst geht (Hawdoloh 52). Man kann diese ganz auf das „Ostjüdische“ ausgerichtete Perspektive Gronemanns aus dessen engagiert zionistischer Haltung erklären, vielleicht hat sich Gronemann daher gar nicht um Kontakte zu Litauern bemüht und sich nur im jüdisch-jiddischen Milieu von Kaunas bewegt. Das korrespondierte mit Zev Birgers Schilderung der litauisch-jüdischen „Sozialkontakte“ während seiner Kindheit und Jugend im Kaunas der 20er und 30er Jahre. Zu Hause bei Birgers wurden die Gespräche zu 90% auf Jiddisch geführt, der „Alltagssprache“ der damals ca. 40.000 Juden in Kaunas (Birger 21), mit seinem Bruder sprach Birger auch oft Hebräisch, „da dies die Unterrichtssprache in der Schule war“ und schließlich konnte er auch sehr gut Litauisch. Aber „Sozialkontakte zu Nichtjuden bestanden nur selten“ (ebd. 26), eigentlich nur durch Ferienaufenthalte bei litauischen Bauern. „Assimilationstendenzen“, gar eine „Identifikation mit der einheimischen Gesellschaft“ habe es nicht gegeben (ebd. 26), auch weil es sich bei den Litauern „insgesamt um eine antisemitische Gesellschaft handelte“ (ebd. 27), trotz der liberalen Haltung der litauischen Regierung gegenüber der jüdischen Minderheit (ebd. 28) und dem Auftreten litauischer Intellektueller, „die nicht von den weitverbreiteten Vorurteilen angesteckt worden waren.“ (Ebd. 27 f.; wesentlich differenzierter: Holzman 79 f.)

 

 

Zev Birger, 1926 in Kaunas geboren, gehört zu den wenigen, die die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung überlebt haben. Da er fast akzentfrei Litauisch sprach, riskierte er es mehrfach, das im Juli 1941 eingerichtete Ghetto zu verlassen und für seine Familie Essen zu besorgen.

 

Dadurch hatte ich Gelegenheit, die Reaktion der Litauer zu beobachten,

wenn sie zusahen, wie die Kolonnen jüdischer Arbeiter durch die Straßen

zu den Kommandos zogen. Wie konnten sie Dinge, die so offensichtlich

waren, einfach ignorieren? Dabei fühlte ich, wie sehr sie die

Juden haßten. Nicht nur ihr Verhalten nach dem Einmarsch der Deutschen

entsetzte mich, sondern auch die Tatsache, daß die litauischen

Einheiten und die Ukrainer für die SS die Drecksarbeit machten. Mit

diesen Leuten wollte ich nie mehr etwas zu tun haben. Durch das unmenschliche,

ja fast tierische Verhalten der Litauer war ich damals so

tief und nachhaltig schockiert, daß ich kurz nach dem Krieg feststellen

mußte, daß ich die litauische Sprache nicht mehr beherrschte. Ich brachte

keine Sätze mehr in dieser Sprache hervor, die ich doch einmal

so gut wie meine Muttersprache gesprochen hatte […] Der Schrecken

über das Verhalten der Bevölkerung außerhalb des Ghettos hat damals

so tiefe Spuren bei mir hinterlassen, daß ich nie wieder den Versuch

unternahm, dieser Sprache nochmals mächtig zu werden. (Birger 66)

 

 

* * *

 

 In Kaunas lebten bei Kriegsbeginn 1941 circa 40.000 Juden, das war ein Viertel der Einwohner der damaligen Hauptstadt Litauens. Bei Pogromen in der Stadt wurden im Juni und Juli an die 10.000 Juden ermordet. Die Davongekommenen mussten in wenigen Wochen, bis 15. August 1941, in zwei Ghettos ziehen, die im ärmlichen Stadtteil Vilijampole/Slobodka errichtet wurden. Von den etwa 30.000 Juden im Ghetto wurden bis Oktober 1941 weitere 10.000 ermordet. Im Herbst 1943 wurde das Ghetto in ein Konzentrationslager umgewandelt, das bis Juli 1944 bestand. Nur einige wenige Juden überlebten in Kaunas die deutsche Herrschaft (vgl. Dieckmann sowie die Berichte der Überlebenden Trudi Birger, Solly Ganor, Zwi Katz, Raya Kruk, Fruma Kučinskienè, Renata Yesner).

 

Was wusste man in Deutschland von der Lage der Juden in Kaunas 1941? Was konnte man wissen? Ostland kehrt nach Europa zurück hat der Journalist Emil Frotscher als Titel über seine „Notizen von einer Reise des Reichskommissars Hinrich Lohse durch Litauen und Weißruthenien“ gesetzt, die im Herbst 1941 erschienen sind. Aus Ober Ost war Ostland geworden. Kowno/Kaunas hieß nun Kauen. Seinen Reisebericht schließt Frotscher mit einem Kapitel über das Ghetto von Kauen:

 

Am 15. August [1941] war die Ausschaltung des Judentums aus dem

übrigen Stadtgebiet vollendet. Die eigenen Gesetze und Sitten, unter denen

das Judentum hier lebt, interessieren uns nicht. Uns genügt, dass sie

ihre politische und wirtschaftliche Rolle im Ostland endgültig ausgespielt

haben.

 

Zu beiden Seiten einer Hauptverkehrsader der Stadt zieht sich das Ghetto hin. Eine fremde Welt offenbart sich in ihrer wurzellosen Unkultur. Der Passant, der einen flüchtigen Blick über die Zäune wirft, hastet vorbei – die Welt Ahasvers, die zur Ruhe gezwungen wurde, versinkt als düsterer Schemen einer bösen Vergangenheit, die ihre Vollendung in dem Jahre des Unheils fand, als der Bolschewismus, jene blutige Inkarnation einer jüdischen Dogmatik, wie eine verheerende Sturmflut durch das Ostland zog. (Frotscher 32)   Gegen diese „jüdisch-bolschewistische Sturmflut“ – so Emil Frotscher – kämpfte nun Gauleiter Hinrich Lohse aus Schleswig-Holstein mit seinen von dort mitgebrachten nationalsozialistischen Parteimannen:

 

Jetzt wird der Damm aufgerichtet. Land wird erneut gewonnen und der

tückischen Sturmflut […] Meter für Meter europäischen Kulturbodens

abgetrotzt. Deichhauptleute, Bauern und Arbeiter sind am Werk: Ostland

kehrt nach Europa zurück. (Ebd. 32)

 

Und in Deutschland, in Ostpreußen etwa, träumte der eine oder andere schon von einer neuen Existenz in den eroberten Gebieten im Osten. Für das Frühjahr 1942 berichtet Manfred Peter Hein in seinem autobiographischen Prosabuch Fluchtfährte (1999):

 

 

Wenn ich Forstmeister werde in Litauen – die ganze Familie geht ins

Baltikum gleich nach dem Sieg. Der Vater hat sich als Schulaufsichtsbeamter

zur Verfügung gestellt für die Aufbauarbeit im Osten. Ich bin

ausgewählt, für die Ordensburg vorgeschlagen zur Prüfung. Püppe und

Bübi [die jüngeren Geschwister; afk] sind ganz und gar dabei, zünftig

mit jungendem Hund und jungender Katze, jungendem Pferd und

jungender Kuh auf unserem Ostlandwehrhof ... (Hein 51).

 

Den Ostland-Mythen der Deutschen wäre einmal gesondert nachzufragen, von Walter Flex’ rauschhafter Prosa und Lyrik in Der Wanderer zwischen beiden Welten von 1917 (die Auflage stand schon vor Beginn der Nazizeit bei über 500.000 Exemplaren), über Victor Jungfers Litauen-Roman Das Gesicht der Etappe von 1919, Alfred Brusts Roman Die verlorene Erde von 1926 und Agnes Miegels Ostland-Gedichte der 20er und 30er Jahre, Edwin Erich Dwingers 1919 in Litauen und Lettland spielenden Freikorps-Roman Die letzten Reiter von 1935 und Hans Baumanns Gedichte à la In den Ostwind hebt die Fahnen bis zu den – nun aber die deutschen Verbrechen an den Völkern in Ostmitteleuropa ins Zentrum rückenden – Werken von Johannes Bobrowski, etwa seinem großen Wilna-Gedicht aus dem Oktober 1955. „Wilna, du reifer Holunder! / Mit grünen Augen / ist deine Wolfzeit versunken“, so setzt es ein und es mündet in die mächtig gefugte Schlussstrophe (Bobrowski I, 21 f.):

 

 

Stadt der Könige, immer

singen die Ebenen alle,

alle die weißen, vom Blut

bitter der Söhne,

dir mit des Weißbarts hallender

Stimme, wie Eisgang, mit schmerzlichem

Festgetön deiner Juden,

rotem Sausen der Kiefern zu.

  

Holzman

Marie und Max Holzman etwa 1940 (R. Kaiser/Bilderrechte: M.Holzman)

Unter den Mitgliedern des „Intellektuellen-Klubs“ von Ober Ost ist Max Holzman gewiss derjenige, dem die litauisch-deutschen Kulturbeziehungen am meisten verdanken. Ende zwanzig war der aus der preußischen Provinz Posen stammende Max Holzman, als er im November 1916 als deutscher Soldat nach Kaunas kam. Aus Familienpapieren zitiert in einem Aufsatz von 1998 seine heute in Gießen lebende Tochter, die Übersetzerin Margarete Holzman:

 

 

Hier formte er sich um. Er fand Anschluß an bedeutende junge Männer,

wie den Orientalisten Scheder, Schropsdorf, den Litauer Oselies. Der

literarische Klub Oberost, der in einer Offiziersunterkunft tagte, gewährte

ihm Anschluß. In Kowno sah er eine andere Welt. Zum ersten

Mal begegnete er dem Judentum, das in einer geschlossenen geistigen

und seelischen Welt untereinander lebte und nicht hinaus in eine freiere

wollte. Er sah es idealisiert, zu sehr im Gegensatz zu der Soldateska, die

ihn umgab. Er wurde zu jüdischen Festen geladen […] Ihm imponierte

die große Hilfsbereitschaft und Gastlichkeit dieser Familien, die geistige

Versenkung, in der in der „Betschule“ gelernt und disputiert wurde.

Dort sah er den Geist als Sieger über die Nöte der Zeit. Er wohnte

freundlich in einem Häuschen am „Grünen Berg“, wo seine

Flugabwehbatterie in Stellung war […] Weit sah er über das Land, den

breiten, von Eichwald umrandeten Memelstrom. (Margarete Holzman 89 f.)

 

 

Max Holzman kehrte nach dem Ersten Weltkrieg 1922 nach Kaunas zurück, der prosperierenden neuen Hauptstadt des neuen Staates Litauen, und gründete dort eine Buchhandlung und einen Verlag. Als Verleger spezialisierte er sich auf deutsche, englische und französische Fremdsprachenlehrwerke für die junge litauische Universität, ließ litauische Literatur ins Deutsche übersetzen, u.a. von Horst Engert, Germanistik-Professor an der Vytautas-Universität, gewann Raymond Schmittlein (den späteren Mitkämpfer de Gaulles und Gründer der Dolmetscherhochschule in Germersheim; vgl. Manns 24-61) als Autor einer Monographie über Napoleon und Litauen, engagierte den Graphiker Jonynas (dem das Saarland und Rheinland-Pfalz ihre ersten nach dem Zweiten Weltkrieg gedruckten Briefmarken verdanken), verlegte die sehr aufwändig gestaltete erste deutschsprachige Monographie über den litauischen Malerkomponisten Čiurlionis von Nikolaj Worobjow und die sehr zu Unrecht vergessenen höchst vergnüglichen Erinnerungen Graf Alfred Keyserling erzählt.... Die deutsch-englisch-französische Buchhandlung auf der Laisvės Alėja, der Freiheitsallee (in den Ober Ost-Tagen Kaiser-Wilhelm-Allee geheißen), wurde zu einem Treffpunkt der polyglotten Intellektuellen in Kaunas, nach 1933 auch   zu einem Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus Deutschland, etwa für Rudolf Kaufmann (vgl. Kaiser Königskinder 85 ff.) oder für den Komponisten Edwin Geist, dessen Büchlein Antikes und Modernes im litauischen Volkslied im Juni 1940 von Holzman verlegt wurde (vgl. Kaiser Unerhörte Rettung). Arnold Zweigs Litauen-Roman Einsetzung eines Königs, erschienen 1937 bei Querido in Amsterdam, fand man in Holzmans Sortiment wie auch andere Werke der deutschen Exilschriftsteller. Als herausragende Mittlergestalt wird Max Holzman in einer litauisch-deutschen Kulturgeschichte verzeichnet sein, wenn diese irgendwann geschrieben sein wird. Max Holzman und seine Frau, die bedeutende Malerin und Pädagogin Helene Czapski-Holzman (vgl. Maria Schmid), haben für das deutsch-litauische Gespräch erheblich mehr und weit haltbareres Material zur Verfügung gestellt als der ganze gigantische Ober Ost-Kulturapparat mit seinen 41 Zeitungen und Zeitschriften (vgl. Bertkau) und all den übrigen Prachtpublikationen. 1940, nach der Machtübernahme durch die Sowjetunion, verloren die Holzmans ihre Buchhandlung und ihren Verlag, sie wurden enteignet. Am 25. Juni 1941, unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Kaunas, wurde Max Holzman verhaftet und am 17. Juli im IX. Fort ermordet, wenige Monate später auch seine 1922 geborene Tochter Marie, die unter den deutschen Besatzungssoldaten für einen radikalen Pazifismus geworben hatte und denunziert worden war. Helene Holzman und ihre jüngere, 1924 geborene Tochter Margarete überlebten und halfen anderen zu überleben, zusammen mit anderen tapferen litauischen und russischen Frauen. Ihnen gelang es, Kinder aus dem Ghetto zu retten, unter ihnen Fruma Kučinskienè und Juliane Zarchi, lange Jahre Dozentin für Germanistik an der 1989 wiederbegründeten Vytautas- Magnus-Universität in Kaunas.

 

Helene Holzman hat in ihren 1944/45 in Kaunas niedergeschriebenen, 55 Jahre später von Reinhard Kaiser und Margarete Holzman herausgegebenen Aufzeichnungen die schlimmsten Jahre in der Geschichte von Kaunas, die Jahre 1941 bis 1944, in bewegenden Bildern und beherrschter Sprache gültig festgehalten. „Deitschlands Fohn“ flatterte wie ein Vierteljahrhundert zuvor erneut über der hügelreichen Stadt am Zusammenfluss von Memel und Neris. Das Entsetzen der Juden über jene Deutschen, die 1941 über Kaunas kamen, hat Helene Holzman beschrieben, auch ihr eigenes Entsetzen: „Diese Menschen reden unsere Muttersprache, und dennoch ist es ganz hoffnungslos, sich mit ihnen zu verständigen. Man kann sie nur meiden, fliehen, davonlaufen“ (Holzman 42). Und an anderer Stelle: „Das sind Deutsche, unsere eigenen Leute, wir selbst“ (ebd. 127). Und wieder an anderer Stelle:  

 

Einmal hatten drei deutsche Soldaten die Aufsicht […] und wir fragten

schüchtern, ob sie uns erlauben würden, ein paar Worte mit einem der

jüdischen Mädchen zu sprechen. „Aber freilich, bitteschön“ – und riefen

Lea und setzten sich dazu und schütteten uns in aller Eile ihr Herz aus:

wie verhaßt ihnen der Krieg und das ganze Regime sei, wie sie sich des

unsinnigen Antisemitismus schämten und ihrerseits alles täten, um

durch persönliche Freundlichkeit und Hilfe auszugleichen, was der

Dienst von ihnen verlange. „In unserer Kompanie sind wir uns alle einig“,

sagten sie. „Das wissen unsere Vorgesetzten. Von uns wird man

auch nicht verlangen, daß wir Juden totschießen.“ (Ebd. 266)

 

 

Schon in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn wurden in Kaunas bei von der deutschen „Einsatzgruppe“ angezettelten Pogromen Tausende Juden ermordet (vgl. Bartusevičius u.a. 2003). Am 27. Juni 1941 kam es am Vytautas-Prospekt auf dem Hof einer Autogarage zu einem Massaker, bei dem von angeblich eben aus sowjetischer Haft befreiten Litauern (Hermann 150) ungefähr 50 Juden bestialisch getötet wurden – Wassili Grossmann und Ilja Ehrenburg haben den Vorgang 1945 für ihr Schwarzbuch über den Genozid an den sowjetischen Juden dokumentiert:

 

Einige von ihnen wurden mit Eisenstangen und Spaten totgeprügelt, andere

wurden ermordet, indem man ihnen einen an die Wasserleitung

angeschlossenen Schlauch in den Mund steckte. Einer der Banditen kletterte

auf den Leichenberg und spielte dort Akkordeon, während seine

Helfer zu tanzen begannen. (Grossmann / Ehrenburg 582)

 

 

Im Spätsommer 1944 hält Helene Holzman ihre Erinnerung an das Massaker auf dem Garagenhof fest:

 

 

Eine riesige Menschenmenge hatte sich versammelt, um dem entsetzlichen

Schauspiel zuzusehen und die blinde Wut der Mörder mit ermunternden

Zurufen zu schüren. Es gab auch Stimmen, die ihrer Empörung

über diese Bestialität Luft machten. „Eine Schande für Litauen!“ wagten

Mutige zu sagen, wurden aber sofort zum Schweigen gebracht. (Holzman 25)

 

Einer der deutschen Wehrmachtssoldaten, die zu Mittsommer, zu Johanni 1941 nach Litauen abkommandiert werden, war Johannes Bobrowski, damals 24 Jahre alt. Er kannte Kaunas schon von Ferienbesuchen in den frühen 30er Jahren.

Bei dem Blutbad auf dem Garagenhof am Vytautas-Prospekt am 27. Juni 1941 waren auch mehrere deutsche Uniformierte anwesend und machten Fotos (Holzman 25; Klee 31-44). Einer dieser deutschen Zuschauer in Uniform soll Johannes Bobrowski gewesen sein (Hermann 150). 17 Jahre später, im Juni 1958, entstand sein Gedicht Kaunas 1941, veröffentlicht 1961 in seinem ersten Gedichtband Sarmatische Zeit:

 

Kaunas 1941

 

Stadt,

über dem Strom ein Gezweig,

kupferfarben, wie Festgerät. Aus der Tiefe die Ufer

rufen. Das hüftkranke Mädchen

trat vor die Dämmerung damals,

sein Rock aus dunkelstem Rot.

 

Und ich erkenne die Stufen,

den Hang, dieses Haus. Da ist kein

Feuer. Unter dem Dach

lebt die Jüdin, lebt in der Juden Verstummen,

flüsternd, ein weißes Wasser

der Töchter Gesicht. Am Tor

lärmen die Mörder vorüber. Weich

gehn wir, im Moderduft, in der Wölfe Spur.

 

Abends sahn wir hinaus

auf ein steinernes Tal. Der Habicht schwebte

um die breite Kuppel.

Sahen die Stadt, alt, Häusergewirr hinunter

bis an den Strom.

 

Wirst du über den Hügel

gehn? Die grauen Züge

– Greise und manchmal die Knaben –

sterben dort. Sie gehn

über den Hang, vor den jachernden Wölfen her.

 

Sah ich dich nicht mehr an,

Bruder? An blutiger Wand

schlug uns Schlaf. So sind wir

weitergegangen, um alles

blind. Im Eichwald draußen

mit der Zigeuner Blick die Dörfer, hinauf um die Firste

des Sommers Schnee.

 

Tief im Regengesträuch

werd ich treten den Uferstein,

lauschen im Dunst der Ebenen. Da waren die Schwalben

stromhinauf und die Nacht

grün, die Waldtaube rief:

Mein Dunkel ist schon gekommen.

 

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----: Einsetzung eines Königs. Roman [1937]. Berlin 2004. (Berliner Ausgabe)

 

 

Fotos eingefügt von A.Kuck © (wenn nicht anders gekennzeichnet) Wikipedia

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 Waldbrüder: Vier Partisanen erzählen...

 

 

 "Die sowjetischen Truppen wurden, anders als die deutschen im Jahre 1941 - nicht als Befreier begrüsst,sondern stiessen auf klare Abneigung......" schreibt Laima Maldunaite Christ in ihrer Seminararbeit über die Waldbrüder.

In einem der ausführlichsten Aufsätze in deutscher Sprache über die litauischen Partisanen, beleuchtet Laima Maldunaite Christ die Ziele, den Aufbau und die Organisation der sogenannten Waldbrüder.

Sie erläutert das sowjetische Vorgehen, die Organisationsstrukturen, die ethnische Zusammensetzung der kommunistischen Organe und die Aufgaben der "Stribai". 

Zudem wird der Kampf der Litauer im weltpolitischen Kontext betrachtet.

Wir veröffentlichen ihre Arbeit mit freundlicher Genehmigung durch Frau Maldunaite Christ.

 

Die Erstickung des Waffenwiderstands in Litauen 1944-1953





  Litauische bewaffnete Widerstandskämpfer: Klemensas Sirvys - "Sakalas", Juozas Luksa - "Skirmantas",
  Benediktas Trumpys - "Rytis" ausgerüstet mit Czech "Sapomal" and US granate Mk2. 1950.01.03
  Quelle: Arvydas Anušauskas, Lietuva 1940-1990. Okupuotos Lietuvos Istorija, Vilnius 2005, S.346

Unter besonderer Berücksichtigung der Schlussfolgerungen der internationalen Kommission für die Erforschung/Bewertung der Verbrechen der Nationalsozialistischen und Sowjetischen Regime in Litauen
Seminararbeit in der Neuesten Geschichte
Historisches Institut der Universität Bern
Dozentin: Prof. Dr. Marina Cattaruzza


 
 


 
Die Erstickung des Waffenwiderstands in Litauen 1944-1953                                                                                     

 

Inhaltsverzeichnis


1     Einleitung............................................................................................................................3

    1.1      Vorwort .................................................................................................................... 3
    1.2      Fragestellung und Forschungsstand............................................................................. 5
    1.3      Nachkriegslitauen - Bilanz der Verluste......................................................................... 7

2     Die Internationale Kommission zur Erforschung/Bewertung der Verbrechen der Nazi-
und der Sowjetregime in Litauen ............................................................................................... 8

    2.1      Rahmenbedingungen für die Entstehung der Kommission ............................................. 8
    2.2      Die Forschungsbereiche und die Ziele der Kommission ................................................. 9

3     Hauptteil - die Erstickung des Waffenwiderstands................................................................ 10

    3.1      Die Gründe und die Motivation des litauischen Widerstandes........................................ 10
    3.2      Die Voraussetzungen für den Kampf der Litauer gegen die sowjetische Besatzung......... 11
    3.3      Der rechtliche Aspekt der Widerstandsleistung und Gewaltmobilisation ........................ 13
    3.4      Der Gewalteinsatz der Einwohner Litauens im Militärapparat der UdSSR ....................... 15

4     Waldameisen gegen Sowjetbär ......................................................................................... 16

    4.1      Das Gehirn der Partisanenbekämpfung ...................................................................... 16
    4.2      „Klassenkampf“ oder sowjetische Unterdrückungsmaschinerie? ................................... 19
    4.2.1   Litauer gegen Litauer................................................................................................ 19
    4.3      Die Methoden zur Erstickung des Widerstands ........................................................... 22
    4.3.1   Die Verbannungen der Familien der Resistenzteilnehmer ............................................ 22
    4.3.2   Die Foltern und die psychologische Gewalt der Widerstandsteilnehmer......................... 22
    4.3.3   Die Anwendung der Agenten- Angreifer. ................................................................... 23
    4.4      Die Rolle der KPL(B) bei der Zerschlagung des Widerstandes...................................... 23
    4.5      Niemand werde sie beschützen - das Scheitern der Widerstandbewegung ................... 31

5     Schlussbetrachtungen...................................................................................................... 32

6     Bibliografie .................................................................................................................... 33



 

1      Einleitung

1.1      Vorwort


An den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa bezeichnete Vladimir Putin den Sieg über Hitler-Deutschland als "Triumph der Gerechtigkeit".

In seiner Ansprache auf dem Roten Platz erinnerte der russische Präsident an den gemeinsamen Kampf der früheren Sowjet-Republiken.

"Es gibt keine Alternative zu unserer Bruderschaft", erklärte Putin. Die Lehre aus dem Krieg sei, eine Weltordnung der Sicherheit und der Gerechtigkeit zu schaffen 1. Doch weigern sich die Präsidenten der ehemaligen Sowjet-Republiken Estland und Litauen, Arnold Rüütel und Valdas Adamkus, als einzige geladene Staatsoberhäupter, an den Feiern vom 8. Mai in Moskau teilzunehmen. Warum? Paradoxerweise brachte der Sieg für einen grossen Teil Ost- und Mitteleuropas die eiserne Herrschaft eines anderen Imperiums. Mit der Einladung nach Moskau werden also einst versklavte Staaten gebeten, ihre eigene Gefangenschaft zu feiern, wie Vytautas Lansbergis, ehemaliger Präsident und Gründer der litauischen Unabhängigkeitsbewegung Sąjūdis in einem Interview ausdrückte. Dass die Lehre aus dem Krieg noch immer nicht gezogen wurde, zeigt auch das bis heute noch ausstehende öffentliche Schuldbekenntnis Russlands gegenüber der baltischen Staaten.


Was passierte tatsächlich in Litauen vor 60 Jahren? Nur ein genauer Blick auf die Geschehnisse der Nachkriegszeit macht es möglich den Verlauf der litauischen Geschichte zu verstehen und zu interpretieren. In der tragischen Periode der kommunistischen Herrschaft in Litauen ab 1944 bis 1990 zeigte sie immer wieder kriminelle Züge und schreckte auch später nie davon zurück, sich unter Einsatz massiver Gewalt, inklusiv militärischer, an der Macht zu halten.


Am 5. Juli 1944 wandte sich das ZK der Kommunistischen Partei Litauens (Bolschevisten) (weiter-LKP (B)) an die Litauer:

“Schon ist die lang ersehnte Befreiungsstunde herangekommen. Die Zeit ist gekommen, da wir mit Freude die Rote Armee der Befreier bei ihrem Einmarsch begrüssen können“.2 Doch wurden die sowjetischen Truppen – anders als die deutschen im Jahre 1941 - nicht als Befreier begrüsst, sondern stiessen auf klare Abneigung innerhalb grosser Teile der litauischen Bevölkerung.



1
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,355170,00.html
2
    Truska, Liudas: Lietuva 1938-1953, Kaunas 1995, S.142

 

Die nach der Unabhängigkeit Litauens strebenden Kräfte bildeten die Grundlage des bewaffneten Widerstands gegen die perfekt organisierte Staatsgewalt, welche die Menschenrechte verletzte und allgemein anerkannte Verpflichtungen in grober Weise vernachlässigte.

Nach hohen Verlusten in den Anfangsjahren (1944) erhielt die Partisanenbewegung (1947-1948) in Litauen eine organisierte Form und Struktur und breitete sich im ganzen Land aus. Die Ablehnung des Kommunismus und die Orientierung an der westlichen Demokratie – diese Grundhaltung der Untergrundkämpfer- weckte das Misstrauen des Sowjets. Das erste Ziel, das sich nun die neuen Herrscher setzten, war es, den Widerstand in Litauen zu brechen und die durch die Rote Armee und den NKVD3 eroberte Macht im Staate zu konsolidieren. Der sowjetische „Gouverneur“ in Litauen, Michail Suslov, behauptete in der Presse, dass die Resistenzkämpfer „Kapitalisten, Gutsbesitzer, Tagelöhner der Deutschen, Polizisten, höhere Beamte des Smetona Regimes (seien), die sich bemühten, um jeden Preis ihre Macht und ihr Gut zurückzuerhalten“. 4 Für sie waren die Unabhängigkeitskämpfer keine legitimen Vertreter der Interessen ihres Volkes, sondern lediglich „Banditen“.  Die Leitung der KPS(B) verlangte, gemäss Aussagen M. Suslovs, „die wichtigste der wichtigsten Aufgaben auszuführen: schnellstens das Banditentum zu liquidieren “. Ausgesprochen brutal und blutig verlief der Krieg gegen die Partisanen, der bis 1949 sehr heftig war. Obwohl die Widerstandsbewegung sowohl zahlenmässig als auch ideologisch sehr stark war, war doch das Kräfteverhältnis stets sehr ungleich, weil die Partisanen regulären sowjetischen Truppen gegenüberstanden und viel schlechter ausgerüstet waren. Schliesslich setzte sich der Mythos der „unbesiegbaren Sowjetarmee“ gegen die Legende der „Waldbrüder“ durch. 1949 begann der bewaffnete Widerstand allmählich abzuflauen, bis er 1953 endete. Der letzte illegal gebliebene Kämpfer Antanas Kraujelis lehnte es ab, sich zu ergeben und erschoss sich 1965.

Der bewaffnete litauische Widerstand, der das ganze Jahrzehnt nach dem 2. Weltkrieg währte, war eine der längsten Widerstandsbewegungen in Europa und wird in der litauischen Geschichte als “Krieg nach dem Kriege” bezeichnet. Jedoch wurde er mit verbrecherischen Repressions- massnahmen unterdrückt und Litauen blieb für ein halbes Jahrhundert sowjetisch.



3
 Narodnyj Komissariat Vnutrennich Del-Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten
4
 Leiserowitz, Ruth: Waldbrüder- der bewaffnete Widerstand im Nachkriegslitauen . In Horch und Guck, A12242/Heft
45, Berlin ,2004(I), S.16

 

1.2   Fragestellung und Forschungsstand

In der vorliegenden Studie möchte ich mit dem vielschichtigeren und daher auch nicht steril-widerspruchsfreien Bild der Geschichte des bewaffneten Widerstands und ihrem Erstickung im Nachkriegslitauen auseinandersetzen: Wieso hat sich die Bewegung, die zu Beginn beachtlichen Zulauf verzeichnen konnte, letztlich nicht durchzusetzen vermocht? Welche Methoden für die Bekämpfung des Widerstands wurden angewendet? Welche Rolle spielten die litauischen politischen Strukturen für die Festigung des Sowjetregimes und bei der Durchführung der zahlreichen Verbrechen?
Der Hauptteil dieser Arbeit stützt sich auf die Erkenntnisse aus den Schussfolgerungen der internationalen     Kommission     für   die   Erforschung/Bewertung     der   Verbrechen     der nationalsozialistischen und sowjetischen Regime in Litauen und vor allem auf das zugrunde liegenden Material. Basierend auf Memoiren von Beteiligten und publizierten Dokumenten sind wichtige Grundlagen für die Forschung der sowjetischen Verbrechen bei der Liquidierung des Waffenwiderstands gelegt worden. Die Entstehungsbedingungen und Forschungsbereiche der Kommission selbst werden im einführenden Kapitel der Studie präsentiert. Weiter wird versucht, anhand von Quellen des sowjetischen Nachrichtendienstes (NKVD) und Kommunistischen Partei die Wirksamkeit seiner Abteilungen bei der „Banditenbekämpfung“ in den Jahren 1944-1953 darzustellen. Als Ausgangspunkt der nachfolgendenden Überlegungen dienen die Akten des Glavnoje Upravlenie NKVD SSSR po borbe s banditizmom (GUBB) aus dem Lietuvos Ypatingasis Archyvas (LYA; das Litauisch Spezialarchiv-dt.), die im dreibändigen Werk von Vytautas Tininis „Komunistinio režimo nusikaltimai Lietuvoje 1944-1945“(„Die Verbrechen des kommunistischen Regimes in Litauen 1944-1953“) vorgelegt sind. Auf mehr als 1000 Seiten Sammelband vereint V.
Tininis Studien von Historikern sowie Schlüsseldokumente und gilt in der litauischen gegenwärtigen Historiographie als umfangreichste Studie über den sowjetischen Terror. In dieser Arbeit wird die Schlüsselrolle der kommunistischen Partei bei der Organisation und Führung der Erstickung aller Widerstandsformen gegen Sowjetisierung hervorgehoben; es werden aber auch rechtliche, kirchliche und politische (Wahlen) Aspekte des kommunistischen Verbrechens behandelt. Bis vor kurzem galten viele der 1944-1953 entstandenen Dokumente der Geheimdienste, insbesondere solche des   Innenministeriums (MVD) der UdSSR, zu dem auch Staatssicherheitsdienst zählte, als vernichtet durch die „Säuberung“ der sowjetischen Archive. Die Veröffentlichung dieser Dokumente erlaubt es, die Geschichte der Partisanenbekämpfung im Nachkriegslitauen umfassender zu beleuchten, da in der sowjetischen Historiographie war es im Laufe der Jahrzehnte unmöglich dieses Thema gründlich zu behandeln.
                                                                         

Deshalb waren die einschlägigen wissenschaftlichen Forschungen lange Zeit, bis zur Wende den achtziger-neunziger Jahren faktisch auf die westliche Historiographie beschränkt. In zahlreichen Aufsätzen und Monographien, in denen Fakten und Legenden dicht beieinander standen, versuchten fast ausschliesslich exillitauische Geschichtswissenschaftler, die Resowjetisierung der litauischen Gesellschaft und den Kampf mit Fremdherrschaft in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken5

Im Gegensatz zum sowjetischen Mythos vom Klassenkampf und „Bürgerkrieg“ gegen die Besatzer zeigen neue Studien6, wie vielfältig und heterogen bewaffneter Widerstand im besetzten Litauen war. Die Aufsätze von geschichtswissenschaftlichen Periodika, wie „Lietuvos Archyvai“ und „Genocidas ir Rezistencija“, herausgegeben vom Litauischen Forschungszentrum für Genozid und Resistenz beschäftigen sich im wesentlichen mit Publikationen zu neuen Quellenfund und Aspekten des litauischen bewaffneten Widerstandes. Hier zum Ausdruck kommende komplexe Mischung aus grundsätzlicher Unabhängigkeitsbestrebung, teilweiser Kollaborationsbereitschaft und taktischen Bündnissen vor dem Hintergrund von Kriegs- und Okkupationserfahrung machte eine Auseinandersetzung mit bestimmten Grundproblemen bitter nötig. Einen weiteren Schub erhielt die Forschung durch die Entstehung der Internationalen Kommission für die Erforschung der nationalsozialistischen und sowjetischen Verbrechen in Litauen; mehr dazu ist in dieser Studie zuerfahren.
Nicht behandelt werden die Propaganda und die Pressearbeit der beiden Seiten, die bei der Erstickung des Widerstands eine bedeutende Rolle gespielt haben. Die Alltagsrealität der Partisanen, deren Verhältnis zur Zivilbevölkerung, ethnische Konfliktlagen und innere Probleme werden nicht näher thematisiert. Die Beschränkung auf die Analyse der Partisanenbekämpfung ermöglicht einen genaueren Einblick in die Mikrostrukturen des sowjetischen Terrors und



5
  Pakštas, Kazys:Lithuania and World War II, Chicago 1947; Kalmė, Albert:Total Terror. An Exposé of Genocide in the Baltics,
New York 1948;Pelekis, K.:Genocide:Lithuania`s Threefold Tragedy, Venta 1949; Šmukštys, Julius:The Annexation of Lithuania by
Soviet Union, In: Lituanus 2 (March 1955), S 7-9; Žymantas, Stasys:Twenty Years of Resistance, In:Lituanus, VI/2 (September
1960), S.40-45; Remeikis, Thomas:The Armed Struggle Against the Sovietization of Lithuania after 1944, In:Lituanus, VIII/1-2
(1962), S.29-40; Suduvis, N.E:Allein gant allein:Widerstand am Baltischen Meer, 1964; Vardys, V.Stanley, The Partisan Movement
in Postwar Lithuania, Slavic Review, XXII (1963), S.499-522;
6
  Starkauskas,Juozas: Stribai (Ginkluotieji kolaborantai Lietuvoje partizaninio karo laikotarpiu, 1944–1953), Vilnius,2001;Pocius,
Mindaugas:Antisovietinis pasipriešinimas Lietuvoje 1944-1953m.:represinių struktūrų nuostoliai ir civilių gyventojų netektys,
Lietuvos istorijos metraštis 1997 metais. Vilnius, 1998 Truska,Liudas/Anušauskas, Arvydas/ Petravičiūtė, Inga : Sovietinis saugumas
Lietuvoje 1940-1953 metais: MVD-MGB organizacine struktura, personalas ir veikla, Vilnius, 1999, Truska,Liudas/Anušauskas,
Arvydas/ Petravičiūtė, Inga : Sovietinis saugumas Lietuvoje 1940-1953 metais: MVD-MGB organizacine struktura, personalas ir
veikla, Vilnius, 1999; Tininis, Vytautas (Hg.): Sovietinė Lietuva ir jos veikėjai, (Enciklopedija), Vilnius, 1994;Gaškaitė, Nijolė
(Hg.):Lietuvos partizanų kovos ir jų slopinimas MVD–MGB dokumentuose 1944–1953 metais, Kaunas: LPKTS, 1996;Tininis,
Vytautas (Hg.): Sovietinė Lietuva ir jos veikėjai, (Enciklopedija), Vilnius, 1994; Gaškaitė, Nijolė (Hg.):Lietuvos partizanų kovos ir
jų slopinimas MVD–MGB dokumentuose 1944–1953 metais, Kaunas: LPKTS, 1996



Verbrechens einerseits, und verdeutlicht deren Auswirkung auf das Ende des bewaffneten Widerstands in Litauen anderseits.
Das abschliessende Kapitel enthält die Schlussbetrachtungen über die Erstickung des litauischen Waffenwiderstandes gegen die Sowjets 1944-1953.



1.3   Nachkriegslitauen - Bilanz der Verluste


Der 2. Weltkrieg brachte für Litauen gewaltige Verluste und hatte verheerende Auswirkungen; das Land verlor seine staatliche Eigenständigkeit. Die litauische Nation als solche stand buchstäblich an der Schwelle der physischen Vernichtung. Das schiere Ausmass der Gewalt ist kaum vorstellbar.
Unter deutscher Besatzung traf die Terror- und Mordpolitik zum grössten Teil nichtethnische Litauer, unter sowjetischer Besatzung hingegen zählten auch die ethnischen Litauer zu den grossen Opfergruppen. Ingesamt verloren in Litauen in den Jahren zwischen 1940-1952 780.922  7 Staatsangehörigen aufgrund der sowjetischen und deutschen Herrschaft ihr Leben. Die folgende Abbildung illustriert genauer den Verlauf eines der tragischsten Kapitel in der litauischen Geschichte.


Tote und Verbannte Litauen

Abbildung 1. Quelle:http://www.genocid.lt/GRTD/Tremtis/nuostol.htm




7
 Die Zahlen sind dem URL http://www.genocid.lt/GRTD/Tremtis/nuostol.htm entnommen, der Internetseite, des Litauischen Forschungszentrums für Genozid und Resistenz.
       

(Legende der Farben: rot-gefallen an der Front; gelb-aus Litauen geflüchtet, violett-verbannt (exklusiv die Gefangenen in den litauischen Gefängnissen), grün-die ermordeten Widerständler und ihre Familienangehörigen (exklusiv in den
Gefängnissen und während der Ermittlungen verstorbene Personen)

 

2     Die Internationale Kommission zur Erforschung/Bewertung der Verbrechen der Nazi- und der Sowjetregime in Litauen


2.1    Rahmenbedingungen für die Entstehung der Kommission

Die Notwendigkeit, die Verbrechen der Nazi- und Sowjetregime in Litauen auszuwerten und Antworten auf die historischen Fragen, die unterdrückt worden waren oder nicht genug aufgeklärt worden waren, zu finden, wurde nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit des Landes von der Sowjetunion im März 1990 sehr offensichtlich. Die Hauptbeschäftigung mit lebenswichtigen politischen, militärischen, ökonomischen und anderen Problemen in den ersten Jahren der Unabhängigkeit erlaubte keine vollständige Prüfung der kritischen historischen Aufgaben. Jedoch wurde bald klar, dass eine Untersuchung der vielen umstrittenen, schwierigen und häufig verschwiegenen Probleme in der Geschichte Litauens nach 1940 erforderlich ist und diese nicht mehr weiter hinausgeschoben werden kann. Es wurde erkannt, dass für die Verarbeitung der historische Punkte diese gemäss geltenden internationalen Standards angesprochen, erforscht und ausgewertet werden müssen.
Die Internationale Kommission zur Erforschung der nationalsozialistischen und sowjetischen Verbrechen in Litauen (im folgenden gekennzeichnet als die Kommission) wurde durch Verordnung des Präsidenten der Republik Litauen, Valdas Adamkus,8 am 7. September 1998 ins Leben gerufen. Sie hat den Auftrag, die Wahrheit über Stalins und Hitlers Verbrechen, die vor, während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Litauen geschehen sind, historisch und rechtlich zu untersuchen, zu enthüllen und die Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Angesichts der seit 1990 den Wissenschaftlern zur Verfügung stehenden verbesserten Quellenlage kann die nationalsozialistische und sowjetische Besatzungsherrschaft und der daraus folgende Terror durch Verbannungen, Folterungen und Massenmorde eingehender behandelt werden.
Die Kommission ist ein multilateral zusammen gesetztes Fachgremium. Die Litauer denken, dass die litauische Geschichte während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegsperiode am

8
  Der Staatspräsident Litauens, Valdas Adamkus erzählt, dass er im Jahre 1944 zu einem Bataillone gehörte. Als die Wehrmacht sich zurückzog, trafen die Litauischen Kämpfer ihre Entscheidung, nicht weiter nach Westen zu gehen, sondern in Litauen gegen die Rote Armee zu kämpfen. In einem nordwestlichen Bezirk blieben sie stehen, dort kamen auch erste sogenannte Partisanen zusammen. Es folgte eine erbitterte Schlacht, bei der viele Litauer ums Leben kamen.
Die, die am Leben blieben, zogen sich mit den Deutschen weiter nach Westen zurück, darunter war auch der Präsident .

                                              

objektivsten durch internationale Institutionen durchgeführt werden kann. Die vorliegende Grafik aus der Internetseite der Kommission illustriert die Meinungen der Litauer:


Forscher Genozid Litauen
Quelle: http://www.komisija.lt/n14_1.htm


Abbildung 2. Die Frage: “Who is capable of performing, in the “most unbiased” manner, the investigation of the Lithuanian history of the World War II and the post-war period?”


Mitglieder der Kommission sind hochrangige Fachwissenschaftler aus Litauen, Israel, Russland, den USA, Grossbritannien, Deutschland und Vertreter verschiedenen Organisationen. Im Zentrum  der Untersuchung steht Litauen, doch wird dieses nicht isoliert betrachtet. Vielmehr wird es als Teil eines internationalen Systems begriffen, das während des Zweiten Weltkriegs von der nationalsozialistischen und sowjetischen Kriegs- und Raubwirtschaft sowie von deren Vernichtungspolitik geprägt war. Entsprechend ihrer internationalen Ausrichtung beschäftigt die Kommission Forschungsteams in Litauen und im Ausland. Sie entwickelten ihre Fragestellungen und ihre Methodologie im Kontext der internationalen Forschungsdiskussion und stehen in Kontakt mit zahlreichen Forschungsprojekten innerhalb und ausserhalb von Litauen.


2.2      Die Forschungsbereiche und die Ziele der Kommission

Die Suche nach historischer Wahrheit ist das Hauptziel der internationalen Kommission. Die historische Wahrheit stellt die Antworten zu den empfindlichen offenen Fragen zur Verfügung und überwindet die moralischen und psychologischen Hindernisse, die noch auf dem Weg zu einer demokratischen und entwickelten Gesellschaft entstehen9. Das Sekretariat begann seine Arbeit am 8. Oktober 1999. Dieses organisiert die Arbeit der Kommission und wird vom Exekutiven Direktor der Kommission geleitet. Am 18. März 1999 fand die zweite Sitzung der Kommission, an welcher die Aufgaben und Ziele formuliert wurden, statt. Sie soll die Ereignisse in Litauen zwischen 1939 -1990 erforschen und objektiv die Verbrechen der Nazi- und Sowjetzeit beurteilen, bei der Litauer
9
    Frei übersetzt aus www.komisija.lt


als Täter, aber auch als Opfer beteiligt waren. Zu diesem Zweck erörtert sie grundsätzliche und praktische Fragen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit, initiiert, begleitet und unterstützt Forschungs- und Dokumentationsprojekte.
Die Arbeit der Kommission gliedert sich in zwei Etappen: bis anhin hat sich die Kommission mit ihren Forschungen auf die Periode von 1939 bis 1953, als die erste Etappe der zweiten sowjetischen Okkupation vollzogen war, beschränkt. In der zweite Etappe der Forschung wird sich die Kommission auf die Jahre 1953 bis 1990 sich konzentrieren. Weil die Nazi- und sowjetischen Verbrechen unterschiedlicher Natur sind und die Besatzungsmächteverschiedene Methoden benutzten, wurde die Kommission in zwei Unterkommissionen aufgeteilt. Dies bestehen aus je einer Arbeitsgruppe von Experten, welche den Verbrechen nachforschen und Schlussfolgerungen daraus ziehen. Dementsprechend sind die strategischen Ziele der Kommission wie folgt: Forschung, Prozessanregung und Mitarbeit, Ausbildung und Beratung. Die Forschungsgegenstände sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Genozid, Zwangsdeportationen, Zwangsarbeit, kulturelle Plünderung, Enteignung und Zurückerstattung.
Heutzutage leistet die Kommissionsarbeit einen entscheidenden Beitrag zur Demokratisierung, zum Respekt vor den Menschenrechten und zur Stärkung der Zivilgesellschaft in Litauen.

3      Hauptteil - die Erstickung des Waffenwiderstands



3.1      Die Gründe und die Motivation des litauischen Widerstandes

In den ersten Nachkriegsjahren lag die Hauptantriebskraft des präzedenzlosen bewaffneten litauischen Widerstands im folgenden: Man suchte die Etablierung der sowjetischen Machtorgane 10 zu verhindern oder zumindest die Massnahmen, die dazu führen sollten, zu behindern. 

Dieser Protest wurde von drei Stützen getragen. Zum einen gab es die aktiven Gegner der Sowjetmacht, die sich hauptsächlich in Bunkern versteckt hielten und in den litauischen Wäldern operierten, deshalb wurden sie im Volksmund “Waldbrüder” genannt. Unterstützt wurden sie zum anderen von Personen, die ihrer Arbeit nachgingen and abrufbereit waren, um den im Untergrund operierenden Kämpfern vor allem nachts Beistand zu leisten. Schliesslich gab es noch die unbewaffneten Unterstützer, die die „Waldbrüder“ mit Informationen und Verpflegung versorgten und ihnen Unterschlupf gewährten. Sie machten das Gross der litauischen Opposition aus, die nun - anders als zu Zeiten der deutschen Besatzung - zunehmend isoliert war. Dieser Zusammenschluss war zwar



10
     Daumantas, Juozas:Partizanai. Vilnius, 1990,S.75

              

meist spontan geschehen, doch waren die Gründe dafür im Kontext mit der Vergangenheit und einer sich abzeichnenden Entwicklung zu sehen. Bei der Behandlung der Frage, was die Leute in den Widerstand trieb, wurden von den verschiedensten Autoren immer wieder dieselben Erklärungen aufgeführt. Dabei kann man die Motive für den Gang in die Illegalität grob unter drei Gesichtspunkten zusammenziehen: einem empirischen, einem ideologischen und einem realen. Dr. K. Girnius fasst die Gründe zusammen, die von Prof. V. Vardys, J. Brazaitis und T. Remeikis als wichtigste für die bewaffnete Resistenz gegen die zweite sowjetische Okkupation vorherrschten: 1) die bitteren Erfahrungen der letzten sowjetischen und deutschen Besetzungen, 2) gewaltiger Terror der Sowjets in den ersten Nachkriegsjahren, 3) die Hoffnungen auf der Intervention des Westen, 4) Patriotismus.11

Die Angst vor dem Terror der Okkupanten, der auch gegen die Angehörigen von Partisanen ausgeübt wurde, und den Patriotismus zählt der litauische Historiker Juozas Starkauskas zu den tragenden Säulen des Widerstands. Die Widerstandsbewegung hatte vor allem deswegen ein so bedeutendes Ausmass erreicht, weil man mit einem baldigen bewaffneten Konflikt zwischen der UdSSR und dem Westen rechnete und daher Unterstützung von aussen erwartete. Auch die breite Bevölkerung teilte diese Hoffnungen und kannte die Hauptbestimmungen der Atlantischen Charta12, der Genfer-Konvention und der Deklaration der Menschenrechte durch die UNO, welche der Wiederherstellung der Souveränität Litauens zugrunde liegen mussten. Doch gemäss den Verträgen von Jalta und Potsdam zwischen der Sowjetunion, den USA und Grossbritannien wurde Litauen der Status eines zum sowjetischen Staat gehörenden Territoriums aufgezwungen und der Zukunftsglaube ging nicht in Erfüllung.


3.2    Die Voraussetzungen für den Kampf der Litauer gegen die sowjetische Besatzung

  Durch die Westverlagerung der deutsch-sowjetischen Front herrschten zeitweise anarchische Verhältnisse in den Gebieten, die von den Deutschen verlassen und von der Roten Armee noch nicht eingenommen worden waren; so auch in Litauen. In diesem Durcheinander, das noch dadurch verstärkt wurde, dass sowjetische Partisanen gegen nationale Untergrundbewegungen praktisch einen Guerillakrieg führten, 13 war es nicht schwer, sich zu bewaffnen. So kamen auch viele Gegner des Sowjetsystems in den Besitz von deutschen und sowjetischen Gewehren und

11
Starkauskas, Juozas: Sovietinė vidaus kariuomenė. Jos taktika ir veiklos metodai (1944-1953). In: http://www.genocid.lt/Leidyba/2Starkausk1.htm


12
   Die Atlantische Charta vom 14.August 1941 ist ein vom damaligen Staatschefs der USA, F.D.Roosevelt, und Grossbritanniens, Winston Churchill, verabschiedetes Dokument, das später ein grundlegendes Dokument für die Vereinten Nationen wurde.
Sie hatte das Ziel einer besseren Weltordnung unter Beachtung des Völkerrecht, der Selbständigkeit von Völkern zur Staatsgründung usw.
13
   Diese Auseinandersetzungen zwischen kommunistischen und nationalistischen Partisanen waren kein Phänomen allein des Baltikums, sondern kennzeichneten auch die unmittelbare Nachkriegssituation in den wiedergewonnenen Westgebieten der Sowjetunion.


Maschinenpistolen,14 die den Litauern aus ihrem Dienst in den Nationalsozialisten unterstellten Einheiten oder in der Roten Armee geblieben waren, oder die sie durch direkte Verhandlungen mit den Deutschen im August und September 1944 erhielten, die eigens dafür Depots angelegt hatten.15 Obwohl auch personell war das Land erschöpft, zogen sich die bewaffneten Kämpfer in die den Sowjets unbekannten Wälder zurück. Im Gefolge der abziehenden deutschen Armee viele Menschen das Land verliessen und die Nationalsozialisten die litauische Führung geschwächt, wenn nicht gar zerstört hatten, wie die Zerschlagung des VLIK16 zeigt. Hinzu kamen noch die Opfer des von den Deutschen entfachten Krieges. Unter diesen Umständen war es ausserordentlich schwer, die neue Besatzungsmacht abzuwehren. Jedoch konnte die antisowjetische Opposition auch Vorteile aus dem Nachkriegschaos ziehen, und das wurde zum Kennzeichen des neuen Kampfes.
Im November 1944 hielten sich bereits über 30.000 Menschen auf, die sich für einen Partisanenkampf gegen die neuen Besatzer entschieden hatten.17 Im Untergrund hatten sich lediglich die Strukturen der LLA18 gehalten, deren Organisationen schon im Jahre 1943 in allen Kreisen und Orten Litauens gegründet worden waren und einige tausend Gleichgesinnte zählten. 19
Aber im Januar 1944 war von ehemaligen Generälen der bürgerlichen Armee Litauens ein Kriegsrat gebildet worden, der alle Gegner einer Fremdherrschaft vereinigen wollte. Nach dem Einmarsch der Roten Armee sah sich der Kopf dieses Rates, General Motiejus Pečiulionis, im August desselben Jahres veranlasst nach Žemaiten20 zu fliehen, wo er den Führer der LLA, Kazys Veverskis (Senis)21, traf, mit dem er das Litauische Verteidigungskomitee (Lietuvos gynimo komitetas/LGK) gründete, das die Führerschaft des Untergrundkampfes übernehmen sollte. Inzwischen hatte es die neue Situation - die Rote Armee hatte bis Oktober ganz Litauen „befreit“ und seine Behörden wieder belebt - erforderlich gemacht, die Einheiten der LLA zu reorganisieren. Schliesslich galt es auch, die neuen Kämpfer zu integrieren sowie der gewachsenen Verbreitung der LLA in den Dörfern Rechnung zu tragen. Im Dezember begann eine Neueinteilung der Gebiete: aus den ursprünglich vier Regionen der LLA wurden letztlich bis zu neun.22
Die Gründung von weiteren Untergrundbewegungen hielt auch im Jahre 1945 an. Im April hoben Oberst Liudvikas Butkevičius (Luobas) und Zigmas Raulinis (Dobilas) die Litauische


14
   Lohr, S.28
15
   LYA. Ap. 46. B. 3878. Weiter spricht diese Quelle von der Ausbildung von 100 Mitgliedern der
16
   Vyriausias Lietuvos Išlaisvinimo Komitetas-Oberstes Litauisches Befreiungskomitee
17
   Gerutis (1984), S.360, Žemaitienė, S.27
18
   Lietuvos Laisvės Armija - Litauische Freiheitsarmee
19
   115 LYA. Ap. 46. B. 3878.
20
   Ethnographisches Gebiet im Norden Litauens
21
   Die im folgenden in Klammern angegebenen Namen bezeichnen die Kampfnamen der Personen.
22
   Žemaitienė, S.28 f.


     

Partisanenunion (Lietuvos Partizanų Sąjunga/LPS) aus der Taufe. Sie sammelten sich in dieser neuen Organisation aus Protest gegen die panischen Reaktionen des Widerstandes, der es verpasst hatte, nach dem Rückzug der Deutschen die Kräfte zu bündeln. Ziel war es nun, die anderen Gruppen an die LPS heranzuführen. 23 Als Vorsitzender der LPS firmierte Butkevičius, zu seinem Stellvertreter wurde Matas Mastkauskas (Vilkas) berufen. Schliesslich wurde im September auf Initiative des Stabes der eben erst gebildeten Tauras-Region das VLIK wiederbelebt, das nun einfach unter dem Namen Litauisches Befreiungskomitee (Lietuvos Išlaisvinimo Komitetas/LIK) operierte.24 Wieder war der Zweck dieser Gründung die Vereinheitlichung und Zentralisierung des Widerstandes. So ist es auch nicht verwunderlich, dass erneut Butkevičius den Vorsitz übernahm. 25

Trotz der Schaffung neuer Zentren mit politischer Ausrichtung darf nicht übersehen werden, dass es eine klare Verlagerung hin zu einer ausgeprägten Kampfbereitschaft gab. Während die litauische Opposition zur Zeit der ersten sowjetischen und dann nationalsozialistischen Besetzung des Landes noch hoffte, mit Hilfe der Politik ihre Ziele erreichen zu können, so war ihr jetzt klargeworden, dass dies auf Grund der sich geänderten weltpolitischen Lage nicht mehr ausreichte, sondern aktive, offensive Massnahmen erforderlich waren. So ist das Kennzeichen des Widerstandes gegen die zweite sowjetische Okkupation der von Militärs, die von einer kurzen Sowjetherrschaft ausgingen,26 organisierte bewaffnete Kampf gegen die Besatzer.


3.3    Der rechtliche Aspekt der Widerstandsleistung und Gewaltmobilisation

Die sowjetische Rückeroberung Litauens verfügte niemals über eine legale Basis, weil sie weder das internationale Recht noch ihre eigene Verfassung respektierte. Nicht nur sozi-politisch, sondern auch juristisch kann man den Partisanenkrieg als Kreismodell verstehen: ausgehend vom zivilen Bereich stellt er hier zunächst eine politische Auseinandersetzung dar, die dann durch Mobilisierung der unbedingt notwendigen Unterstützung durch die die Widerständlern tragenden Volksmassen zeitweilig in den „illegalen“ Bereich ausweicht. Wie im zunächst legalen Bereich, so betrachtet sich die Guerilla auch im illegalen Bereich durchaus als legitim27. Das internationale Recht hält den Widerstand gegen die Okkupationsregime für berechtigt. Berechtigt gilt er in dem Falle, wenn er Strukturen aufweist, die zentralisierte Leitung hinter sich hat, das politische

23
   Kasparas, Kęstutis: Lietuvos Karas. Antroji Sovietų Sąjungos agresija. Pasipriešinimas. Ofenzyvinės gynybos tarpsnis 1944
m.vasara-1946 m. pavasaris, Kaunas 1999. S.364
24
   Kasparas, S.554; In sowjetischen Quellen erscheint nach wie vor die Bezeichnung VLIK.
25
   Seine Stellvertreter wurden Kapitän Leonas Taunys (Kovas), der Geistliche Antanas Ylius (Vilkas)
und Vaclovas Punelis (Tautvidas). (LYA. Ap. 46. B. 3878).
26
   Vardys, V.Stanley: The Partisan Movement in Postwar Lithuania, Slavic Review, XXII (1963), S. 100
27
   Buchsmann, Klaus: Rechtsnormen bewaffneter Konflikte und Guerillakriegsaktionen, Zürich, 1973, S.9


                                         

Programm hat, wenn die Teilnehmer des Widerstands die Waffen und die Kennzeichen der Erkennung tragen. Der Waffenwiderstand hatte zum Ziel, den unabhängigen Staat Litauen wiederherzustellen folgend dem politischen Programm der Nationalbewegung für die Freiheit. Die sowjetische Staatssicherheit ( NKVD-MVD und MGB-KGB) hat zusammen mit Kommunistischen Parteien und die Armee waren die Hauptersticker des Waffenwiderstands (der wurde als unberechtigt gehalten). Unterschiedliche Abteilungen des Volkskommissariates für Innere Angelegenheiten haben alle Methoden zur Erstickung des Waffenwiderstands angewandt, die international rechtswidrig waren. Der grösste Teil von denen hat gegen das internationale Recht, gegen die HLKO28, gegen Genfer Abkommen vom 18.08.1949, gegen die Verfassung der Sowjetunion und andere sowjetische Gesetze, die nach den internationalen Konventionen für die Verhaltensweise mit der Zivilbevölkerung und mit den Häftlingen des okkupierten Landes galten.
Nach dem Statut des Nürnberger Internationalen Kriegstribunals und nach dem internationalenVertrag der diplomatischen Konferenz der Vereinigten Nationen in Rom vom 17. Juli 1998 (Römer Statut des Internationalen Strafgerichtshofs) verletzte die Tätigkeiten der Extragruppen das internationale Recht entsprechend den Punkten „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und “Kriegsverbrechen“. Im Sinne dieses Statuts bedeutet „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ jede der folgenden Handlungen, die im Rahmen eines ausgedehnten oder systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung und in Kenntnis des Angriffs begangen wird, a) Mord; b) Ausrottung, c) Versklaven, d) Verbannung, e) Einsperrung und g) Verfolgung aus politischen Gründen.

Im Sinne dieses Statuts bedeutet „Kriegsverbrechen“ schwere Verletzungen der Genfer Abkommen vom 12. August 1949, nämlich jede der folgenden Handlungen: a) vorsätzliche Tötung;b) Foltern und unmenschliches Verhalten, inbegriffen biologische Experimente; c) vorsätzliche Verursachung grosser Leiden oder schwere Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit oder der Gesundheit; d) Zerstörung und Aneignung von Gut in grossem Ausmass, die durch militärische Erfordernisse nicht gerechtfertigt sind und rechtswidrig und willkürlich vorgenommen werden; f) vorsätzlicher Entzug des Rechts eines Kriegsgefangenen oder einer anderen geschützten Person auf ein unparteiisches ordentliches  Gerichtsverfahren; g) die ungesetzliche Verbannung oder die Umsiedlung der Zivileinwohner bzw. die gesetzwidrige Freiheitsstrafe; h) rechtswidrige Vertreibung oder Überführung oder rechtswidrige Gefangenhaltung; Geiselnahme 29.




28
     Ordnung der Gesetze und Gebräuche des Landkrieges
29
     http://www.gesetze.ch/sr/0.312.1/0.312.1_001.htm. Am 26.04.2005 14:30 Uhr

 

Die Folter der Resistenzteilnehmer, die Erniedrigung ihrer sterblichen Reste, die Verbannungen der Partisanenfamilien und die Tätigkeit der Extragruppen der UdSSR werden von der Kommission als internationale Kriminalverbrechen oder als internationale Staatsverbrechen anerkannt.

3.4    Der Gewalteinsatz der Einwohner Litauens im Militärapparat der UdSSR

Bei ihrem Vordringen nach Litauen bedienten sich die sowjetischen Einheiten einer Doppelstrategie, um den Widerstand möglichst gering zu halten und schliesslich auszuschalten.
Einerseits wurden die Dienststellen des NKVD wieder eingerichtet. Sie hatten die sich unmittelbar an die Eroberung anschliessende Einberufung zur Roten Armee zu organisieren und durchzuführen.30 Die Zwangsmobilisation in die sowjetische Okkupationsarmee im August 1944 – Mai 1945 wurde zu einem Bestandteil des Terrors der Einwohner Litauens. Die Gesellschaft Litauens hat die Sowjetunion als einen Okkupationsstaat bezeichnet, darum haben die in die Armee einberufenen den Dienst in der Roten Armee vermieden. Andererseits merkte man schnell, dass diese teilweise von Terror begleiteten Aktionen nicht dazu dienten, das Vertrauen der Bürger zu gewinnen. Zehntausende31flüchteten ins westliche Ausland oder gingen in den Wald, um von dort aus den Kampf gegen das neue Besatzungsregime aufzunehmen. Im Herbst 1944 entschloss man sich deshalb auf sowjetischer Seite, Versuche zu unternehmen, die Untergrundkämpfer für die Rote Armee zu gewinnen. Die negativen Erfahrungen der Mobilisation in fremden Armeen haben die Haltung der Einwohner Litauens geprägt, Dienstsverweigerung, Ignoranz und Verstecken waren die Folge. Eine der Widerstandsformen gegen die sowjetische Okkupation war Mobilisationsboykott. Am 1. Januar 1945 haben sich 58620 32 Menschen von der Mobilisation versteckt. Den Mobilisationspunkten fern gebliebenen Männer, die gefunden wurden, wurde häufig Mitgliedschaft bei den Partisanen oder anderen Untergrundorganisationen angeglichen. Deswegen wurden sie oft so wie die Kämpfer des Waffenwiderstandes behandelt: es wurde ihnen mit Gefängnis oder mit dem Tod gedroht, sie wurden verhaftet, gefoltert und sogar  erschossen. Das Büro des Zentralkomitees der Litauischen Kommunistischen Partei Bolschewiken (LKP(b) CK) hat den Beschluss gefasst „Über Kampfmassnahmen gegen Fahnenflüchtlinge und gegen die Mobilisationsverweigerer in die Rote Armee.“ Im Befehl Nr.064 des Volksverteidigungskommissariates war vorgesehen, jeden Mobilisationsververweigerer bei einer Hausdurchsuchung festzunehmen und sofort zum Rufpunkt



30
   Žemaitienė, Nijolė, The Partisan War in Lithuania from 1944 to 1953, in:The Anti-Soviet Resistance in the Baltic
States, Vilnius, 1999, S.23-45
31
   Aus der oben gezeigten Grafik geht man davon aus, dass in den zwischen Jahren 1940-1952 444000 Menschen
Litauen verlassen mussten.
32
   Die Zahlen sind aus Schussfolgerung der Kommision über die Gewaltmobilisation entnommen


                                                        

zu bringen. Diese und alle anderen Massnahmen wurden aktiv getroffen. Deswegen haben sich bis zum 21. März 1945 338 887 Männer bei den sowjetischen Institutionen freiwillig angemeldet. 33
Die am 9. Februar 1945 von der Sowjetregierung verkündete Amnestie hat nicht den erwarteten Erfolg gebracht - bis zum Juni haben sich nur 8 896 Menschen legalisiert, so hat die Sowjetregierung die zweite Amnestie am 3. Juni 1945 verkündet. In der Zeit zwischen Juli 1944 und dem Dezember 1945 haben sich 36144 Menschen bei den sowjetischen Repressionsbehörden angemeldet und „zeitweilige“ Papiere erhalten, darunter waren 27361 Armeedienstverweigerer, 6 259 Partisanen. Insgesamt bis zum Jahr 1957 haben sich 38 838 Menschen legalisiert, darunter 8.350 Partisanen und 30.488 Armeedienstlerverweigerer und Fahnenflüchtige34. Alle haben unter verschiedenen Repressionen oder unter moralischer Gewalt gelitten. Nachdem der Waffen- widerstand gegen die Sowjetordnung erstickt worden war, musste der Mensch zwischen dem Dienst in der Sowjetarmee oder der Haft für Militärdienstverweigerer wählen. Es ist aufgrund der Archivpapiere festgestellt worden, dass während der Kriegsstrafoperationen in den Jahren von 1944 bis 1945 ca. 5000 friedliche Menschen ermordet worden sind35. Die Unterkommission der Bewertung der Verbrechen der Sowjetokkupation hat nach der ersten Etappe empfohlen, die Forschung fortzusetzen, um diese Daten zu korrigieren, da viele Quellen sich in den Archiven von Moskau befinden und noch nicht alle bearbeitet worden sind.
Wie am Anfang des Kapitel 1.3 bereits erwähnt, schliesst sich der Kreis hier wieder, indem die Untergrundskämpfer in den zivilen Bereich zurückkehrt und sich legalisiert.



4     Waldameisen gegen Sowjetbär36

4.1    Das Gehirn der Partisanenbekämpfung

Wie in der gesamten Sowjetunion, so auch in der Litauischen Sowjetrepublik wurden zur Bekämpfung innerer Feinde unterschiedliche Abteilungen des Volkskommissariates für Innere Angelegenheiten (NKVD) 37 eingesetzt. Moskau blockierte jegliche Kontakte mit dem Untergrund, Partisanen sollten ohne Kompromisse und nur mit Militärkraft vernichtet werden, egal, was es für

33
   Die Zahlen sind aus den Schussfolgerungen der Kommision über die Gewaltmobilisation entnommen.
34
   Ebd., frei übersetz.
35
   Ebd., frei übersetzt.
36
   Ein Teil des Titels von Adelbert Lohrs Buch: Waldameisen gegen Sowjetbär. Als deutscher unter litauischen Partisanen, Berlin 1998
37
   Das NKVD war aus der Ausserordentlichen Kommission (Črezvyčajnaja Komissija/ČK; deutsch: Tscheka) hervorgegangen, die Feliks E. Dzeržinskij im Jahre 1917 zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage gegründet hatte. Von 1922 bis 1934 trug sie den Namen Staatliche politische Verwaltung (Gosudarstvennoe političeskoe upravlenie/GPU). Im Jahre 1934 wurde sie dann in NKVD umbenannt.  Nach der Umwandlung der Volkskommissariate in Ministerien im Jahre 1946 wurde die Geheimpolizei dem  Staatssicherheitsministerium (Ministerstvo Gosudarstvennoj Bezopasnosti/MGB) angegliedert.
Erst nach Stalins Tod wurde dieser Komplex im Jahre 1954 in einem eigenständigen Komitee für Staatssicherheit (Komitet Gosudarstvennoj Bezopasnosti/KGB) untergebracht, von wo aus bis zum Ende der Sowjetunion konspirative Aktionen geplant und durchgeführt worden sind.

 

beide Seiten an Menschenleben kosten würde.38 Zur Bekämpfung des „Banditentums“ stationierten die Moskauer Machthaber daraufhin politischen Repressionsstrukturen: die Korps- und Divisionsabteilungen der NKVD und NKGB in Litauen, die eventuell im Frühling 1946 durch weitere Militäreinheiten, die MGB und MVD ersetzt wurden. Die Kriegsprokuraturen und Gerichte, politische Vorstände und Abteilungen mit ihren Vertretern- politischen Leitern wurden gebildet.
Direkt zur Erstickung des litauischen bewaffneten Widerstands wurde eine spezielle Abteilung – OBB39 eingerichtet. Ab Dezember 1938 leitete Lavrentij P. Berija als Nachfolger Nikolaj Ivanovič Ežovs, der jetzt selbst der Aktion „Säuberung der Säuberer“ zum Opfer fiel, das Volkskommissariat. Berija baute die Hauptverwaltung für Staatssicherheit (Glavnoe Upravlenie Gosudarstvennoj Bezopasnosti/GUGB) gegenüber allen anderen erheblich aus. Eng arbeitete diese Abteilung mit den unterschiedlichen Sektionen von NKVD und NKGB beim Kampf gegen nationalistische Partisanen zusammen. Das Führungspersonal wechselte zwischen den verschiedenen Einheiten, wie auch deren Truppen im gegenseitigen Austausch zu unterschiedlichen Zwecken verwendet wurden. Bereits kurz nach dem Einmarsch der Roten Armee wurde Ivan Aleksandrovič Serov zur Koordination und zum Aufbau des litauischen NKGB ins Baltikum entsendet40. Als Chef des Organisationsbüros (orgbjuro) der Litauischen SSR wurde Michail Andreevič Suslov eingesetzt. Sein Nachfolger als Bevollmächtigter des Zentralkomitees der KPdSU in Litauen wurde im Jahre 1947 Vladimir V. Ščerbakov. Im Herbst 1944 reiste der Stellvertreter Berijas Sergej N. Kruglov nach Litauen, um die dortige Entwicklung zu überwachen und die Klagen seines Vorgesetzten und Stalins über den schleppenden Erfolg der Sowjetisierungs- massnahmen vorzubringen41. Serov war im Schatten Stalins gross geworden und gehörte der Generation von Parteigenossen an, die in persönlicher Abhängigkeit zu ihm standen. Nach den Säuberungen und verschiedenen Aufgaben in der Geheimpolizei begann sein Aufstieg in der Ukraine. Am Ende des Zweiten Weltkrieges „zeichnete“ er sich durch die Organisation der Deportation der der Kollaboration mit den Deutschen verdächtigten Völker des Nordkaukasus (Čečenen, Ingušen und Kalmücken) und der Krim (Tataren) „aus“. Diese Arbeit prädestinierte ihn geradezu für seine Aufgabe in Litauen. Aus Dokumenten, die während des Krieges der deutschen Armee in die Hände fielen, ergab sich, das Serov auch mit der Eingliederung Litauens, Lettlands, und Esstlands in die Sowjetunion betraut war. Er unterzeichnete den berüchtigen „Befehl nr.001223“, der Instruktionen für die Deportation dieser Völker enthielt. Nach seinem Wirken im


38
     Tininis, Vytautas: Komunistinio režimo nusikaltimai Lietuvoje 1944-1945. II tomas , Vilnius, 2003 S.7
39
     Otdel po borbe s`banditizmom- Abteilung zur Bekämpfung des Banditentums
40
     Žemaitienė, S.27.
41
     Gerutis (1984), S.369

 

Baltikum setzte er seine Karriere im Innenministerium in Moskau fort 42. Dort ernannte ihn Chruščev, den er aus seiner Zeit in der Ukraine kannte, zum ersten Chef des reorganisierten KGB.
Ähnlich - nur steiler - verlief der Aufstieg Suslovs. Nur drei Jahre älter als Serov, war auch er an den Säuberungen beteiligt. Seine Karriere gipfelte in einer entscheidenden Position im Kreml:
Unter Brežnev war er bis zu seinem Tod Chefideologe der Partei. Auch der „brillante Stratege“ (Vardys) Kruglov stieg nach seiner Zeit im Baltikum auf: Im Januar 1946 wurde der ehemalige Chef von Smerš43 sowjetischer Innenminister.44
Auffällig bei der Betrachtung dieser zentralen Persönlichkeiten ist ihre Herkunft: Keiner stammte aus Litauen, alle hatten eine slavische Herkunft. Dies war kein Zufall, sondern kennzeichnete das Misstrauen Moskaus gegenüber den nichtrussischen Völkern. So wurden weitere Russen zur Bekämpfung der Partisanen nach Litauen geschickt. Als Chef des litauischen NKGB wurde Dmitrij Efimov eingesetzt; eine NKGB-Spezialeinheit (osobyj banditskij otdel), die Provokateur-Trupps organisierte, unterstand Major Sokolov.45
Waren die Abteilungen der sowjetischen Geheimpolizei formell streng voneinandergetrennt, so gab es im operativen Alltag verschiedene Berührungspunkte und Überschneidungen. So unterstützten auch Grenztruppen des NKVD das - bereits oben erwähnte - GUBB, dem eigentlich die Aufgabe der Partisanenbekämpfung zufiel, obwohl diese Einheiten anderen Hauptverwaltungen unterstellt waren.46

Das GUBB war wohl am 30. September 1941 als Abteilung zur Bekämpfung des Banditentums (Otdel po bor‘be s banditizmom/OBB) gegründet worden.47 Das GUBB war also das Gehirn der Partisanenbekämpfung und koordinierte die durchzuführenden Aktionen. Im Verlaufe der zweiten Hälfte des Jahres 1945 hatte das MVD48 einen einsatzfähigen Apparat aufgebaut, der ca. 60 000-70 000 verschiedene untergeordneten Funktionäre und Soldaten, die gegen die Partisanen kämpften, umfasste.49 Die Aktivitäten des NKVD blieben nicht auf grossangelegte Repressionsmassnahmen, auf Menschenjagd, Verhöre mit Foltern und unmenschliche Bedingungen in Gefängnissen beschränkt. Vom GUBB50 wurden Provokationen organisiert und Agenten in die Reihen der Partisanenkämpfer eingeschleust, in vielen Fallen auch Massendeportationen beschafft.


42
     Lewytzkyj, Borys: Die rote Inquisition, Frankfurt 1967, S.282-284
43
   Smert`špionam, deutsch : Tod den Spionen-Spionageabwehrabteilung.
44
   Levyc'kyj, Borys: Die rote Inquisition. Frankfurt a.M. : Societäts-Verl. , 1967. S.197
45
   Remeikis, S.38
46
   Es bestand sowohl eine Hauptverwaltung der Grenztruppen (Glavnoe upravlenie pogranvojsk), als auch eine Hauptverwaltung der
Truppen des Innenministeriums (Glavnoe upravlenie vnutrennich vojsk).(http://www.memo.ru/history/NKVD/STRU/by_year.htm
(30.04.2005, 14:20), S.15).
47
   Starkauskas, Juozas:Čekistai pasieniečiai Lietuvoje pokario metais, 1998, Genocidas ir Resistencija Nr. 1(3), p. 37–58.
48
   Ministerstvo Vnutrennich Del - Innenministerium
49
   Kuodyte, Dalia: Karas po Karo. Ginkluotas antisovietinis pasipriešinimas Lietuvoje 1944-1953 m., Vilnius, 2004
50
     Glavnoje Upravlenie NKVD SSSR po borbe s` banditizmom (GUBB)-Abteilung zur Bekämpfung des Banditentums
51
    Mit dem Einzug des NKVD begann die auch die Tätigkeit der Stribai oder Liaudies gynėjai (Volksverteidige) die eine Art offensiver bewaffneter Sicherheitsdienst darstellte. 52
Dagegen waren die Grenzregimenter und die Truppen des Innenministeriums seine ausführenden Organe, für die die Weisungen des GUBB bindend waren. Darüber hinaus hatte die statistisch- informelle Abteilung (učetno-informacionnoe otdelenie) des GUBB Berichte über dessen Erfolge zu verfassen und die Verluste beider Seiten zu dokumentieren. 53

 

4.2    „Klassenkampf“ oder sowjetische Unterdrückungsmaschinerie?


4.2.1 Litauer gegen Litauer

Obwohl meist Russen zur Bekämpfung der Partisanen in Litauen eingesetzt wurden, war für Moskau klar, dass ein Land ohne Einbezug von Teilen der ansässigen Bevölkerung nicht sowjetisiert werden konnte. Die Männer an der wieder existierenden Staats- und Parteispitze, der erste Sekretär der LKP (Litauische Kommunistische Partei), Antanas Sniečkus, und der Vorsitzende des RdV (Rat der Volkskommissare), Mečyslovas Gedvilas, hattten ihre Positionen schon im Sommer 1940 bekleidet und sich während der deutschen Okkupationszeit in der UdSSR aufgehalten. 54 Zum Innenminister der Litauischen SSR wurde Generalleutnant Juozas Bartašiūnas ernannt, der ebenso wie der künftige Militärkommissar J.Macijauskas ein in der Sowjetunion ausgebildeter Angehöriger der Roten Armee war. 55 Die Kommunisten bildeten in Litauen zunächst nur eine unbedeutende Randgruppe, die keine Chance hatte, die Macht auf demokratischem Wege zu erlangen. Der Anteil der Litauer in der LKP betrug 1948 nur 18,5 %56 und damit war sie zu jener Zeit eine für die Litauer fremde Organisation. Die Fundamente des kommunistischen Staates konnten dank der Anwesenheit der Roten Armee und des Sicherheitsapparats gefestigt werden.
Deswegen wurden die lokalen Parteizentralen und Verwaltungskomitees zusammen mit MGB und MVD Bezirksabteilungen verpflichtet, aus den Reihen der prosowjetischen Bevölkerungsgruppen bewaffnete Gruppen in Gemeinden und Bezirken, in Sowchosen, auf technischen Stationen, in Betrieben und Kolchosen zu gründen, auch die Gruppen der „Volksverteidiger“ oder „Stribai“ zu stärken und zu vergrössern, zumindest zum Teil die Struktur der MGB „litauischer“ zu gestalten.
Die Berichte über die Tätigkeit der NKVD-Truppen und ihren Erfolg der Partisanenbekämpfung


51
   russisch:istrebilteli;litauisch verballhornt:stribai; deutsch:Vernichter, Ausrotter
52
   Leiserowitz, Ruth: Waldbrüder- der bewaffnete Widerstand im Nachkriegslitauen. In: Horch und Guck, A12242/Heft 45, Berlin
,2004(I), S.16
53
   Petravičiūtė, Inga: Sovietinio saugumo struktūra ir funkcijos Lietuvoje (1945-1954). In: Truska, Liudas. - Sovietinis saugumas
Lietuvoje 1940-1953 metais Vilnius , 1999 S.
54
   Leiserowitz. S.14
55
   Remeikis, Thomas:The Armed Sruggle Against the Sovietisation of Lithuania After 1944, in:Lituanus,VII/1-2 (1962), S.38
56
   Tininis, Vytautas: Komunistinio režimo nusikaltimai Lietuvoje 1944-1945. I tomas, Vilnius 2003, S.45



                                                     

mit allen erwähnten Methoden sind im Litauischen Sonderarchiv zu finden und als „streng geheim“ markiert. Aus den Akten lassen sich Schlüsse ziehen, dass sich die sowjetischen Organe auf ein absehbares Ende ihrer „Banditenbekämpfung“ einstellten, doch irrten sich die Okkupanten, wie verschiedene Dokumente des GUBB und KPL(B) belegen. Zwar hatten die Weisungen L.P.Berijas, die eine Verstärkung der Sowjetisierungsbemühungen forderten, eine Optimierung der Verfolgung der Widerständler erwirkt, doch bereitete die politische und repressive Arbeit der Strukturen in Litauen Sorgen. Wieder wird hier die interinstitutionelle Zusammenarbeit deutlich, die das gemeinsame Ziel der Ausschaltung jeglicher Opposition im Sinn hatte und darin einig das Kompetenzgerangel zwischen Unions- und litauischen Stellen überwand. Verantwortlich waren die ernannten Leiter - und das zeigt sowohl einerseits den ausgeprägten Moskauer Zentralismus, als auch andererseits seine Bemühungen um Einbindung nationaler Kräfte‚ der Genossen Suslov und Sniečkus, die sich mit den Schlussfolgerungen und den skizzierten Massnahmen einverstanden erklärt haben.
Unter diesen Umständen entstand folgendes Dokument: „Der Beschluss des Zentralkomitees der KPL(B) vom 12. Dezember 1947 betreffend die Aktivierung des Kampfes gegen Partisanen.“ (Dok. Nr. 4.16*)57. Das Ziel aller sogar 27 Punkte dieses Dokumentes bleibt - genauso wie auch in den früheren Beschlüssen - Ausschöpfung aller Mittel, um „in der nahen Zukunft die Liquidierung des bourgeoisen nationalistischen Untergrundes und seiner bewaffneten Banden herbeizuführen“ (26.Punkt). Dieses Dokument zeigt sehr deutlich die Bestrebungen der Leitung der KPL(B), den Kampf der Besatzungsarmee gegen die Partisanen als „Klassenkampf“ darzustellen und den Anschein zu erwecken, dass die Litauer selbst gegen die Partisanen kämpfen würden. Man hatte sogar vor, bei der KPS (B) um Erlaubnis zu bitten die lokalen MGB Truppen in Litauen gründen zu dürfen (8. Punkt). Die MGB brauchte litauisch sprechende operative Mitarbeiter, deshalb wurde im Jahre 1948 die Quote der in die MGB Schule aufgenommenen Personen von 150 auf 400 Personen erhöht (10.g) Punkt). Die aus den „brüderlichen Republiken“ gesandten Čekisten sprachen kein Litauisch und dies behinderte sie in ihrer Arbeit. Aus diesem Grund hatte auch das Zentrum KPS(B) nichts dagegen, die Zahl der Litauer bei den repressiven Strukturen zu erhöhen. Im Frühling 1948 wurde anstatt des Čekisten G. Baseow aus Leningrad der lokale, hart gesottene Bolschewik L. Gailevičius, der 10 Jahre wegen seiner kommunistischen Aktivitäten in den Gefängnissen der Litauischen Republik abgesessen hatte und in den ersten Jahren der sowjetischen Macht als Leiter der NKVD, später NKGB, gearbeitet hatte, in den Kriegsjahren danach zum Partisanen und


57
     Die Nummerierung der Dokumente sind aus dem Tininis Buch entnommen. LYA.F.1771. AP.190.B.5. L.179-187

                                             

Diversanten auf der besetzten Territorium wurde, nach dem Krieg als Beauftragter des Sowjetischen Rates für Fragen der Religiösen Kulten tätig war, zum stellvertretenden Minister der MGB der LSSR für Personalfragen ernannt.58
Der 10. Punkt des Befehles, welcher die Erhöhung der Zahl von Litauern im Apparat des Staatssicherheitsministeriums vorsah, blieb wegen fehlendem an Vertrauen der lokalen russischsprachigen Leiter der MGB und sogar Feindlichkeit litauisch sprechenden Mitarbeitern gegenüber nicht erfüllt. Ende 1948 teilte der neue Stellvertreter des Ministers A. Gailevičius dem ZK der KPL(B) mit, dass es beim Ausführen des ZK Beschlusses vom 12. Dezember 1947 die Empfehlungen der Stadt- und Bezirksverwaltungen sowie der MGB Bezirksabteilungen, wonach die MGB 116 Litauer hätte anstellen müssen, es seien jedoch bis zum 1. November nur 2 Personen angestellt worden, 37 Kandidaturen seien in Bearbeitung, sogar 77 Personen seien von der Liste wegen ihres Gesundheitszustandes oder „kompromittierenden“ Angaben in den Lebensläufen gestrichen worden. Nur derjenige Punkt des Beschlusses des ZK der KPL(B), welcher die Ausschaffung der maximalen Zahl von Familienangehörigen „der Banditen“ und von Grossbauern als „Antwort auf terroristische Taten“ vorsah, wurde erfüllt. Allerdings blieben Deportationen und Festnahmen, als Teil der kommunistischen Unterdrückungsmaschinerie und des Terrors, eines der Mittel zur Liquidierung des bewaffneten Untergrunds, bestehen. Bereits im November-Dezember 1947 wurden 736 Familien (2782 Pers.) deportiert, im Januar-Februar 284 Familien (1134 Pers.), am 22. Mai 1948 11365 Familien (40002 Pers.), in März-Juli 1949- ca. 10 tausend Familien (33 500 Pers.). Insgesamt wurden von 1947 bis 1949 ca. 80 tausend Personen ausgeschafft. In den Konzentrationslagern wurden ca. 54 tausend Einwohner Litauens inhaftiert.59 Das eigentliche Ziel des Beschlusses – die Erstickung des Waffenwiderstands in der nächsten Zukunft - blieb unerreicht.
In allen Beschlüssen des ZK der KPL(B), welche sich mit Deportationen befassten, wird die Notwendigkeit der Ausschaffung von Partisanenfamilien und ihren Helfern – Grossbauern – unterstrichen. An diesen Ausrottungsaktionen nahm ein grosser Teil der KPL(B) teil: beginnend von der Leitung, welche diese Deportationen organisierte, bis zu einfachen Mitgliedern. So beschloss das ZK der KPL(B) strenge Massnahmen gegen Grossbauern anzuwenden und es sollte bereits im Dezember „die maximale Zahl der Angehörigen von Banditen und der Grossbauernfamilien, welche die Banditen unterstützten, aus Litauen ausgeschafft werden.“ (8.



58
     Truska, Liudas: Lietuvos komunistų partijos pastangos likviduoti partizanų sąjūdį. In: Genocidas ir Resistenzija. 1998 Nr.1. p.107-
114.
59
     Anušauskas, Arvydas: Lietuvių tautos sovietinis naikinimas 1940-1958 metais, Vilnius, 1996, S.283-284


 

Punkt). Mit diesem Beschluss wollte man das Staatsicherheitsministerium stärken, in welchem seit 1947 Streitkräfte für den Kampf gegen die Resistenz konzentriert wurden.



4.3   Die Methoden zur Erstickung des Widerstands

Im folgenden werden die Methoden, welche von der Internationalen Kommission anerkannt wurden, näher untersucht. Die Repressionsinstitutionen der Sowjetarmee haben verschiedene grausame Massnamen und Methoden zur Liquidierung des antisowjetischen Widerstands ergriffen.



4.3.1 Die Verbannungen der Familien der Resistenzteilnehmer

Die Verbannungen und die Deportationen ist eine spezifische Art politischer Repression. Die Beschlüsse betreffend die Organisation der Verbannungen waren von den Leitern der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und der Regierung gefasst worden, auf der Initiative der Organen der NKVD-MVD und der NKGB-MGB. Die Repressionen waren nicht gegen einzelne Menschen, sondern gegen ganze Familien gerichtet. Mit der Vernichtung der Familien sollte ihre jahrzehntgekuppelte Erfahrung, der gesellschaftlich kulturelle Einfluss verschwinden. Der beste Teil der Berufsgruppen, die im Laufe von zwei Jahrzehnten ausgebildet worden waren, sollte verschwinden, wie Offiziere, Polizisten, Lehrer, Journalisten.

Die Verbannungen der Familien von den Resistenzteilnehmern sind ohne Verhören und ohne gerichtliches Urteil seit dem Sommer 1945 bis zum September 1953 vorgenommen worden, wobei das ganze Vermögen beschlagnahmt worden war. Die Beschlüsse wegen Verbannungen sind von der NKVD der UdSSR und von dem Ministerrat der UdSSR angenommen worden. Dadurch haben viele Verbannte ihre Gesundheit verloren oder sind durch Hunger und Krankheiten ums Leben gekommen, sie haben stark unter tiefen geistigen Erschütterungen gelitten. Die Verbannung der Menschen an die zum Leben nicht geeigneten Orte, was am Tod vom Teil der Verbannten schuldig war, wird bewertet als Verbrechendes Genozides oder als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

4.3.2 Die Foltern und die psychologische Gewalt der Widerstandsteilnehmer.

Die Repressionsstrukturen der UdSSR ( NKVD-NKGB-MGB-KGB) haben bestialische physische und psychische Foltern breit im Kampf gegen die Partisanen seit 1944 bis 1953 angewandt. Die Foltern waren ein ungetrennter Teil vom organisierten Kampf gegen den Widerstand, die haben ungeheure Qualen hervorgerufen und haben schwer verletzt oder waren auch Todesursache. Die Körper- oder auch geistige Foltern haben für viele Teilnehmer der Resistenz ihre Gesundheit stark verdorben, eine Menge von ihnen sind zu Körperbeschädigten geworden. Häufig haben die Häftlinge die Gewalt nicht überstehen können und haben deswegen Selbstmord begangen oder sind schwer geisteskrank geworden. Um den Resistenzteilnehmern Angst einzujagen, um die Bevölkerung von der Unterstützung abzuschrecken, haben die Arbeiter der Repressionsstrukturen mit barbarischen Methoden 1944-1953 öffentlich die sterblichen Überreste der Resistenzteilnehmer erniedrigt und danach heimlich begraben oder vernichtet.


4.3.3 Die Anwendung der Agenten- Angreifer.

Der untrennbare Teil des Terrorsystems waren die provokatorischen Extragruppen der Agenten- Angreifer der NKGB-MGB-KGB der UdSSR. Die Agenten- Angreifer der MGB-KGB haben die Zivilbevölkerung terrorisiert, die Resistenzteilnehmer und ihre Unterstützer gefoltert und vernichtet, indem sie sich für Resistenzteilnehmer ausgegeben haben. Mit diesen Methoden hat man das Ziel verfolgt, die Strukturen des Waffenwiderstandes und die Zivilbevölkerung zu demoralisieren. Die Verantwortung für die von den Extragruppen vollzogene Vernichtung der Illegalitätsteilnehmer, für ihre Foltern, für die Anwendung der chemischen Mittel hat die ZK der LKP(b), die Leitung der MVD-MGB der UdSSR und der Litauischen SSR zu tragen.

4.4    Die Rolle der KPL(B) bei der Zerschlagung des Widerstandes

Das ZK Büro der KPS(B) in Litauen war bis Frühling 1947 für die Leitung des Kampfes gegen die Partisanenbewegung und Organisationen des Untergrundes zuständig. Die KPL(B) war eigentlich nur für die Organisierung von beschlossenen Massnahmen zuständig, obwohl oft das ZK der KPS(B) oder M. Suslov die ganze Schuld wegen Untätigkeit oder Missglück dem LKP ZK oder den lokalen Parteistrukturen zuschob. Beim Ausführen der Verfügungen und Beschlüssen des ZK der KPS(B) und des ZK Büros der KPS (B) in Litauen erliess das ZK der KPL(B) zwischen 1944 und 1953 eine Vielzahl von verbrecherischen und antihumanen Beschlüssen, Resolutionen und Direktiven.60 In den Jahren 1944 bis 1946 wurden die wichtigsten Beschlüsse des ZK Büros der KPS(B) in Litauen erlassen, wobei an deren Sitzungen auch die Leitung der KPL(B) teilnahm. Auf diese Weise trugen beide Seiten die Verantwortung für den Mord an Partisanen und zivile Bevölkerung, für massenhafte Verhaftungen und Inhaftierungen. Zu jenem Zeitpunkt führte das ZK der KPL(B) die Beschlüsse des ZK Büro der KPS(B) in Litauen aus, welche an die unterstehenden Parteistrukturen weitergeleitet wurden. Die an den Plenartagungen des ZK der KPL(B) angenommenen politischen Resolutionen verpflichteten alle Partei- und Staatsstrukturen der LSSR zur Erfüllung aller Beschlüsse, welche vom ZK der KPS(B) und des Büros des ZK der KPS(B) in


60
  Nur schon in der Studie von V.Tininis wurden 25 Dokumenten zur Erstickung des Widerstands publiziert und am Ende dieser Arbeit angehängt sind.

 

Litauen erlassen wurden.61 Während der Regierungszeiten des Büros des ZK der KPS(B) in Litauen ersuchte A. Sniečkus gemeinsam mit den Leitern der repressiven Strukturen in den an Moskau gerichteten Briefen um Zustimmung, repressive Massnamen strenger zu machen und bereitete spezielle Instruktionen, welche in ihren Bedeutung den Beschlüssen des ZK der KPL(B) glichen.
Die Idee der Vorbereitung von antipartisanischen Dokumenten kam von der Seite der repressiven Strukturen und Strukturen der kommunistischen Partei. So zum Beispiel bat der Staatsanwalt der LSSR M. Baliasnikov im November 1944 den Staatsanwalt der SSSR K. Gorschenin um Erlaubnis, die Ausschaffung der Partisanenfamilien zu legalisieren (Dok. Nr. 4.6*)62. Am 13. November 1944 bat auch der stellvertretende Staatsanwalt der LSSR F. Girko die repressiven Mittel gegen Partisanenfamilien anzuwenden (Dok. Nr. 4.7*)63. Diese Vorschläge wurden in die Beschlüsse der Plenarsitzungen des ZK Büros der KPS (B) in Litauen, des ZK Büros der KPL (B) oder des ZK der KPL (B) aufgenommen. Die Kommunistische Partei hat immer unterstrichen, dass aus der politischen Sicht ist die wichtigste Aufgabe schnellstens den nationalen Untergrund zu liquidieren und mit voller Rücksichtslosigkeit hat angefangen sie auszuführen. Die Kommunisten arbeiteten in zwei Hauptrichtlinien: erstens organisierten sie sowjetischen Unterdruckungsapparat in Litauen und zweitens gründeten und verstärkten sie Ihnen untergeordneten bewaffneten Strukturen- die Aktivisten und Stribai Gruppen als auch Troikas, Četviortkas und Petiorkas.64 Wieder wird hier die interinstitutionelle Zusammenarbeit deutlich, die das gemeinsame Ziel der Ausschaltung jeglicher Opposition im Sinn hatte und darin einig das Kompetenzgerangel zwischen Unions- und litauischen Stellen überwand. Verantwortlich waren die ernannten Leiter - und das zeigt sowohl einerseits den ausgeprägten Moskauer Zentralismus, als auch andererseits seine Bemühungen um Einbindung nationaler Kräfte, der Vorsitzende des Büros des ZK der KP(b) für Litauen Gen. Suslov und der Sekretär des ZK der KP(b) Litauens Gen. Sniečkus, die sich mit den Schlussfolgerungen und den skizzierten Maßnahmen einverstanden erklärt haben. Im Januar 1948 formulierte A. Sniečkus in seinem Bericht an den Sekretär des ZK der KPS(B) A.A. Ždanov die Hauptrichtlinien für die Liquidierung des bewaffneten Untergrunds: 1. Verstärkte kommunistische Propaganda, mit Verleumdung von Partisanen und der katholischen Kirche sowie der Rechfertigung von Deportationen, 2. Bewaffnung des „Aktivs“ auf dem Land, bzw. Einbeziehung der lokalen


61
   Tininis, I tomas, S.44
62
   *Dok. Nr. 4.6. Der zusätzliche Bericht des Staatsanwalts der LSSR M.Baliasnikow vom November 1944 an den Staatsanwalt K.
Gorschenin wegen der Deportation von Partisanenfamilien. LYA.F.1771. Ap.7.B.92.L.43.
63
   *Dok. Nr. 4.7. Schreiben des stellvertretenden Staatsanwalts der LSSR F.Girko vom 13.November 1944 an den Staatsanwalt der
USSR K. Gorschenin „Wegen Kampf gegen konterrevolutionären Verbrechen in der Litauischen SSR“. LYA. F.1771.
Ap.7.B.92.L.35-42.
64
   Starkauskas, Juozas: Apie dar vieną stalininio laikotarpio teroro organą-troikas ir petiorkas. Genocidas ir Resistenzija. Vilnius,
2002 Nr.1.(11), S..95-109

 

Bevölkerung in den bewaffneten Kampf (Politik der Gesellschaftsverfeindung); 3. weitere Ausschaffung der Bevölkerung (in der nächsten Zukunft sollten 650 Familien deportiert werden); 4. Verstärkung des repressiven Apparates. (Dok. Nr. 4.17*)65 Das „Aktiv“ bestand aus den Parteissekretären aller Ebenen und aus den Verwaltungsleitern, Partorgen, Komsorgen, Mitarbeitern verschiedener Institutionen in ländlichen Gebieten und Organisationsverwaltungen, einfachen Kommunisten, Komsomolzen u. a. Die „Aktivisten“, welche von den Bezirkskomitees der Partei ernannt wurden, übertrafen in ihrem Verhalten sogar die sog. Stribai. Zum grössten Teil gehörten sie zur lokalen litauischen Bevölkerung an. Gemeinsam mit den Stribai wurden sie zum wichtigsten Argument der KPL(B) Propaganda, falls man von der Durchsetzung der kommunistischen Macht spricht. Wegen ihrer Teilnahme entstand später ein Mythos, dass das litauische Volk eigenwillig die „bourgeoisen Nationalisten und ihre Banden bekämpft hätte. “
Im September 1945 begann man mit der Bewaffnung des „Sowjetischen Parteiaktivs“(Dok. Nr. 4.9*)66. Im Jahre 1950 gab es 7’245 bewaffnete Personen, doch während der Deportationen erhöhte sich ihre Zahl auf 12 bis 14 tausend. Es wurden 1’925 Personen von Partisanen umgebracht, und der grösste Teil von 345 gefangen genommenen oder verschollenen Parteiaktivisten könnte man auch zu den Umgekommenen zählen. 67 Der erste Sekretär des Parteikomitees im Bezirk Trakai M. Afonin erklärte am 23. August 1945 am 23.August 1945 am ZK Plenum der KPL(B), dass Troikas („Dreier“), welche aus einem Partorg oder einem Parteisekretär der Gemeinde, einem Gemeindeabteilungsleiter der NKVD (MVD) und einem Gemeindebeauftragter der NKGB bestanden, vom ZK Büro der KPS in Litauen gegründet wurden. Am gleichen Plenum sagte M. Suslov: “es ist nötig, dass sich der erste und der zweite Parteisekretäre sowie die Leiter der NKVD und NKGB täglich oder, im schlimmsten Fall, jeden zweiten Tag treffen würden, um die politische Lage in den Bezirken kurz zu besprechen und um die Mittel für den Kampf gegen den Banditentum vorzubereiten“. Mit dieser Anordnung wurde die Priorität, die die Erstickung des Widerstands hatte, nochmals unterstrichen. So wurde der Beschluss „Wegen der politischen Lage in Šeduva“ am 27. August 1947 vom Büro des Bezirkskomitees der KPL(B) in Panevežys erlassen (Dok. Nr. 4.10)*.68

In diesem Dokument wird berichtet, dass das Parteikomitee der Gemeinde nach dem Angriff durch

65 *
   Dok. Nr. 4.17. Auszug aus dem Bericht des 1. Sekretär des ZK der LKP(B) an den Sekretär der KPS (B) A.A. Ždanov
LYA.F.1771.Ap.11.B.2115.L.9-17.
66
   *Dok. Nr. 4.9. Telegram des Gen.Maj. P. Kapralow vom 15. September 1945 an alle NKVD-NKGB Abteilungsleiter der Bezirke
Ukmerges, Zarasu, Svencioniu und Utenos wegen der Bewaffnung des sowjetischen Parteiaktivs.LYA:F:K-1.Ap.18.B.39L.168
67
     Pocius, Mindaugas: Antisovietinis pasipriešinimas Lietuvoje 1944-1953m. Vilnius, 1999. S.221
68 *
   Dok. Nr. 4.10. Beschluss des Büros des Bezirkskomitees der KPL(B) in Panevežys vom 27. August 1947 „Wegen der politischen
Lage in Šeduva“ .LYA.F.801.Ap.801-15.B.1.L.45-46.


                                                  

Partisanen keine Sitzungen der Troika durchführte. Gemeinde Troikas führten keine Sitzungsprotokolle oder sie verschwanden. Ihre Tätigkeit wird in den Parteiprotokollen erwähnt.
Der Stellvertreter Kommissar der NKGB der SSSR B. Kabulov stimmte der Gründung der „Dreier“ oder irgendwelchen speziellen Kommissionen für die Leitung des Kampfes gegen den Untergrund nicht zu. Im August 1945 ermahnte er am VII. Plenum des ZK der KPL(B) die lokalen Leiter der NKVD-NKGB und die Sekretäre der Parteikomitees zur besseren Zusammenarbeit.69 Einige Bezirksparteikomitees ergänzten Troikas durch einen Leiter des Armeeregimentes, oder durch einen anderen leitenden Mitarbeiter der sowjetischen Machtstrukturen. Diese Versammlungen wurden inoffiziell Četviortkas („Vierer“) genannt. Im August 1945 wurde im Bezirk Biržai ein Plan für die Partisanenliquidierung im Bezirk vorbereitet. (Dok. Nr. 4.26*).70 Alle vier Beamten in „Vierer“ waren für die Zerstörung des antisowjetischen Untergrundes verantwortlich. Der zweite Absatz des Plans lautete: “Die oben erwähnten Genossen sollen noch einmal die Angaben über die Zugehörigkeit einer Person der Bande überprüfen und kontrollieren, dann sie über ihre Familien aufzufordern, die Bande zu verlassen. Es werden dann gesamtes Land, Vieh, Hab und Gut, Ernte und Gebäude dieser Personen konfisziert.“ Petiorkas „Fünfer“ bestanden aus den ersten und zweiten Sekretären der Parteibezirkskomitees, den Abteilungsleitern der NKVD und NKGB sowie dem Leiter des Verwaltungskomitees. Diese Strukturen berieten sich nicht weniger als einmal pro Monat an geheimen Treffen über die Fragen des Kampfes und Repressionen gegen Widerständlern.71 Am 22. Juli 1946, zum Beispiel, fand unter der Leitung des ersten Sekretärs des Bezirksparteikomitees der KPL(B) von Kėdainiai J. Piligrimas ein völlig geheimes Petiorkas Treffen (es waren 4 Personen anwesend). Man hat beschlossen, einen Auftrag an den Bezirksleiter der MVD G. Čachava zu geben, in der Nacht des 22. Juli eine Falle für die Partisanen zu stellen. An dieser Operation sollten ca. 400 MVD Soldaten und lokale Kräfte des Parteiaktivs teilnehmen (Dok.Nr.4.11*).72 Am 1. März 1947 wurde von Petiorka des Bezirksparteikomitees der KPL(B) von Prienai die Frage der Aufteilung von beschlagnahmten Gütern zwischen der lokalen MGB und MVD besprochen. (dok. Nr. 4.27*).73 Ziel dieser Einheiten war es, die Untergrundbewegung in kleinen Bezirken und sehr schnell zu brechen.



69
   Tininis, II Tomas,S.9
70 *
     Dok. Nr. 4.26. Der angenommene Plan der KPL(B) in Birzai Nr. 100 „Wegen Liquidierung von grossbäuerlichen-
nationalistischen Banden im Bezirk Biržai“.LYA.F.1093.Ap.1093-27.B.1.L.53-57.
71
   Starkauskas, Juozas: Ginkluotas sovietinis partinis aktyvas ir kiti sukarinti daliniai, G&R Vilnius, 1999. Nr.1, S.42, 59
72 *
     Dok.Nr. 4.11. Protokoll des „Fünfer“ Treffens “Wegen der politischen Lage im Bezirk“ unter der Leitung des ersten Sekretärs
des Bezirksparteikomitees der KPL(B) in Kedainiai J.Piligrimas vom 22. Juli 1946.LYA.F.749.Ap.749-8.B.1.L.23
73 *
     Dok. Nr. 4.27. Auszug aus der „ Fünfer“ Sitzung des Bezirksparteikomitees der KPL(B) von Prienai vom 1. März 1947.
LYA.F.739.Ap.739-10.B.2.L.1.


                                                             

Am 23. November informierte der Vorsitzende des Büros des ZK der KPS(B) in Litauen V. Ščherbakov am XI. Plenum des ZK der KPL(B), dass die MVD Strukturen den Befehl des Ministers und Stellvertreters von Berija Kruglovs hätten, die Banditen sowie ihre Stäbe bis Februar 1947 zu vernichten.74 A. Sniečkus und V. Ščherbakov gaben zu, dass die Partisanenbewegung aktiver wurde. Am 7. Dezember 1946 bereiteten A. Sniečkus und der Beauftragter der MVD-MGB der SSSR in Litauen I. Tkačenka eine Anweisung an die Sekretäre der Bezirksparteikomitees der KPL(B), an die Bezirksabteilungsleiter der MVD und MGB der LSSR. In diesen, abgesehen von den amoralischen Vorschlägen wie Anwerbung von Partisanenangehörigen und von Pfarrern, waren auch repressive Massnahmen vorgesehen: „Die nötige Voraussetzung für die völlige Konfiskation des Gutes der Partisanen- Festnahme aller erwachsenen Personen der Familie, besonders Männer, damit sie sich nicht den Banden anschliessen. [...] Die genauen Pläne für die Ausführung der Anweisungen müssen an den geheimen Sitzungen von Büros der Bezirkkomitees der KPL(B) in Anwesenheit von der Bezirksabteilungsleitern der MVD-MGB vorbereitet werden.“ (Dok. Nr. 4.14*, Punkt 10).75
Nach der Schliessung des ZK Büros der KPS(B) in Litauen koordinierte das ZK der KPL(B) direkt die politische Unterbindungsstrategie des Partisanenwiderstandes. Am 14. April 1947 wurde vom ZK der KPL(B) der Beschluss „Wegen Verstärkung der Kampfmassnahmen gegen bourgeoisen nationalistischen Untergrund und seine bewaffneten Banden“ (Dok. Nr. 4.15*)76. erlassen. Im Dokument wird festgestellt, dass in der zweiten Hälfte des Märzes die meisten Partisanenangriffe in Bezirken von Ukmergė, Rokiškis, Biržai, Tauragė, Lazdijai, Marijampolė, Raseiniai und Panevežys stattfanden. Um den Widerstand schnellstens zu brechen, beschloss das Büro, „die Massnahmen der ökonomischen Einschränkung gegen Grossbauern“ anzuwenden, „die Spaltungspolitik in der Reihen der katholischen Geistlichen zu führen,“ die bewaffneten Gruppen des sowjetischen Parteiaktivs zu bilden, die MGB Strukturen mit Anstellung der Litauer zu stärken. Dieser Beschluss verpflichtete im April 1947 die Sekretäre der Bezirksparteikomitees und Abteilungsleiter der MGB in allen Gemeinden die Untergrundorganisationen zu finden und sie zu liquidieren. Die Kraftdemonstration der MGB Armee in den ländlichen Gebieten wurde für die KPL(B) zum grossen Hindernis. Deshalb befahl P. Kapralow am 31. August 1951 seinen Untergeordneten, ihre

74
   Truska, Liudas: Lietuvos komunistų partijos pastangos likviduoti partizanų sąjūdį. Genocidas ir Resistenzija. Vilnius,1998 Nr.1.
S.107-114.
75
   *Dok. Nr. 4.14. Anweisung des 1. Sekretärs des ZK der KPL(B) A. Sniečkus und des Beauftragten der MVD-MGB der SSSR in
Litauen I. Tkačenka an an die Sekretäre der Bezirksparteikomitees der KPL(B), an die Bezirksabteilungsleiter der MVD und MGB
der LSSR vom 7. Dezember 1946 wegen der zur Liquidierung von der Partisanenbewegung nötigen Massnahmen und
Methoden.LYA.F.1771.Ap..9.B.241.L.79-81.
76 *
     Dok. Nr. 4.15. Der Beschluss des ZK der KPL(B) vom 14. April 1947 „Wegen Verstärkung der Kampfmassnahmen gegen
bourgeoisen nationalistischen Untergrund und seine bewaffneten Banden.“LYA.F.1771.Ap.190.B.5. L.95-99.

 

Pläne während der Militäraktionen geheim zu halten, und sie nicht öffentlich zeigen, wie es zum Beispiel die „Strafenden“ in Daugai gemacht haben. P. Kapralow machte auf die Entstehung von verschiedenen Gerüchten und ungesunder Stimmung aufmerksam. (Dok. Nr. 4.24*)77.
Ungeachtet der abgelaufenen Fristen blieb die Litauische Partisanenbewegung, trotz schmerzlicher Verluste, aber von der Bevölkerung unterstützt, erhalten, weniger noch liquidiert. Qualitativ gesehen, wurde diese Bewegung sogar gestärkt, in den Wäldern blieben nur die entschlossenen Männer (im Februar 1946 waren es 3,4 tausend, anfangs 1947- 3 tausend, am Ende des gleichen Jahres 2 tausend, es wurden sogar Partisanenbezirke gegründet).78 Im Sommer 1947 unterstrich die Leitung der LKP (B), dass “die Litauische Republik trotz der Leistungen der MVD Strukturen von feindlichen, kriminellen und antisowjetischen Elementen befallen bleibt. Die Lage sei immer noch angespannt.“79
Nicht nur bei der Liquidierung einzelner Personen waren die Behörden erfolgreich, ein gewichtiger Schlag gegen die BDPS80 gelang ihnen im Jahre 1948. Zu dieser Zeit stand mit Juozas Markulis ein MGB-Agent an der Spitze dieser Untergrundbewegung. Sein Ziel war es, die Organisation von innen her zu zerstören. Dazu machte er seinen Einfluss insofern geltend, als er zur Demobilisierung und Entwaffnung aufrief und versprach, gefälschte Papiere für die Rückkehr in die Legalität zu beschaffen. Leute, die sich daran beteiligten und den Untergrund verliessen, wurden jedoch meistens verhaftet.81 Auch Führer von Regionen fielen durch Verrat dem MGB in die Hände.
Waren sie erst einmal aus dem Verkehr gezogen, suchten die Sowjets, ihre Agenten an die Stelle der Festgenommenen zu plazieren. Dass dies auch gelang, zeigt das Beispiel der Didžiosios-Kova- Region, deren Chef nach der Verhaftung des Kommandeurs Misiūnas Kapitän Griežtas wurde, der eigentlich als V. Pečiūra Agent des MGB war.82      

Durch diese Infiltrations- und Provokateursmassnahmen der Sowjets diskreditiert, beschloss man am 16. Februar 1949, sich in LLKS umzubenennen.83  Auf dem grössten Partisanentreffen, das je in Litauen stattgefunden hat,



77 *
    Dok. Nr. 4.24. Befehl des Ministers der MGB der LSSR des General Majors P. Kapralow an die Leiter der MGB Bezirksämter in
Vilnius, Kaunas, Siauliai, Klaipeda und an die Rayonsabteilungsleiter der MGB der LSSR wegen der Geheimhaltung der
Militäraktionen vor einheimischen Bevölkerung.LYA.K-1.Ap.3.B.390.L.25
78
   Truska, Liudas: Lietuvos komunistų partijos pastangos likviduoti partizanų sąjūdį. In: Genocidas ir Resistenzija. 1998 Nr.1. S.107-
114.
79
  Dok.Nr.4.16. Der Beschluss des ZK der KPL(B) vom 12.Dezember 1947 „Wegen Aktivierung der Kampfmassnahmen gegen
bourgeoisen nationalistischen Untergrund und seine bewaffneten Banden.“ LYA.F.1771.Ap.190.B.5. L.179-187.
80
     Bendras Demokratinio Pasipriešinimo Sąjūdis-Vereinigte Demokratische Widerstandsbewegung
81
     Daumantas, Juozas:Partizanai. Vilnius,1990 S.547
82
     Žemaitienė, S.42
83
     Ebd., S.39
 

wurden in einem Bunker bei Minaičiai zwischen dem 10. und 20. Februar 1949 neben der Namensänderung strukturelle Probleme angesprochen. So wurden kleinere konspirative Gruppen gebildet, die Sabotageakte verüben sollten. Ausserdem wurde ein Manifest verabschiedet, das die Unabhängigkeit deklarierte, sich zur Bildung einer provisorischen Regierung und demokratischen Wahlen bekannte, sowie die Kommunistische Partei verbot.84 Jedoch kam diese Verlautbarung zu einem Zeitpunkt, da der Partisanenkampf bereits verloren war. Zwar gelang ihnen im Widerstand gegen die Kollektivierung vereinzelt noch ein letzter „Pyrrhus-Sieg“ - (Misiunas/Taagepera), doch war das Jahr 1949 der endgültige Wendepunkt zugunsten der Sowjets. Von Jahr zu Jahr reduzierte sich jetzt die Zahl derer, die bereit waren, im Untergrund weiter für die Unabhängigkeit ihrer Heimat zu kämpfen. Neben dem ausgehenden Material waren es aber vor allem die ausbleibenden Personen, die die Untergrundkämpfer gegenüber ihren Gegnern enorm zurückwarfen. Nach einem Jahrzehnt des Widerstandes waren viele Leute erschöpft und sehnten sich nach einem konfliktfreien Leben in der Legalität. Zu der permanenten Flucht vor den Staatsorganen gab es eine Alternative: seinem erlernten Beruf nachzugehen und sich mit dem Regime zu arrangieren. Man gewann die Einsicht, dass der Kampf der vergangenen Jahre keine Fortschritte in Richtung staatlicher Souveränität gebracht hatte und ohne fremde Hilfe nicht zu gewinnen war. Die Hoffnung auf Hilfe aus dem Ausland war spätestens mit der Rückkehr Lukšas aus dem Westen im Oktober 1950 begraben worden85. Genährt worden war diese Zuversicht durch den Abwurf der ersten Atombomben am 6. und 9. August 1945. Doch genau diese neue Waffe sorgte in der Folgezeit für Zurückhaltung bei Kriegsdrohungen - im Bewusstsein der verheerenden Wirkung einerseits und des entstandenen nuklearen Patts andererseits. So erreichte die Partisanen im Jahre 1947 eine Nachricht aus Westdeutschland, die davon kündete, dass kein Konflikt zwischen den einstigen Alliierten bevorstünde, das isolierte Litauen86.Dennoch wurden bis ins Jahr 1949 von den Partisanen Pläne erstellt, wie man sich in einem solchen Fall verhalten werde. Diese Verkennung der weltpolitischen Lage zog den - inzwischen aussichtslosen - Partisanenkampf in die Länge. Dazu kam, dass durch den Ausfall des Anführers Žemaitis - er hatte einen Schlaganfall erlitten - die Organisation geschwächt wurde. Er wurde schliesslich am 30. Mai 1953 festgenommen und nach einer persönlichen Vernehmung durch Berija am 26. November 1954 hingerichtet87. Sein Stellvertreter Ramanauskas hielt zwar noch bis 1956 im Wald aus; jedoch hatte seine Stellung weniger mit der


84
     Ebd., S.39
85
     Daumantas, S.443
86
     Remeikis, S.31
87
     Žemaitienė, S.42

                                   

eines Armeechefs gemein als vielmehr mit der eines Verfolgten und Geächteten. Auch er wurde letztlich gefasst und ermordet88. Viele sahen nun die Hoffnungslosigkeit dieses Kampfes und entschieden sich für ein Leben in der Legalität. Eigentlich war der Kampf des litauischen Widerstandes bereits im Jahre 1946 militärisch verloren. Bis dahin waren täglich 15.000 bis 20.000 NKVD-Soldaten im Einsatz gegen die Unabhängigkeitskämpfer; ab 1946 waren es nur noch 3.000 bis 4.000  89. Auch stützt die Anzahl der čekistischen Operationen und der getöteten Partisanen diese These: In den drei Nachkriegsjahren wurden mindestens so viele Aktionen des NKVD durchgeführt wie in der Zeit nach 1946; zur gleichen Zeit fielen etwa 70 Prozent aller in der Auseinandersetzung getöteten Untergrundkämpfer den sowjetischen Streitkräften zum Opfer90. Juozas Starkauskas (S.56) nennt 8.807 Operationen für das Jahr 1945, für das darauffolgende Jahr 15.811. Zu dieser Zeit wurden noch etwa 1.000 Soldaten in einen Einsatz geschickt. Als in den Jahren danach nur noch einige Hundert Čekisten eingesetzt wurden, hatte sich die Zahl der Aktionen auf jährlich etwa 500 reduziert. Getötet wurden in den Jahren 1944 und 1945 insgesamt 12.213 Partisanen, im Jahr 1946 noch 2.143. Die Opferzahlen nahmen dann in den nächsten Jahren kontinuierlich ab (1947: 1.540; 1948: 1.135; 1949: 963; 1950: 635; 1951: 590; 1952: 457; 1953: über 200). Diese Zahlen sind ein Beleg dafür, dass die Intensität der „Banditenbekämpfung“ abklang. Das konnte nur geschehen - da das gesamte Problem in den fünfziger Jahren verschwand -, wenn gleichzeitig die Angriffe der Partisanen nachliessen. Am 31. Dezember 1953 wurde der letzte Beschluss „Wegen Verstärkung der Kampfmittel gegen den restlichen nationalistischen Untergrund und Bandenteilen in der Republik“ betreffend Kampf gegen Partisanen erlassen, welcher jedoch keine besondere Bedeutung mehr hatte. (Dok. Nr. 4.25.)*91. Es steht aber keine Zweifel, das den Sowjets um im Jahr 1953, d.h. in einer Zeit, als verschiedene antikommunistische Organisationen meinten, in der Sowjetunion seien durch den Tod Stalins „bessere Möglichkeiten“ für die illegale Arbeit entstanden, gelungen ist, den litauischen Waffenwiderstand einen tödliche Schlag zu versetzen.
Nach dem Jahre 1953 nahm der Widerstand eine andere Form an. Nicht mehr der bewaffnete Kampf war Ausdruck der Ablehnung der gegenwärtigen Herrschaft, jetzt fand die Systemkritik durch politische Willensäusserungen statt. Zwar flaute er während der „Tauwetterperiode“- unter Chruščev weiter ab, um dann zu Zeiten Brežnevs wieder zu erstarken. Das Jahr 1972 markierte


88
     Misiunas/Taagepera, S.91
89
     Starkauskas, Juozas: The NKVD-MVD-MGB Army. In:The Anti-soviet Resistance in the Baltic States, Vilnius, 1999 S.56
90
     Ebd., S.56
91 *
    Dok. Nr. 4.25. Auszug aus dem Beschluss des ZK der KPL vom 31. Dezember 1953 „Wegen Verstärkung der Kampfmittel
gegen den restlichen nationalistischen Untergrund und Bandenteilen in der Republik“. LYA.F.1771.Ap.190.B.9.L.36-41.



 
dabei den Anfang dieser neuen Ära des Protestes. Im Frühling dieses Jahres löste die Selbstverbrennung des Studenten Romas Kalanta in Kaunas blutige Unruhen aus. Bei diesen Auseinandersetzungen sah sich die Staatsmacht dazu genötigt, Fallschirmspringer einzusetzen.
Unterstützt von der Kirche und begünstigt durch die innere Entwicklung der Sowjetunion konnte sich in der Illegalität eine Bewegung entwickeln, die schliesslich auf dem friedlichen Weg das erreichte, wofür die litauischen Partisanen über ein Jahrzehnt lang gekämpft hatten: die staatliche Unabhängigkeit. Im Gegensatz zu den 20.000 getöteten Opfern des Partisanenkampfes92 nahm sich die Zahl der im Januar 1991 am Fernsehturm von Vilnius Gefallenen mit vierzehn vergleichsweise gering aus.


4.5      Niemand werde sie beschützen - das Scheitern der Widerstandbewegung


Mit einiger Berechtigung kann gefragt werden, ob der Kampf der litauischen Partisanen nach dem 2.Weltkrieg gegen sowjetische Besatzungsmacht je durchsetzen konnte und ob zu irgendeinem Zeitpunkt Aussicht auf Erfolg standen. Die Projektion der Erfahrungen der alten Geschichte des Peloponnesischen Krieges auf das Widerstands Problematik scheint hier eine zulässige Anwendung zu finden. „Da ihr so gut wisst wie wir, dass im menschlichen Verhältnis Recht gilt bei Gleichheit der Kräfte, doch das Mögliche der Überlegene durchsetzt, der Schwache hinnimmt.“93 Thukydides hat die Gespräche zwischen den Athenern und den Meliern während des dreissigjährigen Peloponnesischen in seiner „Geschichte“ aufgenommen, obwohl es sich von politischen und militärischen Standpunkt aus um eine wenig bedeutende Epoche handelt.

Im Jahr 416 versuchten die Bewohner der Insel Melos, einer Kolonie Spartas, neutral zu bleiben und haben dafür eine blutige athenische Antwort bekommen: die Männer von Melos wurden umgebracht, die Frauen und Kinder in die Sklaverei geschickt. Das unerbittliche Argument der Macht gegenüber und das Vertrauten auf den Schutz der Götter haben die Melier nicht gerettet, da die Athener erwidern:




92
  Die Schätzungen über die Gesamtzahl der im litauischen Guerillakrieg getöteten Kämpfer gehen weit auseinander. Während neuere
(Starkauskas, S.61; Žemaitienė, S.44) sowie sowjetische Unter-suchungen (Vardys (1997), S.84) von etwa 20.000 Gefallenen
ausgehen, lagen die Zahlen der im ‚Kalten Krieg— veröffentlichten Werke weit darüber: von 30.000 (Tauras, S.96; Vardys (1965),
S.86) über 40.000 bis hin zu 50.000 Opfern ist hier die Rede. Die meisten Autoren schätzen die Zahlen auf zwischen 30.000 und
50.000 (Gerutis (1984), S.376; Hermann, S.95; Misiunas/Taagepera, S.278). Die Zahl der Opfern unter den NKVD-Streitkräften war
wesentlich höher. Sowjetische Quellen sprechen zwar nur von etwa 20.000 Gefallenen (Vardys (1997), S.84), die westliche
Historiographie hingegen von 80.000 (Gerutis (1984), S.369; Misiunas/Taagepera, S.278; Tauras, S.50.).Bei der Bewertung dieser
Zahlen ist zu beachten, dass die Grenze zwischen in den Kämpfen Gefallenen, Opfern von Vergeltungsschlägen oder wegen
Verbrechen Verurteilten fliessend ist, und es deshalb wohl teilweise zu Überschneidungen gekommen ist.
93
     Thukydides, Geschichte des Peleponnesischen Krieges. Zürich/München, 1976, S.433


 

„Niemand werde sie beschützen. Menschen und Götter müssten sich dem Zwang der Natur fügen, der den, der Macht besitzt, dazu treibt, sie auszuüben, allezeit und überall“94.



5      Schlussbetrachtungen


       1. Die repressiven Strukturen des ZK der KPS(B) und der SSSR in Moskau, welche auch entsprechende Instruktionen für die Militäraktionen und Agentenarbeit sowie für die Koordinierung der entsprechenden Tätigkeit von Partei-, repressiven und anderen Strukturen vor Ort erliessen, leiteten die Erstickung des bewaffneten Widerstands im Nachkriegszeit in Litauen. Die kommunistische Leitung der SSSR lehnte jegliche politische Geständnisse und Kompromisse ab. Die Resistenz sollte nur mit Militärgewalt der SSSR bekämpft werden. Aus der Sicht der sowjetischen Macht hatten Partisanen nur eine Möglichkeit: die Kapitulierung, bzw. die Legalisierung. Es wurden gemäss der Angaben des Sicherheitsdienstes der LSSR zwischen 15.Juli 1944 bis 30. Dezember 1954 38 141 Widerständler liquidiert, 20 138 von denen umgebracht, 18 003 inhaftiert und eingesperrt. 38 621 tausend Resistenten haben sich legalisiert. Es wurden insgesamt gegen 76 762 Personen zu den liquidierten und legalisierten „Teilnehmern des bewaffneten nationalistischen Banden“ gezählt (Dok.Nr.4.1*)95. Nach Einschätzung des Historikers  Arvydas Anušauskas ca. 186 tausend Personen, welche öffentlich gegen die sowjetische Macht kämpften oder mit ihr nicht einverstanden waren, wurden zwischen 1944 und 1954 von der NKVD-MVD-MGB festgenommen und unterdrückt (ermordet, verhaftet)96.


       2. Das ZK Büro der KPS(B) in Litauen leitete von 1944 bis Frühling 1947 direkt den Kampf gegen den bewaffneten Untergrund. Die KPL(B) war für Organisation und zum Teil für die Vollziehung zuständig. Von 1947 bis 1953 übernahm die KPL(B) die Funktion des direkten politischen Organisators für die Erstickung des Waffenwiderstandes. Das ZK der KPL(B) erliess zwischen 1947 und 1949 sowie im Jahre 1953 geheime, für das ganze Litauen bestimmte, antipartisanische Dokumente, welche alle repressive und Parteistrukturen zur Unterbindung des Widerstandes mit allen möglichen Mitteln verpflichteten: mit

94
     Ginzburg, Carlo: Die Wahrheit der Geschichte. Berlin, 2001, S.13
95 *
    Dok.Nr.4.1. Bericht vom 13.Dezember 1954 des Vorgesetzen der 2. Division des 4. Direktorats der MVD der LSSR
Kapt. Martusevičius betreffend die ermordeten und verhafteten Teilnehmer des litauischen bewaffneten Untergrunds
1944-1954.LYA.F:K:-1.Ap.3.B.530.L.38.
96
   Truska, L., Sovietinis saugumas Lietuvoje 1940-1953 metais, Vilnius, 1999.S.182

                                   

Repressionen (Militäraktionen und Deportationen), mit ökonomischen Strafen (Steuernerhöhung, Zwangskollektivierung), mit ideologischen Massnahmen (mittels Verleumdung der Widerstandskämpfer und der Katholischen Kirche durch Massenmedien).
Das ZK der KPL(B) veranstaltete für Parteileiter und Leiter der repressiven Strukturen Sitzungen, um den Kampf gegen den Freiheitskämpfer zu koordinieren. Es wurden spezielle, ganz heimliche, repressive Parteistrukturen für den Kampf gegen Partisanen gegründet: in den Gemeinden „Dreier“, in den Bezirken „Fünfer“.

    3. Die KPL(B) bemühte sich während des Kampfes gegen den Untergrund, die litauische Nation zu spalten. Die KPL(B) gründete spezielle litauische Partei- und Militärstrukturen von Stribai („Volksverteidiger“) sowie bewaffnete Gruppen des sowjetischen Parteiaktivs und leitete sie um die Mythos des Klassenkampfes zu erzeugen.

    4. Das Hauptmittel des Kampfes der KPL(B) gegen den Untergrund war nicht die Militärkraft (die repressiven Strukturen, welche Moskau unterstellt waren, übten diese aus), sondern antihumane Massnahmen: politische Erpressung, Deportationen von unschuldigen Partisanenangehörigen und Verwandten sowie ihre Festnahmen (Geiselnahme) und Konfiszierung ihres Besitzes. Diese Personen (Vertreter aller Sozialschichten) bildeten eine separate Personengruppe, welche zur Ausschaffung bestimmt war. Das widersprach jedoch propagierten von Kommunisten Theorie des Klassenkampfes. Das ZK der KPL(B) erliess ab 1950 (ausser 1953) keine antipartisanische Beschlüsse, welche ganz Litauen betrafen, sondern schenkte die Aufmerksamkeit denjenigen Bezirken, in welcher der Widerstand sehr aktiv war.



6   Bibliografie

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Bilder Wikipedia und wie angegeben

© Laima Maldunaite Christ

 



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Saulius Suziedelis Litauen Geschichte

 

 

In der litauischen Geschichtsforschung über die Jahre 1940 und 1941 gibt es drei verschiedene Ansätze

 

1. Die sowjetische Sicht

2. Die romantisierende Sicht, meist von litauischen Emigranten in den USA

3. Die moderne, nicht einseitige Sicht

 

Einer der litauischen Historiker, die nach dem dritten Ansatz forschen, ist Saulius Suziedelis

 

Saulius Suziedelis, Professor Emeritus der Millersville Universität in Pensylvania

Geboren 1945 in Gotha, verbrachte er seine frühen Jahre in der litauischen Brockton Gemeinschaft in Massachusetts. Seinen Doktortitel erwarb er 1977 in der Universität Kansas über russische und osteuropäische Geschichte. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel.

Seit 1998 ist er Mitglied der Internationalen Kommission zur Erforschung von Sowjet und Naziverbrechen in Litauen. Er hält unter Anderem Vorlesungen in der Universität von Vilnius.

 

 

"Der einzige Weg für Litauer, sich von ihrer schweren Last iher schwierigen Geschichte von 1941 zu erleichtern, ist der, sich ihrer anzunehmen."

 

 

Folgender Aufsatz beschreibt die heutige Situation in Litauen.

 

 

THE BURDEN OF 1941 Die Bürde von 1941

Von Saulius Suziedelis



Erschienen in Lituanus, Litauisches Journal für Kunst und Wissenschaft
Verwendung und Übersetzung mit freundlicher Erlaubnis des Autors.



Vielen Dank an die Übersetzter Christine Bombeck (Mai 2011) und Wolfgang Amadeus Möckel



Wenige Themen fordern mehr zu Streitgesprächen heraus als die Liebe zur Nation und seiner Geschichte.
Dies gilt in besonderer Weise dann, wenn es um das Gefühl von Menschen geht, Opfer zu sein. Dann wird die Diskussion im Flüsterton geführt, passend zu den heiligen Erinnerungen, oft an Gebiete, welche als „heiliger Grund“ geweiht sind, wie es Lincolns gefeierte Phrase ausdrückte.

Es ist schwierig, sich eine Gesellschaft von Bedeutung (national oder religiös) ohne die Mythen, Zeremonien und Rituale - die mit Erinnerung verbunden sind - vorzustellen.

Wir sind letzten Endes das, was wir waren, oder immerhin das, was wir dachten zu sein; In diesem Sinne sind Nationen “Eingebildete Gemeinschaften“.


Zweifellos: Wie wir uns die Vergangenheit vorstellen, ist ein wichtiger, vielleicht sogar der wichtigste Auslöser für die Entwicklung der gemeinschaftlichen Identität, insbesondere die des nationalen Bewusstseins.


Das Ziel der Erinnerung ist die Bestätigung einer bestimmten Sicht auf die gemeinsame Geschichte und die Stärkung der Gruppenloyalität - die Veranstaltung von verschiedenen Gedenkfeiern ist, im Grunde genommen, ein politischer Akt.

Schon von Natur aus lässt der Akt der Erinnerung keine kritische Analyse zu, Grautöne sind nicht willkommen.



Das ist besonders zutreffend für historische Ereignisse, die sich durch Massengewalt auszeichnen.

Kriege, Revolutionen und Völkermorde ziehen Sieger sowie Verlierer nach sich, Täter sowie Opfer, und es ist natürlich, dass dabei unvereinbare Erinnerungen aufeinandertreffen.


Kaum eine historische Periode ist für die Litauer dermaßen verzwickt wie der Sommer und Herbst 1941, Monate, die Zeugnis ablegen für beispiellose Katastrophen der Nation, die Massendeportationen der „Juni-Tage“ ; der Nazi- Einmarsch und der darauf folgende anti-sowjetische Aufstand und vor allem, der Holocaust.
Nichts in der nationalen Vergangenheit hätte das litauische Volk auf diese Katastrophe vorbereiten können, besonders für den Umfang der Gewalt, der keine historischen Parallelen, weder im quantitativen noch im qualitativen Sinne hatte.
Der 28. Oktober 1941 steht für einen brutalen Rekord.

neuntes Fort Kaunas

IX. Fort Kaunas, heute ein Museum, ein Besuch lohnt sich


An diesem Tag, vor sechzig Jahren, wurden fast 10.000 litauische Juden im IX. Fort in Kaunas von den Nazis und ihren örtlichen Kollaborateuren ermordet.
Niemals zuvor waren so viele Menschen auf litauischem Boden in so kurzer Zeit ermordet worden.
Es ist kein Wunder, dass der schmerzliche Rekord von 1941 weiterhin die litauische Gesellschaft konfrontiert, beschämt und quält.



Die Politik der Erinnerung dieser Vorfälle des Jahres 1941 ist aus psychologischen und politischen Gründen kompliziert.
Viele Litauer und Juden erinnern sich an diese tragische Geschichte, besonders der ersten Woche des Nazi-Sowjetischen Krieges, aus so unterschiedlichen Perspektiven, dass es manchmal unmöglich scheint, das sie sich auf das gleiche Ereignis beziehen.

Deutscher Einmarsch in Russland 1941

Deutscher Einmarsch in Russland Bundesarchiv

 


Bisweilen haben politische und kommunale Führungspersönlichkeiten das Wasser getrübt, indem sie sich einmischten und vereinfachte Versionen der Vergangenheit beisteuerten, um ihren Anhängern zu gefallen, anstatt die viel komplexeren historischen Prozesse zu erklären.
Viele Leute der älteren Generation, die sich immer noch an die Geschehnisse erinnern können, verbleiben starr in einer Art Gedächtnisfestung und reagieren heftig auf jede vermeintliche Drohung gegen ihren lange aufrechterhaltenen Tunnelblick auf die Vergangenheit.
Aus gutem Grund halten sich sowohl Juden als auch Litauer für Opfer des „Zweiten Weltkrieges“. Es gibt keinen Grund, diesen Status in Frage zu stellen.

Karte mit Angaben der von Einsatzgruppe A durchgeführten Exekutionen (Stahlecker an Heydrich, Holocaust Museum)

 

Aber die Betonung des Märtyrertums und der Opferrolle hat im Laufe der Jahre geholfen,
ein starres Muster aus kollektiven Erinnerungen aufzubauen, undurchdringlich für jede auf neuen Forschungsergebnissen basierender Korrektur.
Zwei Beispiele werden genügen. In einer kürzlichen Rezension der Memoiren des Tivadar Soros wies der bekannte ungarische Gelehrte Istvan Deak darauf hin, dass „es sehr viele mitfühlende Zuschauer außerhalb Dänemarks gab,“ und kritisierte die Verfechter einer vereinfachten Ansicht, „die meinten, dass es während des Holocaust lediglich Täter, gefühllose Zuschauer , abgestumpfte Opfer und bloß eine handvoll Retter gab.“
Das litauische jüdische Museum hat kürzlich umfangreiche Listen litauischer Retter veröffentlicht, die mittlerweile auf mehrere Tausende geschätzt werden, provozierte damit aber etwas Gemurre, die Litauer würden versuchen, die Zahl der guten Nichtjuden „aufzublähen“.
In einer Nation von drei Millionen ist das beträchtlich mehr als eine Handvoll.

[AK: Yad Vashem hat 772 Litauer zu Gerechten unter den Völkern erklärt im Vergleich zu 476 Deutschen]


Ihrerseits haben die Litauer oft behauptet, dass es nur eine kleine Schar einheimischer Täter während des Holocausts gab, quasi der Abschaum der Gesellschaft, und dass ein großer Teil der Morde von Deutschen in litauischen Uniformen ausgeführt wurde.
Letzteres ist ein Mythos, für den es keine zuverlässigen Beweise irgendwelcher Art gibt.
Schlimmer noch, versuchen viele den Völkermord als Vergeltung für die angeblichen „Verbrechen der Juden“ zu rechtfertigen.


Als der Zusammenbruch der Sowjetunion den Weg zu bislang unzugänglichen Archiven öffnete, gab es große Erleichterung darüber, endlich die störenden historischen Fragen beantworten zu können, und besonders freuten sich diejenigen, die Grund hatten, die Sowjets der Manipulation historischer Forschung zu verdächtigen.
Der nationale Schatz der nun befreiten umfangreichen historischen Sammlungen würde letztendlich die Wahrheit ans Licht bringen und der politisierten Spekulation über bestimmte historische Fakten ein Ende setzen!
Einige predigten, das Urteil der Archive zu akzeptieren, unabhängig davon, ob die Ergebnisse die nationale Seele verletzten.
Es ist verblüffend, wie schnell diese Liebe zur Geschichte und den Archiven verschwand, sobald klar wurde, dass man auf die verstaubten Sammlungen nicht zählen konnte, um die lang gehegten und verehrten Versionen der Vergangenheit bestätigt zu bekommen; wenn überhaupt hatten die Dokumente neue Rätsel über das Jahr 1941 ans Licht gebracht.

 

Jäger Report Bundesarchiv/Wiki, detaillierte Listung Männer, Frauen, Kinder, Politkommissare etc.



Eine komplette Dokumentation der Tragödien und Verbrechen der Nazi-Besatzung muss noch abgewartet werden, aber vieles ist bereits von litauischen Wissenschaftlern unter Einbeziehung der Primärquellen getan worden. Unter anderem können wir Dres. Alfonsas Eidintas, Valentinas Brandisauskas und Arunas Bubnys erwähnen.

 

A. Eidintas (Wiki) A.Bubnys


Die meisten würden zustimmen, dass die umstrittensten Themen die Ereignisse der ersten Kriegswoche sind, einschließlich der Rolle der Litauischen Provisorischen Regierung (Provisional Government, PG), die zwischen dem 23. Juni und dem 5. August 1941 existierte, sowie die Ermordung der Juden am Höhepunkt des Nazi Genozids, also der Sommer und Herbst 1941.
In dieser letzten Periode, der Zeit der Schlachtfelder Litauens, wurde das Judentum des Landes vernichtet, und sie ist die blutigste Seite der modernen Geschichte der Nation.


Niemand sollte daran zweifeln, dass der anti-sowjetische Aufstand von 1941, der den Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieg begleitete, mehr als gerechtfertigt war.

Die Wut der Bevölkerung wurde durch das ungeheuerliche Verhalten der Stalinisten ausgelöst, die zusätzlich zu ihrem brutalen Verhalten während des Jahres der Sowjet- Besatzung, hunderte unschuldige Menschen während des chaotischen Rückzugs der Roten Armee ermordet hatten.
Das Bildnis der heroischen sowjetischen Antifaschisten, denen von einer heimtückischen fünften Kolonne litauischer Verräter „in den Rücken“ geschossen wurde, ist natürlich ein albernes Märchen, das von den Kreml –Verfechtern verbreitet wird.
Doch ist es auch wahr, dass der Aufstand Zeiten von schrecklicher Gewalt gegen echte und vermeintliche Kommunisten, und besonders gegen Juden, entfachte.

27.Juni 1941 wurden an der Lietukis Gargae mehr als 50 jüd. Männer geqüalt und vor den Augen der litauischen Zivilbevölkerung und deutscher Soldaten mit Eisenstangen erschlagen.

Rechts hinten ein Judenhasser in Aktion

Morde an der Lietukis Garage (Bilder Landesjustizverwaltung Ludwigsburg)


Die Massaker der Nacht vom 25. auf den 26. Juni in Vilijampole sowie die Lietukis- Garagen- Morde des 27. Junis 1941 sind die entsetzlichsten Beispiele.
Die Deutschen ermutigten, beobachteten und lauerten im Hintergrund, trotz alledem: Die Mörder waren meistens ethnische Litauer.
Es gab auch vereinzelt Vorfälle auf dem Land, einige jüdische Flüchtlinge wurden aufgegriffen, als sie versuchten, nach Osten zu flüchten.
Andererseits, trotz einer Reihe solcher Vorfälle, unterstützen die vorhandenen Beweise nicht das Bild eines großen Mobs von Einheimischen, die Juden zu Tausenden jagten, noch bevor die Deutschen einmarschierten, wie manche behaupteten.
Trotzdem gab es genug Gewalt gegen Juden.

Eines der umstrittensten Themen ist die Frage nach der Rolle der Litauischen- Aktivisten- Front (LAF), die antisowjetische Hauptwiderstandsbewegung, und seine kontroverse Nachkommenschaft, die Litauische Provisorische Regierung (Lietuvos laikinoji vyriausbe).
Im September 2000 beschloss die Litauische Seimas (A.d.Ü.: Parlament) eine Resolution, die dieser Regierung Rechtmäßigkeit bei der Wiederherstellung der Souveränität des Landes zubilligte.
Dies löste einen Sturm der Entrüstung aus.
Der Vorschlag war so schlecht durchdacht, dass der Führer der Konservativen Vytautas Landsbergis, der die Maßnahme befürwortet hatte, Präsident Adamkus unverzüglich darum bat, den Durchgang zu blockieren.
Die Legislative, die in einer klassischen tragikkomischen Situation gefangen war, widerrief das Gesetz und fachte damit eine weitere Runde der gegenseitigen Schuldzuweisung über die Rolle der Provisorischen Regierung und die blutige Geschichte des Sommers 1941 an.


An dieser Stelle könnten wir uns fragen: Welche Schlussfolgerung kann man mit ziemlicher Sicherheit über die PG und die LAF ziehen?
Niemand bezweifelt deren aufrichtigen Bemühungen für die Wiederherstellung Litauens Unabhängigkeit. Die eigentlichen Probleme entstehen, wenn man überlegt, was für ein Litauen sie schaffen wollten.
Und hier sind die Indizien ziemlich beunruhigend.
Das Litauen, wie es sich die LAF und die PG vorstellten (und Gott sei Dank damit nicht durchkamen), war klar als Gegenteil zur Ersten Republik 1918- 1940 gedacht.

Antanas Smetona


Bei allen Problemen unter der Smetona-Diktatur, die der Staat Litauen zwischen den Weltkriegen hatte, war es doch ein relativ tolerantes Land, das ethnische und religiöse Unterschiede akzeptierte und die westliche katholische Kultur unterstützte.
Trotz des zunehmenden Antisemitismus der 1930er Jahre und den Lockrufen der verschiedenen politischen Systeme, ob Faschismus oder Kommunismus, muss sich das Smetona-Regime nicht vor einem Vergleich mit dem gewaltsamen Rassismus, öffentlichen Lynchen und der Faszination für Eugenik der Amerikaner im gleichen Zeitraum scheuen.
Aber die radikalen LAF-Ideologen, besonders der Polemiker Bronys Raila, verspotteten Smetona. Sie wollten das „Neue Litauen“ als eine antisemitische, nationalistische Ein-Parteien-Diktatur mit einem Führer (vadas). Dieser sollte eine disziplinierte, ethnisch und kulturell monolithische Nation zu einer neuen Zukunft unter Leitung von „Großdeutschland“ führen.

A.Voldemaras (lks. auf der Bank) mit G.Stresemann

 


Eine extreme Fraktion von Unterstützern Augstinas Voldemaras , eine Gruppe die innerhalb der LAF arbeitete, hatten sich ein rassisch rein „arisches“ Litauen vorgestellt.
Diese Handvoll radikaler Offiziere war in ihrer Weltsicht durch und durch nazifiziert.
(Die älteren Mitglieder der LAF, z. B. General Stasys Rastikis, konnten sich nur schwer mit dieser neuen Radikalität abfinden). Es ist wichtig zu erkennen, dass diese Beschreibung des Parteiprogramms keine sowjetische Propaganda ist. Man braucht nur die Schriften und Dokumente der Radikalen zu lesen.



Keineswegs waren alle Litauer fasziniert vom „Neuen Europa“, aber diejenigen die es waren, hatten eine Menge Gesellschaft
Von Frankreich über die Slowakei, Norwegen und Kroatien, 1941 war die Stunde derer, die eine heroische Sichtweise auf einen wiedererstarkten Kontinent hatten , der sich von den jüdisch-bolschewistischen Fesseln und der bedrückenden „Plutokratie“ des korrupten „angelsächsischen“ Kapitalismus zu befreien suchte.
Um das zu sehen, müssen wir nur lesen, was die Bewunderer der „Neuen Ordnung“ selber vorschlugen.
Zweifellos würden die meisten Litauer, die sich die Mühe machten, diese Autoren heute zu lesen (sollte man jedenfalls hoffen), tief beschämt sein, aber diese Männer sind genauso Teil der Landesgeschichte wie die Märtyrer und Helden.

Da der Genozid der Juden die größte einzelne Gräueltat in der modernen litauischen Geschichte darstellt, ist es kaum überraschend, dass die aktuelle litauische Forschung die zwei Hauptthemen, die den Kern der „Bürde von 1941“ bilden, gegenüberstellt: die Rolle der politischen und kommunalen Führer des Landes im Angesicht des Holocaust sowie die Art und Weise des Genozids an sich.
Zwangsläufig müssen wir dann die Aktivitäten und Überzeugungen von zwei Institutionen untersuchen: der PG und der litauischen Polizei.
Die antisemitischen Überzeugungen der LAF und der PG sind bekannt.

Zeitung der LAF vom 27.7.1941 (jewishgen.org)

 


Jeder, der die erste Ausgabe von “I Laisve“ gelesen hat, ist betroffen von der Polemik auf der Titelseite.
Die Stunde der Befreiung wird begrüßt mit der Anschuldigung, dass „Juden und Bolschewisten“ ein und dasselbe sind.
Es gibt sogar noch schärfere Stellen in Naujoji Lietuva (herausgegeben in Vilnius) und in Zeitungen der Provinz.
Obwohl es wahr ist, dass die deutschen Militärzensoren ihre Arbeit wenige Tage nach dem Einmarsch begannen, initiierten sie diese Artikel nicht (wenngleich sie den Inhalt gebilligt haben werden).
Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass litauische (oder kroatische oder französische) Antisemiten ihre Hassreden mit Nazigewehren an ihren Köpfen verfassten.
Die PG verstand die antisemitische Atmosphäre im Lande.
Wie die meisten Regierungen, versuchte sie die Bevölkerung daran zu hindern, dass Gesetz selber in die Hand zu nehmen.
Andererseits verdeutlichen die neu entdeckten Protokolle der PG-Kabinettsitzungen, dass sie zwar keine Absicht hatte, Juden in Massen zu töten, aber dennoch bereit war, antijüdische ökonomische Maßnahmen, (basierend auf den Nürnberger Gesetzen der 1930er Jahre), zu verordnen.
Der umfassendste Ausdruck des offiziellen Antisemitismus der PG war der Entwurf des Kabinetts über die „Statuten der Situation der Juden“ (Zydu padeties nuostatai) vom 1.August 1941.

 

[AK: Siehe dazu auch: Holocaust in Litauen,V. Brandišauskas, S. 52f]

Die Männer der PG fühlten sich deutlich unwohl, waren schockiert von den Ausschreitungen, und es ist aktenkundig, dass sie sich von den Progromisten distanziert haben, besonders von der berüchtigten „Klimaitis–Bande“.

Juozas Luksa, Viktoras Vitkauskas, Petras Naujokas, Bronius Trumpa and Kazys Sirvys Klimaitis Freunde (Axis History Forum)

 

Die Protokolle besagen, dass Minister Landsbergis-Zemkalnis von der extrem grausamen Folter an den Juden in der Lietukis-Garage in Kaunas berichtete, als er Zeuge der berüchtigten Morde des 27. Juni 1941 wurde.
[A.K.: am 22.6.1941 begann der Angriff gegen die Sowjetunion, am 25.6.1941 marschierte die Wehrmacht in Kaunas ein]
Was entschied also das Kabinett?
In ihren eigenen Worten: „ Trotz der Notwendigkeit von Maßnahmen gegen die Juden wegen ihrer kommunistischen Aktivität und angerichteten Schäden bei der Deutschen Armee sollten Partisanen und Einzelpersonen öffentliche Hinrichtungen von Juden vermeiden“. [Hervorhebungen durch den Administrator]
Das ist kaum als eindringliche Verurteilung der antijüdischen Gewalt zu verstehen.
Der Metropolit des Landes, Erzbischof Juozas Skvireckas, welcher seinem Tagebuch anvertraute, dass Hitlers „Mein Kampf“ auch ein paar gute Punkte über die jüdische Weltverschwörung enthielt, schrieb auch über sein Entsetzen wegen der Lietukis- Garagen- Morde, und sandte seine rechte Hand, Monsignore Kazimieras Saulys, um bei den Kaunaer Machthabern gegen solche Exzesse zu intervenieren.
Aber all dies führte nicht zu Protesten der Öffentlichkeit, die zum Überdenken des Verhaltens wenigstens einiger der Litauer hätte führen können, die mehr oder weniger freiwillig bei den Morden mitgemacht hatten.
Die Einheiten, die weiter den Tod in den Festungen um Kaunas herum verbreiteten, bestanden nicht aus Außerirdischen: Das waren junge litauische Männer, die trotz allem in einem vorwiegend katholischen, westlich orientierten Land aufgewachsen waren.
(Natürlich kamen viele Nazis aus einer ähnlichen Kultur).
Nur öffentliche Führung hätte die schlechte Atmosphäre des ethnischen Hasses dämpfen können.
Mit anderen Worten, die Institutionen, die die Verantwortung für die Wiederherstellung einer befreiten Nation übernahmen, unterließen es, eine klare Botschaft abzugeben.
Eine einzelne Stimme innerhalb des Kreises der PG, die des Historikers Zenonas Ivinskis, drängte die PG angeblich dazu, sich öffentlich von den Morden an den Juden zu distanzieren, jedoch vergeblich.
Es ist wahr, dass der stellvertretende Premierminister Juozas Ambrazevicius (Brazaitis) während der letzten PG–Sitzung bedauerte, dass die PG die Ermordung der Juden in den Provinzen „nicht hatte beeinflussen können“.
Erneut war das kaum eine strenge Anklage der Massenmorde von Tausenden von Bürgern dieses Landes.



Keine Handlung der PG, wie auch jeder anderen litauischen Führung, hätte den Holocaust verhindern können.
[Hervorhebung AK]
Auch wenn nicht ein einziger Litauer den Finger gegen die Juden erhoben hätte, hätten die Deutschen die meisten ihrer Taten mit einem oder zwei zusätzlichen ihrer Polizeibataillone erreicht.
Öffentlicher Widerstand gegen die Massaker seitens der politischen Führer hätte die Juden nicht gerettet, aber die Ehre der Nation bewahrt.
Anfang Juli war der litauische Militärkommandant von Kaunas, Col. Jurgis Bobelis, zum Rapport bei der PG.
Zur gleichen Zeit veranstalteten die Nazi- Einsatzkommandos Massenerschießungen in den Forts von Kaunas, für die das litauische Büro des Kommandanten, (eingesetzt Mitte Juli von einer Nazi-Fraktion litauischer Offiziere unter Leitung der Gestapo), eigentlich die Verantwortung hatte.
Die PG hatte keine richtige Kontrolle über die litauischen Organe, die bei den grausamen Aktionen kooperierten, sie hatte ihrer Bildung aber zugestimmt.
Außerdem ließ die öffentliche Ausrichtung der PG auf das Reich und seine kriecherische Dankbarkeit für Hitler und das „Großdeutsche Reich“ die Öffentlichkeit nicht gerade vor den Völkermordabsichten der Nazis warnen.
Keine ausländische Regierung erkannte die PG an und sogar das litauische Diplomatische Corps, welches in den westlichen Hauptstädten noch funktionierte, war beunruhigt über die politische Richtung der Rebellenregierung.
Das war das unselige Regime, das die Seimas [A.K.: Litauische Parlament] mit den Patrioten des 16. Februar 1918 und 11. März 1990 gleichsetzen wollte.


Zu deren Verteidigung: Die meisten Mitglieder der PG weigerten sich, dem von den Nazis eingesetzten Rat, geleitet von General Petras Kubiliunas, beizutreten.
Die Regierung wurde am 5. August 1941 formal aufgelöst, obwohl sie immer noch auf Freundschaft mit Deutschland beharrte.
Dennoch blieb eine rudimentäre Verwaltung intakt, welche mit der Wahrung von Recht und Ordnung beauftragt und größtenteils von Offiziellen besetzt war, die schon vor der sowjetischen Besatzung dort gearbeitet hatten.
Die wichtigste inländische Strafverfolgungsbehörde war die litauische Polizeiabteilung, welche ihre Hauptabteilung in Kaunas hatte und von Oberst Vytautas Reivytis beaufsichtigt wurde.
Diese Behörde sollte eine fatale Rolle bei der Zerstörung des litauischen Judentums spielen.
Der Entschluss für den Massenmord wurde in Berlin getroffen.

 

Karl Jäger Leiter Einsatzkommando 3 (SS-Standartenführer)

 

In Litauen war Leiter und Buchhalter der Zerstörung der SS – Standartenführer Karl Jäger, dessen Berichte [A.K.: Jäger-Report] vom 1. September und 1. Dezember 1941 als grausige Geschäftsberichte des Völkermords hervorstechen.
Aber der Meister des Details, Leiter des täglichen Tötens, war ein ziemlich rangniedriger Nazi-Scherge aus Kiel, der 28 jährige SS-Sturmbannführer Joachim Hamann.
Der ältere Vytautas Reivytis hätte sich gegenüber Hamann hinsichtlich Dienstgrad und sozialen Status überlegen fühlen können. Als Sohn eines angesehenen Patrioten aus Mazeikiai fing der junge Reivytis 1925 im Polizeidienst an, nachdem er das Studium der Kriminalwissenschaften in Kaunas und Berlin abgeschlossen hatte. Er stieg in der Polizeibürokratie auf und erhielt einen hohen Rang bei der Bahnpolizei.
Als begabter Schütze, Jiu – Jitsu-Experte (der mit einigem Erfolg an internationalen Wettkämpfen teilnahm) und Luftfahrt-Begeisterter, passte Reivytis in das Image der Voldemarininkai, [A.K.: Anhänger von Augustinas Voldemaras] der harten rechtsradikalen „Männer der Tat“.
1940 flüchtete Reivytis nach Deutschland, bevor die Sowjets sein Schicksal in die Hände nehmen konnten.


Im Laufe des Sommers und Herbstes 1941 durchstreifte ein mobiler Trupp (das Rollkommando) unter Führung des energischen Hamanns das Land und tötete zehntausende Juden auf brutale Weise.
Die Einheit beschäftigte etwas ein Dutzend Deutsche und mindestens fünfmal so viele Litauer, die von Leutnant Bronius Norkus befehligt wurden.
Wo auch immer sie hingingen, wurden Hamann und Norkus von Mitgliedern der lokalen Polizei unterstützt, die unter geheimer Anweisung von Reivytis die bedauernswerten Juden zusammentrieben und bewachten.
Während großer Aktionen wie in Marijampole und Rokiskis wurden lokale Männer hinzugezogen, um die Reihen der Schützen aufzustocken.
Wann immer Probleme aufkamen, bat Reivytis Hamann unverzüglich um Anweisungen, selbst für kleinste Details der Operation.
Man weiß nicht ob sich der Oberst über seine demütige Unterordnung unter einen kleinen SS- Sturmbannführer ärgerte, aber es gab keinen Zweifel über seine Unterwürfigkeit und Loyalität gegenüber den Deutschen während der Besatzung.
Obwohl der Holocaust vor allem ein deutsches Projekt war, leisteten der unterwürfige Reivytis und viele seiner Polizisten ziemlich viel, um die Mörder einzusetzen und zu unterstützen.



Eine detaillierte (vorläufige) Untersuchung der Zahl der Todesopfer zwischen Juni und Dezember 1941, die unter der Leitung der historischen Kommission des litauischen Präsidenten über die nationalsozialistische und sowjetische Besatzung durchgeführt wurde, zeigt, dass mehr als 120.000 Bürger der litauischen Republik, meistens Juden, während dieser Periode von Rollkommandos (deutschen Nazi- Spezialeinheiten), bestimmten litauischen Polizeibataillonen und anderen ausgewählten, meistens einheimischen irregulären Kräften getötet wurden.

Bei einer vorsichtigen Schätzung über die Anzahl der Mörder kommt man auf mindestens ein paar tausend Täter.
Viel neues Material bezüglich des Holocaust in Litauen wurde bereits veröffentlicht und Historiker bereiten Studien vor, die uns bald mit einem weit besseren Verständnis der Tragödie von 1941 versorgen werden.
Größtenteils ist das professionelle historische Establishment der Zweiten Republik, besonders die Gelehrten, die für das Litauische Institut für Geschichte arbeiten, das Forschungszentrum zum Genozid und zum Widerstand (Anmerkung: Lietuvos gyventojų genocido ir rezistencijos tyrimo centras) als auch die litauischen Universitäten zu einer ehrlichen Untersuchung über die Geschichte übergegangen, die lange geleugnet und verzerrt wurde.
Insbesondere die jüngeren Gelehrten scheinen weniger abgeneigt, sich mit einer schmerzhaften und beschämenden Vergangenheit zu konfrontieren.


Diese allgemeine Sicht auf die Rolle der PG und der litauischen Polizei bei den Vorfällen von 1941 läuft in eine ganz andere Richtung als das, was in den Köpfen von mindestens zwei Generationen vorhanden ist.
Die Resonanz auf die vernichtenden Enthüllungen ist deshalb absehbar gewesen.
Wie jeder weiß, der die Polemiken, Rezensionen und akademischen Diskussionen kennt, haben die Standpunkte der neuen Forschung ein breites Spektrum: von völliger Zurückweisung und Leugnung (mit den üblichen Verschwörungstheorien) über das Bezweifeln bestimmter Fakten und Schlussfolgerungen bis zu ihrer Akzeptanz.
Es ist sinnlos, weitere lächerliche Fantasien zu diskutieren, zum Beispiel, dass das NKWD [A.K.: sowjetischer Inlandsgeheimdienst] hinter den Lietukis Morden stand: Solche Grübeleien bringen der Diskussion natürlich gar nichts, obwohl sie die geistige und moralische Unpässlichkeit eines Teils der litauischen Gesellschaft, mehr ein Thema für Sozialpsychologen als für Historiker, widerspiegeln.

Versuche, eine überzeugende entlastende Erklärung für die Aktionen der PG zu konstruieren, sind kläglich gescheitert.
Ernsthaftere Kritik kam von manchen Akademikern, sowohl von Nichtfachleuten als auch von Historikern, die die Authentizität und die Bedeutung der aktuellen Archivfunde und deren Interpretationen in Frage stellten.


Tatsächlich gibt es Widersprüche und Lücken in der historischen Aufzeichnung.
Vielleicht sind manche auch beabsichtigt, denn die sowjetischen Autoritäten waren ziemlich interessiert daran, „bürgerlichen Nationalismus“ anzuzweifeln, und sie waren engagiert, wenn es um Desinformationen ging, besonders während der 1970er und 1980er Jahre.
Aber es gibt keinen Beweis, dass irgendwelche wichtigen Dokumente, auf denen die aktuellen Studien basieren, in irgendeiner Form verändert oder gefälscht wurden.
Jeder Fachmann, der mit Dokumenten in den Archiven gearbeitet hat, weiß, dass sie Unstimmigkeiten, Widersprüche, ja sogar gelegentlich Tatsachenfehler enthalten können.
Sekretärinnen vertippen sich bei Daten, Funktionäre übertrieben gegenüber ihren Vorgesetzten; manchmal logen die Autoren, verdrehten Tatsachen oder verschwiegen etwas.
Sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen, die kleinen Widersprüche von den großen zu trennen, ist Teil des Historikerhandwerks.
Keine wissenschaftliche Rekonstruktion der Vergangenheit ist jemals vollendet, jemals wirklich perfekt bis auf den letzten Baustein zusammengefügt worden.
Gelehrte können auch anderer Meinung über die Bedeutung von Beweisen sein, auch wenn sie die Beweise an sich anerkennen.
Eine der Taktiken der amerikanischen Kreationisten ist es, mit Freude die Unstimmigkeiten unter den evolutionären Biologen und die Lücken in den fossilen Daten als Beweis gegen die wissenschaftliche Basis der Evolution zu zitieren.
Aber wir wissen, dass kein seriöser Wissenschaftler glaubt, das die Erde 6000 Jahre alt ist, selbst wenn sie nicht genau sagen können, wann auf der Erde wirklich Leben entstanden ist.

Mit anderen Worten: das allgemeine Bild bleibt gültig, selbst wenn manche Teile des Puzzles nicht ganz passen.
Als Reaktion über die Funde der Kabinetts – Protokolle der Provisorischen Regierung aus dem Jahr 1941 kam es auch zu Fragen im „Kreationisten Stil“.
Vielleicht gibt es für diejenigen, die sich nicht am politischen Rand befinden, keinen anderen Weg um die Auseinandersetzung mit den unschönen Wahrheiten, die aus den Archiven aufsteigen, zu vermeiden.
Der einzige Weg für Litauer, sich von der Last ihrer schwierigen Geschichte von 1941 zu erleichtern, ist der, sich ihrer anzunehmen.
Wie kunstvoll auch immer präsentiert, die Strategien des Leugnens und der Ausflüchte, das Zeigen und die selbstgerechte Empörung auf die anderen führen nur dazu, die Gesellschaft weiter zu belasten.
Zuzugeben, dass die moralischen und politischen Führer des Jahres 1941 versagten, und dass Tausende von Litauern am Holocaust beteiligt waren, ist eine der Vorbedingungen für Litauens Akzeptanz als Mitglied der transatlantischen Gemeinschaft der Nationen.
Das Erkennen einer historischen Last ist nicht das gleiche wie das Akzeptieren einer kollektiven Schuld.
Keine rechtschaffene Person behauptet, dass Litauen ein Land von Kriminellen ist, oder das die heutigen Litauer verantwortlich dafür sind, was 1941 passierte (nicht mehr als heutige Amerikaner für die Sklaverei verantwortlich sind).
Aber das Erbe dieser Verbrechen - die historische Bürde – wird bleiben.
Versuche des Ausweichens, Leugnens, Minimierens oder des Umdeutens der historischen Vergehen werden langfristig nicht erfolgreich sein.
Am 60. Jahrestag des Holocaust in Litauen, dem 20. September 2001, hielt die Seimas [A.K.: Parlament] eine Gedenkfeier, während der Alfonsas Eidintas (der Historiker ist nominiert als nächster litauischer Botschafter in Israel) eine eloquente Rede hielt.
Seine Rede mag die direkteste und ehrlichste öffentliche Abrechnung mit der litauischen Judenvernichtung sein.


Der schrecklichste und wichtigste Aspekt der traurigen Geschichte war, so folgert er, dass „manche litauischen Bürger beim Mord anderer litauischer Bürger geholfen haben“.


Wenn man sich das eingesteht, akzeptiert man die Bürde von 1941.

 

Das englische Original mit Anmerkungen gibts hier

 

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Das Wilna-Problem in der polnischen Außenpolitik

 

"Unerschütterlicher Grundsatz war, daß keine litauische Regierung, die auf Wilna verzichtete, länger als einen Tag an der Macht bleiben würde. "

 

Für die meisten Menschen, hier sind die Litauer (selbst die Bürger von Vilnius) nicht ausgenommen, ist der umstrittene Status von Vilnius (oder Wilna) unbekannt. Doch wurde um Vilnius noch vor 90 Jahren gekämpft. Beharrten Polen und Litauer darauf, dass Vilnius zu ihrem Staatsgebiet gehört. Für die heute lebenden Litauer ist Vilnius als litauische Hauptstadt genauso selbstverständlich wie Klaipeda schon immer zu Litauen gehörte.

 

Die Geschichte ist im Falle Vilnius aber verzwickt. Hatten sich die Staaten Litauen und Polen doch seit 1386 durch eine Personalunion so eng aneinander gebunden, dass die stärkere polnische Kultur das kleinere Litauen überflutete. Die litauische Hauptstadt Vilnius wurde eine internationale Stadt (wie Tomas Venclova treffend beschreibt, und dadurch von litauischen Nationalisten angefeindet wird). So kam es, dass 1916 in Vilnius nur noch 2,1 % Litauer wohnten. Aber 54 % Polen und 41 % Juden. Vilnius war eine multikulturelle Stadt, es wurde Jerusalem des Ostens genannt. Dieser Charme ist auch heute noch zu spüren, wenn man durch die Altstadt spaziert.

Viele berühmte Polen stammen aus dem Vilniuser Gebiet. Auch der ehemalige polnische Präsident Josef Pilsudski ist in Vilnius geboren, sein Herz in Vilnius begraben. Pilsudski war die treibende Kraft nach den Wirren des II. Weltkrieges Vilnius wieder in das polnische Staatsgebiet zu integrieren. Russland, Litauen und Polen waren an der Stadt interessiert.Ein tiefes Verständnis für die Geschichte von Vilnius (aber auch Litauens und Polens) vermittelt dieser interessante Artikel von Piotr Lossowski. (So war der zwielichte Kazys Skirpa während der schwierigen Nachkriegsjahre Gesandter in Warschau)                                                                                                                                                                                      

Professor Lossowski, geb. 1925, ist ein polnischer Historiker, Mitarbeiter der Polnischen Lehrakademie und der privaten Hochschule Collegium Civitas in Warschau. Lossowski spricht litauisch und hat sich auf die litauisch-polnische Zwischenkriegszeit, die polnische Außenpolitik der II. Polnischen Republik und die Baltische Geschichte spezialisiert.

Wir veröffentlichen diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung von Prof. Lossowski. Hervorhebungen durch Andreas Kuck.

 

 

Das Wilna-Problem in der polnischen Außenpolitik

1918-1939

von Piotr Lossowski

 

Die Bedeutung des Wilna-Problems in der Außenpolitik der zweiten polnischen Republik trat deutlich vor dem Hintergrund des polnisch-litauischen Konflikts hervor. In dieser Frage hatte die polnische Diplomatie Ganzheit und Integrität des Staates gegen Territorialansprüche eines Nachbarn zu verteidigen. Da die Standpunkte beider Seiten, Polens und Litauens, sich wechselseitig ausschlossen, zog sich die Auseinandersetzung über Jahre hin und nahm an Schärfe zu. Sie bildete einen gefährlichen Brandherd im östlichen Mitteleuropa, weckte die Aufmerksamkeit der Politiker, Diplomaten und Publizisten und zog später das Interesse der Forscher auf sich. Gewiß erschöpfte sich die Gesamtheit jener Schwierigkeiten, die mit dem polnisch-litauischen Konflikt zusammenhingen, nicht in der Wilna-Frage. Sie war aber unlösbar in den Zusammenhang eingebunden und stellte eines seiner Hauptprobleme dar.

Die polnische Haltung gegenüber Litauen wurde bereits in einer Äußerung Jozef Pilsudskis vom 18. Dezember 1918 deutlich. An eine Delegation von Litauern gewendet, sagte er, dass er nichts dagegen habe, wenn ein unabhängiger litauischer Staat entstehe. Er forderte allerdings, daß die Litauer ihre Ansprüche auf das ethnographische Litauen beschränkten, weil zum historischen Litauen unzweifelhaft polnische Gebiete gehörten. Mit anderen Worten: Er gab zu verstehen, dass nur ein föderativ mit Polen verbundenes Litauen auf den Besitz Wilnas zählen könne. Andernfalls werde es sich auf rein ethnographische Territorien beschränken müssen.

Pilsudskis Haltung war insoweit begründet, als sogar die in den Jahren 1916/17 von den Deutschen durchgeführte Volkszählung für die Stadt Wilna 54% Polen, 41% Juden und nur 2,1% Litauer nachwies. Das betraf auch die nächste Umgebung der Stadt. Der Volkszählung nach gab es im Wilnaer Kreis mit 63.000 Einwohnern 56.000 Polen und 2.700 Litauer.

Die unterschiedliche Haltung Polens und Litauens zeigte sich in vollem Umfang schon bei der Pariser Friedenskonferenz. Am 28. Februar 1919 überreichte der polnische Vertreter Roman Dmowski dem Forum eine Note, die die Eingliederung des gesamten litauischen Staates in den polnischen Staat forderte. In einem Schreiben an die Friedenskonferenz vom 3. März erklärte Dmowski: „Das Gebiet mit litauischer Sprache sollte als ein gesondertes Land in die Grenzen des polnischen Staates eingegliedert werden.“

So weit ging Pilsudskį nicht. Konsequent hielt er sich an seine im Dezember 1918 festgelegte Haltung. Vor dem Beginn der Offensive gegen Wilna, im April 1919, schickte er eine Delegation nach Kaunas, die der litauischen Regierung die Erneuerung der Union und eine Wiederherstellung des ehemaligen Großfürstentums Litauen offiziell anbot. Der Vorschlag wurde abgelehnt. Trotzdem ließ Pilsudskį nach der Befreiung Wilnas aus der Hand der Bolschewiki einen Aufruf „An die Bevölkerung des ehemaligen Großfürstentums Litauen“ verbreiten, in dem er zusagte, dass die Bewohner über ihre Zukunft selbst entscheiden sollten. Ihre in demokratischen Wahlen berufenen Vertreter würden über die Lösung innerer, nationaler und religiöser Angelegenheiten entscheiden. Nach der Eroberung Wilnas stoppte er den Vormarsch des polnischen Heeres nach Westen, so dass das ethnographische Litauen nicht besetzt wurde. Zwischen dem polnischen und litauischen Heer wurde eine Demarkationslinie festgelegt.

Als Roman Dmowski, der Führer der polnischen Nationaldemokraten, von der Einnahme ganz Litauens sprach, bestanden auch von Seiten Litauens sehr weit reichende territoriale Ansprüche. Am 24. März 1919 trat in Paris Augustinas Voldemaras mit einer Note an den Vorsitzenden der Friedenskonferenz heran, die Ansprüche auf die Rückforderung verschiedener Gebiete enthielt. Die Note umfasste folgende Gouvernements: Wilna, Kowno, Grodno und Suwalki sowie einen Teil Kurlands und Ostpreußens. Insgesamt forderte Litauen ein Gebiet von etwa 125.000 km2, mit einer Bevölkerungszahl von 6 Millionen. Auf diesem Territorium waren kaum ein Drittel der Bewohner Litauer.

Aufgrund der großen Unstimmigkeiten ist es nicht verwunderlich, dass die mehrmals aufgenommenen Verhandlungen erfolglos blieben. Am Ende beschränkte sich die litauische Haltung auf die entschlossene Forderung, Wilna einzugliedern, bei der gleichzeitigen Weigerung, wieder Beziehungen zu Polen aufzunehmen. Abgesehen von der extremen Haltung Dmowskis reduzierte sich die Position der polnischen Regierung auf eine Anerkennung des eingetretenen Status quo durch die Litauer. Die Abtretung Wilnas wurde von dem Einverständnis für eine Föderation abhängig gemacht. Die polnische Seite war insoweit in einer besseren Situation, als die Stadt selbst in ihrer Hand war.

Aber schon im nächsten Jahr änderte sich die Situation vollständig. Infolge der Offensive der sowjetischen Armee im Juli 1920 wurden die polnischen Truppen zum Rückzug gezwungen. Litauen schloss jetzt einen Friedensvertrag mit Russland, in dem vereinbart wurde, daß die sowjetische Seite Litauen nicht nur Wilna abgab, sondern auch Braclaw, Lida und Grodno, also Gebiete, in denen fast keine litauische Bevölkerung lebte. Der scheinbaren Großzügigkeit der sowjetischen Regierung lagen zwei Motive zugrunde: Russland wollte Litauen auf seiner Seite in den Krieg einbeziehen und war überzeugt, im Falle eines Sieges Litauen sowieso in die Hand zu bekommen. Letztlich verletzte Litauen seine neutrale Haltung im laufenden Krieg, was sich am deutlichsten im aktiven Eingreifen litauischer Truppen gegen die sich aus der Wilnaer Region zurückziehende polnische Armee zeigte. Die sowjetischen Machthaber gaben den Litauern Wilna jedoch nicht sofort zurück. Die Übergabe der Stadt erfolgte erst am 26. August 1920 — zu einer Zeit, als die geschlagene sowjetische Armee sich schon von Warschau zurückzog.

Die polnische Regierung erkannte den litauisch-sowjetischen Vertrag nicht an, musste sich jedoch im belgischen Spa, da sie von den Westmächten Hilfe im Krieg gegen die Bolschewisten suchte, den Alliierten gegenüber zur Bereitschaft verpflichten, „die Entscheidung des Höchsten Rates über die litauischen Grenzen zu akzeptieren“. Diese Verpflichtung wirkte sich auf das weitere Verhalten der Regierung in der Wilna-Frage aus. Als nach der gewonnenen Schlacht an der Memel die polnische Armee das Operationsfeld der litauisch-weißrussischen Gebiete betrat, stellte sich für Marschall Pilsudskį die Frage nach dem Wie der Rückgewinnung Wilnas — nur nach dem Wie, denn der Sachverhalt an sich ließ keinen Zweifel. Jozef Pilsudskį war von der Notwendigkeit einer Rückeroberung Wilnas überzeugt, da die Stadt seinerzeit durch die Kriegsgeschehnisse unter Zwang verlassen werden musste und darüber hinaus Litauen die Zusage seiner Neutralität im polnisch-sowjetischen Krieg nicht eingehalten hatte.

Eine Schwierigkeit bildeten jedoch die in Spa eingegangenen Verpflichtungen. In dieser Situation beschloss Pilsudskį, sich einer Täuschung zu bedienen und gegenüber den Westmächten eine angebliche Meuterei jener Teile der polnischen Armee, deren Soldaten aus litauischen Gebieten stammten, vorzuschieben. Eine solche Aktion wurde unter der Leitung des Generals Lucjan Zeligowski vorbereitet und führte am 9. Oktober 1920 zur Besetzung Wilnas. Auf dem besetzten Territorium gründete General Zeligowski einen Quasi-Staat mit dem Namen Mittellitauen. Politisch versuchte sich Polen der Verantwortung für die Wilna-Aktion Zeligowskis zu entziehen, gab aber gleichzeitig zu verstehen, dass der General durch die polnische Regierung gedeckt sei. Mit dem darin liegenden Widerspruch kam man kaum zurecht.

In Pilsudskis Konzept war Mittellitauen als Trumpfkarte für die Verhandlungen mit Litauen gedacht. In Polen hoffte man, die Litauer würden für das Angebot, Wilna zurückzugeben, der Föderation bzw. einer anderen Verständigungs- oder Kompromissform zustimmen. Man begegnete aber, ähnlich wie früher, einer unnachgiebigen Haltung. Es kam lediglich am 29. November zu einem Waffenstillstand. Die späteren Gespräche, die zuerst nur zwischen den beiden Staaten, dann unter Vermittlung des Völkerbundes geführt wurden, endeten ebenfalls erfolglos. Unter diesen Umständen reifte auf polnischer Seite der Entschluss, die Frage der Zukunft Wilnas einseitig und ohne Rücksicht auf Litauen zu lösen. Es wurde beschlossen, Wahlen zum Wilnaer Sejm, der über die Zukunft der Region entscheiden sollte, in Mittellitauen durchzuführen. Die polnische Seite bemühte sich, die Wahlen möglichst frei und ohne Druck abzuhalten. General Zeligowski verließ aus diesem Grund mit seinem Heer das der Abstimmung unterliegende Gebiet. Mit der Durchführung der Wahlen beauftragte Polen eine Gruppe bewährter Personen mit dem Generalkommissar Zygmunt Zabierzowski an der Spitze. Alle Nationalitätengruppen bekamen die Möglichkeit, ihre Kandidaten vorzuschlagen. Manche litauischen Funktionäre jedoch riefen zu einem Wahlboykott auf. Sie bemühten sich, auch andere nationale Minderheiten zur Verweigerung der Stimmabgabe zu veranlassen. Da die Teilnahme an den Wahlen freiwillig war, befolgte ein Teil der Minderheiten den litauischen Aufruf.

Die litauischsprachige Bevölkerung nahm nur in geringem Umfang an den Wahlen teil (8,2% aller Wahlberechtigten). Nicht groß war ebenfalls die Beteiligung der Juden (15,3%). Dagegen gingen 41% der Weißrussen sowie 66% der Karaimer und Tataren zu den Urnen. Die Wahlbeteiligung der polnischen Bevölkerung, die die Mehrheit bildete, war desgleichen sehr stark. Im Endergebnis zeigte sich, daß 64,4% aller Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht hatten. Die Wahlbeteiligung war damit insgesamt sehr groß. Der neu gebildete Wilnaer Sejm sprach sich am 20. Februar 1922 für die Eingliederung Wilnas und des umliegenden Gebietes nach Polen aus. Dieser Entscheidung stimmte der polnische gesetzgebende Sejm in Warschau am 24. März des Jahres zu. Die litauische Regierung dagegen verlieh ihrem Protest energisch Ausdruck, indem sie die Wahlen und die Entscheidungen des Wilnaer Sejm nicht anerkannte.

Daher bemühte sich die polnische Seite in der Wilna-Frage um internationale Sanktionen, um den Status quo sowie die geschaffenen und vollendeten Tatsachen beibehalten zu können. Litauen gegenüber bemühte man sich um Verständigung und Herstellung regulärer diplomatischer Beziehungen, jedoch unter der Bedingung, dass es den derzeitigen Zustand anerkennen sollte. In einem Schreiben an den Ratsvorsitzenden des Völkerbundes, Paul Hymans, stellte der polnische Außenminister Konstanty Skirmunt am 23. Januar 1922 fest: „Conformemant aux désires du Conseil le Gouvernement Polonais ne manquera pas de renouveler au Gouvernement Lithuanien la proposition d’établir immédiatement entre les deux Gouvernements des relations diplomatiques et consulaires, qui ne peuvent que contribué désormais de la façon la plus effective à consolider les rapports pacifiques de bon voisinage si justement recommandés aux deux Gouvernements par le Conseil.“

Ähnliche politische Schritte wurden auch direkt an Litauen gerichtet. Dabei hielt man sich an folgende Regel: „Unsererseits nehmen wir, zumindest vorläufig, die Frage Wilnas aus dem Bereich der polnisch-litauischen Beziehungen heraus und streben nach einer Verständigung mit Litauen auf der Grundlage der gemeinsamen Interessen zweier benachbarter Staaten. Zur Zeit bestehen keine Chancen für eine solche Verständigung. Da wir jedoch immer energischer unsere Bereitschaft dazu hervorheben, schaffen wir eine für uns bequemere Situation, um in der Frage Wilnas zu gewinnen.“

In der oben dargestellten Haltung zeigten sich im Vergleich zu der vorherigen Zeit neue Faktoren. Die Hoffnung auf Gründung einer Föderation mit Litauen wurde immer weiter hinausgeschoben, in den Vordergrund trat jetzt die Frage nach einer Regelung der gegenseitigen staatlichen Beziehungen, dies aber auf der Grundlage des nun geschaffenen Status quo. Sehr deutlich wurde das in einem 1922 vom polnischen Außenministerium verfassten Memorandum unter dem Titel „Das Programm der polnischen Politik gegenüber dem gegenwärtigen litauischen Staat". In der Ausarbeitung mit Weisungscharakter war unter anderem zu lesen: „Man soll jede Anstrengung unternehmen, um zu Litauen diplomatische Beziehungen herzustellen. Die ,de jure' Anerkennung Litauens ist der Preis, der gezahlt werden muß, um konsularische Beziehungen herstellen zu können.“ Weiter wurde festgestellt: „Es könnten zur Zeit folgende reale Vorschläge an die litauische Hauptstadt Kaunas gerichtet werden:

  1. De jure Anerkennung Litauens als Gegenleistung zur Herstellung der diplomatischen Beziehungen (mindestens Konsulate),
  2. gegenseitige Förderung des privaten Handels zwischen Polen und Litauen.“

Zum Konflikt um Wilna heißt es eindeutig: „Das Thema Wilna ist nicht nur aus den Verhandlungen mit Litauen herauszuhalten, sondern es soll auch weder daran erinnert noch durch Repressalien gegen Litauer in diesem Gebiet Salz in die Wunden gestreut werden.“ Dieser Haltung lag das Bestreben nach einer möglichst schnellen rechtmäßigen Anerkennung des politischen Status quo zugrunde. Das anzustrebende Ziel fasste Stanislaw Baczynski 1938 in internen Ausarbeitungen des Außenministeriums folgendermaßen zusammen: „Litauen hatte im politischen Spiel dem Völkerbund gegenüber alles zu gewinnen, Polen konnte nur verlieren, da es das ganze zurück gewonnene Land unter seiner Macht beließ. Der einzige Gewinn und damit das Ziel der polnischen Politik war unter diesen Bedingungen eine Veränderung der Lage aus einer Situation du fait in eine du droit.“ Diesem Punkt waren die gesamten Bemühungen der polnischen Seite untergeordnet.“

Wegen des entschlossenen Widerstandes der litauischen Seite war die Aufgabe nicht leicht zu bewältigen. Dennoch wurde an beruhigenden Erklärungen Litauen gegenüber nicht gespart. Minister Skirmunt erklärte am 22. Mai 1922 in der Sitzung des Sejm: „Als Antwort auf unbegründete Drohungen des Delegierten Litauens sage ich, dass Polen — gemäß der vor dem Rat des Völkerbundes eingenommenen Verpflichtung — Litauen nicht überfallen wird. Wir sind immer bereit, mit der litauischen Regierung direkte Verhandlungen aufzunehmen, um die Beziehungen im Sinne einer guten Nachbarschaft zu regeln.“

 

Der Nachfolger Skirmunts, Gabriel Narutowicz, nahm eine ähnliche Haltung ein. Er legte vor allen Dingen Wert darauf, daß die polnische Regierung angesichts der Entscheidung des Wilnaer Sejm der Meinung sei, die Frage der Zugehörigkeit Wilnas zu Polen bereits endgültig geklärt zu haben. „Die Frage Wilnas“, sagte er in einem Presseinterview am 25. Juli 1922, „sollte nicht Gegenstand von Tagungen auf internationaler Ebene sein. Das Schicksal der Region Wilna ist durch den Volkswillen definitiv besiegelt.“

Die Haltung der litauischen Seite war ähnlich entschlossen und unversöhnlich. Polnische Vorschläge, Verbindung zueinander aufzunehmen, und das Lockmittel einer rechtsverbindlichen Anerkennung Litauens machten in Kaunas keinen Eindruck. Unerschütterlicher Grundsatz war, daß keine litauische Regierung, die auf Wilna verzichtete, länger als einen Tag an der Macht bleiben würde.

Die Politik der litauischen Machthaber stand im Gegensatz zum Verhalten der polnischen Seite. Je lauter in Warschau erklärt wurde, die Wilna- Frage sei kein internationales Problem, desto stärker bemühte man sich in Kaunas, bei jeder Gelegenheit öffentlich an das Thema zu erinnern und hervorzuheben, dass die Frage weiterhin offen und ungeklärt sei.

Wenn man tiefer in die Problematik eindringt, erweist es sich, daß für die litauischen Politiker die Situation eines andauernden Konflikts mit Polen sogar gewisse Vorteile bot. Dies wird in vielen Quellen bestätigt, unter anderem in den Worten von Aleksandras Merkelis, dem Sekretär des Präsidenten Smetona, der nach Jahren schrieb: „Aus der Tatsache, daß Litauen mit Polen keine Beziehungen unterhielt, hatte es mehr Nutzen als Schaden. Bevor eine Generation mit einem starken Nationalbewusstsein aufwuchs, wurde die polnische Überflutung gestoppt. Diplomatische Beziehungen hätten der Wirtschaft Litauens wenig genutzt. An das Fehlen bilateraler Beziehungen mit Polen hatte man sich schon so gewöhnt, daß es eigentlich selbstverständlich und natürlich zu sein schien und anders nicht vorstellbar war.“

Weil es unmöglich war, sich mit der litauischen Seite zu verständigen, blieb der polnischen Regierung nur übrig, unter Vermittlung dritter Staaten zu handeln. Das war nötig, um die Einwilligung und Sanktionierung der Westmächte für die Eingliederung Wilnas in polnisches Staatsgebiet zu erhalten. Dabei handelte es sich um eine wichtige außenpolitische Aufgabe, um die sich die polnischen Diplomaten besonders seit Ende 1922 bemühten. Zu Beginn des Jahres 1923 beschloss Warschau, die willkürliche litauische Besetzung von Memel auszunutzen, um die Zustimmung zur endgültigen Einvernahme Wilnas zu erreichen. Unmittelbar nach dem litauischen Überfall wurde vor der Konferenz der Botschafter ein Protest gegen die Verletzung der Rechte Polens auf Nutzung eines freien Hafens in Memel überreicht und die juristisch verbindliche Anerkennung der polnisch-litauischen Grenze gefordert.

In London gab man zu verstehen, daß Großbritannien bereit sei, für die Anerkennung der östlichen Grenzen des polnischen Staates zu sorgen. Eine große Rolle spielte ebenfalls die Initiative der italienischen Regierung, die am 30. Januar 1923 vorschlug, daß die Botschafter-Konferenz die Memel-Frage nach der der polnischen Ostgrenzen untersuchen und diese endgültig klären solle. Der polnischen Diplomatie gelang es unterdessen (3. Februar) jedoch, die Einwilligung des Völkerbundes zu erhalten, den zwischen Polen und Litauen noch bestehenden neutralen Streifen zu teilen. Ein solcher Schritt wäre gleichbedeutend mit einer Anerkennung der Grenzen zwischen beiden Ländern gewesen.

Die polnische Regierung beschloß, andere Länder weiterhin unter Druck zu setzen, um die Angelegenheit endgültig zu klären. Der Sejm betonte am 12. Februar 1923 in einem Beschluß, die Anerkennung der polnischen Ostgrenzen sei eine politische Notwendigkeit und zugleich Bedingung für den Frieden insgesamt. Die polnische Regierung ihrerseits wandte sich am 15. Februar an die Botschafterkonferenz und verlangte offiziell, den Artikel 87 des Versailler Vertrags anzuwenden, in dem stand: „Polnische Grenzen, die in diesem Vertrag nicht festgelegt wurden, werden später durch die verbündeten und vereinigten Hauptmächte festgelegt.“

Die polnischen Bemühungen endeten erfolgreich. Am 14. März 1923 fiel die Entscheidung der Botschafterkonferenz, und am 15. März erfolgte die Ratifizierung des Zusatzprotokolls zum Versailler Vertrag. Darin wurde die Grenze Polens zu Rußland und Litauen bestätigt. Das war ein großer Erfolg der polnischen Diplomatie; der polnisch-litauische Konflikt um Wilna verlor damit an internationalem Interesse. Zugleich entstand eine neue Situation im Bereich der polnisch-litauischen Beziehungen.

Die litauische Regierung war sich der Lage bewußt. Dennoch versuchte sie zu protestieren und die Diskussion über die Wilna-Frage auf die Ebene des Völkerbundes zu bringen. Das Sekretariat des Völkerbundes stellte in einer Erklärung vom 27. März aber eindeutig fest, daß der Entschluß der Botschafterkonferenz „dem System der am 8. Oktober 1920 begonnenen provisorischen Abgrenzungen ein Ende bereitet“. Von diesem Zeitpunkt ab seien Verhandlungen seitens des Völkerbundes nicht mehr erforderlich. Angesichts des weiteren Drucks erklärte am 21. April der Vertreter des Völkerbundes, Paul Hymans, dem litauischen Delegierten, daß der Bund seine Aufgabe, den Frieden zu bewahren, erfüllt habe. Seine Intervention habe einen Krieg zwischen Polen und Litauen verhindert. Jetzt werde die politische Grenze gemäß dem von der litauischen Regierung anerkannten Versailler Vertrag gezogen.

Während die litauische Diplomatie auch weiterhin nicht resignierte und gegen den Beschluss vom 15. März 1923 vorzugehen suchte, bereitete die Botschafterkonferenz weiteren Diskussionen ein Ende. In einer Note an die Regierung Litauens vom 3. Dezember 1923 hielt die Konferenz fest, dass die Frage der polnisch-litauischen Grenze „abgeschlossen“ sei, und gab ihrer Hoffnung Ausdruck, daß Litauen „im eigenen Interesse“ friedliche Beziehungen zu Polen herstelle.

Obwohl die litauische Regierung auf dem internationalen Parkett erfolglos geblieben war, setzte sie mit Entschlossenheit ihre Politik fort. Hartnäckig wiederholte sie, daß es nach der Besetzung Memels die nächste Aufgabe sei, die Wegnahme Wilnas rückgängig zu machen. Ähnliche Worte wurden vor allem im internen Gebrauch verwendet. Man betonte immer wieder, dass eine litauische Regierung, die eine „Verständigung mit Polen suche“, ohne Wilna zurückzufordern, die Macht nicht lange innehaben könne. Zur Betonung des unbeugsamen Willens, um Wilna zu kämpfen, und zur gleichzeitigen Mobilisierung der Gesellschaft wurde im April 1925 ein Verein zur Befreiung Wilnas gegründet. Der Verein wuchs schnell und zählte bereits Ende 1931 288 Ortsgruppen mit zusammen 15.000 Mitgliedern. Im Statut stand, dass „das Ziel des Vereins die Befreiung des besetzten Ostlitauens“ sei.

In Polen beobachtete man aufmerksam das Vorgehen Litauens. Man versuchte, die Argumente der litauischen Propaganda in Bezug auf Wilna zu entkräften und zu widerlegen. So wurde z.B. in einem in den europäischen Hauptstädten verbreiteten Memorandum im November 1924 formuliert: „Vilno ne constitue point un élément pouvant décider de l’existence de l’Etat lithuanien indépendant; bien au contraire, l’opinion lithuanienne atteste à l’unanimité que du moment, où Vilno aurait été réuni à la Lithuanie, la situation économique actuelle si désastreuse de l’Etat s’en trouverait aggravée (...)“

Immer wieder gab es seitens der litauischen Diplomatie Versuche, die Wilna-Frage in das Forum des Völkerbundes einzubringen. Als 1924 die litauische Delegation auf die Tagesordnung der 5. Sitzung der Vollversammlung des Völkerbundes die Wilna-Frage setzen wollte, versuchte die polnische Diplomatie alles, um dies nicht zuzulassen. Sie wurde dabei von der französischen und japanischen Delegation unterstützt.

Andererseits unternahm man viel, um Litauen zu einer Regelung der Beziehungen zu Polen zu bewegen, wobei man jede erdenkliche Gelegenheit nutzte. 1924 bot sich die Ratifikation der Memel-Konvention durch Litauen an. Einer der Punkte der Konvention enthielt die Verpflichtung Litauens, den freien Verkehr auf der Memel zu sichern. Die polnische Seite nahm diesen Passus als Ausgangspunkt, und es kam mit Unterstützung der westlichen Mächte im August 1925 in Den Haag zu offiziellen polnisch-litauischen Gesprächen.

Die Einstellungen und Ziele beider Seiten waren von Anfang an völlig gegensätzlich. Die polnische Delegation strebte eine vollständige Regelung der Beziehung an, die litauische Delegation dagegen bekam von ihrer Regierung die Anweisung, sich nur mit technischen Problemen des Transits und der Flußfahrt auf der Memel zu befassen. Im Endeffekt wurde nicht einmal eine konsularische Betreuung der Flößer vereinbart. Die Gespräche in Den Haag endeten erfolglos. Allein der Hartnäckigkeit der polnischen Delegation war es zu verdanken, daß nach einigen Wochen die Verhandlungen in Lugano wieder aufgenommen wurden. Da die litauische Delegation die Anweisung hatte, sich „in weiteren Verhandlungen nicht zu engagieren“, endeten auch die Gespräche in Lugano ohne Erfolg. Eine große Rolle spielte dabei der organisierte Druck der litauischen öffentlichen Meinung, der sogar eine Regierungskrise herbeiführte.

Weder in Den Haag noch in Lugano ließ die polnische Seite zu, daß die Wilna-Frage angesprochen wurde. Trotzdem existierte das Problem und tauchte bei jeder Gelegenheit auf. Beispielsweise legte Anfang des Jahres 1926, als sich die polnische Diplomatie um einen nicht ständigen Sitz im Rat des Völkerbundes bemühte, Mečislovas Reinys, der Außenminister Litauens, dem Rat des Völkerbundes eine Note vor (12. März), in der er gegen die Erteilung des Sitzes an Polen protestierte und gleichzeitig daran erinnerte, daß die Wilna-Frage für Litauen „offen“ bliebe.

Die neu gewählte Mitte-Links-Regierung Litauens brach aus der Solidargemeinschaft der Ostsee-Anliegerstaaten aus und schloss am 28. August 1926 einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion ab. Der litauischen Diplomatie gelang es dadurch, die indirekte Unterstützung der sowjetischen Seite in der Wilna-Frage zu gewinnen, denn alle Beschlüsse des litauisch-sowjetischen Friedensvertrags von 1920 sollten in Kraft bleiben. Weiterhin erklärte die sowjetische Regierung in einem Zusatzprotokoll, daß „die faktische Verletzung der litauischen Grenze gegen den Willen des litauischen Volkes das im Vertrag vom 12. Juli 1920 festgelegte Verhältnis zur territorialen Souveränität nicht erschüttert“.

In Warschau betrachtete man das als einen die Rigaer Beschlüsse verletzenden Akt der Sowjetunion gegen Polen. Der stellvertretende Außenminister Roman Knoll protestierte scharf gegenüber dem sowjetischen Botschafter, indem er betonte, dass „in Polen keine Wilna-Frage bestehe und Wilna samt Grodno polnisch sei".

Am 17. Dezember 1926 erfolgte in Litauen ein politischer Umschwung. Die diktatorische Macht ging in die Hände der nationalen Partei unter Antanas Smetona und Augustinas Voldemaras über. Ministerpräsident Voldemaras erklärte schon bald, dass „ohne Rückgabe Wilnas keine Rede von einer Versöhnung Polens und Litauens sein“ könne. „Wilna ist für Litauen nicht nur eine politische, sondern auch eine Ehrenfrage. Ein Übereinkommen zwischen Polen und Litauen kann ausschließlich Wilna betreffen.“ Das konnte nur eine Verhärtung der bisherigen Haltung bedeuten.

In Litauen nahm die Verfolgung der polnischen Minderheit drastisch zu; Ministerpräsident Voldemaras betonte bei jeder Gelegenheit, Litauen befinde sich im Krieg mit Polen. Ende 1927 waren so die polnisch-litauischen Beziehungen in eine tiefe Krise geraten. Marschall Pilsudskį sagte am 29. November 1927 vor der Presse: „Der Kriegszustand, den Litauen uns gegenüber aufrecht erhält, ist zur Zeit einmalig in der Welt; er ist in dieser Region der Erde anormal und krankhaft. Unsere Grenzen zu Litauen sind aus diesem Grund keinen anderen Grenzen in dieser Welt ähnlich. Sie sind Gegenstand andauernder Furcht und Unruhe, da hier keine Arbeit ungestört gemacht werden kann."

Da er die Lage nicht länger hinnehmen konnte, beschloß Pilsudskį, die Angelegenheit auf die Spitze zu treiben. Er begab sich nach Genf, um dort in der Sitzung des Völkerbundrates am 10. Dezember 1927 „eine eindeutige Erklärung von Voldemaras zu erhalten, dass zwischen Litauen und Polen Frieden herrscht“. Nach einer kurzen Diskussion, in der Voldemaras eine eindeutige Antwort vermied, erzwang Pilsudskį — im wahrsten Sinne des Wortes — von ihm eine Erklärung, dass „zwischen Litauen und Polen kein Kriegszustand herrscht“. In dieser Situation griff auch der Völkerbundrat ein. Er empfahl den Regierungen Polens und Litauens, „möglichst schnell direkte Verhandlungen aufzunehmen, um das zwischen den beiden benachbarten Ländern herrschende gute Einvernehmen, von dem auch der Frieden abhinge, zu festigen“.

Am 11. Dezember fand ein Gespräch des polnischen Außenministers August Zaleski mit Voldemaras statt, in dem der Auftakt zu direkten Verhandlungen auf den Januar 1928 festgelegt wurde. Die Aufnahme von Gesprächen und die Festlegung der Themen brachte bereits viele Schwierigkeiten mit sich. Die litauische Seite stellte vor der Aufnahme Bedingungen, um Zeit zu gewinnen. Am 9. Februar 1928 trieb Zaleski Voldemaras insofern in die Enge, als er anfragte, ob Litauen sich dem Beschluss des Völkerbundes unterordne und direkte Verhandlungen aufnehmen wolle, die zu friedlichen Beziehungen zwischen Polen und Litauen führen würden. Voldemaras betrachtete eine solche Fragestellung als „Ultimatum“. Dennoch schlug er in seiner Antwort vor, am 30. März Verhandlungen in Königsberg zu beginnen. Zaleski war damit einverstanden.

In Wirklichkeit jedoch war Voldemaras an der Führung und vor allem an einem Erfolg der Verhandlungen nicht interessiert. Die Regelung der Beziehungen mit Polen ohne Rückgewinnung Wilnas war für die litauische Regierung undenkbar. Schon nach dem zweiten Verhandlungstag in Königsberg gewann die polnische Seite den Eindruck, dass „Voldemaras nur einen Vorwand sucht, um die Gespräche abzubrechen“. Die polnische Delegation ihrerseits führte die Verhandlungen sehr vorsichtig und suchte auch den kleinsten Fehler zu vermeiden. Über den Verlauf wurden der Völkerbund und die Regierungen der Westmächte genauestens informiert. Für die litauischen Delegierten bedeutete das einen besonderen Druck. Voldemaras musste Rücksichten nehmen und konnte die Gespräche deswegen nicht einfach abbrechen. Die polnisch-litauische Konferenz in Königsberg vom 30. März bis 5. April 1928 endete mit einer formalen Vereinbarung über die Einrichtung dreier gemischter Kommissionen. Die Resultate ihrer Tätigkeit sollten im Herbst 1928 der Plenarsitzung des Völkerbundes vorgelegt werden.

Die Taktik der litauischen Seite bei der Arbeit in der Kommission war, alle — sogar technische — Fragen mit Wilna in Zusammenhang zu bringen. Die polnischen Delegierten widersprachen dem entschieden und meinten, daß Themen der Grenzänderung nicht Gegenstand der Diskussion sein könnten. Das Ergebnis der Tätigkeit der Kommission fiel sehr bescheiden aus. Die spätere Wiederaufnahme von Verhandlungen stieß auf erhebliche Schwierigkeiten. Der Ausdauer der polnischen Delegation ist es zu verdanken, dass am 3. November 1928 die Verhandlungen fortgesetzt wurden. Das fünf Tage andauernde Treffen brachte nur wenig Fortschritte. Der einzige konkrete Gewinn bestand in der Ratifikation eines Vertrages über den kleinen Grenzverkehr. Das tägliche Leben erzwang diese Vereinbarung, weil die Unzufriedenheit mit der bisherigen Situation sowohl auf der polnischen als auch auf der litauischen Seite deutlich spürbar war.

Im allgemeinen brachten die Gespräche 1928 in den wichtigsten Punkten kein Weiterkommen, was hauptsächlich auf die Unnachgiebigkeit der litauischen Seite zurückzuführen ist, die keine, nicht einmal eine teilweise Regelung der Beziehungen mit Polen ohne die Rückgabe Wilnas eingehen wollte. In der Abschlusssitzung der Konferenz wies Zaleski unter anderem darauf hin und sagte mit Sorge über den ungelösten polnisch-litauischen Konflikt: „Le conflit polono-lithuanien constitue non seulement une menace constante pour le développement normal des deux Etats, mais il porte une préjudice sérieux aux intérêts économiques des Etats tiers. Il crée en cette partie de l’Europe une atmosphère malsaine d’inquiétude et de malaise“.

Die litauische Regierung machte kein Geheimnis daraus, dass sie in der bestehenden Situation weiterhin an einer Regelung der Beziehungen mit Polen nicht interessiert sei. Sie stellte zum Beispiel in einem Aide-memoire vom 23. Januar 1929 deutlich fest: „(...) ausschließlich und einzig die gewaltsame Wegnahme Wilnas durch General Zeligowski (ist) der Grund, daß es keine diplomatischen und anderen Beziehungen zwischen Litauen und Polen gibt. Solange keine Wiedergutmachung des Litauen angetanen Schadens erfolgt, solange wird Litauen mit der Aufnahme der Beziehungen zu Polen warten.“

Die Hartnäckigkeit und die Unnachgiebigkeit der litauischen Seite zogen das Interesse ausländischer Beobachter auf sich. Sie waren der Meinung, daß die Wilna-Frage nur ein Vorwand sei; in Wirklichkeit profitiere Litauen von der Auseinandersetzung mit Polen. Adolf von Grabowsky schrieb zum Beispiel im November 1928 in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“: „Wilna ist, richtig betrachtet, für Litauen nur der Anlass, um den entschiedenen Gegensatz zum großen polnischen Nachbarn deutlich zu machen und bei diesem Konflikt ein eigenes litauisches Nationalgefühl und damit erst den litauischen Staat gründlich herauszuformen. (...) Solange der Staatsbildungsprozess noch nicht abgeschlossen sei, glaubt man der Wilna-Frage als stärkstem nationalen Reizmittel nicht entbehren zu können.“ In seinem Konflikt mit Polen rechnete Litauen mit der Unterstützung Deutschlands und Russlands. In Kaunas ging man davon aus — das galt fast wie ein unerschütterlicher Grundsatz —, dass Warschau auf unabsehbare Zeit mit Berlin und Moskau in Konflikt stehe. Auf dieser Grundlage entwickelte man seine Pläne und gründete seine Hoffnungen. Mittlerweile — Anfang der 30er Jahre — zeichnete sich jedoch eine radikale Änderung der Situation ab, die die ganze Konstruktion ins Wanken brachte. Den ersten Schwachpunkt stellte 1932 die Verschlechterung der litauisch-deutschen Beziehungen vor dem Hintergrund der Unstimmigkeiten in Memel dar. Gleichzeitig besserten sich die polnisch-sowjetischen Beziehungen. Das zeigte der am 25. Juli 1932 geschlossene polnisch-sowjetische Nichtangriffspakt.

Zum wichtigsten Ereignis jedoch, welches das ganze Fundament der bisherigen Politik Litauens erschütterte, wurde am 26. Januar 1934 die Unterzeichnung der polnisch-deutschen Erklärung über Gewaltverzicht. Die Reaktion auf diesen Vertrag war in Litauen sehr heftig. Die Presse beschäftigte sich ausführlich mit dem Problem. Das größte Aufsehen erregte damals das Vorgehen von Voldemaras. Der ehemalige, inzwischen entmachtete Ministerpräsident trat zu einem offenen Angriff gegen die Regierung an. In der Zeitschrift „Tautos Balsas“ veröffentlichte er einen Artikel unter dem Titel „Auf den Wegen der Bestimmung“ (die Zeitungsausgabe wurde übrigens sofort beschlagnahmt). In dem Beitrag verglich Voldemaras den Vertrag vom 26. Januar mit einem Blitzschlag und betonte, daß dadurch Litauen auf Polens Gnade angewiesen sei. „Was die Sicherheit des Staates betrifft“, schrieb Voldemaras, „gerät Litauen in eine so schwierige Lage, wie es sie in seiner ganzen Existenz noch nicht kennen gelernt hat“. Daneben griff er auch die aktuelle Politik scharf an.

Andere Funktionäre gingen noch weiter. Es wurden wieder Stimmen laut, die die Notwendigkeit einer Überprüfung des Verhältnisses zu Polen und zur Wilna-Frage betonten. Am 2. Mai 1934 organisierte man unter anderem an der Universität Kaunas eine große Diskussion. Vincas Čepinskis, der als erster das Wort ergriff, wies auf die Notwendigkeit der Gründung eines Bundes der Ostsee-Anliegerstaaten und der Schaffung einer Verständigungsmöglichkeit mit Polen hin. Er äußerte die Meinung, daß eine sofortige Rückgabe Wilnas an Litauen zu einer Wirtschaftskrise führen könne. „Das Schicksal selbst“, sagte er, „schützt Litauen vor der Rückgewinnung Wilnas. Litauen sollte mit Polen die wirtschaftlichen Fragen regeln und für die Rückführung Wilnas andere Wege als bisher gehen“. Andere Redner wiesen ebenfalls auf die Notwendigkeit einer Verständigung mit Polen hin und ließen die Wilna-Frage offen. Derartige Aussagen stießen zwar auf die Kritik der regierungstreuen Presse und nationalistischer Kreise, trotzdem setzte sich das Bewusstsein durch, nach neuen Lösungswegen zu suchen. In dieser Situation kam es zu einer Intensivierung vertraulicher polnisch-litauischer Kontakte sowie zu einer Reise der Gesandten Pilsudskis, des ehemaligen Ministerpräsidenten Aleksander Prystor und des Diplomaten Anatol Mühlstein, nach Litauen.

Während eines Treffens mit dem litauischen Außenminister Stasys Lozoraitis am 22. Juni 1934 sprach Prystor von der Notwendigkeit, einen Durchbruch in den beiderseitigen Beziehungen zu erreichen. Er versicherte, daß die Polen uneingeschränkt für eine Verständigung mit Litauen seien. Mühlstein schlug im Gespräch mit Lozoraitis am 24. Juli 1934 vor, zwischen Polen und Litauen normale Beziehungen herzustellen. Mühlstein betonte seine Überzeugung, dass Litauen in der neuen Situation nichts verliere, da es ausdrücklich erklären könne, dass sich seine Haltung prinzipiell nicht geändert habe. Lozoraitis fragte Mühlstein daraufhin, auf welche Art und Weise dies zur Rückgewinnung Wilnas durch Litauen beitragen würde. Mühlstein antwortete, dass die Herstellung guter Beziehungen um den Preis eines Verzichtes auf Wilna für die polnische Regierung nicht annehmbar sei.

Diese grundlegende Differenz blieb bestehen. Die neue internationale Konstellation sowie die damit verbundene Fehlkalkulation in der Außenpolitik Litauens erwiesen sich als zu schwache Faktoren, um zu einer generellen Änderung der Einstellung der litauischen Regierung in der Wilna-Frage und im Verhältnis zu Polen beizutragen. Andererseits war die polnische Position ebenfalls unnachgiebig. Für Polen kam eine Regelung der Beziehungen ausschließlich auf der Grundlage des Status quo in Frage.

Nach den in den Jahren 1934 und 1935 geführten Gesprächen und gegenseitigen Sondierungen erfolgte eine deutliche Verhärtung der beiderseitigen Haltung. Der jahrelang andauernde Konflikt belastete die polnische Regierung immer mehr. Minister Jozef Beck wurde zum entschlossenen Gegner jeglicher Teil- und Halblösungen oder einer Verständigung auf dem Wege kleiner Schritte. Er vertrat die Ansicht, dass vor allem Vereinbarungen über die Herstellung normaler diplomatischer Beziehungen eine grundlegende Bedingung darstellten. Folglich suchte er nach verschiedensten Mitteln, um Litauen durch Druck zu Zugeständnissen zu zwingen. Doch die Litauer waren harte, unnachgiebige Gegner. Trotz der Zweifel eines Teils der öffentlichen Meinung hatte die litauische Regierung die Mehrheit des Volkes auf ihrer Seite. Sie benutzte geschickt die Wilna-Parole.

Die polnisch-litauischen Beziehungen nahmen in den Jahren 1936 und 1937 angesichts dieser Situation erneut an Schärfe zu. An der Grenze mehrten sich die Zwischenfälle. Bei einem derartigen Zusammenstoß wurde ein Soldat des polnischen Grenzdienstes in der Nacht vom 11. März 1938 von litauischen Grenzsoldaten erschossen. In Warschau beschloss man, den Fall für einen harten Protest gegen die litauische Seite auszunutzen, und reagierte auf den Vorfall mit einem scharf formulierten Kommunique. Die polnische Seite zögerte jedoch mit einer endgültigen Entscheidung bis zur Rückkehr Becks aus dem Ausland. Nach seiner Ankunft am 16. März wurde auf dem Zamek ein Treffen unter der Leitung des Präsidenten der Republik einberufen. Anfänglich waren die Meinungen der Anwesenden geteilt. Präsident Ignacy Moscicki und Vizepremier Eugeniusz Kwiatkowski lehnten entschiedene Schritte gegenüber Litauen ab. Andere waren dagegen für weitreichende Forderungen, u.a. den offiziellen Verzicht Litauens auf Wilna. Minister Beck plädierte für eine entschlossene Haltung, beschränkte aber die Forderungen auf die Wiederherstellung der zwischenstaatlichen Beziehungen. Seine Meinung setzte sich durch.

Auf dieser Grundlage wurde eine ultimative Note verfasst, die u.a. folgende Aussage enthielt: „Die polnische Regierung teilt mit, dass sie für die einzige der Situation angemessene Lösung die sofortige Herstellung der normalen diplomatischen Beziehungen hält, ohne jegliche conditions préalables.“ Der Termin für die Antwort war sehr knapp bemessen — er betrug nur 48 Stunden. Die litauische Regierung gab, nachdem sie keine Hilfe erhielt, dem Druck nach und nahm das Ultimatum an. Weder während der Zeit, in der das Ultimatum lief, noch direkt danach wurde in den polnisch-litauischen Verhandlungen die Wilna-Frage angesprochen. Die polnische Position setzte sich durch. Zwischen beiden Staaten wurden auf der Grundlage des Status quo diplomatische Beziehungen aufgenommen. Das bedeutete aber nicht, dass die Wilna-Frage gänzlich aus der Sicht beider Partner verschwand.

Der litauische Außenminister Juozas Urbsys äußerte sich nach Jahren folgendermaßen zu den Ereignissen: „Das Ultimatum Polens verlangte in drohender Form nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen, ohne Wilna zu erwähnen. Also, Litauen nahm das Ultimatum an, ohne auf Wilna zu verzichten. Heutzutage wird diese Entscheidung als positiv empfunden. Wäre es vernünftig gewesen, das Land der Gefahr eines Krieges wegen der Nichtherstellung von diplomatischen Beziehungen auszusetzen ? Die Antwort ergibt sich aus der Frage selbst. Sich externen Forderungen zu beugen, verletzt, wie jeder weiß, den Stolz eines Volkes; jedoch, wenn man sich zwischen zwei Übeln entscheiden muss, ist es selbstverständlich, dass man das kleinere wählen soll.“

Nach der Märzkrise verbesserten sich die polnisch-litauischen Beziehungen zunächst allmählich, dann immer schneller. Die Wilna-Frage belastete sie dennoch weiterhin. Im Frühjahr 1938 wurde eine neue litauische Verfassung angenommen. Sie enthielt auch einen Passus, dass Wilna die Hauptstadt Litauens sei. Die polnische Seite reagierte: Man beauftragte den neuen polnischen Gesandten in Kaunas Franciszek Charwat, für die Zeit der Verfassungsfeierlichkeiten nach Polangen zu fahren, und teilte der litauischen Regierung mit, dass Polen eine Regelung der gesamten Fragen mit Litauen anstrebe. Durch die Beibehaltung des Wilnaer Artikels in der neuen Verfassung wurde eine Ausweitung der Gespräche auf politisches Gebiet unmöglich.

Trotz dieses Hindernisses lässt sich in den gegenseitigen Beziehungen besonders seit Herbst 1938 eine deutliche Verbesserung erkennen. Die größere Initiative kam von litauischer Seite. Die polnische Diplomatie gab zu verstehen, dass sie bereit sei, auf das Annäherungsangebot einzugehen, erwartete aber eine Geste des guten Willens. Der Vizeminister Jan Szembek notierte am 9. November 1938 in seinem Tagebuch, daß Beck „die litauische Initiative, die gegenseitigen Beziehungen zu erweitern, annehme. Eine Vorbedingung sei jedoch die Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas, danach könne man sich mit dem litauischen Museum in Wilna befassen, Handelsvereinbarungen aufnehmen und gegenseitig Konsulate einrichten.“

Als Massstab für die litauischen Absichten galt schon bald die Erfüllung der polnischen Wünsche; am 25. November 1938 wurde der Verein für die Befreiung Wilnas aufgelöst. Das war eine deutliche Geste in die polnische Richtung. Eine andere Maßnahme war der Wechsel auf dem Posten des litauischen Gesandten in Warschau. Die Stelle von Kazys Škirpa nahm Jurgis Šaulys ein, der wegen seiner propolnischen Orientierung seit Jahren bekannt war. Dem litauischen Vorgehen lag die Hoffnung auf polnische Unterstützung in der Memelfrage zugrunde, da ein immer größer werdender Druck der deutschen Seite spürbar wurde.

Wie den Dokumenten zu entnehmen ist, fühlte sich Litauen in gewissem Grade enttäuscht über das Fehlen einer entsprechenden polnischen Reaktion auf einen derart entscheidenden Schritt wie der Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas. Oberst Leon Mitkiewicz, der polnische Militärattache, berichtete am 19. Dezember 1938, dass der Leiter der zweiten Abteilung des litauischen Generalstabs, Oberst Kostas Dulksnys, sich bei ihm beklagt habe, dass „auf so einen bedeutenden und risikoreichen Schritt Litauens, wie die Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas, keine ähnliche Geste von der polnischen Seite folge. Dabei ging es ihm um die Litauische Wissenschaftliche Gesellschaft in Wilna, die noch nicht den Litauern zurückgegeben wurde. Er sagte noch, daß die Auflösung des Vereins für die Befreiung Wilnas der litauischen Regierung große innenpolitische Schwierigkeiten bereite und die Unzufriedenheit der Bevölkerung hervorgerufen habe. Versöhnliche Gesten von Seiten Polens seien unbedingt notwendig, um die öffentliche Meinung zu beruhigen und den guten Willen Polens zu dokumentieren."

Die litauischen Anregungen wurden 1939 erfüllt, als die Litauische Wissenschaftliche Gesellschaft in Wilna unter dem Namen „Litauische Gesellschaft der Freunde der Wissenschaft“ wiedergegründet wurde.

Man unternahm auch viel zur Verbesserung der allgemeinen Situation der litauischen Minderheit in Polen.

Angesichts des sich verschärfenden Konflikts mit dem Dritten Reich war der polnischen Regierung sehr an einer Entspannung der Beziehungen zu Litauen gelegen. Es ging ihr vor allem um die litauische Neutralität. Wegen dieser Neutralität gab Litauen bei Ausbruch des Krieges dem Druck Deutschlands und der Anregung, Wilna manu militari zu besetzen, nicht nach.

Als Folge der Aggression der UdSSR gegen Polen und der Besetzung Wilnas durch die sowjetische Armee am 19. September 1939 änderte sich die Situation jedoch radikal. Der Ribbentrop-Molotow-Pakt, insbesondere der „Grenz- und Freundschaftsvertrag" vom 28. September 1939 brachte Litauen in den sowjetischen Interessenbereich. Stalin nutzte die Situation, rief die Vertreter der litauischen Regierung nach Moskau und verlangte von ihnen das Einverständnis für die Errichtung sowjetischer Stützpunkte auf dem Territorium Litauens.

In diesen Tagen des politischen Wandels notierte der ehemalige Rektor der Universität Kaunas, Riomeris, in seinem Tagebuch unter dem 8. Oktober 1939: „Solange Polen stand, war Litauen ohne Wilna sicherer und freier als heute, wenn es unter der sowjetischen Besatzung Wilna bekäme, nachdem Polen gefallen ist.“

Einen Tag später, am 10. Oktober, erzwang die sowjetische Regierung von Litauen einen Vertrag, der ihr ermöglichte, ihre Armee auf dem litauischen Territorium zu stationieren. Gleichzeitig übergab die Sowjetunion Litauen Wilna mit einem Teil des umliegenden Gebietes. Unter diesen Bedingungen kam Litauen in den Besitz der ersehnten Stadt.

Dieser Akt wurde von der polnischen Seite nicht anerkannt. Nach einer Vereinbarung mit der polnischen Exilregierung überreichte der polnische Gesandte Charwat am 13. Oktober 1939 dem litauischen Außenministerium eine Protestnote mit folgendem Inhalt: „Im Namen meiner Regierung protestiere ich hiermit öffentlich und kategorisch gegen diesen mit dem internationalen Recht und den Menschenrechten nicht konformen Akt. Polen wird nie diesen ungerechten Schritt anerkennen und wird mit allen Mitteln um die Wiederherstellung seiner Rechte und seines Territoriums kämpfen.“ Als ein Zeichen des Protests verließ Franciszek Charwat bald darauf samt seinem Personal die Botschaft in Kaunas. Dies war in den Jahren 1918 bis 1939 die letzte polnische Handlung zur Wilna-Frage.

 

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Litauen 1940

 
Die russische Okkupation Litauens im Jahre 1940 gehört zu den einschneidendsten Ereignissen im litauischen Nationalempfinden.
 
Die litauische Unterstützung an der Ermordung der litauischen Juden ("Litauischer Holocaust") hat viel mit der Besatzung 1940 zu tun. Juden konnten unter den sowjetischen Besatzern erstmalig in der Verwaltung arbeiten. Durch ihre Bildung wurden sie oft als Dolmetscher eingesetzt. Viele Juden hatten auch Sympathien zum Sozialismus der Sowjetunion. Religiöse Juden dagegen hatten naturgemäß nichts mit dem atheistischen Kommunismus zu tun [AK: Deshalb ist diese ganze Gleichsetzung der Nazis: Jude = Kommunist] eigentlich Unsinn. Geschichtlich betrachtet war die Sowjetunion (neben der Auswanderung) für die litauischen Juden die einzige Chance, die Folgejahre zu überleben.
 
Was führte zu dieser Besetzung und was haben die litauischen Juden damit zu tun?

Die Sowjetunion und die Rote Armee als das kleinere Übel !

 
Während die Besetzung Litauens 1940 durch die Rote Armee für die Litauer durchaus als "Trauma" ((AK: wegen der Deportationen) "Holocaust in Litauen"     S. 21 Alfonsas Eidintas) bezeichnet werden kann, welches bis heute anhält, hatten die Litwaks, also die jüdische Bevölkerung, bei genauerer Betrachtung der damaligen Situation, keine andere Chance als entweder auszuwandern oder auf Hilfe durch die UdSSR zu hoffen.
Fürs Auswandern waren die osteuropäischen Juden oft zu arm. Die sowjetischen Besatzer erteilten auch keine Ausreisegenehmigungen.
Außerdem rechnete niemand mit einem Krieg des "Deutschen Reiches" mit dessen Verbündeten Stalin.
 

Karl Jaeger

Wolfram Wette schrieb diesen Artikel im Januar 2012 für die Wochenzeitung  "Die Zeit".

Veröffentlichung mit Genehmigung von Wolfram Wette und der Zeit. Vielen Dank!

 

Holocaust

Nur seine Pflicht getan

Karl Jäger war ein feinsinniger Mann, musikalisch begabt, immer korrekt. 1941 ließ er in Litauen innerhalb weniger Monate 137.346 Menschen erschießen.

Von: Wolfram Wette
    


 
Deutsche Truppen erreichen Kaunas Litauen


Juli 1941: Deutsche Truppen kommen in Kaunas in Litauen an.

Er ist ein Schlüsseldokument des Holocaust: der Jäger-Bericht. Er ermöglicht einen unmittelbaren Einblick in die erste Phase des Völkermords, die gleich nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann. In dieser Zeit wurden die Juden noch nicht in Gaskammern umgebracht, sondern zumeist mit Maschinengewehren erschossen, also Auge in Auge.

Die deutschen Akteure betrachteten das kleine baltische Land Litauen – das sich nach dem Ersten Weltkrieg vom Zarenreich emanzipiert hatte, infolge des Hitler-Stalin-Pakts 1940 von der Sowjetunion annektiert und im Jahr darauf während des Russlandfeldzugs von der Wehrmacht besetzt worden war – gleichsam als ein Testgelände, auf dem sich Wichtiges erproben ließ. Wie rasch konnte man vorgehen, wollte die NS-Führung wissen, und: Würde die Wehrmacht mitspielen? Würde sich unter den nichtjüdischen Litauern Widerstand gegen die Vernichtung ihrer Landsleute formieren? Oder durften die Deutschen mit der Kollaborationsbereitschaft litauischer Nationalisten rechnen?

Alle diese Fragen konnten im Sinne der SS beantwortet werden, der Bericht ist der Beweis. Das als Geheime Reichssache klassifizierte Dokument vom 1. Dezember 1941, von SS-Standartenführer Karl Jäger unterzeichnet, trägt die Überschrift: Gesamtaufstellung der im Bereich des EK. 3 bis zum 1. Dez[ember] 1941 durchgeführten Exekutionen. Die Akte ist neun Seiten lang und enthält eine detaillierte Auflistung des Mordgeschehens in Litauen in den fünf Monaten von Ende Juni bis Ende November. Der Bericht nennt 71 litauische Städte und Dörfer, in denen das Einsatzkommando (EK)3 zuschlug, zum Teil mehrfach. In Kaunas gab es 13 Mordaktionen, in Wilna sogar 15. Von Protesten der Bevölkerung, von Widerstand der Wehrmacht gegen die »Maßnahmen« indes findet sich darin kein Wort.

Die Massenerschießungen begannen unmittelbar nach dem Einmarsch der Deutschen Ende Juni 1941 und setzten sich in den nächsten fünf Monaten in gewissen Abständen fort. Die Intervalle folgten keiner erkennbaren Regel, sondern dem Gesetz der Willkür. Der Höhepunkt der Massaker lag zwischen Mitte August und Ende Oktober 1941. Litauen war bereits Ende 1941, wie Jäger seinen Vorgesetzten an jenem 1. Dezember triumphierend melden konnte, weitgehend »judenfrei«. Das bedeutete, dass bis zu diesem Zeitpunkt nach seiner Rechnung 137.346 jüdische Männer, Frauen und Kinder umgebracht worden waren – von insgesamt etwa 200.000 Juden, die damals in Litauen lebten, nicht gerechnet die jüdischen Flüchtlinge aus Polen, deren genaue Zahl unbekannt ist.
 

Wolfram Wette

Wolfram Wette
Wikimedia Commons/Foto Freiburg

Der Autor ist emeritierter Professor für Neueste Geschichte an der Universität Freiburg. Mehr zum Thema in seinem neuen Buch Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden, Fischer Taschenbuch Verlag; 284 Seiten, 9,99 €

Nach eigenem Eingeständnis wollte Jäger mit seinen Erfolgszahlen »nach oben hin glänzen«. Dennoch zeigte er sich mit seiner Schreckensbilanz immer noch unzufrieden. Wenn er allein zu entscheiden gehabt hätte, wäre er noch radikaler vorgegangen und hätte bereits vor dem Jahreswechsel 1941/42 sämtliche litauischen Juden ausgerottet. Dem Führer der Einsatzgruppe A, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Dr. Walther Stahlecker, dem das Einsatzkommando 3 unterstand, erklärte er, er hätte am liebsten auch die noch am Leben gebliebenen litauischen Zwangsarbeiter einschließlich ihrer Familien »umgelegt«. Aber, so klagte Jäger seinem Vorgesetzten, Wehrmacht- und Zivilverwaltungsstellen seien ihm in den Arm gefallen und hätten weitere Massenexekutionen verhindert, weil sie nach wie vor dringend Arbeitskräfte benötigten. So wurden vorläufig noch je 15.000 Juden in den litauischen Großstädten Wilna (Vilnius) und Kaunas und knapp 5.000 in Schaulen (Šiauliai) vor dem Zugriff des EK 3 bewahrt.

Die Schrecken, die sich hinter den Zahlen des Jäger-Berichts verbergen, haben Augenzeugen festgehalten. Zu ihnen gehört Solly Ganor. Damals ein Junge, beobachtete er von seiner Wohnung im Kaunaser Ghetto aus am frühen Morgen des 29. Oktober 1941 den Todesmarsch von 9.000 Menschen. »Fannys [Sollys Schwester] entsetzlicher Schrei weckte mich«, schreibt Ganor 1997 in seinem Buch Das andere Leben. Kindheit im Holocaust. »Wir stürzten zum Fenster. Im grauen Licht der Morgendämmerung sahen wir eine endlose Kolonne Menschen den Berg hinaufgehen in Richtung Fort Neun. Eine kilometerlange Menschenschlange. Das hatte nichts von der Grausamkeit der vielen blutigen Szenen, die ich bisher gesehen hatte, und war dennoch tausendmal schlimmer.

Eine unerklärliche Kraft trieb uns zum Ghettozaun, wo schon andere sich versammelt hatten. Bewaffnete Litauer säumten beide Seiten der Straße, so weit das Auge sehen konnte, bereit, jeden zu erschießen, der zu fliehen versuchte. Es ist unmöglich, die Klagen jener zu beschreiben, die ihre Verwandten erkannten. Die Kolonne war so lang, dass der Todesmarsch vom Tagesanbruch bis mittags dauerte. Doch wir ertrugen es nicht lange und stolperten vorher davon. [...] Obwohl das Fort Neun mehrere Kilometer entfernt lag, hörten wir das unmissverständliche Geknatter von Maschinengewehren.«

Über das Massaker selbst, das sich im Fort IX, einer alten Befestigungsanlage vor den Toren der Stadt Kaunas, abspielte, gibt es ebenfalls eine anschauliche Schilderung. Denn von den Tausenden konnte ein Einziger überleben. Es handelt sich um einen 13-jährigen Jungen namens Kuki Kopelman, der von seinem Freund Solly Ganor als ein hochbegabtes Wunderkind beschrieben wird. Seine Mutter Vera Schor war eine berühmte Geigerin und sein Vater ein bekannter Schachspieler. Kuki war Junior-Schachmeister, begabter Geiger und außerdem schon ein sehr guter Steptänzer.

Tage nach dem Massaker tauchte Kuki zu nächtlicher Stunde in einem viel zu großen Mantel wieder auf. Ganor schildert in seinen Erinnerungen Das andere Leben diese wunderbare Rückkehr und schrieb auf, was der Freund ihm erzählte. Es ist ein Protokoll des Schreckens. »Deutsche und litauische Wachen«, berichtete Kuki, »standen am Eingang mit Hunden, die an der Leine zerrten, knurrten und wild bellten. Wir wurden durch die Tore getrieben. Im Hof standen Lastwagen mit laufenden Motoren. Manchmal hatten sie Fehlzündungen, und das klang wie Schüsse.

Ein junger deutscher Offizier sprach uns an. ›Ihr werdet in Arbeitslager im Osten gebracht. Jetzt gibt’s erst mal eine Dusche, und dann bekommt ihr Arbeitskleidung. Zieht euch aus, und legt eure Kleider hier ab.‹ Er sprach in zivilem Ton, und trotz allem, was wir über diesen Schreckensort wussten, ließen wir uns von ihm überzeugen. Doch jeder noch so kleine Hoffnungsfunke war zunichte, als wir die lange Maschinengewehrsalve hörten und die Schreie. Die Deutschen hatten es auch gehört, denn sie richteten ihre Gewehre auf uns. ›Tempo, ihr Juden! Ausziehen und ab in die Dusche!‹, rief ein Offizier. ›Was ihr da hört, sind nur die Fehlzündungen der Laster.‹ Doch niemand bewegte sich, niemand schien fähig, einen Muskel zu rühren. Ruhig ging der Offizier auf einen älteren Mann zu, der in seiner Nähe stand, hob die Luger [Pistole] und schoss ihm ins Gesicht. Sein Kopf platzte, und das Hirn spritzte in den Dreck, als er zu Boden fiel. Plötzlich zogen sich alle aus. Wenn du dem Tod so nah bist, ist jede Minute kostbar, als würde die nächste Sekunde die Begnadigung bringen. Schließlich standen wir alle nackt da und bedeckten unsere Scham mit den Händen und zitterten in der Kälte. [...]

Auf Befehl eines Offiziers gingen die Deutschen und Litauer auf uns los. [...] In wilder Panik begannen wir zu rennen, die Wachen und Hunde hinter uns her. Man konnte sehen, wie die Körper dampften, als sie uns um die Mauer jagten. Dann bogen wir um eine Ecke und sahen Dutzende und Aberdutzende von Maschinengewehren rings um ein offenes Feld aufgestellt. Sie feuerten in eine riesige Grube. Ich hörte, wie darin geschrien wurde. Ich wurde fast verrückt vor Angst. Ich wollte stehen bleiben, weglaufen, fliehen, doch eine Masse wild stürmender nackter Körper drängte sich um mich wie eine Zwangsjacke. [...] Es war eine Höllenszene. Heisere Rufe, brüllende Kinder und Babys, Hundegebell. [...] Wir hatten die Grube erreicht. Da lagen Tausende von Körpern, einer auf dem andern, die wanden sich und schrien und flehten die Deutschen an, es endlich zu Ende zu bringen. Es war die Hölle, die Hölle.«

Kuki wurde in die Grube mit hineingerissen und dort unter Leibern begraben. Mühselig konnte er sich befreien und herauskriechen. Die Mörder saßen im Fort und betranken sich. Kuki fand den Kleiderstoß, den die Todgeweihten zurückgelassen hatten, suchte sich einen großen Mantel heraus und floh über die Felder in Richtung des Kaunaser Ghettos, erst einmal gerettet. Über Kopelmans späteres Schicksal indes ist nichts bekannt.

Karl Jäger verfocht bei seinen Mordaktionen das Prinzip, dass sich jeder in seinem Kommando »an der Grube bewähren« musste. Das heißt, er zwang jeden Einzelnen zum Mitschießen und schoss demzufolge auch selbst mit. Einen Gestapobeamten, der in seinem Einsatzkommando Dienst leistete, fragte Jäger: »Hast du schon mal an der Grube gestanden?« Ein anderer Polizist berichtete später, Jäger habe immer alle belasten wollen. Die Absicht dabei war klar: Aus der kleinen Polizeitruppe von etwa 130 Mann pro Kommando sollte eine verschworene Mordgemeinschaft werden. Zugleich bildete sich so schon die Grundlage für das Schweige- und Leugnungskartell der Nachkriegszeit.

Karl Jäger war politisch früh fanatisiert. Dennoch galt er als guter Bürger: Seine Nachbarn im Schwarzwaldstädtchen Waldkirch, aus dem er stammte und wo er bis 1936 gelebt hatte, schilderten ihn übereinstimmend als einen feinsinnigen, musikalisch begabten, charakterfesten, immer korrekten Mann.

Jäger, geboren 1888, wuchs in einer bürgerlichen Familie auf; der Vater war Leiter der städtischen Musikkapelle. Der Junge verlor früh seine Mutter; sie litt, so wird vermutet, an Depressionen und beging Selbstmord. Er genoss eine katholische Erziehung, bekam eine gute Berufsausbildung, lernte mehrere Musikinstrumente, den Orchestrionbau und Kaufmännisches. 1914 heiratete er in das Unternehmen ein, in dem er ausgebildet worden war, die Waldkircher Firma Weber, die mechanische Musikinstrumente herstellte. Bald erhielt er Prokura.

Früh lernte Jäger das militärische Milieu kennen und als Schule kriegerischer Männlichkeit schätzen. Er wollte nicht nur der feinsinnige Musiker sein, sondern auch dem Männlichkeitsideal seiner Zeit entsprechen. Vor dem Ersten Weltkrieg leistete er mehrfach freiwillige Militärdienstübungen ab. Von 1914 an war er dann vier prägende Jahre lang Soldat, zumeist an der Front, früh schon erhielt er das Eiserne Kreuz Erster Klasse. Bald nach 1918 schloss er sich einer badischen Formation der illegalen Schwarzen Reichswehr an, in der rechtsradikales, antisemitisches Gedankengut zu Hause war. Wie für die meisten deutschen Nationalisten jener Zeit waren Juden, Demokraten und Pazifisten auch in den Augen Jägers eins – und die Feinde der »wahren Deutschen«.

Im Übrigen scheinen sich Jägers politische Ansichten weitgehend mit der »Weltanschauung« des ein Jahr jüngeren Adolf Hitler gedeckt zu haben. Schon 1923, als die NSDAP noch eine Splitterpartei war, entschloss er sich dazu, ihr beizutreten. In Waldkirch gründete der »Hitler des Elztals«, wie er sich gerne nennen ließ, eine Ortsgruppe und rief Anfang der dreißiger Jahre einen SS-Sturm ins Leben, der sich alsbald von der Mitgliederzahl wie vom Ausbildungsstand her mit jeder SS-Formation im Südwesten Deutschlands messen konnte.

1931, nach der Weltwirtschaftskrise, war die Firma Weber in Konkurs gegangen, und Jäger hatte seine Stellung als Prokurist verloren. Da bot die Partei neue Chancen. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler wurde auf ihn aufmerksam. Von 1936 an arbeitete Jäger als SS-Polizeioffizier im Reichssicherheitshauptamt in Berlin und bei anderen Behörden der SS, bekam eine gute dienstliche Beurteilung nach der anderen und avancierte rasch vom Hauptsturmführer (Hauptmann) zum Standartenführer (Oberst).

Im Juni 1941 erhielten Jäger und fünfzig weitere SS-Offiziere vom Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich die eher allgemein gehaltene Einweisung, dass es in dem bevorstehenden Krieg gegen die Sowjetunion nicht zuletzt darum gehen werde, die Juden im Osten zu vernichten. Auf genauere Befehle berief sich Jäger auch später nicht. Pflichterfüllung und bedingungsloser Gehorsam waren für ihn selbstverständlich. Nach Heydrichs Ansprache stand für Jäger fest, »daß die Juden im Osten erschossen werden müßten. Ich sah«, so gab er in einer Vernehmung zu Protokoll, »diese Äußerung Heydrichs als bindenden Befehl dafür an, daß bei der Aufnahme meiner Tätigkeit im Osten die Juden zu erschießen seien.«

Als SS-Offizier, der eine ganze Generation älter war als andere Polizeioffiziere der SS in vergleichbaren Stellungen, mochte Jäger das Gefühl haben, besonders radikal handeln zu müssen. Auch aus diesem Grund mordete er persönlich mit. Gewiss war er kein »Exzesstäter«, den die Lust am Töten trieb. Wohl aber war Jäger ein ideologischer Überzeugungstäter, der nicht auf Befehle wartete, sondern die »Maßnahmen«, zu denen er bevollmächtigt war, selbst aktiv und in vorauseilendem Gehorsam vorantrieb.

Ein Vorgesetzter Jägers, der ihn persönlich kannte, berichtete nach dem Krieg, Jäger habe von Albträumen erzählt, in denen immer wieder jüdische Frauen und Kinder auftauchten. Und man könnte geneigt sein, das zurückgezogene Leben, das der ehemalige SS-Offizier nach 1945 als Landarbeiter im Odenwald führte, ebenso wie seinen Selbstmord im Jahr 1959 zum Zeichen einer späten Reue zu nehmen. Davon allerdings kann keine Rede sein.

Jäger, der zuletzt als Polizeipräsident von Reichenberg im Sudetenland amtiert hatte, war nach Westdeutschland geflüchtet, wo er sich unter seinem richtigen Namen in Wiesenbach bei Heidelberg niedergelassen hatte. 1959 war er entdeckt und verhaftet worden. Bis zuletzt konnte er sich nicht dazu durchringen, die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen.

Stattdessen schob er sie auf seine Untergebenen ab, leugnete seine eigene Rolle als Kommandeur und ließ keinerlei Reue erkennen. Bei den Vernehmungen erklärte er, dass er sich »wegen der durchgeführten Erschießungen in Litauen nicht schuldig« fühle. Stattdessen erging er sich in Selbstmitleid über sein eigenes schweres Schicksal. Im Juni 1959 erhängte er sich in seiner Zelle auf dem Hohenasperg bei Ludwigsburg.

Jägers völlige Uneinsichtigkeit verbindet ihn mit anderen NS-Tätern seines Kalibers, die sich in den Jahrzehnten nach dem Krieg einem Verfahren stellen mussten. In ihnen allen war noch immer die Gewissheit lebendig, die ihnen Himmler in seiner Posener Rede am 4. Oktober 1943 vermittelt hatte, die Gewissheit nämlich, bei der Ermordung der Juden nur »die Pflicht gegenüber unserem Volk« getan zu haben und »anständig geblieben zu sein«. Diese Täter kannten auch in den Nachkriegsjahrzehnten keinerlei Mitleid mit den Opfern und keinerlei Schuldgefühl.

Nach den entsetzlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts beschwört man heute weltweit nicht nur zum internationalen Auschwitz-Gedenktag am 27. Januar geradezu rituell, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. Doch gleichzeitig sollten die Menschen eine Ahnung davon in ihrem Bewusstsein bewahren, dass es trotz der fundamentalen Lehren aus der jüngeren deutschen Geschichte keine Garantien für die Zukunft gibt: Alles bleibt möglich.

Aus diesem Grund hat die Mahnung des italienischen Schriftstellers und Holocaust-Entkommenen Primo Levi nichts von ihrer Gültigkeit verloren: »Es fällt nicht leicht, in diesem Abgrund des Bösen zu graben. [...] Man ist versucht, sich erschaudernd abzuwenden und sich zu weigern, zu sehen und zu hören: Das ist eine Versuchung, der man widerstehen muss.«

    Quelle: DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
    Adresse: http://www.zeit.de/2012/05/SS-Jaeger/komplettansicht

 

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 Juedischer Friedhof Birzai

 

 

In Birzai gibt es den wohl größten jüdischen Friedhof Litauens. Lange Zeit war es sehr still um ihn, die meisten Einwohner Birzais haben ihn nicht beachtet. In den letzten Jahren sind die Bemühungen gestiegen, das geschichtliche Erbe zu pflegen. 

Für mich war der Friedhof der Anlass, über die Geschichte in Litauen nachzudenken. Ein riesiger jüdischer Friedhof, aber keine Juden mehr. Daraufhin entstand diese Website.

Dank des Birzaier Journalisten Dalius Mikelionis wurde eine breitere Öffentlichkeit auf den Friedhof aufmerksam.

Mitglieder der evangelisch reformierten Kirche aus Detmold waren drei mal in Birzai und haben den Friedhof vom jahrelangen Wildwuchs gesäubert. Endlich kamen die meisten Grabsteine wieder zum Vorschein und man konnte die riesigen Dimensionen des Friedhofes erkennen. Nun kümmert sich auch die Stadtverwaltung um die Pflege des Friedhofs.

Der Artikel ist zuerst in der Zeitung Birzieciu Zodis erschienen. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Übersetzung aus dem Litauischen: Raimundas Binkis, Birzai    

 

 

Auf der Suche nach dem „Code der Juden“

 

Direkt neben dem Sirvena See, wo sich die Latvygalos Strasse befindet, gibt es den alten (Birzaier) Friedhof der Juden. Es ist kaum etwas darüber bekannt. Aber der Friedhof ist einer der grössten in Litauen. Mehr dazu, wenn man die geheimnisvollen Schriften an den Grabsteinen zu entziffern versucht, kann man interessante Dinge über Birzai und die Juden, die hier mal lebten, lernen.

 

Juden – der untrennbare Teil der Geschichte von Birzai

Wie der Geschichtswissenschaftler Deimantas Karvelis behauptet, war Birzai einmal, wegen der Toleranz der vorigen Besitzer der Stadt – dem Adeligen Radziwillen, eines der jüdischen Zentren in Litauen.

 

Im Jahr 1594, 5 Jahre nach der Gründung der Stadt Birzai, lesen wir in einem Brief von Fürst Kristupas Radziwill Perkunas an den Ältesten von Birzai und an alle späteren Verwalter von Birzai: „(...) alle Juden, die jetzt in Birzai leben und danach leben werden, dürfen nicht anders als alle hiesigen Menschen behandelt  werden.“

 

Aber: „Man muss die Juden, die in Birzai leben, kontrollieren, so dass sie nicht die Christen schänden würden. Gerade das Stadtgericht muss es tun. Wenn ein reicher Kaufmann ankommt, der ein Haus am Marktplatz haben möchte, dann, mit Bestätigung vom Stadtrat, muss ein Jude seinen Platz verkaufen und anderswo hinziehen."

 

Im Jahr 1636 stellte Kristupas Radziwill fest, dass „In der Stadt, leben zwei Arten von Juden: Rabbiner und Karaiten. Es sollte für sie getrennte Gebiete oder Straßen bestimmt werden.”

Im Jahr 1610 gab es in Birzai 25 jüdische Häuser in drei Straßen in der Nähe des Marktplatzes. Die Häuser standen gerade im Zentrum der Stadt, neben den Häusern von Bürgermeister und Vogt. Andere Häuser wurden unter den reichsten Bürger von Birzai besetzt - zum Beispiel, in der Nähe des Hauses des Goldschmiedes von Kristupas Radziwill. Übrigens, eine der ersten Erwähnungen der berühmten Birzaier Brauereigeschichte ist auch mit den Juden verbunden. Kaum 20 Jahre nachdem Birzai die Magdeburger Stadtrechte bekam, findet man in Dokumenten, dass sich 9 Juden in Birzai mit Bier-, Met- und Wodkaherstellung beschäftigten.


Um 1650, gab es  27 jüdische Rabbiner- und 15 jüdische Karaitenhäuser.


Im 17. Jahrhundert waren schon eine Menge  Juden in der Stadt - sie lebten verstreut in verschiedenen Stadtteilen. Kristupas II übernahm die Initiative, die Birzaier Juden an einem Platz zu versammeln, und er erlaubte ihnen eine Synagoge zu bauen. Das jüdische Gemeindehaus stand zwischen zwei benachbarten Straßen, die zum Marktplatz führten. Im Jahr 1650 lebten ein Teil der Juden und Karaiten  in getrennten Vierteln der Stadt.

 

Als Birzai im 18. Jahrhundert Schritt für Schritt größer wurde, besassen von den insgesamt 528 Häusern der Stadt die Christen nur 128 Häuser. Die restlichen 400 Häuser gehörten den Juden.

 


In der Zeit vom Grafen Tiskevicius, am Ende des 19. Jahrhundert, waren von den  gesamten 2.630 Bewohnern in Birzai   1.860 Juden und nur 740 Christen (Polen, Russen und Litauer). (AK: Juden achten sehr auf diese Unterscheidung, also durchaus politisch korrekt).


In der Zwischenkriegszeit gab es in Birzai die jüdische Volksbank, drei jüdische Sportvereine, die Zionistengemeinde „Mizrochi“, eine Synagoge mit zwei Rabbinern und auch Schulen. Bei  insgesamt 228 vorhandenen Läden,  gehörten 160  den Juden und nur 68 den  Christen.

Aber diese gesamte Geschichte der Juden in Birzai, die so untrennbar war von der Geschichte  Birzais selber, wurde innerhalb  weniger Tage am Sommerende 1941 vernichtet, als im Gelände Pakamponys (neben Astravas, am Rande von Birzai)   2.500 Juden aus Birzai und Umgebungen erschossen wurden.

 

 

Eines der ältesten Grabsteine

 

Begrabene Geschichte, wovon wir kaum etwas wissen

 

Neben dem Sirvena See gibt es einen großen Friedhof, wo innerhalb von mehr als 400 Jahren Juden und Karaiten begraben wurden. Ich schrieb davon mal für (die Zeitung) „Birzieciu Zodis“, wenn Überschwemmungen im Frühling im Sirvena See das Ufer abspülten, die Grabmäler in den See stürzten und die Knochen der Begrabenen an die Oberfläche kamen. Am ärgerlichsten ist es, dass das Wasser den ältesten und am weitesten von der Stadt gelegenen Teil des Friedhofs vernichtete, wo die frühesten Begräbnisse stattgefunden haben. Vielleicht, aus der Zeit von Radziwill. Vielleicht nicht nur (Beerdigungen) von Juden aber auch diejenige von Karaiten, d.h. von Tataren, die nicht den Islam aber den Judaismus als Religion angenommen haben.

 So, das Ufer wurde in Ordnung gebracht, betoniert, und die bleibende Gräber werden nicht mehr weggespült.

 

Aber in dem alten jüdischen Friedhof ist ein Teil der Birzaier Geschichte begraben worden, wovon wir so wenig wissen. Es ist nun mal mal so, dass der jüdische Friedhof, der sich in einem abgelegenen Ort hinter dem ehemaligen Schlachthof befindet, nicht gerade  im Aufmerksamkeitszentrum der Bewohner von Birzai ist. Viele von ihnen haben vielleicht noch nicht davon gehört. Aber der Friedhof ist einer der größten der verbliebenen jüdischen Friedhöfe in Litauen. Vor mehreren Jahren waren die zwei Wissenschaftlerinnen Irit  Abramski und Natasha Sigal vom israelischen „Yad Vashem“ Institut  sehr erstaunt dass es in Birzai einen solchen grossen und alten Friedhof gibt. Die Wissenschaftlerinnen, auf die langen Reihen von Denkmälern blickend, lasen mehrere Aufschriften an den Grabmälern.

 

 

Der Birzaier Friedhof - einer der größten noch erhaltenen in Litauen

 

Friedhöfe ... über die nichts bekannt ist


Ich war schon zuvor an der jüdischen Geschichte in Birzai interessiert, so nahm ich den Besuch von den beiden Wissenschaftlerinnen als Anstoß, um herauszufinden, was für  Menschen auf dem alten jüdischen Friedhof in Birzai begraben worden sind. Ich begann mit den wichtigsten staatlichen Dokumenten für geschützte Objekte – mit dem Register der Kulturellen Werte.


Es waren nicht viele Informationen über den jüdischen Friedhof zu finden: „Der alte jüdischer Friedhof. Latvygalos Str. Das denkmalgeschützte isolierte Objekt. Fläche 33000. Wertvolle Eigenschaften, Teile und Komponenten: der südliche Teil des Friedhofs von einem Maschendrahtzaun umgeben. Es stehen viele steinerne Grabsteine. Es gibt eine Infotafel aus Brettern, wo auf Jüdisch und Litauisch steht: "Alter Friedhof. Sei es heilig die Erinnerung von den Toten." Am Eingang zum Friedhof befindet sich ein Denkmal für die Erinnerung derjenigen die in der zweiten Hälfte vom Jahr 1941 erschossen wurden. Es gibt auf dem Friedhof  wachsende Bäume, Sträucher, hohes Gras.“


Das ist aber alles. Wir wissen auch selber, dass der Friedhof von hohem Gras und Sträucher versteckt wird. Die Infotafel ist seit je von Metalldieben gestohlen. Als ein wertvolles Teil des Friedhofs wird der Zaun genannt, es gibt aber keine wichtigen Information in diesen besprochenen Dokumenten: wie viele Gräber sind hier, ( geschrieben: "viele"), aus welcher Zeit, welche Art von Menschen auf dem Friedhof begraben worden sind. Solche Infos sind nirgendwo zu finden weil der Friedhof nicht interessant für die Fachleute war.


Aber ich wurde neugierig. Also mehr als ein Jahr lang, wenn ich ab und zu einen halben Tag frei hatte, zog ich auf den alten jüdischen Friedhof. Der Teil näher an der Stadt ist ganz ordentlich – von der Selbstverwaltung (AK: Rathaus) gesandte Männer schneiden die Büsche, mähen die Rasen, so entdecken sich neue Grabsteine ​​in einer Reihe angeordnet. An den Grabsteine sind gut erhaltene jüdische geheimnisvolle Inschriften, manchmal sichtbar sind auch Davidsterne, in Stein gemeisselt. Allerdings sind diese Grabsteine die neuesten, von gerade vor dem (jüngsten) Krieg  begrabenen Juden. Weiter, Richtung des Sees, sollten sich die älteren Gräber finden.

 

Die meisten der Grabsteine sind ​​verschlungen, mit Erde teilweise bedeckt. Die Begräbnisse sind durch kleine Steine bezeichnet. Inschriften daran sind korrodiert und so schwer durchzulesen. Noch ein paar Jahre - und sie werden verschwinden. Besonders tragisch ist die Situation in der Mitte des Friedhofs. Er ist an einem tiefer  liegenden Platz, der ständig mit Wasser gefüllt ist. Diese Territorium ist verborgen durch einen unpassierbaren „Dschungel“. (AK: siehe Anmerkung am Anfang).

 

 

Davidsterne auf den Grabsteinen

 

Mehr als ein halbes Tausend Grabsteine


Bei meinen ersten Besuchen auf dem jüdischen Friedhof habe ich versucht, mindestens die Grabsteine ​​zu zählen. Die grössten und immer noch aufrecht  stehenden Grabsteinen waren nicht so schwer zu zählen. Viel schwieriger war es, auch die Gräber zu finden, die nur durch kleine, grasbewachsene Steine gekennzeichnet sind. Ich erfuhr, dass es am besten ist, die Gräber im Frühjahr zu zählen, wenn das Gras und die Baumblätter noch nicht wachsen, oder auch spät im Herbst, wenn die Grabsteine ​​nicht durch Schnee verdeckt sind. Ich vermute, dass sich auf dem alten jüdischen Friedhof von Birzai ungefähr 500-600 Grabsteine befinden, aber diese Daten sind sehr ungenau. Ich habe noch nicht gehört, dass es irgendwo sonst in Litauen so viele jüdische Bestattungen in einem Ort gibt. Viele jüdische Friedhöfe sind beschädigt, es stehen Häuser daran, auch Fabriken, oder sind sie gepflügt worden...


Als ich die Bestattungen zählte, erschienen mir besonders interessant mehrere Grabsteine am See, ich glaube, im ältesten Teil des Friedhofs. Man kann an den ein Meter hohen Grabsteinen die orientalischen Ornamente sehen (auf jüdischen Grabsteinen gibt es keine solche), die Inschriften sind in einem  anderen Stil gemacht worden. Ich denke, dass diese sich deutlich von den traditionell jüdischen Grabsteinen unterscheidene Grabsteine können Begräbnisse  von Karaiten bedeuten. Die Karaiten betrugen in der Zeit von Radziwillen einen bedeutenden Teil der Bewohner von Birzai: die alte Aufzeichnungen behaupten, dass im Jahre 1650 in Birzai 27 Häuser von jüdischen Rabbiner und 15  - jener von jüdischen Karaiten standen.


Der zweite Schritt war zu versuchen, die Gräber zu fotografieren, insbesondere die restlichen Grabsteine. Ich habe versucht, Grabinschriften aufzunehmen, aber es war nicht einfach. Es gelang mir, einen Teil der Inschriften so aufzunehmen, dass sie gut lesbar sind.

 


Inschriftensprache – schwer lesbar


Aber wie herauszufinden, was auf den Gräbern geschrieben ist? Ich bin hier auf ein ernstes Problem gestoßen. Ich kontaktierte für eine Hilfe das Jüdische Museum, das Museum der Synagoge der Stadt Kedainiai, die jüdischen Gemeinden, sogar auch das Litauische Zentrum der Ermittlung von Genozid. Keiner dort war in der Lage, die alten jüdischen Aufzeichnungen zu lesen. Es stellte sich heraus dass die Juden in Litauen zwei jüdische Sprachen verwandten: Hebräisch (mit Elementen von Aramäisch) und Jiddisch. In einer häuslichen Umgebung, sie sprachen Jiddisch, das ihre Herkunft in Deutschland hatte. Aber Juden hatten auch eine "heilige" Sprache - Hebräisch. Es wurde verwendet, um die Thora, den Talmud zu lesen, auch wurden die Inschriften auf Grabsteinen gerade in dieser Sprache eingraviert. Es stellte sich heraus, dass nach dem Holocaust, und nachdem viele der überlebenden Juden aus Litauen nach Israel emigrierten, es schwer war jemanden zu finden, der die alten Inschriften in Hebräisch entziffern könnte...


Plötzlich bekam ich eine Hilfe von einer Stelle, wovon ich sie überhaupt nicht erwartet hatte. Die Koordinatorin der Bildungsprogramme der Internationalen Kommission für den Bewertung der Straftaten von nationalsozialistischen und sowjetischen Regimes in Litauen Ingrida Vilkienė, die immer interessiert an  meiner Idee war, hat mir im vergangenen Sommer die Emailadresse eines im Ausland lebenden Litauers gesendet. Herr Alexander Avramenko lebt derzeit in den Niederlanden, in Amsterdam, wo sich eine der ältesten und größten jüdischen Gemeinden in Europa befindet. (Weil die Stadt  ein grosses Zentrum für Diamanten, Finanzen und des Handels ist). A. Avramenko interessierte sich  auch für  die alten jüdischen Friedhöfe in Litauen, er hat sogar eine Website gemacht, wo er die Aufnahmen der jüdischen Friedhöfe hochlädt und auch  einige Grabsteininschriften entschlüsselt. Ich schickte ihm ein paar hundert Fotos mit Grabinschriften vom Birzaier jüdischen Friedhof.
Zunächst auf Emailniveau - und dann auch durch Skype - hatten wir beide eine spasshafte, mindestens für mich sehr nützliche Kommunikation. Ich fand heraus, dass ich wenig wusste von der Geschichte,Tradition und Kultur der neben uns lebenden Nation, die so gross war. Z.B. als ich die Aufnahmen machte, kam mir überhaupt nicht die Idee, das  Juden von rechts nach links schreiben, so fokussierte ich meinen Fotoapparat nicht am Anfang eines Satzes, aber am Ende.

 

Herr Avramenko meinte dass die Sprache der Grabinschriften sehr spezifisch ist, so dass auch die Menschen, die Hebräisch kennen, nur selten verstehen, was dort geschrieben ist. Es gibt eine Menge von Abkürzungen, Symbole. Die jüdische Sprache ist sehr lakonisch. A. Avramenko hat geschrieben, dass einige Buchstaben sehr ähnlich sind, so dass der Übersetzer Yossi   immer möglichst genaue Bilder möchte, weil es  so einfach ist Fehler zu machen, insbesondere wenn ein Jahr in Buchstaben geschrieben wird. Man kann auch mit den Jahreszahlen Fehler machen - alles hier ist ziemlich kompliziert. A. Avramenko bekam  Hilfe von seinem Freund, der lange in Israel gelebt hat und fliessend Hebräisch spricht, aber sogar der konnte sehr wenig darin helfen...

 

 

Geschichte kommt an die Oberfläche - Knochen

 

Jüdische Friedhöfe und Beerdigung


Während dieser Entschlüsselungen und Übersetzungen war ich weiterhin an jüdischen Bräuchen interessiert. Ich fand heraus dass es die jüdische Tradition verbietet, die Überreste auszugraben und anderswo zu beerdigen. Das Berühren des Verstorbenen ist unannehmbar und wird als Respektlosigkeit bewertet. Die Juden glauben, dass sogar irgendwelcher  Profit  aus den Pflanzen, die auf dem Grab des Verstorbenen wachsen, einer solcher Entweihung entspricht. Z.B.  ist es nur dann erlaubt, einen auf einem Grab wachsenden Baum zu schneiden, wenn er eine Bedrohung für den Grabsteinen ist. Aber es ist verboten, das Holz aus dem Baum für sich zu nutzen. Es ist auch verboten, an einem Friedhof geschnittenes Gras als Futter für Tiere zu benutzen und auch dort wachsende Heilpflanzen zu verwenden. Als Ergebnis hatte ein jüdischer Friedhof manchmal den Anschein von Vernachlässigung. Viele jüdische Friedhöfe wurden eingezäunt. Dieses diente als eine Maßnahme gegen Verwüstung, Tiere und Unbefugte, aber auch, was noch wichtiger ist, um ein rituell schmutziges Territorium zu kennzeichnen und abzutrennen. In einem Friedhof ist jede Handlung, die Respektlosigkeit gegenüber den Verstorbenen zeigen könnte, verboten. Auch verboten ist an diesem Platz jede tagtägliche Handlung: Essen, Trinken, Schlafen, lautes Reden, Beweidung, auch durch den Friedhof zu gehen um eine Abkürzung zu machen.

Jüdische Friedhöfe sind seit je getrennt gewesen. Die Toten wurden an denselben Tag begraben. Im Zimmer des Verstorbenen brennt immer zu seinem Gedächtnis eine Kerze - ein Symbol des Geistes. Alle Spiegel, Gemälde, TV Bildschirme werden in der  Wohnung bedeckt. Unmittelbare Familienmitglieder trauern 7 Tage, indem sie auf dem Boden oder auf niedrigen Bänken sitzen und das Haus nicht verlassen. Juden verwenden keinen Schmuck oder Kosmetik wenn sie trauern, auch nehmen nicht an Unterhaltungen teil. Die Trauer wird nicht durch schwarze Farbe aber durch einen Schnitt in der  Bekleidung eines Juden gekennzeichnet. (AK.: Kriah)

Es ist nicht akzeptabel im Judaismus, die Toten zu schmücken: der Verstorbene wird ohne Sarg (nur im Tuch), oder in einem einfachen Sarg begraben. Der Körper wurde im Tuch eingewickelt und zum Friedhof gebracht, dort in die Grube eingelassen, seine Augen mit Scherben bedeckt. Es wurde in einer flachen Grube begraben, Grabsteine wurden  nur aus Stein gemacht. Nach der Beerdigung kehrten die Juden vom Friedhof keinesfalls auf dem  gleichen Weg zuirück , weil sie glaubten, dass wenn man denselben Weg nimmt, dir der Tod von hinten zu deinem Haus folgen kann.  Beerdigungen liefen ohne Blumen und Kränze ab, genauso wie bei zukünftigen Besuchen an den Gräbern (manchmal ließ man am Grab ein Steinchen). Dreißig Tage nach dem Tod gab es  eine Gedenkfeier am Grab. Danach war erlaubt, ein Grabmal zu bauen.


Ich habe viel über die jüdische Bekleidung gelernt, auch darüber, warum Männer flache Mützen tragen, oder warum sie unrasierte Haare an den Schläfen haben. Noch interessanter war, tiefer in ihre Essgewohnheiten zu schauen - koschere Anforderungen, traditionelle Küche (es erschien dass viele litauische Gerichte scheinbar aus der jüdischen Küche gekommen sind...).

 


Der entschlüsselte "jüdische Code"


Aber lassen wir uns zu unseren (oder vielmehr - jüdischen) Grabsteinen zurückkehren. Nach ein paar Monaten harter Arbeit mit dem Entschlüsseln alter Inschriften in Hebräisch, begann ich, die jüdische Übersetzungen von manchen Grabsteinen in meinen Computer einzugeben. Leider gelang es nur 82 Inschriften zu entziffern. Eine traditionelle Inschrift auf dem Grabstein sieht so aus: "Hier ruht der ehrwürdige Gerchon Moshe, Sohn von Yehuda Ha Levy. Starb im Monat von Yud Zion 17. Tag, Tuf Rash Zadek Hai im Jahr 5685“. Oder: "Hier ruht die junge Frau Rachel, die Tochter von Leiba Zelig. Starb Kuf Alef 26. Tag, Tuf Raish Nun Bet im Jahr 5652".

Dank den Übersetzern, dass sie neben den uns nichts bedeutenden hebräischen Datumsangaben auch die lateinische Variante hinzufügen haben. Sie zeigen, dass die meisten Begräbnisse aus der Periode von 1870-1930 Jahren sind. Auf dem Birzaier jüdischen Friedhof wurden auch Juden von (nebenliegenden Städtchen) Papilys begraben. Auf den Grabstein einer Frau wurde festgestellt, ob sie verheiratet ist, oder wenn sie jung starb. Auf Grabsteinen der Männer wurden solche Aufschriften wie "ehrwürdig", "Student", "Lehrer" oder sogar "Rabbi" eingetragen.


Juden selber haben darauf hingewiesen dass es einen Grabstein im Birzaier Friedhof von einem berühmten Mitbegründer des "Yashiva Knesset Israel“ Rabbi Natan, Sohn von Shmuel gibt. Ich schaute ins Internet und erfuhr,das diese am Ende  des 19. Jahrhunderts in Kaunas begründete religiöse Schule  eine der einflussreichsten und der größten in Europa war. Sie hatte dann sogar 500 Schüler. In diese Yeshiva Schule kamen auch polnische und deutsche Studenten. Nach dem ersten Weltkrieg zog sie nach Jerusalem um. Die Studenten aus dieser Yeshiva und ihre Ausbildung hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des gegenwertigen Staates Israel.

Es war auch interessant, eine Übersetzung vom am Anfang dieses Artikels genannten Grabinschriften der  Karaiten zu bekommen. Die Vermutung bestätigte sich, dass die ältesten Grabsteine  gerade jene sind, die sich am Ufer des Sees befinden. Leider ist die Inschrift schwer lesbar, zumindest zeigt sie aber, dass es dort im Jahre 1828 (nur 15 Jahre nach den napoleonischen Kriegen!) ein geehrter Rabbi begraben ist. Leider konnte man weder seinen Namen noch den Vornamen lesen.

 

 

Grabmal von Rabbi Natan, dem Begründer von "Yashiva Knesset Israel"

 

Nur der Anfang einer grossen Arbeit...


Wir werden wieder auf den alten jüdischen Friedhof von Birzai gehen. Und nicht nur einmal. Wir möchten mehr von den Gräbern aufnehmen, noch mehr Inschriften einklären. Vielleicht können wir mehr berühmte Leute aus der Vergangenheit entdecken. Unsere Leute, von Birzai. Wenn wir die Listen mit Namen und Lebensjahren der Juden auf dem Birzaier Friedhof hätten, wären wir dann in der Lage, noch ein "Abenteuer" hinzuzufügen – Archive und  Museen zu durchsuchen, um herauszufinden wo diese Menschen lebten, was sie getan haben. Weil es ist genug ein Telefonbuch aus dem  Jahr 1932 zu nehmen oder einen schönen Artikel von Bronius Janusevicius Buch „Praeities miestas“ („die Stadt der Vergangenheit“) zu lesen, um festzustellen, dass die Juden einen grossen Teil der Bewohner  Birzais darstellten. Ja, mit ihrer eigenen Kultur, ihren eigenen Traditionen. Es ist schon  Zeit, diese Seite der Geschichte zu öffnen.

 


Dalius Mikelionis
Fotos von D. Mikelionis.
"Biržiečių Zodis“ (“das Birzaier Wort”, örtliche Zeitung von Birzai)
www.selonija.lt

 

Wer mehr über die Geschichte Litauens wissen möchte, besonders über den Holocaust, der wird hier unter litauischer Geschichte fündig!

Informationen über Birzai gibt es bei birzai.de oder auf alles-ueber-litauen.de

 

 

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Judenfriedhof Birzai

 

Mitglieder der Gesellschaft für christlich- jüdische Zusamenarbeit und der evangelisch- reformierten Kirche Lippe aus Detmold sind am 23. August in Birzai eingetroffen, um den alten jüdischen Friedhof aufzuräumen, der als der größte jüdische Friedhof in ganz Litauen gilt.

 

 

Unter Leitung von August Wilhelm Kemper haben sich 16 Mitstreiter auf eigene Kosten aufgemacht, um den größten jüdischen Friedhof Litauens in Ordnung zu bringen.

Herr Kemper betont die freundliche Aufnahme durch die Stadt Birzai, die den Fahrdienst vom Hotel Tyla zum Friedhof und die nötigen Werkzeuge organisierte.

Die Detmolder Gruppe wird von Schulkindern und dem Geschichtslehrer Vidmantu Jukoniu (und seinem Sohn als Dolmetscher) unterstützt.

 

Neben der harten körperlichen Arbeit (es mussten etliche Bäume gefällt werden), gab es zur Entspannung ein Bad im See neben dem Hotel Tyla und einen Ausflug in die Umgebung.

Mit dem Essen, der Unterkunft und dem einheimischen Bier, waren die Gäste, dem Vernehmen nach, zufrieden.

 

 


Größere Kartenansicht

 

Hier sieht man Birzai mit dem Sirveno See aus der Satellitenperspektive. Rechts auf dem See sieht man die lange Brücke , die von der Stadt zum Astravas Anwesen führt. Der Sirveno ist der größte künstliche See in Litauen

 

Auf ein Wiedersehen in Birzai freuen wir uns!

 

Im August ging die Aufräumaktion weiter. 

 

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Die Rote Armee

 

In ihr kämpften, oft unfreiwillig, Menschen vieler Nationen. Sie hatte für die Ziele Josef Stalins einzutreten, brachte viel Leid über Europa (Ukraine, Hitler-Stalin Pakt) und hatte im Kampf gegen die Wehrmacht sehr viele Tote zu beklagen (siehe auch die Schilderungen der 215. Infanteriedivison im Kurlandkessel im Text ganz unten). Trotzdem war sie, auch wenn das System hinter ihr nicht viel besser war als der Nationalsozialismus, Teil der Alliierten, Befreier Europas.

In der Roten Armee kämpften anfänglich 5 Millionen Soldaten, von denen etwa 500.000 Juden waren. Die kämpften nicht nur für ihr Land, sondern auch für ihr Leben. Die Hälfte von ihnen ist gefallen.

(Insgesamt sind 11,4 Millionen russische Soldaten gestorben, davon 3 Millionen in Gefangenschaft. Bei den Deutschen war das Verhältnis 2,7 Millionen zu 1,1 Millionen).

 

Im Herbst 2006 wurde eine Idee von Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum, verwirklicht. Jüdischen Veteranen der "Roten Armee" sollte eine Stimme gegeben werden.

Durchgeführt haben es Schüler von vier Berliner Gymnasien. Sie  interviewten (in Zusammenarbeit mit dem Verband der "Jüdischen Veteranen in der Roten Armee" und der Geschichtswerkstatt "culture and more") 13 jüdische ehemalige Soldaten der Roten Armee, die heute alle in Berlin leben. Herausgekommen ist eine Ausstellung mit Fotos und Geschichten betagter Menschen, die im Krieg gegen das Deutschland Adolf Hitlers nicht nur ihr eigenes Leben verteidigten, sondern auch ein Hoffnungsschimmer für die von den Nazis Drangsalierten und Eingesperrten waren.

Lew Wilenski z.B. hatte sich als 16-jähriger freiwillig als Soldat gemeldet und war 1945 bei der Befreiung Auschwitz dabei.

 

Die Sowjetunion unter Stalin war dem System des Nationalsozialismus nicht unähnlich. Lebhafte Diskussionen werden auch heute noch geführt, welcher "Sozialismus" denn mehr Menschen auf dem "Gewissen" hat.

Die Verbrechen der Rotarmisten an deutschen Zivilisten, besonders Frauen, waren furchtbar.

Für Gegner des Nationalsozialismus, Juden und Demokraten waren die russischen Soldaten die Rettung.

Hermann Simons erzählte bei der Ausstellungseröffnung von seiner Mutter, die  die den Krieg in einem Versteck überlebte, dass ihre Hoffnung beim Anblick eines sowjetischen Panzers in Zuversicht umgeschlagen sei.

(Empfehlenswert ist dazu das Buch von Heinz Droßel: "Zeit der Füchse")

In einem Interview mit der "Zukunft", Informationsblatt des Zentralrats der Juden in Deutschland, äußerte Simon sein tiefstes Bedauern darüber, dass unter den befragten Veteranen kein einziger war, der bei den Partisanen gekämpft hat. Es gab nämlich spezielle jüdische Partisanenbrigaden mit oft aus den Gettos geflüchteten Juden. (Z.B. die Bielski Partisanen).

 

 

Die Ausstellungstafeln kann man nach anklicken der Bildminiaturen als PDF Dateien sehen.

 

zwischen davidstern und sowjetstern Zwischen Sowjetstern und Davidstern

"Knapp 100 jüdische Veteran/Innen der Roten Armee leben heute in Berlin. Sie wuchsen einst in einer Sowjetunion auf, die es nicht mehr gibt. Diese Menschen vermochten es, ihre jüdische Identität trotz aller Diskriminierungen zu bewahren.
Als Offi ziere oder Soldaten kämpften sie gegen die deutschen Nationalsozialisten und ihre Helfer, die den Zweiten Weltkrieg begannen und in der Schoa Millionen Juden ermordeten.
Für wen kämpften sie? Für das eigene Überleben, für das Überleben von Verwandten und Freunden. Musste man, durfte man dabei auch Patriot sein?
Schließlich waren der sowjetische Diktator Josef Stalin, die sowjetische Gesellschaft auch im Krieg nicht frei von Antisemitismus. Diese Fragen stellten sich Männern wie auch Frauen, die in der sowjetischen Armee kämpften. Menschen, die auf ein reiches Leben zurückblicken, erhalten eine Stimme. Ein Stück jüdischer, sowjetischer, deutscher, ja europäischer Geschichte wird bewahrt. Wir danken vor allem den Veteran/Innen sehr herzlich für Ihre große Hilfe.

Ohne sie gäbe es dieses Projekt nicht."

 

udssr, rote armee und zweiter weltkrieg UdSSR, Rote Armee, Zweiter Weltkrieg

"Etwa 30 Millionen Menschen kamen in diesem Krieg um, davon ca. acht Millionen sowjetische Soldaten. Der Sieg der UdSSR 1945 ging mit schrecklichen Verlusten einher."

 

judentum und antisemitismus in der sowjetunion bis 1941  Judentum und Antisemitismus in der UdSSR bis 1941

»Leider wurde meinem Großvater seine Frömmigkeit fast zum Verhängnis … Eines Tages – das war vor dem Krieg – wurde er auf dem Rückweg vom Gebetshaus von bösen Menschen angegriffen. Sie zogen ihn am Bart, riefen antisemitische Parolen. Nur dank der Einmischung von Passanten kam mein Großvater heil davon, denn die Angreifer hatten ihm offensichtlich nach dem Leben getrachtet, und das im Zentrum der Stadt.«

 

 die gesprächspartner Die Gesprächspartner 1

"Joine Goldgar wurde 1914als jüngstes von acht Kindern in der polnischen Kleinstadt Staszów, nahe Krakau, geboren. Obwohl er aus einer religiös geprägten Familie stammte, spielte für ihn die jüdische Religion keine zentrale Rolle. Goldgar war Kommunist.
Er arbeitete als Lehrer am Gymnasium. Kurz nach Kriegsbeginn 1939 fl oh Goldgar vor den Deutschen in die Sowjetunion."

 

gesprächspartner2 Die Gesprächspartner 2

"Jewgenija Smuschkevitsch wurde 1925 in der litauischen Stadt Kaunas geboren. Ihre Familie wahrte die jüdischen Traditionen. Jewgenija Smuschkewitsch fl oh sofort nach Kriegsbeginn an den Ural. Ihre Familie wurde im Ghetto von Kaunas ermordet."

 

alltag in der roten armee Alltag in der Roten Armee

»Als ich mich freiwillig zur Roten Armee meldete, bekam ich zunächst ein Gewehr mit durchgeschossenem Lauf, so dass das Bajonett eigentlich das Einzige war, was an diesem Gewehr  funktionierte. Es gab keineWaffen.
Die Deutschen hatten sich auf den Krieg vorbereitet, die Russen nicht ... «
 

 

Juden in der Roten Armee Juden in der Roten Armee

"Gegen die Deutschen zu kämpfen, bedeutete nicht nur als Sowjetbürger sein Vaterland zu verteidigen, selbst, wenn es einen zuweilen als Juden ablehnte. Um als Jude zu überleben,  musste man den Feind schlagen, der die jüdische Bevölkerung umbrachte."

 

Frauen in der Roten Armee  Frauen in der Roten Armee

»Wenn eine Krankenschwester den Annäherungs versuchen ihres Vorgesetzten nicht nachgab, wurde sie aus dem Regimentsstab in den Bataillonsstab versetzt, wenn sie sich auch dort unnachgiebig zeigte, kam sie in eine der Kompanien, wo sie nach ein bis zwei Monaten starb.«

 

 

  Kriegsende, Sieg und Rückkehr in die Heimat

»Meine Eltern, ein Bruder und eine Schwester mit ihrer Familie kamen 1942 in Auschwitz um. Ein weiterer Bruder und eine Schwester, die in der Westukraine lebten, sind  verschwunden. Ihr Schicksal ist mir nicht bekannt.«

 

  Nachkriegszeiten

»1943 trat ich in die Partei ein, aus Dummheit natürlich. Obwohl ich sagen muss, dass ich damals überzeugter Kommunist war. Dann kam das Jahr 1946, die Kampagne gegen  Kosmopoliten … die Ärzteverschwörung. – Das hat mir die Augen geöffnet, denn für all das war die Partei verantwortlich.«

 

wege nach berlin - leben in berlin  Wege nach Berlin - Leben in Berlin

»Natürlich gehe ich in die Synagoge, aber den Sabbat halten – nein, das tue ich nicht. Überhaupt muss ich sagen, dass ich überzeugter Atheist bin. Es wundert mich, wie die Juden nach dem Holocaust, nach all den Leiden, die ihnen zuteil wurden, an Gott glauben können. Wofür sollten wir denn Gott dankbar sein?«

 

 

 

Copyright Centrum Judaicum und "culture and more"

 

Kurze Nachbemerkung: Viele Menschen der Sowjetunion waren mit dem Stalinistischen System nicht enverstanden.  

So entstand eine Russische Befreiungsarmee unter General Wlassow, meist aus russischen Kriegsgefangenen gebildet.

Wäre der Gastgeber nicht noch schlimmer als der ehemalige Oberbefehlshaber, hätte die Wlassow Armee durchaus positiv in die Geschichte eingehen können.

 

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Letter of german soldier Sandt

 

English translation of Heinrich Sandt's letter to his wife Elisabeth from 29.6.1941. He writes about what he saw at the "Lietukis Garage" in Kaunas (Vytautas Prospect Massacre).

Translation made by Christine Bombeck. (Thanks a lot!)

 

My dear Elizabeth,

we are still situated in Kowno with the complete division baggage train. How far the companies have come yet, I don't know. Anyhow, for K. the war is over. She has become a stage town overnight. By the way, today is thought to be Sunday. I do not know. I just know that it is currently raining. Therefore I've retired into the driver's seat of my car. The blotting pad is lying on the wheel, so everything is ok.

As farer you get eastwards, the dirtier and more disgusting -by our standards- the cities become. K. indeed has certain beautiful and wide streets with modern boulevards. But it all looks so modern, very  built overnight. The advanced objectiveness of the time of World War and the following periods characterizes the city center. But once you turn off the boulevard into the side alleys: small, partially unpaved, derelict wooden houses, smelly from dirt. You really have to hold your nose. This smell neither disappears in the big streets. Instead K. is draped in a cloud of smog that smells of all lifestyle habits and filthiness of the East. How deeply and freely you breathe while reaching the city boundary!

My first action in K. was to get some beer. Fortunately I was one of the first. The run was so large, because all units wanted to drink beer, that finally the Field Gendarmerie had to intervene imposing order. The brewery expended beer and the grunts made ample use of it.  Somewhen the women who worked in the factory arrived. They have been very outgoing and soon pictures have been   developed  that just could not be tolerated anymore. Yes, this is war. Only good that during army the iron broom is still prevailing, it just doesn't work without it. In the afternoon I drove into Kowno again. The setting became more lively. The Lithuanian self protection and White Russians speeded on trucks through the city and hunted the Jews down. In front of a cemetery, which layed on the one side of the street and a garage on the other side, a big crowd of people was gathered. Already from far one could see the excitement with which the crowd participated in the incidents that happened on the wide square before the garage.

While bending my steps toward this square, I heard a crying and groaning, a laughter and hooting, swearing and screaming. Then I saw iron bars, gunstocks, wooden cudgels and other items speeding downwards, as if someone was striking on something with anger and ire. And right: the Jews have been herded up and battered here. It was a scene that could not be exceeded in scariness and gruesomeness. Therefore I refuse to go into great detail. This evening the … people celebrated a public festival on top of the corpses of the Jews battered to death. An accordion played and the mob danced on top of the corpses jeering and whooping. The women have been the worst. Even heavily pregnant women delighted in this dance of the dead. Meanwhile the Field Gendarmerie has intervened. From that moment on the Jews have been treated more humanly, i.e. they have still been herded together in hundreds with weapons and then shot. But before they have to dig their own's grave. Only the Slav can be that cruel.

Naturally the Lithuanians are favorably disposed towards us as we have disabused them of the terror of the Reds. But they neither have anything to eat. Everything is rationalized resp. formalized.
The head functionaries who brought all this misery have fled early. But they will also be seized.
The large encircled areas that we've built are death areas for all those that are inside. You cannot imagine with which weapons such encirceled areas are surrounded. Guns in vast numbers and then always in with uncle Otto. Prisoners are not made, so cruel the war is here. -

In a moment the first breaking news will come. I want to listen to them. - The successes are enormous aren't they? Do you also have heard the S.-message about the tank battle north of Kowno?

A few days ago I had a nice dream! On the march I came near to Weddewarden. I asked the Lt. for holidays to visit you. This holiday have just been wonderful. We sat together in the  parlor and told each other and were pleased to have us back again. The night has also been indescribably pleasant. When I woke up I unfortunately didn't  lie right beside you but in a Lithuanian barn and had only dreamt successfully. I had to switch right after waking up because reality hasn't been reality.

 

With best regards for you

the children and everyone        yours, Heinrich

 

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Feldpostbrief vom 29.6.1941

 

English translation

 

Im Jahre 2016 tauchte ein Feldpostbrief von einem Soldaten einer Versorgungseinheit der 10. Kompanie des Infanterie-Regiments 89 (später Grenadier Regiment 89) auf.

Der Soldat Heinrich Sandt, geboren am 30.7.1908, schreibt in diesem Brief an seine Frau Elisabeth über die Geschehnisse in Kowno (Kaunas) im Juni 1941. Bekanntlich wütete ein Teil der litauischen Volksseele gegen ihre mutmaßlichen Peiniger: Kommunisten und Juden. Sandt erreichte als Mitglied des Gepäcktrosses des 89. Infanterie-Regiments die ehemalige litauische Hauptstadt. Das 89. IR scheint am 25. Juni 1941 die Memel überquert zu haben und blieb 10 km östlich von Kaunas stehen. Am nächsten Tag ging es weiter nach Osten (die kämpfenden Einheiten). Sandt schrieb an seine Frau am 29.Juni 1941, der Brief wurde auch an diesem Tag abgestempelt.

 

Die ca. 500 Briefe von Heinrich Sandt wurden von seinem Sohn aufbewahrt und das heute schwer lesbare Altdeutsch mit dem Computer abgetippt. Kurz vor seinem Tod übergab der Sohn die gesamten Familienunterlagen an seinen Bekannten Chris Steinbrecher aus Bremen. Der Kunsthistoriker (der sich für das Projekt 3.000 Schicksale Theresienstadt/Riga engagiert) digitalisierte den kompletten Nachlass. Ich habe ihn besucht und die gesamten Briefe gesehen. Bis ein Gutachter die Briefe untersucht hat, müssen die geschilderten Geschehnisse natürlich mit Vorsicht betrachtet werden. Für mich sahen die Briefe allerdings echt aus. Auch die geschilderten Familienstrukturen stimmen. Dass Frauen bei den Garagenmorden anwesend waren, kann man auf den vorhandenen Bildern auch eindeutig sehen.

Mittlerweile ist der Brief unterwegs nach Yad Vashem, der bedeutendsten Gedenkstätte über den Holocaust. Wieder ist durch Zufall ein Teil unserer Geschichte klarer geworden.

 

 Feldpostbrief Kowno Pogrome 1941

Feldpostbrief Heinrich Sandt 29.6.1941

 

O.U. den 29.VI. 41
Meine liebe Elisabeth!

Noch liegen wir mit dem gesamten Divisionsgepäcktroß in Kowno. Wie weit die Kompanien wo sind, weiß ich nicht. Für K. ist der Krieg jedenfalls vorbei. Sie ist über Nacht eine Etappenstadt geworden. Übrigens, heute soll Sonntag sein. Ich weiß es nicht. Nur soviel weiß ich, daß es augenblicklich regnet! Daher habe ich mich in den Fahrersitz des Wagens zurückgezogen. Die Schreibunterlage liegt auf dem Steuerrad und so geht es einiger maßen. -

Je weiter man nach dem Osten kommt, desto dreckiger und für unsere Begriffe abstoßend, werden die Städte. K. [AK: Kaunas] hat zwar einige schöne und breite Straßen mit modernen Prachtbauten. Aber es sieht alles so modern, so aus dem Boden gestampft, aus. Die moderne Sachlichkeit der Weltkriegszeit und der folgenden Jahre gibt dem Mittelpunkt der Stadt das Gepräge. Aber wehe, wenn Du von diesen Prachtstraßen abbiegst in die Nebengassen. Klein, z.T. ungepflastert, baufällige Holzhäuser von Schmutz stinkend. Man muß sich wirklich die Nase zuhalten. Dieser Schmutzgeruch verliert sich auch nicht in den großen Straßen. Dafür ist ganz K. in eine Dunstwolke gehüllt, die nach sämtlichen Lebensgewohnheiten und Unsauberkeiten des Ostens riecht. Wie man tief und erlöst beim Erreichen der Stadtgrenze aufatmet!

Meine erste Tätigkeit in K. war, Bier besorgen. Glücklicherweise war ich einer der ersten. Der Andrang wurde so stark, denn sämtliche Einheiten wollten Bier trinken, daß schließlich die Feldgendarmerie eingreifen mußte, um Ordnung zu schaffen. Die Brauerei gab für die Käufer Bier ohne Entgelt, dort zu trinken, aus, und die Landser machten dann reichlich Gebrauch. Dazu kamen die Weiber, die in der Fabrik arbeiteten. Sie waren sehr zugänglich und bald boten sich Bilder, die einfach nicht mehr geduldet werden konnten. Ja, das ist der Krieg. Nur gut, beim Kommiss herrscht immer noch der eiserne Besen, ohne den es einfach nicht geht. Am Nachmittag fuhr ich wieder nach Kowno hinein. Das Bild wurde belebter. Der litauische Selbstschutz und die Weißrussen jagten auf Lastwagen durch die Stadt und machten Jagd auf die Juden. Vor einem Friedhof, der auf der einen Seite der Straße lag und einer Garage auf der anderen Seite, war eine große Menschenmasse versammelt. Von weitem schon sah man die Erregung, mit der sie an den Geschehnissen teilnahm, die sich auf dem weiten Platz vor der Garage abspielten.

Während ich meine Schritte diesem Platz zu lenkte, hörte ich schon von weitem ein Geschrei und Gestöhne, ein Lachen und Johlen, ein Fluchen und Kreischen. Da sah ich, wie Eisenstangen, Gewehrkolben, lange Holzknüppel u. andere Gegenstände mit Macht nach unten sausten, so als man mit Wut und Ingrimm auf irgend etwas nieder schlug. Und richtig. Die Juden waren hier zusammen getrieben und wurden einfach niedergeschlagen. Es war ein Bild, das in seiner Schauderhaftigkeit und Grausamkeit nicht übertroffen werden konnte.

 

Kaunas Pogrome Vytautas Prospect 1941

Daher will ich Dir keine Einzelheiten hierüber schreiben. Des Abends feierte die ... [AK: unleserlich] Volksseele ein Volksfest auf den Leichen der erschlagenen Juden. Ein Akkordeon spielte und johlend und schreiend tanzte der Mob auf den Leichen umher. Die Frauen waren die Schlimmsten. Sogar hochschwangere Frauen ergötzten sich leidenschaftlich an diesem Totentanz. Jetzt hat die Feldgendarmerie eingegriffen. Die Juden wurden hinfort humaner behandelt, d.h. sie wurden nach wie vor in Waffen zu Hunderten zusammengetrieben und dann erschossen; vorher aber müssen sie ihr Grab geschaufelt haben. So grausam kann eben nur der Slawe sein.

Uns sind die Litauer natürlich sehr gewogen, haben wir sie doch von dem Terror der Roten befreit. Aber zu beißen haben sie auch nichts. Es ist alles rationalisiert bzw. formalisiert. Die Hauptfunktionäre, die all dieses Elend gebracht haben, sind vorzeitig geflüchtet. Gefaßt werden sie aber doch. Die großen Kessel, die wir gebildet haben, sind Todeskessel für alle die da drin sind. Du kannst Dir keine Vorstellung machen mit welchen Waffen solche Kessel umstellt sind. Geschütze in unüberschaubarer Zahl und dann immer hinein Onkel Otto. Gefangene werden nicht gemacht, so grausam ist hier der Krieg. –

Gleich kommen die ersten Sondermeldungen. Die will ich mir eben anhören. –  Die Erfolge sind gewaltig nicht wahr? Hast Du auch die S.- Meldung über die Panzerschlacht nördlich Kowno gehört?

Vor einigen Tagen ...

Herzlichen Gruß an Dich die Kinder u. alle
von Deinem Heinrich.

 

Kowno Massaker Feldpost 1941

Einer der ca. 500 Briefe von Heinrich Sandt

 

Heinrich Sandt SA 1933

Heinrich Sandt bei der Ausbildung in der SA Frühjahr 1933 (4. von rechts).

 

Die recht entspannte Art, wie der Soldat Sandt die Morde schildert ("Die Juden wurden hinfort humaner behandelt, d.h. sie wurden nach wie vor in Waffen zu Hunderten zusammengetrieben und dann erschossen ...) lässt sich vielleicht aus seiner Geschichte erklären. Er wurde am 15.4.1933 Mitglied der NSDAP und der SA. Sandt arbeitete als Lehrer für Deutsch und Geschichte. Er leistete seinen Wehrdienst 1939 ab, nahm am Polenfeldzug teil und war anschließend in Frankreich eingesetzt.

 

Heinrich Sandt hat sich auch für den Dienst bei der Feldpolizei und der Gestapo beworben, darüber gibt es aber keine weiteren Informationen. Er scheint versucht zu haben, sich durch Beziehungen vor dem Dienst in der kämpfenden Truppe zu drücken und landete bei dem Gepäcktross der 10. Kompanie des 89. IR. Deren Bierdurst haben wir diese Zeugenaussage über das Lietukis-Massaker zu verdanken.

 

Feldpostbriefe Litauen

Sandt schrieb etwa 500 Briefe an seine Frau Elisabeth.

 

 

Was ist das Besondere am Feldpostbrief des Heinrich Sandt?

Der bisher unbekannte Brief bestätigt einige kontrovers diskutierte Handlungen beim Lietukis-Pogrom. Schon der Fotograf Gunsilius (siehe Zeugenaussagen) sprach in seiner Aussage:

"Nachdem alle erschlagen waren, legte der Junge die Brechstange beiseite, holte sich eine Ziehharmonika, stellte sich auf den Berg der Leichen und spielte die litauische Nationalhymne. Die Melodie war mir unbekannt, und ich wurde von Umstehenden belehrt, daß es sich um die Nationalhymne handle. Das Verhalten der anwesenden Zivilpersonen (Frauen und Kinder) war unwahrscheinlich, denn nach jedem Erschlagenen fingen sie an zu klatschen, und bei Beginn des Spiels der Nationalhymne wurde gesungen und geklatscht. Es standen Frauen in der vordersten Reihe mit Kleinkindern auf den Armen, die den ganzen Vorgängen bis zum Ende beigewohnt haben."

 

Sandt bestätigt also das Verhalten der anwesenden Frauen, sowie das Spielen des Akkordeons.

 

[Diese Schilderung gibt es auch bei Mejer Yelin in seinem Buch Festung des Todes wo ein Weissarmbändler mit einem Akkordeon auf den Leichen Musik spielt.]  To be confirmed...

 

Interessant ist auch die Aussage, dass die Litauer und Weißrussen mit LKW Jagd auf Juden machten. Tatsächlich scheint sich der "litauische Selbstschutz" am Vytautas Prospekt immer neue Opfer gesucht zu haben. Dass Weißrussen an den Aktionen beteiligt waren, ist mir aber neu.

 

Es ist überflüssig darauf hinzuweisen: Natürlich wusste die Wehrmacht (hier stellvertretend Soldat Sandt) von den Verbrechen, die mit ihr oder hinter ihr verübt wurden.

 

 

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Familiengruft Graf Tiskevicius

 

Am 16.10.2014 hat eine Archaeologengruppe aus Kretinga die Kapelle der Familie Tiscevicius untersucht.

Die Familie Tyskiewiz (polnisch), Tiscevicius (litauisch) ist ein polnisches Adelsgeschlecht ruthenischer Herkunft, ursprünglich aus dem Großfürstentum Litauen stammend (damals war Litauen wesentlich größer als heute).

Das Geschlecht führt einen Grafen-Titel, der vom polnischen König Sigismund II. August am 5. November 1569 dem Wassili Tyszkiewicz Kalenicki (Fürst zu Lohoisk und Berditchev - Woiwode von Smolensk) verliehen wurde.  Im Jahr 1902 wurde der Titel Graf für das gesamte Geschlecht der Tiskevicius vom russischen Zaren anerkannt. Die Tiscevicius Familie war eine der mächtigtsen und reichsten Familien in Litauen-Polen. Wassili, Sohn des Tyszka, war ein Urenkel von Monwid, dem ältesten Sohn des Großfürsten Gedeminas von Litauen (lt. Gotha).

In Litauen sind viele Schlösser von der Familie Tiskevicius gebaut worden (Astravas in Birzai, Herrenhaus in Kretinga, Herrenhaus Palanga (heute Bernsteinmuseum) und der dortige Landungssteg).

 Kapelle Tiscevicius Kretinga

Die Kapelle wurde 1893 von Aleksandras Tiskevicius (Sohn von Juozapas) gebaut, weist aber heute schwere bauliche Mängel auf. So gibt es weder Heizung noch Lüftung, weshalb sich starker Schimmel gebildet hat. Die Abdichtung gegen eindringendes Wasser im Bodenbereich ist eigentlich nicht vorhanden.

 

 Kapelle innen Kretinga

Kapelle innen vorher

 

Wegen nun anstehenden Renvovierungsarbeiten hat man sich entschlossen die Gräber genauer zu untersuchen. Bis heute war die Grabstätte von Graf Juozepas Tiskevicius (der das Herrenhaus und den Wintergarten in Kretinga gebaut hatte) nicht bekannt. In der Kapelle der Familie in Kretinga hatte man in Särgen die Überreste von Kazimieras und Jadvyfa Tiskeviciai (+1941) gefunden. Nun untersuchte man den Boden der Kapelle, ob es da eventuell eine Krypta gab.

Kapelle Kretinga

Podeste wurden geöffnet

 

Die Särge standen auf Podesten, die die Forscher nun genauer untersuchen wollten. Man bohrte Löcher und konnte so den Inhalt sehen. Man beschloss die Fundamente aufzustemmen und sich den Inhalt genauer anzuschauen. Man fand vier aufwendig dekorierte Metallsarkophage. Drei Sarkophage wiesen Aufbruchspuren auf und waren schon geplündert. Der vierte, unversehrte Sarkophag, enthielt eine unbekannte Frau, leider arm, da keine Grabbeigaben gefunden wurden.

 Untersuchung der Sarkophage Kretinga

Untersuchung

 

In einem Sarkophag fand man die Überreste von Juozapas Tiskievicius (mit einem Orden aus Silber und seinem Säbel), in einem anderen die seiner Frau Sofija mit ihrem Hochzeitsring (+1919). Im dritten Sarkophag lag die Enkelin von J. und S. Tiskevicius, Marija, die im Alter von fünf Jahren gestorben ist. 

 Grabbeilagen Tiskevicius Kretinga

Grabbeigaben: hier der Säbel von Josef Tiskevicius

 

Die Sarkophage wurden ins Museum von Kretinga gebracht und werden weiter untersucht, repariert und später in der Kapelle ausgestellt.

 

Kapelle Sarkophag Kretinga 

 Metall Sarkophage

 

Archaeologen Kretinga Kapelle

Die Archaeologen vor der Kapelle

 

Fotos Jolanta Klietkute http://www.polia.info/

Informationen: Denisas Nikitenka

Nikitenka ist Journalist bei Lietuvos Zinios

 

 

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Ich durfte Herrn Melamed zusammen mit meinem Schwager, der aus dem Litauischen übersetzte, im Sommer 2011 besuchen.

sheftel melamed mit tochter bei Astravas

Sheftel Melamed mit Tochter Leta Vainoriene bei einer Gedenkfeier an der Astravas Gedenkstätte in Birzai (rechts A. Saibutis)

 

Herr Melamed gilt heute als einziger Jude Birzais. Der rüstige 85-jährige berichtete uns im Gespräch, wie er die deutsche Besetzung Litauens überlebte.

Als die Operation Barbarossa am 22. Juni 1941 begann, dauerte es nur wenige Tage, bis Litauen (das bis dahin von der Sowjetunion besetzt war) komplett von der Wehrmacht besetzt war.

Der deutsche Angriff wurde mit Aktionen der LAF (Litauische Aktivisten Front) vom ehemaligen litauischen Militärattache Kazys Skyrpa koordiniert. Die LAF griff die Rote Armee an und erschoss etliche flüchtende Rotarmisten. Das führte wiederum zu blutigen Gegenreaktionen. Deshalb ist der Aufstand der LAF insgesamt durchaus fragwürdig. Mehr zur LAF folgt in einem gesonderten Kapitel.

Melameds älterer Bruder diente in der Roten Armee. Als sie Hals über Kopf flüchteten, konnten sich die Brüder noch in Birzai verabschieden.

Dabei zog der Soldat seinen kleineren Bruder in den LKW. Die Flucht ging immer direkt an der deutschen Front, teilweise dahinter, entlang.

Während Melameds Bruder in der berühmten 16. litauischen Division der Roten Armee kämpfte, arbeitete der 16-jährige Sheftel in einer Fabrik.

Den Juden in Litauen war die Gefahr, die ihnen drohte, durch das Radio bewusst. Eingekeilt zwischen Teufel und Belzebub, hatten sie keine Chance den Deutschen zu entkommen. Entgegen der Propaganda waren nämlich bei weitem nicht alle Juden für die Sowjetunion.

Nach dem Krieg traf Melamed in Birzai Freunde, die den Krieg nur deshalb überlebt haben, weil sie vorher von den Sowjets nach Sibirien deportiert worden waren.

Wird fortgesetzt...

Litauen Holocaust

 

Der Stahlecker Report: Wie der Jäger Report ist auch der Stahlecker Bericht ein Zeugnis des deutschen Vernichtungskrieges im Osten. Stahlecker berichtet über die Tätigkeit seiner Einsatzgruppe A aus dem Baltikum an seine Vorgesetzten in Berlin. Deshalb berichten wir über ihn in der Rubrik Litauische Geschichte.

   Der Stahlecker Report

 

 

Zurueck

 

Kollaboration

 

 ... "das auch hunderte Litauer am Holocaust beteiligt waren".

 

Ist die Kollaboration, oder anders ausgedrückt, die Zusammenarbeit von Litauern mit Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion gleich verwerflich? Was waren die Gründe für die jeweilige Zuneigung zu den Diktaturen - Idealismus, Freiheitswille, Hass, Gier, Angst? Kann man beide Seiten verstehen? Kann man heute Verständnis haben für die Zusammenarbeit und Hilfe vieler Litauer mit  den Nazi Besatzern? Oder ...

 Juden Stalin Abkommen

Birzaier Juden begrüßen das Abkommen mit Stalin (Sela Museum Birzai  Propaganda ist nicht auszuschließen)

 

... für die Unterstützung für Stalin und den Kommunismus, dessen Verbrechen alleine in der Ukraine 1932 7-10 Millionen Menschen den Hungertod brachte? Ab 1940 wurden viele Litauer (wie überall im Baltikum, aber auch in allen anderen Teilen der Sowjetunion) in unwirtliche Gegenden Sibiriens deportiert. Überproportional viele Juden waren damals in den sowjetischen Sicherheitsorganen tätig. Aber es wurden auch überproportional viele litauischen Juden deportiert.

 

Der Autor dieser Zeilen wurde so sozialisiert, dass für ihn jegliche Zusammenarbeit mit den Nazis verwerflich war (und ist). Natürlich war nicht jeder Anhänger Hitlers ein Verbrecher.

Aber Nazis, SS und SA Leute, die schon von Anfang an Rassenhass und Herrenmenschentum lebten. Die — von der Richtigkeit überzeugt — die Invasion im Westen und Osten befürworteten, die bewußt Verbrechen begingen und diese Verbrechen als rassisch gerechtfertigt ansahen. Eben, weil die deutsche Rasse in ihren Augen höherwertiger war, als die slawische und jüdische.

Dagegen war für mich die Sowjetunion eine grausame Diktatur, mit ebenso vielen Toten wie unter Hitlers Regime (anfänglich sogar viel mehr, was Hitler 1941 aber schnell aufholte), die aber Nazi Deutschland besiegte und somit die Welt vor dem schlimmsten Irren, den man sich denken konnte, bewahrte (Hitler).

 

Ins Wanken kam dieses Weltbild im März 2018 bei einem Treffen von Litauern und Deutschen bei Bonn. Dort sprach der litauische Botschafter in Deutschland Darius Jonas Semaška ein kurzes Grußwort.

Anschließend fragte er in die Runde (2018 war das Jahr, in dem der litauische Partisan Adolfas Ramanauskas trotz litauischer und internationaler Proteste geehrt werden sollte), ob wir denn alle stolz auf die litauischen Partisanen seien.

Da ich gerade erst von einer Untersuchung gelesen hatte, die belegte, dass fast alle litauischen Partisanenführer in irgendeiner Form mit den Nazis kooperiert hatten, sagte ich das so in der Runde. "Stolz nur auf die, die nicht an Verbrechen der Nazis beteiligt waren". Womit nicht das austragen von Briefen gemeint ist. Und nicht nur eine direkte Beteiligung an der deutschen Judenvernichtung (die deutschen Sonderkommandos haben viele Einheimische — Partisanen oder Weißarmbändler genannt — als Helfer bei den Erschießungen eingesetzt) sondern militärische oder verwaltungstechnische Kooperation.

 

Jonas Noreika zum Beispiel, ein in Litauen hochgeachteter Partisan, geehrt mit öffentlichen Denkmälern und einer nach ihm benannten Schule, wurde nach Beginn der deutschen Besatzung 1941 Chef der litauischen Distriktverwaltung in Šiauliai. Er war dort u.a. für die Arisierung jüdischen Eigentums verantwortlich. Er setzte die Befehle der Deutschen in seinem Verwaltungsbereich um. Zum Beispiel den Bau von Gettos.
  

 

Sofort kam aus der versammelten Gruppe der Vorwurf, dann müsse man aber auch die Kooperation mit den Bolschewisten für ebenso verwerflich halten. Mal davon abgesehen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat (denn niemand (vernünftiges außerhalb Russlands) will heute für Stalinisten ein Denkmal errichten) und dieses Aufwiegen von Nazi- mit Sowjetischer Schuld ziemlich nervt, machte mich der Einwand sprachlos und ließ mich später darüber nachdenken, ob an dieser Gleichsetzung nicht vielleicht doch was dran ist.

 

Was wollte Botschafter Semaška eigentlich damit ausdrücken, als er auf meine Kritik an der Kollaboration mit den Nazis, mit ebensolcher Kritik über die Unterstützer von Stalins Sowjetunion antwortet? Warum sagt er nicht einfach ja, stimmt, Erschiessungen für die Nazis zu machen war unmoralisch, für die Nazi-Besatzer das Land und die Ghettos zu verwalten war auch unmoralisch (manchmal konnte man sich eben nicht entziehen). Der Antisemitismus mancher Partisanen und der LAF war ein Fehler und man bedaure das.

Nein, für solche Litauer möchte man keine Denkmäler

 

Stattdessen kommt dieses Totschlagargument, die Anderen waren ja genauso schlimm.

 

Ich kenne Botschafter Semaška  nicht näher und will ihm nichts unterstellen. Auf einer Gedenkveranstaltung in der Litauischen Botschaft in Berlin am 12. Juni 2019 sagte er laut Webseite der Botschaft in einer Rede, "das auch hunderte Litauer am Holocaust beteiligt waren".

Dazu ein Zitat von Ruta Vanagaite, die sich mit dem Thema Nazikollaboration in Litauen beschäftigt, von der Webseite des MDR:

Viele Litauer haben bei der Ermordung der Juden eifrig mitgeholfen. "20.000 Menschen waren als Wachleute und als Mitglieder von Erschießungskommandos daran beteiligt. 36.000 Menschen wirkten in der Verwaltung mit".

 

Kann man Geschichte wirklich so unterschiedlich sehen? 

 

Versuch einer vergleichenden Betrachtung von Anhängern der Bolschewisten und der Nationalsozialisten und ihre Motive (bezogen auf Litauen)

 

In Litauen benutzt man die Aufrechnung "du hast mir das angetan, dafür hast du anschließend die Quittung  bekommen", den sogenannten 'Doppelten Holocaust', als Rechtfertigung für die Beteiligung von Litauern am Holocaust. Tatsächlich gehen Historiker heute davon aus, das die meisten Juden in Litauen von ethnischen Litauern, die die Drecksarbeit für die Deutschen übernommen hatten, erschossen wurden. In den Verwaltungen gab es wenig Deutsche, denn die Arbeit (siehe oben Noreika) wurde gewissenhaft von Litauern erledigt. Erst als die Litauer das Nahen der Ostfront bemerkten, ihre Hoffnung auf einen unabhängigen Staat vollends gescheitert war und sie sich nicht von den Deutschen an der Front außerhalb Litauens verheizen lassen wollten, begann ihre Kooperation nachzulassen. 

Oder wie Raul Hilberg (in Vernichtung der europ. Juden) schrieb:

"Allmählich begriffen die einheimischen nichtjüdischen Zeugen des Vernichtungsprozesses die wahre Natur der deutschen Rassenleiter. Die unterste Sprosse war bereits beseitigt worden, und schon auf der nächsten Sprosse sassen sie selbst."

Wenn am Anfang der deutschen Besatzung die Registrierung von litauischen Juden durch die litauische Verwaltung noch reibungslos ablief, kam es 1944 zum Widerstand. Versuche der Deutschen, litauische SS-Verbände aufzustellen und die Litauische Heimatarmee (LTDF) auch außerhalb der Heimat einzusetzen, führte zum Widerstand der Litauer. Hochrangige Litauer wurden daraufhin zur Strafe ins KZ Stutthof verschleppt, Soldaten der LDTF erschossen. Unter den Verschleppten war der bisher willig kooperierende Jonas Noreika. Damit galt er als Widerständler gegen die Nazis.

 Denkmal der LTDF Soldaten

Denkmal für die erschossenen LTDF Soldaten in Paneriai

 

I. Die Nationalsozialistische Ideologie

 

Wir wissen alle nicht, auf welcher Seite wir damals gestanden hätten. Solche festlegenden Aussagen sind Quatsch. Vorwürfe an die Menschen, die damals dabei waren und Hitler zugejubelt haben, sollte man sich überlegen, da man seine eigene Position nicht kennt. Etwas anderes ist es, wenn man als gläubiger Nazi theoretisch und/oder praktisch an Hitlers Mordpolitik teilnahm.

Zu Hitlers Plänen steht bei Timothy Snyder in "Bloodlands":

"Der Holocaust überschattete deutsche Pläne, die zu noch größerem Blutvergießen geführt hätten. Hitler wollte nicht nur die Juden auslöschen; er wollte auch Polen und die Sowjetunion als Staaten vernichten, ihre Führungsschichten liquidieren und viele Millionen Slawen (Russen, Ukrainer, Weißrussen, Polen) umbringen. Wäre der Krieg gegen die UdSSR wie geplant gelaufen, so wären 30 Millionen Zivilisten im ersten Winter verhungert und danach viele weitere Millionen vertrieben, ermordet, assimiliert oder versklavt worden. Obwohl diese Pläne nie verwirklicht wurden, waren sie der gedankliche Rahmen für die deutsche Besatzungspolitik im Osten. Während des Krieges ermordeten die Deutschen ebenso viele Nichtjuden wie Juden, vor allem durch Verhungernlassen sowjetischer Kriegsgefangener (über drei Millionen) und der Einwohner belagerter Städte (über eine Millionen) oder durch die Erschießung von Zivilisten bei "Vergeltungsmaßnahmen" (fast eine Million, vor allem Weißrussen und Polen)."

Hitlers Hauptziel war die Vernichtung der europäischen Juden. Und nach den Juden waren die slawischen "Untermenschen" dran.

Auch wenn Hitler seine radikaleren Absichten verbarg: "Die katastrophalen Visionen waren von Anfang an im Nationalsozialismus angelegt." (T. Snyder)

Schon im Parteiprogramm der NSDAP von 1920 standen die Hauptpunkte, die Hitler mit seinem Krieg gegen die Sowjetunion durchsetzen wollte:


Das 25-Punkte-Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei

[vom 24. Februar 1920]

 

1. Wir fordern den Zusammenschluß aller Deutschen auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zu einem Groß-Deutschland.

3. Wir fordern Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses.

4. Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.

5. Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast in Deutschland leben können und muß unter Fremden-Gesetzgebung stehen.

6. Das Recht, über Führung und Gesetze des Staates zu bestimmen, darf nur dem Staatsbürger zustehen. Daher fordern wir, daß jedes öffentliche Amt, gleichgültig welcher Art, gleich ob im Reich, Land oder Gemeinde nur durch Staatsbürger bekleidet werden darf.
Wir bekämpfen die korrumpierende Parlamentswirtschaft einer Stellenbesetzung nur nach Parteigesichtspunkten ohne Rücksichtnahme auf Charakter und Fähigkeiten.

7. Wir fordern, daß sich der Staat verpflichtet, in erster Linie für die Erwerbs- und Lebensmöglichkeit der Bürger zu sorgen. Wenn es nicht möglich ist, die Gesamtbevölkerung des Staates zu ernähren, so sind die Angehörigen fremden Nationen (Nicht-Staatsbürger) aus dem Reiche auszuweisen.

8. Jede weitere Einwanderung Nicht-Deutscher ist zu verhindern. Wir fordern, daß alle Nicht-Deutschen, die seit 2. August 1914 in Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des Reiches gezwungen werden.

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Daher fordern wir:

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Brechung der Zinsknechtschaft!

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18. Wir fordern den rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemein-Interesse schädigen. Gemeine Volksverbrecher, Wucherer, Schieber usw. sind mit dem Tode zu bestrafen, ohne Rücksichtnahme auf Konfession und Rasse.

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23. Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen die bewußte politische Lüge und ihre Verbreitung durch die Presse. Um die Schaffung einer deutschen Presse zu ermöglichen, fordern wir, daß
a) sämtliche Schriftleiter und Mitarbeiter von Zeitungen, die in deutscher Sprache erscheinen, Volksgenossen sein müssen.
b) Nichtdeutsche Zeitungen zu ihrem Erscheinen der ausdrücklichen Genehmigung des Staates bedürfen. Sie dürfen nicht in deutscher Sprache gedruckt werden.
c) Jede finanzielle Beteiligung an deutschen Zeitungen oder deren Beeinflussung durch Nicht-Deutsche gesetzliche verboten wird und fordern als Strafe für Uebertretungen die Schließung einer solchen Zeitung sowie die sofortige Ausweisung der daran beteiligten Nicht-Deutschen aus dem Reich.
d) Zeitungen, die gegen das Gemeinwohl verstoßen, sind zu verbieten. Wir fordern den gesetzlichen Kampf gegen eine Kunst- und Literaturrichtung, die einen zersetzenden Einfluß auf unser Volksleben ausübt und die Schließung von Veranstaltungen, die gegen vorstehende Forderungen verstoßen.
24. Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen.
Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und ist überzeugt, daß eine dauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage:

Gemeinnutz vor Eigennutz

25. Zur Durchführung alles dessen fordern wir die Schaffung einer starken Zentralgewalt des Reiches. Unbedingte Autorität des politischen Zentralparlaments über das gesamte Reich und seine Organisationen im allgemeinen.

Soweit das Programm der NSDAP. Ziemlich aktuell. Und interessant, vom Moralgefühl der germanischen Rasse zu lesen.

 

Expliziter wird hier Daniel Goldhagen: 

1.    Der eliminatorische Antisemitismus war Dreh- und Angelpunkt seiner [Hitlers] Weitsicht, die er nicht nur in Mein Kampf immer wieder vertreten hat. Er war der Aspekt eines politischen Denkens und Handelns, den er am konsequentesten und leidenschaftlichsten verfolgt hat.
2.    Nach der Machtübernahme hielten sich Hitler und sein Regime an seine früheren Verlautbarungen. Sie setzten den eliminatorischen Antisemitismus in beispiellos radikale Maßnahmen um und führten sie mit unermüdlichem Eifer durch.
3.    Vor Kriegsausbruch verkündete Hitler seine Prophezeiung, ja sein Versprechen, das er im Laufe des Krieges mehrfach wiederholen sollte: Der Krieg würde ihm die Gelegenheit verschaffen, die europäischen Juden zu vernichten.
4.    Als der Augenblick gekommen und die Gelegenheit günstig war, verwirklichte Hitler seine Intention und ließ etwa sechs Millionenjuden ermorden.
Noch einmal: Der Genozid ging also nicht aus Hitlers Stimmungen, nicht aus örtlichen Initiativen oder aus unpersönlichen Strukturen hervor; er entsprang vielmehr Hitlers Ideal, den vermeintlichen jüdischen Einfluss zu beseitigen, ein Ideal, das in Deutschland weit verbreitet war. Selten hat ein Staatschef seine apokalyptischen Absichten so offen, so beständig und so emphatisch verkündet und sein Versprechen so buchstabengetreu erfüllt. Es ist bemerkenswert und beinahe unerklärlich, dass Hitlers Prophezeiung heute oft metaphorisch oder als leeres Gerede gedeutet wird. Hitler selbst betrachtete seine »Prophezeiung« vom 30. Januar 1939 als feste Absichtserklärung und hat dies wiederholt betont, als wollte er sicher gehen, dass niemand ihn missverstand. Statt sich über Hitlers Worte hinwegzusetzen, spricht alles dafür, Hitlers Verständnis seiner Intentionen und die Übereinstimmung zwischen den klar geäußerten Vernichtungsabsichten und der »vollbrachten« Tat ernst zu nehmen.
Vor Ausbruch des Krieges hatte Hitler zwei Gruppen benannt, die er im Kriegsfall vernichten würde: die Juden und die Erbkranken. Bereits 1935 teilte er dem Reichsärzteführer mit, daß er im Falle eines Krieges die »Euthanasiefragen aufgreifen und durchführen werde«. Dieser Gleichklang zwischen erklärter Absicht und späterem Handeln belegt - in beiden Fällen - nicht nur Hitlers Vernichtungswillen, sondern auch seine Geduld, den geeigneten Augenblick abzupassen, um ihn in die Tat umzusetzen. Wie ließe sich ein Vorsatz überzeugender beweisen?
Daniel Goldhagen "Hitlers willige Vollstrecker" S.199 3.

 

II. Die Kommunistische Ideologie

 

Die Anhänger Lenins hatten auch eine Vision. "Diese Vision, das angestrebte Endziel ihrer Revolution, war der Kommunismus. Es war die klassenlose Gesellschaft, geschaffen nach einer Transformationszeit der „Diktatur des Proletariats“, der Klasse der Arbeiter und mindestens in Russland der Bauern. Eine Gesellschaft der absoluten Gleichheit und, um mit Marx zu sprechen, das Ende der „Vorgeschichte“ der Menschheit. Von Russland aus, hofften Lenin und die Bolschewiki, würde das Signal zur Weltrevolution ausgehen." Der Tagesspiegel 7.11.2017

 

Und wieder ein Zitat von Timothy Snyder in "Bloodlands":

"Unter den Revolutionären ... herrschte der Traum, das Blutvergießen könne weitere radikale Veränderungen rechtfertigen, die dem Krieg eine Bedeutung geben und seinen Schaden wettmachen würden. Die wichtigste politische Vision war die kommunistische Utopie. Bei Kriegsende war es 70 Jahre her, dass Karl Marx und Friedrich Engels ihre berühmtesten Zeilen geschrieben hatten: "Proletarier aller Länder vereinigt euch!" 1.

Der Marxismus hatte Generationen von revolutionären durch eine Vision politischer und moralischer Umwälzung inspiriert: ein Ende des Kapitalismus und der Konflikte, die der Privatbesitz mit sich zu bringen schien, und ihre Ersetzung durch einen Sozialismus, der die arbeitenden Massen befreien und die gesamte Menschheit seelisch erneuern würde."

Intellektuelle weltweit folgten der Linie Stalins. Sie glaubten an eine "Vision einer vernunftgetragenen, gebildeten und wissenschaftlichen Gesellschaft, die auf der besten Ausnützung aller Kräfte und der stetigen Verbesserung ... der menschlichen Natur beruht, so wie sie objektiven, vorurteilslosen Geistern vorschwebte.". 2.

 

Viele westliche Intellektuelle pendelten in die Sowjetunion. George Bernhard Shaw sah das "Land der Hoffnung" (obwohl die Schauprozesse schon begonnen hatten), der spätere französische Literaturnobelpreisträger Andre Gide meinte "Ich möchte meine Liebe zu Russland in die Welt hinausschreien, ich möchte, daß mein Ruf gehört wird und Bedeutung hat."

Heinrich Mann schrieb: "Zu wissen, daß es einen solchen Staat gibt, macht mich glücklich." Die grauenhaften Moskauer Prozesse sahen manche noch als die "Intellektualität der Revolution" an. Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Romain Roland, Frederic und Irene Joliot-Curie, Jean Paul Sartre, Paul Langevin, Sean O'Casey, Stephen Spender, Theodor Dreiser, Upton Sinclair, John Dos Passos, Lois Fischer, J. Robert Oppenheim, Bert Brecht, Cecil Day Lewis waren nie Mitglied der Kommunistischen Partei. Aber sie sympathisierten, trotz Terrors, mit der Sowjetunion. 2.

 

Jean-Paul Sartre leugnete die Existenz der sowjetischen Gulags und meinte nach einer Reise in die UdSSR tatsächlich, dass dort Redefreiheit herrschte. 4. 

Und der französische Philosoph Michael Focault brachte die westliche intellektuelle Nachsicht mit Stalin auf den Punkt: "Das Proletariat führt nicht Krieg gegen die herrschende Klasse, weil es diesen Krieg als gerecht ansieht. Das Proletariat führt den Krieg gegen die herrschende Klasse, da es zum ersten Mal im Laufe der Geschichte die Macht ergreifen will. Hat das Proletariat einmal die Macht ergriffen, so ist es durchaus möglich, daß es über die Klassen, über die es triumphiert hat, eine gewaltsame, diktatorische und sogar blutige Macht ausübt. Ich wüsste nicht, was dagegen einzuwenden wäre."  4.

Stephan Hermlin distanziert sich sogar in den 1980er Jahren nicht von seinen Gedichten, die er aus Bewunderung an Stalin in den 1950er Jahren schrieb.

Viele dieser linken Intellektuellen, früher und heute, sehen irgendwo im Kommunismus eine philosophische Kultur, ein faszinierendes theoretisches System, eine Überwindung der menschlichen (kapitalistischen) Fesseln. Ein Ideal. 4. Kollateralschäden nimmt man dafür in Kauf.

  

"Das sowjetische Programm wurde im Namen universaler Prinzipien durchgeführt; der nationalsozialistische Plan war eine gewaltige Eroberung zum Nutzen einer Herrenrasse." Snyder S. 40

 

Die Konsequenzen für die Menschen in beiden Systemen waren gleich.

 

Vor diesem Hintergrund zurück nach Litauen. Das Land war nach der 3. Polnischen Teilung 1791 von Russland besetzt und bekam seine Freiheit erst 1918 wieder. Während die litauische Landbevölkerung weiter litauisch sprach, die Vilniuser Polen polnisch, lernten die litauischen Juden russisch.

Die Gründe, warum überproportional viele Juden für die Sowjets bei ihrem Einmarsch 1940 arbeiteten, sind vielfältig. Sie konnten russisch, durften in der litauischen Republik nicht in öffentlichen Ämter tätig sein, viele Juden werden die Gefahr durch die Deutschen wahr genommen haben und, wie wir bei den westlichen Intellektuellen gesehen haben, verlockt der Sozialismus mit der Theorie auf eine bessere Welt. Späne wurden beim Hobeln akzeptiert.

 

Lange Rede, kurzer Sinn: Auch wenn der Horror für die Menschen durch Stalin (betroffen war die gesamte Sowjetunion) und Hitler (betroffen waren die deutschen Juden, Behinderte, Andersdenkende und besonders die Juden und Slawen der besetzten Gebiete) ähnlich waren, erscheint mir angesichts des Holocaust die Kollaboration mit den Nazis als besonders verwerflich.

 

Der Hinweis von Botschafter Semaška, die Kommunisten waren genauso schlimm wie die Nazis, hinterlässt deshalb einen üblen Beigeschmack. 

 

Susanne Hennig-Wellsow, Thüringer Landeschefin der Linken, beglückwünscht den FDP Politiker Kemmerich für die Kooperation mit der Höcke AfD

 

Gibt es einen Unterschied zwischen der litauischen Kollaboration mit Stalin und Hitler? Wie unterscheidet sich moralisch das Engagement der Menschen für die Nazis und für Stalins (Nachfolge-) Organisationen?

Schreiben Sie mir Ihre Meinung!

 

1. "Bloodlands" Timothy Snyder

2. "Anatomie des Mitläufers" R. Lucas

3. "Hitlers willige Vollstrecker" D. Goldhagen

4. "Stalin und seine intellektuellen Bewunderer" Rainer Zitelmann

 

 

 

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Die Mörder werden noch gebraucht, ein Bericht von Leonid Olschwang (Spiegel Nr.17/1984)

In Plunge (liegt auf dem Weg von Klaipeda nach Siauliai ) waren 2000 von den 7000 Einwohnern jüdischen Glaubens. Noch bevor 1941 die Deutschen einrückten, ermordeten litauische Hiwis 70 ihrer jüdischen Mitbürger...............zum Bericht

LAF und der litauische Holocaust

Die LAF- Lietuvos Aktyvistu Frontas (Litauische Aktivisten Front) war eine litauische Partisanengruppe die 1940 bis 1941 in Litauen aktiv war.

 

Sie nannten sich "Partisanen - Befreier Litauens". Durch ihre weißen Armbinden wurden sie von der Bevölkerung auch "Weißarmbändler" genannt.

Das einheimische Personal für die deutschen Einsatzkommandos bestand meist aus "Partisanen"

Adolfas Ramanauskas ... Aufstand 1941

Deutsche Übersetzung

Adolfas Ramanauskas Vanagas Litauen

Litauen feiert im Jahre 2018 stolz seine 100-jährige Unabhängigkeit, die es 1918 am Ende des 1. Weltkrieges erklärte.

Das litauische Parlament hat trotz hitziger Diskussion — in Litauen und internationalen Medien — entschieden, das Jahr 2018 mit der Ehrung eines litauischen Idols zu feiern.

Adolfas Ramanauskas (Kampfname "Vanagas" = Habicht), war ein litauischer Partisanenführer bei den Waldbrüdern. Waldbrüder waren Litauer, die sich 1944 in die Wälder zurückgezogen hatten, um gegen die sowjetische Besatzung zu kämpfen.

Übersetzt aus dem Englischen von Christine Bombeck (vielen Dank!)

Waldbrüder - Kampf um Litauen

Nach der neuerlichen Besetzung Litauens durch die "Rote Armee", zogen sich viele Männer in die dichten litauischen Wälder zurück. In der Hoffnung mit alliierter Hilfe die russische Besatzung schnell zu beenden, kam es zur Gründung kämpfender Verbände, zuerst aus den Reihen der "LAF". Diese Gruppen werden im Volksmund "Waldbrüder" genannt. Anfangs waren noch versprengte deutsche Soldaten dabei. Von Ruth Leiserowitz.

Adolfas Ramanauskas ... Aufstand 1941

Evaldas Balciunas

Englischer Text

Litauen feiert im Jahre 2018 stolz seine 100-jährige Unabhängigkeit, die es 1918 am Ende des 1. Weltkrieges erklärte.

Dieser Artikel auf Englisch von Evaldas Balčiūnas erschien zuerst auf der Webseite "Defending History" von Dovid Katz in Vilnius. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Das litauische Parlament hat trotz hitziger Diskussion — in Litauen und internationalen Medien — entschieden, das Jahr 2018 mit der Ehrung eines litauischen Idols zu feiern.

Adolfas Ramanauskas Kampfname "Vanagas" (Habicht), war ein litauischer Partisanenführer bei den Waldbrüdern. Waldbrüder waren Litauer, die sich 1944 in die Wälder zurückgezogen hatten um gegen die sowjetische Besatzung zu kämpfen.

Juozas Lukša – Partisanen

 Partisanen Juozas Luksa

Baltische Bibliothek im BaltArt Verlag, übersetzt aus dem Litauischen von Markus Roduner, erschienen am 1. August 2010.

Anhand des Buches von Juozas Luksa, der im Pariser Exil sein romantisierendes  Buch über die litauischen Partisanen (Waldbrüder) schrieb, möchten wir hier die Diskrepanz zwischen eigener litauischer Wahnehmung und vermeintlicher Wahrheit über den litauischen Widerstand untersuchen.

Partisanen

Hier werden alle Beiträge eingestellt, die mit den litauischen Partisanen der Jahre 1941 bis 1958 zu tun haben. Es gibt keine chronologische Reihenfolge. Die Beiträge sind eher zufällig. Neueste und zeitaktuelle Beiträge stehen immer oben.

Hinweise, Berichtigungen und Beteiligung sind immer gerne gesehen.

 

 

Quellennachweise 

Vermutlich ist die innere Einstellung, ob die litauischen Juden zu Litauen gehörten oder nicht, die wichtigste Unterscheidung, wie heute Litauer ihre Geschichte in den Jahren 1940 bis 1945 sehen. Darüber kann man ja mit seinen litauischen Freunden sprechen.

Warum diese Quellennachweise? Weil der Autor dieser Webseite immer vergisst, woher er seine Informationen hat.

Wichtig ist immer die wahren Täter nicht zu vergessen, uns Deutsche! Dies ist eine Webseite über Litauen. Wir beschäftigen uns mit einem sehr kleinen Teil der Welt aber einem wichtigen Geschehen der Weltgeschichte.

Deshalb ist folgender Satz aus dem Buch "The Lithuanian Slaughter of its Jews" sehr wichtig:

"On the other side, there were Lithuanians who were honest, and who risked their own lives and the lives of their family members to help Jews. ... Moreover, it is important to recognize that contemporary Lithuanians are not guilty of the crimes of earlier generations."

Auf alles-ueber-litauen.de wird mehrfach behauptet, dass viele der Morde an litauischen Juden von ethnischen Litauern selber begangen worden sind. Nicht um die Schuld des Holocaust von Deutschland abzuschieben. Deutschland ist der Initiator und die treibende Kraft für die Judenvernichtung in den deutschen Einflußgebieten 1941-1945 gewesen. Ohne Hitlers Deutschland hätte es keine Judenvernichtung in dem erlebten Ausmass gegeben.

Ich sehe nichts schlimmes darin, die tatsächlichen Verhältnisse, hier die in Litauen, zu schildern wie sie waren. Gerne korrigiere ich meine Aussagen, wenn etwas falsch geschrieben wurde. Dann bitte über das Kontaktformular melden.

Zitate aus dem Buch Musiskiai (Our People) von Ruta Vanagaite und Efraim Zuroff

Rollkommando Hamann und die litauischen Hilfskräfte

Zvi Gitelmann "Bitter Legacy"

Lithuanian Slaughter of its Jews

Christoph Dieckmann "Deutsche Besatzungspolitik in Litauen"

Alles was mit den Partisanen 1941 und spaeter zu tun hat.

Sammelplatz für alle möglichen litauischen Quellen zur Geschichte